Heirat mit Andreas , wie sie auch ausgefallen sein mag , kann ich dem aus unserem Verhältnis entstandenen Gerede die Schuld geben . Im hohen Rate , das heißt an den Kaffeetischen der beiden Verwandtschaften , die überall im Dorf das Kraut fett werden lassen , war man eigentlich gegen unsere Hochzeit eins und hatte dafür seine Gründe . Den reichen Basen des Andreas war mein Vater nicht gut genug ; meine Erzieherinnen aber hielten den Andreas für einen leidenschaftlichen Menschen und meinten , nur wer so sei wie er , könne mit ihm gut durchkommen ; an andere werde sich der auch durch den Pfarrer nicht binden lassen . « » Und warum hast du ihn denn doch genommen ? « fragte Zusel , welche der Erzählenden anfangs gähnend , dann aber immer aufmerksamer zugehört hatte . » Schon der Trotz gegen die Basen « , antwortete Angelika leidenschaftlich , » war viel stärker , als du dir einbilden kannst . Er lag schon früh in mir - seit ich zum erstenmal vom Vater geredet hatte . Die Bedeutung dieses Namens bekam ich erst von anderen Mädchen meines Alters . Nun fragte ich auch meinem Vater nach , und viel , viel haben sie mir vergiftet mit der Antwort . Alle Kinder hatten gute Väter , ja sie sagten , es gebe gar keine bösen , und der meine sollte doch nur ein herzloser , unfreundlicher , ja ein böser Mann sein . Das aber brachten sie nicht in mich hinein . Nur auf mich gelegt hat sich ' s wie eine Last . Einmal bin ich verstohlen zum Vater geschlichen und hab ' ihm alles erzählt . Drauf ist ihm das Wasser in die Augen gekommen , das hab ' ich gesehen , und drum ist ' s mir nicht mehr eingegangen , was später über ihn gesagt worden . Auch anderes ist mir nun immer minder eingegangen . Ich war innerlich so eigensinnig , daß es kein Mensch geglaubt hätte . Die , welche mich zogen und nährten , galten mir immer weniger , je schärfer ich ihnen aufpaßte . Auch mit dem Vater war ich unzufrieden , daß er mich nicht zu sich nahm und meinen Bitten darum nur die Antwort werden ließ , ich würde doch nicht mehr zu ihm passen , weil ich schon zuviel andere Luft in mich aufgenommen . Und nun denke dir , wenn ein reicher Bursche kam , der unter den Mädchen auslesen konnte und durchaus nur mich haben wollte trotz allem Einspruch derer , die mir wie Gift waren ! Ich hatte mein Lebtag noch nie so etwas Großes gesehen als seine Festigkeit , seinen Trotz , und in meinem Alter hielt ich das für Liebe zu mir , nicht für die Laune eines verwöhnten , eigensinnigen Muttersöhnchens . Das ist die ganze Geschichte . « » Aber Hans ? « fragte Zusel kaum hörbar . » Der war ein lieber , guter Bursche , aber still . Ganz früh sind wir oft und oft beisammen gewesen . Später sahen wir uns etwas seltener . Er war fast scheu gegen mich . Ich glaubte jedesmal , wenn ich ihn traf , wir hätten fast nichts geredet , und es war mir schon neben ihm nicht recht , daß wir uns nicht noch etwas , noch viel - ich wußte jedoch nie recht , was - zu sagen hatten . Trotzdem gaben mir die Worte , die wir wechselten , hernach so viel zu sinnen wie sonst kein langes Geschwätz . Ihm mußte das auch so gehen , denn er wußte alle meine Reden so genau , daß mir dabei ordentlich angst wurde . Daß wir uns gern hätten , haben wir uns nie gesagt , das verstand sich ja von selbst . Nur der Mutter hat Hans es verraten , als einmal auf dem Stighof über mich losgezogen wurde . Drauf ist dann der gute Bursche zu mir gekommen - es war im Garten und abends zwischen Feuer und Licht . Ich seh ' ihn noch , wie er dastand und mir sagte , nun dürften wir nie mehr zusammen , denn die Mutter hab ' ihm aus der Übertretung dieses Gebots eine schwere Sünde gemacht Wir dachten damals an keine Liebschaft , auch nicht an Widerspruch . Es war , wie wenn man über einen schönen Weg geht , und nun rollt ein Stein vom Berge herunter und trifft den fröhlichen Wanderer . Es war im ganzen kein Zusammenhang , keine Ordnung , keine Gerechtigkeit , und doch ließ sich nach unserer Ansicht nichts daran ändern . Lange nahmen wir Abschied und weinten . Klar aber war mir alles erst hernach , erst als der Andreas Ernst machte . Nun erst hatte ich meinen Ärger über den schwachen Hans , der gleich nachgab . Da war doch Andreas ein anderer Mann . Damit wollte ich mich trösten , dennoch hab ' ich Hansen weder verzeihen noch mich einmal recht über ihn ärgern können . Jetzt wär ' ich vielleicht noch glücklich verheiratet , wenn Andreas der alte geblieben wär ' . Aber sein Trotz richtete sich gegen mich , und nun hatte er bei allen Unarten wieder die ganze Verwandtschaft auf seiner Seite , und ich nur muß daran schuld sein . Ach , wär ' doch der Vater arm geblieben , daß wir unbemerkt unseren Weg durchs Leben gehen könnten ! Dann hättest du deinen Hansjörg , und nicht so , wie er jetzt ist , ich aber - « Zusel warf einen fragenden Blick auf das spielende Mädchen . » Das macht nichts « , sagte die Mutter mit schmerzlichem Lächeln . » Hast du geglaubt , ich würde dir etwas sagen , was sein Vater nicht hören dürfte ? Was nicht unter die Leute soll , behält man am besten ganz für sich , denn aus dem Sack ist fort . Das hättest in deinen Jahren auch du wissen und deine ohnehin nicht ganz ebenen Angelegenheiten nicht jedermanns Gnad ' oder Ungnad ' überlassen sollen . « » Aber , Schwester , auch andere Mädchen , wenn sie einen recht von Herzen gern hätten - « » Werden schwach und unüberlegt « , fiel Angelika ein , » aber nicht so erbärmlich wie du . Auf solche Wege treibt Liebe nicht . Sie gibt eher Kraft zum Dulden . « » Was hab ' ich denn getan ? « » An der Kirchweih wär ' ohne dich alles ruhig und friedlich geblieben . « » Jos hat unseren Vater geschimpft . « » Ja , als ich seine Worte gehört , ist mir zumut worden , daß ich gewiß keine Schlägerei mehr angehetzt hätte . « » Der Unmut regt sich in jedem Menschen auf andere Art. Sogar beim nämlichen ist ' s ungleich . Ich hab ' auch schon zu lachen angefangen , wenn ich lieber dreingeschlagen hätte . « » Aber warum ist denn Hans mit Dorotheen so auf einmal ins Geschrei gekommen ? « Zusel bückte sich , um ihre Verlegenheit zu verbergen , und machte sich mit dem spielenden Kinde zu schaffen . » Was hast du davon « , fuhr Angelika strenger fort , » daß nun Jos krank ist und alle anständigen Leute ihn auf deine Rechnung hin bedauern ? Er wäre vielleicht der einzige gewesen , der dir Dorotheen bald genug aus dem Wege geschafft hätte . « Zusel sah die Schwester groß an . » Schäme dich « , rief diese , » nicht einmal rechnen hast du bei aller Herzlosigkeit gelernt und sonst schon gar nichts . « Über des Mädchens schönes Gesicht zog etwas wie ein Lächeln , als es sagte : » Du mußt nicht ungerecht werden . Gleiches Gewicht soll man brauchen bei dem , was man kauft und was man hergibt . Mir ist ' s ein Vorwurf , daß meine Neigung und ihre Gewalt mich vielleicht zu etwas Unüberlegtem , ja zu recht Närrischem brachte , und nun sagst du in der nämlichen Predigt , du habest Hansen seine Schwachheit nie verzeihen können . « Das junge Weib errötete . Zusels Absicht , Angelika aus ihrer Strafrede und in Verlegenheit zu bringen , war erreicht . Aber der Sieg wurde dem Mädchen bald wieder streitig gemacht . Angelika fragte : » Hast du den Hansjörg auch schon gesehen , seit er heimgekommen ist ? « » Ich hörte dich sagen , jedermann hab ' an seinen Dummheiten zu tragen genug ; warum denn magst du dich immer auch um so etwas noch kümmern ? « fragte das Mädchen , ohne daß es sich auch anstrengte , seinen Zorn zu verbergen . » Ich glaubte nicht , daß ich dir mit dem so weh tun werde « , sagte Angelika , die über den leidenschaftlichen Ausbruch der Schwester wirklich erschrocken war . » Wenn dir aber das schon so hart ans Leben geht , ja - dann weiß ich erst recht nicht , wie du von so großer Neigung zum Stighofbauern reden kannst . « » Um seines Geldes halber doch gewiß nicht « , antwortete Zusel leidenschaftlich . » Der Vater hat mir genug erworben . Selbst seine Ehre wurde dem Gewinn geopfert . Glaubst du , ich werde nun auch noch mein Glück opfern ? Nein , Angelika , so elend bin ich nicht . Aber Hansen muß ich haben . Ihn und nicht den Stighof . Bis dahin soll Hansjörg mich gar nicht mehr sehen - der Elende , der mich verriet und meine Briefe an den Vater verkaufte für ein Sündengeld ! Ha , wie wird ' s mir kalt und heiß , wenn ich mich nur vor seinen Blick denke , so elend , so verlassen , wie der Treulose mich gemacht hat . Den ersten Burschen in der Gemeinde will ich und lache , wenn das dann seine sanfte Schwester zur Verzweiflung bringt . « Angelika , die zuerst ihre Schwester erstaunt , erschrocken ansah , gewann ihre Ruhe in dem Grade , wie Zusel die ihre verlor . Jetzt endlich glaubte sie , klar zu sehen und den Weg gefunden zu haben , auf dem das arme Mädchen wieder zum Frieden mit sich und der Welt gelangen konnte . Angelika dachte nicht mehr an den strenge rechnenden Krämer , der den Hansjörg schwerlich je als seinen Töchtermann anerkannte . Sie hatte Mitleiden , und nur ihrem Herzen folgend , sagte sie : » Hansjörg war ein wackerer Bursche , nur der Vater hat ihn vom rechten Wege mit Gewalt vertrieben . « » Gibt ' s denn für dich gar keine Arbeit , als uns aufzupassen ? « fragte Zusel spitz . » Die tun die Basen meines Mannes für mich « , antwortete das Weib wehmütig lächelnd . » Die tragen alles zusammen auf meine Rechnung . Was du und der Vater tun , wird als meine unsaubere Wäsche ausgeklopft , daß ich im Staube fast ersticken muß . « » Nun - und was weißt du noch mehr ? « » Du und der Soldat , ihr steht euch noch ziemlich gleich . Ihr beide seid in der Irre herumgelaufen , und es wäre nicht recht , wenn nun eins das andere einen schlechten Führer hieße , sobald ihr euch wieder sehet . Setzet den Kampf zwischen Reichen und Armen nicht fort , begießet nicht noch einmal mit Tränen die Sünde des Vaters . Reicht euch lieber die Hände und machet vereint das Geschehene wieder gut ! « » Wo denkst du denn jetzt hin ? Wir sind auf der Welt « , sagte Zusel , doch in einem Tone , der ihre Bewegung deutlich genug verriet . » Schau einmal so einem Kinde recht , recht tief in die Augen ! « rief Angelika mit einem zärtlichen Blick auf das spielende Mädchen . » Tu ' das - und dann sag ' mir , ob du die böse Welt mit ihren Kämpfen und Rechnungen nicht vergessen kannst . Und dann denke dir , ob du ihm mehr wünschest als Eltern , denen gemeinsame Liebe Kraft gibt und was sie brauchen . Dann wirst du empfinden , wie sündlich du vorhin geredet hast . « Das Mädchen seufzte . Angelika fuhr fort : » Auf mir liegt ' s jetzt bleischwer wie etwas Furchtbares ; der Vater ist immer mit zu abhängigen Leuten umgegangen , um den Menschen noch zu schätzen . Ach Gott , sie alle sind ihm nur wie sein Kram ! Jetzt ist er im Fallen , und dem Fallenden rollen die Steine von selber nach . Halbe Nächte läßt mich das nicht schlafen , besonders wenn auch der Andreas nicht ordentlich daheim ist . Jedes Geräusch erschreckt mich , und ich werde ganz furchtsam . Gestern am hellen Morgen durfte ich kaum in den alten Stadel , um zu sehen , warum denn in der Nacht dort ein Gerumpel entstand , als ob alle Heuwagen übereinander gefallen seien . « » Und was hast du denn gesehen ? « » Zuerst nichts als Hansjörgs große Tabakspfeife , die der Seltenheit wegen jedes Kind kennt . « » Und dann ? « » Dann auf dem Heustock ganz kleine Hügelchen , die aber nicht von selbst entstanden sein konnten . Wir haben jetzt nur noch wenig Heu dort . Ich durchsuchte es , bevor ich die umgestürzte Holzbeige wieder aufzurichten begann , und fand Tabak , Schießpulver und ähnliche geschmuggelte Ware . « » Das also war der Geist ? « » Ja , Mädchen , der böse Geist , der dich und den Vater nie ruhen lassen wird . Hansjörg hat jetzt keine Freude mehr an einem ordentlichen Leben , die könntest nur du ihm wiedergeben . « Zusel schien eine Minute mit sich selbst zu kämpfen , dann auf einmal sagte sie traurig , aber entschieden : » Es ist ja alles aus ! « » Was ist aus ? « » Ich gehöre dem Vater , das hat der nicht verdient . Ich will die Strecke nicht wieder zurück , die er so mühsam erklomm . Er war ein Schleichhändler , mein Mann soll etwas Besseres sein . Wir haben mit dem Soldaten nichts mehr zu tun . « » Das ist zweifelhaft « , antwortete Angelika , die sich nun auch nicht mehr beherrschen konnte . » Schon das Unrecht bindet euch an ihn , und wenn man Hansjörgs Warenlager findet , so muß der Verdacht auf meines Mannes Schwiegervater fallen . « » Richtig , das ist der Witz « , rief Zusel . » So weit geht der Mensch . Das will ich gleich dem Vater sagen . Gute Nacht ! « » Um Gottes willen höre ! « flehte Angelika . » Ich habe gehört genug . « » Stürze den Unglücklichen nicht noch tiefer . Ich hab ' nicht einmal dem Mann etwas davon sagen dürfen . Es ist meine erste Unredlichkeit , weil ich den schützen will und muß , dem der Vater so großes Unrecht tat . Ich hab ' s , geschworen . « » Und ich will Rache « , antwortete Zusel kalt und stürzte ohne Abschied zur Türe hinaus . Fünfzehntes Kapitel Im Walde Im ersten Augenblick wollte Angelika der Rasenden nach , wollte noch unter der Haustüre sie mit Gewalt festhalten und ihr den Schwur abzwingen , daß sie nie und nimmer dem Unglücklichen sein Gäu verraten wolle . Aber womit sollte sie das Mädchen zu diesem Schwur zwingen , wenn selbst Mitleid und Liebe zum Vater , der an allem die Schuld hatte , rein nichts über dieses Felsenherz vermochten ? Für so hatte sie die Zusel nicht gehalten , sonst würde sie kein Wort verraten haben . Einen Stein , meinte sie , müßt ' es erbarmen ; die Zusel aber ließ sich das Elend des noch nicht vergessenen Geliebten erzählen , heuchelte noch Rührung , bis sie alle Fäden in der Hand hatte , und eilte dann , ihn womöglich noch tiefer ins Verderben zu bringen . Vorhin sagte sie , aus dem Sack sei fort , und nun ? Sie hätte versinken mögen vor Reue und Scham , dennoch versuchte sie nicht , sich mit ihrer guten Absicht zu trösten . Da stand sie und konnte gar nichts tun , was wirklich zum Frieden führen mußte ! Wenn sie den Soldaten warnte , so konnte auch das wieder neue Feindschaft erregen . Angelika stand und sann und betete , bis ihr Kind sie von neuem erschreckte . Es hatte manches von dem Mann im Stadel aufgefaßt und behalten , und sie bekam nun genug zu tun damit , ihm die Sache recht lächerlich und unbedeutend darzustellen und soviel Unmögliches einzustreuen , daß , im Fall es plaudern sollte , sich der Andreas nichts mehr aus der Sache mache . Zusel mußte schon der Leute wegen etwas langsamer durchs Dorf hinausgehen , als ihr anfangs lieb und ihrem Gemütszustande angemessen war . Gewaltsam mäßigte sie ihre Schritte , und das zwang sie gleichsam , auch ruhiger zu denken . Was Angelika von einer Versöhnung mit Hansjörg sagte , tat ihr um so weher , da sie es für unmöglich hielt . Und nun weckte Angelika noch gar mit Drohungen ihren Trotz ! Es war gut , daß sie ging , denn nie war sie so hart und kam so weit , als wenn ihr Widerspruchsgeist die Herrschaft über ihr Herz gewann . Sobald dieser schwieg , begann sich die Stimme des Herzens wieder zu regen . Die Worte Angelikas fingen wieder zu wirken an , und noch ganz anders , als da Zusel , ihr gegenüberstehend , nur auf Trotz und Verteidigung sann . Hansjörg konnte doch seine Waren daheim nicht wohl verbergen ! Wenn er hausieren wollte , so mußte er damit gleich mitten unter den Leuten sein . Vielleicht ganz zufällig hatte er unter dem Dache eines der Ihren Sicherheit gesucht . Sollte er sie alle für Verräter halten , sie alle verachten ? » Nein « , rief das Mädchen , » mir soll er nichts vorwerfen können ! « Sie kam mit dem Vorsatze heim , dem Vater einstweilen kein Wort von der Sache zu sagen . Sie hielt ihn auch , als der Vater sich etwas besorgt über die Anwesenheit eines Grenzjägers im Dorfe aussprach und dabei merken ließ , daß ihm jetzt eine Durchsuchung des Hauses nicht lieb wäre , da man sich für den Winter , wo die Schleichwege über die Berge ganz ungangbar seien , mit manchem einrichten müsse , was so ein Grünrock nicht zu sehen brauche . Am anderen Tage berichtete die Magd , auf dem Stighof sei laut die Rede davon , der Soldat , Dorotheens Bruder , werde im Winter den Knechtsdienst dort versehen ; allem nach müsse die Sache schon abgekartet sein ; wenigstens Hans und Dorothee täten so gegenüber der alten Stigerin , die sich immer noch nicht recht darein ergeben wolle . » Hat Hans denn einen Narren gefressen an diesem Gesindel ? « fuhr der Krämer auf . » Was soll aus dem Tropfen werden , wenn er in Haus und Stall und Feld nicht mehr von diesen Leuten loskommt ? « Zusel war über den Bericht der Magd sehr erfreut . Eine Zentnerlast ward ihr damit vom Herzen genommen . Unbefangen teilte sie dem Vater das Geheimnis mit , welches sie belastet und ihr eine schlaflose Nacht gemacht hatte . » Es ist dem Burschen doch zu gönnen , daß er wieder auf einen ordentlichen Platz kommt « , schloß sie . » Er soll nicht sein Lebtag uns fluchen und alle Schuld an dem , was er tut oder unterläßt , auf uns werfen können . « Zu einer anderen Zeit hätte dem Krämer diese Rede auffallen und ein scharfes Verhör seines Kindes , das noch nie in der Art mit ihm von Hansjörg redete , hervorrufen müssen ; jetzt aber war er so mit seinen Gedanken beschäftigt , daß er den Vorwurf gar nicht merkte , der für ihn in dieser Rede lag . » Schleichhändler « , murmelte er , in der Stube herumschreitend , » erst Schwärzer und dann Knecht , erst ein freies , bewegtes Leben , wie es dem Waghals ansteht , und nun in das Einerlei auf dem Stighof , wo er in der Woche kaum den Schwärzertaglohn verdient bei aller Plage . Das geht nicht mit rechten Dingen zu . Gewiß , er wird nicht Hansens , er wird Dorotheens Knecht . Für sie will er arbeiten und Hansen dabei sagen , was alles er ihm habe opfern und für ihn tun müssen . Will doch dem Trotzkopf einmal sagen , was er da macht und - ja , das muß gehen . « Der Krämer sah in dem Soldaten so gut den Rächer als Angelika . Drum sollte , mußte er bei seinem Stolz und Trotz erfaßt , gebunden und in eine Tiefe gezogen werden , wo auch Zusel ihn schaudernd sah , ohne daß noch ihr Mitleid sich regte . Der Krämer hatte seinen Plan fertig , einen in jeder Weise vorteilhaften Plan . Tatendrang trieb ihn aus der engen Stube und ließ ihn nicht mehr ruhen , obwohl er nicht gleich ans Werk schreiten durfte . Noch nie kam es ihn so hart an , den geeigneten Zeitpunkt ruhig abwarten zu sollen , als jetzt . Lange stand er unter der Haustüre und sann auf eine Zerstreuung . Plötzlich schoß sein Kopf in die Höhe . Dann verschwand er im Haus , um eine Minute später mit Hut und Stock wiederzukommen . Rasch lief er hinunter zur Brücke , und eine Minute später war er auf dem Wege , der an der grauen , vielköpfigen Fluh neben der Ach zu den Dörfern der Sonnenseite führt . Beim Schneeschmelzen oder wenn die Ziegen im Wald ob dem kahlen Felsen weideten , sah er von seinem Hause aus hier schon manchen Stein herunterstürzen , der dann , auf dem eingesprengten Felsenweg zu vielen Stücken zerschlagen , weiße Ringe in die blaue Ach graben zu wollen schien . Freilich ging er hier auf dem Kirchweg für die guten Bauern da droben , die ihn frommgläubig einen Glücksweg nannten , aber sein Blick blieb wie gebannt an den in den Felsen gehauenen Kreuzen , die , geschehenes Unglück verkündend , jenes Glaubens zu spotten schienen . Wie leicht konnte aus hundert Ursachen da droben einer der vielen Steine sich lösen und ihn unversehen in die Ewigkeit bringen . » Ich will beichten , nächstens , sobald ich mit Hansjörg im reinen bin , und dem steht es ja frei , zu tun , was er will . Ich werde ihn nicht zwingen , nur reden mit ihm « , rief er aus , immer zu den hervorhängenden Tannen aufschauend , als ob er damit den Geist beschwichtigen wollte , welchen die Sage als Wächter für fromme Kirchgänger da oben hausen ließ . Er rief so laut , daß der Geist , wenn er auch nur mit Menschenohren versehen war , es trotz dem Tosen der Ach hören mußte . Dabei lief er immer schneller , denn zurück durfte er fast noch weniger als vorwärts , und der Schweiß stand ihm auf der Stirn , als er endlich mit einem fröhlichen » Gott Lob und Dank « unter dem letzten über den Weg herausragenden Felsenkopfe vorüber war . » Wenn jetzt Hansjörg da droben gestanden wär ' ! « dachte er noch zitternd und schloß die Augen ; aber der Bursche stand drohend vor ihm , bis er sie wieder öffnete und beinahe erstaunt die friedlich nebeneinander stehenden Häuser vor ihm sah , umkränzt vom herbstlich buntfarbigen Wald unter dem Felsen , der die wunderbar blaue Decke des Himmels zu tragen schien . Alles war so friedlich und still , daß er sich seine Aufregung nicht mehr zu erklären vermochte . » Schrecklich « , hauchte er , » wär ' so ein Tod ohne Feuer und Licht freilich , aber wenn man nun so krank daheim liegt und die Sterbkerzen sind schon gerichtet und man hat der Magd schon Befehl gegeben , die Immen , wenn er in den letzten Zügen liegt , auf einen anderen Platz zu stellen , daß sie nicht auch mit dem Herren und Hausvater sterben ... man könnte gleich krank werden vor Angst , wenn man sich ' s denkt , und kommen tut ' s halt doch und bald , wenn man schon so alt ist wie ich . Kräftig bin ich wohl noch , aber das ist wie dieser schöne Herbsttag . Er macht nur die Blätter gelb und treibt nichts mehr als Zeitlosen . Auch die fehlen meinem Kopfe nicht . Ja , bald ist ' s aus , und was sagen sie dann , und was machen sie mit dem , was ich erschwitzt und ersprungen hab ' ? Ich muß mir ' s gefallen lassen und kann nichts mehr machen . « Wäre dem Mütterlein , welches dort in dem schattigen Schöpfe seines Häuschens saß und spann , zumute gewesen wie dem Krämer , es hätte gleich zu beten angefangen um ein seliges Sterben und eine glückliche Ewigkeit . Aber das Weiblein hatte ganz andere Gedanken , als es den Krämer kommen sah , der ihr schon lange mit Versteigerung seines schönen Waldes da droben ob dem Dorfe gedroht hatte . Ihm war es gewiß , der harte Mann komme nur , um sein Guthaben zum letzten Male zu fordern , und es hatte nicht ganz unrecht , denn wirklich trieb ihn nur das da herauf . Den schönen Wald wünschte er lange zu kaufen , und nun sollte das seine Kurzweil werden . Aber an der Fluh drunten war ihm ein ganz anderer Kopf gewachsen . Nein , alle Welt sollte sich nicht freuen über seinen Tod wie die Ameisen da neben dem Wege , die sich eben an eine überfahrene Eidechse machten . Er machte der Witwe entgegen ein so freundliches Gesicht , als ihm nur möglich war , und als er sah , daß sie ihn anreden wolle , sagte er : » Weiß alles , wenn du nur einen Zins gibst . Verkauf ' nur eine einzige Tanne , das wird mehr als reichen . Ich brauche Holz und will mir gleich da droben einen Stamm aussuchen . « Der gerührte Dank der Witwe tat ihm weh , und furchtbar brannten die Freudentränen , die sie weinte , seine Seele . Er hatte doch nur getan , was recht und billig war , und daraus machte man soviel Wesens . Gab ' s ein schärferes , vernichtenderes Urteil über sein bisheriges Leben und Wirken ? Dieser Dank , weil er einer armen Witwe den einzigen Besitz nicht um ein Sündengeld abdrückte , sobald er sie in der Hand hatte ! Ohne Abschied ging er weg und bog , ohne noch auf den Weg zu achten , sogleich aus dem Dörfchen gegen die Halde , die , in frischem Grün prangend , der liebste Weideplatz der jetzt frei auf den Feldern sich herumtreibenden Kühe und Ziegen geworden war , da in der Ebene unten neben den dritten Grasstoppeln des Jahrgangs nicht viel Grünes mehr gefunden werden konnte . Dem Krämer wurde ganz wunderbar zumute mitten in dem Schellenläuten dieser friedlichen Tiere . Sie ließen sich gehen , neideten sich nicht , und der Mann begann sich vor ihren fragenden Blicken beinahe zu fürchten . Er lief so rasch aufwärts , daß er sich , als er ob den Weideplatz kam , ermüdet auf einen bemoosten Stein setzte . Hier nun konnte er ungesehen verschnaufen und sich das Schellengeklingel wieder aus den Ohren kommen lassen . Schon früher , er konnte sich noch ganz gut erinnern , wann und unter welchen Verhältnissen , war er mehrere Male hier gesessen auf dem nämlichen Steine und hatte so von oben hinausgeschaut über die Häuserreihen rechts und links neben den beiden Ufern der Ach , deren Tosen hier kaum noch gehört wurde . Dort unten wohnte keiner , mit dem er , der einzige Krämer seit Jahren , der alles im Dorfe kaufte und verkaufte , noch nichts zu tun gehabt hatte . Sonst , wenn er hier saß , mußte er lächeln über die guten Tröpfe da drunten , für deren Vorsehung er sich selbst , die Herren im Pfarrhof und einige alte Basen und Pflastersibyllen hielt . Und noch war ja alles beim alten . Noch arbeiteten und verbrauchten sie alle für ihn , und doch wollte und wollte jenes Lächeln , jenes behagliche Gefühl nicht mehr kommen ! Dort drüben im entlegensten Winkel der Gemeinde , in der Gruben , stand das schlechte Hüttchen des armen Holzhackers . Grad ' erst am letzten Sonntag hatte der für den hart verdienten Wochenlohn seiner Herzallerliebsten einen silbernen Rosenkranz gekauft und sich dabei von ihm übertölpeln lassen . Aber - mochte das Silber des Geschenkes auch falsch sein , die Liebe des opferwilligen Burschen , der nicht einen Kreuzer mehr herunter marktete am hohen Preise , die war gewiß echt , und das hatte wohl den höchsten Wert auf dieser Welt , wo es soviel Unechtes , Falsches gibt . Vielleicht machte die beiden echte Liebe glücklicher als echtes Silber ! Es erfaßte den Mann eine Art Heimweh , als er so viele zum Teil recht ärmliche Häuser überschaute , in denen er friedliche , gutherzige , gläubige und glückliche Leute wußte , denen höchstens einige Taler fehlten und - denen kein Mensch auf der weiten Gotteswelt im Wege war . Und er , der sich so plagte , ihnen auf den Köpfen herumtrampeln zu können , was hatte er bei seinem scheinbaren Erfolge bisher davon , und was dann , wenn er neben so einem auf dem Friedhofe lag ? Einmal war das so , vielleicht schon bald -