es freilich besser , Ihr Glaube an jenen Stern ist kein so unbedingter . « » Das größte Wagestück war wohl dieser augenblickliche Wahn selbst , « murmelte er für sich , während ein finsterer Schatten über sein Gesicht flog . » Ich verstehe Sie nicht , « sagte Elisabeth erstaunt . » Das ist ganz natürlich , « entgegnete er bitter , » Ihr Denken und Wünschen hat ja eine ganz entgegengesetzte Richtung ... Bei aller Strenge gegen sich selbst begegnet es einem doch manchmal , daß man sich von einem lieblichen Traume beschleichen läßt ... Nein , nein , sagen Sie nichts mehr ! ... ich bin ja schon bestraft , denn ich wache . « Jetzt beschleunigte er seine Schritte und ging nun an Miß Mertens ' Seite , während Elisabeth stumm folgte und sich den Kopf darüber zerbrach , warum er wohl so plötzlich wieder in jenen rauhen Ton verfallen war , der sie stets so tief verletzte . Er sprach kein Wort mehr , und als endlich die Mauern des alten Schlosses durch die Büsche blickten , empfahl er sich in auffallend kurzer und knapper Weise und schritt rasch den Berg wieder hinunter . Miß Mertens sah ihm erstaunt nach . » Sonderbarer Mann ! « sagte sie endlich und schüttelte den Kopf . » Und wenn auch wirklich das Leben für ihn sehr wenig Wert hat , wie ich in diesem Augenblicke annehmen muß , so meine ich doch , wäre ein Wort des Dankes beim Auseinandergehen nicht gerade überflüssig gewesen , wenn man bedenkt , daß Sie Ihr Leben um seinetwillen in Gefahr gebracht haben . « » Ich sehe diese Notwendigkeit durchaus nicht ein , « entgegnete Elisabeth . » Sie legen überhaupt meinem Anteil bei dem Vorfalle viel zu viel Gewicht bei ... Ich habe einfach eine Pflicht gegen den Nächsten erfüllt , und würde , « fügte sie mit einem eigentümlichen Trotze in Ton und Gebärden hinzu , » ganz ebenso gehandelt haben , wenn der Fall ein umgekehrter , und Linke der Bedrohte gewesen wäre ... Es ist mir sehr erwünscht , daß auch er die Sache in der Weise auffaßt ; denn bei seinem Hochmute müßte ihm das Gefühl einer nicht einzulösenden Verbindlichkeit einem anderen menschlichen Wesen gegenüber jedenfalls ein höchst peinliches werden , ich aber möchte um alles dieses Wesen nicht sein . « In diesem Augenblicke stritten zärtliche Angst und Bitterkeit in ihr . Sie verfolgte in Gedanken den Hinabsteigenden Schritt um Schritt und schüttelte sich vor Entsetzen , wenn sie dachte , er gehe vielleicht gerade jetzt an der Stelle vorüber , wo der Rachedürstende auf ihn lauere ... dann meinte sie , indem sie hastig vorwärts schritt , es sei doch recht thöricht , alles Denken und Empfinden an einen Mann zu verschwenden , der ihr geflissentlich die rauheste Seite seines Wesens zeige ... Selbst der Baronin gegenüber , die ihm doch in tiefster Seele zuwider war , verlor er keinen Augenblick seine Ruhe , setzte er nie die Formen der allgemeinen Höflichkeit aus den Augen , wenn er ihr auch seine Ueberzeugung stets ungescheut ins Gesicht sagte . Seine ganze Umgebung kannte ihn nicht anders , als von dem Nimbus der Ruhe und Würde umgeben ; nur im Gespräch mit ihr hielt er es nicht der Mühe wert , sich zu beherrschen ... Wie heftig konnte er da werden ! Wie flammten seine Augen auf und hingen mit verzehrender Ungeduld an ihren Lippen , wenn sie nicht rasch oder bestimmt genug antwortete ! ... Dabei verlangte er , sie solle ihn womöglich schon verstehen , noch bevor er gesprochen , und doch war er ihr noch völlig unverständlich , wenn er fertig zu sein meinte . Vielleicht waren alle anderen scharfsinniger als sie und fanden sich rascher in seine Sprech- und Denkweise , die für sie nun einmal ein unlösbares Rätsel war und blieb ... War es ihr zu verdenken , wenn sie sich vornahm , dergleichen Konflikten künftig auszuweichen ? ... Gewiß nicht ... Nun , zum Glücke war ja seine Abreise nahe ... zum Glücke ? ... Der mittels Trotz und Stolz aufgerichtete Bau der Selbstbetrügerei zerfiel plötzlich vor diesem einen Gedanken ; ja , er versank so spurlos , daß sie zu Miß Mertens ' Verwunderung eilig in den Weg einbog , der von der Waldblöße hinunter nach dem Schlosse führte ... Sie mußte sich überzeugen , ob Herr von Walde unangefochten zurückkehre . Miß Mertens folgte ihr willig bis in ein Boskett , nahe bei der Thür , wo er abzusteigen pflegte , und auch ihr fiel ein Stein vom Herzen , als er gleich darauf aus dem Walde hervorsprengte . 14 Abends saß die Familie Ferber im Garten unter den Brunnenlinden , Frau Ferber und Miß Mertens arbeiteten an einem warmen Fußteppich aus lauter Tuchstückchen , der im Winter unter das Klavier gelegt werden sollte . Die Mutter hatte ein bedeutendes Teil der gleichmäßigen Ruhe eingebüßt , die ihre äußere noch immer schöne Erscheinung so wohl kleidete . Sie konnte sich noch immer nicht beruhigen über den Vorfall am Nachmittage ; denn obgleich ihr Kind wohlbehalten und unverletzt vor ihr gestanden hatte , war sie doch außer sich gewesen bei Miß Mertens ' Erzählung . Ihr Blick suchte seitdem unablässig die Tochter ; der leiseste Farbenwechsel auf Elisabeths Wangen beunruhigte sie und ließ sie eine Erkrankung infolge der gehabten Alteration befürchten ... Anders dachte der Vater . » So recht , mein tapferes Töchterchen , « hatte er mit strahlenden Augen gesagt , » mit kühlem Blute überlegt und dann flink und unerschrocken mit Hand und Fuß bei der That - so wollte ich dich haben . « Frau Ferber sah in ihrem Gatten stets das Ideal eines Mannes . Noch jetzt , nach so und so viel Ehestandsjahren , schwur sie blindlings auf seine Aussprüche , als auf etwas Unfehlbares . Heute aber , bei seiner väterlichen Belobung , war ihr doch ein Seufzer entschlüpft , und sie hatte gemeint , eine Mutter liebe ihre Kinder doch ungleich mehr , als der Vater . » Mehr sicher nicht - nur anders , « war Ferbers ruhige Antwort gewesen . » Gerade , weil ich sie liebe , erziehe ich sie zu Menschen , die selbständig und mutig denken und handeln , damit sie nicht später einmal zu jenen unglückseligen Umhergestoßenen gehören , die aus Mangel an Thatkraft die unausgesetzt Leidenden sind . « Elisabeth brachte auch eine Arbeit mit in den Garten ; allein der kleine Ernst machte ein sehr ungnädiges Gesicht , als sie das Nähzeug auspackte . » Na warte nur , Else ! « sagte er entrüstet . » Herr von Walde kann mich zehnmal fragen , ob ich dich lieb habe - ich werde ganz gewiß nicht wieder ja sagen ... Du spielst ja gar nicht mehr mit mir und bildest dir wohl gar ein , du seiest auch nun auf einmal ein so großes Mädchen wie Miß Mertens ? ... Ach , das lasse du ja bleiben - das bist du noch gar lange nicht . « Ein allgemeines Gelächter erscholl über die Verwechselung des Alters und der Größe . Elisabeth aber erhob sich eilig , um den Vorwürfen zu begegnen , schürzte ihr langes Kleid und zählte mit dem Kleinen ab , wer zuerst der Haschende sein müsse - dann ging es pfeilschnell den Damm hinauf und herunter . Unterdes war am Mauerpförtchen geläutet worden . Der Vater ging hinüber um zu öffnen und gleich darauf erschienen in der offenen Thür der Halle Doktor Fels , Reinhard und der Oberförster . Elisabeth eilte gerade als Verfolgte durch den Hauptweg und bemerkte die Eintretenden nicht sogleich . » Nun , das muß ich sagen ! « lachte Doktor Fels und blieb stehen . » Das ist eine wunderbare Entpuppung ... nachmittags Walküre und abends Schmetterling . « Der Oberförster aber schritt vor , fing das Mädchen in den Armen auf und drehte sich jubelnd einigemal mit ihr herum . » Prachtmädel ! « rief er endlich und schob sie von sich , während er mit leuchtenden Blicken ihre zierliche Gestalt musterte . » Da sehe mir einer das Ding an ! ... sieht aus , wie aus Elfenbein geschnitzt , so fein und zerbrechlich , und hat doch eine Kraft in Herz und Händen , wie ein Mann ... schade , daß du kein Junge bist - du müßtest in den grünen Rock , da möchte nun dein Vater sagen , was er wollte . « Doktor Fels war mittlerweile auch näher herangetreten . Er reichte Elisabeth die Hand . » Herr von Walde war in der Stadt , « sagte er , » und forderte mich auf , mit hierher zu kommen ... Es liegt ihm sehr daran , zu wissen , ob Ihnen die Aufregung und der Schrecken nicht geschadet haben . « » Ganz und gar nicht , « entgegnete sie tief errötend . » Wie Sie sehen , « fügte sie scherzhaft hinzu , » bin ich vollkommen im stande , meinen schwesterlichen Pflichten zu genügen , und Ernst hat mir soeben ärgerlich versichert , ich sei sehr schwer zu fangen . « » Nun , ich werde diese Antwort Herrn von Walde wörtlich überoringen , « sagte der Doktor mit einem feinen Lächeln ; » er mag selbst entscheiden , ob sie besorgniserregend oder beruhigend für ihn ist . « Ferber forderte die Herren auf , Platz zu nehmen , was auch sofort geschah . Der Doktor zündete sich eine Zigarre an und schien sich bald sehr behaglich in dem Kreise zu fühlen . Es wurde viel über Linkes Attentat gesprochen . Gleich nach seinem Weggange von Lindhof war man zahllosen Unterschleifen auf die Spur gekommen , die er sich während der Abwesenheit des Gutsherrn erlaubt hatte . Die Sache war auch ruchbar geworden - obgleich Herr von Walde keine Schritte gethan hatte , den Betrüger zur Rechenschaft zu ziehen - und war die Veranlassung gewesen , daß sich ein neues Engagement des Verwalters zerschlug . Diese Enttäuschung hatte offenbar das Maß seiner Rache gefüllt und ihn zu der heutigen That getrieben ... Es war alles aufgeboten worden , um des Verbrechers habhaft zu werden ; auch der Oberförster hatte auf die Nachricht hin mit seinen Burschen den Wald durchstreift , aber bis jetzt waren alle Anstrengungen vergeblich gewesen . Reinhard erzählte , daß Herr von Walde den Leuten im Schlosse streng untersagt habe , seiner Schwester den Vorfall mitzuteilen , weil ihr der Schrecken schaden könne . Auch die Baronin , Hollfeld und die alte Kammerfrau sollten nicht davon wissen . » In L. wird man sich auf Herrn von Waldes Wunsch ebenfalls bemühen , die Sache vorderhand noch geheim zu halten , « fuhr er fort ; » denn er weiß , daß auf morgen die halbe Stadt eingeladen ist - « » Das heißt , alles was kreucht und fleucht an Vierfüßlern und Geflügel im silbernen oder bunten Felde , « unterbrach ihn sarkastisch der Doktor ; » nämlich alle adligen Wappen , und dann alle Beamten vom Rate aufwärts ... Man hat eine strenge Auswahl getroffen , genau nach der Hofordnung ... Deshalb habe ich meiner Frau auch bereits eingeschärft , daß sie mir hübsch demütig ist als Krähe unter den Edelfalken . Wir sind zu unserer Verwunderung von der Frau Baronin - denn sie leitet das Ganze - auch befohlen worden . « » Apropos , Herr Doktor ! « rief lachend Reinhard , » man erzählte mir heute in L. , die alte Prinzessin Katharine habe Sie zu ihrem Leibarzte machen wollen , Sie hätten sich aber dem Antrage zu entziehen gewußt - ist das wahr ? ... Ganz L. steht auf dem Kopfe vor Erstaunen . « » Ach , das ist nichts Neues - das passiert der lieben kleinen Stadt bei jeder Gelegenheit . Deshalb ist auch die Intelligenz stets unten , und das Gotteslicht der Erkenntnis scheint vergeblich auf ihre unempfänglichen Fußsohlen ... Uebrigens haben Sie ganz recht gehört ; ich bin in der That so frei gewesen , mich für die Ehre zu bedanken . « » Aber weshalb ? « » Weil ich erstens keine Zeit habe , die hysterischen Grillen jenes hochgeborenen Kopfes täglich in frische Windeln zu legen - verzeihen Sie , meine Damen - und dann habe ich einen heiligen Respekt vor der Hofetikette . « » Ja , ja , « rief lachend der Oberförster , » die ist auch schuld , daß ich stets drei Kreuze mache , wenn ich das Schloß in L. im Rücken habe . Die Herrschaften , besonders aber unsere prächtige Fürstin , die machen ' s einem nicht schwer ; sie drücken womöglich beide Augen zu , wenn man einen anderen Kratzfuß macht , als das steife Unding vorschreibt . Aber der Hoftroß , der um sie her knickst und schwänzelt und lispelt - daß Gott erbarm ' - der schreit Zeter , wenn ein Männerabsatz fest auftritt , und kriegt Krämpfe über eine Stimme , die frei aus der Brust herauskommt , wie sie der liebe Gott geschaffen hat . « Es war dunkel geworden . Die Familie und Miß Mertens begleiteten die Aufbrechenden bis vor das Mauerpförtchen , und als alle auf die Waldblöße heraustraten , da klang es feierlich aus dem Thale herauf durch den nachtstillen Wald , wo sich kein Vogel auf den Zweigen rührte , und selbst der Abendwind in den Wipfeln eingeschlafen war über den Wundersagen aus fernen Landen , die er allabendlich den Blättern erzählt ... Das Stadtmusikkorps aus L. brachte Herrn von Walde ein Ständchen . 15 Am andern Morgen um fünf Uhr wurden die Bewohner von Gnadeck durch Böllerschüsse geweckt . » Aha , « sagte Ferber zu seiner Frau , » die Verherrlichung nimmt ihren Anfang . « Elisabeth aber fuhr jäh aus einem schrecklichen Traume auf . Das Unglück , welches sie gestern abgewendet , hatte der Traum wahr gemacht ; sie sah in dem Augenblicke Herrn von Walde sterbend zusammenbrechen , als der Schuß im Thale sie aufschreckte . Es bedurfte langer Zeit , ehe sie sich zu sammeln vermochte . In einen einzigen Moment hatten sich unnennbare Schmerzen zusammengedrängt . Sie hatte gewähnt , Himmel und Erde müßten mit jener hohen Gestalt zusammenstürzen und auch sie unter ihren Trümmern zerschmettern , und noch jetzt , nachdem sie sich überzeugt hatte , daß das goldene Morgenlicht in ihr Stübchen und nicht auf die blutgetränkte Waldwiese falle , vibrierten die aufgestürmten Gefühle nach ... nicht einmal gestern , als sie ihr Leben für das seine wagte , war sie sich so klar bewußt gewesen , daß sie in einem solchen Augenblicke mit ihm sterben müsse . Wieder und wieder donnerte es drunten durch das Thal . Die Fensterscheiben klirrten leise , und Hänschen flatterte entsetzt auf und klammerte sich an die Stäbe seines Käfigs . Elisabeth schauderte jedesmal zusammen , und als die Mutter , die sich noch immer nicht über den Vorfall des gestrigen Tages beruhigen konnte , obgleich sie ihr Kind wohlbehalten und unverletzt sich zurückgegeben sah , an der Tochter Bett trat , um zu fragen , wie sie geschlafen habe , da schlang diese heftig die Arme um ihren Hals und brach in einen unaufhaltsamen Thränenstrom aus . » Um Gotteswillen , Kind ! « rief Frau Ferber erschrocken , » du bist krank ! ... Ich wußte wohl , daß die gestrige Nervenaufregung nicht ohne Folgen bleiben würde ... und nun schießen sie auch noch so unvernünftig da unten . « Es kostete Elisabeth viele Mühe , die Mutter zu überreden , daß sie sich ganz gesund fühle und um keinen Preis im Bette bleiben , sondern mit den anderen zusammen Kaffee trinken wolle . Um jede Einwendung sofort abzuschneiden , schlüpfte sie in ihre Kleider , wusch das verweinte Gesicht mit frischem Wasser und stand bald draußen am Herde , um die letzte Hand an das von der Mutter vorbereitete Frühstück zu legen . Die Schüsse waren plötzlich verstummt , und es währte nicht lange , da waren auch die Thränenspuren aus Elisabeths Augen verwischt . Sie blickte wieder heller in die Welt , denn wenn sie auch ein Leben voll Entsagen vor sich sah , so lebte er ja doch ; dieser Gedanke hatte infolge des fürchterlichen Traumgesichts eine beschwichtigende Kraft für ihr unruhiges Herz ... und wenn er auch ging - weit fort - und sie mußte jahrelang leben , ohne ihn zu sehen , einmal kam doch eine Zeit , da er wiederkehrte ... Und ihn lieben und an ihn denken durfte sie ja auch , denn er gehörte ja keiner anderen . Später ging sie mit den Ihrigen und Miß Mertens nach dem Forsthause , wohin die Gesellschaft wie alle Sonntage für den Mittag eingeladen war . Auf der Stirn des Oberförsters , der ihnen entgegenkam , lagen schwere Wolken . Wie Elisabeth bald bemerkte , machte ihm Bertha schwer zu schaffen . » Ich kann und werde diese Wirtschaft nicht länger mehr mit ansehen ! « rief er heftig . » Soll ich in meinen alten Tagen noch Zuchtmeister werden und in meinem eigenen Hause Tag und Nacht auf der Lauer stehen , um ein junges , eigensinniges Ding , das mich eigentlich auf der Gotteswelt nichts angeht , von verrückten Streichen abzuhalten ? « » Onkel , bedenke , daß sie unglücklich ist ! « rief Elisabeth erschrocken . » Unglücklich ? ... Eine Komödiantin ist sie ... ich bin auch kein Menschenfresser , und als ich sie für wirklich unglücklich hielt , das heißt wie sie beide Eltern auf einmal verlor , da bin ich ihr Stab und Stütze gewesen , soviel nur in meinen Kräften stand ... Aber da steckt das Unglück auch gar nicht ; denn dazumal , kaum zwei Monate nach dem Trauerfalle , trillerte sie den ganzen Tag wie eine Heidelerche , so daß mir das Herz weh gethan hat bei so viel Leichtsinn und Herzlosigkeit ... Worüber ist sie unglücklich , he ? ... Ich will es übrigens auch gar nicht wissen , das Staatsgeheimnis , und wenn sie kein Vertrauen zu mir hat , so mag sie ' s bleiben lassen ... Meinetwegen könnte sie auch das ganze Jahr ein Thränenweidengesicht machen , wenn sie sich nun einmal darin gefällt ; aber sich stumm stellen , des Nachts wie eine Verrückte im Walde herumlaufen und mir eines schönen Tages das Haus über dem Kopfe anbrennen , das sind Dinge , in die ich denn endlich doch ein Wörtchen reden werde . « » Hast du denn meine Warnung neulich nicht beachtet ? « fragte Ferber . » Ei freilich ... Ich habe ihr sofort eine andere Stube angewiesen , sie schläft jetzt über mir , so daß ich jeden Tritt droben hören kann . Nachts werden beide Hausthüren nicht bloß verriegelt , wie früher immer geschehen ist , sondern auch zugeschlossen , und ich nehme die Schlüssel mit in meine Kammer ... Aber Weiberlist - nun , das ist eine alte Geschichte ... Wir haben durch die Vorsichtsmaßregeln wenigstens eine kurze Zeit Ruhe gehabt . Diese Nacht aber konnte ich nicht einschlafen - die Geschichte mit dem Linke ging mir noch durch den Kopf - da hörte ich droben Schritte , so leise , als ob eine Katze über die Dielen schliche . Aha , dachte ich , da geht das Nachtwandeln wieder los , und machte mich auf ; aber als ich hinauf kam , da war das Nest schon leer ; auf dem Tische am offenen Fenster brannte ein Licht , und als ich die Thür aufmachte , da flog der Vorhang über die Flamme - Herr Gott , wäre ich nicht sofort zugesprungen , es hätte ein Feuerwerk geben können , bei dem die alten Balken im Forsthause sicher gern mitgeholfen hätten ... Und wie war sie hinausgekommen ? ... Durchs Küchenfenster ... Ei , da will ich doch lieber einen Ameisenschwarm hüten , als solch eine geriebene Person ... « » Ich bin fest überzeugt , das Mädchen hat ein Liebesverhältnis , « meinte Frau Ferber . » Ja , das haben Sie mir schon einmal gesagt , Frau Schwägerin , « entgegnete der Oberförster ärgerlich , » wenn Sie mir aber auch dabei bemerken wollten , mit wem , dann würde ich Ihnen sehr dankbar sein ... Sehen Sie sich doch nur um , ob nur ein einziger da ist , der einem Mädchen so den Kopf verdrehen könnte ... Meine Gehilfen ? ... Die sind ihr lange nicht gut genug , die hat sie gleich zu Anfang ablaufen lassen , daß es eine Art hatte ... und der Schurke , der Linke , der wird ' s wohl auch nicht sein mit seinen krummen Beinen und der semmelfarbenen Perücke , und damit wäre denn das Register voll . « » Einen haben Sie vergessen , « sagte Frau Ferber bedeutsam und sah sich um nach Elisabeth , die einige Schritt zurückgeblieben war , um für Ernst eine Gerte abzuschneiden . » Nun ? « fragte der Oberförster . » Herrn von Hollfeld . « Der Oberförster blieb betroffen stehen . » Hm , « brummte er endlich , » das wäre mir auch in meinem ganzen Leben nicht eingefallen ... Nein , nein , « fuhr er lebhaft fort , » das glaube ich nicht ; denn erstens wird das Mädel nicht so stockdumm sein , sich einzubilden , der werde sie zur gnädigen Frau auf Odenberg machen - « » Vielleicht hat sie das doch gehofft und sieht sich nun enttäuscht , « warf Frau Ferber ein . » Hochmütig und eitel genug wäre sie am Ende , « meinte der Onkel nachdenklich , » aber er - er soll sich ja ganz und gar nichts aus den Weibern machen . « » Er ist ein kalter Egoist , « sagte Miß Mertens . » Das letztere glaube ich - das erstere aber nicht , « erwiderte Frau Ferber , » und eben diese Anschauung erklärt mir Berthas ganzes Thun und Treiben . « » I , das wäre ja eine greuliche Geschichte ! « rief der Oberförster zornig . » Und ich hätte mir in meiner Arglosigkeit und Nachsicht eine Nase drehen lassen , wie nur irgend ein alter , bornierter Komödienvater ! ... Ich werde der Sache jetzt unerbittlich auf den Hals rücken , und wehe der ehrvergessenen Person , wenn sie es wirklich gewagt hat , unter meinem ehrlichen Dache eine Liebelei anzuzetteln , die ihr und mir nur Schande bringen kann ! « Das Mittagessen verlief sehr still . Der Oberförster war und blieb verstimmt und hätte am liebsten Bertha sogleich in die Beichte genommen , wenn nicht Frau Ferber gebeten hätte , er möge des Sonntags gedenken . Nach dem Kaffee verließen die Gäste das Forsthaus . Der Onkel warf die Büchse über die Schulter , ging mit hinauf bis vor das Mauerpförtchen und verlor sich dann in den Wald , der , wie er sagte , ihn stets beruhigte und wieder zu sich selbst brachte . Elisabeth schmückte sich zum Konzert , d.h. sie zog ein einfaches , weißes Mullkleid an und steckte als außergewöhnlichen Schmuck ein frisches Waldblumenboukett an die Brust . Die Mutter brachte ein kleines Medaillon am schwarzen , schmalen Samtbändchen und legte ihr dasselbe um den Hals - das war die Konzerttoilette , die gewiß jedes andere junge Mädchen , im Hinblicke auf sein Erscheinen in einer glänzenden Gesellschaft , mit einem bedrückten Gefühle angelegt haben würde . Elisabeth dagegen fand mit großer Genugthuung , daß das schon so oft gewaschene Kleid noch nie so tadellos unter ihrem Plätteisen hervorgegangen sei , als diesmal , und hätte am liebsten den kleinen goldenen Schmuck der Mutter wieder abgelegt ; denn sie war der Ansicht , da unten sei sie ja nur Musikant und nicht Gesellschaft , und die Hauptsache seien heute ihre Finger . Es beunruhigte sie übrigens einigermaßen , daß sich an diese Finger ein entblößter Arm schloß , und daß das Kleid auch die Schultern frei ließ . Bis dahin war sie stets bis an das Kinn verhüllt gegangen ; sie begriff nicht , weshalb die vornehme Welt es passender finde , bei festlichen Gelegenheiten dekolletiert zu gehen ... Daß ihre Schultern und Arme reizend geformt und von einem fast glänzenden Weiß waren , fiel ihr selbst nicht auf , so wenig , als sie bemerkte , wie ihr schöner Kopf voll schwerer , blonder Flechten im Vereine mit dem schlanken Halse und den Schultern eine unbeschreiblich graziöse Linie bildete . Die Mutter hatte heute das goldene Lockengekräusel selbst geordnet , das auf Elisabeths Stirn fiel und durch seinen lichten Glanz die feinen , aber festen Bogen der schwarzen Augenbrauen , als einen eigentümlichen Reiz , wunderbar hervortreten ließ ... Sie konnte Miß Mertens nicht widersprechen , die , nachdem Elisabeth den Weg ins Schloß angetreten hatte , begeistert meinte , der Anblick des jungen Mädchens habe etwas Ueberirdisches , denn sie selbst hatte heute überrascht die Bemerkung gemacht , daß ihr Kind in auffallender Schönheit erblüht sei . Als Elisabeth das Vestibül im Lindhofer Schlosse betrat , bemerkte sie den Doktor Fels , der , seine Frau am Arme führend , eben in einen Korridor einbiegen wollte . Sie eilte auf ihn zu und begrüßte ihn freudig , denn ihr Herz hatte auf dem ganzen Wege ängstlich geklopft bei dem Gedanken , daß sie allein in den weiten Saal werde eintreten müssen , wo voraussichtlich schon der größte Teil der Geladenen versammelt war . Der Doktor reichte ihr sogleich die Hand und stellte sie seiner Frau mit halblauter Stimme als das » Heldenmädchen von gestern « vor . Beide nahmen das junge Mädchen herzlich gern ins Schlepptau ... Die hohe Flügelthür des Saales rauschte auf . Elisabeth dankte in diesem Augenblicke ihrem guten Sterne , der sie hinter der imposanten Gestalt der Doktorin völlig verschwinden ließ , denn der Eindruck des großen , festlich geschmückten Raumes , über dessen spiegelglattes Parkett prachtvolle Damenroben rauschten , und die feinen Lackstiefel der vornehmen befrackten Herren hinglitten , hatte etwas Ueberwältigendes für sie ... Inmitten des Saales stand die Baronin Lessen , von einem prächtigen , dunkelblauen Moiré antique umbauscht , und machte die Honneurs . Sie erwiderte den Gruß des eintretenden Ehepaares sehr höflich , aber auch sehr kühl , und deutete auf des Doktors Frage nach Herrn von Walde auf einen Menschenknäuel , nahe am Fenster , von welchem ein Gesumm , unverständlich wie die babylonische Sprachverwirrung , herüberscholl . Während Fels mit seiner Frau dorthin schritt , folgte Elisabeth froh und dankbar einem Winke Helenes , die , in einem andern Fenster sitzend , ihr hastig und aufgeregt mitteilte , daß sie plötzlich vom sogenannten Lampenfieber überfallen worden sei ; sie habe entsetzliche Angst , vor all diesen Leuten zu spielen , und möchte am liebsten in ein Mäuseloch kriechen . Schließlich bat sie das junge Mädchen , statt der vierhändigen Piece , mit der das Konzert eröffnet werden sollte , eine Sonate von Beethoven zu spielen , ein Wunsch , auf den Elisabeth sofort einging . Ihre Befangenheit war verflogen . Sie trat an den Tisch , auf welchem die Musikalien lagen , und schlug die Sonate auf , die sie vortragen wollte . Währenddem fuhren draußen Wagen auf Wagen donnernd in die Einfahrt . Die Thüren öffneten sich unermüdlich und beförderten nach und nach einen solchen Ueberfluß von Tüll und Spitzen und Samt und Seide in den Saal , daß Elisabeth bedauerlich lächelnd auf ihr schön gebügeltes Mullkleid hinabsah , denn einmal zwischen jenes Krinolinengedränge geraten , mußte es auf der Stelle seine tadellose Glätte einbüßen . Aus der Begrüßung der Baronin konnte sie sehr leicht erkennen , auf welcher Rangstufe die Eingetretenen standen . Mittels einer einzigen Wendung des federgeschmückten Hauptes schwebte die Dame sofort über dem Fahrwasser freundschaftlichen Verkehrs , wenn bürgerliches Element in ihre Nähe kam , und dieses bürgerliche Element that auch alles , jenen hohen , unnahbaren Standpunkt streng zu respektieren und anzuerkennen . Zuerst strömten gewöhnlich alle Ankommenden auf den Wink der Baronin nach dem Fenster , wo Herr von Walde stehen sollte - von ihm selbst sah Elisabeth keine Spur , denn der Ring , den die Glückwünschenden bildeten , war stets undurchdringlich - dann verteilten sie sich in einzelne Gruppen , die entweder ruhig der Dinge harrten , die da kommen sollten , oder eine Unterhaltung auf eigene Faust anknüpften . In diesem Augenblicke rauschte abermals die Thür auf , und eine alte korpulente Dame hinkte am Arme eines ebenso bejahrten , vielfach dekorierten Herrn , und von Fräulein von Quittelsdorf begleitet , in den Saal . Die Baronin eilte den Eintretenden entgegen , auch Fräulein von Walde erhob sich mühsam und trat , von Hollfeld geführt , auf das alte Paar zu , während die um sie versammelten Damen ihr folgten , wie ein Kometenschweif . Der Menschenknäuel am Fenster löste sich ebenfalls wie durch einen Zauberschlag , und Herrn von Waldes hohe Gestalt wurde sichtbar . » Man muß zu Ihnen kommen , wenn man Sie sehen will , Sie Unartiger ! « rief die alte Dame , indem sie , mit dem Finger drohend , auf ihn zuwackelte . » Hat denn das schöne Spanien jede Erinnerung an Ihre alten Freunde verwischt ? ... Sie sehen , trotz meiner kranken Füße , und obgleich ich mich von Ihnen schmerzlich vernachlässigt fühle , komme ich heute doch , um unter denen nicht zu fehlen , die Ihnen ihre Glückwünsche aussprechen . « Er verbeugte sich und sagte ihr einige Worte , worauf sie ihm lachend einen leichten Schlag auf die Schulter versetzte ; dann führte er sie zu einem Fauteuil , auf welchem sie sich mit großer Grandezza niederließ . » Die Frau Baronin von Falkenberg , Oberhofmeisterin am Hofe zu L. , « antwortete