stehen bleiben ; Fenster und Türen aus einem Tempel gerissen , das Dach abgedeckt : die Ruine wird um so ehrwürdiger , und am Ende läßt sich noch eine Windmühle auf ihren Grundmauern errichten . Der Tag könnte also kommen , an welchem scharfsinnige Negationen weniger glänzende Honorare eintragen würden ; abgesehen davon , daß , über kurz oder lang , der nämliche Umschlag , von welchem mein Neffe , der Propst , die Rückkehr zur Kanzel erhofft , meinen Quasineffen in spe , den Professor , von dem Katheder nötigen dürfte . Und leiblicher Hunger täte dann weh . In dieser eines weisen Mannes würdigen Fürsicht gewähren die Mehlkammern eines reichen Schwiegervaters die tröstlichste Perspektive . So sorgt der Mann für die Zukunft , die Frau für die Gegenwart , und da im übrigen Mann und Frau ungefähr in gleichem Maße aus den gleichen Stoffen zusammengesetzt sind , darum auch die gleichen Bedürfnisse haben , ist eine harmonische Ehe zu prognostizieren . « » Aber auch ein gedeihliches Elternhaus ? « wendete Pastor Blümel ein . » Das just um so weniger , « versetzte die alte Dame . » Die Familie gedeiht nur in gemischten Elementen , und Kinder badet man nicht in Spiritus . Zumal diese Hartensteinschen Kinder , die , vielseitig begabt , schon jetzt einseitig entwickelt sind . Beide lieben nur sich , das heißt auch sich untereinander ; zur Mutter haben sie keinen Zug , und den auserkorenen neuen Papa hassen sie schlechthin . Derlei Stiefverhältnisse können überhaupt nur durch frühe Gewöhnung oder durch die Vernunft erträglich gemacht werden . Für die erste sind die Kinder zu alt , für die letzte zu jung . Beiden Teilen wird es daher einen verdrießlichen Übergang ersparen , wenn ich die Tochter , bis zu einem reiferen Stadium , mit mir nach Rom nehme . Ich vermeide im allgemeinen unschöne Umgebungen ; da das kleine Anhängsel aber gescheut und für die Musik ungemein talentiert ist , denke ich es mit ihm aushalten zu können . Schade , daß sie zur Harfe nicht die Figur hat ; von einer Gesangstimme kann bei solchem Brustkasten überhaupt nicht die Rede sein . Aber sie empfindet die Kunst , und die Kunst wird sie für manche versagte Empfindungen schadlos halten müssen . Notabene : für unfreiwillige Versagungen ; denn freiwillig sind solche der höchste Triumph , den wir Frauen feiern können . « » Aspasia ! « sagte der Pastor lächelnd , und Fräulein Thusnelda nickte ihm befriedigt zu . » Für die Tochter wäre somit zunächst gesorgt , « fuhr sie darauf fort . » Problematischer steht es um den Sohn . Sein Großvater war der schönste Mann , den meine Augen geschaut , und der Enkel gleicht ihm . Sehen Sie doch , mit welcher Grazie er draußen die Zügel führt . Nur absichtslos , doch wie mit Absicht schön ! Könnte ein Künstler ihn nicht zum Vorwurf eines jungen Sonnengottes nehmen ? Und wie die Glieder , so der Intellekt . Er lernt spielend , sagen seine Lehrer , hat Gabe zu allem , Lust zu vielem , Ausdauer zu nichts . Aus diesen Faktoren bilden sich die Tagediebe , die als Genies ein Monopol nicht bloß der Freiheit , sondern Frechheit zu haben glauben , zumal auf fettem Boden . Stellen Sie sich vor , der Bengel hat gestern abend eine Teegesellschaft seiner Frau Mama - ehrenwerte Philister und langweilige schöne Seelen einer deutschen Provinzialstadt ! - mit ein paar Federskizzen hingeworfen , daß sie in einem Witzblatt , wenn Ihr eines besäßet , Parade machen könnte . Hier eine Probe : Die Harfenmuhme ! « Fräulein Thusnelda zeigte das abgerissene Blatt , auf dessen Rückseite Max in seiner gestrigen desparaten Stimmung die Abschiedsworte an seine Schwester gekritzelt , und welche der lauernde zweite Vater ihm entwunden hatte . Pastor Blümel schüttelte seufzend das Haupt , und seine Patronin fuhr fort : » Und stellen Sie sich weiterhin vor , daß am nämlichen gestrigen Abend eine republikanische Verschwörung entdeckt und aufgehoben worden ist , deren Obmann dieser kunstfertige Tertianer war . Mich wundert nur , daß er nicht alsobald zur Organisation einer Räuberbande à la Karl Moor vorgeschritten ist . Kleine Gernegroße ! Ein Auswuchs Ihrer allerliebsten Staatsmaximen ! « Pastor Blümel stieß einen tiefen Seufzer aus und schlug die Augen zu Boden , als ob er selber ein verantwortlicher Teilhaber dieser Staatsmaximen gewesen wäre . Hätte es sich in seiner Patronin Wappenwagen geschickt , würde er seine Pfeife angezündet haben , so schmerzlich verworren war seine Gedankenarbeit . » Für die Zukunft eine heilsame Lehre , - falls sie verstanden wird ! « sagte die Dame leichthin . » Seis darum . Hängen wird man die dummen Jungen natürlich nicht ; man steckt sie stillschweigend irgendwo unter . Was aber den Häuptling anbelangt , so ist seine Mama der Verlegenheit überhoben , den Witwenstuhl verrücken zu müssen in Gegenwart eines Zeugen , der ein Karikaturblatt von der Weiheszene entwerfen würde . Was aber bis auf weiteres anfangen mit dem Tausendsasa ? Ich , für meine Person , habe keinerzeit den Trieb zur Grachenmutter in mir gespürt , und der Tropfen Werbenschen Blutes , der in des Burschen Adern noch fließt , kann mir die Verpflichtung nicht auflegen , die Rolle in alten Tagen zu forcieren . Bliebe also der Großvater Mehlborn , dem ich en passant nicht allzu gelinde auf den Zahn fühlen werde . Unter allen Umständen besitzt er den nervus rerum , auf welchen es in der Zukunft ankommen wird , und zugegeben muß ja auch werden , daß der Dreschflegel ein probates Korrektiv gegen Verschwörerlaunen ist , nur nicht gegen solche eines Bluts von vierzehn Jahren . Wer soll zunächst dem tollen Füllen die Halfter über den Kopf werfen ? Ich frage Sie , Freund , Sie sind ja halb und halb Pädagog , was sollen wir mit dem Irrwisch anfangen ? « Bis dahin hatte Dezimus , wenn auch mit immer steigender Entrüstung , an sich gehalten . Nun jedoch ertrug er es nicht länger , den schönen jungen Herrn so schmählich verlästert , ihn wohl gar mit des bösen Amtmanns Dreschflegel bedroht zu sehen . Er hatte gestern , um des vierten Gebotes willen , mit ihm gerungen , er , der doch weit schnöder gegen dieses Gebot gefrevelt hatte . Ihm aber war wegen des großen Rohres kein böses Wort gesagt worden , und jener wurde bloß wegen der Republik behandelt wie der verlorene Sohn . Seit die vornehme Dame ihn einen jungen Sonnengott genannt hatte , leuchtete er Dezimus nun vollends vor wie der alleredelste Held . » Er will unter die Kunstreiter gehen ! « platzte er daher heraus mit dem Stolze der reinsten Bewunderung . Die alte Dame lachte hellauf . » Bravo ! « rief sie in die Hände klatschend , » bravissimo ! daß man doch niemals an der Mutter Natur verzweifeln soll ! Lassen wir ihn laufen , lassen wir ihn reiten , wenn er sich wundgeritten hat , wird er zu Kreuze kriechen , und hängt der Brotkorb ihm dann nur ein wenig hoch , kann aus dem unbärtigen Karikaturenzeichner noch etwas Rechtschaffenes zustande gebracht werden . « » Ein gewagtes Experiment ! « versetzte Pastor Blümel so traurig , als die Dame lustig schien . » Wissen Sie eine wirksamere Zucht als die der Not ? « » Solange die Liebe nicht erschöpft ist , gewiß . « » Wollen Sie ihn etwa in Ihrem Töchtergarten schulen ? Ich meine es im Ernst , Freund , im allerernsthaftesten Ernst . Versuchen Sie es mit dem jungen Wicht . « » Mir bleiben , « entgegnete Pastor Blümel nach einer Pause , » Kraft und Zeit nur allenfalls für einen Schüler , meinen Pflegesohn , und der ist ein Anfänger , ein Lehrling auf Probe . Bestände er diese , dürfte ich auch für seine höhere Ausbildung Kenntnisse und Methode mir nicht mehr zutrauen ; schon jetzt werde ich für die Anfangsgründe der Mathematik mich leider nach einer Aushülfe umtun müssen . Nicht als einen Schüler kann ich daher Ihren jungen Verwandten in die Obhut meines Hauses nehmen , wollen Sie ihm denselben als Gast für eine Übergangszeit anvertrauen , wird er darin herzlich willkommen und , so Gottwill ! wohlgeborgen sein . « » Probieren wirs denn zunächst einmal in der Klosterschule des frommen Herrn Ohm , wohl möglich , daß sie die Wirkung der Reitschule wettmacht , « versetzte die Patronin , führte ihr Projekt aber nicht weiter aus , da man in der Nähe des Talgutes angekommen war . Sie beugte sich aus dem Wagenfenster . » Dort oben Ihre Pfarre ! « rief sie , » und hier die Kirche ! Ich bin in ihr getauft worden , - eingesegnet , - und wenn ich zum letzten Male meinen Einzug in ihr halten werde , - machen Sie es dann gnädig , Freund , mit dem alten , harfespielenden Heidenkind . « Die Lippen lachten bei den Worten , über den Augen aber lag ein feuchter Nebel , wie er wohl nicht häufig deren Funkelblick verschleiert haben mochte . Gleich darauf jedoch sagte sie in ihrem gewohnten kecken Ton : » Ich bin auf dem Schlosse nicht angemeldet , und meine Nerven haben auch in Rom den Heiligenduft nicht vertragen lernen . Würde Ihre Hausfrau , Freund , mich und meine Harfe zur Nacht beherbergen wollen ? Max und die Diener mögen sehen , wie sie auf dem Schlosse unterkommen . « Pastor Blümel drückte ihr erkenntlich für diesen Vorzug die Hand , hieß den Wagen halten und Dezimus aussteigen . Er sollte zu Fuß heimkehren , der Mutter den werten Gast anmelden , die Gardenia sorgfältig mit Wasser bespritzen , aber , wie er ihm noch besonders einschärfte , von dem , was er im Wagen vernommen , kein Wort gegen irgendeinen Menschen verlauten lassen . Mit dieser Vorschrift zog Dezimus ab . Die alte Dame lachte belustigt über die frühe Erziehung zur Beichtheimlichkeit . » Der Junge sieht danach aus , als hätte er auch ohne Ihre Mahnung den Mund gehalten , « meinte sie . » Der ist kein Karikaturenzeichner ! Mein Wort darauf , er besteht Ihre Schülerprobe . Bilden Sie ihn in Gottes Namen , soweit es Ihnen bequem ist , zu Ihrem Nachfolger oder in irgendeinem ihm vielleicht gemäßeren Fach zu Ihresgleichen aus . Für die Mittel seiner späteren Lehrjahre werde ich Sorge tragen . « Pastor Blümel dankte ablehnend für dieses Anerbieten , wie er schon vor Jahr und Tag dem General dafür gedankt hatte . Solange er lebe , wäre der Knabe , den er auf seinen Boden verpflanzt , sein Sohn . Ernte er Vaterfreude von ihm , habe er Vatersorge und väterliche Verantwortung für ihn zu tragen , er allein . Jegliche fremde Wohltat mache das Verhältnis zu einem schielenden . » Sie sind ein weiser Tor , oder ein törichter Weiser , « versetzte das Fräulein . » Ich habe die Mittel , und Sie haben sie nicht . Aber wie Sie wollen . Man soll keinem Menschen den Genuß verkümmern , etwas Rechtes auf eigene Hand durchzuführen . Für einen möglichen Todesfall , meinen oder Ihren , will ich indessen jetzt schon mit dem Justitiarius festsetzen , daß das theologische Stipendium , welches auf Werben ruht , seinerzeit zum ersten Male einem Werbenschen Bauernsohne zugute komme . Es tut keiner Weisheit Abbruch , wenn sie von einem Vater im Himmel ihren Ausgang nimmt , mag sie auch nicht allerwegs auf dieses Familienverhältnis hinauslaufen . Dem Gottesgelehrten kann späterhin immer noch ein weltliches Pfropfreis beliebig aufgesetzt werden . « Als die vierspännige Wappenkutsche , mit dem jungen gepuderten Lakaien und der geputzten alten Zofe im Kabriolett , im Talhofe einfuhr , saß Johann Mehlborn in Hemdsärmeln und Leinenhosen auf der ominösen Bank vor seiner Tür . Er sprang in die Höhe , ging bis an das Haus , kehrte aber um , setzte sich wieder und ließ dem kuriosen Geschehnis seinen Lauf . Irgend etwas rumorte bei dem stolzen Schauspiel in seinem Blut ; vielleicht der aufgestörte Bauerntrotz , vielleicht die unterbundene Magnatenader . Im Verlauf jedoch fand die alte Dame mit den rosigen Runzelwangen und den klugen Blitzaugen seinen Beifall , und auch ihr resolutes Mundwerk war nach seinem Geschmack . Als sie dem Sohne ihres väterlichen Großknechts die Hand reichte und ihn daran erinnerte , daß sie ihn zum letzten Male als pausbäckigen Posaunenengel auf seiner Mutter Arme gesehen habe , stieg eine Zähre in sein Auge , und sie würde übergelaufen sein , wenn das mobile Fräulein nicht in einem Atem auf ein weniger rührsames Thema übergesprungen wäre . Dieses Thema war der seiner Familie bevorstehende Ersatz des Geblütsaristokraten durch einen der hohen Wissenschaft . Der Amtmann war durch seine Brigitte schon von der Affäre unterrichtet ; auch durch seinen Bielitzer Pastor von der Schriftgelahrtheit des Mosjö Zacharias . Seinethalben ! wäre sie in ihrem Witwenstande ohne leiblichen Vater fertig geworden , werde sie in ihrem zweiten Ehebunde wohl auch noch ohne Gottessohn fertig werden . Er , Johann Mehlborn , halte es mit dem zweiten Artikel und dem vierten Gebot . Damit basta ! Als die Dame darauf ihm seinen Enkelsohn vorstellte , winkte er ihn heran , musterte ihn stillschweigend vom Kopf zur Zeh , griff dann in seine Hosentasche und schenkte ihm einen Taler . Junker Max wurde rot und schnitt ein Gesicht wie ein verkleideter Lustspielprinz , den einer im Ernst für einen Kammerdiener hält und ihm ein Douceur anbietet . Seine Hand zuckte , als ob er dem schäbigen alten Bauer , der sein Großvater und ein Millionär war , das Geldstück vor die Füße zu werfen Lust habe . Fräulein von Werben aber sah ihn mit einem scharfen Blicke an und sagte in noch schärferem Ton : » Bedanke dich schön , Herr Neffe ; es wird dir manchen Schweißtropfen kosten , ehe du den ersten Taler verdienst . « So machte Junker Max denn eine stumme Verbeugung und steckte den Taler ein , mit dem nobelen Vorsatz , sich seiner als Biergeld an den Postillion zu entledigen . Die Dame rückte nunmehr mit der Frage nach des Großvaters Ratschlägen und Plänen für seines Enkelsohnes Zukunft hervor . Wie zu erwarten stand , erhielt sie den Bescheid , der Junge solle lieber heute als morgen aus der Schule genommen und unter seine , des Großvaters , Schere gebrächt werden . Sobald er das feine Früchtchen zu einem richtigen Ökonomen zugestutzt , wolle er ihn als Inspektor über eines von seinen Gütern setzen . Der Junker von Hartenstein wurde demnach der Erbe von des Hirtendezem glänzenden Patenaussichten ! Damit schloß die Zusammenkunft der beiden nach barlichen Gutsherrschaften . Alles in allem , und noch dazu gezählt , daß Bielitz in diesem trockenen Sommer eine weit einträglichere Ernte als Hochwerben geleistet hatte , würde der alte Erbpächter der Letzten seiner angestammten Gutsherrschaft die Wiedererwerbung ihres Vätersitzes aufrichtig gegönnt haben , insofern sie selbst anstatt der verhaßten geistlichen Hartensteine auf ihm residierte . Da sie aber morgenden Tages schon wieder außer Lands zu gehen beabsichtigte und ihre widerwärtige Sippschaft ihm vor der Nase sitzen blieb , hätte er ihr die stolze Staatsvisite lieber geschenkt und den Taler für das dicknäsige Früchtchen von Enkel nicht zum Fenster hinausgeworfen . In noch weit höherem Maße fand die neue Herrin , daß sie sich den Umweg über das Talgut hätte sparen können , und auch der friedfertige Pastor Blümel zog unbefriedigt von dannen , da zu einer erhofften Wiederanknüpfung mit seinem ungetreuen Beichtsohne die Gelegenheit keineswegs günstig gewesen war . Seine Patronin hatte nicht ohne Absicht der Überraschung erwähnt , die sie aller Welt , also auch der Pfarrfamilie , durch den Gutskauf bereitet habe . Das aber hatte der kluge Bauer ja schon lange erspürt oder erfahren . Seine » Bosheit « auf die einstigen Freunde war von weit älterem Datum , und so blieb es auch zwischen Talgut und Pastorei bei der eingenisteten Entzweiung . Während dieser ungemütlichen Zusammenkunft trabte Held Dezimus in höchster Beseligung heimwärts . Bild um Bild tauchte die Zauberwelt , in welcher er einen Tag lang geschwelgt hatte , vor seinen Blicken wieder auf . Dem Wunder folgte der Zweifel . Am Ende hatte er die Herrlichkeit nur geträumt oder in einem Märchenbuche gelesen . Aber nein doch , nein ! Er trug ja auf seinem Leibe des Sonnengottes stolzes Junkerkleid , unter dem Arme zusammengerollt seinen eigenen Bauernkittel und in der Hand die duftende Gardenia . Er war der Märchenprinz . Er hob den Kopf höher , als er ihn gestern gehoben ; sein Herz klopfte stolzer , als es gestern geklopft ; er sah sich gleichsam in eine neue Konstellation versetzt ; funkelnde Erdenlichter schlossen eine Kette , zwischen welcher sein Stern fortan eitel lustig sich drehen werde . Dämmernd , wie es nicht nur Kindern geschieht , spürte er das Regen bisher ungeahneter Dämonen . Hüte dich , armer , zehnter Hirtensohn ! Du wirst nie in deinem Leben wieder der Held eines Märchenabenteuers sein , wirst nie wieder in einer Wappenkutsche von einem jungen Sonnengotte viere lang vom Bocke gefahren werden und einer berühmten Künstlerin zu Füßen sitzen ; von den Erdenlichtern , in deren Kreise du dich eitel lustig drehen siehst , könnte manches als Irrwisch dich in einen Sumpf verlocken . Nur an den ewigen Himmelslichtern , Dezimus , an ihnen halte fest ! Da die Weinbergstür unter Verschluß gehalten wurde , hatte er nach der Überfahrt den Umweg durch das Dorf zu nehmen ; vorüber an dem Hutmannshause , das heute noch wandelbarer als an dem Tage , wo er darin zur Welt gekommen , an dem Felsen klebte und von einer ebenso dürftigen Familie wie damals bewohnt wurde . Dezimus kannte seinen Ursprung , ohne ihn je als ein Leid empfunden zu haben . Noch keinmal , sooft er an dieser elenden Herberge vorübergekommen , waren ihm die Waisen eingefallen , die vor ihm unter dem nämlichen Dache dem nämlichen Blute entsprungen waren . In seinem heutigen Hochgefühl würden sie ihm noch weniger eingefallen sein . Da öffnete sich die Tür , und ein Kind in den Armen wiegend , trat das weiße Fräulein über ihre Schwelle . Er hätte ihr entgegenlaufen , ihr die bevorstehende Überraschung ankündigen mögen ; allein der lange , ernsthafte Blick , mit welchem sie zu ihm hinübersah , bannte seinen Schritt . Vielleicht war es nur das bunte Junkerkleid , das sie in Verwunderung setzte ; vielleicht verglich sie aber auch in ihrer nachdenklichen Art dieses durch die Liebe gerettete Kind mit dem siechen Wurm , den sie in der vorigen Minute auf der Streu sich hatte winden sehen und den sie zur Beschwichtigung in das Freie trug . Und als ob es diesem Mädchen bestimmt sei , die verborgensten Lebenskeime in dem Knaben zu erwecken , drang sein stiller Blick ihm in das Herz . Zum ersten Male fühlte er sich gemahnt an die Brüder , die in der Welt umherirrten , vielleicht gestorben , verdorben waren , er wußte nicht , wo und wie . Es war kein Blutessehnen , das sich in ihm regte . Aber er sah sich zurückgedrängt auf seinen natürlichen Grund , und eine Aufgabe für seine Mannesjahre hatte sich angebahnt . Der Propst , der zur nächsten Frönerhütte vorangeschritten war , winkte Lydia zu sich heran ; sie legte das Kind in seiner Mutter Arm und eilte an Dezimus vorüber dem Vater nach . Von der Höhe herab flog jubelnd , mit ausgebreiteten Armen das liebe Röschen , das den verloren gegangenen Bruder im Kahne stehend erkannt hatte . Es gab einen und dann noch einen zweiten lauten , bunten Tagesschluß , in welchem Dezimus seines weißen Fräuleins still mahnenden Blick vergaß . Als er aber nach der Gutsherrin Abreise zum ersten Male wieder durch die Schlucht in das Tal hinunterstieg , stand er wie erstarrt : das Hutmannshaus war verschwunden ; abgetragen bis auf den Grund , die arme Frönerfamilie zeitweise in einem Nebenbau des Schlosses untergebracht . Tag für Tag trieb es den Knaben nun hinunter an den leeren Platz , und Tag für Tag sah er etwas Neues entstehen . Der vorhängende Felsen wurde abgetragen , der gewonnene Raum geebnet , ein frischer Grund gelegt , Mauer um Mauer aufgezogen ; noch vor Winters stand ein sauberes kleines Haus an Stelle des armen Nestes , in welchem er das Erdenlicht erblickt hatte . Im Laufe der Zeit wandelten , eine nach der anderen , sämtliche Frönerhütten sich in freundliche Wohnstätten um , wurde die Straße gepflastert , von Bäumen eingefaßt und so zu der nettesten im ganzen Dorfe hergestellt . Es war nicht Fräulein Lydias frommer Liebessinn , welcher diese Umwandlung bewirkt oder auch nur angeregt hatte ; es war Fräulein Thusneldas Schönheitssinn , der empört worden war , als sie bei der Auffahrt zu ihrem Väterschloß sich derartig von Verfall und Unflat umgeben sah . » Unter einem italienischen Himmel erträgt sich das allenfalls , « hatte sie zu Freund Blümel gesagt ; » hier aber will ich selbst als Leiche diesen Ekelweg nicht noch einmal passieren . « So griff sie denn tief in ihren Säckel , erhob den Ortspfarrer zu ihrem Schatzmeister , seine Gattin zu ihrer Werkführerin und spornte zur Eile . Denn wer über das siebenzigste Jahr hinaus sich noch eine Grabesstraße anlegen will , der darf nicht lange fackeln lassen . Dezimus hatte diesen Zusammenhang bald genug erfahren . In seiner Phantasie aber schwebte das weiße Fräulein , so wie er es zum letzten Male aus seinem Geburtshause hatte treten sehen , als Engel des Trostes über der erneuerten Stätte . Und mit dem natürlichen Wege , auf welchen jener stille Blick wie ein Leitstern ihn gewiesen hatte , soll seine Knabenstufe abgeschlossen sein . Der Kampf am Jugendhimmel Und wieder ist nahezu ein Stufenjahr zurückgelegt ; solch eine Spanne , in welcher die Knaben Jünglinge , die Männer Greise werden , die Greise ihre Augen schließen , und deren sachter Wandel in dem Pfarrhause von Werben nichts geändert hat , als daß nur noch zwei Kinder darin glücklich sind . Aus dem Röschen ist eine Rose geworden , die holdeste Blüte in Konstantin Blümels Töchtergarten ; Bruder Dezimus , nach wie vor ein frisches Hirtenblut , ist fortgeschritten auf ebener Bahn und steht jetzt dicht vor jener hohen Schwelle , die aus der Vaterhut in die Freiheit führt . Kurze Zeit nach der Gutsherrin Wiederabreise hatte der Propst an Pastor Blümel die Bitte gerichtet , seinen Pflegesohn den mathematischen Unterricht mit Martin , dem ältesten der Hartensteinschen Kinder und vier Jahr mehr zählend als Dezimus , teilen zu lassen . Der Vater machte kein Hehl daraus , daß dem Knaben alles Lernen ohne treibenden Sporn schwer falle . Sei nun bisher Schwester Lydia selber in alten Sprachen seine Studiengenossin gewesen , so müsse auf deren Teilnahme bei jener strengen Disziplin doch füglich verzichtet werden ; und eben in ihr wäre eine bedeutendere Ausbildung geboten , da Martin sich für die militärische Laufbahn entschieden habe . » Der Verzicht , ihn zu einem Diener unseres Amtes heranzuziehen , ist mir hart angekommen , « äußerte der Propst . » Leider aber hat er die schmiegsame Natur seiner Mutter geerbt , und was zu anderer Zeit paradox klingen würde , für die heutige gilt , daß der geistliche Stand mehr Energie erheischt als der des Soldaten . Der letztere schließt die Selbständigkeit aus , welche jener bedingt . Mein zweiter Sohn mit seinem lebhafteren Temperament wird , will es Gott , die Hoffnung erfüllen , die ich auf den ältesten gesetzt hatte . Ich hätte Martin nun gern bis nach seiner Konfirmation unter der Zucht meines Hauses erhalten ; schlügen Sie mir meine Bitte indessen ab , würde ich mich genötigt sehen , ihn schon jetzt dem Hannoverschen Alumnat einzureihen , in welchem er bis zu seinem Diensteintritt weitergebildet werden soll . Auf eine in äußerem Betracht sich ja empfehlende Erziehung in unserem Kadettenhause , wie meine Brüder und ich selbst sie genossen haben , muß ich aus Gründen , die zu erörtern überflüssig sein würde , verzichten . « Pastor Blümel erspürte in diesem Anerbieten Fräulein Thusneldens nachwirkenden Einfluß , gab aber um so williger seine Zustimmung , da auf diese Weise die bedenkliche Lücke in seinem eigenen Unterricht ausgefüllt wurde . Und so hatte der Quatermillionenjunge an diesem Tage zum letzten Male auf Kantor Beyfußens Schulbank gesessen , um fortan als mathematischer Kumpan Martins von Hartenstein in dem suspendierten Magister Klein einen tüchtigen Lehrmeister zu finden . Von den übrigen Schloßbewohnern sah er während dieser regelmäßigen Unterrichtsstunden wenig ; in dem treuherzigen Martin aber fand er einen Freund für das Leben , und zwischen den Familien der beiden Freunde wurden teilnehmende Beziehungen angebahnt ; vornehmlich zwischen Röschen und Martins beiden jüngeren Schwestern ; das weiße Fräulein war und blieb für das frohmütige Pfarrtöchterchen zu still und ernst oder , wie Röschen selbst es nannte , zu alt und klug . Als nach etlichen Jahren Martin in das strenglutherische Alumnat abging , war auch Dezimus reif für die höheren Gymnasialklassen geworden . Es würde seinem Pflegevater leicht geworden sein , ihm eine Freistelle in Schulpforta zu erwirken , sehr schwer dagegen , sich schon jetzt von seinem Sohne zu trennen . Nicht mehr aus Gewissenssorge wie einst , aus reiner Vaterfreude wollte er ihn so lange als angänglich unter seinen Augen behalten und wenigstens der Repetent seiner Studien in den alten , lieben Heiden bleiben . Da das einstige Kloster , welches der baubeflissene Eidam räumlich umgeschaffen , sich auch geistig als eine lichtvolle Lehrstätte bewährt hatte , trabte Dezimus fortan jeden Morgen seelenvergnügt nach der Stadt und kehrte jeden Nachmittag seelenvergnügt heim in sein Dorf , rückte gesetzmäßig von Stufe zu Stufe , und alle Zeichen deuten darauf hin , daß er auch fernerweitig seelenvergnügt und gesetzmäßig emporrücken werde , wenn er zum nächsten Herbstsemester , ausgerüstet mit dem Werbenschen Stipendium , als Studiosus der Gottesgelahrtheit in die Stadt einzieht , in welcher er zum ersten und einzigen , aber hoffentlich nicht zum letzten Male den Sternenhimmel durch ein großes Rohr betrachtet hat . Bei dem gelehrten Professor Zacharias wird er dort allerdings keine Kollegia hören können - was Vater Blümel nicht im entferntesten beklagt - , und in der Frau Professorin Zacharias wird er keine sorgliche Heimatsfreundin wiederfinden ; was Mutter Blümel auf das tiefste beklagt , um ihres Sohnes willen , aber auch um der Frau Professorin willen . Denn die Gegenströmung , welche , wenn die alte Gutsherrin recht hatte , er selber deutlich vorausgewittert , hatte den freisinnigen Kritiker geheiligter Überlieferungen von seinem Lehrstuhl gescheucht - lange vor der Zeit , wo die reiche Erbstätte seiner Gattin ihm eine Zuflucht hätte bieten können und ohne daß von dieser einstigen Erbstätte aus ihm in der Gegenwart eine Nothülfe geboten worden wäre . Johann Mehlborn wirtschaftete unermüdet weiter manches Jahr , nachdem der königliche Greis , als dessen Stellvertreter er am Tauftische des Werbener Hirtensohnes gestanden hatte , in die Gruft gesenkt worden war ; er erwirtschaftete sich sogar ein drittes Rittergut zu den beiden ersten ; aber die einzige Erbin , für die er sie erwirtschaftet hatte , ließ er Mangel leiden , weil sie selbst und der Gatte , welchen sie sich erkoren , nicht Hand in Hand mit ihm wirtschaften wollten und konnten . Und doch nagte dieser Mangel schärfer an ihm selbst als an denen , welchen er ihn auferlegte . Es gab im weiten Umkreis keinen friede-und freudeärmeren Menschen als den reichen Johann Mehlborn . Wie ein grimmiger Höhlenbär trottete er brummend unter Gottes freiem Himmel umher , zwischen den unübersehbaren Feldgebreiten , die er sein eigen nannte . Eine schweizerische Hochschule hatte den Professor Zacharias aufgenommen . Wie aber im monarchischen Vaterlande nicht gegen die Ungunst von oben , so vermochte er im republikanischen Auslande nicht gegen die Ungunst von unten seine Forschungen als Lehrstoff zu verwerten . Er lebte nur noch von schriftstellerischen Arbeiten und war Manns genug , keine seiner Konsequenzen zu unterdrücken , obgleich das Publikum - auch darin hatte die alte Harfenkönigin richtig vorausgespürt - ihm nicht mehr goldene Früchte ernten ließ . Auch seine Gattin hatte um des lieben Brotes willen zu der Feder gegriffen und erzielte durch populärwissenschaftliche Elaborate , zumeist pädagogischen Inhalts , einen Ertrag , welcher der praktischen Frau eine leidlich bequeme Hausführung ermöglichte . In dieser gemeinsamen Beschäftigung , aus gleichem Grundquell und in gleicher Richtung , wennschon die Zielpunkte der Frau die Höhe der männlichen nicht erreichten , fühlte Frau Brigitte sich in ihrer eigensten Sphäre , und ihre zweite Ehe wurde in Wahrheit eine Musterehe , - obgleich oder weil dieselbe kinderlos blieb . Die kleine Sidi war bis heute bei der Großtante in Rom geblieben und schwamm in deren kühlem , klaren Element wie eine Forelle im buntumblühten Bach . Hätte ihr Mäxchen an ihrer Seite schwimmen dürfen , würde niemals ein glücklicheres Kind als dieses arme , verunstaltete Geschöpf zur Jungfrau herangewachsen sein . Jene einzige Herzenssehnsucht blieb ihr indessen ungestillt ; sie hatte den Bruder nicht wieder gesehen , seitdem er als vorzeitiger Karbonari von der alten Harfenkönigin dem bräutlichen Hause seiner Mutter entführt worden war . Er jedoch wie sie in eine ihm zusagende neue Welt . Da er weislich dem Gelüste entsagte , sich der in diesem geknechteten Jahrhundert einzig freien und dabei nobelen Menschengattung zuzugesellen , wurde das Experiment ihm erspart , das die alte Dame lachend gebilligt hatte . Er war nicht als verlorener Sohn reuig heimzukehren gezwungen , nicht durch Not zur Vernunft gebracht , und der Brotkorb ihm nicht allzuhoch gehängt worden ; freilich aber auch Konstantin Blümels Liebesschule hatte er nicht kennen lernen . Ein kurzer Aufenthalt im Bereiche seines geistlichen Oheims , dessen gleichalteriger Sohn in Fassen und