jemand , den sie leiden mochte , bei ihr vorkehrte und mit ihr plauderte . Als sie meine Malerkünste entdeckt hatte , trug sie mir sogleich auf , ihr ein Blumensträußchen zu malen , welches sie mit Zufriedenheit in ihr Gesangbuch legte . Sie besaß ein kleines Stammbüchelchen von der Stadt her , das nur zwei oder drei Inschriften und eine Menge leerer Blätter mit Goldschnitt enthielt ; von diesen gab sie mir bei jedem Besuche einige , daß ich eine Blume oder ein Kränzchen darauf male ( Farben und Pinsel hatte ich schon bei ihr zurückgelassen , und sie verwahrte dieselben sorgfältig ) ; dann wurde ein Vers oder witziger Spruch darunter geschrieben und ihr Kirchenbuch mit solchen Bildchen , die ich in wenigen Minuten anfertigte , gefüllt . Die Verse wurden einer großen Sammlung bedruckter Papierstreifchen entnommen , welche sie als Überbleibsel früher genossenen Zuckerzeuges aufbewahrte . Durch diesen Verkehr war ich heimisch und vertraut bei ihr geworden , und indem ich immer an die junge Anna dachte , hielt ich mich gern bei der schönen Judith auf , weil ich in jener unbewußten Zeit ein Weib für das andere nahm und nicht im mindesten eine Untreue zu begehen glaubte , wenn ich im Anblicke der entfalteten vollen Frauengestalt behaglicher an die abwesende zarte Knospe dachte als anderswo , ja als in Gegenwart dieser selbst . Manchmal traf ich sie am Morgen , wie sie ihr üppiges Haar kämmte , welches geöffnet bis auf ihre Hüften fiel . Mit dieser wallenden Seidenflut fing ich neckend an zu spielen , und Judith pflegte bald , ihre Hände in den Schoß legend , den meinigen ihr schönes Haupt zu überlassen und lächelnd die Liebkosungen zu erdulden , in welche das Spiel allmählich überging . Das stille Glück , welches ich dabei empfand , nicht fragend , wie es entstanden und wohin es führen könne , wurde mir Gewohnheit und Bedürfnis , daß ich bald täglich in das Haus huschte , um eine halbe Stunde dort zuzubringen , eine Schale Milch zu trinken und der lachenden Frau die Haare aufzulösen , selbst wenn sie schon geflochten waren . Dies tat ich aber nur , wenn sie ganz allein und keine Störung zu befürchten war , so wie sie auch nur dann es sich gefallen ließ , und diese stillschweigende Übereinkunft der Heimlichkeit lieh dem ganzen Verkehre einen süßen Reiz . So war ich eines Abends , vom Berge kommend , bei ihr eingekehrt ; sie saß hinter dem Hause am Brunnen und hatte soeben einen Korb grünen Salat gereinigt ; ich hielt ihre Hände unter den klaren Wasserstrahl , wusch und rieb dieselben wie einem Kinde , ließ ihr kalte Wassertropfen in den Nacken träufeln und spritzte ihr solche endlich mit unbeholfenem Scherze ins Gesicht , bis sie mich beim Kopfe nahm und ihn auf ihren Schoß preßte , wo sie ihn ziemlich derb zerarbeitete und walkte , daß mir die Ohren sausten . Obgleich ich diese Strafe halb und halb bezweckt hatte , wurde sie mir doch zu arg ; ich riß mich los und faßte meine Feindin , nach Rache dürstend , nun meinerseits beim Kopfe . Doch leistete sie , indem sie immer sitzen blieb , so kräftigen Widerstand , daß wir beide zuletzt heftig atmend und erhitzt den Kampf aufgaben und ich , beide Arme um ihren weißen Hals geschlungen , ausruhend an ihr hangen blieb ; ihre Brust wogte auf und nieder , indessen sie , die Hände erschöpft auf ihre Knie gelegt , vor sich hinsah . Meine Augen gingen den ihrigen nach in den roten Abend hinaus , dessen Stille uns umfächelte ; Judith saß in tiefen Gedanken versunken und verschloß , die Wallung ihres aufgejagten Blutes bändigend , in ihrer Brust innere Wünsche und Regungen fest vor meiner Jugend , während ich , unbewußt des brennenden Abgrundes , an dem ich ruhte , mich arglos der stillen Seligkeit hingab und in der durchsichtigen Rosenglut des Himmels das feine , schlanke Bild Annas auftauchen sah . Denn nur an sie dachte ich in diesem Augenblicke ; ich ahnte das Leben und Weben der Liebe , und es war mir , als müßte ich nun das gute Mädchen alsogleich sehen . Plötzlich riß ich mich los und eilte nach Hause , von wo mir der schrille Ton einer Dorfgeige entgegenklang . Sämtliche Jugend war in dem geräumigen Saale versammelt und benutzte den kühlen , müßigen Abend , nach den Weisen des herbeigerufenen Geigers sich gegenseitig im Tanze zu unterrichten und zu üben ; denn die älteren Glieder der Sippschaft befanden für gut , auf die Feste des nahenden Herbstes den jüngern Nachwuchs vorzubereiten und dadurch sich selbst ein vorläufiges Tanzvergnügen zu verschaffen . Als ich in den Saal trat , wurde ich aufgefordert , sogleich teilzunehmen , und indem ich mich fügte und unter die lachenden Reihen mischte , ersah ich plötzlich die errötende Anna , welche sich hinter denselben versteckt hatte . Da war ich sehr zufrieden und innerlich hoch vergnügt ; aber obgleich schon Wochen vergangen , seit ich sie zum ersten Male gesehen , ließ ich meine Zufriedenheit nicht merken und entfernte mich , nachdem ich sie kurz begrüßt , wieder von ihr , und als meine Basen mich aufforderten , mit ihr , die gleichfalls anfing , einen Tanz zu tun , suchte ich ungefällig und unter tausend Ausflüchten auszuweichen . Dieses half nichts ; widerstrebend fügten wir uns endlich und tanzten , einander nicht ansehend und uns kaum berührend , etwas ungeschickt und beschämt einmal durch den Saal . Ungeachtet es mir schien , als ob ich einen jungen Engel an der Hand führte und im Paradiese herumwalzte , trennten wir uns doch nach der Tour so schleunig wie Feuer und Wasser und waren in selbem Augenblicke an den entgegengesetzten Enden des Saales zu sehen . Ich , der ich kurz vorher unbefangen und mutwillig die Wangen der großen und schönen Judith zwischen meine Hände gepreßt , hatte jetzt gezittert , die schmale , fast wesenlose Gestalt des Kindes zu umfangen , und dieselbe fahrenlassen wie ein glühendes Eisen . Sie verbarg sich ihrerseits wieder hinter die fröhlichen Mädchen und ließ sich sowenig mehr in die Reihen bringen als ich ; hingegen bestrebte ich mich , meine Worte an die Gesamtheit zu richten und so zu stellen , daß sie von Anna auch hingenommen werden mußten , und bildete mir ein , sie meine es mit den wenigen Wörtchen , die sie hören ließ , ebenfalls so . Sie war , da sie mit den Töchtern meines Oheims einen lebhaften Taubenverkehr führte , mit einem Körbchen voll junger Täubchen angekommen , was hauptsächlich das Heraufrufen des vorbeiziehenden Geigers veranlaßt hatte . Nun wurde verabredet , daß die Tanzübungen mehrere Male wiederholt werden sollten . Für jetzt aber war es notwendig , da es dunkel geworden , daß jemand die Anna nach Hause begleite , und dazu wurde ich ausersehen . Diese Kunde klang mir zwar wie Musik ; doch drängte ich mich nicht sonderlich vor ; denn es erwachte ein Stolz in mir , der es mir fast unmöglich machte , gegen das junge Ding freundlich zu tun , und je lieber ich es in meinem Herzen gewann , desto mürrischer und unbeholfener wurde mein Äußeres . Das Mädchen aber blieb immer gleich , ruhig , bescheiden und fein und band gelassen seinen breiten Strohhut um , auf welchem eine Rose lag ; der Nachtkühle wegen brachte die Muhme einen prachtvollen weißen Staatsshawl aus alter Zeit , mit Astern und Rosen besäet , den man um ihr blaues , halb ländliches Kleid schlug , daß sie mit ihren Goldhaaren und dem feinen Gesichtchen aussah wie eine junge Engländerin aus den neunziger Jahren . So wandte sie sich nun anscheinend ganz ruhig zum Gehen , gewärtig , wer sie begleiten würde , aber sich deswegen nicht unentschlossen aufhaltend . Sie lächelte , durch den Mutwillen der Basen belebt und gedeckt , über meine Ungeschicklichkeit , ohne sich nach mir umzublicken , und vermehrte so meine Verlegenheit , da ich gegenüber den zusammenhaltenden und verschworenen Mädchen allein dastand und fast willens war , im Saale zurückzubleiben . Doch erbarmte sich die älteste Base meiner und rief mich noch einmal entschieden heran , so daß es mit meiner Ehre verträglich war , mich wenigstens dem Zuge anzuschließen , der sich vor das Haus bewegte . Wir gingen gemeinschaftlich bis an das Ende des Dorfes , wo der Berg anhub , über welchen Anna zu gehen hatte . Dort wurde Abschied genommen ; ich stand im Hintergrunde und sah , wie sie ihr Tuch zusammenfaßte und sagte : » Ach , wer will nun eigentlich mit mir kommen ? « indessen die Mädchen schalten und sagten : » Nun , wenn der Herr Maler so unartig ist , so muß eben jemand anders dich begleiten ! « und ein Bruder rief : » Ei , wenn es sein muß , so gehe ich schon mit , obgleich der Maler ganz recht hat , daß er nicht den Jungfernknecht spielt , wie ihr es immer gern einführen möchtet ! « Ich trat aber hervor und sagte barsch : » Ich habe gar nicht behauptet , daß ich es nicht tun wolle , und wenn es der Anna recht ist , so begleite ich sie schon . « - » Warum sollte es mir nicht recht sein ? « erwiderte sie , und ich schickte mich an , neben ihr herzugehen . Allein die übrigen riefen , ich müßte sie durchaus am Arme führen , da wir so feine Stadtleutchen seien ; ich glaubte dies und schob meinen Arm in den ihrigen , sie zog ihn rasch zurück und faßte mich unter den Arm , sanft , aber entschieden , indem sie lächelnd nach dem spottenden Volke zurücksah ; ich merkte meinen Fehler und schämte mich dergestalt , daß ich , ohne zu sprechen , den Berg hinanstürmte und das arme Kind mir beinahe nicht folgen konnte . Sie ließ sich dies nicht ansehen , sondern schritt tapfer aus , und sobald wir allein waren , fing sie ganz geläufig und sicher an zu plaudern über die Wege , welche sie mir zeigen mußte , über das Feld , über den Wald , wem diese und jene Parzelle gehöre und wie es hier und dort vor wenigen Jahren noch gewesen sei . Ich wußte wenig zu erwidern , während ich aufmerksam zuhörte und jedes Wort wie einen Tropfen Muskatwein verschlang ; meine Eile hatte schon nachgelassen , als wir die Höhe des Berges erreichten und auf seiner Ebene gemächlich dahingingen . Der funkelnde Sternhimmel hing weit gebreitet über dem Lande , und doch war es dunkel auf dem Berge , und die Dunkelheit band uns näher zusammen , da wir , unsere Gesichter kaum sehend , einander auch besser zu hören glaubten , wenn wir uns fest zusammenhielten . Das Wasser rauschte vertraulich im fernen Tale , hier und da sahen wir ein mattes Licht auf der dunklen Erde glimmen , welche sich massenhaft mit ihrem schwarzen Schatten vom Himmel sonderte , der sie am Rande mit einem blassen Dämmergürtel umgab . Ich beachtete dieses alles , lauschte den Worten meiner Begleiterin und bedachte zugleich für mich meine Freude und meinen Stolz , eine Geliebte am Arme zu führen , als welche ich sie ein für allemal betrachtete . Wir sprachen nun ganz munter und aufgeräumt von tausend Dingen , von gar nichts , dann wieder mit wichtigen Worten von unseren gemeinsamen Verwandten und ihren Verhältnissen , wie alte kluge Leute . Je näher wir ihrer Wohnung kamen , deren Licht bereits in der Tiefe glühte wie ein Leuchtwurm , desto sicherer und lauter wurde Anna ; ihre Stimme klingelte unaufhörlich und fein , gleich einem fernen Vesperglöckchen ; ich setzte ihren artigen Einfällen die besten meiner eigenen Erfindung entgegen , und doch hatten wir uns den ganzen Abend noch nie unmittelbar angeredet , und das Du war seit jenem einen Male nie mehr zwischen uns gefallen . Wir hüteten es , wenigstens ich , im Herzen gleich einem goldenen Sparpfennige , den man auszugeben gar nicht nötig hat ; oder es schwebte wie ein Stern weit vor uns in neutraler Mitte , nach welchem sich unsere Reden und Beziehungen richteten und sich dort vereinigten wie zwei Linien in einem Punkte , ohne sich vorher unzart zu berühren . Erst als wir in der Stube waren und ihren sie erwartenden Vater begrüßt hatten , nannte sie , die Ereignisse des Abends froh erzählend , beiläufig ganz unbefangen meinen Namen , sooft es erforderlich war , und nahm , unter dem Schutze ihres Vaterhauses , wo sie sich geborgen fühlte wie eine Taube im Neste , unbesehens das Wörtchen Du hervor und warf es unbekümmert hin , daß ich es nur aufzunehmen und ebenso arglos zurückzugeben brauchte . Der Schulmeister machte mir Vorwürfe über mein langes Ausbleiben , und um sicher zu gehen , forderte er mich zu dem Versprechen auf , gleich am nächsten Morgen früh zu kommen und den ganzen Tag an seinem See zuzubringen . Anna übergab mir den Shawl , den ich wieder zurücktragen sollte ; dann leuchtete sie mir vor das Haus und sagte adieu mit jenem angenehmen Tone , der ein anderer ist nach einer stillschweigend geschlossenen Freundschaft als vorher . Kaum war ich aus dem Bereiche des Hauses , so schlug ich das blumige weiche Tuch , das mir eine Wolke des Himmels zu sein dünkte , um Kopf und Schultern und tanzte darin wie ein Besessener über den nächtlichen Berg . Als ich auf seiner Höhe war unter den Sternen , schlug es unten im Dorfe Mitternacht ; die Stille war nun nah und fern so tief geworden , daß sie in ein geisterhaftes Getöse überzugehen schien , und nur wenn sich diese Täuschung zerstreute und man gesammelt horchte , rauschte und zog unten der Fluß . Ein seliger Schauer schien , als ich einen Augenblick stand wie festgebannt , rings vom Gesichtskreise heranzuzittern an den Berg , in immer engeren Zirkeln bis dicht an mein Herz . Ich entledigte mich andächtig meiner närrischen Umhüllung , legte sie zusammen , stieg träumend den Abhang hinunter und fand den Weg nach Hause , ohne auf ihn achtzugeben . Drittes Kapitel Bohnenromanze Am nächsten Morgen legte ich denselben Weg , der von Tau und Sonne funkelte und blitzte , mit meinem Geräte beladen , zurück und sah bald den See unter dem Morgendufte hervor leuchten . Haus und Garten waren vom jungen Tag übergoldet und warfen ihr kristallenes Gegenbild in die Flut ; zwischen den Beeten bewegte sich eine blaue Gestalt , so fern und klein wie in einem Nürnberger Spielzeuge ; das Bild verschwand wieder hinter den Bäumen , um bald desto größer und näher hervorzutreten und mich in seinen Rahmen mit aufzunehmen . Schulmeisters hatten mit dem Frühstücke auf mich gewartet ; ich war sehr eßlustig geworden durch den weiten Weg und sah mich daher mit großer Zufriedenheit hinter dem Tische , während Anna die Tugenden eines Hausmütterchens aufs lieblichste spielen ließ und sich endlich neben mich setzte und so zierlich und mäßig an dem Essen nippte wie eine Elfe und als ob sie keine irdischen Bedürfnisse hätte . Ich sah sie indessen kaum eine Stunde nachher mit einem mächtigen Stück Brot in der Hand und , mir auch ein solches bringend , unbefangen und tüchtig dreinbeißen mit ihren kleinen weißen Zähnen , und dies begierige Essen im Gehen und Plaudern stand ihr ebenso wohl an wie vorher der bescheidene Anstand am Tische . Nach dem Frühstücke war der Vater mit der alten Magd in seinen Weinberg gestiegen , um von den reifenden Trauben das Laub zu brechen , welches den Sonnenstrahlen den Zugang versperrte . Die Besorgung des Weinberges war , nebst dem Schlagen und Kleinmachen des Holzes , seine Hauptarbeit in seinem beschaulichen Leben . Ich aber sah mich nach einem Gegenstande meiner Tätigkeit um . Anna hatte eine mächtige Wanne voll grüner Bohnen der Schwänzchen zu entledigen und an lange Fäden zu reihen , um sie zum Dörren vorzubereiten . Damit ich in ihrer Nähe bleiben konnte , gab ich vor , ich müßte nun zur Abwechslung einmal Blumen nach der Natur malen , und bat sie , mir einen Strauß derselben zu brechen . Der Zusammenstellung wegen begleitete ich sie in den Garten , und nach einer guten halben Stunde hatten wir endlich eine hübsche Menge beisammen und setzten sie in ein altmodisches Prunkglas und dieses auf einen Tisch , der in einer Weinlaube hinter dem Hause stand ; Anna schüttete ihre Bohnen rings darum her , und wir setzten uns einander gegenüber , bis zur Mittagsstunde arbeitend und von unseren beiderseitigen Lebensläufen erzählend . Ich war nun ganz erwärmt und heimisch geworden und begann bald mit der Überlegenheit eines Bruders dem guten Kinde mit wichtigen Urteilen , eingestreuten Bemerkungen und Belehrungen zu imponieren , indessen ich meine Blumen mit verwegenen bunten Farben anlegte und sie mir erstaunt und vergnügt zuschaute , über den Tisch gebeugt und ein Büschel Bohnen in der einen , das kleine Taschenmesserchen in der anderen Hand . Ich brachte den Strauß in natürlicher Größe auf einen Bogen und gedachte damit ein rechtes Prunkstück im Hause zurückzulassen . Inzwischen kam die Magd vom Berge und forderte meine Gespielin auf , ihr zum Bereiten des Essens behilflich zu sein . Diese kurze Trennung , dann das Wiedersehen am Tische , die Ruhestunde nach demselben , das Billigen meiner vorgeschrittenen Arbeit von seiten des Schulmeisters , gewürzt mit weisen Sprüchen , und endlich die Aussicht auf ein abermaliges Zusammensein bis zum Abend in der Laube veranlaßten ebenso viele angenehme Bewegungen und Zwischenspiele . Anna schien auch meines Sinnes zu sein , da sie eben wieder einen ansehnlichen Haufen Bohnen auf den Tisch schüttete , welcher bis zum Abend auszureichen schien . Allein die Haushälterin erschien plötzlich und erklärte , daß Anna mit in den Weinberg müßte , damit man heute mit demselben noch fertig würde und eines kleinen Überbleibsels wegen nicht am andern Tage hinzugehen brauche . Diese Erklärung betrübte mich , und ich ward sehr ärgerlich über die alte Frau ; Anna hingegen brach sogleich willig und freundlich auf und bezeigte weder Freude noch Verdruß über die Änderung ihres Planes . Die Alte , als sie mich bleiben sah , sagte , ob ich nicht auch mitkomme , ich werde doch nicht allein hiersein wollen und es sei recht schön im Weinberge . Allein ich war nun schon zu tief betrübt und unwillig und erklärte , ich müßte meine Zeichnung zu Ende führen . Bald saß ich allein in der einsamen Gegend und der Nachmittagsstille und fühlte mich nun doch wieder zufrieden . Auch kam dieses Alleinsein meinem Machwerke zu gut , indem ich mir mehr Mühe gab , die natürlichen Blumen vor mir wirklich zu benutzen und an ihnen zu lernen , während ich am Vormittage mehr nach meiner früheren Kindermanier drauflosgepinselt hatte . Ich mischte die Farben genauer und verfuhr reinlicher und aufmerksamer mit den Formen und Schattierungen , und dadurch entstand ein Bild , welches an der Wand unschuldiger Landbewohner etwas vorstellen konnte . Darüber verfloß die Zeit schnell und leicht und brachte den Abend , indessen ich mit Liebe die Zeichnung nach meiner Einsicht vervollkommnete und überall ein Blatt oder einen Stiel ausbesserte und einen Schatten verstärkte . Die Neigung für das Mädchen lehrte mich dies gewissenhafte Fertigmachen und Durchgehen der Arbeit , welches ich bis dahin noch nicht gekannt ; und als ich gar nichts mehr anzubringen sah schrieb ich in eine Ecke des Blattes » Heinrich Lee fecit « und unter den Strauß mit gotischer Schrift den Namen der künftigen Eigentümerin . Der Weinberg mußte inzwischen noch ein großes Stück Arbeit gegeben haben , denn schon schwebte die Sonne dicht über dem Waldrande und warf ein feuerfarbenes Band über das dunkelnde Gewässer her , und noch hörte ich nichts von meinen Gastfreunden Ich setzte mich auf die Stufen vor dem Hause ; die Sonne ging hinab und ließ eine tiefe Goldglut zurück , welche auf alles einen Nachglanz verbreitete und das Bild auf meinen Knien wunderbar verklärte und etwas Rechtem gleichsehen ließ . Da ich sehr früh aufgestanden war und in diesem Augenblicke auch sonst nichts Besseres zu tun wußte , schlief ich allmählich ein , und als ich erwachte , standen die Zurückgekehrten in der vorgerückten Dämmerung bei mir und am dunkelblauen Himmel wieder die Sterne . Meine Malerei wurde nun in der Stube bei Licht besehen , die Magd schlug die Hände über dem Kopf zusammen und hatte noch nie etwas Ähnliches erblickt ; der Schulmeister fand mein Werk gut und belobte meine Artigkeit gegen sein Töchterchen mit schönen Worten und freute sich darüber ; Anna lächelte vergnügt auf das Geschenk , wagte aber nicht , es anzurühren , sondern ließ es auf dem flachen Tische liegen und guckte nur hinter den anderen hervor darüber hin . Wir nahmen nun das Nachtmahl ein , nach welchem ich aufbrechen wollte ; aber der Schulmeister verhinderte mich daran und gab Befehl , mir ein Lager zu bereiten , da ich mich auf dem dunklen Berge unfehlbar verirren würde . Obgleich ich einwandte , daß ich den nächtlichen Weg ja schon einmal zurückgelegt hätte , ließ ich mich doch leicht bereden , aus bloßer Freundschaft dazubleiben , worauf wir in den kleinen Saal mit der Orgel gingen . Der Schulmeister spielte , und Anna und ich sangen dazu einige Abendlieder und der Magd zu Gefallen , welche gern mitsang , einen Psalm , den sie mit heller Stimme beherrschte . Dann ging der Alte zu Bette . Doch jetzt begann erst die Herrschaft der alten Katherine , welche unten in der Stube einen ungeheuren Vorrat von Bohnen aufgetürmt hatte , welche heute nacht noch sämtlich bearbeitet werden sollten . Denn da sie nachts nicht viel schlafen konnte , beharrte sie hartnäckig auf der ländlichen Sitte , dergleichen Dinge bis tief in die Nacht hinein vorzunehmen . So saßen wir bis um ein Uhr um den grünen Bohnenberg herum und trugen ihn allmählich ab , indem jedes einen tiefen Schacht vor sich hineingrub und die Alte den ganzen Vorrat ihrer Sagen und Schwänke heraufbeschwor und uns beide in wacher Munterkeit erhielt . Anna , welche mir gegenübersaß , baute ihren Hohlweg in die Bohnen hinein mit vieler Kunst , eine Bohne nach der anderen herausnehmend , und grub unvermerkt einen unterirdischen Stollen , so daß plötzlich ihr kleines Händchen in meiner Höhle zutage trat als ein Bergmännchen und von meinen Bohnen wegschleppte in die grauliche Finsternis hinein . Katherine belehrte mich , daß Anna der Sitte gemäß verpflichtet sei , mich zu küssen , wenn ich ihre Finger erwischen könne , jedoch dürfe der Berg darüber nicht zusammenfallen , und ich legte mich deshalb auf die Lauer . Nun grub sie sich noch verschiedene Wege und begann mich auf die listigste Weise zu necken ; die Hand in der Tiefe des Bohnengebirges versteckt , sah sie mich über dasselbe her mit ihren blauen Augen neckisch an , indessen sie hier eine Fingerspitze hervorgucken ließ , dort die Bohnen bewegte wie ein unsichtbarer Maulwurf , dann plötzlich mit der ganzen Hand hervorschoß und wieder zurückschlüpfte wie ein Mäuschen ins Loch , ohne daß es mir je gelang , sie zu haschen . Sie trieb es so weit , mir immer auf die Augen sehend , daß sie plötzlich eine Bohne , die ich eben ergreifen wollte , meinen Fingern entzog , ohne daß ich wußte , wo dieselbe hingekommen . Katherine bog sich zu mir herüber und flüsterte mir ins Ohr : » Laßt sie nur machen ; wenn ihr der Bau endlich zusammenbricht über den vielen Löchern , so muß sie Euch auf jeden Fall küssen ! « Anna wußte jedoch sogleich , was die Alte zu mir sagte ; sie sprang auf , tanzte dreimal um sich selbst herum , klatschte in die Hände und rief : » Er bricht nicht , er bricht nicht , er bricht nicht ! « Beim dritten Male gab Katherine mit ihrem Fuße dem Tische schnell einen Stoß , und der unterhöhlte Berg stürzte jammervoll zusammen . » Gilt nicht , gilt nicht ! « rief Anna so laut und sprang so ausgelassen im Zimmer umher , wie man es gar nicht hinter ihr vermutet hätte . » Ihr habt an den Tisch gestoßen , ich hab es wohl gesehen ! « » Es ist nicht wahr « , behauptete Katherine , » Heinrich bekommt einen Kuß von dir , du Hexe ! « » Ei , schäme dich doch , so zu lügen , Katherine « , sagte das verlegene Kind , und die unerbittliche Magd erwiderte : » Sei dem , wie ihm wolle , der Berg ist gefallen , ehe du dich dreimal gedreht hast , und du bist dem Herrn Heinrich einen Kuß schuldig ! « » Den will ich auch schuldig bleiben « , rief sie lachend , und ich , selbst froh , der feierlichen Zeremonie entflohen zu sein und doch die Sache zu meinem Vorteile lenkend , sagte : » Gut , so versprich mir , daß du mir immer und jederzeit einen Kuß schuldig sein willst ! « » Ja , das will ich ! « rief sie und schlug leichtsinnig und mutwillig auf meine dargebotene Hand , daß es schallte . Sie war jetzt überhaupt so lebendig , laut und beweglich wie Quecksilber und schien ein ganz anderes Wesen zu sein als am Tage . Die Mitternacht schien sie zu verwandeln , ihr Gesichtchen war ganz gerötet , und ihre Augen glänzten vor Freude . Sie tanzte um die unbehilfliche Katherine herum , neckte sie und wurde von ihr verfolgt , es entstand eine Jagd in der Stube umher , in welche ich auch verwickelt wurde . Die alte Katherine verlor einen Schuh und zog sich keuchend zurück , aber Anna ward immer wilder und behender . Endlich haschte ich sie und hielt sie fest , sie legte ohne weiteres ihre Arme um meinen Hals , näherte ihren Mund dem meinigen und sagte leise , vom hastigen Atmen unterbrochen : » Es wohnt ein weißes Mäuschen Im grünen Bergeshaus ; Der Berg , der will zerfallen , Das Mäuslein flieht daraus « ; worauf ich in gleicher Weise fortfuhr : » Man hat es noch gefangen , Am Füßchen angebunden Und um die Vordertätzchen Ein rotes Band gewunden « ; dann sagten wir beide im gleichen Rhythmus und indem wir uns geruhig hin und her wiegten : » Es zappelte und schrie Was hab ich denn verbrochen ? Da hat man ihm ins Herzlein Ein ' goldnen Pfeil gestochen . « Und als das Liedchen zu Ende war , lagen unsere Lippen dicht aufeinander , aber ohne sich zu regen ; wir küßten uns nicht und dachten gar nicht daran , nur unser Hauch vermischte sich auf der neuen , noch ungebrauchten Brücke , und das Herz blieb froh und ruhig . Am andern Morgen war Anna wieder wie gewöhnlich , still und freundlich ; der Schulmeister begehrte die Zeichnung bei Tage zu besehen , und da ergab es sich , daß sie von Anna schon in den unzugänglichsten Gelassen ihres Kämmerchens verwahrt und begraben worden . Sie mußte dieselbe aber wieder hervorholen , was sie ungern tat ; der Vater nahm einen Rahmen von der Wand , in welchem eine vergilbte und verdorbene Gedächtnistafel der Teuerung von 1817 hing , nahm sie heraus und steckte den frischen bunten Bogen hinter das Glas . » Es ist endlich Zeit , daß wir dies traurige Denkmal von der Wand nehmen « , sagte er , » da es selber nicht länger vorhalten will . Wir wollen es zu anderen verschollenen und verborgenen Denkzeichen legen und dafür dieses blühende Bild des Lebens aufpflanzen , das uns unser junger Freund geschaffen . Da er dir die Ehre erwiesen hat , liebes Ännchen , deinen Namen unter die Blumen zu setzen , so mag die Tafel zugleich deine Ehren-und Denktafel in unserm Hause sein und ein Vorbild , immer heiter , mit geschmückter Seele und schuldlos zu leben wie diese zierlichen und ehrbaren Werke Gottes ! « Nach Tisch machte ich mich endlich bereit zur Rückkehr ; Anna erinnerte sich , daß heute wieder Tanzübung stattfinde , und erbat sich die Erlaubnis , gleich mit mir gehen zu dürfen . Zugleich verkündete sie , daß sie bei ihren Basen übernachten würde , um nicht wieder so spät über den Berg zu müssen . Wir wählten den Weg längs des Flüßchens , um im Schatten zu gehen ; und da dieser Pfad öfter feucht war und von Wasserpflanzen und Gesträuchen beengt , schürzte sie das hellgrüne , mit roten Punkten besetzte Kleid , nahm den Strohhut der überhängenden Zweige wegen in die Hand und schritt neben mir her durch das Helldunkel , durch welches die heimlich leuchtenden Wellen über rosenrote , weiße und blaue Steine rieselten . Ihre Goldzöpfe hingen tief über den Nacken hinab , ihr Gesicht war von einer weißen Krause von eigener Erfindung eingefaßt , und dieselbe bedeckte noch die jungen schmalen Schultern . Sie sagte nicht viel und schien sich ein wenig der vergangenen Nacht zu schämen ; überall , wo ich nichts gewahrte , sah sie späte Blüten und brach dieselben , daß sie bald alle Hände voll zu tragen hatte . An einer Stelle , wo das Wasser sich in einer Erweiterung des Bettes sammelte und stillestand , warf sie ihre sämtliche Last zu Boden und sagte : » Hier ruht man aus ! « Wir setzten uns an den Rand des Teiches ; Anna flocht einen Kranz aus den kleinen vornehmen Waldblumen und setzte ihn auf . Nun sah sie ganz aus wie ein holdseliges Märchen ; aus der Flut schaute ihr Bild lächelnd herauf , das weiß und rote