den Finger auf den Mund . » No hablan ( Nichts ausplaudern ) ! « sagte er . Robert schüttelte den Kopf . Die Kenntnis von dem Aufenthalt Gallegos unter der Bande hätte ihm ja bestimmt das Leben kosten müssen , daher konnte der schlaue Gomez vollkommen überzeugt sein , daß er schweigen würde . Also dieser wüste Trinker , der Mann , den er schon in Hamburg mit scharfem Messer auf seinen Nebenmenschen hatte losgehen sehen , war es gewesen , der ihn durch das gespenstische , mitternächtliche Erscheinen auf der Insel so sehr erschreckt hatte , der von seiner verzweifelten Lage genau wußte und dennoch nichts tat , um ihn zu befreien oder ihm wenigstens beizustehen , als er krank dalag . Seine Strafe war schrecklich gewesen . Robert vergab dem Gerichteten , was er ihm getan hatte , und wünschte seiner Seele aufrichtig Frieden . Er bat den Koch , an einem freien Tag mit ihm hinüberzufahren zu der Insel , die er aus mehr als einem Grunde vor seinem Abschied von dieser Gegend noch einmal wiedersehen wollte . Anfangs weigerte sich Gomez aus Furcht vor der Rache der andern , die immer noch gegen Robert ein heimliches Mißtrauen hegten , dann aber gab er nach , und als eines Tages die ganze Bande fort war , segelte er mit seinem jungen Schützling hinüber . Welch ein eigentümliches Gefühl war es für Robert , den Platz wiederzusehen , an dem er so bittere , hoffnungslose Stunden durchlebt hatte . Mit Gomez ließ sich zu wenig sprechen , um solche Erinnerungen in Worten wiederzugeben . Desto besser aber konnte er das , als die kleine Niederlassung erreicht war . Der Koch streichelte voll Mitleid die eingefallenen Wangen des Jungen , und aus dem , was er in seiner lebhaften Sprechweise hervorsprudelte , entnahm Robert deutlich genug , daß er gegen die beiden plumpen Messingtöpfe aus der Kombüse der Antje Marie und gegen die leere Tonne , in der das Pökelfleisch gewesen war , die größte Nichtachtung ausdrücken wollte . Bei solcher Kost konnte ja keine Gesundheit bestehen . Robert sah noch einmal in die Höhle hinein , in der er fast einen Monat lang gewohnt hatte , und dann suchte sein Blick den einzigen Gegenstand , den er zur Erinnerung an diese Insel mit sich nehmen wollte : die Nähnadel aus der Fischgräte . Er hatte längst aus dem reichlichen Vorrat der Flibustier einen neuen , anständigen Matrosenanzug erhalten , aber er wollte doch die Gräte , mit der er sich in höchster Not geholfen hatte , für immer aufbewahren , - ja , er hoffte in diesem Augenblick nichts sehnlicher , als dies kleine , selbstgefertigte Werkzeug einmal seinem Vater zu zeigen und ihm beweisen zu können , daß sich das Krollsche Blut in der Stunde der Gefahr glänzend bewährt hatte , daß es den Schneider offenbart hatte , ohne Tisch , ohne Schere , ohne Bügeleisen , - nur mit einer Fischgräte . Und richtig , da steckte sie . Zwischen zwei Brettern war ein kleiner freier Raum , wohin er sie damals gelegt hatte . Voll Freude verbarg er seinen Schatz in der Tasche , um dann nach einem letzten Abschiedsblick auf die Umgebung mit Gomez den Baum zu suchen , an dem Gallego so trostlos umgekommen war . Da die beiden auf gut Glück das Gebüsch durchstreiften , dauerte es ziemlich lange , bis die Stelle gefunden war . Ein schauerlicher Anblick bot sich ihnen . An einer Palme , von Seilen umschnürt , stand aufrecht das Gerippe des Verurteilten . Bis auf die Knochen abgenagt von Geiern und Füchsen , weiß gebleicht von den sengenden Strahlen der Sonne , - so sahen sie die letzten Überreste des Unglücklichen , der durch Trunksucht sein eigener Henker geworden war . Sämtliche sechs Flaschen Rum , die Rafaele in die Nähe des Baumes gelegt hatte , waren bis auf den letzten Tropfen leer , wahrscheinlich also hatte sich Gallego durch den maßlosen Genuß des Alkohols einen ganz plötzlichen Tod zugezogen . Stumm sahen sich die beiden an , und dann machte Robert eine halb unwillkürliche Bewegung , die der Spanier sofort mit lebhaften Gebärden beantwortete . Er lief zurück zu seiner Höhle , um den Spaten zu holen und ein Grab zu graben . Die Flibustier hatten ja alles Gerät , das sich vorfand , unbeachtet liegen lassen . Als er zurückkam , ergriff Gomez sofort das plumpe Werkzeug und sagte wieder mit seinen ausdrucksvollen Gebärden ganz verständlich : » Gib her , armer Junge , du hast ja keine Kräfte ! « Robert war sehr damit einverstanden . Er wünschte ohnehin für den letzten Besuch an Mohrs Grab keinen Zeugen und entfernte sich daher , während Gomez grub , auf dem bekannten Wege , um zum Strand zu kommen . Als er hier das letztemal ging , war es im halben Fieber , in stumpfer Ergebung dem Unvermeidlichen gegenüber gewesen , - jetzt dagegen mit neuer Hoffnung , neuem Mut für die Zukunft . Ließen ihn die Räuber nicht gutwillig fort , so würde sich ja die Gelegenheit zur Flucht früher oder später finden . Er fühlte sich jeden Tag kräftiger werden und gab nichts verloren . Die Rettung von dieser Insel im Augenblick der höchsten Gefahr war ja fast ein Wunder zu nennen . Er fühlte die ganze volle Dankbarkeit gegen das Schicksal erst hier , wo er am verzweifeltsten gewesen war , als das Schiff , das er in der Gewitternacht so nahe am Strand gesehen hatte , vor seinen Augen in der Ferne verschwand . Ein Gesangbuchvers , den er vom Chor der kleinen heimatlichen Dorfkirche herab so oft mit seiner klaren Stimme gesungen hatte , ein alter , vergessener Vers fiel ihm hier am Ufer der entlegenen Insel plötzlich wieder ein , er summte ihn halblaut vor sich hin und empfand dabei so ganz seine tiefe Wahrheit : Der Wolken , Luft und Winden Gibt Wege , Lauf und Bahn , Der wird auch Wege finden , Da dein Fuß gehen kann . Er glaubte die Natur nie so schön gesehen zu haben wie heute , als er nach langer , schwerer Krankheit den ersten Ausflug machte . Fast heiter ging er an die letzte Ruhestätte des alten Freundes . Dort grünte und blühte es in allen Farben , dort murmelte das Wasser und warf spielend leichte Wellen an den Strand . Robert hatte Mühe , die Stelle wiederzufinden , so üppig war während der zwei Monate die Pflanzenwelt überall vorgedrungen . Aber er fand es doch und pflückte eine kleine weiße Blume , die zu der Fischgräte in den kleinen ledernen Brustbeutel wanderte , welchen ihm Gomez geschenkt hatte . Der war gewiß schon ganz ermüdet und wunderte sich , daß ihm so gar kein Beistand geleistet wurde . Robert sah noch einmal zurück , er sah noch einmal über das Meer , dann kehrte er sich ab . - Der gutmütige Gomez hatte , als er wieder bei ihm anlangte , das Gerippe des Gerichteten bereits mit einer leichten Erdschicht bedeckt , und so war denn der kleine Ausflug für diesmal beendet . Man fuhr zurück zu der Niederlassung der Räuber , wo Gomez vor allen Dingen eine tüchtige Mahlzeit auf den Tisch brachte . Robert hatte überhaupt nie in seinem Leben bessere Tage gehabt als gerade jetzt . Er wurde zu keiner bestimmten Arbeit gezwungen , sondern half nur dem Koch , wo es sich traf , und pflegte den Garten , in dem die Bande alles baute , was zur Vervollständigung einer feinen Küche gehört . Außer den bekannten Gewürzkräutern und Gemüsen gab es dort Liebesäpfel , spanischen Pfeffer , Champignons und anderes mehr . Auch Ananas und Bananen wuchsen da , und außerdem hielten sich die Flibustier einen großen Hühnerhof , einige Schweine und Kühe . Nur Pferde hatte man nicht , weil eben keine Felder bebaut wurden . Robert war sozusagen der Herr all dieser reichlichen Schätze . Die Flibustier kümmerten sich darum fast gar nicht . Sie schafften nur Proviant in Massen herbei , während seine Verwendung dem Koch überlassen blieb . Auf ein anstrengendes , gefährliches Tagewerk sollte ein üppiges Mahl und ein guter Trunk folgen , das war es , was sie wollten und wofür sie lebten . Die Speisekammer stand immer auf , die Früchte wuchsen in Fülle , die Weinfässer lagen in einer Art von Erdhöhlung , die nie verschlossen wurde , und Arbeit gab es fast gar nicht . Robert konnte glauben , in das Schlaraffenland des Märchens versetzt worden zu sein , er mußte dies Leben verführerisch nennen , aber dennoch hatte er keinen Augenblick das Verlangen , der Bande anzugehören . Er dachte täglich und stündlich an den Augenblick , der ein Schiff hierherführen und ihn befreien sollte . Warum ihn wohl die Fischer noch immer hier behielten ? Er begriff es nicht und fragte einmal den Koch danach . Gomez wiegte mit schlauem Lächeln den Kopf . Er setzte den Zeigefinger auf Roberts Brust . » Bukanier ! « sagte er . Der Junge errötete . » Ich ? - Niemals , Gomez . « Der Koch zuckte die Achseln . » Roberto Bukanier « , wiederholte er , » no hablan andere Bukanier ! « Jetzt begriff er die Meinung des Spaniers . » Ich soll erst an den Verbrechen der Räuber teilnehmen , damit ihnen mein Schweigen sicher ist ? « fragte er in dem eigentümlichen Kauderwelsch , in dem die beiden miteinander sprachen . » War es so ausgeklügelt , Gomez ? « Der Koch nickte lebhaft . » Ja ! « rief er , » ja ! « » Und ich sage nein ! « rief entschieden der Junge . » Mein gutes Gewissen sollte ich um dieser Seeräuber willen verlieren ? - Oho , das geht nicht so leicht , wie ihr denkt . Zum Verbrecher lasse ich mich nicht machen . « Er ging wieder an seine Gartenarbeit , die zwar nicht notwendig war , die er aber begonnen hatte , um sich etwas zu beschäftigen . Er grub zierliche Beete , wo sonst alles wie Kraut und Rüben durcheinander wuchs , oder er machte den Hühnern eine hölzerne Einfriedigung , damit sie nicht in den Garten kamen , und räumte die Vorratskammern auf . Gomez , obwohl ein vortrefflicher Koch und ein guter , harmloser Mensch , war doch keineswegs reinlich oder ordnungsliebend , daher fand Robert immer Arbeit in Fülle . Außerdem schoß er gelegentlich einige Vögel , fischte und flickte auch wohl des Kochs Kleidungsstücke , so daß er immer beschäftigt war . Heimlich aber beobachtete er fortwährend das Meer und seufzte , wenn wieder der Abend kam , ohne daß sich ein Schiff der Insel genähert hätte . Die Bukanier nahmen von ihm nicht die geringste Notiz . Vielleicht wollten sie ihm das arbeitslose , gute Leben erst ganz zur Gewohnheit werden lassen , damit er sich von selbst nachgiebig zeigen sollte , wenn sie ihm die Wahl stellen würden , entweder für immer in ihre Gemeinschaft überzutreten oder zu der harten Arbeit des Matrosen zurückzukehren . Sie ließen ihn wie ein Haustier an ihrem Tisch essen und unter ihrem Dach schlafen , ohne sich um ihn zu kümmern . Da sah er eines Tages , daß zu ganz ungewohnter Zeit die Räuber eilig und bestürzt heimkehrten , daß sie den Koch herbeiriefen und laut miteinander sprachen . Robert fühlte , wie ihm das Herz gegen die Rippen pochte . Was war geschehen ? Er schlich sich an den Koch heran und fragte ihn ; aber was dieser antwortete , das lag zu weit außerhalb des Gesichtskreises täglicher Angelegenheiten , - er verstand ihn diesmal nicht . Da rief ihn der , der etwas deutsch sprach , zu sich . » Du « , sagte er , » es kommt morgen ein Abgesandter der kubanischen Regierung hierher , um die Inseln zu besichtigen , nach versteckten Waren zu forschen und überhaupt seine verdammte Fuchsnase in anderer Leute Angelegenheiten zu stecken . Der Teufel hole ihn ! - Du aber unterstehst dich , diesem Mann oder seinen Begleitern vor Augen zu kommen , und jetzt hilfst du mit , unsere Vorräte in ein Versteck zu schaffen , wo sie vor diesem Spürhund sicher sind . Es ist alles mit schwerer Arbeit redlich verdient « , schloß er , » aber die verfluchten Regierungsbeamten , diese Blutsauger und Menschenschinder brauchen nicht zu wissen , daß wir uns in besseren Sachen als nur in Bananen und Fischen satt essen können , sonst werden gleich die Steuern erhöht , so daß ein rechtschaffener Kerl keinen Piaster mehr für sich behält . Wenn du nicht gehorchst , Junge , dann - - « Ein bezeichnender Blick und ein Gliff an das kurze Gewehr vervollständigten seine geharnischten Worte . Robert sah , daß es bitterer Ernst war und daß er gehorchen müsse , wenn er nicht sein Leben aufs Spiel setzen wollte . Er ging also zu Gomez , um von ihm nähere Aufträge zu erhalten . Ein Boot wurde auf den Strand gezogen und mit den Vorräten der Speisekammer beladen , dann ruderten es zwei Räuber in einen kleinen Fluß , dessen Windungen und Krümmungen unter dichtem Gebüsch den Männern nicht erlaubten , in ihrem Fahrzeug aufrecht zu stehen . Kniend oder liegend brachten sie mit äußerster Anstrengung , meistens durch Schieben und Ziehen , das Boot vorwärts , aber dafür waren auch ihre kostbaren Schätze sicher geborgen . Nur ein Eingeweihter konnte den Lauf dieses schlangenartig gewundenen Wasserlaufs verfolgen , nur wer sein Eigentum vor den Blikken anderer bewahren wollte , konnte sich entschließen , in diese Wildnis vorzudringen . Robert mußte im Laufe des Tages mehr als einmal die beschwerliche Fahrt mitmachen und sowohl Lebensmittel als auch die besseren Möbel der Wohnung , Munition und Waffen unter dem undurchdringlichen Gebüsch verbergen helfen . Alles , was nicht mit dem Fischereigewerbe im Zusammenhang stand , wurde sicher versteckt , so daß sehr bald die ganze Behausung nach äußerster Armut aussah . In der großen Vorratskammer lagen Segel , Netze und Taue , im Wohnzimmer standen nur noch ein hölzerner Tisch und ein paar rohe Bänke , während die guten Betten des anstoßenden Raumes durch Haufen von Seegras ersetzt waren . Die Räuber fischten eifrig , so daß die Abgesandten der Regierung einige Tage später unter zahllosen Leinen mit zum Trocknen aufgehängten Fischen den Weg zu der Behausung der Räuber suchen mußten . Robert wagte es nicht , sich blicken zu lassen . Er saß hinter einem aufgestapelten Haufen von Brennholz und verschlang das Regierungsschiff mit den Augen . Manchmal war er nahe daran , vor den Beamten hinzutreten und im Namen der Gerechtigkeit zu verlangen , daß man ihn von der Insel befreie . Es schien so einfach und lag so nahe , aber Robert zögerte , es zu tun . Wenn ihn der Spanier nicht verstand , oder wenn er von den Flibustiern bestochen worden war , gewisse Dinge weder zu hören noch zu sehen ? Nein , nein , Robert mußte sich ergeben , mußte wieder , nachdem Rafaeles Erlaubnisschein zur Fischerei von dem Beamten erneuert worden war , die weißen Segel des Regierungsschiffes sich entfalten und im Abendsonnenschein den Strand verlassen sehen . Das Herz wurde ihm so schwer , wie seit langem nicht , seine Augen füllten sich mit Tränen , kaum konnte er ein Schluchzen gewaltsam unterdrücken . Viel lieber hätte er das harte Schiffsbrot gegessen und die schwere Arbeit des Seemanns willig ertragen , als daß er hier unter Verbrechern unnütz dahinlebte , ja er meinte sogar , daß selbst der Tod besser sei als dieser entwürdigende Zustand . Aber dennoch gab es kein Mittel zu seiner Befreiung ; er sah , wie sich das Schiff entfernte , weiter und immer weiter , - alle Hoffnung war fürs erste wieder dahin . Gomez kam und sah ihn freundlich tröstend an . Er allein verstand den Jungen , er allein empfand ein gewisses rohes Mitleid und suchte es durch reichliche Weinspenden zu zeigen . Die Bukanier ihrerseits tranken zur Feier des Tages so lange , bis sie sämtlich besinnungslos unter den Tischen lagen . Die Ankunft des Beamten war schon seit mehreren Monaten vorausgesehen und gefürchtet worden , daher atmeten jetzt alle auf , nachdem sich das drohende Unwetter verzogen hatte , und während der folgenden Zeit herrschte unter der Bande fröhlichste Stimmung . Es vergingen acht Wochen , in denen für Robert kein Tag anders verstrich als der vorhergehende , - dann aber fiel wie ein Blitz aus heiterer Luft ein ungeahntes Ereignis in dies ruhige Leben hinein und änderte auf einen Schlag alles . An dem Felsen , der auch der unglücklichen Galliot so verderblich geworden war , strandete ein französisches Vollschiff , das zwar bei dieser Katastrophe kein Leck erhielt , aber doch nicht ohne die Hilfe eines anderen Fahrzeuges wieder loskommen konnte . Der Kapitän ließ daher die Notflagge setzen , und unter den Flibustiern herrschte die größte Aufregung . An Bord des Franzosen glänzte nicht allein eine sehr achtunggebietende Messingkanone , sondern die Mannschaft sah auch nicht danach aus , als ob es ganz leicht sei , mit ihr fertig zu werden . Vielleicht war der Kapitän auf alles vorbereitet , da er seine Leute bewaffnet hatte und eine starke Wache an Deck hielt . Ein offener Angriff wurde von den Räubern überhaupt niemals unternommen , aber auch im Dunkeln ließ sich hier nur schwer etwas ausrichten . Außerdem drohte noch ein anderer Umstand den Flibustiern diesmal ihre Beute streitig zu machen . Am unteren Ende der Insel lebte nämlich noch eine zweite Bande ehrenwerter Fischer , die auch den gestrandeten Fahrzeugen zur Hilfe zu eilen pflegte und die sogar diesmal das Notzeichen des . Franzosen noch etwas früher bemerkt hatte , als Rafaele und seine Genossen . Es kam zu einem Wettrudern , das damit endete , daß das Boot der Gegenpartei um zwei Minuten früher unter dem Bug des Franzosen anlegte . Bachicho , so hieß der Anführer der zweiten Bande , hatte also das Spiel gewonnen und konnte , wenn sich weiter nichts erreichen ließ , doch immerhin den französischen Kapitän für die zu leistende Hilfe nach Möglichkeit schrauben . Rafaele dagegen mußte mit seinen Leuten unverrichtetersache wieder abziehen . Das spanische Blut wallte und die Hand griff nach dem Messer . Nur einer ganz kurzen Beratung bedurfte es , um einstimmig festzustellen , daß mit dieser Niederlage die Sache selbst noch nicht zum Austrag gekommen sei . Das große Boot wurde fertig gemacht , die Segel befestigt , Haufen von Munition an Bord gebracht und im Gebüsch am Strand ein Beobachter zurückgelassen . Als es dämmerte , meldete er , daß sich das kleine Boot mit den beiden Unterhändlern vom Schiff wieder entfernt habe , und nun bestiegen zehn Bukanier unter Anführung Rafaeles das größere Fahrzeug , um im Schutz der einsetzenden Dunkelheit zur entgegengesetzten Seite der Insel zu fahren und dort den Feinden jede Verbindung mit dem gestrandeten Schiff abzuschneiden . Robert sah diese Vorbereitungen , aber ohne ihren Zusammenhang ganz zu begreifen ; er wandte sich an den Koch , der mit gespannter Aufmerksamkeit den Verlauf der Dinge beobachtet hatte . Es war jetzt ganz dunkel , und von dem französischen Schiff herüber dröhnten Signalschüsse . Der Kapitän schien ungeduldig geworden zu sein , da jetzt , nachdem sich vorher zwei Parteien darum bemüht hatten , die erbetene Hilfe ganz ausblieb . » Gomez « , fragte der Junge , » was bedeutet das ? Wird da unten gekämpft ? « Seine Handbewegung verständigte den Koch , dessen lebhaftes Gebärdenspiel ihm sofort Auskunft gab . Gomez führte gewaltige Hiebe in die Luft , legte an , kniff ein Auge zu und rief » Puff ! « - Dann deutete er in die Gegend des gestrandeten Schiffes . » Pilot ( Steuermann , Lotse ) ! « raunte er , » Pilot - Havanna . Rafaele , Gomez , Pilot ! Andere Bukanier no , no ! « Seine Hand durchschnitt waagrecht die leere Luft , um anzudeuten , daß keiner der übrigen Räuber imstande sei , ein Schiff nach dem Hafen von Havanna zu steuern . Robert hatte sofort begriffen . » Gomez « , flüsterte er mit halber Stimme , und nachdem ihn ein schneller Rundblick überzeugt hatte , daß kein Lauscher in der Nähe sein , » Gomez , das Schiff braucht also , um in den Hafen zu kommen , einen Mann , der das Fahrwasser genau kennt , und kann ihn auf dem üblichen Weg nicht erreichen , weil bis hierher die Lotsenschiffe nicht kommen ? Ist es so ? « » Ja ! « nickte der Koch , dem Roberts Deutsch , das ohnehin mit vielen spanischen Worten durchsetzt war , ganz verständlich klang . » Ja ! « Robert legte beide Hände auf die Schultern des schwarzbärtigen Freundes . » Gomez « , bat er , während seine Stimme vor Erregung heiser klang , » Gomez , nimm mich mit dir ! « Der Spanier schien zu verstehen , um was ihn sein Schützling bat . » Mi figlio ( mein Sohn ) « , sagte er kopfschüttelnd und mit bedauerndem , zärtlichem Ton , » mi figlio , - kann nein tun , no , no ! Rafaele so - - - « Und dann ergriff er seinen Kopf und zerrte daran , als wolle er ihn herabreißen , ohne Zweifel um anzudeuten , daß ihn Rafaele zur Strafe für solchen Verrat unter allen Umständen töten werde . Robert ließ seufzend die Arme sinken . Gomez hatte die Wahrheit gesprochen , das wußte er wohl , und doch gab es ihm einen Stich ins Herz . » Aber das Schiff sitzt ja fest « , sagte er nach einer Pause , » wie soll es ohne den Beistand eines anderen Fahrzeuges von der Klippe loskommen ? « Gomez streckte blitzschnell seine zehn Finger in die Luft und dann wieder zwei . Darauf vollführte er mit beiden Armen schaufelnde Bewegungen , als backe er ein Brot und rolle und schiebe den Teig im Trog umher . » Du meinst , daß um zwölf Uhr nachts die Flut kommt und das Schiff flott macht ? « fragte Robert . Der Koch nickte . » Nur Pilot ! Pilot ! « wiederholte er . Robert sah sehnsüchtig über das Wasser . » Rafaele wird selbst gehen « , antwortete er nach einer Pause . Der Koch zuckte die Achseln . » Quien sabe ( wer weiß ) ? « murmelte er . Und wirklich sollte sich die Befürchtung , die er im stillen gehegt haben mochte , erfüllen . Das kleinere , dem großen nachgefolgte Boot der Flibustier kam zurück und brachte mehrere Verwundete , vor allem auch den Anführer selbst . Während fast alle noch Zurückgebliebenen schnellstens zur Verstärkung geschickt wurden , rief Rafaele den Koch , der zugleich als Heilkünstler aushalf , zu sich . Gomez verband die Stichwunde im Arm , den Streifschuß am Hals und den Hieb , der einen Finger fast ganz von der Hand getrennt hatte , dabei aber sprach der Verwundete fortwährend , und als endlich die Unterredung zu Ende war , kehrte Gomez mit schlauem Blinzeln in die Küche zurück . » Ich Pilot ! « raunte er . » Havanna ! « Robert erbleichte . » Du ? « stammelte er . » Sst ! Sst ! - Roberto so ? « Er machte die Bewegungen des Schwimmens . Der Junge nickte eifrigst . » Natürlich , Gomez , natürlich . Ich kann schwimmen und kann es aushalten , so lange wie nur ein Mensch , der sich damit das Leben retten will . « » Sst ! - Sst ! - Aber Haifische ! « flüsterte Gomez und riß den Mund sperrangelweit auf . » Haifische so ! « - Dabei schnappte er fürchterlich und sah , den ganzen Oberkörper wiegend , mit bedauernden Blicken auf seinen jungen Freund . Robert lächelte mit bleichen Lippen . Er fühlte , wie ihm ein Schauer über den Rücken herabrann . » Das tut nichts , Gomez « , antwortete er , » ich habe ja den Weg von der Klippe bis zum Strand schon einmal schwimmend zurückgelegt . « Gomez pfiff leise . Seine beiden Hände stellten sich flach nebeneinander in die leere Luft , und dann trennte er sie um das Sechsfache des ursprünglichen Zwischenraums . » So ! « sagte er , » und so ! « Robert nickte . » Ich weiß , daß die Entfernung zwischen dieser Insel und dem Schiff bedeutend größer ist als die andere « , sagte er , » aber ich setze alles an alles . Entweder gerettet oder tot , - einen Mittelweg gibt es nicht . « Das hatte nun zwar der brave Gomez keineswegs verstanden , aber er erriet den Sinn , und seine durch Blicke und Bewegungen gegebenen Ratschläge zeigten dem Jungen , wie er es anfangen müsse , bis zum äußersten Vorsprung der Insel zu schleichen und dann auf kürzestem Wege schwimmend bis zum Schiff zu kommen . Er sagte ihm , daß zwei andere Bukanier ihn begleiten würden , um das Boot zurückzurudern , und daß er , Gomez , daher erst von dem französischen Schiff aus für ihn sorgen könne . Zu guter Letzt wiederholte er noch sein bedenkliches » Haifisch ! - Haifisch ! « - Aber Robert hatte genug gehört , um einen ganz festen Entschluß zu fassen . Er tat zwar in der Küche seine gewöhnlichen Arbeiten , brachte dem fluchenden Anführer einen kühlenden Trunk und blieb absichtlich im Wohnzimmer zurück , als das Boot mit den drei Bukaniern vom Lande abstieß . Rafaele hatte also gesehen , daß er zu dieser Zeit nahe bei seinem Bett stand und konnte später , wenn die Flucht gelang , dem braven Gomez keine Vorwürfe machen . Dann aber suchte er mit fieberhafter Hast den Weg über den weißen , sandigen Strand bis zur letzten Klippe der Insel . Keinen Blick sandte er rückwärts , keine Bedenken ließ er in sich aufkommen . Jetzt lag die Freiheit offen vor ihm , jetzt oder nie hieß die Losung . Der Strand war vom Mondlicht hell überglänzt , und auch auf dem Meer lag es wie flüssiges Silber . Weiße Schaumperlen rollten stärker auf den Strand , die Wellen hoben sich . In einer Viertelstunde mußte die Flut alles bis an den Waldsaum unter Wasser gesetzt haben . Robert sah das Boot . Es bewegte sich schnell vorwärts und war in der Ferne nur noch als ein dunkler Punkt erkennbar . - Er hatte für die Ausführung seines Planes keine Zeit mehr zu verlieren . Noch ein tiefer Atemzug , dann warf er Jacke und Stiefel von sich , nahm den Brustbeutel mit seinen beiden einzigen Andenken an die Insel , die Fischgräte und die Blume von Mohrs Grab , zwischen die Zähne , - dann sprang er ins Wasser , tauchte ein paarmal unter , um sich der Erfrischung und Abkühlung so recht bewußt zu werden , und schwamm nun , so schnell er konnte , in der Richtung zum Schiff . Aber die Entfernung war weit , und er wußte , daß es in dieser Gegend zahllose Haifische gab . Wie oft hatten die Bukanier vom Strand aus einen geschossen , um das Fleisch , wie Beefsteak gebraten , zu essen , wie oft hatte er es selbst gekostet . Jetzt konnte nur allzuleicht das Gegenteil eintreten - der Gedanke war gräßlich . Aber noch sah er nichts Verdächtiges , nur die blauen und silbernen Wogen umgaben ihn . Es erfüllte ihn mit stolzer Freude , unter sich bergestief die unergründliche Wassermasse und um sich die unbegrenzte Freiheit zu wissen . Er fühlte sich glücklich in dem Gedanken , selbst wollen und selbst handeln zu dürfen , unbekümmert um die Meinung anderer . Der Mond schien hell herab , nah und näher kamen die schwarzen Umrisse des Schiffes , - in einiger Entfernung fuhr langsam das Boot mit den beiden Bukaniern zur Insel zurück . Jetzt würde man in wenigen Minuten dort seinen Namen rufen , ihn suchen , Verdacht schöpfen - - Der Gedanke trieb zur Eile . Immer schneller durchschnitten seine kräftigen Arme das Wasser , mit immer stärkerem Anprall schlugen die Wellen an seine Brust . Er hatte jetzt das Schiff bis auf zehn Meter Entfernung erreicht . Deutlich zeigten sich an Deck die Gestalten mehrerer Männern , - er sah , wie sich Gomez über die Schanzkleidung beugte . » Schiff ahoi ! « rief er laut , in ausbrechendem Jubel . Aber das letzte Wort blieb ihm fast in der Kehle stecken . Was regte sich dort , rechts von ihm , und plätscherte leise , was ragte rundlich und aschgrau aus den Wellen ? Ein häßlicher Kopf tauchte auf , ein bogenförmiges Maul öffnete sich , - im Mondlicht schimmerten sechs Reihen sägenartig gezackter , nach hinten gebogener Zähne - - Noch tiefer beugte sich Gomez über die Schanzkleidung herab . - Robert tauchte schnell wie der Blitz und kam fast unter dem Bug des französischen Schiffes wieder an die Oberfläche . In diesem Augenblick krachte ein Schuß langhallend über das Wasser ; die Wogen spritzten , weißer Gischt schlug an die Bordwände , angstvolle Stimmen riefen » Schnell ! Schnell ! « Robert erfaßte das Tau , das ihm zugeworfen wurde . Wie eine Katze kletterte er daran empor , rückwärts blickend , ob ihn der Hai verfolge . Das Meer war rings von Blut bedeckt , purpurn kräuselten sich die Wellen , - das todverwundete Tier , rasend vor Schmerz und Wut , erhob sich mit letzter Kraft zum Sprung - - Scharfe Zähne packten und ritzten den nackten Fuß des Jungen . Er verdoppelte seine Anstrengungen , um