sollen , das begriff sie jetzt unter dem lachenden Tageshimmel noch viel weniger , als in der Nacht , da der Papa so wunderlich gesprochen ... Hier oben in den Lüften wehte ein ziemlich starker Zugwind , der dem jungen Mädchen das Haar aufflattern machte . Sie zog einen kleinen , schwarzen Spitzenshawl aus der Tasche , band ihn über den Kopf und wollte eben die Speicherräume entlang schreiten , als ein lautes Aufkreischen von Frauenstimmen aus den offenen Küchenfenstern ihren Schritt hemmte ... Kein Gesicht zeigte sich an den Fenstern , wohl aber stürzte in diesem Augenblick der Kutscher in den Hof und rannte nach den Ställen , und verschiedene andere Menschen , die nicht in das Haus gehörten , liefen mit . Die Arbeiter sprangen von dem Trümmerhaufen , und im Nu drängte sich inmitten des Hofes ein Menschenknäuel um einen Bauer , der mit fliegendem Atem und so scheuer , gedämpfter Stimme sprach , als fürchte er , es könne ein Widerhall von den Mauern laut werden . » Hinter dem Dambacher Hölzchen , « klang es wie verloren herauf , und » hinter dem Dambacher Hölzchen haben sie ihn gefunden , « sagte plötzlich eine Stimme dicht an der halb offenen Thüre des nächsten Bodenraumes . Es war ein Lehrjunge , der von unten heraufkam . » Sein Pferd ist an einen Baum angebunden gewesen , « berichtete er atemlos weiter , » und er hat auf dem Moose gelegen - die Marktweiber haben gedacht , er schliefe . Nun haben sie ihn wieder in die Fabrik geschafft . Solch ein reicher Mann wie der , hat viele hundert Fabrikleute unter sich und Kutscher und Bedienten , und hat doch so allein - « Er verstummte erschrocken , vor dem entgeisterten Mädchenantlitz unter dem schwarzen Spitzentuch , vor den großen , entsetzten Augen und der schlanken Gestalt , die mit schlaff herabhängenden Armen wie nachtwandelnd an ihm und den Gesellen vorüberschritt . Sie fragte nicht : » Ist er tot ? « Diese erblaßten Lippen waren wie im Krampfe geschlossen . Stumm glitt sie von Thür zu Thür , die Treppe des Packhauses hinab , und durch das offene Thor auf die Straße hinaus . Und nun ging es eilenden Fußes durch die abgelegenen , menschenstillen Gassen , denselben Weg , auf welchem sie einst aus Furcht vor dem Institut davongelaufen war ... Ein erinnernder Gedanke an damals kam ihr freilich nicht ; sie schritt auch nicht durch wogende Kornfelder , von der nachwirkenden Abendglut der Julisonne umbrütet - weithin breiteten sich die Stoppelflächen , von denen Krähenscharen aufflogen . Sie hörte auch nicht das scharfe Gekreisch der Vögel , die einzigen Laute über der grabesstillen Herbstflur - ihr war , als zöge der Schülerchor neben und hinter ihr . » Es ist bestimmt in Gottes Rat « klang es fort und fort und lief mit ihr ... Und dann blieb sie sekundenlang stehen und preßte stöhnend die Hände auf die Ohren und schloß die Augen . Nein , nicht das Schlimmste war geschehen ! Nicht wie die schwanke Aehre , die ein einziger Sensenschnitt hinmäht , sank solch eine eisenfest gefügte , kraftstrotzende Gestalt dahin ; nicht so griff die dunkle Hand in das hochgesteigerte Getriebe menschlicher Pläne und Entschlüsse und wischte jäh entscheidende Worte von den Lippen ! - Weiter flogen die Füße im rasenden Lauf über das Blachfeld , die Anhöhe empor und durch das raschelnde Laub , mit welchem der nächtliche Sturm den Weg hinter dem Wäldchen beschüttet hatte . Sie konnte ja nicht schnell genug hinkommen , um die unsägliche Qual los zu werden , um zu sehen , daß es nur ein heftiger Schwindelanfall gewesen , daß alles wieder gut , alles beim alten , daß die Stimme wie immer zu ihr sprach , die Augen sie anblickten , und diese entsetzliche Stunde wie ein grauenvoller Traum überstanden sei . » Hinter dem Dambacher Hölzchen haben sie ihn gefunden , « klang es aber wieder aufschreckend in ihrem Ohr , und jetzt stockte ihr Fuß , und der ihr Herz süß beschleichende Glaube an einen täuschenden Traum zerrann grausam . Da , wo sich die Birken zwischen die Buchenstämme mischten , ja da war es gewesen ! Da war der Boden von Menschenfüßen zerstampft wie ein Kampfplatz , da hatte man mächtige Aeste von den Bäumen gerissen , um Raum zu gewinnen . Ihre innere Kraft brach wie unter einem Streich zusammen , und als das Wäldchen und die ersten Dorfhäuser endlich hinter ihr lagen , und die Fabrikgebäude sich in Steinwurfsweite drüben hindehnten , da lehnte sie sich mit wankenden Knieen an eine der Linden , die dem Thor des Fabrikhofes gegenüber den Rast- und Erholungsplatz der Arbeiter beschatteten . Im Hofe standen viele der Fabrikleute in Gruppen , aber kein Laut einer Menschenstimme kam von dorther ; man hörte nur die Huftritte eines Pferdes - es war Herberts Brauner , der auf und ab geführt wurde . In demselben Augenblick , wo Margarete die Linden erreichte , trat der Landrat drüben aus dem Garten in den Fabrikhof , und fast zugleich bog von der seitwärts hinlaufenden Chaussee eine Equipage ab und brauste vor das Thor . Wie durch einen Nebel sah das junge Mädchen flatternde Bänder und wallende Hutfedern - die Damen vom Prinzenhofe saßen im Wagen . » Um Gotteswillen , bester Landrat , beruhigen Sie mich ! « rief die Baronin Taubeneck Herbert entgegen , der an den Wagenschlag trat und sich verbeugte - er war bleich wie ein Toter . » Gerechter ! Wie sehen Sie aus ! Also ist es doch wahr , das Entsetzliche , Unglaubliche , das mir der Oberamtmann von Hermsleben eben beim Begegnen mitteilte ? Unser lieber , armer Kommerzienrat - « » Er lebt , Onkel - nicht wahr , er lebt ? « sagte da eine flehende , in verhaltenem Schmerz vergehende Stimme dicht neben ihm , und heiße Finger preßten seine Hand . Er fuhr in heftigem Schrecken herum . » Um Gott , Margarete - ! « Die Damen im Wagen bogen sich vor und starrten die reiche Kaufmannstochter an , die , erhitzt und bestaubt , im einfachen Morgenkleid und einen schwarzen Shawl um den Kopf gebunden , wie ein Dienstmädchen dahergekommen war . » Wie , Fräulein Lamprecht , Ihre Nichte , lieber Landrat ? « fragte die dicke Dame stockend und ungläubig , aber auch mit jener beschränkten Neugier , die sich selbst in den peinlichsten Momenten vordrängt . Er antwortete nicht , und Margarete hatte nicht einmal einen Blick für seine zukünftige vornehme Schwiegermutter - was wußte sie in diesem entsetzlichen Augenblick von den Beziehungen dieser drei Menschen zu einander ! In wilder Angst haftete ihr Auge auf Herberts verstörtem Gesicht . » Margarete - « er sprach nicht weiter , aber sein Ton voll innerer Qual sagte ihr alles . Sie schauderte in sich zusammen , stieß seine Hand , die sie noch fest umklammert hielt , von sich und schritt über den Hof nach dem Pavillon . » Es scheint ihr sehr nahe zu gehen - sie hat den Kopf total verloren , « hörte sie die klare , kühle Stimme der schönen Heloise mitleidig hinter sich sagen . » Wie wäre es sonst möglich gewesen , so derangiert die Straßen der Stadt zu passieren ! « In dem Hausflur des Pavillons standen zwei im Fortgehen begriffene Aerzte der Stadt und die in Thränen schwimmende Faktorin , und halblaute Worte von Gehirnschlag und einem schönen , beneidenswerten Tod schlugen an Margaretens Ohr . Ohne die Augen zu heben , glitt sie an den Sprechenden vorüber und trat in das Zimmer , wo der Papa sich aufzuhalten pflegte . Ja , da lag er auf dem Ruhebett - sein schönes Gesicht hob sich in tiefer Blässe von dem dunkelroten Polster - ein friedlich Schlafender , dem die jähe , schmerzlos hinraffende Hand alle dunkeln Rätsel von der Stirn gestreift hatte ! - Zu seinen Füßen saß der Großpapa den weißen Kopf in den Händen vergraben . Der alte Mann sah auf , als die Enkelin in stummem Schmerz an dem Ruhebett niedersank - ihm war es nicht verwunderlich , sie » so derangiert « auf eigenen Füßen ankommen zu sehen , er kannte seine Gretel . Schweigend , mit sanfter Hand zog er sie an sich , und da , an seiner treuen Brust , brachen endlich die wohlthätigen Thränen unaufhaltsam hervor ... 16 Im Flursaal , zwischen der Thüre des großen Salons und dem gegenüberliegenden mittleren Fenster , war der traditionelle Platz , wo alle , die im Leben den Namen Lamprecht getragen , noch einmal in glanzvoller , wenn auch stummer Abschiedsrolle erschienen , ehe sie das feuchte Mauergewölbe draußen auf dem stillen Platz vor dem Thore bezogen . Hier hatte auch die böse Frau Judith gelegen , einen lächelnden Glanz auf dem zornmütigen Gesicht - hatte sie doch ihren verzweifelten Kampf mit dem Tode , nach dem bindenden , ihrem Eheherrn mühsam abgerungenen Eid , sofort willig aufgegeben und ihren hageren , unschönen Leib zur ewigen Ruhe ausgestreckt . Und hier , unter den fremdländischen , blühenden Gewächsen , die den silberbeschlagenen Sarg der reichen Frau umstanden , sollte Herr Justus Lamprecht die schöne Dore zum erstenmal gesehen haben . Sie war die verwaiste Tochter eines fernen Geschäftsfreundes gewesen , welcher Herrn Justus testamentarisch zu ihrem Vormund ernannt hatte . Und da sollte eines Abends eine Reisekutsche vor dem Lamprechtschen Hause gehalten haben , und weil keine Menschenseele sich um das Fuhrwerk gekümmert hatte , wohl aber erschrecklich viel Leute in das Haus und die glänzend helle Treppe hinaufgeströmt waren , da sollte das angekommene fremde Mädchen aus dem Wagen geschlüpft und mit den Leuten gegangen sein , bis sie oben mit erschreckten Augen vor der toten Frau gestanden . Das war ihr erster Einzug im Hause ihres zukünftigen Ehemannes gewesen , » ein ganz schlechtes Zeichen « , und auch schon um deswillen hatte es dann später so kommen müssen , daß sie schon nach wenigen Jahren auf derselben Stelle eingebahrt gelegen , wie ein schönes Wachsbild , mit ihrem toten Engelchen im Arm , und im strengen , blumenlosen Winter doch mit kostbaren , weither geholten Blumen förmlich überschüttet ; und die weiße Seide ihres Sterbekleides war über den Sarg hinausgeflossen und hatte wie Schnee ellenlang die Dielen des Flursaales bedeckt . Das erzählten sich die Leute heute noch ... Seitdem hatte noch manches stille Antlitz an dieser Stelle die letzten geflüsterten Richtersprüche über sich ergehen lassen müssen ; Väter und Söhne , Mütter und Töchter , alle hatten auf dieser Station gerastet , und in Abwechselung mit den greisenhaften , lebensmüden Auswanderern des Hauses hatte auch manche vorzeitig in der Jugendblüte hingestreckte schöne Mannesgestalt da gelegen . Aber einen Toten , wie den letztverstorbenen Lamprecht , hatte der Flursaal noch nicht beherbergt . Alte Mütterchen , die unter dem Strom von Schaulustigen auch mühsam die Treppe hinaufgeklettert waren , wußten das ganz genau zu sagen ; sie hatten ihr ganzes langes Leben hindurch nicht ein einziges Mal gefehlt , wenn in Lamprechts Hause der Trauersaal hergerichtet war . Und sie hatten recht mit ihrer Behauptung - lag doch dieser herrliche , reckenhafte Mann da , als werde und müsse er jeden Augenblick , verwundert über sein seltsames Bett , aufspringen , die Blumen abschütteln , den Schlaf aus den Gliedern recken und die Neugierigen mit seinen feurigen Augen spöttisch anstrahlen ! ... Und andere , die Männer , die zusammen zischelten , hatten auch recht , wenn sie meinten , die letzte mächtige Säule des alten Hauses sei mit ihm gebrochen - was nun werden solle ? - Die Schattengestalt , die da lang und schlotterig , den dünnen Hals in einen steifen Halskragen gezwängt , und die dürren Finger in stetem Frösteln aneinander reibend , hin und her glitt , sie war so jämmerlich anzusehen neben dem gewaltigen Toten , daß man mit diesem Erben unmöglich rechnen konnte . Man hatte gefürchtet , der Schreck über die plötzlich hereinbrechende Katastrophe werde auch für ihn verhängnisvoll werden ; aber er war eigentlich gar nicht sehr erschrocken gewesen ; er hatte weit mehr erstaunt und konsterniert ausgesehen , und war am ersten Tage wie im Traume umhergegangen . Nachher hatte die Kühlheit seines Wesens die Leute im Kontor noch eisiger angeweht , als bisher , und bei dieser Fassung und Objektivität war es auch niemand verwunderlich gewesen , daß er schon am zweiten Tag probiert hatte , wie es sich auf dem verwaisten Schreibstuhl des Heimgegangenen sitze . Die Trauerfeierlichkeiten waren vorüber . Der größte Teil der Versammelten hatte sich entfernt ; nur da und dort zögerten noch einzelne , die sich nicht satt sehen konnten an diesem » letzten Mal « in seiner Pracht und Herrlichkeit . Die hervorragenden Teilnehmer an dem Einsegnungsakt , die Geistlichkeit , die Damen vom Prinzenhofe , der stellvertretende Adjutant des Herzogs und die nächsten Freunde des Hauses , verweilten noch im großen Salon , wo sich auch die Angehörigen des Verstorbenen versammelt hatten . Nur die Tochter des Hauses fehlte . Sie hatte sich hinter die schwarztuchene , das mittlere Fenster mit ihrem reichen Faltenwurf verhüllende Draperie zurückgezogen . Wie verwundet war sie in diese dunkle Ecke geflüchtet . Mußte es sein , dieses Zeremoniell , diese grausame Schaustellung des Toten und der schmerzvollen Trauer der Ueberlebenden ? Hier oben , wo ihr war , als töne der plötzlich abgerissene Akkord eines Menschenlebens in seinen letzten Schwingungen fort , wo sie meinte , der Flügelschlag der geschiedenen Seele müsse mit rückwirkender Kraft nachzittern in dem ehemaligen irdischen Heim , hier hatten die Tapeziere tagsüber gepocht und gehämmert , und unermüdlich waren Tragbahren voll Orangerie treppauf geschleppt worden . - Und mußte es sein , daß sich eine Schar fremder Gesichter um den Sarg drängte , während der Geistliche innige , ergreifende Abschiedsworte sprach ? Aber je mehr , desto größer die Ehre für die Familie ! Mit jedem neuen Wagen , der donnernd drunten vorgefahren , war die zierliche Gestalt der die Honneurs machenden Großmama förmlich gewachsen ... Und was für gedankenlose Redensarten gingen von Mund zu Mund ! Ein plötzlich dazwischentretender Fremder hätte meinen müssen , der Verstorbene sei zeitlebens ein elender Krüppel , ein in jeder Hinsicht darbender , verkümmerter Mensch gewesen , weil ihm ja » die ewige Ruhe , die Heimberufung aus dieser Welt so zu gönnen war « . » Ihm ist wohl ! « In allen Varianten wurde es gesagt ; aber keiner dieser Schönredner wußte , daß gerade in seinen letzten Lebensstunden eine geheimnisvolle Mission sein ganzes Denken und Wollen durchdrungen und ihn zur Ausführung unwiderstehlich gedrängt hatte . Er hatte keine Ahnung davon gehabt , daß der Tod mit ihm reite , als er sein Haus verlassen . Draußen in der Fabrik war er der Ruhigste unter den durch die Verwüstungen beunruhigten Leuten gewesen . Er hatte überall die Schäden besichtigt und seine Befehle gegeben ; dann war er heimwärts geritten - und da hatte es ihn gepackt . Vom Schwindel überfallen , war er vom Pferde gestiegen und hatte noch Kraft genug gefunden , das feurige Tier festzubinden und sich auf den weichen , laubbestreuten Moosboden hinzustrecken . Wer aber konnte wissen , welche Schrecken das plötzlich hereinbrechende Todesgefühl hinter der jetzt so glatten , kalten Stirn kreisen gemacht ? Fortgerissen , ohne erfüllt zu haben , » was ein Ende nehmen sollte und mußte « - kam wirklich ein so völliges Vergessen über die entführte Seele , daß » ihr wohl « war , wie alle diese Leute wissen wollten ? Die letzten der noch im Flursaal anwesenden Leute waren gegangen , und es war so feierlich still geworden , daß man über das gedämpfte Stimmengemurmel im Salon hinweg das vereinzelte Knistern der herabbrennenden Wachskerzen hören konnte ... Da kam der Maler Lenz aus dem tiefen , dunkelnden Hintergrunde des Flursaales , er mochte wohl während der ganzen Zeremonie unbeachtet dort gestanden haben . Der alte Mann war nicht allein , sein kleiner Enkel ging mit ihm und schritt auf das Geheiß des Großvaters unverweilt nach dem schwarzbeschlagenen , um einige Stufen erhöhten Podium , auf welchem der Sarg stand . Der Kleine war eben im Begriff , den Fuß auf die erste Stufe zu setzen , als Reinhold wie toll aus dem Salon geschossen kam . » Da hinauf kannst du nicht , Kind ! « stieß er kurzatmig , mit unterdrückter Stimme , aber sichtlich empört hervor und zog den Knaben am Arme zurück . » Erlauben Sie , daß mein Enkel die Hand küßt , die - « Der alte Maler kam nicht weiter , so bescheiden er auch seine Bitte vorbrachte . » Das geht nicht , Lenz - so verständig sollten Sie doch selbst sein ! « unterbrach ihn der junge Mann kurz abweisend . » Was hätte denn werden sollen , wenn alle unsere Arbeiter mit diesem Ansinnen an uns herangetreten wären ? Und Sie werden mir doch zugeben , daß Ihr Enkel nicht um ein Titelchen mehr Recht hat , als die Kinder unserer anderen Leute - « » Nein , Herr Lamprecht , das kann ich Ihnen nicht zugeben . « versetzte der alte Mann rasch . Das Blut stieg ihm dunkel ins Gesicht . » Der Herr Kommerzienrat war - « » Mein Gott , ja , « - gab Reinhold mit einem ungeduldigen Achselzucken zu - » der Papa war allerdings oft unbegreiflich nachsichtig ; aber so wie er im Grunde dachte , läßt sich durchaus nicht annehmen , daß er dem Jungen eine solche intime Annäherung im Beisein vornehmer Freunde « - er zeigte nach dem Salon zurück - » gestattet haben würde . Ich muß ihn deshalb auch zurückweisen ... Geh du nur hin ! « - er schob das Kind an den Schultern weiter und zeigte nach dem Ausgang - » dein Handkuß ist nicht vonnöten ! « Margarete schlug empört die schwarze Gardine auseinander und trat aus der Fensternische . In demselben Augenblick kam aber auch Herbert eiligen Schrittes aus dem Salon - er hatte in der Nähe der Thüre gestanden . Ohne ein Wort zu sagen , nahm er den Knaben an der Hand und führte ihn an Reinhold vorüber die Stufen hinauf . » Lieber auf den Mund ! « sagte der Knabe , das erblaßte Gesichtchen von der wachsbleichen , in Blumen gebetteten Hand wegwendend , in seiner kurzen , knappen Ausdrucksweise halblaut zu seinem Führer . » Er hat mich auch manchmal geküßt - wissen Sie , im Thorweg , wo wir ganz allein waren . « Der Landrat stutzte einen Moment ; dann aber nahm er den Knaben auf seinen Arm und hob ihn über den Sarg . Und da bog sich der schöne Kinderkopf tief auf den » stillen Mann « nieder , so daß seine braunen Locken die kalte Stirn überfluteten , und küßte ihn auf die bärtigen Lippen . Dem jungen Mädchen , das noch , wie im energischen Hervortreten begriffen , mit beiden Händen den schwarzen Tuchbehang auseinander hielt , ging es wie ein Aufleuchten über das verhärmte Gesicht , und ein dankbarer Blick flog hinüber zu dem , der mit ernstem , entschiedenem Protest die Lieblosigkeit von der geheiligten Stätte wies . Indessen waren die im Fortgehen begriffenen Anwesenden geräuschlos aus dem Salon gekommen . » Gott , wie erschütternd ! « hauchte die Baronin Taubeneck , während der Landrat die Stufen herabstieg und den Knaben sanft aus seinen Armen entließ . » Aber wie ist mir denn ? « - wandte sich die Dame leise an die Frau Amtsrätin - » ich kann mich mit dem besten Willen nicht erinnern , daß noch so junge Angehörige der Familie existieren . « » Sie haben ganz recht , gnädige Frau ; meine Schwester und ich sind die einzigen Ueberlebenden , « fiel ihr Reinhold fast heftig , tief erbittert und verbissen in das Wort . » Der zärtliche Kuß sollte nur ein Dank für genossene Wohlthaten sein ; sonst hat der Junge in unserer Familie absolut nichts zu suchen - er gehört dem Manne da ! « Bei diesen Worten zeigte er auf den alten Maler , der schweigend die Hand des Kindes ergriff und mit einer dankenden Verbeugung gegen den Landrat den Flursaal verließ . Es war , als gehe jeder Laut menschlicher Stimmen mit ihm , ein so tiefes , verlegenes Schweigen trat ein . Der Widerspruch , so unschicklich laut am Sarge eines Geschiedenen erhoben , mochte das Gefühl aller peinlich berührt haben . Es fiel kein Wort mehr . Mit stummer Begrüßung ging man auseinander , und gleich darauf fuhren drunten die Wagen nach allen Richtungen weg . » Daß du auch so frühe fort mußtest , Balduin ! « murmelte der alte Amtsrat in schmerzlicher Klage . » Gnade Gott den armen Leuten , über die der herzlose Bursche nun Macht hat , die unter seine Fuchtel müssen ! « Der alte Herr war mit seiner Enkelin allein im Flursaal zurückgeblieben , während die anderen den Fortgehenden das Geleit gaben . » Geh , mach ein Ende , Gretel ! Sei tapfer ! « mahnte er bittend , indem er über das lockige Haar der Weinenden strich , die im bitteren Abschiedsweh auf der obersten Stufe kniete . Sie küßte die kalte Hand - war ihr doch , als dürfe sie den Hauch des Kindermundes auf den Lippen des Toten nicht weglöschen - dann erhob sie sich und ging an der Hand des Großvaters nach den anstoßenden Zimmern . » So , meine liebe Gretel , das Allerschwerste wäre überstanden ! « sagte er drinnen . » Und nun gehe du in Gottes Namen auf ein paar Wochen nach Berlin zurück . Dort besinnst du dich am ersten wieder auf dich selber , und der arme , gequälte Kopf da lernt wieder fest und aufrecht sitzen ... Dann aber denke auch an deinen alten Großvater . Es wird gar einsam werden draußen in unserem lieben Dambach , denn - er kommt nicht mehr ! « - um den weißen Schnurrbart zuckte und bebte es . - » Mir war er ein guter Sohn , mein Kind ; wenn mir auch sein eigentliches inneres Wesen zeitlebens ein Buch mit sieben Siegeln geblieben ist . « Darauf ging er hinaus und schloß die Thüre hinter sich , und Margarete flüchtete in das abgelegenste Zimmer , den roten Salon - sie wußte , daß jetzt draußen mit dem Kerzenlicht der letzte Glanz eines in den Augen der Welt weit bevorzugten , reichen Erdendaseins erlosch , daß die letzten Vorbereitungen zu der morgen in aller Frühe stattfindenden Uebersiedelung nach dem stillen kleinen Haus vor dem Thore getroffen wurden ... Ja , morgen um diese Zeit war alles vorüber , und auch sie war weit , weit weg vom verwaisten Vaterhause ! Heute noch , mit dem letzten Zug kam der Onkel Teobald aus Berlin zu der Beerdigung , und morgen mittag reiste er wieder ab und sie mit ihm . Sie ging auf und ab in dem schwach erleuchteten Zimmer , von dessen weiten , hohen Wänden jeder ihrer Schritte widerhallte . Man hatte die ausgeräumte Bel-Etage einstweilen nur notdürftig wieder hergerichtet - die Teppiche fehlten , und der gesamte Bilderschmuck stand noch im Gange des Seitenflügels . Ein mächtiges Viereck dunkelte auf der verblichenen Tapete - da hatte das Bild der Frau mit den Karfunkelsteinen gehangen , der Schönen , Heißgeliebten , deren arme Seele der grausame Aberglaube hundert lange Jahre im alten Kaufmannshause hatte umherirren lassen , bis der Sturm hereingebraust war und sie auf seine Flügel genommen haben sollte ... O , jene Sturmnacht ! Da hatte die Verwaiste zum letztenmal in das Vaterauge geblickt ! » Auf morgen denn , mein Kind ! « hatte er gesagt - das war der letzte Hauch seines Mundes für sie gewesen ; dieses » morgen « kam nie , niemals ! - Sie preßte die Stirn zwischen die Hände und lief von Wand zu Wand . Da ging drüben die Salonthüre . Herbert kam herein und durchschritt mit suchendem Blick die Zimmerreihe . Er war im Ueberzieher und hatte den Hut in der Hand . Margarete blieb stehen , als er auf die Schwelle trat , und ihre Hände sanken langsam von den Schläfen nieder . » Haben sie dich so allein gelassen , Margarete ? « fragte er innig mitleidsvoll , wie sie ihn vor Jahren meist zu dem kranken Kinde Reinhold hatte sprechen hören . Er kam herein , warf den Hut hin und ergriff die Hände des jungen Mädchens . » Wie kalt und erstarrt du bist ! Das öde , düstere Zimmer ist kein Aufenthaltsort für dich . Komm , gehe mit mir hinüber ! « bat er sanft und hob den Arm , um ihn stützend um ihre Gestalt zu legen ; aber sie fuhr zurück und trat um einige Schritte von ihm weg . » Meine Augen schmerzen , « sagte sie hastig , erschrocken aus ihrer dämmernden Ecke herüber . » Das gedämpfte Licht thut ihnen gut nach der grausamen Helle im Flursaal ... Ja , hier ist ' s öde ; aber still , mitleidig still - eine wahre Wohlthat für eine wunde Seele nach so viel weisen Trostphrasen ! « » Es war auch manch gutgemeintes Wort darunter , « begütigte er . » Ich begreife , daß das heutige Zusammenströmen von Menschen und die Prunkentfaltung dein Gefühl verletzt haben . Aber du darfst nicht vergessen , daß unser Verstorbener allezeit Gewicht auf derartige öffentliche Kundgebungen gelegt hat - die glänzende Totenfeier ist ganz in seinem Sinne verlaufen . Das mag dir ein Trost sein , Margarete ! « Er zögerte einen Moment , als warte er auf ein Wort von ihren Lippen ; aber sie schwieg , und da griff er wieder nach seinem Hut . » Ich fahre nach der Bahn , den Onkel Theobald abzuholen . Er wird es besser verstehen , als wir alle , erlösend zu deinem verschlossenen Schmerz zu sprechen ; und deshalb bin ich froh , daß er kommt ... Aber muß es sein , daß du mit ihm nach Berlin zurückkehrst , wie mir mein Vater eben sagte ? « » Ja , ich muß fort ! « antwortete sie gepreßt . » Ich habe selbst nicht gewußt , wie gut mir ' s bisher in der Welt ergangen ist - man nimmt das schöne glatt und ungeprüft verlaufende Leben hin , wie das leichte Atemholen , um welches wir kaum wissen . Nun kommt zum erstenmal ein großes Unglück über mich , und ich bin ihm nicht gewachsen , ich stehe ihm fassungslos gegenüber - es hat eine furchtbare Macht über mich ! « - Sie war ihm unwillkürlich wieder näher getreten und er sah , wie der mühsam verbissene Schmerz ihre Stirn furchte . » Es ist schrecklich , immer wieder ein und denselben Gedankengang durchlaufen zu müssen ! Und doch habe ich nicht die Kraft , ihn abzuschütteln ; ja , ich bin zornig auf die , welche von außen her den Kreis unterbrechen ... Und das wird hier nicht anders - drum muß ich fort . Der Onkel hat Arbeit für mich , strenge Arbeit , an der ich mir emporhelfen werde - er stellt einen neuen Katalog zusammen . « » Und die Menschen dort sind dir auch sympathischer - « » Sympathischer als der Großpapa und die Tante Sophie ? Nein ! « unterbrach sie ihn kopfschüttelnd . » Ich bin viel zu sehr ihresgleichen an Temperament und Charakter , als daß andere Bresche zwischen uns legen könnten . « » Die beiden sind nicht deine einzigen Angehörigen hier , Margarete . « Sie schwieg . » Ach , die armen Totgeschwiegenen ! Mit denen haben es die in Berlin freilich leicht ! « sagte er bitter lächelnd . » Die Edlen aus Pommern oder Mecklenburg , oder irgendwoher können ruhig ihr Ritterschwert stecken lassen - « Er unterbrach sich und wurde rot unter ihrem unwilligen Blick . - » Verzeihe ! « setzte er rasch hinzu . » Das durfte ich nicht - in diesen dunklen Stunden nicht ! « » Ja , in diesen Unglücksstunden ist es grausam , mich an ein ewig lächelndes Gesicht zu erinnern ! « bestätigte sie fast heftig . » Ich fühle zum erstenmal , wie gram man solchen wohlgenährten , rosigen , gleichmütigen Menschen sein kann , wenn man tieftraurig ist ... Man fühlt sich als gebeugte Jammergestalt , und da ragen sie neben einem empor , blühend und seelenruhig , und in jedem Zuge steht zu lesen : Was ficht mich das an ? Die Junge vom Prinzenhofe stand heute auch so neben mir draußen am Sarge , stolz und frisch und kühl bis ins Herz hinein ; ihr aufdringliches Parfüm erstickte mich fast , und das unaufhörliche Knistern ihrer langen Schleppe reizte meine Nerven bis zur Unerträglichkeit - ich hätte mit den Händen nach ihr stoßen mögen . « » Margarete ! « unterbrach er sie . Er ergriff mit sonderbaren Blicken ihre Hand ; aber sie wand sich los . » Besorge nichts , Onkel ! « sprach sie herb . » So viel gute Manieren sind mir doch noch verblieben . Und wenn ich zurückkomme - « » Nach abermals fünf Jahren , Margarete ? « fiel er ihr ins Wort und sah ihr gespannt in das Gesicht . » Nein . Der Großpapa wünscht meine baldige Rückkehr . - Anfang Dezember komme ich wieder . « » Dein Wort darauf , Margarete ! « Er sprach das hastig und streckte ihr abermals die Rechte hin . » Was kann dir daran liegen ? « fragte sie achselzuckend mit einem scheuen , halben Aufblick ihrer verweinten Augen ; aber sie legte doch für einen Moment ihre kalten Fingerspitzen