, fuhr sie fort . » Mit solchen Sachen darf man in deinen Jahren nicht spaßen ! ... Aber wenn dir wirklich nichts Ernstliches fehlt , so hat es vielleicht auch sein Gutes , daß du gerade jetzt ein bißchen hustest und blässer aussiehst ... « » Warum ? « fragte er erstaunt . » Weil ja - « begann sie lebhaft , stockte dann aber . » Wir sprechen später einmal darüber ! Geh jetzt , der Meister wartet ! « » Was mag das sein ? « dachte Sender erstaunt , aber um ernstlich darüber nachzusinnen , fühlte er sich zu müde , nur mit Aufgebot aller Kraft konnte er die Werkstätte erreichen und sank da matt auf seinen Schemel . Und mit der Arbeit ging ' s heute noch schlechter als sonst . Jossele Alpenroth tat , als ob er es nicht bemerkte ; aber Sender selbst fühlte , daß es so nicht gehe . Er mußte die Nächte nicht bloß zum Lesen und Schreiben , sondern auch zum Schlaf benutzen . Das tat er denn auch , aber es fiel ihm schwer . Nicht etwa , als ob das Buch , das er nun zunächst durchnahm , gar so fesselnd gewesen wäre . Aus Gehorsam und in der abergläubischen Furcht , dadurch vom rechten Wege abzukommen , ließ er alles andere unberührt liegen und widmete sich der » Deutschen Sprachlehre « . So oft er heimkam und die Bücherlade aufschloß , seufzte er tief auf . Da lag die » Weltgeschichte « , das » Lesebuch « , vor allem aber der Schlüssel zu seinem Paradies - der » Katechismus der Schauspielkunst « , der sogar mit Bildern geschmückt war , die lachende , weinende , zornige und furchtsame Gesichter sowie » Spieler « und » Spielerinnen « in den verschiedensten Haltungen und Kostümen darstellten - und er mußte lernen , was ein » Hauptwort « sei , und dann , wie viele » Zeiten « es im Deutschen gebe ! Es war hart , und nachdem er so stundenlang konjugiert : » Ich liebe - ich liebte - ich habe geliebt - « hätte ihm das Wachen eigentlich schwerer fallen sollen als das Schlafen . Dennoch kämpfte er allnächtlich den gleichen Strauß mit sich selbst : » Nur noch ein halb Stündele , das schadet nicht « , und dann : » Noch zehn Minuten ; das halt ' ich leicht aus « - bis er sein Lager aufsuchte . Denn je rascher er mit dem langweiligen Buche fertig war , desto eher winkten ihm die Freuden des Lesebuchs und endlich auch die Wonnen des » Katechismus « . Er war in jenen Tagen wohl einer der glücklichsten Menschen in Barnow . Denn er war ja auf dem Weg zu seinem Ziel und felsenfest seine Zuversicht , es zu erreichen ! Nur das ewige Verhehlen gegen seine Mutter war ihm zuweilen peinlich ; er trug nun den Schlüssel zu seiner Kammer immer bei sich , obwohl Frau Rosel sie ohnehin nie betrat , und verhängte des Abends das Fenster , daß kein Lichtstrahl hinausdringen konnte . Aber er mußte sie ja hintergehen , und wenn ihr auch die Verwirklichung seiner Pläne gewiß zunächst nur Schmerz brachte , wie reichlich wollte er ihr einst , wenn er ein großer » Spieler « geworden , vergelten , was sie um ihn gelitten ! Sie verdiente es ehrlich , so tief er sie gekränkt , nun wurde sie aus Besorgnis um seine Gesundheit von Tag zu Tag freundlicher gegen ihn . Die Wandlung mehrte das Glücksgefühl , das ihn in diesen Zeiten überkommen , fast hätte er den lästigen Husten gesegnet , der dies herbeigeführt . Aber seltsam ! - als sollte nun alles verschwinden , was ihm unangenehm gewesen , so wurde nun auch , je weiter der März vorschritt , je milder die Lüfte wehten , sein Meister gegen ihn immer freundlicher . Er lachte ihn ordentlich an , wenn er morgens den Laden betrat , und als Sender einmal beim Zusammensetzen eines Uhrwerks gedankenvoll deklinierte : » Das Rädchen , des Rädchens , dem Rädchen , das Rädchen « und dabei mit der Kneifzange die Feder sprengte , war der Meister nur einen Augenblick ungehalten , dann sagte er freundlich : » Mach ' dir nichts daraus , ich leg ' s zum übrigen ! « Sender blickte ihn verblüfft an , aber der kleine Mann ärgerte sich wirklich nicht , lachte sogar über das ganze Gesicht . Hatte er endlich die Geduld verloren und wollte den ungeschickten Lehrling fortschicken ? Das sah Jossele Alpenroth nicht ähnlich ; er war nur eben so ein Uhrmacher , aber ein ehrlicher Mann . Hatte er Böses vor , so schnitt er keine freundliche Miene . » Mir kann ' s recht sein « , dachte Sender vergnügt . » Ich tu ' s gewiß nicht absichtlich , aber ich fürcht ' , die Freud ' mach ' ich ihm noch oft ! « Er wäre minder ruhig gewesen , wenn er den Grund dieser rätselhaften Fröhlichkeit gekannt hätte . Es war derselbe , der seine Mutter mit so zärtlichem Bangen erfüllte . Über Sender zog sich , ohne daß er es ahnte , ein Gewitter zusammen . Gegen Ende April fand , wie alljährlich , die Rekrutierung in Barnow statt , und Sender , der im vorigen Mai sein zwanzigstes Jahr vollendet , hatte sich zu stellen . Das wußte er nicht , konnte es nicht wissen . Er gehörte ja - glaubte er - zu jenen wenigen Glücklichen , die gesetzlich vom Militärdienst befreit waren ; er war der einzige Sohn einer Witwe . Allerdings genügte dies allein nach dem Gesetze nicht , der Sohn mußte der Ernährer der Mutter sein , und Frau Rosel ernährte ja ihn . Aber damit nahm man es in Barnow nicht so genau ; für eine solche Bescheinigung sorgte schon Luiser Wonnenblum , der Schreiber der jüdischen Gemeinde , und man brauchte ihm nicht einmal gute Worte dafür zu geben , nur Geld , viel oder wenig , je nach dem Vermögen der Mutter . Frau Rosel , die arm war , kam vielleicht mit einer Taxe von zwanzig Gulden davon , was für sie freilich ein großer , aber nicht unerschwinglicher Betrag war . So hatte sie es Sender stets gesagt , so oft die Rede darauf gekommen , und hinzugefügt : » Gott hat ein Einsehen gehabt ! Die Sorg ' wenigstens hab ' ich mit dir nicht - es wär ' sonst auch wirklich zu viel ! « Es war keine Lüge , keine Heuchelei , wenn sie so sprach , sie glaubte es selbst so . Nur weil sie eine vorsorgliche Frau war , die alles gern rechtzeitig ordnete , war sie schon mehrere Monate vor der Rekrutierung , im Januar , nach dem Gemeindehause von Barnow gegangen und hatte Luiser Wonnenblum ihr Anliegen vorgetragen . Aber da harrte ihrer eine bittere Enttäuschung . Der kleine , höckerige , pockennarbige Mann blinzelte sie aus seinen schlauen Augen halb mitleidig , halb spöttisch an . » Liebe Frau Rosel « , sagte er überlegen . » Das geht ja nicht , Sender ist ja nicht Euer Sohn ! « » Was ? ! « schrie sie auf , faßte sich aber sofort wieder . » Da irrt Ihr Euch « , sagte sie ruhig . » Mein Sender ist nicht unter meinem Herzen gelegen , aber von seiner Geburt bis heut ' bin ich seine Mutter gewesen . Und auch mit dem Rabbi und den Ältesten hab ' ich ' s ausgemacht , daß er mein Kind ist , an dem sonst niemand ein Recht hat , und sie alle haben mir zugeschworen , er soll nie erfahren , daß er des Schnorrers Sohn ist ... Also - « Luiser hatte ihr ungeduldig zugehört . » Also ist er doch nicht für den Kaiser Euer leiblicher Sohn ! « fiel er ihr ins Wort , » und was kümmert den Kaiser , was Ihr mit dem Rabbi geredet habt ? ! ... Hier steht « - er schlug die Matrikel auf - » ich werd ' s Euch vorlesen , Frau Rosel - Sender Glatteis , Sohn des verstorbenen Talmudisten und Bettelmannes Mendel Glatteis aus Kowno und seiner gleich nach der Geburt des Knaben abgeschiedenen Ehefrau Miriam , unbekannten Geburtsnamens - und das allein gilt ! « Noch immer blieb Frau Rosel gelassen . » So schreibt hinzu « , sagte sie , » daß ich , die Witwe Rosel Kurländer , diesen Sender schon vor zwanzig Jahren an Kindes Statt angenommen habe ! « » Wie kann ich das ? Es wär ' ja eine Lüge ! « » Eine Lüge ? « schrie sie empört auf . » Meine Opfer , meine Tränen , meine schlaflosen Nächte eine Lüge ? ! « » Für den Kaiser ! « erwiderte er . » Den Kaiser ? ! ... Er soll alle Barnower fragen , ob es nicht wahr ist ! ... Und er ist ja auch ein Mensch und hat ein Herz ... « Luiser Wonnenblum lächelte . » Ihr redet , wie Ihr ' s versteht ! Ich sage : der Kaiser , denn wenn ich sagen würde : das Gesetz , so würdet Ihr mich ja noch weniger verstehen . Nämlich des Kaisers Wille ist aufgeschrieben , und danach richtet man sich , und davon gibt es keine Ausnahme . Sagt selbst : hat der Kaiser die Zeit , alle Barnower auszufragen und dann zu entscheiden , ob er der Rosel im Mauthaus den Gefallen tun will ? ! ... Nach dem Gesetz ist Sender nicht Euer Sohn ! Und Ihr könnt ihn auch nicht nachträglich an Kindes Statt annehmen . Adoptieren heißt das - versteht Ihr ? - adoptieren - « » Meinetwegen ! Aber warum nicht ? ! « » Weil Ihr keine Witwe seid ! « Frau Rosel legte die Hand an die Stirne . » Seid Ihr verrückt oder ich ? Keine Witwe ? « » Seid Ihr von Froim , dem Schreiber , geschieden ? Nein ! Ist er tot ? ! Ihr wißt es nicht ! Folglich seid Ihr keine Witwe ; sondern eine Frau , der der Mann durchgegangen ist . Da müßtet Ihr also zuerst eine Klage gegen Froim einreichen , weil er Euch böswillig verlassen hat . Und da man ihn nicht finden könnt ' , müßt ' man die Klage öffentlich ausschreiben und sagen : Meldest du dich ein Jahr nicht , so bist du tot ! Und dann wäret Ihr erst eine Witwe und könntet adoptieren . Aber das dauert mindestens zwei Jahre , und inzwischen kann Euer Sender schon Korporal sein ... « Frau Rosel richtete sich auf . » Das ist ja alles Unsinn « , sagte sie . » Auf welchem Friedhof Froim liegt , weiß ich nicht - Gott geb ' ihm die ewige Ruh ! Jetzt soll ich ihn klagen , weil ich ihn vor zweiundzwanzig Jahren weggejagt hab ' ? ! ... Reden wir deutsch , Reb Luiser ! Was verlangt Ihr ? ! « Luiser Wonnenblum erhob die Augen zum Himmel , als wollte er ihn zum Zeugen machen , welchen Unverstand ein Mann wie er über sich ergehen lassen müsse . » Aber , Frau Rosel ! « sagte er vorwurfsvoll und trat auf sie zu . » Hätt ' ich ' s denn dann nicht gleich gesagt ? ! Verdien ' denn ich nicht gern ? Aber da kann ich nichts tun , und wenn Ihr mir tausend Gulden gebt ... Wahrhaftig - aber - um Gotteswillen ! « unterbrach er sich erschreckt . Frau Rosel wankte , sie war einer Ohnmacht nahe . Hastig ließ er sie auf einen Stuhl gleiten . » So beruhigt Euch doch « , fuhr er fort . » Es ist ja keine Schlechtigkeit von mir ! Wenn Ihr mir vor zwanzig Jahren gesagt hättet : Ich will nicht , daß dies Kind ein Sellner ( korrumpiert aus Söldner , Soldat ) wird - schreibt es als Mädele ein - ich hätt ' s um hundert Gulden getan . Oder : Schreibt ihn gar nicht ein , hätt ' nicht viel mehr gekostet ... Aber jetzt ... jetzt könnt ' ich ihn höchstens sterben lassen ... « » Sterben ? ! « » Ja - freilich müßt ' er dazu nach Tluste gehen , der hiesige Doktor macht solche Sachen nicht . Dort wird ihm ein Totenschein ausgestellt ... erschreckt nicht , solche Leut ' leben am längsten . Freilich muß er dann für einige Jahre nach Rußland gehen oder nach Rumänien , bis er unter anderem Namen zurückkommt ... Das ist das Sicherste , das einzige Sichere , aber es kostet fünfhundert Gulden ! « » So viel hab ' ich nicht ! « murmelte sie mit bleichen Lippen . » Wißt Ihr keinen anderen Weg ? ! « Luiser Wonnenblum zuckte die Achseln . Er kannte deren genug , aber keinen , wo er auch etwas verdienen konnte . Weil aber die Frau so gebrochen war , so meinte er : » Ich kenn ' keinen ... Ein ehrlicher Mann hat mit solchen Sachen nicht gern zu tun ... Aber - fragt doch andere ! « Frau Rosel wandte sich an den Mann , dessen Pflicht es war , den Witwen und Waisen beizustehen , den Rabbi der Gemeinde . Das war ein Mensch anderen Schlages als Luiser , fromm und gewissenhaft , beides freilich nur im Sinne des starren , düsteren Glaubens seiner Sekte . Er galt - und das wollte wahrlich etwas heißen - als der schlimmste , härteste Fanatiker unter den galizischen Chassidim , freilich auch als ein Mann von untadeliger Ehrlichkeit . Aber auch er fand das Bestreben , auf Schleichwegen der Militärpflicht zu entgehen , nicht sündhaft , im Gegenteil , Gott wohlgefällig - wer » Sellner « geworden , konnte ja die Speisegesetze nicht einhalten ! Und vielleicht gab es damals - heute ist es anders und besser - keinen Menschen im Kreise , der anders dachte . Dem Städter und dem Bauer , dem Polen , Ruthenen und Juden - ihnen allen war jedes Mittel recht , den Staat um die Blutsteuer zu betrügen . Und vielleicht gereichte diese Anschauung nicht ihnen allein zur Unehre , sondern auch dem Staate , der nun acht Jahrzehnte über jene Landschaft gebot , ohne ihre Bewohner zu einer sittlicheren Auffassung ihrer Pflicht erzogen zu haben . » Schlimm « , sagte Rabbi Manasse Kirschenkuchen , » sehr schlimm ! Vielleicht ist es eine Strafe Gottes ! Ich will ' s nicht Euch zum Vorwurf sagen , ich bin ja mitschuldig . Aber recht war ' s von uns beiden nicht ! Das kommt von den Heimlichkeiten - wir hätten dem Knaben seine Abstammung nicht verhehlen sollen . Wir haben ' s aus gutem Herzen getan , um ihn vor seines Vaters Schicksal zu bewahren , aber das hätte sich vielleicht auch richten lassen , ohne auf unser Haupt Sünde zu häufen . Dem armen Mendele lebt ein Sohn , aber der weiß nichts von seinem Vater und sagt ihm an seiner Jahrzeit ( Sterbetag ) keinen Kadisch nach . Um das haben wir den Toten betrogen - « » Ich laß die Jahrzeit seiner Eltern halten « , beteuerte Frau Rosel , » freilich durch einen Fremden ... « » Gott hat aber geboten « , sagte der Rabbi bekümmert , » daß es das eigene Fleisch und Blut tut . « » Und dann betet er aus seines Vaters Gebetbuch « , fuhr sie zu ihrer Entschuldigung fort . » Ich hab ' s ihm gegeben , es war ohnehin sein einziges Erbe ! ... Und gibt es auf unserem guten Ort ( Friedhof ) zwei besser gepflegte Gräber , als die von Mendele und Miriam ? ! « Der Rabbi seufzte . » Das wird uns vor Gott nicht entlasten « , sagte er . » Und dann noch eine Sünd ' : Sender ist über zwanzig Jahr ' alt und hat noch kein Weib ! Ich weiß , es ist nicht Eure , sondern seine Schuld - aber eine Sünd ' bleibt ' s doch . Und für die Rekrutierung ist es auch nicht gut . Freilich muß die Kommission auch verheiratete Leut ' nehmen - gottlob sind die meisten Juden schon mit zwanzig Jahren verheiratet . Aber wenn so ein junger Mensch vor den Herren weint : Mein Weib , meine vier Kinder ! so nehmen sie doch lieber einen anderen , der keine Kinder hat , und am liebsten einen Ledigen ... Ein Lediger , Frau Rosel , ist schon gar verloren ! Ihr solltet doch noch einmal mit Reb Itzig sprechen - es sind ja noch drei Monate Zeit ... « » Ich werd ' es tun « , versprach sie . » Aber das allein bringt ihn ja nicht frei . An wen soll ich mich sonst wenden ? ! « » Da ist nicht leicht raten - « erwiderte der Rabbi , » es ist ja ein notwendiges Geschäft , aber ehrliche Leute betreiben es nicht . Wollt Ihr die Kommission bestechen , so sind der Herr v. Wolczynski und Dovidl Morgenstern die anständigsten Vermittler , wollt Ihr lieber einen Fehlermacher nehmen , so rat ' ich Euch zu Srul , dem Cyrulik ( Bader ) , oder zum Wundarzt Grundmayer . « Schon am nächsten Tage eröffnete Frau Rosel die Verhandlungen . Itzig Türkischgelb , den sie zunächst zu sich entbot , schüttelte wehmütig den Kopf . » Wer bin ich ? « sagte er gekränkt . » Antwortet mir zur Güte , Frau Rosel ! Bin ich Reb Itzig , der geschickteste Schadchen ( Heiratsvermittler ) im ganzen Land , oder bin ich es nicht ? Braucht man mich noch daran zu erinnern , wenn man mir einen Auftrag gegeben hat ? ! Bin ich eine Uhr , die man immer von neuem aufziehen muß ? ! Ich lauf ' von selber und lauf ' und lauf ' , bis die Sach ' im reinen ist . Auch für Sender hab ' ich mir die Seel ' aus dem Leib gelaufen und geredet - es nützt nichts ! Glaubt Ihr , ich bin müßig , weil ich nicht zu Euch komm ' ? Aber ich hab ' Euch nichts Gutes zu erzählen ! Es war ja schon früher nicht leicht , aber seit der Mielnicer Sach ' will gar niemand mehr von ihm hören . « » Das habe ich gedacht « , erwiderte Frau Rosel bekümmert . » Jetzt wär ' ich aber auch mit einer geringeren Familie zufrieden ... « Reb Itzig nickte . » Natürlich ! Aber war denn der Uhrmacher in Mielnica gar so was Feines ? Ein Prostak ( gemeiner , ungebildeter Mensch ) , in der ganzen Familie niemand , der je ein Blatt Talmud gelesen hat , und der Bruder im Zuchthaus ! Viel tiefer können wir nicht mehr greifen - das heißt , soweit meine War ' reicht ! Reb Srulze in Tluste , der die Knecht ' mit den Mägden verheiratet , der könnt ' Euch täglich drei Partien vorschlagen ; mein Geschäft ist ein anderes . Aber seid ruhig ! Was ich tun kann , geschieht ja und wirklich nicht bloß , um meinen Vermittlerlohn zu verdienen , sondern weil ich Euch gern hab ' und - verzeiht - Euren Sender noch mehr ! Ein Pojaz , wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat ! Aber glaubt Ihr , daß das die Leut ' lockt ? Wenn ich ihn feineren Leuten vorschlag ' , werfen sie mich gleich hinaus , sobald ich seinen Namen genannt hab ' , mittlere Leut ' lassen mich noch eine halbe Stund ' reden und werfen mich dann hinaus ; gemeine Leut ' hören mich bis zu End ' an und sagen dann : Geht , Reb Itzig , und kommt mir mit dem nie wieder ! Ihr seht , Frau Rosel , ich hab ' nicht viel Freud ' davon ! « » Er hat sich aber in letzter Zeit geändert « , erwiderte sie . » Er macht keine Streich ' mehr , spricht mit keinem , sogar am Sabbat sitzt er in seiner Kammer , statt wie sonst bei Simche ... « » So ? « fragte Türkischgelb . » Ich hab ' mir gedacht , nur mir weicht er aus , weil er fürchtet , ich trag ' immer in der Kaftantasch ' ein Mädele bei mir und schwups , werf ' ich ' s ihm an den Hals ! ... Also still ist der Pojaz worden ? Fürchtet er sich vor der Rekrutierung so sehr ? ! « » Davon weiß er ja noch nichts ! « erwiderte sie . » Ich weiß gar nicht , wie ich ' s ihm beibringen soll ! ... Nein , er fühlt sich vielleicht - « sie stockte - ums Himmelswillen , von seinem Unwohlsein durfte sie nichts verraten , das machte die » Partie « noch schlechter - » vielleicht sieht er ein , daß es Zeit ist , vernünftig zu werden ... Ja , das könnt Ihr den Leuten ruhig sagen « , fuhr sie fort . » Ich bitt ' Euch , gebt Euch Müh ' ! Ihr habt ihn ja auch gern . « Ihre Augen füllten sich mit Tränen . » Soll er deshalb Sellner werden ? ! « » Behüte ! « tröstete der gutmütige Marschallik . » Einige wüßt ' ich ja schon heut ' - aber ob der Pojaz ihnen passen wird ? ! Euch werden sie passen ! « fügte er hinzu , weil sein Handwerk diese Diplomatie vorschlug , aber da er ein ehrlicher Mann war , so klang seine Stimme dabei etwas unsicher . » Redet ! « rief sie eifrig . » Da wär ' die Schwestertochter vom Tluster Rabbi ! « sagte er . » Was das für ein Adel ist , brauch ' ich Euch nicht zu sagen ! Und die möcht ' dem Pojaz schon den Kopf zurechtsetzen , sie ist ' s von ihrem seligen Mann gewohnt . « » Also eine Witwe ? Hat sie Kinder ? « » Natürlich ! « rief der Marschallik eifrig . » Ich werd ' doch für meinen Sender , den ich so gern hab ' , keine Frau aussuchen , die vielleicht kinderlos bleibt . Darüber könnt Ihr bei der beruhigt sein ! « » Wieviel Kinder hat sie ? « » Für Kindersegen « , erwiderte der Marschallik , » dankt man Gott , aber man zählt ihn nicht . Und vor der Kommission ist es ja gut , wenn Sender sagen kann : Erbarmen - ich hab ' neun Kinder ! Das älteste ist neunzehn , das jüngste zwei Jahr ' alt , und alle sind versorgt , der Rabbi versorgt sie . Und ebenso wird er den zweiten Mann seiner Nichte und die Kinder , die Gott ihr noch schenkt , ernähren ! « » Ich hab ' von ihm gehört « , sagte Frau Rosel . » Er soll durch Wundermachen viel Geld verdienen , aber nichts zurücklegen . Und wenn der Greis stirbt ? « » Der Greis ? ! « rief der Marschallik . » Kaum achtzig ist er ! Eine Leuchte in Israel , wie ihn erhält Gott bis zu hundert und zwanzig Jahr ' . « Die Frau schüttelte den Kopf . » Das ist mir doch etwas zu unsicher ! Auch könnt ' sie ja Senders Mutter sein ! « » Freilich könnt ' sie das , aber wenn sie jünger wär ' und keine neun Kinder hätt ' und wenn der Alte nicht schon so schwach wär ' , daß ihn ein Windstoß umblasen kann - würde da sie den Pojaz nehmen ? ... Seid gescheit , Frau Rosel , seid gescheit ! Übrigens , weil Ihr es seid , ich hab ' auch ein jung Mädele für Euch - siebzehn Jahr ' , gesund , hübsch , hat bare siebenhundert Gulden ! Alles die Wahrheit - bei meinen Kindern schwör ' ich ' s ! « » Wo leben die Eltern ? « » Der Großvater , Reb Mosche - mit dem deutschen Namen tut er sich Pulverbestandteil schreiben - hält eine Schänke bei Tarnopol , das Mädele ist in seinem Haus aufgewachsen . « » Also sind die Eltern tot ? « » Was fragt Ihr immer nach den Eltern ? ! Wenn von denen was zu erzählen wär ' , möcht ' ich ' s gleich sagen . Es ist aber nichts von ihnen zu sagen . Die Mutter lebt irgendwo , vielleicht in der Türkei , ich weiß nicht wo ... « » In zweiter Ehe ? « » Natürlich ! Oder doch wahrscheinlich ! Möglich wenigstens ist es , daß sie in den sechzehn Jahren , wo sie fort ist , zweimal geheiratet hat . Denn wie sie fort ist , da war sie noch gar nicht verheiratet ... « » Und einer solchen Mutter Kind wagt Ihr mir anzutragen ? « rief Frau Rosel mit flammenden Augen . » Ja « , erwiderte Türkischgelb , » ich hab ' s gewagt , weil ich Euch für edler gehalten hab ' , als Ihr seid ! Was kann das arme Mädele für seine schlechte Mutter ? ! Da werft Ihr ihm am End ' auch vor , daß der Großvater schon zweimal im Kriminal gesessen hat ? Übrigens « , fuhr er einlenkend fort , » daran liegt mir nichts , ich hab ' Reb Moschele schon gesagt : Um da meinen Vermittlerlohn zu verdienen , werd ' ich Euch einen vom Galgen herunterschneiden müssen ! ... Aber nun im Ernst gesprochen - ist Euch für Euren Sender eine Tochter vom Reb Chaim Goldgulden in Kolomea gut genug ? Lea heißt sie ! « » Wie nicht ? ! « rief sie erfreut . » Er ist ein Ehrenmann und wohlhabend . Aber hat denn der noch eine Tochter zu verheiraten ? Der Enkel von unserem Reb Mosche Freudenthal hat ja die jüngste bekommen . « » Nein , Lea ist die Jüngste ... Das heißt - bei Euch muß man jedes Wort auf die Waagschale legen - vielleicht ist sie es nicht , vielleicht ist sie sogar die älteste von den Schwestern , was weiß ich ? - Nach ihrer Größe könnt ' sie jedenfalls die jüngste sein ! « » Ist sie so klein ? « fragte Rosel argwöhnisch . » Frau Rosel « , rief der Marschallik , » macht mich nicht ungeduldig ! Saget mir : Sieben Fuß hoch muß sie sein , drei Zentner muß sie wiegen ! Dann weiß ich , wo ich Euch Eure Schwiegertochter zu suchen hab ' : auf dem Markt , wo man die Riesendamen zeigt ... Reb Chaim Goldguldens Tochter braucht nicht höher zu sein wie der Tisch da und ist doch eine gute Partie ! « » Nicht höher ? ! « rief sie erschreckt . » Um Gotteswillen , dann ist sie ja eine Zwergin . Das ist ja unnatürlich ... « » Nein ! « donnerte Reb Itzig . » Solche Reden verbitt ' ich mir ! Unnatürliches ist nichts daran . Habt Ihr schon gesehen , daß ein Mädele , dem von Kindheit auf das Rückgrat gekrümmt ist , groß wird wie ein Dragoner ? « » Aber Sender wird doch die bucklige Zwergin nicht wollen ! « Der Marschallik zuckte die Achseln ... » Seine Sach ' - Eure Sach ' , nicht meine . Meine Pflicht hab ' ich getan , aber mir ist das Herz sehr schwer ... Ältlich darf sie nicht sein , unehelich darf sie nicht sein , bucklig darf sie nicht sein - eine Braut , die Euch passen könnt ' , ist noch nicht geboren worden ! Noch nicht geboren ! « wiederholte er schmerzvoll . » Aber - weil Ihr es seid , ich will weiter suchen . Soweit meine Kraft reicht , soll mein Sender kein Sellner werden ! « Aber er kam schon nach zwei Tagen wieder , diesmal strahlend vor ehrlicher Freude . » Heut ' brauch ' ich Euch nichts vorzureden « , sagte er . » Die Rechte ist gefunden ! Gestern war ich in Chorostkow und hab ' natürlich auch meine jüngste Tochter Jütta besucht . Ihr wißt , sie ist dort bei Reb Hirsch Salmenfeld aufgenommen wie ein eigen Kind , weil sie so gut kochen und nähen kann . Bei der Gelegenheit hat Reb Hirsch mit mir gesprochen ; er will einen Mann für seine Malke , eine Tochter aus erster Ehe . Das Mädchen bekommt achthundert Gulden , ist schön , jung und gesund , umd meine Jütta , die bei aller Jugend ein kluges Kind ist , sagt mir : Gesegnet der Mann , der unsere Malke bekommt ! Also - an ihr ist kein Fleckele und an dem Vater auch nicht , aber er hat Unglück mit seinen Brüdern gehabt . Der älteste , ein Militärarzt , ist Christ geworden , der jüngere , ein Advokat in Czernowitz , lebt natürlich wie ein Deutsch . Bei diesem Onkel war Malke als Kind und hat dort leider Deutsch lesen und schreiben gelernt . Ihr seht , ich verschweig ' Euch nichts . Aber sie ist deshalb doch ein ehrlich jüdisch Kind und Reb Hirsch , grad ' weil er sich der Sünden seiner Brüder schämt , ein doppelt frommer Mann . Er weiß , daß trotzdem manchem die Verwandtschaft nicht passen wird , und wär ' darum mit Sender einverstanden . « Er hatte in anderer Tonart gesprochen als sonst , schlicht