selben Tage , wo sein Gespräch mit Judith stattgefunden , seinen Entschluß ausgesprochen , als Reisemarschall voraufgehen und im Stadtpalais , in dem man inzwischen eine Reihe neuer Zimmer eingerichtet hatte , nach dem Rechten sehen zu wollen , in Wahrheit aber lag ihm nur daran , ein Zusammensein mit Egon in demselben Coupé zu vermeiden . Er fühlte deutlich , daß er den rechten Ton nicht treffen , auch vielleicht der ihm eigenen Neigung zu Sarkasmen nicht immer widerstehen werde , was , wenn unberechtigt , einfach beleidigen und , wenn berechtigt , als ein Auskunftsmittel in Altweibermanier erscheinen mußte . Dem einen aber wie dem andern wollt er sich entziehen . In Wien ließen sich dann die Begegnungen einschränken , wenn sich dies , was doch immer noch in Zweifel lag , überhaupt als wünschenswert herausstellen sollte . Die Zerstreuungen der großen Stadt waren jedenfalls das beste Mittel , ihm einen freieren Blick und ein eigenes , selbständiges Urteil zurückzugeben . Wirklich , diese Zerstreuungen übten auch ihre Wirkung auf ihn , und sie konnten es um so leichter , als sich seinem anscheinend nur oberflächlich , in Wahrheit aber scharf beobachtenden Auge nichts zeigte , was dem in seiner Seele wachgerufenen Argwohn irgendwelche Nahrung hätte bieten können . Egon , wenn er abends im Salon der alten Gräfin erschien , war ernster und schweigsamer als gewöhnlich , aber in seinem Benehmen gegen Franziska ließ sich weder eine besondere Zurückhaltung noch auch eine besondere Vertraulichkeit entdecken . Und so durft es denn nicht wundernehmen , daß dem alten Oheim , wenn nicht ein volles Vertrauen , so doch ein gewisser seelischer Mittelzustand zurückkehrte , der gerade hoffnungsreich genug war , ihn zur Eröffnung der Saison eine musikalische Soiree mit sich anschließender Ballfestlichkeit veranstalten zu lassen , eine Reunion , zu der außer der Künstler- und Gelehrtenwelt auch alle diejenigen Personen der Aristokratie geladen worden waren , auf deren Erscheinen man mit Sicherheit rechnen durfte . Man hatte nur noch drei Tage . Da jedoch alle Vorbereitungen längst getroffen worden , so waren gerade diese Tage freie Tage , die denn der Graf auch vorhatte so gut altwienerisch wie möglich zu verbringen . Im Theater also . Das Gastspiel eines ausgezeichneten norddeutschen Künstlers , der zugleich ein besonderer Liebling des Grafen war , forderte noch besonders dazu auf . » Ich habe für heute abend zu der Vorstellung unseres alten Freundes eine Loge genommen « , sagte der Graf , als er Franziska beim zweiten Frühstück begrüßte . » Wir werden ihn , nachdem wir die Partie Piquet und leider auch die Beiden Klingsberge versäumt haben , wenigstens in einer neuen Rolle sehen . « » Und in welcher ? « fragte Franziska . » Als Herzog von Chevreuse ; ein Scribesches oder Dumassches Stück mit gleichgültigem Titel und gerade schon wieder alt genug , um als neu gelten zu können . Ich entsinne mich , es in den letzten Louis-Philipp-Tagen in Paris gesehen zu haben , habe jedoch keine Ahnung mehr , was es ist . « » Seinem Titel nach sehr wahrscheinlich eines jener französischen Memoirenstücke , die nie schlecht und nie gut sind und mir immer ein Horreur waren . In meiner Erinnerung haben sie nicht bloß alle dieselbe Physiognomie , sondern auch dieselben Personen : einen König und eine Königin , eine merkwürdig naive Prinzessin , ein paar Herzoge mit pomphaften Namen einschließlich irgendeiner Maintenon oder Pompadour und dazwischen einen Perin oder Figaro , der alles einfädelt oder nasführt , oder wohl gar einen Narziß , der der ganzen Grandseigneurschaft die haarsträubendsten Sottisen sagt . « » Schau , Fränzl « , entgegnete der Graf , der diesen Ton liebte , » du hast ja deine gute Laune wieder . Ich sehe nun , daß es Zeit war , aus unserem alten Dohlennest aufzubrechen ; die Wiener Luft atmet sich doch besser und legt sich dir weicher ums Herz , nicht wahr ? Ich hab übrigens die Loge links genommen , die größere , denn ich rechne nicht bloß auf Egon , der sich angesagt hat , sondern auch auf Judith . Sie muß durchaus einmal heraus und nicht immer nur Feßler sehen und von der heiligen Genoveva hören . « Und wirklich , die gute Gräfin , in der sich aller Frömmigkeit unerachtet doch dann und wann noch die Wienerin alter Tage regte , hatte sich bestimmen lassen , der Vorstellung beizuwohnen , und eine kleine Zeit nach Beginn derselben erschien man allerseits und nahm die Plätze : Gräfin Judith und Franziska vorn , dahinter der alte Graf samt Egon und Graf Pejevics , welcher letztere sich ihnen im Foyer erst angeschlossen und den eigenen Platz im Stiche gelassen hatte . Zu Beginn des Stückes wandte sich Franziska mehrfach um und schien , während sie Petöfy freundlich zunickte , fragen zu wollen : » Ist es nicht genau das , was ich dir im voraus erzählt habe ? « Bald aber wurde sie befangen und unruhig , und als die große Szene kam , in der der alte Herzog in altfranzösischer Ritterlichkeit immer noch Worte des Vertrauens an den Galan seiner jungen und bereits in Schuld verstrickten Herzogin richtete , stieg ihr das Blut derart zu Kopf , daß es sie momentan wie Schwindel und Ohnmacht überkam . Aber es schwand wieder , und die tiefe Bewegung ihres Herzens war zuletzt doch größer als alle Furcht und Verlegenheit , und eine Träne fiel auf den Handschuh ihrer auf der Brüstung ruhenden linken Hand . Der alte Graf , in dessen Herzen der Inhalt des Stückes alle Zweifel und Bitternisse der letzten Wochen wieder lebendig werden ließ , war in kaum geringerer Erregung , aber er bezwang sich und bewahrte gute Haltung bis zuletzt . » Es erscheint mir outriert « , sagte Judith , die nach dem Fallen des Vorhangs noch wie herkömmlich in der Loge blieb , um sich die großen Wasser draußen erst verlaufen zu lassen . » Wirklich , Adam , ich find es übertrieben . « » Ich auch « , lachte dieser in einer ihm plötzlich und beinah ungezwungen zurückkehrenden guten Laune . Von Grand aus nervös und allem Komischen zugänglich , entsproß ihm aus der Alltagsbetrachtung seiner Schwester eine Fülle wirklicher Heiterkeit . Im übrigen aber enthielt er sich jedes Eingehens auf das Stück und begnügte sich damit , das Spiel des Gastes , den er in anderen Rollen so hoch stellte , ziemlich scharf zu kritisieren . » Er ist doch nur groß im Genre . Das Tragische versagt ihm . Auch hätt ich ihn seiner Maske nach eher für einen portugiesischen Granden aus der Pombalzeit als für einen französischen Grandseigneur gehalten . « Einen Augenblick später erhob man sich und kehrte gemeinschaftlich in das Petöfysche Palais zurück , wo der Tee wie gewöhnlich im Zimmer der alten Gräfin genommen werden sollte . Feßler wartete schon der Heimkehrenden und empfing die Gräfin mit einem Scherzworte . » Rückfall in alte Torheiten « , erwiderte diese nicht ganz frei von Verlegenheit . » Und wissen Sie , Feßler , womit mein Bruder mein Gewissen zu beschwichtigen gesucht hat ? Mit dem sakrilegischen Satz : ein Komödiant könnt einen Pfarrer lehren . « » Es kommt auf den Pfarrer an « , entgegnete der Liguorianer und nahm gut gelaunt und unter Verneigung gegen Graf Adam seinen Platz am Tisch , auf den eben die Couverts gelegt und die Gläser gestellt wurden . Das sich entspinnende Gespräch behandelte natürlich den Herzog von Chevreuse , und Egon kam in die peinliche Lage , den Inhalt des Stücks vor Feßler skizzieren zu müssen . Er tat es aber in guter Haltung , und auch Franziska , die sich wieder zurechtgefunden hatte , blieb anscheinend unbefangen . Es war nur Claret aufgestellt worden , und Egon , seit lange daran gewöhnt , im Salon der Tante den Wirt zu machen , nahm eben eine der Flaschen , um selber den Kork zu ziehen . Es gelang ihm aber , wie der Zufall eben sein Spiel treibt , nicht ohne Kraftanstrengung , und als er die Flasche wieder niedersetzte , sah die Tante , daß er an dem Ringfinger der linken Hand blutete . » Was hast du ? « fragte die Gräfin . Und es stellte sich nun heraus , daß ein kleines , dünnes Ringelchen , das er halb versteckt unter einem großen Türkisringe trug , in Folge der Anstrengung zerbrochen und mit einer seiner Spitzen ihm in das Fleisch eingedrungen war . Er zog das Ringelchen ab und schob es , so gut es ging , auf den Ringfinger der andern Hand , der Oheim aber erkannte sofort , daß es der kleine Ring mit dem Emaillevergißmeinnicht war , der damals in Franziskas Zimmer an dem Schmuckständerchen gehangen und ihn um seiner Einfachheit willen so sehr frappiert hatte . » Wie du nur blutest « , sagte er , während er noch immer auf den Ring sah . » Und solch Ringelchen ! Man sollte nicht glauben , daß es so tief verletzen könne . Wo stammt es nur her ? Alles in allem kann es weder aus den Kronjuwelen der Petöfys noch aus denen der Aspergs kommen . « » Ich trag ihn noch von der École militaire her « , stotterte Egon . » Es war unser Verbindungszeichen . « » Ah , Verbindungszeichen . Wohl , wohl : das gewöhnliche Los der Ringe . Nun , hoffentlich nichts Hochverräterisches . Unter allen Umständen aber nehmt euch in acht , ihr jungen Leute . Wir sind noch nicht so heraus aus der alten Zeit , als manche glauben ; es findet sich immer noch mal ein Spitzel , der uns auf die Finger sieht . « Und damit kehrte das Gespräch auf allerlei Theaterdinge zurück . Dreiunddreißigstes Kapitel Er sah nun klar , und nur in dem einen sah er nicht klar , was zu tun sei . Sollte er sich den lächerlichen Herzog zum Muster nehmen , über den Judith in ihrem einfachen Ausspruch : » Ich find es aber doch übertrieben « , erbarmungslos zu Gericht gesessen hatte ? Nein , es ging nicht . Und überhaupt , was war denn geschehen ? Es war nur geschehen , was geschehen mußte . War er nicht allezeit so stolz gewesen auf seine Kenntnis von Welt und Menschen , vor allem auch auf sein Freisein von Vorurteilen in dem , was er den natürlichen Gang der Dinge nannte ? Was gab ihm jetzt ein Recht zu der Annahme , daß ihm zuliebe dieser natürliche Gang der Dinge sich in sein Gegenteil verkehren werde ? In solche Betrachtungen vertieft , die beständig zu Selbstanklagen wurden , schritt er , als er von Schwester Judith in den andern Flügel zurückgekehrt war , auf dem Teppich seines Zimmers auf und ab . Er öffnete das Fenster und sah , während ein gedämpfter Lärm von der innern Stadt her herüberscholl , auf die stille Straße hinunter . Ein offener Wagen , in dem ein junges Paar saß , rollte vorüber , und das Licht der Gaslaterne fiel auf eine zarte Gestalt , Mädchen oder Frau , die sich müd und glücklich an die Schulter des Geliebten lehnte . » Sie sind jung und lieben einander . Und das ist das Natürliche . Narr , der ich war , als ich mir ein Etwas ausdachte , das halb von der Sultanin Scheherezade , aber halb auch von der heiligen Elisabeth abstammen sollte ; Dame von Welt , aber auch Nonne , weiblicher Esprit fort , aber in Klausur . Im Einfachsten hab ich mich verrechnet ... Es gibt wohl Vögelchen , die winterlang das Bauer nicht verlassen und nicht fortfliegen , auch wenn ihre Gefängnistür offensteht . Gewiß . Aber wenn der Frühling gekommen ist und es draußen lockt und ruft , dann regt sich ' s doch , dann siegt doch der Hang und Drang im Herzen , und frei sein in der Luft hoch oben und sich jagen und schwingen und zwitschern , das ist dann mehr . Ich wußt es wohl , aber ich vergaß es , weil ich ' s vergessen wollte . « So sprach er vor sich hin und trat dann vom Fenster her wieder an seinen Arbeitstisch zurück , auf dem in geschnitztem Rahmen eine Photographie Franziskas stand . Er nahm sie von der kleinen Staffelei . » Das war damals , als wir in Riva waren ; ich entsinne mich noch des Tages . Und wie klug und ruhig sie mich anblickt . Aber darf sie ' s nicht ? « unterbrach er sich plötzlich , und unter ihrem ruhigen Blicke schien ihm selber etwas wie Ruhe wiederzukommen . » Was weiß ich am Ende ? Was hab ich in Händen ? Ich habe nichts als den Ring , auf den hin ich den Schwiegersohn des alten Brabantio spielen könnte . Soll ich ' s ? Soll ich aus der Taschentuch- eine Ringszene machen und ihr statt des entsetzlichen the handkerchief das etwas besser klingende the ring , the ring zurufen ? Es gibt hundert Ringe , hunderttausend , und der Boden , auf dem ich steh , ist recht eigentlich der Fruchtboden aller bösen Einbildungen . « Und so fuhr er fort , seinen Verdacht geflissentlich einzulullen und alles , was ihm eben noch als Beweis gegolten hatte , wieder wegzubeweisen . In aller Frühe war er auf und fand sich pünktlich um neun Uhr beim Frühstück ein ; aber Franziska fehlte noch , und statt ihrer erschien Hannah und meldete : die Gräfin ließe sich entschuldigen , auch für den Tag ; aber zum Tee werde sie drüben bei Gräfin Judith sein und hoffe den Grafen dort zu treffen . » Was ist es , Hannah ? « » Ein Fieber . Sie hat kein Auge zugetan . « » Ein Fieber . Ist das alles ? Ich finde die Gräfin seit kurzem so verändert . Was meinst du ? « » Verändert ? Vielleicht ... Ich weiß es nicht ... « » Ich weiß es nicht « , wiederholte der Graf , als Hannah gegangen war . Und damit brach alles , was er mühsam von sich wegbewiesen hatte , wieder über ihn herein und ließ sein ganzes Trostgebäude zusammenstürzen . » Ich weiß es nicht . Wahrlich , es klang fast , als ob ich Franziska selber darum befragen solle . Soll ich es ? Sie würde sich mir unterwerfen und nichts leugnen und ihre Schuld auf sich nehmen ... Aber ach , was schwatz ich nur ! Ihre Schuld ? Schuld , Schuld ! Daß das häßlich anmaßliche Wort mir immer wieder auf die Lippe tritt , daß ich es nur zu denken wage ! Hab ich ihr nicht selber im voraus den Ablaßzettel in die Hand gegeben ? Bin ich nicht das Kind , das etwas wiederfordert , das es zuvor weggeschenkt hat ? Bin ich nicht der Gläubiger , der bis Ultimo warten will und am dritten Tage schon nach Zahlung verlangt ? Und wenn ich den Ausgang aus dem Wirrsal nicht finden kann oder wenigstens nicht den , der ins Lichte führt , wer ist schuld ? Wer ? Ich , ich allein . An mir ist es , die Konsequenzen eines falschen Exempels auf mich zu nehmen , und ich will es und werd es . « So stürmten Fragen und Betrachtungen auf ihn ein , aber nach einer Weile fuhr er ruhiger fort : » Eine der lästigsten Erscheinungen in Leben und Gesellschaft ist mir immer der Störenfried gewesen ; ich mag seine Rolle nicht spielen . Und zudem , was ist der einzelne ? Nichts . Und nun gar der einzelne , wenn er gelebt hat und seine Tage hinter ihm liegen . Es kann auch ein Glück sein , ein letztes und höchstes , dem Glück an derer die Wege zu bereiten . « Er rief Andras , ließ sich ankleiden und ging in die Stadt , um inmitten ihres bunten Treibens den Tag zu verbringen . Er freute sich an allem und war in der Stimmung wie jemand , der aus einer schönen Gegend scheidet und im Abschiede sich das Bild derselben noch einmal fest und warm ins Herz prägen will . Er sah in Sankt Stephan hinein , wo man eben ein Hochamt zelebrierte , ging dann den Kohlmarkt hinunter und trat in die Kirche der Augustiner , zu der das Haus Petöfy von alter Zeit her hielt . Ein paar Lichter brannten , ein Wispern und Murmeln ging , und er sah still auf die Stelle vor dem Altar und gedachte des Tages , des Tages seiner Vermählung , an dem er das letzte Mal hier gestanden hatte . Dann verließ er die Kirche wieder , nahm sein Diner , las eine Zeitung und vergnügte sich eine Weile vor der » Burg « , wo die Vorstellung eben begonnen haben mußte . Danach ging er wieder auf sein Palais zu , denn die Stunde war nahe , wo man sich bei Schwester Judith zu versammeln pflegte . Wirklich , Franziska war da . Sie saß neben Feßler und plauderte mit ihm in jenem neckischen Tone , der von ihrer ersten Begegnung an zwischen ihnen beibehalten war und namentlich dem Pater ein ersichtliches Behagen weckte . Zur andern Seite hatte Graf Pejevics Platz genommen , und nur Egon fehlte , was Feßler veranlaßte , nach dem » Jüngstverwundeten der kaiserlichen Armee « zu fragen , aber zugleich auch nach dem » mitlädierten Inkulpaten , dem kleinen Ringe « - Fragen , an die sich dann wie von selbst ein Gespräch über Ringe und Ringinschriften anschloß , zu dem jeder nach Kräften , am meisten aber Graf Pejevics beisteuerte , der ein Numismatiker war und durch allerlei Kuriositäten und Niedlichkeiten überraschte . Nur Feßler hatte geschwiegen , bis er zuletzt , nach seiner Lieblingsdevise befragt , unter Lächeln bemerkte , daß es sonderbarerweise der Ring- oder Petschaftsspruch eines Protestanten sei , der ihm unter allem , was er auf diesem Gebiete kenne , den nachhaltigsten Eindruck gemacht habe . » Eines Protestanten ? « fragte Judith neugierig . » Wessen ? « » Thomas Carlyles . « » Und der Spruch selbst ? « » Entsage ! « Niemand antwortete . Nur Franziska sagte : » Wie schön ! « Und eine momentane Stille folgte . » Kannst du ' s ? « fragte der alte Graf leise , während er sich zu Franziska niederbeugte . Sie sah eine Weile vor sich hin . Dann hob sie das Auge wieder und sah ihn still und ruhig an , und etwas wie Wehmut und Bitte lag in ihrem Blick . Vierunddreißigstes Kapitel Er war durch diesen Blick entwaffnet , zugleich in seinem Herzen bewegt und nahm Franziskas Hand und küßte sie , dann rasch aufbrechend , sprach er von Briefen , die noch zu schreiben seien , und ging in den andern Flügel hinüber . Hier nahm er an seinem Schreibtisch Platz , erhob sich aber bald wieder , um auf und ab schreitend erst ruhiger in seinem Gemüte zu werden . » Es war ein Bekenntnis , wie sie mich so ansah und mit ihren klugen Augen ihr zu verzeihen bat . Aber was soll ich ihr verzeihen ? Immer die törichte alte Frage . Nichts , nichts . Während ich sie beständig warnte , das Leben nicht als Märchen zu nehmen , hatt ich mir doch meinerseits ein Märchen ausgedacht , und ihr guter Wille , mir zu Willen zu sein , bestärkte mich in dem Glauben an eine Märchenmöglichkeit . Ja , ihr guter Wille , mir zu Willen zu sein ! Das war es ; sie hat mich einfach verwöhnt . Hätte sie mir von Anfang an gesagt : Aber eines muß sein , Petöfy , darauf dring ich ; wir bleiben in Wien , unter Menschen , und ich vergrabe mich nicht in eine Schloßeinsamkeit ; ich muß Verehrer und Anbeter um mich haben , die mir schöne Dinge sagen und die mich heut in das Konzert und morgen in die Oper begleiten - ja , hätte sie sich von Anfang an auf solch freien und allerfreiesten Ton gestellt , auf einen Gesellschafts- und Lebensfuß , auf den sie sich stellen durfte , so hätte mir ihre Plauderei genügt , und ihr bon sens und der Sonnenschein ihrer ewig guten Laune wären mein Glück gewesen . Das war es , was ich damals in Öslau wollte . Statt dessen hatte sie ' s besser mit mir im Sinn ... Wohl , ich wäre glücklicher geworden , wenn sie dies Bessere nie gewollt und , statt auf ihr Recht und ihre Freiheit zu verzichten , sich umgekehrt von Anfang an auf ihr Recht und ihre Freiheit gestellt hätte . Gewiß , gewiß . Aber soll ich den Entrüsteten spielen , bloß weil sie sich freiwillig höher eingeschätzt hat , als ihr Vermögen war ? ! « Er stellte sich vor den Kamin und warf ein Scheit in die halb erloschene Flamme . » Mein Kalkül war falsch , und Judith hatte recht . Das ist alles . Es tut nie gut , sich in künstliche Situationen hineinzubegeben und sich auszurechnen , wie ' s kommen müsse . Die Rechnung stimmt nie . Wir kennen uns nie ganz aus , und über Nacht sind wir andere geworden , schlechter oder besser . Schlimm , wenn wir uns schlechter finden , aber oft schlimmer noch , wenn besser . Es gibt dann ein Wirrsal , draus kein Entrinnen ist , und daß wir , sie wie ich , das Leben ernsthafter zu nehmen anfingen , als es geplant war , das entscheidet nun über mich und vielleicht auch über sie . « Von der Flamme fort sah er jetzt in die Höhe , wo dicht über dem Kamin , ja mit dem breiten Goldrahmen die Kaminkonsole berührend , ein Bild hing , sein Bild , im Attila und das Ordensband über der Brust . Typisch der Kavalier . Und er lächelte . » Ja , was ich wollte , war eine Kavalierslaune , von der ich schließlich einsehen muß , daß sie nicht der Schlüssel war , der überallhin schließt . Aber für das , was ich noch vorhabe , für das , was noch zu tun übrigbleibt , dafür paßt sie ; nur nicht Umkehr oder die Blâme der Unkonsequenz , und wenn es von alter Zeit her als ein Höchstes gegolten hat , anderen zuliebe zu leben , so kann es unmöglich ein Niedriges sein , demselben Zweck und Ziel auch mal von der andern Seite her beikommen zu wollen . Auf den Zweck kommt es an , der entscheidet , der heiligt . Alter Grundsatz der Kirche . Wie sich wohl Feßler dazu stellen wird ? « Er setzte sich jetzt nieder und schrieb eine Stunde lang , anscheinend Geschäftliches , das er schließlich untersiegelte . Dann nahm er einen Briefbogen , warf rasch einige Zeilen hin , überflog noch einmal den Inhalt und verschloß beide Schriftstücke . Den andern Morgen war er früher als gewöhnlich auf und klingelte . » Bringe das Frühstück , Andras . In einer Stunde will ich ausreiten . « Im Palais war alles noch still , als der Graf sich in den Sattel hob und zunächst über den Josephsplatz auf den Kärntnerring und die Schwarzenbergbrücke zuritt . Andras folgte . Das Eckhaus der Salesinergasse , darin Franziska gewohnt hatte , lag in einem grauen Novembernebel ; er sah hinauf , aber die Fenster der oberen Etage waren unerkennbar . » Ich soll es nicht sehen . Alles hat seine Bedeutung . « Auf dem Heumarkt , am Fluß und seiner Brücke hin herrschte schon das lebhafte Treiben , das hier allmorgendlich anzutreffen ist , aber es hatte nichts von seiner gewohnten Buntheit , und die Gestalten schoben sich wie Schatten aneinander vorüber . » Ist es doch , als ob es ein Unterweltsjahrmarkt wär . Und hätte doch mein altes Wien gerne noch mal in Lust und Farbe gesehen . « An der Tegethoffbrücke bog er wieder ein und lenkte sein Pferd am Stadtpark hin auf die große Franz-Josephs-Kaserne zu , die grau verschleiert wie eine Wolkenburg dastand . Vom Kasernenhofe her klangen Trommeln und Hörner , aber dumpf wie Notsignale . So ritt er durch die Leopoldstadt bis in den Prater . Als er draußen war , fiel der Nebel so stark , daß es sich einen Augenblick anließ , als ob die Sonne hervorkommen wolle . Doch es blieb bei dem guten Willen , und nur der Blick in die Landschaft war frei geworden . Er ritt an Plätzen vorbei , daran sich hundert Erinnerungen für ihn knüpften , bis er zuletzt auf eine künstlich aufgeworfene Höhe gekommen war , von der aus man einen Wiesengrund übersah , eine Niederung mit Tümpeln und Wasserlachen und ein paar schmalen Sandstreifen dazwischen . Eine der Lachen hatte Zufluß aus einem Graben , und das Wasser stieg in Folge davon so rasch , daß es nicht bloß die Sandstreifen , sondern zugleich auch eine hier eingenistete zahlreiche Kolonie von Feldmäusen mit Überschwemmung und Untergang bedrohte . Zu hundert und aber hundert kamen sie von links und rechts her aus ihren Löchern hervor , um sich auf eine höhergelegene Stelle hin zu retten . Aber kaum daß sie sich hier gesammelt hatten , so schoß auch schon von einer danebenstehenden und in ihrer ganzen obern Hälfte mit Nestern überdeckten Pappel allerlei Krähenvolk auf die geflüchteten Mäuse nieder und fuhr mit ihnen als gute Beute davon . Der alte Graf hatte sein Pferd angehalten , um dem sonderbaren Schauspiele zuzusehen . » Überall dasselbe : keine Flucht vor dem , was einmal beschlossen . « Er ritt weiter in den Prater hinein und eine halbe Stunde später an dem Liechtensteinschen Garten vorüber heimwärts auf sein Palais zu . Es war elf Uhr , als er hier wieder eintraf und das Pferd abgab . Er sprach mit dem Türhüter , der wie gewöhnlich am Eingang in das Vestibül stand , und erkundigte sich , ob die großen Topfgewächse schon angekommen seien . » Alles da . « » Gut . Aber ich will es doch sehen . Komm . Oder nein , bleib ; Andras soll mich begleiten . « Und er stieg in den oberen Stock hinauf , in dem für das heute stattfindende Fest alles bereits in Geschäftigkeit war . » Es wird niemand erscheinen « , sprach er vor sich hin . » Aber ich will die Stelle doch sehen , wo Graf und Gräfin Petöfy die Saison eröffnen und ihren ersten Ball geben wollten . Und will mir auch die Palmen und sogar die Lebensbäume betrachten , die nun wohl eine Woche lang im Hause bleiben und mir dann von hier aus bei den Augustinern ihren letzten Liebesdienst leisten werden . « Unter diesem Selbstgespräche war er eingetreten und sah auf den ersten Blick und mit besonderer Befriedigung , daß Aufstellung und Anordnung genau so waren wie letzten Winter , als Franziska zum ersten Male hier erschien . Auch die grüne Nische war wieder arrangiert , in der er damals , als die Nachricht von Gablenz ' Tode kam , mit Egon und Graf Coronini gesessen und des jungen Rittmeisters unliebsame Bemerkungen so scharf zurückgewiesen hatte . Jedes seiner eigenen Worte kam ihm wieder in Erinnerung , und er lächelte : » War es eine Vorahnung ? Jedenfalls ist es mir lieb , damals nicht anders gesprochen zu haben . « Er ging vom Saal her den langen Korridor hinunter . Als er die Zimmerreihe passierte , darin Franziska jetzt wohnte , traf er Hannah . » Ist die Gräfin zu Haus ? « » Nein . Eben fort ; sie braucht noch einiges für den Abend . « » Es ist gut so . Wenn du sie siehst , sag ihr , daß ich nach ihr gefragt . Aber vergiß es nicht . « Er gab ihr die Hand , was ihr auffiel . Dann ging er auf sein Zimmer zu , darin Andras eben das Fenster schloß . » Ich bin für niemand zu sprechen , Andras . Für niemand . Und diesen Brief gib an die Gräfin , wenn sie zurück ist . Und nun geh . Ich will allein sein . « Fünfunddreißigstes Kapitel Eine Woche darnach , nachdem seitens der Kirche sein gewaltsamer Tod auf einen Anfall von Melancholie gedeutet worden war , war Totenfeier bei den Augustinern , und das Wappen der Petöfys stand zu Häupten des Katafalks , darüber die schwarze Sammetdecke mit dem Silberkreuz ausgebreitet lag . Im Halbkreis um den Altar her aber saßen außer den nächsten Angehörigen auch entferntere Leidtragende der Familien Asperg und Gundolskirchen , während das ganze Schiff der Kirche von Uniformen blitzte . Daneben viel Volks . Denn der Heimgegangene hatte die Werke der Barmherzigkeit allezeit geübt und war ein Christ in seinem Tun gewesen , wie sehr es sein Wort auch bestritten haben mochte . Viele waren selbstverständlich nur aus Neugier gekommen und erzählten im Flüstertone , was sie von seinem Tode gehört hatten : er habe zurückgelehnt in seinem Schreibstuhl gesessen , auf den ersten Blick ohne Zeichen äußerer Verletzung oder überhaupt dessen , was geschehen sei , denn er habe sich nach innen hin verblutet . Auch über das , was seinen Tod verschuldet , wurde gemutmaßt : es habe sich um ein Hofamt gehandelt , das eben vakant geworden und in früherer Zeit immer bei den Petöfys gewesen sei , der Kaiser aber hab es nicht gewollt , entweder wegen der jungen Gräfin oder noch von Neunundvierzig und der Revolution her . Und das habe der alte Graf nicht verwinden können . So ging das Gespräch . Alles schwieg aber vom selben Augenblick an , wo Pater Feßler vor dem Altar erschien und mit der ihm