gegen Gordon , sondern der Gedanke , daß die Furcht vor ihm , dem Manne der Determiniertheiten , nicht abschreckender gewirkt hatte . Gefürchtet zu sein , einzuschüchtern , die Superiorität , die der Mut gibt , in jedem Augenblicke fühlbar zu machen , das war recht eigentlich seine Passion . Und dieser Durchschnitts-Gordon , dieser verflossene preußische Pionier-Lieutenant , dieser Kabelmann und internationale Drahtzieher , der hatte geglaubt , über ihn weg sein Spiel spielen zu können . Dieser Anmaßliche ... Cécile las in seiner Seele , und Angst und Sorge vor dem , was jetzt mutmaßlich kommen mußte , befiel sie . Sie nahm deshalb seine Hand , mit der er auf dem Tischtuch in nervöser Unruhe hin und her fuhr , und sagte : » Pierre , versprich mir eins . « » Was ? « » ... Dich nicht zu Gewaltsamkeiten fortreißen zu lassen . Alles , was geschehen ist , ist natürlich und , weil natürlich , auch verzeihlich . Es ist keine Beleidigung darin , wenigstens keine gewollte Beleidigung . « » Ich werde nicht mehr tun als nötig , aber auch nicht weniger . An dieser Zusage mußt du dir genügen lassen . « Bei diesen Worten erhob er sich von seinem Platze , ging in sein Arbeitszimmer und nahm hier , wie wenn er vorhabe , sich ' s bequem zu machen , zunächst eine Zigarre . Dann schritt er ein paarmal auf dem türkischen Teppich auf und ab , setzte sich an seinen Schreibtisch und malte langsam und mit sorglicher Handschrift die Adresse : » Sr. Hochwohlgeboren , Herrn von Leslie-Gordon ... « » Aber wo ? « unterbrach er sich , während er auf einen Augenblick die Feder wieder aus der Hand legte . » Nun , er wird sich ja finden lassen ... Wozu haben wir Zeitungen und die Rubrik Angekommene Fremde . Unterschlagen wird er sich doch nicht haben . « Und nun schob er das Couvert zurück , nahm einen Briefbogen mit Wappen und Initiale und schrieb . » Über den Doppelbesuch , den Sie , mein Herr von Gordon , gestern abend der Frau von St. Arnaud erst in der Loge , dann in der Wohnung derselben abgestattet haben , bin ich unterrichtet worden , übrigens nicht durch Frau v. St. Arnaud selbst , die vielmehr - wie mir gestattet sein mag , in pflichtschuldiger Berücksichtigung Ihrer Gefühle hinzuzusetzen - in einem eben mit mir gehabten Gespräche nicht Ihre Anklägerin , sondern Ihre Verteidigerin gemacht hat . Aber gerade diese Verteidigung richtet Sie . Daß Sie , mein Herr von Gordon , unmittelbar vor Ihrer Abreise von Berlin , einen Ton angeschlagen und ein Spiel gespielt haben , das Sie besser nicht gespielt hätten , verzeih ich Ihnen . Ich finde mich darin zurecht , denn ich kenne die Welt . Daß Sie dies Spiel aber trotz Abmahnung und Bitte wiederholten , und vor allem , wie Sie ' s wiederholten , das , mein Herr von Gordon , ist unverzeihlich . Frau von St. Arnaud , als sie rückhaltlos ihr Herz vor Ihnen offenbarte , begab sich dadurch in Ihren Schutz , und einer Frau diesen Schutz zu versagen ist unritterlich und ehrlos . Dies habe ich Ihnen , mein Herr v. Gordon , aussprechen wollen und gewärtige durch General v. Rossow das Weitere . v. St. Arnaud « Achtundzwanzigstes Kapitel Gordon saß in dem Glaspavillon des Hotels , als St. Arnauds Brief eintraf . Er las und verzog keine Miene . Daß sich etwas der Art vorbereiten würde , war ihm von dem Augenblick an wahrscheinlich , wo der Geheimrat , um in den Club zu gehen , den Salon Céciles verlassen hatte . Das Wahrscheinliche war nun da . Nichts von Furcht überkam ihn , und wenn etwas davon ihn angewandelt hätte , so würd ihn der unendlich hochmütige Ton des Briefes dieser Anwandlung rasch wieder entrissen haben . War er doch selber ein Trotzkopf und von einem Selbstgefühle , das dem seines Gegners unter Umständen die Spitze bieten konnte . » Gemach , mein Herr Oberst ; Sie halten nicht vor Ihrer Front , und ich bin nicht Ihr jüngster Lieutenant . Oder glauben Sie , daß ich devotest um Entschuldigung bitten und mich vor Ihnen klein machen soll , bloß weil Sie das Totschießen als Geschäft betreiben . Sie täuschen sich . Ich hab auch eine feste Hand und den ersten Schuß dazu , wenn die Gesetze der Ehre noch dieselben sind . Der Ehre . Was sich nicht alles so nennt ! Nun , sei ' s drum ... Aber wen schick ich an Rossow ? Ich werde nach der Villa hinausfahren ... Der Bruder der jungen Frau ... « Die Dinge regelten sich in der Tat innerhalb weniger Stunden , und weil beiden Parteien daran lag , allerlei Weiterungen und Hemmnisse vermieden zu sehen , wie sie nicht wohl ausbleiben konnten , wenn Cécile davon erfuhr , so kam man überein , an demselben Abende noch den Dresdner Schnellzug benutzen und am andern Morgen , in einem in der Nähe des Großen Gartens gelegenen Wäldchen , den Handel ausfechten zu wollen . Cécile , so gut sie St. Arnauds ungestümen Charakter kannte , gewärtigte keinen unmittelbaren Zusammenstoß und war deshalb nur verstimmt , aber nicht eigentlich geängstigt , als sie den andern Morgen hörte , der Oberst , dessen Unregelmäßigkeiten sie kannte , sei tags vorher nicht nach Hause gekommen . » Er ist der Mann der Exzentrizitäten . Was wird vorgekommen sein ? Ein Sport , eine Clublaune , vielleicht ein Wettritt neben dem Eisenbahnzuge her . Und dann Nachtquartier in einer Dorfschenke mit der Devise : Je schlechter , je besser . « Sie nahm ein Buch zur Hand und versuchte zu lesen . Aber es ging nicht , und als auch ein Gespräch mit dem Papagei versagte , zog sie sich in ihr Schlafzimmer zurück , um hier früher als sonst Toilette zu machen . » Ich will zu Rosa . Freilich am Ende der Welt . Aber seit Wochen hab ich ihr einen Besuch versprochen , und ich sehne mich nach einem guten Menschen . « In ihrem Schlafzimmer war ein eleganter Kamin , vor dem die Jungfer sich eben beschäftigte . Diese warf Kohlen und Tannäpfel auf und suchte mit einem kleinen Blasebalg das halb ausgegangene Feuer wieder anzufachen . » Ah , das ist gut , Marie . Mach es uns warm : ich friere . Du könntest mir noch den Shawl bringen . « Während dieser Worte ging draußen die Klingel , und Cécile hörte , wie des Obersten Diener ein längeres Gespräch hatte . » Sieh , was es ist . « Marie ging und kam mit einem Briefe zurück , der eben abgegeben war . Er trug nur die Aufschrift : » Frau von St. Arnaud , Hafenplatz 7a . « Und Cécile sah , daß es Gordons Handschrift war . » Geh , Marie ... nein , bleib . « Und mit zitternder Hand riß sie das Couvert auf und las . » Verzeihung , gnädigste Frau , Verzeihung , liebe Freundin . Ich hatte wohl unrecht , nein , ich hatte gewiß unrecht . Aber der Sinn war mir gestört , und so kam es , wie es kam . Ein berühmter Weiser , ich weiß nicht , alter oder neuer Zeit , soll einmal gesagt haben , wir glaubten und vertrauten nicht genug , und das sei der Quell all unsres Unglücks und Elends . Und ich fühle jetzt , daß er recht hat . Ich hätte , statt Zweifel zu hegen und Eifersucht großzuziehen , Ihnen vertrauen und der Stimme meines Herzens rückhaltslos gehorchen sollen . Daß ich es unterließ , ist meine Schuld . Ich werde Sie nicht wiedersehen , nie , was auch kommen mag . Sehen Sie mich allezeit so , wie ich war , ehe die Trübung kam . Immer der Ihre . Wieder ganz der Ihre . v. G. « Das Blatt entglitt ihrer Hand , und ein heftiges Schluchzen folgte . Marie sprang herzu , ließ die halb Ohnmächtige in den Fauteuil nieder und griff nach dem Kölnischen Wasser , das auf dem Kaminsims stand . Aber Cécile richtete sich mit Anstrengung wieder auf und sagte : » Laß . Es geht vorüber . Weißt du , Marie ... Herr von Gordon ... « » Jesus Maria , gnädige Frau ... « » Da . Lies . Das sind seine letzten Worte . « Und die Jungfer bückte sich nach dem auf den Kaminteppich gefallenen Brief , um ihn Cécile zurückzugeben . Aber diese schüttelte nur den Kopf und sagte , während sie nach der Konsoluhr zeigte : » Merk die Minute ... Er ist erschossen ... jetzt . « Neunundzwanzigstes Kapitel Am andern Morgen brachten alle Zeitungen folgende gleichlautende Notiz : » Wie wir aus Dresden erfahren , hat gestern um neun Uhr früh , in Nähe des Großen Gartens , ein Duell zwischen dem Obersten a. D. von St. Arnaud und dem früher ebenfalls der preußischen Armee zugehörigen Zivilingenieur von Leslie-Gordon stattgefunden . Herr von Leslie-Gordon fiel , während von St. Arnaud nur leicht an der linken Seite verwundet wurde . Herr von Gordon wird , einer letztwilligen Verfügung entsprechend , nach Liegnitz , wo zwei seiner Schwestern leben , übergeführt werden . Herr von St. Arnaud hat Sachsen unmittelbar nach dem Rencontre verlassen . Über die Veranlassung zu dem Duell verlautet nichts Bestimmtes , da die Sekundanten jede Auskunft verweigern . « Vier Tage danach traf unter der Adresse der Frau von St. Arnaud nachstehender Brief in Berlin ein : » Mentone , den 4. Dezember Meine liebe Cécile ! Was geschehen ist , wirst Du mittlerweile durch Rossow erfahren haben , und über meinen persönlichen Verbleib gibt Dir der Poststempel Auskunft . Ich habe hier im Hotel Bauer ( es findet sich überall dieser Name ) Wohnung genommen und genieße der Ruhe nach all den Vorkommnissen und unruhigen Bewegungen der nun zurückliegenden Woche . Selbst von einer gewissen Herzensbewegung darf ich sprechen , zu der ich mich , Dir gegenüber , gern bekenne . Der Ausgang der Sache machte doch einen Eindruck auf mich , und so bot ich ihm die Hand zur Versöhnung . Aber er wies sie zurück . Eine Minute später war er nicht mehr . Ich hoffe , daß Du das Geschehene nimmst , wie ' s genommen werden muß . Tu l ' as voulu , George Dandin . Sein Benehmen war ein Affront gegen Dich und mich , und er hätte mich besser kennen müssen . Übrigens bin ich seinem Mute Gerechtigkeit schuldig und mehr noch seiner unsentimentalen Entschlossenheit , die mir beinah imponiert hat . Denn er wollte mich treffen , und seine Kugel , die mir die Rippen streifte , ging nur zwei Finger breit zu weit rechts . Sonst war ich da , wo er jetzt ist . Daß Du mit ein paar Herzensfasern an ihm hingst , weiß ich und war mir recht - eine junge Frau braucht dergleichen . Aber nimm das Ganze nicht tragischer als nötig , die Welt ist kein Treibhaus für überzarte Gefühle . Daß ich mich den Langweiligkeiten einer abermaligen Prozessierung entzogen habe , wirst Du natürlich finden . Ich werde mit nächstem sechzig und fühle keinen Beruf in mir , abermals ein Jahr lang ( oder vielleicht noch länger ) um den Julius-Turm spazierenzugehen . So zog ich denn die Riviera vor . Empfiehl mich Rossow . Er hat sich in der ganzen Affaire brillant benommen und teilte nach seinen Verhandlungen mit Gordon ganz meine Meinung über diesen . Gordon täuschte durch glatte Formen ; anfangs auch mich . Im Grunde seines Herzens war er hochmütig und eingebildet , wie die meisten dieser Herren . Er überschätzte sich , weil ihm das Weltfahren zu Kopfe gestiegen war , und mißachtete die gesellschaftlichen Scheidungen , die wir , diesseits des großen Wassers , vorläufig wenigstens noch haben . Wenn Deine Gesundheit es zuläßt , erwart ich Dich spätestens in nächster Woche . Die Luft hier ist entzückend , keine Spur von Winter , alles noch in Blüte oder schon wieder in Blüte . Komm also . Der Pflicht der Abschiedsbesuche sind wir ja Gott sei Dank überhoben ; jede Situation hat ihre Meriten . Im übrigen wird es gut sein , wenn Dich Marie begleitet , die hier , was ihr den Abschied von Fritz vielleicht erleichtert , das Katholische näher und bequemer hat als in Berlin . Au revoir , Dein St. Arnaud « Drei Tage nach Eintreffen dieses Briefes richtete der Hofprediger Dörffel das folgende Schreiben an den Obersten von St. Arnaud : » Mein Herr Oberst . Es liegt mir die Pflicht ob , Sie von dem am 4. dieses erfolgten Ableben Ihrer Gemahlin in Kenntnis zu setzen und mich dabei der mir seitens derselben gewordenen schriftlichen Aufträge zu entledigen . Ich bitte , zunächst chronologisch berichten zu dürfen . Ihre Frau Gemahlin war schwer leidend seit dem Tage , wo die Zeitungsnachricht eintraf ; sie wollte niemand sehen , folgte widerwillig den Anordnungen des Arztes und sah von den Bekannten nur Fräulein Rosa und mich . Ich sprach täglich vor , in der Regel in den Mittagsstunden . Vorgestern , bei meinem Erscheinen , fand ich die Jungfer in Tränen und erfuhr , die gnädige Frau sei tot . Als ich in das Zimmer trat , sah ich , was geschehen . Frau v. St. Arnaud lag auf dem Sofa , ein Batisttuch über Kinn und Mund . Es war mir nicht zweifelhaft , auf welche Weise sie sich den Tod gegeben ; ihre Linke hielt das kleine Kreuz mit dem Christuskopf , das sie beständig trug . Der Ausdruck ihrer Züge war der Ausdruck derer , die dieser Zeitlichkeit müde sind . Auf dem Tisch neben ihr lag ihr Gebetbuch , in das sie , zusammengeknifft und nach Art eines Lesezeichens , einen an mich adressierten Brief gelegt hatte . Dieser Brief , das Beichtgeheimnis eines demütigen Herzens , ist mir unendlich wertvoll , weshalb ich bitte , den Inhalt desselben Ihnen , mein Herr Oberst , nur abschriftlich und nur in seinem sachlichen Teile mitteilen zu dürfen . Es heißt in diesem Letzten Willen : Ich wünsche nach Cyrillenort übergeführt und auf dem dortigen Gemeindekirchhofe , zur Linken der fürstlichen Grabkapelle , beigesetzt zu werden . Ich will der Stelle wenigstens nahe sein , wo die ruhen , die in reichem Maße mir das gaben , was mir die Welt verweigerte : Liebe und Freundschaft und um der Liebe willen auch Achtung ... Vornehmheit und Herzensgüte sind nicht alles , aber sie sind viel . Mein Vermögen erhält meine Mutter , mein Gut St. Arnaud . Nach seinem Tode fällt es an die fürstliche Familie zurück . Über die Dinge , die mich täglich umgaben , bitt ich St. Arnaud , Verfügung treffen zu wollen , und bestimme meinerseits nur noch , daß die Konsoluhr und der türkische Shawl an Marie , das Gebetbuch mit den Aquarellinitialen an Rosa , das Opalkreuz aber , das mir beistehen soll bis zuletzt , an Sie , mein väterlicher Freund , fallen soll . Ihre hundertfach erprobte Milde wird nicht Anstoß daran nehmen , daß es ein katholisches Kreuz ist , und auch daran nicht , daß ich , eine Konvertitin , meine letzten Gebete an eben dies Kreuz und aus einem katholischen Herzen heraus gerichtet habe . Jede Kirche hat reiche Gaben , und auch der Ihrigen verdank ich viel ; die aber , darin ich geboren und großgezogen wurde , macht uns das Sterben leichter und bettet uns sanfter . So , mein Herr Oberst , die Bestimmungen der gnädigen Frau , denen ich meinerseits nur noch hinzuzufügen habe , daß in Gemäßheit derselben verfahren werden und heute nacht noch , und zwar von mir persönlich begleitet , der Kondukt nach Cyrillenort stattfinden wird . Dort werden wir die Tote morgen um die zehnte Stunde zur Ruhe bestatten . Die Vorbereitungen dazu sind bereits getroffen . Der Friede Gottes aber , der über alle Vernunft ist , sei mit uns allen . «