halte . Die Heizer auf dem Pinguin sprachen davon , und die pensionirten Schiffskapitäne , wenn sie auf dem Hafendamm , über die Brüstung gelehnt , nachdenklich den Tabakssaft in ' s Wasser spritzten , sprachen auch davon . Wohin Klaus , den man als meinen guten Freund kannte , gekommen war , überall hatte man ihn gefragt , ob er nicht wisse , was aus dem schlechten Menschen , dem Georg Hartwig , geworden sei , der sich ja wohl in der verrufensten Gegend der Insel auf adeligen Gütern umhertreibe als Spaßmacher für betrunkene Edelleute , mit denen er das wüsteste Leben führe ? der an einem Abend mehr Geld verspiele , als sein armer Vater das ganze Jahr hindurch einnehme , und Gott möge wissen , wie er zu dem Gelde komme ! Das Schlimmste aber war Eines , was Klaus nur mit dem nochmaligen ausdrücklichen Vorbehalt erwähnte , daß er kein Wort davon glaube . Klaus war gestern Abend , um sich zu verabschieden , bei dem Justizrath Heckepfennig gewesen , der Christels Pathe war und in dessen Haus Klaus von jeher manchmal kam . Die Familie hatte eben beim Thee gesessen ; Elise Kohl , Emiliens Busenfreundin , war auch dagewesen , und man hatte Klaus der Ehre gewürdigt , ihm eine Tasse Thee anzubieten , nachdem er gesagt , daß er am nächsten Tage nach Zanowitz komme und mich aufzusuchen gedenke . Der Justizrath hatte ihm dringend gerathen , dies ja nicht zu thun , da seine längst feststehende Meinung : ich werde in den Schuhen sterben , neuerdings eine Bestätigung erhalten habe , über die er sich nicht auslassen könne . Dann hätten die Mädchen sich über mich zu Gericht gesetzt und gemeint , sie könnten alles Andere verzeihen ; aber daß ich der Liebhaber von Fräulein von Zehren geworden sei , würden sie mir nicht vergeben . Sie hätten es von Arthur gehört , der es doch wissen müsse , und Arthur habe solche Dinge von seiner Cousine erzählt , daß ein ordentliches Mädchen sie kaum hätte mit anhören können , und die wieder zu erzählen ganz unmöglich sei . Klaus war erschrocken über die Wirkung , welche dieser Bericht auf mich machte . Vergebens , daß er wieder und immer wieder erklärte , er glaube ja kein Wort von alledem , und er habe das auch den Mädchen gleich gesagt . Ich schwur , daß ich mich für nun und immer von dem treulosen , verräterischen Freunde lossage und daß ich mich früher oder später auf das grausamste an ihm rächen würde . Ich stieß die schrecklichsten Drohungen und Verwünschungen aus . Nie würde ich freiwillig wieder einen Fuß in meine Vaterstadt setzen , ja vom Erdboden würde ich sie vertilgen , wenn es in meiner Macht stünde ! Ich hätte mir bis jetzt noch immer Gewissensbisse gemacht , ob ich nicht doch vielleicht übereilt gehandelt habe , als ich um einer so geringfügigen Veranlassung willen meinen Vater verließ ; aber jetzt könne mein Vater mir hundertmal befehlen , ich solle zurückkehren , ich würde es nicht thun . Und was Herrn von Zehren und Fräulein von Zehren betreffe , so sei mir ein Haar auf ihrem Haupte mehr werth als ganz Uselin , und ich sei bereit , für Beide auf der Stelle in diesen meinen Wasserstiefeln hier zu sterben , und die Stiefel möge der Teufel dem Justizrath Heckepfennig hinterher um den struppigen Kopf schlagen . Der gute Klaus wurde ganz still und betreten , als er mich so lästerlich fluchen hörte . Es mochte ihm wohl der Gedanke kommen , daß es mit dem Heil meiner Seele denn doch schlechter stehe , als er angenommen . Er sprach das zwar nicht aus , aber er sagte in seiner einfachen Weise , daß ihm der Ungehorsam gegen meinen Vater sehr bedenklich sei ; ich wisse ja , wie viel er selbst immer von mir gehalten habe , trotz der Reden der Leute , und wie er stets geneigt gewesen und noch geneigt sei , mir in Allem recht zu geben ; hier aber wäre ich doch gewiß im Unrecht , und wenn mein Vater mir wirklich befohlen habe , zu ihm zurückzukehren , so könne er gar nicht absehen , wie ich diesem Befehle nicht Folge leisten sollte ; und er wolle mir nur gestehen , daß ihm mein Ungehorsam gegen meinen Vater immer im Kopfe herumgegangen , und daß er jetzt ruhiger abreisen werde , nachdem er mir das gesagt habe . Ich antwortete nicht , und Klaus wagte nicht , ein Gespräch , das mir so unangenehm schien , fortzusetzen . Er ging still neben mir her , von Zeit zu Zeit einen traurigen Blick auf mich werfend , ähnlich wie Caro , der an meiner andern Seite trottete und die Ohren hängen ließ ; denn der Regen fiel wieder stärker , und Caro konnte immer weniger begreifen , was das zwecklose Umherlaufen auf dem nassen Dünensande eigentlich zu bedeuten habe . So kamen wir nach Zanowitz , dessen elende Lehmhütten , die einen hier , die andern da , zwischen den auf- und absteigenden Sanddünen zerstreut lagen , als spielten sie mit einander Versteckens . Zwischen die Dünen hindurch schaute das offene Meer herein . Das war mir immer ein lieber Anblick gewesen , wenn die Sonne hell herab schien auf den weißen Sand und die blauen Wasser , und die weißen Möven sich lustig über den blauen Wassern schwangen . Aber heute sah der Sand grau aus und grau der Himmel , und grau das Meer , das in schweren Wogen herangerollt kam . Ja selbst die Möven , die kreischend über der Brandung flatterten , sahen grau aus . Es war ein trübseliges Bild , ganz in der Farbe der Stimmung , in welche mich das Gespräch mit Klaus versetzt hatte . » Ich sehe , Peters macht schon klar , « sagte Klaus , auf eins der größern Fahrzeuge deutend , die etwas vom Strande entfernt vor ihren Ackern auf den Wellen tanzten ; » ich denke , wir gehen gleich hinunter ; sie werden unten auf mich warten . « So gingen wir denn zum Strande hinab , wo man eben im Begriffe war , eins von den vielen kleinern Booten , die man auf den Sand gezogen hatte , wieder in ' s Wasser zu schieben . Ein Haufen von Menschen stand dabei , unter ihnen der alte Pinnow , Christel und Klaus ' Tante Julchen , eine wohlhäbige Fischerwittwe , deren ich mich von früher her wohl noch erinnerte . Dem armen Klaus wurde kaum eine Minute zum Abschiednehmen vergönnt . Schiffer Peters , der das Korn , das er für Rechnung des Commerzienrathes geladen hatte , noch heute in Uselin abliefern mußte , fluchte über die verdammte Trödelei ; Pinnow brummte : der Faselhans werde nicht gescheidt werden , Christel verwandte die rotgeweinten Augen nicht von ihrem Klaus , den sie nun in so langer Zeit nicht wiedersehen sollte , Tante Julchen wischte sich die Thränen und die Regentropfen mit ihrer Schürze von dem guten dicken Gesicht , und der taubstumme Lehrjunge Jakob , der auch dabei stand , starrte fortwährend seinen Meister an , als erblickte er dessen rothe Nase und blaue Brille heute zum ersten mal . Klaus sah sehr verwirrt und sehr unglücklich aus ; aber er sagte kein Wort , während er , ein Bündel , das ihm Christel gegeben hatte , in der Linken haltend , die Rechte Allen der Reihe nach reichte , und dann in das Boot sprang und einen von den beiden Riemen ergriff . Ein paar Fischer stiegen in ' s Wasser und schoben ; das Boot wurde flott ; die Riemen wurden eingesetzt und die Nußschale tanzte auf den Wellen hin nach der Jacht , auf der man schon das Hauptsegel halbmasthoch aufgezogen hatte . Als ich mich wieder umwandte , verschwand Christel eben mit der dicken Tante zwischen den ersten Häusern . Das arme Ding wollte gewiß die so mühsam zurückgehaltenen Thränen in der Stille ausweinen , und ich glaubte ihr einen Gefallen zu thun , wenn ich wenigstens ihren Vater noch eine Weile am Strande aufhielt . Aber Herr Pinnow hatte gar keine Eile fortzukommen . Die blaue Brille über den Augen , die , wie ich wußte , so scharf sehen konnten , blickte er in die schäumenden Wellen und tauschte mit den Schiffern und Fischern von Zanowitz jene Bemerkungen aus , welche am Strande zurückbleibende Seeratten einem absegelnden Fahrzeuge nachzuschicken pflegen . Es waren keine vertrauenerweckende Gesichter , die starkknochigen , magern , wettergefurchten , sonnegebräunten Gesichter der Männer von Zanowitz mit den hellblauen zwinkernden Augen ; aber ich sagte mir doch , während ich so dabei stand und sie mir der Reihe nach betrachtete , daß meines alten Freundes Gesicht das am wenigsten vertrauenerweckende von allen war . Der böse grausame Zug um seinen breiten Mund mit den dicken , festgeschlossenen und selbst , wenn er sprach , sich kaum bewegenden Lippen , war mir früher noch nie so aufgefallen ; vielleicht sah ich ihn heute mit andern Augen an als sonst . In der That hatte sich seit gestern Abend der Verdacht , der mir schon wiederholt gekommen war : der alte Pinnow sei in die gefährlichen Unternehmungen Herrn von Zehren ' s tief verwickelt , auf ' s neue geregt ; ja ich hatte fast mit Bestimmtheit angenommen , er werde auch an der Expedition , die jetzt im Werke war , thätigen Antheil nehmen , und war deshalb sehr erstaunt gewesen , als ich von Klaus hörte , daß sein Vater selbst ihn und Christel hierher gefahren habe . Indessen , wie auch immerhin sein Verhältniß zu Herrn von Zehren war - diesmal war er nicht betheiligt , und das gewährte mir ordentlich eine Erleichterung . Uebrigens schien der Schmied unsern Streit an jenem Abend nicht vergessen zu haben . Er that beständig , als ob er mich nicht sähe , oder kehrte mir gar den breiten Rücken zu , während er den Andern erzählte , was er heute Morgen für eine rasche Fahrt gemacht , und daß er sich für sein Theil nicht hinaus gewagt haben würde bei dem Wetter - und seinen schwachen Augen , die mit jedem Tage schwächer würden , - hätte der Klaus nicht so gar große Eile gehabt . Aber die Christel wolle er , wenn es heute Abend noch eben so stark wehen sollte , doch lieber nicht wieder mitnehmen : sie könne ja bei seiner Schwester bleiben ; dafür wolle er einen oder den andern tüchtigen Burschen von hier an Bord nehmen zur Aushülfe , denn auf den Jakob , den dummen Bengel , könne er sich doch nicht recht verlassen . Die tabakkauenden Männer von Zanowitz hörten zu , und sagten Ja , oder sagten auch nichts , und dachten sich ihr Theil . Der Aufenthalt auf dem Strande , wo uns der Regen und Gischt fortwährend in ' s Gesicht trieb , war unbehaglich genug . So wandte ich mich denn von der Gruppe weg und ging das Ufer hinauf . Ich wußte , wo das Häuschen von Tante Julchen lag : ich wollte dort vorübergehen und versuchen , ob ich Christel nicht wenigstens ein paar freundliche Worte sagen könne . Aber , als ob er meine Absicht ahne und zu verhindern gedenke , kam Pinnow in Begleitung von ein paar andern Galgenphysiognomien hinter mir her ; so gab ich denn meinen Vorsatz für heute auf und schritt quer durch das Dorf die Dünen hinauf , in der Absicht , von dort über die Haide nach Trantowitz zu gehen . Ich hatte eben die höchste Düne , die man ihres besonders glänzenden Sandes wegen die weiße nannte , und von der aus man weit hinauf und hinab den Strand überblicken konnte , erstiegen , als ich plötzlich meinen Namen rufen hörte . Ich wandte mich um und sah eine weibliche Gestalt , die dicht unter dem scharfen Rande der Düne , aber auf der dem Dorfe und Meere abgewandten Seite , in einer Vertiefung kauerte und mir lebhaft winkte . Zu meinem nicht geringen Erstaunen erkannte ich Christel . Schnell ging ich die Schritte , die ich schon abwärts gethan hatte , zurück . Sie zog mich , als ich vor ihr stehen blieb , in die Vertiefung hinein , indem sie mir mehr mit Geberden als mit Worten bedeutete , daß ich ganz still sitzen und auch den Hund festhalten solle . » Was hast Du , Christel ? « fragte ich . » Es ist keine Zeit zu verlieren , « erwiederte sie , » ich muß es in zwei Minuten gesagt haben . Heute Nacht um drei Uhr ist Herr von Zehren zu ihm gekommen ; sie dachten , ich schlief , aber ich schlief nicht , weil ich um die Großmutter weinte , und habe Alles gehört . Diesen Abend wird eine mecklenburgische Jacht hier kreuzen , die Seide geladen hat ; Herr von Zehren ist mit Extrapost nach R. gefahren , um dem Kapitain , der dort liegt und blos darauf wartet , zu sagen , daß er absegelt ; er selbst kommt auf der Jacht mit . Dann überlegten sie , wie sie die Waare von der Jacht abbringen könnten , und er hat sich erboten , weil die Luft rein sei , es selbst mit seinem Boote zu thun , während die Waaren sonst immer hier in Zanowitz geborgen worden sind und er die für Uselin bestimmten dann erst später und gelegentlich von Zehrendorf abgeholt hat . Als Herr von Zehren meinte , es werde auffallen , wenn er ohne besondere Gründe , noch dazu bei so schlechtem Wetter , aussegle , sagte er , Klaus habe gewünscht , ehe er fortginge , die Tante noch zu sehen ; da wolle er ihn herüberfahren , und damit gar Niemand Verdacht schöpfen könne , wolle er mich mitnehmen . Dann haben sie den Jochen Swart hereingerufen , der unterdessen in der Werkstatt gewesen ist , und Herr von Zehren hat ihm befohlen , sogleich über die Fähre nach hier zurückzukehren und für den Abend zwölf der sichersten Leute von Zehrendorf und Zanowitz bereit zu halten , die mit an Bord gehen sollen - als Träger , wissen Sie . Der Jochen ist gegangen , und nach einer Viertelstunde ist der Jochen wieder gekommen . Das hat mich schon gewundert ; denn Herr von Zehren hatte ihm ausdrücklich und wiederholt gesagt , keine Minute zu verlieren , sondern sogleich aufzubrechen ; aber er mußte ihm schon vorher ein Zeichen gemacht oder sich sonst mit ihm verständigt haben . Nun haben sie die Köpfe zusammengesteckt und so leise gesprochen , daß ich es nicht verstehen konnte ; aber es mußte was Schlimmes sein , denn er ist ein paar Mal leise aufgestanden und hat an meiner Thür gehorcht , ob ich mich nicht rühre . Dann ist er weggegangen und Jochen ist sitzen geblieben . Das hat wohl eine Stunde gedauert , und es fing schon an zu dämmern , als ich ihn wiederkommen hörte mit einem Dritten und der war der Steuerrevisor Blanck . Er hatte keine Uniform an , aber ich habe ihn deutlich erkannt , auch an der Stimme . Nun haben die drei miteinander geflüstert , sind aber bald zusammen fortgegangen . Gegen sechs ist er allein wiedergekommen und hat an meine Thür gepocht ; denn ich hatte nicht gewagt , hervorzukommen , und hat gesagt , ob ich denn heute gar nicht aufstehen wolle ? Der Klaus werde gleich da sein und wir wollten zusammen hierher fahren und ich solle ein bischen Zeug mitnehmen ; denn vielleicht lasse er mich hier bei der Tante . « Während Christel so erzählte , und dabei jedes » er « , das » ihn « bezeichnete , so scharf hervorhob , daß ich trotz der Schnelligkeit , mit welcher sie sprach , Alles nur zu wohl begriff , hatte sie ein paar mal vorsichtig den Kopf über den Dünenrand gehoben , zu sehen , ob Jemand komme . » Ich wußte nicht , was ich thun sollte ; « fuhr sie fort ; » dem Klaus konnte ich es nicht sagen ; denn er ist wie ein Kind und weiß von nichts und soll nichts wissen , und ich danke Gott , daß er nun fort ist . Ich habe ihm zugeredet , Sie aufzusuchen , denn ich dachte , Sie kämen vielleicht mit und das ist ja nun auch geschehen , und ich wollte es Ihnen , wenn es möglich war , sagen , ob Sie vielleicht Rath wüßten . Herr von Zehren ist immer so gut zu mir gewesen und hat noch das letzte mal gesagt , er wolle für den Klaus und mich sorgen , und vor ihm solle ich mich nur nicht fürchten ; denn er wisse recht gut und er habe es ihm auch gesagt , wenn er mir etwas zu Leide thäte , würde er ihn todtschießen . Und seitdem hat er mich auch zufrieden gelassen , aber auf den Herrn von Zehren hat er so gräulich geflucht und daß er es ihm schon eintränken wolle , und nun will er ihn an den Galgen bringen . « Christel wollte anfangen zu weinen , aber sie wischte die Thränen resolut mit dem Rücken der Hand ab und sagte : » Ich kann nicht mehr thun ; sehen Sie zu , ob Sie weiter helfen können und ängstigen Sie sich nicht um mich , wenn er auch erfährt , daß ich es gewesen bin . « Ein tiefe Röthe flammte in ihrem Gesichte auf , aber das muthige Mädchen war entschlossen , Alles zu sagen , und so sagte sie : » Ich habe schon mit der Tante gesprochen , die Tante will mich bei sich behalten , und sie hat einen großen Anhang hier , daß er nicht wagen wird , gegen sie aufzutreten . Und nun muß ich zurück ; laufen Sie schnell die Düne hinab , da unten kann man Sie nicht mehr sehen , und adjüs ! « Ich drückte Christel die Hand und sprang die Düne hinab , an die sich andere niedrigere , wild durcheinander geworfene , zum Theil mit Strandgras und Ginster überlaufene , anreihten , zwischen denen ich vor dem Auge eines Spähers ziemlich sicher war . Dennoch schlich ich gebückt weiter und richtete mich nicht eher wieder auf , als bis ich nach ein paar hundert Schritten auf der Haide war , wo ich mich doch nicht länger verbergen konnte . Als ich nach der weißen Düne zurückblickte , sah ich Christel nicht mehr ; sie hatte offenbar einen günstigen Augenblick benutzt , um sich ungesehen in das Dorf zurückzuschleichen . Fünfzehntes Capitel . Caro hatte , während ich den schmalen Pfad über die Haide nach Trantowitz lief , keine Veranlassung , mit dem Benehmen seines Herrn zufriedener zu sein als zuvor . Ich sprach nicht mit ihm , wie sonst ; ich hatte kein Auge für die paar unglücklichen Hasen , die er , um sich die tödtliche Langeweile zu vertreiben , aus ihrem nassen Lager aufstieß , oder für die Mövenschwärme , die sich vor dem Unwetter auf dem Meere hierher zurückgezogen hatten , wo es freilich auch noch Wasser genug gab . Ich lief in einer Eile , als hänge Tod und Leben davon ab , ob ich Trantowitz fünf Minuten früher oder später erreichte , und doch war es nur zu gewiß , daß Hans , wenn ich ihn in ' s Vertrauen zog , ebenso rathlos sein würde , wie ich . Aber Hans von Trantow war ein guter Mensch und Herrn von Zehren , das wußte ich , von Herzen ergeben . Und er liebte ja auch Konstanze ; um Konstanzens willen , selbst wenn er sonst keinen Grund gehabt hätte , mußte er mir helfen , Konstanzens Vater zu retten , wenn Rettung noch möglich war ! So stürmte ich dahin . Unter meinen Tritten spritzte das Wasser aus dem nassen Boden , in dem ich manchmal bis über die Knöchel versank , der Regen schlug mir in ' s Gesicht und die Möven kreischten , während sie , die spitzen Schnäbel nach unten gekehrt , über mir flatterten . Von Zanowitz nach Trantowitz war es eine halbe Stunde , die mir wie eine Ewigkeit vorkam . Endlich erreichte ich den Hof , der selbst im Sonnenschein kahl und öde und heute im Regenwetter abscheulich aussah . Vor dem einstöckigen Wohnhause mit den acht himmelhohen Pappeln , deren schlanke Wipfel der Regensturm zerzauste , hielt Granow ' s Jagdwagen bespannt . Der widerwärtige Mensch war also da ; aber gleichviel ; ich mußte Hans allein sprechen , und sollte ich Herrn von Granow vorher zur Thür hinauswerfen . Die Herren saßen , als ich eintrat , beim Frühstück ; ein paar leere Flaschen , die auf dem Tisch standen , bewiesen , daß sie bereits einige Zeit dabei gesessen hatten . Granow verfärbte sich bei meinem Anblick . Ich mochte mit meinem erhitzten , aufgeregten Gesicht , meinen vom Regen durchnäßten Kleidern und den bis oben hinauf von Dünensand und Moorschlamm bedeckten Jagdstiefeln bedenklich genug aussehen , und der kleine Mann hatte mir gegenüber nicht das beste Gewissen . Trantow langte , ohne sich zu erheben , bei meinem Eintritt nach einem Stuhl , der in der Nähe stand , rückte denselben an den Tisch , und nickte , indem er mir die Hand reichte , nach den Flaschen und Schüsseln . Sein gutes Gesicht war bereits sehr roth und seine großen blauen Augen ein wenig gläsern ; offenbar kamen die leeren Flaschen zum größten Theil auf seine Rechnung . » Sie sind doch nicht auf der Jagd gewesen bei dem gräulichen Wetter ? « fragte Herr von Granow , der plötzlich sehr freundlich geworden war und mir verbindlich Brod , Butter und Schinken zuschob , welchem Allen ich , trotz meiner Sorgen , eifrig zusprach ; denn ich war vollkommen ausgehungert und die dumpfe Luft des Zimmers hatte mir fast eine Ohnmacht zu Wege gebracht . » Wir sitzen hier schon seit zwei Stunden , und überlegen , wie wir den Tag hinbringen sollen . Ich habe ein kleines Jeu vorgeschlagen , aber Hans will nicht spielen ; er sagt , er wolle überhaupt nicht wieder spielen . Er sagt : das Spiel sei ein Laster . « » Das ist es auch , « brummte Hans . » Nämlich nur , wenn er gewinnt , « sagte Granow und lachte über seinen Witz . » Er findet es lasterhaft , andern Leuten das Geld abzunehmen , das sie vielleicht nothwendig brauchen ; er selbst braucht kein Geld , nicht wahr , Hans ? « » Wüßte nicht wozu . « sagte Hans . » Da hören Sie es selbst ; er weiß nicht wozu . Er muß heirathen , das ist die Sache ; dann wird er wissen , wozu er das Geld braucht . Wir haben noch eben darüber gesprochen . « Das Roth auf des guten Hans Gesicht dunkelte noch ein wenig nach und er warf einen scheuen Blick auf mich ; es schien mir , daß ich in dem Gespräche der Herren eine Rolle gespielt hatte . » Es wird ihm nicht so leicht wie Ihnen , der Sie nur anzuklopfen brauchen , « sagte ich . » Sie meinen ? « fragte der kleine Herr mit einiger Unruhe . » Ich meine , Sie hätten das vorgestern Abend mir selbst gesagt , « erwiederte ich . » Sie nannten ja auch wohl Namen ; aber es geht nicht , es geht wirklich nicht , obgleich Herr von Granow sich die Sache nach allen Seiten überlegt hat . « Ich hatte die letzten Worte , indem ich mich zu Hans wandte , in ironischem Tone gesprochen . Hans , dessen Kopf niemals besonders hell war , konnte an diesem dunkeln Tage kein Licht in meine Rede bringen , aber Herr von Granow hatte mich nur zu gut verstanden . » Man sollte einen Scherz nicht ernster nehmen , als er gemeint ist , « sagte er , indem er sich mit zitternder Hand ein Glas Wein einschenkte . » Oder vielmehr , man sollte mit gewissen Dingen überhaupt keinen Scherz treiben , « erwiederte ich , indem ich seinem Beispiel folgte . » Ich bin alt genug , um ohne Ihre Belehrungen fertig werden zu können , « sagte der Kleine mit einem kläglichen Versuch , mich einzuschüchtern . » Und haben doch nicht gelernt , Ihre Zunge im Zaume zu halten , « erwiederte ich , ihm starr in ' s Gesicht sehend . » Es scheint , Sie wollen mich beleidigen , junger Mensch , « schrie er , indem er das Glas , an dem er genippt , heftig auf den Tisch stieß . » Soll ich Ihnen das vielleicht dadurch noch deutlicher machen , daß ich Ihnen dies Glas an den Kopf werfe ? « » Aber Ihr Herren ! « sagte Hans . » Genug , « rief der Kleine , indem er seinen Stuhl zurückstieß und aufsprang ; - » ich will nicht länger in dieser Weise beleidigt sein ; ich will Satisfaction haben , wenn dieser Herr satisfactionsfähig ist . « » Mein Vater ist ein ehrenwerther Steuerbeamter , « sagte ich , » mein Großvater war Prediger , mein Urgroßvater ebenfalls - der Ihrige ist ja wohl Schäfer gewesen ? « » Wir sprechen uns wieder ; « kreischte der Kleine , indem er zum Zimmer hinausstürmte und die Thür hinter sich zuschlug . Einen Moment später hörten wir seinen Wagen eilig über das Pflaster des Hofes davon rollen . » Nun aber , was bedeutet dies ? « fragte Hans , der sich während der ganzen Scene nicht in seinem Stuhle geregt hatte . Ich brach in ein wildes Gelächter aus . » Das bedeutet , « rief ich , » daß Herr von Granow ein Lump ist , der die Frechheit gehabt hat , über eine Dame , die wir Beide verehren , in einer Weise zu lästern , für die er noch ganz etwas Anderes verdient hätte , und außerdem habe ich ihn weg haben wollen ; ich muß Sie sprechen ; Sie müssen mir helfen ; Sie müssen ihm helfen - « Ich wußte nicht , wie ich beginnen sollte , und lief , durch die eben gehabte Scene doppelt aufgeregt , wie ein Wahnsinniger , in dem Zimmer auf und ab . » Trinken Sie eine halbe Flasche auf einmal , « sagte Hans nachdenklich , » das ist ein Universalmittel , das macht einen klaren Kopf . « Aber ich kam auch ohne des guten Hans Universalmittel wieder so weit zur Ruhe , um ihm mittheilen zu können , was mir schier das Herz abdrückte . Ich erzählte ihm Alles von Anfang an : meinen ursprünglichen Verdacht gegen Herrn von Zehren , der vollkommen eingeschlafen sei , bis ihn Granow ' s Schwatzhaftigkeit wieder geweckt habe ; dann Herrn von Zehren ' s halbes Zugeständniß gestern Abend und die Umstände seiner Abreise , wobei ich nur den Brief des Steuerraths , der doch eigentlich nicht mein Geheimniß war , verschwieg ; sodann die Keller-Expedition von heute morgen , endlich Christel ' s Mittheilung . Ich sagte zuletzt : » Herr von Trantow , ich weiß nicht , wie Sie über seine Handlungsweise denken , aber ich weiß , daß Sie ihn lieb haben , und daß Sie , « fügte ich erröthend hinzu , » Konstanze , Fräulein von Zehren , verehren . Helfen Sie mir , wenn Sie können ; ich bin entschlossen , Alles daran zu setzen , ihn nicht in die Schlinge fallen zu lassen , die man ihm offenbar gelegt hat . « Hans von Trantow war während meiner Erzählung die Cigarre ausgegangen , ohne daß er einen Versuch gemacht hatte , dieselbe wieder in Brand zu setzen - ein Beweis der gespannten Aufmerksamkeit , mit der er meinem Bericht gefolgt war . Jetzt , als ich zu Ende , reichte er mir über den Tisch herüber seine große Hand und wollte etwas sagen , bemerkte aber , daß unsere Gläser leer waren ; so schenkte er dieselben wieder voll , zündete sich dann die Cigarre an , lehnte sich in seinen Stuhl zurück und hüllte sich in eine graue Wolke . » Ich kann es nicht ausdenken , « fuhr ich , durch Hans schweigende Theilnahme angefeuert , fort , » daß sie ihn fangen ; denn ich bin überzeugt : er wird sich nicht gutwillig ergeben , er wird sich zur Wehr setzen . « Hans nickte , um anzudeuten , daß er darüber nicht den geringsten Zweifel habe . » Und dann zu denken , daß sie ihm den Proceß machen , daß sie ihn in ' s Gefängniß werfen ! Herr von Trantow , sollen wir das zulassen , wenn wir es hindern können ? Er hat mir noch gestern eine Geschichte erzählt , wie einer seiner Ahnen , der auch Malte hieß , von einem der Ihren , der sich Hans nannte , wie Sie , herausgeholt und herausgehauen ist , als sie ihn in Uselin gefangen hatten , auf eine Botschaft hin , die dem Hans von Trantow ein treuer Junge von einem Knappen brachte . Nun , das stimmt Alles heute , wie damals . Ich bin der treue Knappe , und Sie und ich , wir wollen ihn heraushauen , daß es nur so eine Art hat . « » Ja , das wollen wir ! « rief Hans , indem er mit seiner schweren Faust auf den Tisch schlug , daß die Flaschen und Gläser tanzten . » Wir wollen den Thurm in die Luft sprengen , wenn sie ihn einsperren . «