mich zu lebenslänglichem Danke verpflichten , wenn Sie mir von dem Ihnen anvertrauten Gelde dreitausend Thaler in die Hände geben wollten . Leonore ist nicht im mindesten gefährdet , denn ich gebe Ihnen mein Wort , daß das Wertobjekt wenigstens dreimal so viel in sich enthält , als der dafür gezahlte Preis beträgt . « » Ja , ja , das mag schon sein ; aber wie ist ' s denn , gilt denn das auch ? « fragte sie und tippte mit dem Finger auf die Münze , was meinem Vater eine Art von Nervenzucken verursachte . » Wie verstehen Sie das ? « fragte er langsam . » Je nun , ich meine so , daß es der Kaufmann nimmt , wenn man bezahlen will . « Mein Vater prallte zurück , als habe sie ihn gestochen . » Nein , Ilse , « sagte er nach einer Pause niedergeschlagen ; » da machen Sie sich eine falsche Vorstellung . Ausgeben kann man diese Art von Geld nicht - man kann es nur wieder verkaufen . « » So - da bleiben also die dreitausend Thaler im Kasten liegen und sind nur da zum Ansehen , nicht um ein Haar anders , als das zerbrochene Zeug droben in dem großen Saale auch ? ... Davon aber kann sich das Kind nicht satt essen und keinen Schuh an die Füße kaufen ... Herr Doktor , ich habe Ihnen gleich gesagt , daß das Geld nicht angerührt wird ! Wenn ich in Hannover so Päckchen um Päckchen mit den fünf Siegeln , die ich zuletzt nicht mehr ausstehen konnte , auf die Post trug und schließlich ein brummiges Gesicht machte , da sagte meine arme Frau allemal : Ilse , das verstehst du nicht ! Mein Sohn ist ein berühmter Mann , und das gehört dazu . - Und ich bin auch so stockdumm geblieben , Herr Doktor , und hab ' s in meinem Leben nicht begriffen , warum meine gnädige Frau so arm werden mußte , warum sie das schöne alte Silberzeug von den Jakobsohns und die Ringe und Armbänder und Ketten verkaufen mußte , weil Sie ein berühmter Mann sind - sehen Sie , und noch weniger will mir ' s in den Kopf , daß nun auch das Kind sein bißchen Ererbtes hergeben soll . Nehmen Sie mir ' s nicht übel , Herr Doktor , aber es ist mir immer gewesen , als fiele das unmenschlich viele Geld in ein großes , grundloses Loch , denn man sieht und hört nichts wieder davon , wenn es einmal geschluckt ist ... Es kann ja sein , daß es in Ihrem Geschäft steckt , und daß es später einmal , wenn es verkauft wird - « Mein Vater fuhr in die Höhe - alles konnte er ertragen und hinnehmen , nur den Gedanken nicht , daß sich je eine fremde Hand an seine Sammlungen legen würde . Er streckte Ilse entrüstet und unterbrechend beide Hände entgegen . Sie verstummte für einen Augenblick , dann aber fuhr sie unerschrocken fort : » Ich habe übrigens auch gar keine Macht mehr über das Geld - es liegt im Vorderhause im Geldschrank - Sie wollten es ja nicht annehmen , Herr Doktor - und da hab ' ich ' s Herrn Claudius gegeben . Der ist aber nicht der Mann , der mit sich spaßen läßt , der heute nimmt und morgen wieder herausgibt , wie andere gerade wollen . « Mein Vater schlug , ohne noch ein Wort zu verlieren , das Papier wieder um das Goldstück und steckte es in die Tasche . Seine Verstimmung und wortlose Niedergeschlagenheit gingen mir tief zu Herzen - allein da war nichts zu machen . In Ilses ganzem Wesen lag die tiefste Genugthuung darüber , daß sie das Geld in Sicherheit gebracht hatte . Ich fürchtete mich vor den harten , hellen Augen und wagte auch nicht ein Wort der Fürsprache , als mein Vater wieder in die Bibliothek gegangen war . In der vierten Nachmittagsstunde trat das hübsche Stubenmädchen , das bei Charlotte auch den Dienst der Jungfer versah , in mein Zimmer . Sie hatte eine kleine verdeckte Korbwanne im Arm , und als sie das verhüllende Tuch lüftete , da bauschten mir weiße mit kleinen schwarzen Blättern besäte Gazewogen entgegen . » Fräulein Claudius schickt mich - ich soll Anprobe halten , « sagte sie und kramte den Korb aus . Währenddem versicherte sie Ilse , daß es heute » ein Tag zum Davonlaufen « im Vorderhause sei . » Denken Sie sich , « sagte sie , » wir haben Herrendiner . Alles ist auf den Beinen und läuft und rennt - da befiehlt auf einmal in aller Frühe Herr Claudius - werden Sie ' s wohl glauben ? - daß die Schreibstube nach dem Hofe zu verlegt werden soll , und zwar sofort - unsere sämtlichen Männer wollten auf den Köpfen stehen ! Ich bitte Sie , die Schreibstube , in der alle Claudius weit über hundert Jahre gearbeitet haben ! Und keiner hat gewagt , auch nur einen Schrank anders zu stellen , und nun auf einmal werden alle die bröckeligen , morschen Sachen behutsam aus der alten dunklen Stube in eine sonnenhelle getragen - die werden sich schön wundern ! ... Und grüne Vorhänge hat der Tapezierer sofort aufstecken müssen , weil es gar zu hell ist und Herr Claudius mit seinen schwachen Augen das Licht nicht vertragen kann ... Darauf mache sich einer einen Vers - niemand im Hause kann ' s ; aber der alte Erdmann geht ganz blaß herum und meint , das deute aus den Untergang der Welt . « Ich hörte nur mit halbem Ohr hin - was kümmerte mich denn die Schreibstube des Herrn Claudius ? ... Meine Augen verschlangen die Wunderdinge , die sich unter den Händen der Sprecherin entfalteten . Auch Ilse verfolgte jeden Gegenstand mit prüfenden Blicken , und ihre Finger zogen und zupften zu meinem Schrecken an dem leichten Stoff des Kleides , inwieweit er wohl haltbar sei ; als aber die Zofe schließlich ein Paar wunderkleiner schwarzer Atlasstiefelchen mit spitzen Fingern vom Boden des Korbs aufnahm und mir lächelnd vor die Augen hielt , da verließ sie , ohne ein Wort zu sagen , das Zimmer . Ich war doch schrecklich verhärtet - dieses Hinausgehen machte mir nicht den geringsten Kummer , im Gegenteil , ein Stein fiel mir vom Herzen , als Ilses härener Rockzipfel hinter der Thür verschwand . Rechts und links polterten die gediegenen Schöpfungen des Heideschusters auf die Dielen - Ilse hatte recht , in » den Spitzen « und dem Atlas war es genau so , als sei ich wieder barfuß , als flösse die Heideluft schmeichelnd um meine Füße . Dann tauchte mich die Jungfer in die Gazewolke und steckte hier und da eine schwarze Taftschleife auf - Duft , wohin ich sah ! Er floß um die Arme und Schultern und von der Taille bis auf die Zehenspitzen nieder - und da drin sollte ich stecken ? Ich ? ... Ach , das war ja gar nicht zum Aushalten , das war wirklich zum Davonlaufen ! ... » Halt , halt ! « schrie die Zofe , » noch die Schleife auf die linke Achsel ! So können Sie sich doch vor niemand sehen lassen ! « Aber dafür hatte ich keine Ohren . Ich lief bereits durch die Halle , dann über die Brücke und durch den Blumengarten , und um mich her wogte und wallte es , als habe mich eine weiße Sommerwolke aufgenommen . Heute graute mir nicht vor dem Vorderhause . Ich rannte die gewundene Steintreppe hinauf nach Charlottens Zimmer . In dem dunklen Korridor stand freilich der alte Erdmann , steif wie aus Holz geschnitzt , und hielt eine Serviette in der Hand - er riß die Augen weit auf vor Erstaunen , und es kam mir vor , als griffe er nach meinem Kleid , um mich zurückzuhalten , als ich an ihm vorüberflatterte - ei , was ging mich denn der alte Isegrim an ? ... Ich stürmte ohne weiteres in das Zimmer hinein . Seine Fenster gingen nach Hof und Garten hinaus , und wenn auch durch dunkle Tapeten und schwere braune Damastgardinen abscheulich verdüstert , war es doch das freundlichste im ganzen Hause . Ein prachtvoller Flügel stand an der Wand mir gegenüber ; Charlotte saß davor , und ihre Hände lagen auf den Tasten , als wolle sie eben beginnen , zu spielen . Nicht weit von ihr saß Fräulein Fliedner im perlgrauen Seidenkleid und duftigen Blondenhäubchen - weiter sah ich nichts . » Ach , Fräulein Charlotte , « rief ich , » sehen Sie mich doch nur an ! ... Was sagen Sie denn nur ? « - Ich faßte eine der abstehenden Aermelbauschen . - » Ist ' s nicht , als hätte ich Flügel , wirkliche Flügel ? ... Ach , und die Schuhe - nein , die Schuhe müssen Sie sich ansehen ! « - Ich hob leicht den Saum des Kleides und ließ den Atlas im Licht spiegeln . » Nun geht ' s nicht mehr trab , trab , wie in meinen schrecklichen Nägelschuhen ! ... Passen Sie auf , ob Sie auch nur einen Laut hören , wenn ich über die Dielen gehe . « - Mit festem Schritt , wie ein Soldat , marschierte ich auf sie zu . - » Nicht wahr , nun bin ich nicht mehr die lächerlich herausstaffierte Kindergestalt , wie Herr Eckhof sagt ? « » Nein , Heideprinzeßchen , nein ! « rief sie . » Wer hätte denn gedacht , daß in der schwarzen Puppe solch ein Schmetterling stecke ? « Sie lachte , lachte , daß sie sich die Seiten halten mußte , und auch Fräulein Fliedner hielt sich ihr Taschentuch vor den Mund und sah mit lächelnden Augen neben mir hin - ich meinte nach der Wand . » Haben Sie sich denn schon im Spiegel gesehen ? « fragte Charlotte . » Ei bewahre - so viel Zeit blieb mir nicht ; ist auch gar nicht nötig . Ich sehe ja das Kleid und die Schuhe so auch , da brauche ich doch nicht erst den Spiegel dazu ! « » Na , aber ansehen müssen Sie sich doch einmal , « kicherte sie und zeigte nach dem deckenhohen Spiegel , der den Raum zwischen den zwei Fenstern einnahm . Arglos lief ich hin und sah in das Glas - ich stieß einen Schrei aus und steckte den Kopf tief in die verschränkten Arme - o Gott , nicht mit dem leisesten Gedanken hatte ich an die Herrengesellschaft im Vorderhause gedacht , und nun stand ich mitten drin . Hinter mir , dem Spiegel genau gegenüber , führte eine Thür in die Gesellschaftsräume des Hauses - ich hatte sie bisher nur geschlossen gesehen - jetzt waren beide Flügel zurückgeschlagen , und auf der Schwelle stand Dagobert ; seine braunen Augen begegneten lächelnd den meinen . Ein roter Kragen leuchtete unter seinem Kinn , und auf der Brust und an den Schultern blitzte Gold - er war in Uniform . Hinter ihm aber tauchten noch andere lachende Männergesichter auf , und in einem Eckdiwan , neben einem alten Herrn , saß Herr Claudius ... Das alles hatte ich mit einem einzigen Blick erfaßt . Ich zitterte am ganzen Körper , und in meine Augen traten Thränen der Scham und des Aergers . Da legten sich ein Paar weiche , kühle Hände auf meine Arme und zogen sie vom Gesicht . Herr Claudius war aufgesprungen und stand vor mir . » Sie haben sich erschreckt , Fräulein von Sassen , « sagte er . » Es war ein übler Scherz von Charlotte , den sie Ihnen abzubitten hat . « Er führte mich zu einem Fauteuil und drückte mich sanft in die Polster . » Ich meine , du könntest deinen Vortrag nun beginnen , « wandte er sich an Charlotte . » Gleich , lieber Onkel ! « Sie flog auf mich zu , sank auf die Kniee und faßte meine Hand . » Geruhen Euer Durchlaucht , mir armen Sünderin zu verzeihen , « bat sie schelmisch . » Ich thue hiermit Abbitte ; aber nur vor Ihnen , Heideprinzeßchen - von allen anderen beanspruche ich Dank dafür , daß ich eine Augenweide verlängert habe . « Ich mußte lachen , obgleich mir noch die Thränen an den Wimpern hingen ... Wie sie es nur fertig brachte , so vor aller Augen auf die Kniee zu fallen - das erschien mir ganz besonders bewundernswürdig - ich wäre am liebsten in ein Mäuseloch gekrochen . Sie fuhr mir mit beiden Händen liebkosend durch die Locken , dann erhob sie sich und setzte sich wieder an den Flügel . Sie spielte fertig , aber mit zu großem Kraftaufwand ; das Instrument dröhnte unter ihren Händen , und es wäre mir lieber gewesen , wenn all das Rauschen und Tosen in der weiten Heide hätte verklingen können - hier kam es nervenerschütternd von den Wänden zurück . Aber ich war der Musik von Herzen dankbar ; sie hatte die Aufmerksamkeit der Anwesenden von mir abgelenkt , und nachdem ich eine Zeitlang , tief im Fauteuil wie in einem schützenden Hafen gebettet , regungslos verharrt hatte , wagte ich auch einmal , die Augen aufzuschlagen . Das erste , was ich sah , war der alte Buchhalter ; er saß in der Fensternische , von dem Vorhang halb verdeckt - Charlotte hatte recht gehabt , » er war wütend « . - Gestern hatte seine Entrüstung einen ziemlich grandiosen Stil angenommen - wie eine Art Prophet war er anzusehen gewesen , und das beschwörende Pathos in seiner Stimme und Haltung hatte mich eingeschüchtert und mit Furcht erfüllt . In diesem Augenblick aber war er nur ein tiefgeärgerter Mann , der mit Mühe seinen Groll hinunterwürgte - die Linke , an der kostbare Steine funkelten , lag festgeballt auf dem Fenstersims ; das mir halb zugewendete , klassisch edle Profil war entstellt durch grollend herabgesenkte Mundwinkel , und die ganze Gesellschaft schien seine Gnade verwirkt zu haben , denn er wandte ihr den Rücken ... Der Gegenstand seines Hasses , der junge Helldorf , lehnte an der Thür , durch die ich gekommen . Er war vielleicht der aufmerksamste und dankbarste Zuhörer , denn er stand unbeweglich , und seine Augen hingen wie festgezaubert an der Spielerin - er mochte anderer Meinung sein , als Herr Claudius , der bei jeder Steigerung , die unter den kraftvollen Händen erdröhnte , finster die Brauen zusammenzog und mißbilligend den Kopf schüttelte - also auch hier spielte er sich auf den Sachverständigen , der - Krämer ! Ich fühlte plötzlich eine leichte Erschütterung des Fauteuils und sah seitwärts . Dagobert stand neben mir ; er hatte den Ellenbogen vertraulich auf die Lehne meines Stuhles gelegt . Bei meinem Anblick sah er mir tief in die erschrockenen Augen , bog sich ohne weiteres nieder , und gedeckt durch rauschende Akkorde , flüsterte er mir in das Ohr : » Sie gehen heute noch zu der Prinzessin ? « Ich neigte den Kopf . » Dann denken Sie auch ein klein wenig an mich in dem Paradies , das Sie betreten werden - ich bitte darum ! « Es kam eine Art von Schwindel über mich . Diese flüsternden Laute , die weich und innig baten , übten eine unbeschreibliche Wirkung auf mein Inneres . Ich sollte ihm , der mir in der Heide so spöttisch und unnahbar gegenüber gestanden , eine Gunst gewähren , ihm , dem Tankred , der in seiner Schönheit und Offizierswürde wie ein König unter all den Krämern stand ? - Das Blut stürmte mir nach den Schläfen , und ohne zu antworten senkte ich den Kopf tief auf die Brust - ich war stolz und glücklich , aber das brauchten ja die anderen nicht zu sehen . Nach Beendigung des Musikstückes und den üblichen Danksagungen für den Genuß brachen die Gäste auf . Auch Helldorf griff nach seinem Hut . Herr Claudius gab ihm einen Wink , und ich hörte , wie er leise zu dem jungen Mann sagte : » Bleiben Sie noch , ich möchte Sie auch einmal singen hören , man spricht viel von Ihrem Bariton . « Während des allgemeinen Aufbruchs schlüpfte ich in das anstoßende Zimmer ; vielleicht konnte ich von dort aus eine Thür erreichen , durch die ich in den Korridor gelangte . Meine ganze Situation , das unvermutete Hereinplatzen in die Gesellschaft war doch zu lächerlich gewesen ; ich fürchtete Charlottens Spott , wenn wir allein sein würden , und ging ihr für heute lieber ganz aus dem Wege . An das Zimmer , durch das ich huschte , stieß ein großer Salon , in welchem gespeist worden war . Eine offene Thür führte nach dem Korridor , wo noch der alte Erdmann wie eine Schildwache auf und ab ging ... Welch ein Reichtum von Silbergeschirr bedeckte die Tafel inmitten des Zimmers und die Nebentische ! Mein Blick streifte im Vorbeigehen darüber hin , dann aber blieb er auf der einen Seitenwand hängen , und ich konnte nicht weiter ... Das war » der prachtvolle Offizier « , wie Charlotte ihn genannt hatte , der aus dem geschnitzten schweren Rahmen niedersah ! - Ein schöner , stolzer Mann , mit dem Lächeln der Lebenslust und Siegesgewißheit auf den schwellenden Lippen ! ... Und die weiße Hand , die sich so kräftig und doch mit so viel ungezwungener Grazie auf die Tischplatte stützte , sie hatte wirklich die Waffe gehoben und mit einem einzigen Druck diese strahlend heitere Stirne zerstört ? ... Hatte er die grause That in der Karolinenlust verübt ? War mein Fuß vielleicht über die Schwelle geschritten , wo der Mann mit dem zerschmetterten Kopf gelegen ? ... Wie oft hatte mir Heinz gruselnd versichert , daß die Selbstmörder nachts » umgehen müßten und keinen Frieden fänden ! « ... Und wenn es nun wirklich um Mitternacht durch die versiegelten Säle schlich und die schmale , dunkle Treppe herabkam und den Schrank neben meinem Bett lautlos auf die Seite rückte ? - Fast hätte ich aufgeschrieen vor Entsetzen - ich wandte das Gesicht weg von dem Bild , das mich mit lebendig funkelnden Augen anstarrte - da trat Herr Claudius mit suchenden Blicken in das Zimmer . Alle Scheu und Vorsicht vergessend , deutete ich zurück auf die gefürchtete Gestalt . » Ist das Unglück in der Karolinenlust geschehen ? « fuhr es mir heraus . Er wich mit rotüberströmtem Gesicht zurück , und seine Augen schossen Blitze . » Kind , an was rühren Sie da ! « sagte er finster . » Ich werde diese unberufenen Zungen denn doch bitten müssen , sich ein wenig zu menagieren ! « Er schwieg einen Augenblick und heftete sein Auge auf das Gesicht des Bruders . » Nein , « sagte er dann milder , » es ist nicht in der Karolinenlust geschehen - ängstigt Sie der Gedanke ? « » Ich - ich fürchte mich vor den Gespenstern und Heinz auch , und Ilse , die sagt ' s nur nicht ! « Ein ernstes Lächeln schwebte um seine Lippen . » Ich sehe bisweilen auch Gespenster , die ich fürchte , und in diesem Augenblick mehr als je , « sagte er - ich wußte nicht , ob er im Scherz oder Ernst sprach - » Sie gehen heute noch an den Hof ? « Ich mußte innerlich lachen , er stellte dieselbe Frage wie Dagobert . » Ja , « versetzte ich , » und ich werde mich sputen müssen , um sechs Uhr sollen wir im Schlosse sein . « Ich wollte rasch über die Schwelle schreiten , er hielt mich mit sanfter Hand zurück . » Denken Sie an sich , damit Sie sich in der Hofluft nicht selbst verlieren ! « warnte er mit einer eigentümlichen Betonung und hob den Zeigefinger . Es war seltsam , fast , und zwar zum erstenmal , wäre mir diese Stimme zu Herzen gegangen - ah , bah , das riet mir der Mann , der auch immer nur an sich dachte ! Wie ganz anders hatte Dagobert gebeten ! ... Ich schüttelte den Kopf , lief hinaus und sprang die Treppe hinab ... Ein Glück aber war ' s , daß Ilse mein widerwilliges Kopfschütteln nicht sah - o , die Moralpredigt , die es da abermals gegeben ! 19 In meinem Zimmer fand ich die Zofe noch vor . Sie bemächtigte sich meiner , steckte die fehlende Schleife fest und setzte mir ein rundes , weißes Strohhütchen auf die Locken . Ich warf einen Blick in den Spiegel und fand plötzlich , daß mein nie beachtetes Haar , das mir stets eine unliebsame Last gewesen , doch eigentlich in prächtigen , glänzend schwarzen Ringeln über den Nacken hinabwoge , und daß es vorzüglich schön von den milchweißen Bändern des Hutes absteche . Ilse mit ihren scharfen Augen ertappte mich sofort auf dieser allerersten Selbstbeäugelung ; das harte Gesicht mit den karmesinroten Backenknochen erschien auf einmal mit einem bitterbösen Ausdruck über meinem geschmückten Kopf im Spiegel . » Nun ist wohl auch schon der Spiegelnarr fertig ? « schalt sie . » Das ist sein Lebtag kein ehrbares Frauenzimmer , das sich neugierig beguckt , ob ihm auch die Nase schön im Gesicht stehe ... Sünde ist ' s , weißt du das ? ... Wenn meine arme Frau der Christine beizeiten den Spiegel weggenommen hätte , da wäre auch vieles anders gekommen ... Zuhängen werd ' ich das Glas , ehe ich fortgehe , daß du ' s weißt ! « Das brauchte sie nicht . Daß es Sünde sei , konnte ich nicht einsehen ; denn die Nase und die ganze Gestalt hatte mir ja der liebe Gott gegeben ; aber eine Lächerlichkeit war ' s , mit sich selbst zu liebäugeln ; ich errötete vor meinen eigenen Augen und schämte mich , als hätte ich etwas Dummes gesagt . Das Stubenmädchen entfernte sich mit einem mitleidig lächelnden Blick auf mich , der der Text so scharf gelesen wurde , und ich ging hinauf in die Bibliothek , um meinen Vater abzuholen . Schon draußen vor der Thür hörte ich ihn mit raschen Schritten hin und her gehen und laut sprechen . Ich meinte , es sei jemand bei ihm , und öffnete leise die Thür , - er war allein , aber in nicht zu verkennender Aufregung . Unablässig durchmaß er das weite Zimmer und fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare . Manchmal blieb er stehen , nahm die Goldmünze , die er heute Ilse gezeigt , vom Tische auf , besah sie , als wolle er das mattblinkende Metall mit seinem Blicke durchdringen , und legte sie tief aufseufzend wieder nieder . Dann schlug er mit seinen fleischlosen Knöcheln so hart auf die Tischplatte , daß sie erdröhnte , und die Wanderung begann von neuem . Mich bemerkte er nicht , obwohl ich schon einige Minuten im Zimmer stand . » Vater , was hast du ? « fragte ich endlich schüchtern . Er fuhr herum . Im ersten Augenblick erkannte er mich nicht in dem neuen Kostüm , ich lachte und lief auf ihn zu . Sein verdüstertes , sehr erhitztes Gesicht erheiterte sich , ein wohlwollendes Lächeln , das mich tief beglückte , flog wie ein Sonnenstrahl darüber hin . » Ei , sieh da , Lorchen ! ... Was bist du für ein hübsches kleines Mädchen ! « rief er . Er erfaßte meine beiden Hände und betrachtete mich von Kopf bis zu Füßen ... Wie unsäglich dankbar schlug ihm mein Herz entgegen ! Inmitten seiner wissenschaftlichen Sorgen und Kümmernisse hatte er doch Augen für meine kleine Person . » Wollen wir noch nicht gehen , Vater ? « fragte ich , nahm allen meinen Mut zusammen , strich ihm das Haar glatt und zog die verschobene Atlaskrawatte unter seinem Kinn zurecht . » Die Prinzessin wartet vielleicht - o , wie mein Herz klopft vor Angst ! « » Ich erwarte erst noch einen Herrn , den ich zum Herzog führen will , « sagte er kurz , ohne meinen letzten Ausruf zu beachten - weg war die heitere Stimmung ! Er entzog sich meinen ordnenden Händen , fing wieder an zu wandern , und nach zwei Sekunden starrten die glattgestrichenen Haare zu meinem Leidwesen nach allen vier Winden . » Willst du mir denn nicht sagen , was dich so sehr bekümmert ? « fragte ich bittend . Er schritt gerade mit rückwärts verschränkten Armen an mir vorüber . » O , mein Kind , das kann ich dir nicht sagen ! ... Ich wüßte gar nicht , wie ich es anfangen sollte , mich dir verständlich zu machen ! - War es doch heute mittag eine wahre Riesenaufgabe Ilse gegenüber ! « rief er fast ungeduldig nach mir zurück und ging weiter . Ich ließ mich nicht so ohne weiteres abfertigen . » Es ist wahr , ich bin entsetzlich dumm in der Heide geblieben ! « sagte ich aufrichtig . » Aber wer weiß , vielleicht verstehe ich dich doch besser , als du denkst - probier ' s einmal ! « Er lächelte halb verdrossen und unlustig , nahm aber doch die Münze auf und hielt sie mir hin . » Nun , da sieh her ! ... Das ist ein wunderseltenes Stück - ein sogenanntes Medaillon ... Es ist in meiner Sammlung nicht vertreten , weil ich bis zur Stunde seiner nicht habhaft werden konnte . « Mit strahlenden Blicken hielt er es gegen das Licht . » Köstlich ! - Es hat seine Stempelblume fast unberührt erhalten ! ... Der Herr , den ich erwarte , verkauft diese Medaillen , lauter unschätzbare Exemplare - verstehst du mich , mein Kind ? « » Die Ausdrücke nicht , Vater ; aber was du schließlich willst , weiß ich ganz genau - du möchtest die Goldstücke um alles nicht wieder aus der Hand lassen - « » Kind , ich gäbe freudig Jahre von meinem Leben darum , wenn ich sie kaufen könnte ! « unterbrach er mich schwärmerisch . » Aber ich bin leider außer stande - binnen einer Stunde wird der Herzog die auserlesensten Stücke für sein Medaillenkabinett erworben haben - und ich - « Er verstummte ; denn der Herr mit seinem Kästchen unter dem Arm , der gestern schon in der Bibliothek gewesen war , trat herein . Ich sah , wie mein Vater erblaßte . » Nun , wie ist ' s , Herr von Sassen ? « fragte der Herr im Eintreten . » Ich - muß davon absehen - « » Vater , « sagte ich rasch , » ich verschaffe dir , was du brauchst ! « » Du , mein kleines Mädchen ? ... Wie wolltest du denn das anfangen ? « » Das lasse meine Sorge sein ! Aber die Münze muß ich haben , damit ich mich auf sie berufen kann ! « ... Ei , wie ich plötzlich resolut und praktisch wurde ! Ich war ganz stolz auf mich selbst - das hätte Ilse sehen sollen ! Mein Vater lächelte ungläubig , aber es war doch ein Strohhalm , an den er sich noch für einen Augenblick anklammern konnte . Er sah den Herrn fragend an ; derselbe neigte zustimmend den Kopf , wickelte die Münze in das Papier und übergab sie mir . Ich umschloß sie in der Tasche krampfhaft mit meiner Hand , denn ich wußte ja , daß sie unschätzbar sei , und lief nach dem Vorderhause . Wie wollte ich Herrn Claudius bitten , mir dreitausend Thaler von meinem Gelde zu geben ! Wie wollte ich ihm den Kummer meines Vaters in beweglichen Worten vorstellen ! Wenn er nicht durch und durch von Stein war , da mußten ihn doch die Bitten der Tochter rühren , die ihren Vater um alles gern glücklich sehen wollte ... Freilich hatte mich noch nie eine so unsägliche Scheu vor ihm erfaßt , als gerade in diesem Augenblick , wo ich , in mich hineinfröstelnd , als Bittende die kühle dunkle Hausflur wieder betrat , die ich kaum erst im offenkundigen und übermütigen Widerspruch verlassen ... Aber vorwärts ! Es mußte ja sein ! Ich hatte meinen Vater schon viel zu lieb , um ihm nicht jedes Opfer zu bringen , selbst das , vor der kalten Geschäftsmiene des Herrn Claudius geduldig auszuharren ... Ach was ! Hatte er mir doch auch die vierhundert Thaler für meine Tante gegeben - weshalb sollte er mir da die dreitausend verweigern ? Ich unterschrieb eben einfach wieder , und damit war die Sache abgemacht . Erdmann und das Stubenmädchen trugen eben eine Korbwanne voll Eßgeschirr die Treppe hinab , als ich hinaufstieg . Noch stand die Thür des Speisesalons weit offen . War Herr Claudius noch in Charlottens Zimmer , so konnte ich mich ihm vielleicht durch die offene Thür bemerklich machen , ohne daß die anderen es sahen , denn Zeugen mochte ich nicht haben bei meiner Bitte . Ich wollte eben das nächste Zimmer betreten , da schlugen zwei prachtvolle Menschenstimmen an mein Ohr - wie festgewurzelt blieb ich stehen , obgleich mir der Boden unter den Füßen brannte und die Angst um jede verlorene Minute mein Herz heftig klopfen machte . » O säh ' ich auf der Heide dort Im Sturme dich ! Mit meinem Mantel vor dem Sturm Beschützt ' ich dich « - sangen Charlotte und Helldorf . Ich sah schräg durch die Thüröffnung die zwei prächtigen Gestalten nebeneinander stehen , während Dagobert am Flügel saß und den Gesang begleitete . O , meine Heide im Sturm , im Frühlingssturm !