der Arbeiter legt sich nach der heißen Woche nur zu gerne in den Schatten . Bei dem Mittagsmahle , das wir selbander im Winkelhüterhause eingenommen , hat es der Holzmeister schon erzählt , der Grassteiger will um Erlaubnis einkommen , daß er eine Schnapsschenke errichten dürfe . Den Wirt hätten wir schon , aber wo steckt unser Pfarrer ? » ' s wird auch keiner hereinwollen in diesen mit Brettern verschlagenen Weltwinkel , « meint der Holdenschlager . » Gelt , Hochwürden ! « schreit die Winkelhüterin ins Gespräch hinein , » wahrhaftig , das sag ' ich hundertmal . Fort möcht ' ich von dieser Einöden , heut ' lieber wie morgen . Es ist nichts anzuheben in diesem Winkel . Wie wär ' es unsereinem so handsam gewesen , daß ein ' s an Sonntagen ein wenig Branntwein ausgeschenkt hätt ' , aber halt ja , der Grassteiger ist der Hahn im Korb ! « » He , « lacht der Pfarrer , » Wirtshäuser ! Wird noch ein belebter Ort werden , dieses Winkel - Winkel - ei , die Gemeinde hat ja noch gar keinen Namen ? ! « Über den Namen der Gemeinde ist nicht bloß nachgedacht , es ist ein solcher sogar schon bestimmt worden . Wie soll die Waldpfarr ' heißen ? Den Leuten wäre die Erörterung dieser Frage eine willkommene Veranlassung gewesen , bei dem neuen Wirt zusammenzukommen und die Gemeinde mit Schnaps zu taufen . Aber wir taufen mit Wasser . Unser Wasser heißt die Winkel ; über die Winkel führt dahier seit unvordenklichen Tagen ein Steg ; wenn ihn das Wasser fortgerissen , haben ihn die Leute wieder aufgebaut , weil er hier , am Kreuzpunkte der Talschluchten und der Waldpfade unentbehrlich ist . Den Platz um das Winkelhüterhaus nennen sie kurzweg » am Steg « . Am Steg , am Winkelsteg , steht die neue Kirche . Und Winkelsteg , so heißt sie , und so heißt die Gemeinde . Unser Waldherr Schrankenheim hat ' s unterschrieben . Wie unsere Kirchweih eingeläutet worden , so wird sie ausgeläutet . Da hat sich an diesem Tage noch etwas sehr Erregendes zugetragen . Die Holdenschlager Herren und der Förster sind fortgewesen ; am Winkelsteg ist es wieder still . Es dunkelt schon früh und im Hochgebirge liegt der Nebel . Es ist bereits finster , da ich zu meinen Glocken gehe . Heute zum ersten Male brennt das rote Ämplein am Altare , das nun fortan das ewige Licht geheißen werden wird , und nimmer verlöschen soll , so lange das Gotteshaus steht . Das ist die Wacht vor dem Herrn . Wie ich in die Kirche trete , sehe ich in dem matten Schein am Speisegitter eine Gestalt . Da kniet noch ein Mensch und betet . Wenn einer so lange leben muß in dem Elende des Tages , so wird hernach völlig Sonntag zu kurz , da man bei dem lieben Gott eingekehrt ist , oder bei sich selber . - So denke ich und stehe eine Weile still und trete endlich vor , daß ich den Beter aufmerksam mache auf das Absperren der Kirche . Wie mich aber die Gestalt bemerkt , rafft sie sich auf und will fliehen . - Zuletzt ist es gar kein Beter , sage ich , und fasse den Davoneilenden und sehe ihm ins Gesicht . Ein junger Bursche ist ' s. » Was wirst du rot , Schelm ! « rufe ich . » Ich bin kein Schelm , « antwortet er , » und Ihr seid auch rot ; das ist von der Ampel . « Da sehe ich ihn recht an . Wer wird es gewesen sein ? Der Lazarus ist ' s gewesen , der verschollene Sohn der Adelheid . Ich habe die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und ein Geschrei erhoben mitten in der Kirche . » Junge , was ist das mit dir um Gottes willen , wo bist du gewesen ? Wir haben dich gesucht , deine Mutter hat dich ausgraben wollen aus dem Gestein der Alpen . Und wie bist du heute da , Lazarus ! Ja , das ist schon gar aus aller Weis ' ! « Der Knabe ist dagestanden und hat auf meine Worte gar nichts geantwortet - nicht ein Wörtlein . Darauf habe ich geläutet . Lazarus ist neben mir gestanden ; seine Bekleidung ist eine Wollendecke , seine Haare gehen ihm über die Achseln hinab , sein Antlitz ist blaß . Er sieht mir zu , er hat noch keine Glocke läuten gesehen . Und was ich empfinde ! Jetzt hab ' ich eine hellklingende Zunge , jetzt kann ich das Ereignis ja verkünden hin in die Berge . Endlich kommt meine Haushälterin : was denn das Läuten bedeute , ein halbdutzendmal habe sie schon den » englischen Gruß « gebetet und ich höre noch nicht auf ! Da lasse ich den Glockenstrick wohl fahren und deute auf den Jungen : » Seht , endlich ist er da . Habt Ihr das Läuten denn nicht verstanden ? Der Lazarus ist gefunden . « Besser als jegliche Glocke weiß solche Mär ein Weib zu verkünden . Kaum eilt die Winkelhüterin rufend davon , sind ich und der Lazarus schon von Menschen umringt . Ich weiß kaum , wie ich die Sache erzählen soll , und der Junge murmelt ein- um das andere Mal : » Paulus , « und sonst sagt er kein Wort . Wir fragen ihn , wer Paulus sei ? Statt auf die Frage zu antworten , versetzt er mit seltsam scheuem Blick : » Er hat mich hergeführt zum Kreuz . « Und laut und angstvoll ruft er : » Paulus ! « Seine Zunge ist unbeholfen , seine Stimme fremdartig . Wir führen ihn ins Haus ; die Hauswirtin stellt ihm zu essen vor . Traurig blickt er auf den Eierkuchen , wendet den Kopf nach allen Seiten und immer wieder zurück auf den Kuchen und rührt keinen Bissen an . Allmiteinander reden wir ihm zu , daß er essen möge . Seine mageren Hände strecken sich aus dem Lodenüberwurf hervor und nach der Speise aus , aber sie zucken wieder zurück und der Junge zittert und hebt endlich an zu schluchzen . Später bittet er um ein Stück Brot , das er mit Heißhunger verschlingt . Dabei fallen ihm die schwarzen Locken über die Augen herab , er streicht sie nicht zur Seite . Zuletzt taucht er das Brot in den Wasserkrug und ißt mit gesteigerter Gier und trinkt das Wasser bis auf den letzten Tropfen . Wir stehen herum und wir sehen ihm zu und wir schütteln unsere weisen Häupter und wollen fragen und fragen ; und der Junge hört nichts und starrt in die Spanlunte , die an der Wand leuchtet , oder zum Fenster hinaus in die Dunkelheit . Noch in derselben Nacht haben ich und der Grassteiger den Knaben hinaufgeführt in den Hinterwald zu seiner Mutter Hütte . Ein paarmal hat er uns davon und die Lehnen hinanklettern wollen in den Wald . Stumm wie ein Maulwurf und scheu wie ein Reh ist er gewesen . Wir kommen zu des schwarzen Mathes Haus , die schwarze Hütte genannt . Da liegt alles in tiefer Ruh . Das Brünnlein flüstert vor der Tür ; das Geäste der Tannen ächzt über dem Dache . In der Nacht hört man auf solche Dinge ; am Tage ist , wenn einer so sagen dürfte , das stete Tönen des Lichtes , da wird dergleichen selten beachtet . Der Grassteiger hält den Knaben an der Hand . Ich stelle mich an ein Fenster und rufe hinein durch die Papierscheibe : » Adelheid , wacht ein wenig auf ! « Da ist drinnen ein kleines Geräusch und ein verzagtes Fragen , wer denn draußen . » Der Andreas Erdmann von Winkelsteg ist da und noch zwei andere ! « sage ich . » Erschreckt aber nicht . In der neuen Kirche hat sich ein Wunder zugetragen . Der Herr hat den Lazarus erweckt ! « In der Hütte leckt mehrmals ein roter Schein an den Wänden , wie matte Blitze zu sehen . Das Weib hat an der Herdglut einen Span angeblasen . Sie leuchtet uns zur Türe herein , aber als sie den Knaben sieht , fällt der Span zu Boden und verlischt . Da ich endlich wieder ein Licht zuwege bringe , lehnt das Weib an dem Türpfosten und Lazarus liegt auf dem Angesichte . Er wimmert . Der Grassteiger hebt ihn empor und tut ihm die Locken aus dem Antlitz . Die Adelheid steht fast regungslos im Nachtkleide ; nur in ihrer Brust ist Unruhe . Sie legt die beiden Hände über die Brust , sie wendet sich gegen die Wand und lechzt nach Atem , ich habe gemeint , sie bricht uns zusammen . Letztlich wendet sie sich zum Knaben und sagt : » Bist wohl einmal da , Lazarus ? « - Und zu uns : » Tut euch ab dort auf der Bank , will gleich eine Suppe kochen ! « - Und wieder zum Knaben : » Zieh ' die nassen Schuh ' aus , Bub ! « Er hat gar keine Schuhe an den Füßen ; Sohlen aus Baumrinden hat er angebunden . Das Weib geht zum Bette , weckt das Mädchen , es möge schnell aufstehen , es sei der Lazarus gekommen . Das Mädchen hebt an zu weinen . Die Suppe steht fertig auf dem Tisch ; der Knabe starrt mit seinen großen Augen den Tisch und die Mutter an . Und jetzt erst bricht das Mutterherz los : » Mein Kind , du kennst mich nimmer ! Ja , ich bin alt geworden über die hundert Jahr ' ! Wo bist mir gewesen diese ewige Zeit ! Jesus Maria ! « Sie reißt das Kind an ihre Brust . Lazarus läßt es geschehen und starrt zur Erde ; ich merke wohl , wie seine Lippen zucken , aber er sagt kein Wort . Er muß Bedeutsames erfahren haben ; seine Seele liegt unter einem Banne . Als er hierauf seinen Lodenüberwurf austut , um auf das frisch bereitete Lager zu steigen , langt er aus diesem Übertuch eine Handvoll grauer Körner und streut sie mit einem Wurf über den Fußboden hin . Kaum das geschehen , hebt er an , sich zu bücken und die Körner , Steinchen sind es , wieder aufzulesen . Er zählt sie in seiner Hand und sucht dann in allen Fugen und Winkeln , und hebt mit Sorgfalt jedes der Körnchen , und zählt und sucht wieder , und sucht mit Gelassenheit eine lange Weile auf dem Estrich der Hütte , bis er das letzte Stück hebt und ihm die Zahl in der Hand voll ist . Und selbunter haben wir den Jungen zum ersten Male lächeln gesehen . Danach tut er die Steinlein wieder in die Tasche seines Überwurfes und geht zu Bette . Er schläft bald ein . Wir sind noch lange am Herd gestanden bei der Spanlunte und haben unsere Gedanken ausgesprochen über das Seltsame , wie es mit und in diesem Kinde ist . Christmonat 1818 . Der Knabe Lazarus muß in einer wunderbar mächtigen Schule gewesen sein . Von seinem Jähzorne ist kaum eine Spur mehr , nur geht , wenn er erregt ist , ein kurzes , blitzartiges Zucken durch sein Wesen . Er wird auch wieder fröhlich und heiter . Von seinem Leben im Jahre seiner Abwesenheit will er nichts Rechtes aussagen . Paulus hätte ihm verboten , mehr zu reden , als nötig . Zuweilen erzählt er aber doch , nur sind die Worte unklar und verwirrt , schier wie Traumrednerei . Er spricht von einem Felsenhause und von einem guten , ernsten Manne , und von Bußübungen , und von einem Kreuzbilde . Lebhaft und bestimmt werden seine Worte nur , wenn er in der Lage ist , seine und des Mannes Ehre irgendwie verteidigen zu müssen . In der Gemeinde wird viel dem » Wunderknaben « gesprochen . Einige glauben , Lazarus sei bei einem Zauberer in der Lehre gewesen und werde noch große Dinge vollbringen . Der alte Waldsänger sagt , er täte meinen , nun müsse bald der Messias erscheinen ; Lazarus sei der neue Vorläufer , Johannes der Täufer , der sich in der Wüste genährt von Heuschrecken und wilden Schnecken . Gott walte es . Ein tätiger und herzenswarmer Pfarrer wäre für Winkelsteg der Messias . Aber es ist , wie der Holdenschlager gesagt hat , es will keiner herein in die verlorenen Waldtäler . Ich bin der einzige , der die Kirche verwaltet , läutet , Orgel spielt , singt und vorbetet , wenn Sonntag ist . Die Täuflinge und Toten müssen nach Holdenschlag wie vor und eh . Im Hornung 1819 . Was geht das mich an ? Gar nichts geht ' s mich an . Aber ich bringe es doch nicht aus dem Kopf , was mir der Förster von dem jungen Herrn erzählt hat . Mit Verweichlichung seines Körpers sei es angegangen , mit losen , lockeren Spielen , Gelagen , Schlemmereien und Ausschweifungen gehe es weiter . Bah , wir sind Freiherr , wir sind Millionär , wir sind ein schöner junger Mann , also dreinfahren ! - So hat ' s der Förster ausgelegt . - Ei , der wird ' s so genau nicht wissen . Hermann soll in der Hauptstadt sein , weit von daheim und von seiner Schwester . Ja , selbunter wäre freilich alles möglich . - Gott schütze dich , Hermann ! Es wäre auch nicht schön von mir , dem Schulmeister , wenn sein erster Schüler ein ... Heb ' dich weg , du häßliches Wort ! Hermann ist ein braver , junger Mann . Was weiß der Förster . Im Frühjahr 1819 . Die Gegend altert schnell . Die Berge werden grau und kahl ; der Wald wird verbrannt ; in allen Tälern rauchen Kohlstätten . Mit Mühe hab ' ich es durchgesetzt , daß sie da oben an der Hebung einen kleinen Schachen stehen lassen . Der soll das letzte und bleibende Stück Urwald sein und unter seinem Schatten sollen die toten Winkelsteger ruhen . Der Pfarrhof ist fertig . Die Pfarre ist längst ausgeschrieben . Einen Lacher tun sie , wenn sie es lesen : » Das mag eine saubere Seelsorge sein in diesem Winkelsteg ; der Meßopferwein besteht aus Holzäpfelmost , die Hostie aus Hafermehl . - Je , wenn in Winkelsteg der Pfarrer verhungert , so ist er selber schuld , warum speist er nicht Baumrinden ; die Waldkatzen kommen ja auch davon . « Winkelsteg ist bös ' verschrien ; es wäre aber so arg nicht . Ich kriege für das , daß ich die Kirche versorge und zuweilen auf den Predigtstuhl steige , um den Leuten zur Erbauung vorzulesen , reichlich Mehl und Wildbret . Die Leute sagen , es sei schade , daß ich nicht Pfarrer geworden . Von der Herrschaft des Waldes sind Messengelder geschickt worden , daß in der Gemeinde Winkelsteg ein Gottesdienst gestiftet und gebetet werde auf eine gute Meinung . Es hat sich die Tochter des Hauses vermählt . - - - Gott sei Dank , daß mein Körper und mein Geist hier so reichlich Beschäftigung findet . Dieser Einspanig gibt Nachdenken . Öfter und öfter wird er im Orte gesehen , gebückt , wie ein leibhaftig Fragezeichen , gebückt und krumm , so geht er einher . Noch immer aber weicht er den Leuten aus ; und wer ihm doch nahe zu kommen weiß , um eine Frage an ihn zu stellen , dem gibt er eine Antwort , die drei Fragen gebiert . Auch in der Kirche ist er schon gesehen worden , ganz zu hinterst in der Nische , wohin der Beichtstuhl kommen soll . Der alte Rüpel hält das Wesen ganz entschieden für den ewigen Juden . - Nun , so viel mag ich selber glauben : der Einspanig ist ein Teil desselben . Der ganze ewige Jude hat meines Glaubens viele Millionen Köpfe . Im Sommer 1819 . Da hätten wir nun auf einmal einen Pfarrer , und zwar einen so seltsamen , und der so geheimnisvoll ist , wie unser Altarbild , das Kreuz aus dem Felsentale . Am letzten Tage des Heumonats , zur Mittagszeit ist es gewesen . Ich gehe in die Kirche , um die Gebetglocke zu läuten . Da steht der Einspanig auf der obersten Stufe des Altars , und übt die Förmlichkeiten des Messelesens . Ich sehe ihm eine Weile zu . Er liest die Messe , wie sie der Holdenschlager nicht vollendeter darbringt . Als er aber damit fertig ist , ernsthaft von den Stufen niedersteigt und mit niedergeschlagenen Augen dem Ausgange zuwandelt , da ist es doch meine Pflicht , daß ich ihn anhalte und zur Rede stelle . » Herr , « sage ich , » Ihr tretet in dieses Gotteshaus , wie es ja jeder darf , der aufrichtigen Herzens ist ; aber Ihr steiget zu dem Allerheiligsten empor und übet Dinge , die nicht jedem zustehen . Ich bin der Hüter dieses Hause und habe Euch zu fragen , was Euer Treiben bedeutet ? « Er ist dagestanden und hat mich mit großer Gelassenheit angeblickt . » Guter Freund , « sagt er hierauf mit einer Stimme , die wie eingerostet tönt : » Die Frage ist kurz und leicht ; die Antwort ist lang und schwer . Weil Ihr aber das Recht habt , sie zu verlangen , so habe ich die Pflicht , sie zu geben . Bestimmet den Tag , an welchem Ihr hinaufgehen wollt zu den drei Schirmtannen in der Wolfsgrube . « » Wozu ? « sage ich . » Die Antwort liegt nicht auf dem Wege . Unter den Schirmtannen mögt Ihr sie erfahren . « » Wohl , « sage ich , » wenn es so ist , so will ich mich am nächsten Sonnabend um die dritte Nachmittagsstunde bei den drei Schirmtannen in der Wolfsgrube einfinden . « Er neigt den Kopf und geht davon . Ich will von diesem Vorfalle einstweilen den Leuten nichts melden . Das ist ein Narr ! würden sie aufschreien allmiteinander . Mag ja sein . Ich werde zu den Schirmtannen gehen und vielleicht Näheres über den Mann erfahren . Finde ich so viele und so schöne Narrheit in ihm , wie in dem alten Rüpel , so bin ich zufrieden . Sollte es in Winkelsteg schon mit Pfarrhof und Schulhaus nicht gehen , so bringe ich doch etwan einen lustigen Narrenturm zuweg . Und das ist auch gut . Die Antwort des Einspanig Am Morgen . Im Tannenwalde herrscht tiefe Trauer ; wie Totenklage , wie Grabesschauer , so weht ' s durch der Wildnis umnachtete Mauer . Dahingestreckt am Waldessaum ins Leichenbett aus moosigem Flaum , gemordet liegt der urälteste Baum . - O , sehet den Mörder über die Steppe fahren , er rast in Verzweiflung mit fliegenden Haaren , verfolgt und gegeißelt von rächenden Scharen . - Den armen Mörder , o laßt ihn ziehen , ihm ist ' s gegeben , Unheil zu sprühen . Und neu aus dem Tode wird Leben blühen . Nicht der alte Rüpel ist es , der mich ansteckt , daß ich schon am frühen Morgen solche Zeilen schreibe , sondern eine innere Bewegung , die mich bei der Kunde von dem Sturme erfaßt , hat sich in Worten Luft gemacht . In dieser Nacht hat ein Sturm gehaust . In Winkelsteg haben wir nichts verspürt ; nur ein schweres Getose ist gehört worden von Mitternacht her . Im Schachen des Gottesackers ist kein Wipfelchen geknickt . Am Abend . Wie ich aber nun , da ich in den neuen Geschlägen drüben Geschäfte habe , über die Lauterhöhe geh ' , ist mir der Weg zehnfach verlegt durch wild zerzauste , zersplitterte , in Kreuz und krumm gefallene Bäume . Ein starker Harzduft weht in den Gräben ; zahllose Waldvögel flattern heimatlos umher , denn ihre Nester sind zerrissen . Hier und da machen sich schon Holzhauer an das Gefälle , daß sie die Stämme glätten und schälen . In den Holzhauerhütten soll das eine fürchterliche Nacht gewesen sein . Einigen hat es den Dachstuhl zerrissen , daß am Morgen die treibenden Wolken des Himmels hineingeschaut auf den Feuerherd und die wirren Strohstätten . Bei den Köhlern im Karwasser ist ein abgerissener Fichtenstamm auf einen Meiler gefallen , so daß das Feuer herausgebrochen ist und die hingepeitschten Flammen schier einen Waldbrand erzeugt hätten . Der Berthold soll wie wütend mit dem Dämpfen des Feuers gearbeitet haben und dabei mit seinem linken Fuß zu Schaden gekommen sein . Manch wüste Scharte ist den Wäldern geschlagen , und als ich am Nachmittage zu den Schirmtannen in der Wolfsgrube komme , sehe ich , daß die mittlere geknickt ist . Sie ist von den dreien die größte und wohl die älteste gewesen . Auf dem hingestreckten Stamm , der sein Geäste tief in den Erdboden gebohrt hat , sitzt der Einspanig . Er hat sich ein Wollentuch um die Schultern gelegt , und über das Tuch wallen die Strähne des schwarzen Haares mit seinen vielen grauen Fäden . Die Beine hält der Mann übereinander geschlagen , darauf stützt er seinen Ellbogen , und auf diesen das gesenkte Haupt mit dem blassen Antlitz . Da ich nahe , erhebt er sich . » Ihr kommt doch , « sagt er , » und ich hätte beinahe nicht kommen können . Die Sturmnacht hat meine Behausung gesperrt ; sie hat einen Felsklotz vor den Ausgang gewälzt . « Und nach einem schweren Atemzug sagt er das trübselige Wort : » Vielleicht wäre es besser gewesen , diese Nacht hätte mich in der Felsenhöhle begraben für alle Zeit , als daß ich Euch heute die Antwort gebe . Da ich sie aber gebe , so gebe ich sie Euch am liebsten . Ich habe Rechtschaffenes von Euch gehört und freue mich der Gelegenheit , Euch näher zu kommen . Meine Antwort , junger Mann , ist eine schwere Last ; helfet sie mir tragen , wie Ihr ja auch die Mühsal der anderen Waldbewohner auf Euch geladen habt . Ich weiß wohl , Ihr versteht Priesteramt zu vertreten ; so seid mein Beichtvater und erlöset mich von einem Geheimnis , von dem ich nicht weiß , ist es eine schwarze Taube oder ein weißer Rabe . - Wenn es aber wäre , daß Ihr mich nicht solltet begreifen können ... « Er hat eingehalten ; in seinem Blick ist etwas wie Mißtrauen gelegen . Ich versetze hierauf , daß ich ihn nach nichts fragen wolle , als nach der Ursache seines Gebarens am Altare unserer Kirche . » Da fragt Ihr mich ja nach allem ! « ruft er mühsam lachend aus ; » da fragt Ihr mich nach meinem Lebenslauf , nach meinem Seelenweh , nach meinem Teufel und nach meinem Gott . - Gut , gut , kommt nur her und setzet Euch zu mir auf diesen Stamm . Besser schickt sich keine Stätte für meine Antwort , als eine aus Vernichtung gebaute . So setzet Euch ! « Mir wird schier unheimlich . Im Tann ist es still , daß man das träge Ächzen des Geästes vernehmen kann ; oben aber fliegt das Gewölke dahin von einem Gewände zum andern . Ich setze mich neben den Mann , in dessen Augen und Worten aber viel mehr Kraft liegt , als man in dem gebückten , sich schwer schleppenden Einspanig hätte vermuten können . Ja , der Einspanig geheißen , weil er nie in Gesellschaft eines zweiten gesehen worden . Jetzund sitzt das Zweispan auf dem Stamme , die Frage und die Antwort . » Wisset , was das ist , ein Herrenkind ? « frägt der Mann jäh und starrt mir ins Gesicht . - » In einem Palast geboren , in einer goldenen Wiege gewiegt werden . Der rauhe Erdboden ist verdeckt mit weichen Geweben ; die brennenden Sonnenstrahlen und Wetterwolken des Himmels sind verhüllt mit schweren Seidenvorhängen ; für jeden leisen Wunsch eine Dienerschar ; - eine Gegenwart voll Ebenmaß und hundertfach gehüteten Behagens ; eine Zukunft voll Genuß und hoher Würden : das heißt Herrenkindschaft . Auch ich bin ein Herrenkind gewesen , und als solches ärmer wie ein Bettelknab ' . Ich habe es aber zur Zeit nicht gewußt , und erst als ich der Jahre zwölf oder vierzehn gezählt , ist mir die schreckliche Frage erwacht : Mensch , wo hast du deine Mutter ? - Meine Mutter hat mir das Leben gegeben und das Sonnenlicht ; - ihr eigenes war ' s gewesen - bei meiner Geburt ist sie gestorben . Meinen Vater habe ich selten gesehen ; er ist auf Jagden oder auf Reisen , oder in der großen Stadt Paris , oder in Bädern . Meine Liebe , für Vater und Mutter mir ins Herz gegeben , verschwende ich an meinen Hofmeister , der stets um mich ist als Lehrer und Gesellschafter und der mich sehr lieb hat . Er ist ein mildfreundlicher , heiterer Mann und sehr fromm und gut . Oft , wenn er in unserer Hauskirche die Messe gelesen , hat er ein verklärtes Antlitz gehabt , wie der heilige Franz Xaver auf dem Altare . Und hat gesagt , daß er eine Eingebung hätte : ich sei zu großen Dingen erkoren . Daraus habe ich seine außerordentliche Liebe zu mir wahrgenommen . Und nun soll ich eines Tages diesen Freund verlieren . Da ist zur selben Zeit nämlich ein Gesetz herausgekommen und in den Ländern regt sich die Verfolgung gegen den Orden , dem jener Mann angehört . Mein Hofmeister muß fort , spricht aber die Zuversicht aus , daß wir nach überstandener Trübsal uns wiedersehen würden . Und siehe , das Wort ist über alles Erwarten schnell in Erfüllung gegangen . Nach wenigen Monaten schon ist mein Erzieher wieder im Hause . Er ist , wie er sagt , aus dem Orden getreten . Ich bin zum Jünglinge herangewachsen . Meinen Hofmeister liebe ich wie einen älteren Bruder . Oft habe ich ihn insgeheim um seine Ruhe beneidet . In mir hat sich zur selbigen Zeit ein Unstetes zu regen begonnen . Im Hause ist es mir zu eng , im Freien nicht weit genug ; ist es still , so verlangt mir nach Lärm , und habe ich Lärm , so sehne ich mich nach Stille . Mein Drang ist gewesen wie ein blinder , heißhungeriger , pfadloser Mann auf der Heide . Da sagt mir einmal mein Erzieher : Das , lieber Freund , ist der Fluch der Kinder der Welt . Das ist die rasende Sehnsucht , die trotz aller Güter und Genüsse der Erde keine Sättigung finden kann , außer sie flieht in die Burg , die Christus gegründet hat auf Erden . - Wenn du zu mir sprichst - entgegne ich - du weißt doch , daß ich ein Christ bin . - Das bist du nur in der Gesinnung - sagt er - aber dein Leib ist es , der so wild nach Erfüllung lechzt . Deinen Leib mußt du in die Burg Gottes einführen . Mein lieber Freund , alle Tage bete ich zu Gott , daß er dich so glücklich werden lassen möge , als ich es bin , daß du wie ein Bruder Jesu werdest . Von diesem Tage an , als mein Hofmeister so gesprochen hat , empfinde ich die Last und das Unstete in mir doppelt schwer ; aber als ich mich ernstlich prüfe , sehe ich , daß es mir unmöglich wäre , der Welt zu entsagen . - Du hast mich nicht verstanden , sagt hierauf mein Erzieher einmal , und es wundert mich , daß du nach den Jahren der Erziehung deinen Freund so mißverstehen kannst . Wer sagt dir , daß du den Freuden der Welt entsagen solltest ? Die Freuden der Welt sind ein Geschenk Gottes ; aber sie nicht genießen seiner selbst willen , sondern zu Gottes Ehre , das ist es , was uns wahre Befriedigung gewährt . So geht mir nun ein neues Leben auf ; mein sittliches Gefühl , das mich sonst zurückgehalten , eifert mich jetzt an , daß ich all den verlangenden Sinnen meines Wesens Sättigung verschaffe . In Freude und Genuß Gott dem Herrn dienen - so gibt es keinen Zwiespalt mehr . Mein Freund lächelt und läßt gewähren . Die Welt ist schön , wenn man jung , und auch gut , wenn man reich ist . Ich lasse sie mir sehr gut sein ; ich will ihren Becher leeren , ehe ich am Altare den Kelch trinken soll . Und nach wenigen Jahren habe ich den Freudenbecher geleert bis zum Bodensatz . Da ekelt mich , da bin ich satt und übersatt . Und die Welt langweilt mich . Und nun , da ich mittlerweile auch großjährig geworden , hat mein Freund wieder ein Wort gesprochen , und auf seinen Rat habe ich mich entschlossen . Ich trete der Gemeinschaft bei und tue das Gelübde . Mein Vermögen fällt dem Vereine zu und ich leiste das Gelöbnis des unbedingten Gehorsams . Und nun - - da ist eines Tages ein Mädchen zu mir gekommen , das ich früher oft gesehen . Jetzt darf ich es nicht kennen . Es bittet mich , daß ich es mit dem Kinde nicht verlassen möge ; es bittet um Gottes willen . Allein - ich bin bettelarm , darf mich auch für sie an niemand andern wenden , mich bindet der Gehorsam . Wenige Tage danach ist das Mädchen als Leiche aus einem Teiche gezogen worden . - Schmerzerfüllt klage ich an der Brust meines Freundes , dieser schiebt mich sanft von sich