weite dunkle Gewänder gegürtet . Sämtliche Männer trugen keine Waffen . Dann waren die Frauen und Mädchen , die entweder dunkelgraue oder braune weite Gewänder hatten . Ihre Gürtel waren schön gearbeitet . Auf dem Tische stand ein sehr großes Gefäß mit warmer Milch , aus dem in Becher geschöpft wurde , die man herumreichte . Ein Mann reichte Witiko einen solchen Becher . Witiko trank ihn aus , und setzte ihn auf den Tisch . Dann näherte er sich Rowno . Dieser grüßte ihn , führte ihn zu der Frau mit den sanften Wangen , und sprach : » Das ist Ludmila , mein Eheweib . « Dann wies er auf die Kinder , und sagte : » Das ist Mis mein Söhnlein und Durantia mein Töchterlein . « Dann führte er ihn zu der Jungfrau mit dem dunkelblauen Kleide , und sprach : » Das ist Dimut meine Schwester . « Dann wies er auf die Männer , die weiter hinab standen , und sagte : » Das ist Jaros mein Oheim mit seinem Erstgebornen Luta und seinen andern , das ist mein Oheim Stan mit seinem Erstgebornen Branis und seinen andern , das ist mein Oheim Detleb mit seinem Sohne Porey , das ist mein Vetter Wenzel , das ist mein Vetter Misek , das ist mein Bruder Duda , und das ist mein Bruder Welis . « Dann wies er auf die Frauen , und sprach : » Diese ist Swatislawa das Eheweib Stans , diese ist Mlada das Eheweib Detlebs , diese ist Richsa das Eheweib Brunis ' , und diese Jutta das Eheweib Poreys . Die jüngeren Männer und Mädchen nenne ich dir nicht , du wirst sie kennen lernen . Sie sind alle gekommen , dich zu begrüßen , und werden dann an ihre Geschäfte gehen . « Hierauf rief er gegen die Versammelten gewendet : » Das ist Witiko von Plana unser Nachbar und unser Gast . « Nach diesen Worten kamen viele herbei , und reichten Witiko die Hand . Andere neigten sich bloß , und man fing an , sich aus der Stube zu entfernen . Witiko schritt gegen Ludmila Rownos Gattin , und sagte : » Ich bin zu Rowno , den ich auf dem Wahltage auf dem Wysehrad gesehen habe , und der mein Nachbar ist , gekommen , um ihn zu besuchen , und mit ihm zu sprechen . « » Ihr seid in unserem Hause und bei unseren Sippen willkommen « , antwortete Ludmila . Dann wendete er sich an die Jungfrau , und sprach : » Ihr werdet wohl auch den Fremdling in der Gastlichkeit dieses Hauses nicht unhold ansehen . « » Die Freunde meines Bruders sind auch die meinigen « , sagte das Mädchen . Nach diesen Worten war der Morgengruß geendigt , und man zerstreute sich . Rowno führte Witiko in das Freie . Sie gingen durch das Tor auf die Erdzunge , die von ihm wegführte . Da sah Witiko , daß der große viereckige dunkle Turm von Moorgrunde umgeben war . Dann kamen sie über den Damm auf nasse Wiesen , in welchen hie und da kleine Teiche und andere Wässer waren . Endlich , wo der Boden sich hob , fingen die Felder an , auf denen die Getreide schon die Farbe der beginnenden Reife bekamen . Hinter ihnen war der Wald . Als sie auf den breiteren festen Boden kamen , standen mehrere Hütten und Häuser . Von einigen ging Rauch auf , vor einigen spielten Kinder , und hie und da trat eine Frau aus der Tür , und sah ihnen nach . Außerhalb der Häuser gingen sie durch die Felder , auf denen Menschen an verschiedenen Stellen arbeiteten . Wo die Felder zu Ende waren , ging noch Weidegrund empor , auf welchem zerstreut verschiedene Bäume standen , und auf welchen sich Herden von Rindern Schafen Schweinen und Ziegen befanden , die ihre Hirten leiteten . Dann erst begann der undurchdringliche Wald . » Wir pflegen die Güter , welche wir von unseren Vorvätern ererbt haben , ungeteilt und gemeinschaftlich « , sagte Rowno , » ich bin zum Haupte erwählt worden , nach meinem Tode wird ein anderer erwählt . Sie liegen vor dir ausgebreitet : der Turm die Wiesen die Felder die Weiden und der Wald . Der größte Teil des Bodens , der uns gehört , ist mit Wald bedeckt . Wir streben ihn aber zu reuten , und unser urbares Besitztum zu vergrößern . Wenn die Zahl unserer Stammesglieder wächst , bauen wir stets ein neues Haus oder eine neue Hütte . In dem Turme haben alle Menschen mit ihrer Nahrung und alle Tiere mit ihrem Futter Platz . Wenn uns ein Feind bedrohte , so könnten wir in den Turm gehen , und uns verteidigen , bis er abzöge ; denn lange könnte er nicht bleiben , weil er in dem Walde erhungerte . Brennt er die Häuser und Hütten vor dem Turme nieder , so bauen wir sie nachher wieder auf . Seit den Zeiten unsers Urgroßvaters ist aber ein solcher Angriff nicht gemacht worden . Damals war ein Streit . Ob vorher einer stattgefunden hat , wissen wir nicht , da niemand lebt , der von jenen Zeiten etwas erzählen könnte . « Von dem Weidegrunde aus gingen Witiko und Rowno in einem Umkreise wieder durch die Felder auf einem anderen Wege zu der Erdzunge zurück , die sie in den Turm leitete . Im Turme zeigte Rowno Witiko die Räume und Gelasse , in denen Tiere und Vorräte untergebracht werden könnten , und er zeigte ihm auch die Ställe , die sonst da waren . Dann führte er ihn über Treppen in die öffentlichen Gemächer empor , die nicht zu seiner und der Seinigen Wohnung dienten . Sie waren sämtlich mit Kalk getüncht , und hatten einfache Geräte aus Tannenholz . In den größeren waren Waffen Knüttel Keulen Morgensterne Wurfbeile Streitäxte Speere Schwerter Armbruste und Schleudergeräte . Einige der Gemächer waren zur Verteidigung eingerichtet . Von den obersten derselben gingen sie auf das Dach hinaus . Dieses war aus starken Bohlen wenig schief gegen innen gezimmert , und hatte außerdem die Einrichtung , daß man auf ihm aus Balken schnell einen waagrechten Boden legen konnte , um darauf große Wurfdinge stellen zu können . Das Dach hatte rings herum starke Brustwehren aus Mauerwerk , und weil das Regenwasser nach innen glitt , so hatte es zu seiner Ableitung eine hölzerne Rinne , die durch die Mauer hindurch weit oberhalb des Sumpfes hinaus ragte . Man konnte von dem Turme nur das Tal sehen , und vermochte über den umgebenden Wald nicht hinaus zu blicken . Als der Mittag gekommen war , wurde das Mahl in der Stube eingenommen . Bei demselben war auch Ludmila war Dimut und waren andere Frauen . Sonst aber waren weniger Menschen anwesend , als sich am Morgen zur Begrüßung Witikos eingefunden hatten , weil die , welche Angehörige besaßen , mit ihnen in ihren Hütten und Häusern aßen . Es wurden Rinderbraten Fische Geflügel Bier und Roggenbrot auf den Tisch gesetzt . Witiko blieb drei Tage bei Rowno . Am vierten ritt er beim Aufgange der Sonne in der Richtung nach Morgen weiter . Er ritt durch die Wiesen Felder und Weiden , die um den Turm waren , und kam wieder in den Wald . Da floß ein Bach in der Richtung gegen Morgen , und an dem Bache ging der Pfad hin . Witiko ritt auf demselben weiter . Er ritt eine Stunde lang an den Krümmungen des Wassers über Wurzeln Moorgrund und Gestein . Dann änderte der Bach seinen Lauf , und ging an einem großen waldigen Abhange gegen Mitternacht . Witiko ritt auf dem Pfade an ihm eine halbe Stunde fort . Dann nahm der Bach einen zweiten auf , und sie gingen vereinigt wieder gegen Morgen . Witiko ritt zwei Stunden durch dichten Wald , bis er zwischen zwei Felsrücken samt dem sprudelnden Wasser zur Moldau hinaus kam . Da war der Platz , auf dem die krumme Au lag . Witiko suchte für sich und sein Pferd eine Herberge zur Erquickung . Er blieb zwei Stunden da . Was er das erste Mal getan hatte , tat er wieder . Er ging auf den Fels der krummen Au , und betrachtete ihn . Im Mittage hatte derselbe an seinem steilen Absturze die dreifache Krümmung der Moldau , innerhalb welcher die Häuser der krummen Au lagen , in Mitternacht war die Schlucht , durch welche Witiko herein geritten war , im Abende ging er in sanftes sich ausbreitendes Land über , das zur Anlage von Feldern und Gärten geeignet gewesen wäre , und im Morgen senkte er sich gleichfalls sachte nieder . Als Witiko und sein Pferd gestärkt waren , ritt er wieder weiter . Er schlug neuerdings die Richtung nach Morgen ein . Er ritt zwischen hohen Felsen und der Moldau fort , so lange diese nach Morgen floß . Da sie sich nach Mitternacht wendete , verließ er sie , ritt über Anhöhen hinaus , und verfolgte seine Richtung . Der Wald erlangte jetzt sein Ende , und Witiko ritt zwischen Feldern Wiesen Weiden Gebüschen einzelnen Wäldchen und zerstreuten Häusern hindurch . Als die Sonne sich schon beinahe zu ihrem Untergange neigte , war er vor dem Zupenorte Daudleb angekommen . Er ritt auf dem Fahrstege über den Fluß Malsch , zwischen den Häusern fort , und gegen den Zupenhof zu . Derselbe lag abgesondert , hatte graue Mauern und steile Schindeldächer . Er war durch starke Zinnen beschützt . Witiko ritt gegen das Tor , welches niedrig war und einen großen Rundbogen aus alter Zeit hatte . Es stand offen , und er ritt durch dasselbe hinein . Er kam in einen Hof , welcher von Ställen Scheunen und ähnlichen Gebäuden gebildet wurde . Hier fragte ihn ein Mann um sein Begehren . Witiko sagte , daß er zum Zupane wolle . Der Mann hielt ihm den Bügel , da er abstieg , und half ihm , sein Pferd unterbringen . Darauf führte er ihn in einen zweiten Hof , und von diesem in einen großen Saal , in welchem mehrere steinerne Tische waren . Vor einem derselben saß auf einem steinernen unbeweglichen Stuhle , über welchen ein Teppich gebreitet war , der Zupan Lubomir . Er hatte ein weites dunkles Gewand an , auf welches seine unbedecktem weißen Haare nieder fielen . Vor ihm stand ein Mann in einem grauen Gürtelkleide , mit welchem Manne er redete . Einige Schritte hinter dem Manne stand ein Weib in einem halbweiten blauen Kleide , um welches sie einen Gürtel aus einem Baststricke hatte . Der Mann , welcher Witiko herein geführt hatte , bedeutete ihn , wieder einige Schritte hinter dem Weibe stehen zu bleiben , und zu warten , und entfernte sich dann aus dem Saale . Lubomir setzte sein Gespräch mit dem Manne in dem grauen Gürtelgewande fort . Endlich machte der Mann eine Bewegung wie die des Dankes , und verließ den Saal . Jetzt trat das Weib zu Lubomir , und begann zu sprechen , er antwortete ihr , sie sprach wieder , und er antwortete ihr wieder . Dieses dauerte eine geraume Zeit . Dann wollte sie den Zipfel seines Kleides küssen , er ließ es aber nicht zu , und sie ging aus dem Saale . Nun näherte sich Witiko . Als er vor Lubomir stand , sagte dieser : » Was begehrest du , mein Sohn ? « » Mein Begehren ist nur « , antwortete Witiko , » daß Ihr erlaubt , daß ich Euch sehe , und daß ich Euch danke , weil Ihr einmal für mich gesprochen habt . « » So komme in mein Empfangsgemach « , entgegnete Lubomir . Er stand auf , und ging gegen eine Tür . Witiko folgte ihm . Lubomir öffnete die Tür , und führte Witiko über eine steinerne Treppe empor . Sie kamen in einen großen Vorsaal mit dunkelgrauen Wänden , in welchem mehrere Bewaffnete waren . Lubomir sagte : » Gehe hinunter , Slawa , und halte im Steinsaale Wache , wenn etwa noch jemand vor Sonnenuntergange mit mir sprechen will . « Einer der Bewaffneten entfernte sich über die Treppe hinab . Lubomir führte Witiko nun in ein zweites Vorgemach , welches aber viel kleiner war als der Saal . In demselben befanden sich drei unbewaffnete Männer . Lubomir sagte zu einem : » Radim , bringe Empfangswein und Kuchen . « Der Mann entfernte sich , und Lubomir und Witiko traten aus dem Vorgemache in eine große Stube . Dieselbe war eine Eckstube , und hatte an jeder der Außenseiten vier Fenster . Sie war ganz mit Ulmenholz getäfelt , und hatte eine Decke , die aus Ulmenholz geschnitzt war . Der Fußboden war mit einer Hülle von Rehfellen überzogen . In der Stube standen drei große Tische aus Ulmenholz und viele Stühle aus demselben Holze . Über der Tür und über jedem Fenster war ein erlesenes Hirschgeweih . An den Wänden hin und in die Vertiefungen der Fenster hinein lief eine Bank ebenfalls aus Ulmenholz . Nur an vier Stellen war die Bank unterbrochen , und an diesen Stellen standen auf hohen Unterständern vier große menschliche Gestalten , die aus Eichenholz geschnitzt waren . Als die Männer die Mitte der Stube erreicht hatten , blieb Lubomir stehen , und sagte : » Sei mir willkommen , Witiko , wofür willst du mir danken ? « » Ihr kennt mich ? « fragte Witiko . » Du bist mit mir an dem Sterbebette des gütigen Herzoges Sobeslaw gewesen « , erwiderte Lubomir , » und bist für ihn in eine Sendung gegangen , welche dir übel hätte werden können . « » Es rührt mich im Herzen , daß Ihr an dem Sterbebette Sobeslaws gestanden seid « , sagte Witiko , » und zu danken bin ich hier , daß Ihr in dem großen Saale des Wysehrad für mich gesprochen habt . « » Ich habe nicht für dich gesprochen « , antwortete Lubomir , » sondern für die Sache . Aber es hat mir sehr wohlgefallen , was du getan hast , und es freut mich , daß du zu danken gekommen bist . Du siehst , wir sind hier von dem umgeben , was ein Land bieten kann , das an den großen Wald grenzt : Holz von seinen Bäumen und Felle und Geweihe von seinen Tieren . Die Gestalten , die hier stehen , sind aus der alten Geschichte des Reiches : Samo , Krok , Libusa und Premysl . Der Abt Bozetech , der ein Freund meines Vaters war , hat sie geschnitzt , und hat sie ihm gegeben . Von meinem Vater sind sie in meine Hände gekommen . « Als Lubomir dieses gesprochen hatte , kam der Mann Radim , den er um Wein gesendet hatte , in die Stube , und brachte auf einem Tragbrette zwei silberne Becher mit Wein und einen kleinen runden Kuchen . Er stellte das Brett auf den mittleren Tisch , und entfernte sich wieder . » Nun , Witiko , nimm den Wein des Willkommens , und brich das Stückchen Kuchen der Einkehr dazu « , sagte Lubomir . Witiko nahm einen der silbernen Becher , und trank etwas Wein daraus . Als er den Becher wieder hingestellt hatte , brach er ein Stückchen Kuchen ab , und aß es . Lubomir trank aus dem anderen Becher , und brach auch ein Stückchen Kuchen . Dann sagte er : » Du bist sehr gerne in meinem Hause aufgenommen , Witiko , und wirst in demselben als Gast geehrt werden , so lange du in ihm verweilen willst . Setze dich jetzt zu mir auf einen dieser Stühle . « Er wies auf einen Stuhl neben dem Tische , auf dem der Wein stand , Witiko setzte sich auf denselben , und er auf den nächsten . Dann sagte Witiko : » Ich danke Euch für die gute Aufnahme , ich werde in Eurem gastlichen Hause , wenn Ihr es erlaubt , nur einige Tage verweilen . « » Tue nach deinem Willen , wir werden diesen Willen immer achten « , erwiderte Lubomir . » Und ich werde streben die Gastfreundschaft nicht zu verunehren , die Ihr mir gewähret « , antwortete Witiko . » Du bist nach der Erhöhung Wladislaws von Prag fortgegangen , Witiko , wir haben es in unserer Gegend wohl gehört « , sagte Lubomir . » Es liegt ein kleines Haus , das uns eigen ist , in dem Walde , der an Baiern reicht « , entgegnete Witiko , » in dem Hause ist ein alter Schaffner , und ich bin dahin gegangen , weil ich es lange nicht gesehen habe . « » Es liegt im Walde an der Moldau « , sagte Lubomir . » Mehr als eine Tagreise von hier im Walde gegen Abend « , antwortete Witiko , » nicht ganz an der Moldau sondern bei dem Kirchenorte Plana . « » Ich weiß « , erwiderte Lubomir , » das Tal ist ganz von dem großen Walde umgeben . « » Ganz von dem großen Walde « , sagte Witiko . » Es sind dort noch Luchse Bären Wölfe « , sagte Lubomir , » und wären noch mehr , wenn nicht die strengen Winter herrschten . « » Sie geben den Leuten Pelze , die sich nicht sonderlich vor den Tieren fürchten « , sagte Witiko . » Die Waldkirche des oberen Planes ist sehr alt « , entgegnete Lubomir , » es war schon lange vor der Bekehrung des Herzogs Boriwoy , da sich die Lechen aus dem Mittage des Landes taufen ließen , die Betstelle des Siedlers Ciprinus dort . « » So sagte mir ungefähr auch der Pfarrer von Plan « , entgegnete Witiko . » So besorge in der Zeit dein Haus , wie es deine jungen Kräfte vermögen « , sagte Lubomir . » Ich helfe und sorge wie ich kann « , antwortete Witiko , » der Boden ist dort für Getreide karg , und für Obst noch karger . « » Wo der Boden karg ist , sind die Leute hart « , entgegnete Lubomir , » und sie wissen beides nicht . « » Sie leben bei uns von dem , was der Boden bringt « , sagte Witiko , » und was sie aus dem Walde ziehen . Einige suchen sich auch von auswärts her Erwerb zu schaffen . « » Wenn sie es nur nicht durch den Krieg tun , an dessen Ertrag sie sich gewöhnen « , sprach Lubomir . » Es ist in früheren Zeiten wohl geschehen « , sagte Witiko , » sie erzählen noch davon , und es sind Dinge vorhanden , die vom Kriege stammen . « » Wie es überall ist « , sagte Lubomir . » Jetzt wissen sie wenig von der Zeit und ihrer Bedeutung « , sagte Witiko . » Wie alle wenig wissen « , entgegnete Lubomir . » Die Zeit ist noch nicht reif , mein Sohn Witiko . Die zwei Willen , welche den Bau des neuen Herzoges aufgerichtet haben , müssen erst zerfallen , und dann wird das Unheil und Blutvergießen in das Land kommen , was die einen zu verhüten geglaubt haben . Unter allen war vielleicht nur ein Mann , der die Zukunft genau wußte , nämlich der Herzog Sobeslaw ; doch der ist jetzt ein toter Mann . Er wollte die Übel verhindern , da er zu seinem Sohne Wladislaw sagte : Unterwirf dich deinem Vetter , und da er Zeugen zu den Worten rief , darunter auch junge , wie dich , daß sie die Worte auf spätere Zeiten brächten ; aber es wird nichts helfen , Sobeslaw handelte unter Zwang als ein sterbender Mann mit den sterbenden Kräften . Hätte er gelebt , so würde er vielleicht alles gehemmt haben . « » Ich kann viele Menschen in ihrem Tun nicht begreifen und erkennen « , sagte Witiko . » Sie sich selber nicht « , antwortete Lubomir , » sie werden von der Wut ihrer Triebe gejagt , und können nicht ermessen , was sie zu einer Zeit zu tun im Stande sein werden . Wenn der alte Bolemil das neunzigste Jahr erreicht , wie es seinem Vater gegönnt war , dann können seine Augen noch sehen , was er ihnen geweissagt hat . Dich wollte ja der neue Herzog bei sich behalten ? « » Ja « , entgegnete Witiko , » ich muß mich aber erst zurecht finden . « » Du wirst vielleicht das Rechte finden , mein Kind Witiko « , sagte Lubomir , » die Bestrebungen müssen erst offener werden , dann werden viele Sinne klarer sehen , was sie tun sollen . Der Herzog sucht sich überall zu stärken . Er vermehrt seine Leute um sich , sucht Landesteile zu befestigen , und Freunde zu gewinnen . Er hat den Sohn des schwarzen Otto wieder in das Herzogtum Olmütz eingesetzt , und hat Wladislaw den Sohn des Herzogs Sobeslaw , der früher dort war , zu sich nach Prag gezogen , um seine Augen auf ihm zu behalten . Er hat ihn sehr reichlich ausgestattet , und zieht ihn überall hervor . Er ist auch mit seiner jungen Gemahlin im Frühling zu dem deutschen Könige Konrad nach Würzburg gegangen . « » Der deutsche König Konrad ist ja der Halbbruder Gertruds der Gemahlin Wladislaws « , sagte Witiko . » Es kann dies der Grund sein , weshalb sie zu ihm gegangen sind , es können auch Bündnisse geschlossen worden sein « , entgegnete Lubomir . » Die dem Wahltage auf dem Wysehrad beigewohnt haben , sind zum Teile um Wladislaw , zum Teile sind sie zerstreut , können aber immer wieder gesammelt werden . Sei es nun , wie es ist , wir müssen harren , was kommen wird . « » Wisset Ihr etwas von der erlauchten Herzogin Adelheid ? « fragte Witiko . » Ich weiß etwas von ihr « , sagte Lubomir , » sie ist noch immer mit ihren Kindern Sobeslaw Ulrich und Wenzel in Hostas Burg . « » Im Winter hat mir ein Bote gesagt , daß sie damals dort war « , entgegnete Witiko . » Sie ist noch dort « , sagte Lubomir , » und will dort bleiben , und trauern . Sie hat die unbeschränkte Herrschaft über die Burg , und der Herzog hat Bores zu ihrem Kastellan eingesetzt . « » Das ist gut für sie « , sagte Witiko . » Es ist gut « , antwortete Lubomir . » In dem Lande ist aber überall Ruhe « , sagte Witiko . » Jetzt ist Ruhe « , antwortete Lubomir , » insonderheit bei uns , die wir abgelegen sind . Hier lebt das Volk in der Unwissenheit der Dinge , die da kommen werden , es bebaut die Felder , und liebt die Sackpfeife und den Tanz . Wir , die wir in dem Lande zu Wächtern der Pflege des Volkes gesetzt sind , können nichts tun , als ihre Anliegen schlichten , ihnen Rat und Hilfe geben , und den Glauben fördern , durch den sie gesitteter und beglückter werden . « » Ich habe vor vier Tagen gehört , wie sie im Mondscheine im Walde einen heidnischen Gesang gesungen haben « , sagte Witiko . » Sie haben eine Tryzne gefeiert « , entgegnete Lubomir , » das geschieht noch immer , und wird vielleicht noch lange dauern . Das Volk liebt die alten Bräuche , und das ist gut ; es würde Land und Leute umkehren , wenn es sich in jedem Augenblicke änderte . Wenn auch der Glaube hier im Mittage viel älter ist als gegen Mitternacht , wo sie näher an den heidnischen Gebieten liegen , so sind doch auch hier viele Sitten geblieben , die an die alte Zeit erinnern , und werden viele Jahre bleiben . Wenn die Bräuche nicht Glaubenslehren sind , so schaden sie nicht viel . Und einmal wird eine Zeit kommen , wo sich alles vermischt , und die Leute nicht mehr wissen , ob ein Brauch ein heidnischer oder christlicher ist . Wenn du zur Zeit der Sonnenwende einmal hier wärest , so würdest du auf allen Hügeln die alten Feuer erblicken , die sie einst der Wende der Sonne angezündet haben . Wenn sie die heilige Jungfrau Maria anrufen , so gehen noch manche zu heiligen Bäumen , oder zu heiligen Felsen , und singen zu ihr , da sie sich die Stirne berühren . Sie üben auch Zeichendeuterei , feien das Vieh , wenn es zum ersten Male auf die Weide geht , und halten den Sperber für einen heiligen Vogel . « » Ich habe überall die Sonnenwendfeuer anzünden gesehen , wo ich bisher gewesen bin « , sagte Witiko , » die Baiern an der Donau an dem Inn an der Traun und an der Enns tun es auch . « » So ist der Brauch ein weit verbreiteter « , entgegnete Lubomir , » und wird um so weniger schnell verschwinden . Sonst ist unser Volk hier gut und sanft , und verdient wohl , daß man es schützt , und wahrt , und nicht in Leiden stürzt , die es nicht verschuldet hat . Ich werde dir jetzt das Gemach zeigen lassen , das wir dir in diesem Hause zur Wohnung geben , damit du ausruhen , oder sonst die Zeit nach deinem Willen verwenden kannst , bis ich dich zu meiner Gemahlin führe , und du das Abendessen mit uns teilest . Dein Pferd wird gut versorgt werden . « » Wenn Ihr erlaubt , so besorge ich es selber « , antwortete Witiko . » Das ist gut von dir , daß du es tust « , sagte Lubomir , » die Pferde lohnen oft die Pflege dem Pfleger besser als jedem anderen Reiter . Tue es auf deine Art , ich werde dir jemand geben , der dir dienen muß . Jetzt trinke aber noch aus deinem Becher , ehe wir die Stube verlassen . « Er griff bei diesen Worten nach seinem Becher und trank daraus . Witiko tat das gleiche aus dem seinen . Dann standen sie auf , und gingen zur Tür hinaus . Im Vorgemache sagte Lubomir : » Radim , gehe mit diesem jungen Reitersmanne , und tue , was er heischt . Ich nehme jetzt Abschied von dir , Witiko , und werde dich später selber zu dem Abendtische geleiten . « Nach diesen Worten verließ er durch eine Tür das Gemach . Witiko verlangte von seinem Begleiter in den Stall zu seinem Pferde geführt zu werden . Da es geschehen war , gab er dem Pferde die erste Pflege , dann gebot er seinem Manne , ihm das Gemach zu zeigen , welches für ihn bestimmt sei . Der Mann führte ihn über zwei Treppen empor , und durch ein Vorgemach in eine geräumige Stube , welche drei Fenster hatte . Witiko sagte hier : » Du kannst dich nun entfernen , ich bedarf deiner Dienste nicht mehr . « Der Mann ging durch die Tür . Witiko schritt in seiner Stube vorwärts , und sah sie an . Sie war ganz mit geflammtem Tannenholze getäfelt , und hatte eine Diele von rotem Eibenholze . Der Fußboden war mit einem Binsengeflechte überspannt . Das Bettgestelle , auf dem ein Lager aus weichen Tüchern und Fellen bereitet war , dann der Tisch und mehrere Stühle , ein Kleiderschragen , ein Waschgestelle und zwei Bänke , die an den Wänden hinliefen , waren von gebohntem Eichenholze . Witiko ging einige Male in dem Gemache hin und wider . Dann setzte er sich auf einen Stuhl . Dann trat er an das Fenster , und sah auf den Ort Daudleb hinab . Giebel Dächer Schornsteine und das Dach der großen Kirche und ihr Turm ragten in den gelben Abendhimmel empor . Er sah , daß der Ort auf einer Zunge Landes liege , welche durch eine lange Schleife der Malsch gebildet wurde . Im Morgen hing die Zunge mit dem andern Lande zusammen . Über die Häuser sah er auf schwach hügliges Land , auf dem Felder Wiesen Weiden Wäldchen und erkennbare menschliche Wohnungen waren . Dann kam ein dunkler Streifen , der den Wald anzeigte , aus dem er gekommen war . Der Streifen ging bis tief in den Abendhimmel zurück . Von dem Orte schollen Töne menschlichen Lebens herauf . Nach einer Weile ging Witiko wieder in den Stall , um die Wartung seines Pferdes zu vollenden . Als dieses geschehen war , ging er wieder in sein Gemach . Da die Dämmerung beinahe in Finsternis überzugehen begann , kam Lubomir , um Witiko in das Speisezimmer zu führen . Sie gingen durch die Tür , hinter welcher zwei Männer warteten , die dann hinter ihnen hergingen . Sie gingen über die Treppe hinab , durch einen langen Gang , und traten dann in die Speisestube . Dieselbe war eine lange Halle , die an ihren beiden Enden große Bogenfenster hatte . Die Wände waren von Granitwürfeln , die bis über Manneshöhe von geglättetem Wacholderholze überzogen waren . An den beiden Wänden liefen Eichenbänke hin . Durch die Länge der Halle stand ein Tisch mit weißen Linnen bedeckt und mit Speisegeräten versehen . Drei große Lampen hingen von der Wölbung gegen den Tisch herab , und in jeder derselben brannten mehrere Lichter . Innerhalb der Tür des Saales standen mehrere Männer . Lubomir führte seinen Gast an den Männern vorüber gegen das obere Ende des Tisches . Dort stand eine Frau in einem weiten dunkelbraunen Gewande , das durch einen goldgewirkten Gürtel zusammen gehalten wurde