eine Statue errichten wollte , suchte sie bei Hofe darum nach . Ludwig XIV. sagte nicht ja und nicht nein , sondern schickte statt aller Antwort sein eigenes Bildnis . Aber er hatte den Witz der guten Bürger von Pau nicht gebührend mit in Rechnung gezogen . Diese richteten das Denkmal auf und gaben ihm die Inschrift : Celui-ci est le petit-fils de notre bon Henri . « » Und wie lief es ab ? « fragte Rutze , der , nach Kinderart , zwischen Anekdote und Erzählung keinen Unterschied machend , an dem Hergange selbst ein größeres Interesse nahm als an der Pointe . Die Gräfin lächelte . » Es ist eine Erzählung ohne Schluß , lieber Rutze . Der König wird schwerlich von dieser Inschrift gehört , noch weniger sie gelesen haben . Es ist immer mißlich , solche Scherze zu hinterbringen . Übrigens sorgte gerade damals der Feldzug am Rhein für Aufregungen , die das Auge des Königs nach anderer Seite hin abzogen . Es war die Erntezeit seines Ruhmes , auch seines kriegerischen . Und doch war keine Spur von einem Feldherrn in ihm . Le bon roi Henri schlug die Schlachten , le grand roi Louis ließ sie schlagen ; aber Dichter und Maler sind nicht müde geworden , Olymp und Heroenwelt nach Vergleichen für ihn zu durchsuchen . « » Ich glaube gehört zu haben « , bemerkte Berndt , » daß er eines gewissen militärischen Talentes , wie es hohe Lebensstellungen sehr oft ausbilden , nicht entbehrte . « » Graf Tauentzien war der entgegengesetzten Meinung . Und ich darf annehmen , daß seine Meinung übereinstimmend mit dem Urteil des Prinzen war . « » Das Urteil des Königs würde mir kompetenter sein . « Die Gräfin schwieg pikiert , aber nach kurzer Weile fuhr sie fort : » Du weißt , Berndt , daß der König selber aussprach : Le prince est le seul qui n ' ait jamais fait de fautes . Es scheint mir darin zugestanden , daß er in der Theorie des Krieges , in allem , was Wissen und Urteil angeht , der Bedeutendere war . « Berndt zuckte . » Wer die Praxis hat , hat auch die Theorie . Was entscheidet , sind die Blitze des Genies . « » Aber das Genie hat mannigfache Formen der Erscheinung . Der Prinz würde bei Hochkirch nicht überrascht worden sein . « » Und bei Leuthen nicht gesiegt haben . Du überschätzest den Prinzen . « » Du unterschätzest ihn . « » Nein , Schwester , ich weise ihm nur die Stelle an , die ihm zukommt : die zweite . Zu allen Zeiten ist die Neigung dagewesen , in solchen Personalfragen die Weltgeschichte zu korrigieren . Aber Gott sei Dank , es ist nie geglückt . Das Volk , allem Besserwissen der Eingeweihten , allem Spintisieren der Gelehrten zum Trotz , hält an seinen Größen fest . « » Aber es sollte de temps à temps diese Größen richtiger erkennen . « » Gerade hierin erweist es sich als untrüglich , wenigstens das unsere , das in seiner Nüchternheit vor Überrumpelungen gesichert ist . Es zweifelt lange und sträubt sich noch länger . Aber zuletzt weiß es , wo seine Liebe und seine Bewunderung hingehört . Ich habe dies in den letzten Jahren des großen Königs , wenn Dienst oder Festlichkeiten mich nach Berlin riefen , mehr als einmal beobachten können . « » Ich meinerseits habe von entgegengesetzten Stimmungen gehört , und mir sind Drohreden des unträglichen Volkes hinterbracht worden , die sich hier nicht wiederholen lassen . « » Es wird auch an solchen nicht gefehlt haben . Ein gerechter König , während er sich Tausende zu Dank verpflichtet , wird von Hunderten verklagt . Aber was er den Tausenden war , das ließ sich erkennen , wenn er , von der großen Revue kommend , seiner Schwester , der alten Prinzeß Amalie , die er oft das ganze Jahr über nicht sah , seinen regelmäßigen Herbstbesuch machte . « Rutze , der sich solcher Besuche erinnern mochte , nickte zustimmend mit dem Kopf ; Berndt aber fuhr fort : » Ich seh ihn vor mir wie heut , er trug einen dreieckigen Montierungshut , die weiße Generalsfeder war zerrissen und schmutzig , der Rock alt und bestaubt , die Weste voll Tabak , die schwarzen Sammethosen abgetragen und rot verschossen . Hinter ihm Generale und Adjutanten . So ritt er auf seinem Schimmel , dem Condé , durch das Hallesche Tor , über das Rondel , in die Wilhelmsstraße ein , die gedrückt voller Menschen stand , alle Häupter entblößt , überall das tiefste Schweigen . Er grüßte fortwährend , vom Tor bis zur Kochstraße wohl zweihundertmal . Dann bog er in den Hof des Palais ein und wurde von der alten Prinzessin an den Stufen der Vortreppe empfangen . Er begrüßte sie , bot ihr den Arm , und die großen Flügeltüren schlossen sich wieder . Alles wie eine Erscheinung . Nur die Menge stand noch entblößten Hauptes da , die Augen auf das Portal gerichtet . Und doch war nichts geschehen : keine Pracht , keine Kanonenschüsse , kein Trommeln und Pfeifen ; nur ein dreiundsiebzigjähriger Mann , schlecht gekleidet , staubbedeckt , kehrte von seinem mühsamen Tagewerk zurück . Aber jeder wußte , daß dieses Tagewerk seit fünfundvierzig Jahren keinen Tag versäumt worden war , und Ehrfurcht , Bewunderung , Stolz , Vertrauen regte sich in jedes einzelnen Brust , sobald sie dieses Mannes der Pflicht und der Arbeit ansichtig wurden . Chère Amélie , auch dein Rheinsberger Prinz ist eingezogen . Hast du je Bilder wie diese vor Augen gehabt oder auch nur von ihnen gehört ? « Die Gräfin wollte antworten , aber der eintretende Jäger meldete , daß die Schlitten vorgefahren seien . So wurde das Gespräch unterbrochen . Es erfolgte nur noch eine Einladung auf Silvester , bis zu welchem Tage Baron Pehlemann hoffentlich von seinem Anfall wiederhergestellt , Doktor Faulstich aber seiner Ziebinger Umgarnung entzogen sein werde . Eine Viertelstunde später flogen die Schlitten auf verschiedenen Wegen ins Oderbruch hinein . Berndt , behufs Erledigung von Kreis- und anderen Amtsgeschäften , begleitete Drosselstein nach Hohen-Ziesar . Den weitesten Weg hatten Lewin und Renate , quer durch das Bruch hindurch . Als sie vor dem Hohen-Vietzer Herrenhause hielten , berichtete Jeetze mit einem Anflug von Vertraulichkeit , daß die » jungen Berliner Herrschaften « vor einer Stunde angekommen , aber , ermüdet von der Reise , schon zur Ruhe gegangen seien . » Also auf morgen ! « Damit trennten sich die Geschwister . Achtes Kapitel Chez soi Über dem Salon , aus dem die Wendeltreppe mit dem Nußbaumspalier ins obere Stock führte , befand sich das Schlafzimmer der Gräfin . Ein stiller Raum , hoch und geräumig , die Fenster nach Norden zu . Unter gewöhnlichen Verhältnissen hätte man diese Lage tadeln dürfen ; hier aber , wo die Neigung vorherrschte , sich erst durch die Mittagssonne wecken zu lassen , gestaltete sich , was anderen Orts ein Fehler gewesen wäre , zu einem Vorzug . In der Mitte des Zimmers , nur mit der einen Schmalseite die Wand berührend , stand das Bett , ein großer , mit schweren Vorhängen ausgestatteter Behaglichkeitsbau und nicht eine jener sargartigen Kisten , die das Schlafen als eine Nebensache oder gar als eine Strafe erscheinen lassen . Ein zuverlässiger Mensch wacht aber nicht nur ordentlich , sondern schläft auch ordentlich , und es war eine Feinheit unserer Sprache , das richtig drapierte Großbett ohne weiteres zum Himmelbett zu erheben . Die Gräfin , noch unter dem Einfluß des Streits , den sie mit dem Bruder gehabt hatte , und verstimmt , an einer , wie sie nicht zweifelte , siegreichen Entgegnung verhindert worden zu sein , stieg die Wendeltreppe langsam hinauf , während ihr ihre Jungfer , ein hübsches , blutjunges Ding von entschieden wendischem Typus , mit einem Ausdruck von Schelmerei und Schlauheit folgte . Es war Eva Kubalke , des alten Hohen-Vietzer Küsters jüngste Tochter und Schwester von Maline Kubalke . Beide nahmen dieselbe bevorzugte Stellung ein . Eva war Liebling und Vertraute bei Tante Amelie , Maline bei Renaten . Es verging eine geraume Zeit , während welcher die Gräfin nicht sprach . Endlich schien sie ihrer Verstimmung Herr geworden zu sein ; sie setzte sich vor einen Spiegel und begann ihre Nachttoilette zu machen . Die Kleine sah ihr beständig nach den Augen . Endlich sagte die Gräfin unter freundlichem Zunicken : » Nun , Eva ? « » Gnädigste Gräfin sind so still . « » Ja . Aber nun sprich . Nimm den Kamm . Was gibt es ? « » O vielerlei , gnädigste Gräfin . Fräulein Renate war wieder so gut . Sie hat mir alles erzählt . Ich freue mich immer , wenn sie Kopfweh hat und aus dem Salon nach oben kommt . Da höre ich doch von Hohen-Vietz und meiner Schwester Maline . « » Wie steht es mit dem Bräutigam ? War es nicht der junge Scharwenka ? « » Ja , aber sie hat ihm abgeschrieben . « » Ihm abgeschrieben ? Dem reichen Krügerssohn ? « » Das war es eben . Es sind harte Leute , die Scharwenkas , hart und bauernstolz . Er hat ihr vorgeworfen , daß sie arm sei . Aber da war es vorbei . Sie machte sich auch nicht viel aus ihm . Sie will nun in die Stadt . « » Wenn es nur gut tut . « » Aber wissen denn gnädigste Gräfin , daß der Hathnower Pastor Hochzeit gehabt hat ? « » Der Hathnower ? « » Ja , gestern , am zweiten Feiertage . Es sollte was Apartes sein . « » Und mit wem denn ? « » Mit einer Berlinerin . Und wie er dazu gekommen ist ! Es ist eine ganze Geschichte . « » Nun , so erzähle doch . « » Er war letzten Sommer in Berlin auf Besuch bei einem Freunde , auch Prediger . Den Namen habe ich vergessen , aber ich besinne mich noch . « » Laß ihn . « » Nun , der Freund wohnte in einem großen Hause , zwei Treppen hoch . Ein Gewitter zog herauf , und es goß wie mit Kannen . Als es vorüber war und der Regen nur noch leise fiel , legten sich beide Freunde ins offene Fenster und sahen auf die Straße , die unter Wasser stand , so daß die Brückenbohlen umherschwammen . Aber soll ich weiter erzählen ? « » Gewiß . « » Sie sahen also auf die Straße und die Brückenbohlen , aber auch auf ein paar große Rosenstöcke , die Regens halber umgelegt waren und gerade unter ihnen aus dem Fenster herausguckten . Die Freunde sprachen noch , und der Hathnower wollte sich eben nach den eine Treppe tiefer wohnenden Wirtsleuten erkundigen , als ein Arm herausgestreckt wurde , der dicht über den Rosenstöcken hin einen kleinen irdenen Blumentopf , in dem nur zwei , drei Blätter wuchsen , in den Regen hinaushielt . Ein paar Tropfen fielen auf die Blätter und auch auf den Arm ; und dann verschwand er wieder . Es war wie eine Erscheinung , soll der Hathnower gesagt haben . Den zweiten Tag hielt er an . Es ist eine Steuerratstochter . « » Das hätte ich dem Kleinen nicht zugetraut . Er ist sonst so schüchtern . « » Die Leute wissen auch nicht recht , was sie daraus machen sollen . Die einen meinen , es habe ihn so gerührt , die Liebe zu den drei kleinen Blättern , und er habe gleich gesagt , die muß jeden glücklich machen ; die andern aber meinen , Frau Gräfin verzeihen , der Arm habe es ihm angetan . « » Es wird wohl der Arm gewesen sein « bemerkte die Gräfin mit ruhiger Überzeugung . Eva , die ein Schelm war , erwiderte , » daß es ja doch ein Prediger sei « , und fuhr dann in ihrem Abendrapporte fort : » Auf der Manschnower Mühle ist eingebrochen . « » Beim alten Kriele ? « » Ja , gnädigste Gräfin . Sie haben ihm all sein Gespartes genommen , und das Pferd aus dem Stall dazu . Sie müssen die Gelegenheit gut gekannt haben , denn das Geld lag unter dem Fußboden ; aber sie brachen die Dielen auf . « » Hat man auf wen Verdacht ? « » Die Diebe hatten alte Soldatenröcke an , halb zerrissen , so daß man nichts Bestimmtes erkennen konnte . Die Manschnower meinen , es wären Marodeurs gewesen , Franzosen , die das Mitnehmen noch immer nicht lassen könnten . Ihre Gesichter hatten sie schwarz gemacht . « » Dann waren es keine Franzosen . Wer sein Gesicht schwärzt , der fürchtet erkannt zu werden . Und du sagtest selbst , sie wußten Bescheid in der Mühle . « » Aber die Soldatenröcke . « » Das wird sich aufklären . « Damit brach das Gespräch ab . Die Toilette war beendet , das Haar leicht zusammengesteckt , und die Gräfin bot Eva gute Nacht . Diese , bevor sie das Zimmer verließ , trat noch an einen großen Stehspiegel heran und ließ , wie man ein Fensterrouleau herunterläßt , einen grünseidenen Vorhang über den Trumeau herabrollen . Dies geschah jeden Abend , und es ist nötig , ein Wort darüber zu sagen . Wie alle alten Schlösser , so hatte auch Schloß Guse sein Hausgespenst , und zwar eine Schwarze Frau . Diese Weißen und Schwarzen Frauen gelten bei Kennern als die allerechtesten Spuke , gerade weil ihnen das fehlt , was dem Laien die Hauptsache dünkt : eine Geschichte . Sie haben nichts als ihre Existenz ; sie erscheinen bloß . Warum sie erscheinen , darüber fehlen entweder alle Mitteilungen , oder die Mitteilungen sind widerspruchsvoll . So war es auch in Guse . Die Erzählungen gingen weit auseinander , nur das stand fest , daß das Erscheinen der Schwarzen Frau jedesmal Tod oder Unglück bedeute . Die Gräfin , sonst eine beherzte Natur , lebte in einem steten Bangen vor dieser Erscheinung ; was ihr aber das peinlichste war , war der Gedanke , daß sie möglicherweise einmal einem bloßen Irrtum , ihrem eignen Spiegelbilde zum Opfer fallen könne . Da sie sich immer schwarz kleidete , so hatte diese Besorgnis eine gewisse Berechtigung , und sie traf ihre Vorkehrungen darnach . Die Anlage der mehrerwähnten Wendeltreppe stand im Zusammenhange damit ; sie wollte das Spiegelzimmer nicht passieren , wenn sie sich spätabends aus dem Salon in ihr Schlafzimmer zurückzog . In diesem letzteren war nun natürlich der große Trumeau ein Gegenstand ihrer besonderen Aufmerksamkeit und Besorgnis , und ein durch Eva auch nur einmal versäumtes Herablassen des Vorhanges würde schwerlich ihre Verzeihung gefunden haben . Es war heute noch früh , kaum elf Uhr , und die Gräfin , die ohnehin die Nacht am liebsten zum Tage gemacht hätte , hatte keinen Grund , die Ruhe vorzeitig aufzusuchen . Es waren noch Briefe zu schreiben . Sie setzte sich an einen mit Schildpatt und Boulearbeit ausgelegten Tisch , der zwischen Bett und Fenster stand , überflog einen kurzen Brief , der ihr zur Linken lag , und schrieb dann selbst : » Mon cher Faulstich . Tout va bien ! Demoiselle Alceste , wie sie mir heute in einem unorthographischen Billet ( le style c ' est l ' homme ) anzeigt , hat akzeptiert . Sie wird am 30. in Guse sein et , comme j ' espère , den Dr. Faulstich bereits hier antreffen . Sie dürfen mich nicht im Stiche lassen . Meinen Dank für die Vorschläge , die Sie gemacht . Ihre Begeisterung für de la Harpe , den Sie zu favorisieren scheinen , kann ich nicht teilen , weder für die Barmecides noch für den Comte de Warwick . Die rot angestrichenen Stellen ( Tome VII erfolgt zurück ) lasse ich gelten . Ich habe mich , après quelque hésitation , für Lemierre entschieden , nicht für den Barnevelt , der soviel Aufsehen gemacht hat und der reifer ist , sondern für den Guillaume Tell , justement parcequ ' il n ' a pas cette maturité . Er hat dafür Schwung , Feuer , Leidenschaft . Demoiselle Alceste , ohne daß ich ihr Urteil kaptiviert hätte , ist mir beigetreten . Ich leugne übrigens nicht , daß auch Rücksichten auf den Effekt meine Wahl bestimmt haben . Cléofés Paraphrasen an die Freiheit sind genau das , was man jetzt hören will , et comme Intendant en Chef du Théâtre du château de Guse habe ich die Verpflichtung , Neues , Zeitgemäßes zu bringen und mich dem Geschmacke meines Publikums anzubequemen . S ' accomoder au goût de tout le monde , c ' est la demande de notre temps . Das Beste wird Demoiselle Alceste tun müssen et encore plus la surprise . Also Verschwiegenheit , auch gegen Drosselstein . Aber eines fehlt noch , cher Docteur , et c ' est pour cela que je recours à votre bonté . Es fehlt ein Prolog , ein Epilog , ein Chorus , ein Irgendetwas , das vorwärts oder rückwärts oder seitwärts weist , denn so könnte man den Chorus vielleicht definieren . Sie werden schon das Richtige finden . J ' en suis sûre . Vielleicht täte es auch ein Lied . Aber es müßte etwas Leichtes sein , das Renate vom Blatte singen könnte . N ' oubliez pas que je vous attends le 30. Je suis avec une parfaite estime votre affectionnée A. P. « Ein zweiter Brief war an Demoiselle Alceste gerichtet . Er enthielt nur den Ausdruck der Freude , sie mit nächstem zu sehen . Die Gräfin siegelte beide Briefe , löschte die auf dem Schreibtische stehenden Kerzen und legte sich nieder . Nur noch die italienische Lampe brannte . Sie band , wie sie seit vielen Jahren tat , ein safranfarbenes Tuch um ihre Stirn und versuchte zu lesen , aber das Buch entfiel ihrer Hand . Die Eindrücke des Tages zogen an ihr vorbei ; sie hörte die heftigen Reden Berndts , dann klangen sie ruhiger , und die großen Portaltüren , die Bamme mit soviel Eindringlichkeit geschildert hatte , öffneten sich langsam und leise . Aber in den Saal , in dem die Leibkarabiniers tanzten , trat niemand anderes als Mademoiselle Alceste , die Worte Lemierres auf den Lippen , den Sieg auf der Stirn . Alles applaudierte . Der Traum spann sich weiter ; die Gräfin schlief . Neuntes Kapitel Untreuer Liebling Der andere Morgen sah die beiden Geschwisterpaare , Lewin und Renate und Tubal und Kathinka , beim Frühstück versammelt . Nach herzlicher Begrüßung und sich überstürzenden Fragen , die teils der Christbescherung im Ladalinskischen Hause , teils der gestrigen Reunion in Schloß Guse galten , wurden die Dispositionen für den Tag getroffen . Kathinka und Renate wollten auf der Pfarre vorsprechen , dann Marie zu einer Plauderstunde abholen , während die beiden jungen Männer einen Besuch in dem benachbarten Städtchen Kirch-Göritz verabredeten . Die Anregung dazu ging von Tubal aus , der in der Jenaer Literaturzeitung einen mit dem vollen Namen Doktor Faulstichs unterzeichneten Aufsatz » Arten und Unarten der Romantik « gelesen und sofort den Entschluß gefaßt hatte , bei seiner nächsten Anwesenheit in Hohen-Vietz den Doktor aufzusuchen . Erst nach Regelung aller dieser Dinge kam das bis dahin hastig und sprungweise geführte Gespräch in einen ruhigeren Gang , und die Hohen-Vietzer Geschwister drangen jetzt in Tubal , ihnen von der durch Jürgaß improvisierten Weihnachtssitzung , besonders aber von Hansen-Grell , dieser jüngsten Akquisition der » Kastalia « , zu erzählen . Auch Kathinka wollte von ihm hören . » Ich werde schlecht vor eurer Neugier bestehen « , begann Tubal . » Es geht mein Wissen , trotzdem ich Jürgaß am ersten Feiertage gesprochen , nicht wesentlich über das hinaus , was ich in meinem langen Weihnachtsbriefe bereits geschrieben habe . Er ist unschön , von schlechtem Teint und hat wenig Grazie . Aber dieser Eindruck verliert sich , wenn er spricht . Manches an ihm erklärt sich aus seinem Namen , der als ein Abriß seiner Lebensgeschichte gelten kann . Sein Vater , ein einfacher Grell , in Gantzer gebürtig und ursprünglich Soldat , wurde , wer weiß wie , nach Dänemark verschlagen . Er heiratete daselbst , und zwar im Schleswigschen , eines wohlhabenden Handwerkers Tochter . In jenen Gegenden heißt alles Hansen ; zugleich ist dort die Sitte verbreitet , den Kindern einen aus dem Familiennamen des Vaters und der Mutter gebildeten Doppelnamen mit auf den Lebensweg zu geben . So entstanden die Hansen-Grells . Einige Jahre später zog es den Vater , der inzwischen geschulmeistert , sich als Turmuhrmacher und Orgelspieler versucht hatte , wieder in sein märkisches Dorf zurück , und er schrieb an die Gutsherrschaft in Gantzer , in einem langen Briefe schildernd , wie groß sein Heimweh sei . Der alte Jürgaß , als er das las , war an seiner schwachen Stelle getroffen , und vier Wochen später trafen Grell und Frau nebst einer ganzen Kolonie von Hansen-Grells in Gantzer ein . « » Und der alte Jürgaß schaffte Rat ; dessen bin ich sicher « , warf Lewin dazwischen . » Es ist eine Familie , wie wir keine bessere haben . Ohne Lug und Trug . Sie sind mit den Zietens verschwägert und mit den Rohrs ; von den einen haben sie die Hand , von den anderen das Herz . « » Es ist , wie du sagst « , fuhr Tubal fort . » Es fand sich ein Haus , ein Amt , ein Streifen Land , und unser Hansen-Grell kam auf die Havelberger Schule . Als er aber halbwachsen war , wurde seiner Mutter Blut und Namen in ihm lebendig , und er erschien eines Tages bei den Großeltern in Schleswig . Er hatte die ganzen fünfzig Meilen zu Fuß gemacht . Es war ein gewagtes Ding , aber es schlug ihm zum Guten aus , selbst in Gantzer , wo der alte Jürgaß dem alten Grell auseinandersetzte , daß jeder Mensch , aus dem etwas geworden sei , der eine früher , der andere später , eine Desertion begangen habe . Selbst Kronprinz Friedrich . In der Großeltern Haus wuchs inzwischen unser Hansen-Grell heran und ging nach Kopenhagen ; es war dasselbe Jahr , in dem die Engländer die Stadt bombardierten . Einzelne Vorgänge , die seiner Umsicht wie seinem Mut ein gleich glänzendes Zeugnis ausstellten , führten ihn als Erzieher in das Haus eines Grafen Moltke , in dem er glückliche Jahre verlebte . Seine skandinavischen Studien fallen in diese Zeit . Als aber Schill , dessen Auftreten er mit glühendem Patriotismus verfolgt hatte , von dänischen Truppen umstellt und dann in den Straßen Stralsunds zusammengehauen wurde , kam der Grell in ihm so nachdrücklich heraus , daß er , übrigens unter Fortdauer guter Beziehungen zu dem Moltkeschen Hause , seine Kopenhagener Stellung aufgab und ins Brandenburgische zurückkehrte . « » Es überrascht mich « , bemerkte Lewin , » nie früher von ihm gehört zu haben . Wo war er all die Zeit über ? Unser Jürgaß zählt sonst nicht zu den Schweigsamen . « » Ich möchte vermuten , daß er seine Zeit zwischen literarischen Beschäftigungen in Berlin und Aushilfestellungen auf dem Lande teilte . Dann und wann war er in Gantzer . In Stechow , wenn ich recht verstanden habe , hat er gepredigt . Im übrigen wird er vor Ablauf einer Woche meine Mitteilungen vervollständigen können . Und wenn nicht er , so doch jedenfalls Jürgaß , der , während er ihn ironisch zu behandeln scheint , eine fast respektvolle Vorliebe für ihn hat . Er rühmt vor allem sein Erzählertalent , wenn es sich um skandinavische Naturbilder oder um die Schilderung persönlicher Erlebnisse handelt . Schon in dem Hakon Borkenbart , den er uns vorlas , trat dies hervor . Es war mir interessant , mit welcher Aufmerksamkeit Bninski folgte , erst dem Gedichte , dann dem Dichter , vielleicht noch mehr dem Menschen . Aber ich entsinne mich , ich schrieb schon davon . « » Es will mir scheinen , Tubal « , nahm hier Kathinka das Wort , » daß du dem Grafen deine persönlichen Empfindungen unterschiebst . Er verlangt Schönheit , Form , Esprit , alles das , was dieser nordische Wundervogel , in dem ich schließlich eine Eidergans vermute , nicht zu haben scheint . Bninski ist durchaus für südliches Gefieder . Er hat gar kein Verständnis für preußische Kandidaten- und Konrektoralnaturen , die nie prosaischer sind , als wo sie poetisch oder gar enthusiastisch werden . « » Da verkennst du den Grafen doch « , erwiderte Tubal , und Lewin setzte mit einer Verbeugung gegen die schöne Cousine hinzu : » Ich muß auch widersprechen , Kathinka ; Bninskis Neigungen gehen den Weg , den du beschrieben hast , aber er ist zugleich eine tiefer angelegte Natur , und es dämmert in ihm die Vorstellung , daß es gerade die Hansen-Grells sind , die wir vor den slawischen Gesellschaftsvirtuosen , vor den Männern des Salonfirlefanzes und der endlosen Liebesintrige voraushaben . Übrigens ist es Zeit , unser Thema abzubrechen . Kirch-Göritz ist eine Stunde , und die Tage sind kurz . Wir nehmen doch die Jagdflinten ? Möglich , daß uns ein Hase über den Weg läuft . « Tubal stimmte zu . Ihr Adieu für den Moment ihres Aufbruchs sich vorbehaltend , verließen beide Freunde das Zimmer , um sich für ihre Jagd- und Gesellschaftsexpedition zu rüsten . Auch die jungen Damen standen auf , und Renate begann die Brotreste zu verkrumeln , mit denen sie jeden Morgen ihre Tauben zu füttern pflegte . Kathinka , in einem enganschließenden polnischen Überrock von dunkelgrüner Farbe , der erst jetzt , wo sie sich erhoben hatte , die volle Schönheit ihrer Figur zeigte , war ihr dabei behilflich . Alles , was Lewin für sie empfand , war nur zu begreiflich . Ein Anflug von Koketterie , gepaart mit jener leichten Sicherheit der Bewegung , wie sie das Bewußtsein der Überlegenheit gibt , machten sie für jeden gefährlich , doppelt für den , der noch in Jugend und Unerfahrenheit stand . Sie war um einen halben Kopf größer als Renate ; ihre besondere Schönheit aber , ein Erbteil von der Mutter her , bildete das kastanienbraune Haar , das sie , der jeweiligen Mode Trotz bietend , in der Regel leicht aufgenommen in einem Goldnetz trug . Ihrem Haar entsprach der Teint und beiden das Auge , das , hellblau , wie es war , doch zugleich wie Feuer leuchtete . » Sieh « , sagte Renate , während sie mit einer Schale voll Krumen auf das Fenster zuschritt , » sie melden sich schon . « Und in der Tat hatte sich draußen auf das verschneite Fensterbrett eine atlasgraue Taube niedergelassen und pickte an die Scheiben . » Das ist mein Verzug « , setzte sie hinzu und drehte die Riegel , um die Krumen hinauszustreuen . Kathinka war ihr gefolgt . In dem Augenblick , wo das Fenster sich öffnete , huschte die schöne Taube herein , setzte sich aber nicht auf Renatens , sondern auf Kathinkas Schulter und begann unter Gurren und zierlichem Sich drehen ihren Kopf an Kathinkas Wange zu legen . » Untreuer Liebling ! « rief Renate , und in ihren Worten klang etwas wie wirkliche Verstimmung . » Laß « , sagte Kathinka . » Das ist die Welt . Untreue überall ; auch bei den Tauben . « In diesem Momente traten die beiden Freunde wieder ein , um sich , wie angekündigt , bei den jungen Damen bis auf Spätnachmittag zu empfehlen . Sie trugen Jagdröcke , Pelzkappen , hohe Stiefel , dazu die Flinten über die Schulter gehängt . » Nehmen wir einen Hund mit ? « fragte Tubal . » Nein . Tiras lahmt , und Hektor scheucht alles auf und bringt nichts zu Schuß . Das beste Tier und der schlechteste Hund . « So brachen sie auf . Zehntes Kapitel Kirch-Göritz Kirch-Göritz liegt an der andern Seite der Oder , südöstlich von Hohen-Vietz . Es standen zwei Wege zur Wahl , und die beiden Freunde beschlossen , auf dem Hinmarsche den einen , auf dem Rückmarsche den andern einzuschlagen . Sie passierten zuerst das Dorf , dann den Forstacker . Als sie bei Hoppenmariekens Häuschen vorüberkamen , das stumm und verschlossen dalag , standen sie neugierig still und lugten hinein . Sie sahen aber nichts . Dann schlugen sie einen Fußsteig ein , der diesseitig in halber Höhe des Oderhügels hinlief . Dann und wann flog eine Schack-Elster auf ; nichts , was einen Schuß verlohnt hätte . Sie sprachen von Faulstich , und Tubal skizzierte den Artikel aus der Jenaer Literaturzeitung , den Lewin nicht gelesen hatte . » Ich fürchte fast « , sagte dieser , » daß der Verfasser hinter dem Eindruck , den seine Arbeit auf dich machte , zurückbleiben wird . Er ist ein kluger und interessanter Mann , aber doch schließlich von ziemlich zweifelhaftem Gepräge . « » Desto besser . Ich bin , wie du übrigens wissen könntest , unserer Tante Amelie gerade verwandt genug , um alles , was einen Stich hat , zum Teil um dieses Stiches willen zu bevorzugen . Und Faulstich wird keine Ausnahme machen . Er ist mir schon interessant dadurch , daß er in Kirch-Göritz lebt , ein Mann , der sich an die sublimsten Fragen wagt . Welche Schicksalswelle hat ihn an diesen Strand geworfen ? « » Wir wissen wenig von ihm , und das wenige bedarf wahrscheinlich auch noch der Korrektur . Er ist ein Altmärker ,