und Flitterschuhe beiseitegelegt , dann zeichnete sie kleine Kinderköpfe oder schnitzelte sie als Silhouetten aus schwarzem Papier , legte sie zwischen die Blätter ihres Gesangbuches und küßte sie als Gleichnisse ihres schönen Knaben . Sie fertigte ihm Röckchen und Wämschen , drehte Blumen aus den hellen Locken , die ich ihm jedes Jahr für sie abschneiden mußte , verflocht sie mit einem Goldfädchen ihres eigenen Haares , auch wohl mit einem anderen , das sie einem teuren Erinnerungszeichen entwand , und nannte sie ihre Sonnenblumen . Sie herzte jedes fremde Kind , sie jubelte vor Lust und weinte vor Weh , wenn sie des eigenen gedachte - aber wiedergesehen hat sie den Pflegling Muhme Justines nicht . Auch als ihr Vater schlafen gegangen , als der meine heimgekehrt war , als sie , ledig jeder Pflicht , auf eigenen Füßen stand ; daß sie , und nicht eine Fremde , zur Hüterin ihres Kindes berufen sei , daran dachte sie nicht . Ich aber rüttelte nicht mit Gewalt diese Pflicht in ihrem Gemüte wach . Denn der Wuchs eines Menschen , wie der eines Baumes - ich hatte es allmählich begriffen - , er läßt sich in die Breite und allenfalls in die Höhe treiben ; aber tiefer graben , bis zum nährenden Quell , lassen sich seine Wurzeln nicht . Wie die Natur uns gepflanzt hat , so müssen wir einander hegen - oder meiden . Im übrigen sagte ich mir auch , daß der vaterlose Knabe sich unter der rauhen Hand der Fremden natürlicher entwickeln werde als unter der tändelnden der Mutter . Und endlich hielt ich die eigenen Augen nicht auf ihn gerichtet ? Wie ich als Kind nicht mit Puppen gespielt hatte , so war ich auch späterhin nicht das , was man kinderlieb nennt . Dieser Knabe aber wuchs mir nahe ans Herz . Wenn ich auf dem Wege durchs Dorf die blöde , plumpe flachssträhnige Bauernbrut zwischen Hühnern und Ferkeln auf ihren Düngerhaufen hatte hocken sehen und nun vom Walde her die biegsame , kleine Gestalt in ihrem zierlichen Röckchen mir entgegensprang , da lachte ich wohl vor Lust , aber ich fragte mich auch mit Wehmut , ob nicht der Vater , an welchen mein Prinzchen so lebhaft erinnerte , sich in die natürlichen Schranken des Lebens gefügt haben würde , hätte er dieses Liebeskind zur Führung an seiner Hand gefühlt ? Wie früh und sicher er die Füßchen bewegen lernte , wie ausgelassen er sich im Walde tummelte , mit den Hasen Wettlauf hielt , hellen Klangs die Vogelstimmen nachahmte , lange ehe er unsere menschliche Sprache zu reden verstand . Wie trotzig lachend er sich das Eichhörnchen zum Muster nahm , bis zum Wipfel der knorrigen Steineiche hinankletterte , während die alte Muhme mit ohnmächtiger Angst am Fuße drohend die Fäuste ballte ! - So wurde dem Kinde der Natur die Natur eine frühe Bildnerin ; frühe aber auch drängte das Bedürfnis sich auf , es einer strengeren Regel und dem Gesetze eines männlichen Willens zu unterstellen . Als der Knabe im fünften Jahre stand , erklärte die Muhme , den Wildling nicht über den nächsten Winter hinaus bändigen zu können , noch zu wollen . Denn nichts Kurioseres und für mich nichts Ärgerlicheres , als der Zwiespalt der alten Seele gegenüber ihrem Ziehekind ! Sie hatte ein Wohlgefallen an dem neckischen kleinen Patron , ja ein Herz für ihn ; sobald sie ihn aber in meiner Nähe sah , überfiel sie eine so unwirsche Laune , daß , hätten noch Bären und Wölfe in unserem Walde gehaust , sie ihn unter die Bären und Wölfe in den Wald gejagt haben würde . » Es kommt Ihnen nichts Gutes durch den Wildling , « wurde sie nicht müde , mir vorzuhalten . Das landläufige Sprichwort von dem besudelnden Pech stimmte mit dem Geist , welcher geheimnisvoll aus einem Kartenspiel warnt , in dieser Mahnung zusammen , und , alte treue Justine , könntest du doch spüren , daß vierzig Jahre später die Erörterung der Frage , ob deinem Fräulein Gutes von dem Wildling gekommen ist ? die Schlußbetrachtung ihres Lebens bilden wird . Da half kein Zureden , der Junge mußte fort , fort aus Reckenburg ; und eine Erwägung anderer Art gab diesem Entschlusse Nachdruck auch für mich . Unser treuer Freund , der Prediger , hatte uns kürzlich verlassen , um als Vorsteher des Laurentiusklosters eine freiere , seinem väterlichen Sinne angemessenere Stellung einzunehmen . Der Dienst in der Gemeinde wurde während der Vakanz wechselnd von Nachbarpredigern versehen , die sich um örtliche Verhältnisse wenig bekümmerten . Wenn aber kommenden Sommer der neugewählte Seelsorger sich bekannt machte , konnte ihm das Auffällige unseres Schützlings schwerlich entgehen . War auch die Beglaubigung des Kirchenbuches zugrunde gegangen , dem Geistlichen durfte auf Befragen die Wahrheit nicht verhehlt werden ; ein Mensch mehr wußte um Dorothees so ängstlich gewahrtes Geheimnis ; neugierige Spürversuche , Fraubasereien , irgendein unberechenbarer Zufall leiteten auf die richtige Fährte , und der immerhin interessante Zusammenhang drang über unseren stillen Waldwinkel hinaus in der Leute Mund . - Alles dies führte ich Dorothee zu Gemüte , sobald ich für etliche Herbstwochen im Elternhause eingekehrt war . Ich fand sie in nachdenklicher Stimmung , vorbereitet durch den Prediger , wie Seine Hochwürden , der nunmehrige Propst und Direktor , hier zum letztenmal genannt werden soll . Niemals hatte Dorothee seit ihrem Unglück sich in jugendliche Kreise gemischt , niemals mit einem Blick oder Wort die Huldigungen der Bürgersöhne , wenn sie ihr zufällig begegneten , ermuntert und so die Bewerbungen , an denen es ihr nicht gefehlt haben würde , von vornherein abgeschnitten . Niemals aber auch hatte sie gegen mich den Namen des Einziggeliebten genannt . Dennoch , sooft ich sie in der Einsamkeit überraschte , spürte ich an ihrem Wesen , an den in sich gekehrten oder sehnsüchtig schweifenden Blicken , daß der kurze Sommerrausch des Glücks nicht erloschen sei und jedes nüchterne Nachspiel dämpfe . Und immer , immer sah sie doch an jeder Wand ein Bildnis noch Von einem Menschen , der verschwand und ihr als Kind das Herz entwand . Um so mehr war ich daher überrascht , als sie jetzt auf meine Frage : was sie über die Zukunft ihres Sohnes beschlossen habe ? mit niedergeschlagenen Augen antwortete : » Wenn ich den Taube heiratete , Fräulein Hardine ? « » Unsern Hofmeister ? Bewirbt er sich denn um dich ? « » Er hat mich seit meiner Kinderzeit liebgehabt und es mir vor wenigen Tagen gestanden . « » Und du ? « Sie schüttelte die Locken mit einem unaussprechlichen Ausdruck von Wehmut und stolzer Erinnerung . » Lieben , ich ? « rief sie mit einem Schauder . » O niemals , niemals wieder ! Aber , « setzte sie nach einer Pause gelassen hinzu , » aber ich würde friedlich mit ihm leben , und er würde meinem Knaben ein guter Vater sein . « » So dächtest du , ihm dein Geheimnis zu bekennen , Dorothee ? « » Wie sollte ich nicht , Fräulein Hardine ? Ich nähme ihn ja nur , um das Kind zu versorgen . Nur um des Kindes willen . « » Auch schon ehe er dein Mann geworden ist , es ihm bekennen ? « » Wenn Sie es für Pflicht halten , auch schon zuvor . « » Und du glaubst , daß er dennoch dein Mann werden würde ? « » Ich glaube es , Fräulein Hardine . « Ich schwieg eine Weile . Dorothee saß mir im Fenster gegenüber , die Hände über der Brust gekreuzt . Unwillkürlich fiel mein Blick auf den Verlobungsring , den sie noch immer am Finger trug . Sie bemerkte den Blick und sagte errötend , indem sie sich vergeblich bemühte , den Reif abzustreifen : » Er ist mir ins Fleisch gewachsen « . Es war im achten Jahre , seit Siegmund Faber von hinnen gegangen , im fünften seines spurlosen Verschwindens ; niemand zweifelte an seinem Tode . Lebte er aber selbst - und eine innerliche Stimme sagte mir immerfort : » er lebt ! « - , lebte er und kehrte er zurück : dieser Mann konnte nimmermehr dieses Weibes Gatte werden . Welch mildere Täuschung aber hätte sich für ihn finden lassen , als die lange Getreue endlich einem natürlichen Berufe gefolgt zu sehen . Ich wußte demnach nichts Stichhaltiges einzuwenden , insofern sich wirklich ein Mann fand , der seine Ehre nicht durch die bewußte Unehre seiner Frau beleidigt fand . Doch beschlossen wir , den Fall unserem treuen Gewissensrate vorzulegen , und machten uns auf den Weg nach dem Kloster . » Ich spreche Ihnen , mein Kind , « so ließ der Propst sich vernehmen , » die Berechtigung zur Freiheit nicht ab , und ich für mein Teil würde den Mann nicht tadeln , der dem geliebten Weibe einen Fehltritt vergibt und mit ihr vereint sich bemüht , dessen Wirkungen auf andere in Segen zu verwandeln . Ich habe aber Grund zu glauben , daß unser hohes Konsistorium diese Auffassung nicht teilt . Die Gegenwart des Knaben brächte voraussichtlich Ihr Geheimnis ans Licht , Ihr Mann würde aus seinem Lehramte scheiden müssen , dem einzigen , zu dem er gebildet und berufen ist . « » Wir würden still auf dem Lande leben , und - ich bin nicht unbemittelt , Hochwürden , « stammelte Dorothee , den Purpur der Scham auf den Wangen . » Hinreichend für Sie und allenfalls für Ihr Kind . Aber für eine zweite , vielleicht zahlreiche Familie ? Und gesetzt den wenn auch unwahrscheinlichen Fall der Heimkehr Doktor Fabers : er würde seine Schenkung nicht zurücknehmen und er dürfte es nicht . Aber müßte es eine Natur wie die unseres Taube nicht zu Boden drücken , seine und der Seinigen Existenz von dem Treugute des Getäuschten abhängig zu sehen ? Indessen , selbst diese beiden möglichen Zwischenfälle ungerechnet - kennen Sie das Leben eines Lehrers auf dem Lande , liebe Dorothee ? « Es hatte diese Besprechung auf dem Rückwege vom Kloster stattgefunden . Unmerklich aber waren wir von unserem Begleiter seitwärts durch ein Nachbardorf geführt worden und standen bei den letzten Worten vor einem Häuschen , dessen Bestimmung ein vieltöniger stockernder Chorus mit obligaten Donnerschlägen des Vorbeters verkündigte . Ein Schulhaus , und keines von den bescheidensten seiner Zeit , denn von den Schäden des Siebenjährigen Krieges ausgeheilt , stand es auch jetzt noch unversehrt unter Dach und Fach . Dessenungeachtet , wir konnten es nicht leugnen , für ein idyllisches Stilleben war die Wohnstube , in welche wir vorüberstreifend blickten , doch ein wenig dumpf und kahl . Die kleine Dorl hätte mit der Hand an die Decke reichen können . Die Fensterscheiben glichen Schiefertafeln , welche im Schulgebrauche blind geworden waren , und in dem Kachelofen brodelte , nicht eben sinnerquickend , das Runkelfutter für die Kuh . Wir setzten unsere Umschau fort und weilten in der Musterung der hartköpfigen kleinen Menschenherde und ihres kahlköpfigen treuen Hirten . Keine Frage : das Lehramt hat seine Poesie . Schwerlich aber würde sie in unseren Augen zu kurz gekommen sein , hätte ein leiser Anflug der kindlichen Pausbacken auf dem hehren Antlitz ihres Hüters reflektiert ; auch ein Ersatzstück für das , was eines Tages schwarzer Manchester auf seinem Leibe geheißen , würde von uns nicht als sträfliche Eitelkeit verlästert worden sein . Aufrichtige Bewunderung hingegen zollten wir im Weiterschreiten der musivischen Kunst , welche auf der Hauswäsche über dem Gartenzaun entwickelt war . Diese Kunstleistung mochte unseren Führer verlocken , nach der Bekanntschaft mit dem Schulregenten uns auch die der Hausregentin inmitten ihrer privaten kleinen Herde zugute kommen zu lassen . Und wiederum ein Chorus mit obligaten Donnerschlägen lockte uns über den Hof auf ein Ackerstück , das sich den stolzen Namen » Garten « beigelegt hatte . Hier stand sie , die Heldin unseres Idylls ! Eine klassische Gestalt , hoch geschürzt , die Schritte nicht durch zwängendes Schuhwerk gehemmt , das gestrige Haar durch keine Spiegelkunst verschnörkelt . Die fremden Eindringlinge störten sie nicht in ihrem Geschäft . Mit antiker Kraft und Ruhe hackte sie die Erdäpfel auf , welche eine nachwüchsige Schar in die Höhe buddelte . Das beiläufig ausgerodete Unkraut lieferte einen Leckerbissen für die umkreisende Ziege samt ihren Zickelchen , die mit lustigen Sprüngen ihre Wollust an den Tag legten . Das kleine zweibeinige Publikum spendete dem vierbeinigen Beifall , die Arbeit stockte , und die Vorarbeiterin entfaltete die Macht ihrer Lungen und Gliedmaßen , um sie wieder in Gang zu bringen . Jetzt aber griff ein tragischer Zwischenfall in das ländliche Bild . Unter der Hoftür lehnte die älteste Tochter , zugleich Kindsmagd der Familie und noch nicht nach mütterlichem Exempel stoisch geschult . Beim Begaffen der fremden Gäste entglitt das Wickelkind ihrem Arm und fiel - zum Glück in den Schlamm vor dem Schweinekoben . Mit erhobenen Händen stürzte die Mutter zu Hilfe und Rache herbei ; die älteste Tochter heulte , das Wickelkind schrie , die Säue grunzten , die Zickelchen meckerten , im Stalle brüllte die Kuh . Die Buben balgten sich um die Beute einer gelben Rübe ; die Heldenmutter tachtelte nach rechts und links ; aufgescheucht durch die Gefahr , welche sein Teuerstes bedrohte , zeigte sich mit einem Weheruf , und umschwärmt von seiner tobenden Schar , die hehre Gestalt in weiland Manchester ; wir aber , die wir diesen Sturm im Stilleben angestiftet hatten , entschlüpften leise über den Ackerrain . » Ein respektables Weib ! Für ihren Beruf ein Musterbild ! « sagte nach einer langen Stille lächelnd der menschenkundige Freund . Dorothee ging schweigend mit gesenktem Kopf - und von einer Bewerbung Christlieb Taubes ist fortan nicht die Rede gewesen . Meine nahende Abreise drängte endlich zu einer Entscheidung über die Zukunft des Knaben , und da war es denn der Propst , welcher das seiner Aufsicht unterstellte Kloster in Vorschlag brachte . Von seiner ursprünglichen Bestimmung für Soldatenwaisen hoffte er eine Ausnahme zu erwirken , wenn gelegentlich einer Visitation des hohen Kurators der Anstalt ein Teil des Geheimnisses , die väterliche Abstammung , vorsichtig angedeutet ward . Dorothee weinte vor Freuden in der Aussicht , ihren Knaben bald unter den Augen des gütigen Beschützers und in ihrer eigenen Nähe zu wissen , ohne sich selber einer schmachvollen Enthüllung preiszugeben . Sie bedeckte ihres Wohltäters Hände mit Küssen und Tränen , rief Gottes Segen auf ihn herab und stellte zum voraus den Betrag ihrer Hausrente für den Aufwand eines Halbpensionärs zu seiner Verfügung . Mir hingegen bäumte sich die Seele bei der Vorstellung , das Liebeskind des Fürsten , dem das Erbe der Reckenburg zugefallen sein würde , in eine Armenanstalt eingeschmuggelt und für eine subalterne Lebensstellung herangebildet zu sehen . Was hatte ich doch Schicklicheres zu raten und zu bieten ? Das Kloster war wohlberufen , wie die Mehrzahl unserer zu Schulzwecken säkularisierten sächsischen Abteien , war doch reich dotiert und stand unter der trefflichen Obhut des einzigen Menschen , der sich mit väterlicher Teilnahme zu dem Knaben gezogen fühlte . Mußte ich nicht schließlich eine höhere Fügung in diesem Wechsel der Verhältnisse verehren ? So trat ich denn die Rückreise nach Reckenburg an , mit dem Versprechen , im nächsten Frühjahr den Zögling Muhme Justines persönlich dem Waisenkloster zuzuführen . Neuntes Kapitel Die Hochzeit Des Knaben Versteck im Waisenhause war ebenso nach der Muhme Sinn , als mein Plan , ihn persönlich dahin zu spedieren , demselben widerstrebte . Sie spürte plötzlich ein unbezwingliches Verlangen , ihre Gegend einmal wiederzusehen , und welchen Grund hätte ich gehabt , ihre Reisebegleitung abzulehnen ? Der Tag unseres Eintreffens war den Eltern bereits angekündigt , als ein heftiger » Zufall « der Gräfin einen Aufschub veranlaßte . Die zähe Natur hielt stand , wie schon so oft vorher und oft nachher . Die bewährte Leibpflegerin aber konnte nicht umhin , mit dem Rüstzeug ihrer Instrumente den verhängnisvollen Posten zu hüten und ihr Erbfräulein zwölf Meilen weit ohne Beistand den Tücken des unverwüstlichen Schellenunters preiszugeben . Der Ehre jedoch , in Reckenburgs goldener Kutsche seiner fernerweitigen Reisegelegenheit entgegengeschaukelt zu werden , wußte sie den kleinen Plebejer zu entziehen . Sie karrte ihn bei Nacht und Nebel in einem Handwägelchen bis zu der Station , nachdem sie ihm , wie ich stark vermute , ein Mohnsäftchen einfiltriert hatte . Ihr letztes Wort , als sie den Schlafenden neben mich in den Einspänner hob , war die Warnung , mich beileibe nicht mit dem Kinde der Heimlichkeit vertraulich einzulassen . Wie nun der kleine Waldmensch beim Erwachen in dem engen Gehäuse ungebärdig tobte , das werden Euch August Müllers beigeheftete Erinnerungen anschaulich vorführen . Auch gegen die bändigen Prozeduren soll kein Widerspruch erhoben werden . Jedenfalls wählte er für uns beide das bequemste Teil , indem er die langweilige Fahrt fast ohne Unterbrechung verschlief . Der letzte Brief seines künftigen Pflegevaters datierte von einem thüringischen Gebirgsdorfe , in welchem er der Einführung seines Sohnes in dessen erstes Pfarramt beigewohnt und gleichzeitig die Freude gehabt hatte , dem betrübten Liebhaber , unserem Taube , eine heitere Lebensstellung auszumitteln . Ein Lehrer-und Organistenamt in einer kleinen , wohlgesitteten Gemeinde , Haus und Gärtchen durch den Gutsgarten anheimelnd eingerichtet , und die Kinder dieses Patrons ihm zur Pflege in der » göttlichen Musika « unterstellt , alles das in romantischer Berg- und Waldeinsamkeit ; welch ein besseres Los hätte er sich wünschen können oder wir für ihn ? Da ich den Propst die seltene Reiseerholung so lange wie möglich wollte genießen lassen , hatte ich ihm unser verspätetes Eintreffen post restante nach Jena gemeldet , glaubte ihn daher frühestens gestern heimgekehrt , und war erstaunt , ihn in meinem gewohnten Leipziger Nachtquartier , der goldenen Laute , vorzufinden . Ich fragte ihn lachend , welch fernerweitige Einführung ihn so eilig wieder in entgegengesetzter Richtung auf die Füße gebracht habe ? » Die Einführung dieses Knaben in seine neue Heimat , « antwortete er ernst , indem er den Schlafenden von seinen Armen auf das Bett in meinem Zimmer niederließ . Ich witterte so etwas von einer Anwandlung Muhme Justines in dem geistlichen Herrn , entgegnete daher verstimmt , daß ich auch ohne sein Bemühen den kleinen Mönch im Kloster Laurentii glücklich abgeliefert haben würde . Er schwieg ; doch konnte mir eine gewisse bängliche Unruhe an dem gelassenen Manne nicht entgehen , und als er auf meine Frage : ob er etwas auf dem Herzen habe ? seufzend den Kopf senkte , rief ich : » Ich bitte : keine Vorbereitungen , Freund ; meine Eltern - - « » Sind gesund und wohlgemut in Erwartung der geliebten Tochter , « antwortete er . » Und Dorothee ? « drängte ich weiter , da mir die Bekümmernis auffiel , mit welcher sein Blick auf dem Knaben ruhte . » Ist Dorothee krank ? « » Nicht krank , nur - « » Nur ? « » Verheiratet , oder so gut wie verheiratet . « » Mit Christlieb Taube , also doch ! « » Nicht mit Christlieb Taube , aber mit - « » Mit - ? « » Mit Siegmund Faber ! « Mit Siegmund Faber ! Das war denn nun freilich eine Neuigkeit , die mir das Blut im Herzen stocken machte . Ich hatte ja niemals weder an seinem Leben noch an seiner Heimkehr gezweifelt ; aber so unvorbereitet , so rasch am Ziel - ich fiel wie vernichtet in einen Stuhl . » Sahen Sie ihn ? « fragte ich nach einer langen Pause . » Nicht ihn selbst , « versetzte er . » So sahen Sie Dorothee ? « » Auch nicht . « » Von wem erfuhren Sie denn aber - - « » Von Ihrem Herrn Vater , Fräulein Hardine . « » Wann , wann , wann - - « » Gestern nachmittag , als ich kaum von der Reise heimgekehrt war . « » Und wissen Sie , glauben Sie , daß Dorothee ihm die Wahrheit bekannte ? « » Ich weiß es nicht . Aber Sie , meine junge Freundin , die Sie sie besser kennen als ich - glauben Sies ? « » Nein ! « sagte ich entschieden , und auch er schüttelte den Kopf . » Und dennoch verheiratet , wirklich verheiratet ? « fragte ich . » Das letzte Aufgebot sollte heute , Sonntag , stattfinden . Wenn die Trauung vielleicht bis morgen verschoben worden ist , so geschah es in Erwartung Ihres Eintreffens , Fräulein Hardine . « » Heute morgen erst , und Sie erfuhren es gestern , Mann ! « schrie ich auf , indem ich entrüstet seinen Arm schüttelte . » Sie hatten Zeit , warum schritten Sie nicht ein ? « » Weil dieses Einschreiten nicht begehrt worden ist , « antwortete er ruhig , » und weil es , unbegehrt , in so später Stunde zwecklos oder gefahrvoll gewesen sein würde . « » Es wird , so Gott will , noch zu dieser Stunde nicht zwecklos sein und die höchste Gefahr abwenden , nicht herbeiführen , « sagte ich und stürzte aus der Tür . Nachdem ich den Wirt beauftragt hatte , mir augenblicklich Extrapost zu bestellen , kehrte ich zu dem Propst zurück , der nachdenklich neben dem schlafenden Knaben saß und dessen Hand in der seinen hielt . Ich rannte ungeduldig im Zimmer auf und nieder . Nie im Leben hatte ich mich in ähnlicher Aufregung gefühlt . Jede Minute des Wartens deuchte mir eine Ewigkeit , ich hätte mir Flügel anheften und von dannen fliegen mögen . » Beruhigen Sie sich , liebes Kind , « mahnte endlich der Freund . » Sie erreichen Ihr Haus noch in dieser Nacht . Einige Minuten früher oder später - allemal früh genug oder zu spät . « » So erzählen Sie , « rief ich , und der alte Herr hob mit absichtlicher Breite also an : » Da ich Ihren Brief in Jena vorgefunden , verweilte ich dort noch ein paar Tage in heiterster Stimmung , unter literarischen Anregungen , mit deren Schilderei ich Sie heute verschone , Fräulein Hardine . Erst gestern bei grauendem Tage trat ich die Postfahrt nach meiner Anstalt an . Mein gutes Glück gewährte mir einen wissenschaftlich und weltmännisch gebildeten Reisebegleiter , der sich mir , wenn auch nicht dem Namen nach , als eine ärztliche Notabilität Berlins dokumentierte . Das Gespräch , wie das heuzutage kaum anders mehr möglich ist , sprang von unseren beiderseitigen friedlichen Neigungen bald genug hinüber auf das wildbewegte Zeitwesen , auf die phänomenalen Entwickelungen , welche dasselbe gleichsam aus dem Staube in die Höhe wirbelt , um sie ebenso jach wieder in Staub und Kot zurückzuschleudern ; und wie hätte da der jugendliche Feldherrngenius unerwähnt bleiben sollen , der sich , zur Stunde kaum noch geheimnisvoll , zu einem Zuge rüstet , um über Meer und Land den letzten unbezwungenen Feind des republikanischen Frankreich in der Grundfeste seiner weltgebietenden Macht zu erschüttern . Ich habe , so erzählte im Verlaufe der preußische Herr , über den General Bonaparte die interessantesten Aufschlüsse erhalten durch einen Augenzeugen seiner vorjährigen italienischen Gloria . Dieser Augenzeuge , mit dem ich kürzlich meine kleine Erholungsreise antrat , ist ein Mann meines Fachs , der seit etlichen Wochen unser nach Kuriositäten so lüsternes Berliner Völkchen in ein wahrhaftes Fieber versetzt , und , wennschon mir ein gefährlicher Rival , in der Tat verdient , als merkwürdiges Beispiel aufgeführt zu werden , wie eine superiore Natur das rohe , blutige Treiben der Gegenwart als Bildungsstoff für einen eng begrenzten , friedfertigen Beruf mit Geschick und Glück zu verwerten vermag . Denken Sie sich , mein Herr , einen blutjungen sächsischen Barbier , lediglich als Autodidakt in einer mühsam aufgesuchten Praxis geschult , der in Preußens kriegerischen Rüstungen einen günstigen Spielraum für sein Streben ahnt und durch die glücklichsten Begegnungen findet . Die heillosen Feldzüge von 92 und 93 geben Gelegenheit , sein Talent und seinen Eifer in ein helles Licht zu setzen . Er , der keiner Fakultät immatrikuliert gewesen ist , kein Examen absolviert hat , geht aus den verpesteten Lazaretten jener Tage als Regimentsarzt hervor ; hochgestellte Herren verdanken ihm Hilfe und Heilung , man eröffnet ihm weittragende Aussichten auch in friedlichen Zeiten . Während des Angriffs auf das Lager von Neuhornbach , wo er im Gefolge des verwegen vordringenden Königs sich allzu weit vorgewagt und über dem Verbande eines feindlichen Schwerverwundeten aufgehalten hat , gerät er in französische Hand . Er wird nach Paris gebracht , sein guter Stern will , daß es eine einem Konventsmitgliede verwandte einflußreiche Persönlichkeit ist , die ihm das Leben verdankt ; sie erwirkt ihm die Freiheit , sich in Instituten und Spitälern umzutun . Die große , wildbewegte Hauptstadt , die zahlreichen Opfer der Schlachtfelder , ja nicht zum geringsten die der Henkerbühne werden eine Vorlage für den energischen Trieb . Selber inmitten dieser tumultuarischen Welt fällt hin und wieder ein beachtender Blick auf den rastlos forschenden Fremden . Der Friede von Basel führte die ausgewechselten Gefangenen in ihr Vaterland zurück . Auch unser Doktor hatte die Freiheit , zu gehen . Aber er blieb . Was wollen Sie , sagte er mir , der Arzt , als solcher , unterscheidet nicht Heimische und Fremde , nicht Freund und Feind . Er unterscheidet nur Gesunde und Kranke , Gebrechliche und Heile als Material und sucht , solange er lernt , das günstigste Terrain für seine Kunst und Pflicht . Freiwillig begleitete er die italienische Armee nach Italien ; der junge deutsche Doktor tritt in den Horizont des Helden von Lodi und Arcole . Ein Jahr lang verweilt er , geteilt zwischen Leistung und Studium , in dem dem Arzte hochwichtigen Bologna , beobachtet an Kranken und Verwundeten den steigernden oder mildernden Einfluß eines südlichen Himmels , und kehrt , nachdem der Friede von Campo Formio den Kontinent zur Not beruhigt hat , nach allen Seiten bereichert , aus dem republikanisierten Italien nach Paris zurück . Hier wurden ihm glänzende Anerbietungen gemacht , der rätselhaften Meeresfahrt seine Dienste zu leihen , in welcher wir gegenwärtig den verwegenen Korsen mit der gegen England bestimmten Armee befangen sehen . Aber , so sagte jetzt unser Mann , ich war kein Abenteurer . Ich hatte mir in der Fremde angeeignet , was meiner Heimat dienen konnte und , ich fürchte , nur allzubald , in schwerer Stunde dienen wird . Ich durfte zurückkehren . So erscheint er vor etwa Monatsfrist in unserem ihm völlig fremden Berlin . Ein Cäsar der Messer und Zangen , kommt er , sieht und siegt . Das Gerücht , rasch und geheimnisvoll wie der Wind , schnellt ihn zu einem Wundermann in die Höhe . Kriegerische Kameraden , aus den Rheinfeldzügen zu Dank und Anerkennung verpflichtet , bewillkommen ihn mit festlichen Ehren ; die friedlichen Kollegen spitzen die Ohren bei der Mär von dem Champion ihrer Kunst , der , um Studien zu machen , freiwillig seinen Kopf in des Löwen Rachen gesteckt hat ; der junge König , sich seiner aufopfernden Bemühungen während der Seuchenzeit nach dem Feldzuge in der Kampagne erinnernd , empfängt ihn und wünscht seine Erfahrungen an der neubegründeten Pepiniere verwertet zu sehen ; die Menge drängt sich um den Zeugen der revolutionären Greuel und Verwogenheiten , mit deren Schilderei zur Zeit Ehren-Haude und Spener ihre Haare sträuben gemacht hat . Kaum zu Atem gekommen , ist er in aller Munde ; die Fachgenossen lauschen seinen genialen Aphorismen ; die Laien , bevor sie erprobt , was der Mann kann , begnügen sich mit dem , was er erlebt ; bis die Neugierde verflogen , ist die Klientel begründet . Kurz und gut , niemals hat ein junger , ehrgeiziger Praktikant seine Bahn unter günstigeren Auspizien angetreten . Wir Alten werden die Segel streichen müssen , denn freilich unsere Kathederweisheit sieht sich von seiner kühnen Methode himmelweit überflügelt . Ich brauche Ihnen nicht zu sagen , Fräulein Hardine , « fuhr der Propst nach kurzer Pause fort , » wessen Bild während der Erzählung handgreiflich vor mir aufgestiegen , und daß es eine müßige Frage war , die ich nach dem Namen ihres Helden stellte . In der Antwort : Doktor , neuerdings Geheimrat Faber , überraschte mich höchstens der Titel . Wir hatten uns der Stelle genähert , bei welcher der Weg nach der Anstalt abzweigt . Verstand ich Sie recht , mein Herr , fragte ich , nachdem ich Abschied genommen , den Fremden , verstand ich Sie recht , so hat Doktor Faber Sie kürzlich auf der Reise in diese Gegend begleitet ? Sie werden meine Neugier entschuldigen , wenn ich Ihnen sage , daß ich einem lange Verschollenen in seiner Heimat zu begegnen hoffe . - Ihre Hoffnung dürfte sich erfüllen , Verehrtester , antwortete der Begleiter . Wir reisten bis Halle miteinander ; dort verweilte ich , während er ohne Aufenthalt auf der Merseburger Straße weiterfuhr . In Familienangelegenheiten , wie er sagte . - Und wann geschah das ? fragte ich noch einmal . Gestern , Freitag , vor acht Tagen , versetzte der Fremde und der Postwagen rollte von dannen . An dem nämlichen Tage hatte ich meine Fahrt nach Thüringen angetreten ; seit länger als einer Woche konnte demnach die Entscheidung unter Ihrem heimischen Dache , Fräulein Hardine , gefallen sein . Durfte ich hoffen , daß diese Entscheidung meinem erwarteten Pflegling einen Vater gegeben habe ? Mußte ich fürchten , daß sie ihm auch noch die Mutter geraubt ? In der lebhaftesten Spannung legte ich den Weg zur Anstalt zurück . Kaum dort angekommen , berichtete meine alte , Sie wissen , kurzsichtige Haushälterin , daß am Tage nach meiner Abreise , bei kaum grauendem Morgen , ein verhülltes , städtisch gekleidetes Frauenzimmer nach mir gefragt und , als