welcher der Freiherr zuerst Worte gab . Die Herzogin war neunzehn Jahre , sagte er , als ich sie zum ersten Male sah , und schon damals geizte man nach dem Ruhme , ein Gast der Herrin von Vaudricour zu sein . Ich weiß .... War die Herzogin schön ? unterbrach ihn die Baronin . Nein ! entgegnete der Freiherr , aber sie war mehr als das , sie hatte in ihrer ganzen Erscheinung den Adel ihrer Geburt und die sichere Anmuth , welche dieser ihr verlieh . Sie war eine Fürstin im vollsten Sinne des Wortes . Und Du bist Willens , sie zu uns einzuladen ? fragte Angelika . Der Freiherr schien durch diese Frage überrascht . Es fiel ihm etwas auf im Tone seiner Frau , aber er wollte das nicht beachten , und erwiderte nur : Hast Du für möglich gehalten , es nicht zu thun ? Nein ! versetzte Angelika . Ihr Schicksal würde ihr einen bestimmten Anspruch an unsere Gastlichkeit geben , auch wenn sie keine Verwandte unseres Hauses wäre ; aber die Schilderung , welche Du mir stets von ihr und ihrem Vaudricour gemacht hast , beunruhigt mich , mein theurer Franz ! Ich fürchte , Deine Verwandte wird erwarten , was sie hier nicht finden kann , und wie warm und bereitwillig wir sie auch willkommen heißen , wir werden ihr den leichten Frohsinn ihres Volkes und den schönen Himmel ihrer Heimath nicht ersetzen können . Der Freiherr lächelte . Deine Jugend macht Dich den Verlauf der Zeit vergessen , sagte er . Die Herzogin ist nicht mehr die junge Chatelaine von Vaudricour , und die Zeit war ernsthaft genug , auch ihre Heiterkeit in Ernst zu verwandeln . Ich höre in jedem Worte ihres Briefes den Ton einer tiefen Traurigkeit , und wer sollte diese in ihrer Lage nicht empfinden ? Laß uns darauf denken , Beste , wie wir ihr beweisen , daß wir sie schätzen und ihr Unglück ehren ! Ich möchte , sie würde es recht gewahr , daß sie hier in ihrer Familie von Freunden und Gesinnungsgenossen empfangen wird , und ich werde Dir es danken , wenn Du ihr hier bei uns vergiltst , was sie mir einst in ihrer Heimath gewährt hat ! fügte er abschließend hinzu . Angelika versprach , ihr Bestes mit Freuden zu thun . Ein Aufruf an ihre Großmuth war immer sicher , eine gute Statt bei ihr zu finden , und man kam daher überein , daß der Freiherr , um die Versäumniß des Posthalters möglichst auszugleichen , noch an diesem Abende einen Boten mit dem Antwortschreiben nach der Poststation senden solle , damit der Brief dann so schnell als möglich seine Weiterbeförderung finde . Der Freiherr , welcher in allen Dingen sich großer Pünktlichkeit befleißigte , rechnete es genau aus , wann die Herzogin auf diese Weise seine Antwort erhalten könne . Er gestand ihr die schickliche Zeit zum Aufbruch zu , er gab ihr auf das Genaueste den Weg , die Stationen , die Orte an , welche sie zu passiren hatte und an welchen sie übernachten sollte , er schrieb an die Gasthofsbesitzer , bei denen er abzusteigen gewohnt war , um für seine Cousine , die Frau Herzogin von Duras , das Quartier im Voraus zu bestellen , meldete ihr , daß sie für die letzte Tagereise an den geeigneten Orten Relaispferde aus seinen Stallungen finden werde , und schließlich bat er sie mit einnehmender Wendung , sie möge sich von dem Augenblicke ab , in welchem sie die Residenz verlasse , als seinen Gast und überhaupt als ein Familienmitglied ansehen , so lange sie ihm die Ehre erzeige , unter seinem Dache zu verweilen . Mit einer Empfindung , die aus Rührung und Selbstzufriedenheit gemischt war , durchflog er den Brief und las ihn dann Angelika vor , die auf seinen Wunsch noch einige Worte herzlicher Einladung dazu schrieb und sich im Voraus der Freundschaft ihres künftigen Gastes empfahl . Beide , der Freiherr sowohl als Angelika , empfanden , indem sie einer Flüchtigen ihr Haus anboten , das Glück , welches sie in ihren wohlbegründeten und unangetasteten Verhältnissen besaßen . In das Mitleid , welches die gegenwärtige Lage der erwarteten Gäste ihnen einflößte , mischte sich unmerklich eine gewisse Eitelkeit , der es erwünscht war , eine Herzogin zur Verwandten zu haben und diese Verwandte beschützen zu können , und der zornige Widerwille gegen diejenigen , welche in Frankreich die Herrschaft des Königs gebrochen und einen Theil des Adels dahin gebracht hatten , seinen Besitzungen und seinem Vaterlande den Rücken zu kehren , war von dem Freiherrn und von Angelika niemals mit so viel persönlicher Bitterkeit empfunden worden , als jetzt . Je mehr man aber mit der Welt unzufrieden war , um so besser war man mit sich selbst zufrieden , und in diesem Wohlgefühle war man sehr geneigt , sich von der Anwesenheit der Gäste die mannigfachsten Genugthuungen zu versprechen . Dreizehntes Capitel Entschlüsse , welche man unter dem Einflusse einer augenblicklichen Gefühlserregung faßt , sind bei den meisten Menschen wie ein Rausch , dem eine abspannende Ernüchterung folgt , und nachdem man am andern Morgen die Zimmer ausgewählt und eingerichtet hatte , welche die Herzogin mit ihrem Bruder bewohnen solle , begann sich in dem Baron wie in Angelika , ohne daß sie es einander eingestanden , eine gewisse Besorgniß in Bezug auf die am verwichenen Abende mit so froher Zuversicht erwarteten Hausgenossen zu regen . Der Baron , welcher die Herzogin seit fünfzehn Jahren nicht gesehen hatte , dachte unwillkürlich an die Veränderung , die durch einen solchen Zeitraum in ihrem wie in seinem Aeußern hervorgebracht sein mußte , und ihm bangte vor dem Spiegel , welchen ihr Altwerden ihm entgegen halten konnte . Er erinnerte sich mit Vergnügen an den heitern Ton leichter Galanterie , in welchem er mit ihr zu verkehren pflegte , aber er mußte sich sagen , daß Angelika für denselben kein Verständniß besitze , daß ihr derselbe mißfallen habe , wo immer sie ihm begegnet war . Er hingegen dachte noch gern an jenes Federballspiel des Geistes und des Witzes , in welchem die französische Gesellschaft Meister gewesen war ; er fand noch jetzt Vergnügen daran , und es fiel ihm plötzlich auf , daß er einen Theil seiner Fähigkeiten zu brauchen aufgehört , daß er an jener Liebenswürdigkeit , die man sonst an ihm bewundert , Abbruch gelitten habe , seit er sich der Führung des Caplans und der ernsten Richtung seiner jungen Frau überlassen hatte . Er ward dadurch verstimmt , denn er mochte sich nicht eingestehen , daß er die große Welt und ihre erheiternde Gesellschaft vermisse , und während er sich selbst in seiner jetzigen Gestalt wie ein Fremder erschien , that es ihm weh , sich auch die Herzogin als eine gebrochene und gewandelte Frau denken zu müssen . Von dem Marquis hatte er nun vollends keine Vorstellung . Er war vor fünfzehn Jahren ein hübscher junger Mensch gewesen , mit aller Keckheit und Frühreife eines Provençalen , ein wenig prahlerisch , ziemlich unbesonnen und sehr verliebt ; und obschon der Baron trotz seiner Hinwendung zur Kirche in seinen Urtheilen nachsichtig genug gegen diejenigen zu sein pflegte , welche auf dem von ihm neuerdings verlassenen Wege gingen , so war ihm doch die Aussicht , einen jüngeren Mann von leichten Sitten , dem mancherlei Vorzüge nicht fehlen konnten , zum Hausgenossen zu bekommen , nicht eben erwünscht . Freilich zweifelte er durchaus nicht an der Tugend seiner Gattin , aber an der weiblichen Natur und Kraft im Allgemeinen . Weil er oft genug den Widerstand weiblicher Strenge besiegt hatte , machten seine eigenen Erfolge ihn vor den Erfolgen Anderer bange , und er litt jetzt unter dem Gedanken an früheres Glück , unter dem allgemeinen Mißgeschick der Lebemänner . Nicht minder bedenklich als ihr Gatte fühlte sich Angelika . Sie war zur Eifersucht geneigt , war sich dessen bewußt , und der Blick , der sich ihr in die Vergangenheit ihres Mannes eröffnet , war nicht danach angethan , ihr dieselbe werth zu machen . Sie hatte sich in die Anschauungen eingelebt , daß Gott sie mit ihrem Gatten zusammengeführt habe , damit er sich mit ihr vereint zu einem reinen und heiligen Leben erhebe und in einer makellosen und würdigen Zukunft seine Jugendsünden und die Fehltritte seines Mannesalters sühne . Sie hatte sich der Hoffnung hingegeben , daß er selbst jetzt mit Widerstreben in seine Vergangenheit zurückblicke , daß er abgeschlossen habe mit den Tagen , welche vor ihrer Ehe mit ihm lagen , und sie fand nun plötzlich , daß dem nicht so sei , sondern daß er sich ihrer und aller ihrer kleinen Einzelheiten mit einer Wärme erinnerte , welche eine noch ungebrochene Jugendlichkeit und Schnellkraft der Empfindung voraussetzen ließen . Das beunruhigte Angelika . Sie fing an , es sich zum Vorwurfe zu machen , daß sie so schnell und so ohne weitere Ueberlegung in die Aufnahme der fremden Frau gewilligt hatte . Es fiel ihr ein , wie natürlich es gewesen wäre , der Herzogin das Haus in der Residenz wenigstens für die Dauer des Winters zum Aufenthalte anzubieten . Dann hätte man sie später zu einem Besuche in Richten auffordern , hätte sich gegenseitig kennen lernen mögen ; und wenn es sich auf solche Art erwiesen , daß man zu einander passe , so wäre es ja dann noch immer an der Zeit gewesen , sie zu einem verlängerten Aufenthalte einzuladen , den man ihr jetzt in gewissem Sinne wie eine Wohlthat zugestand . Indeß Angelika verschwieg dem Freiherrn ihre Bedenken . Auch er hielt zurück , was sich Zweifelndes in ihm regte , und nur an den Caplan wendete sich die Baronin , um von ihm zu erfahren , was er von der Herzogin dachte und wußte . Alles , was er von ihr berichten konnte , stammte aber aus der Zeit , in welcher der Caplan noch Reisebegleiter des jungen Freiherrn gewesen war . Er rühmte an der Herzogin ihre sichere Haltung bei völliger Freiheit des Betragens , ihre zuvorkommende Rücksichtnahme auf Andere bei einer entschiedenen Neigung zur Selbstbestimmung und bei einer gewissen Herrschsucht , welche mit ihrer Fröhlichkeit in Widerspruch zu stehen geschienen hätten . Er erzählte mit Wohlgefallen , wie einnehmend sie gewesen sei und wie sehr sie es verstanden habe , ihre Gäste an sich zu fesseln , obschon sie ihnen volle Freiheit gegönnt . Das klang Alles äußerst bestechend , machte aber der Baronin doch kein sonderliches Vergnügen , und auch der Caplan schien nicht grade erfreut über die Aussicht auf den bevorstehenden Besuch . Er kannte noch besser als sie selbst den leicht beweglichen Sinn des Freiherrn und die Ansprüche , welche Angelika an die Gesinnungstreue der Menschen machte . Er dachte des schweren Zerwürfnisses , welches zwischen den Eheleuten Statt gefunden und das kaum noch Zeit gehabt hatte , auszuheilen ; und obgleich er sich sagte , daß es sein Bedenkliches habe , wenn zwei sehr ungleiche Charaktere lange ausschließlich auf einander angewiesen blieben , und daß die Gegenwart zwischen ihnen stehender Personen oftmals einen Zusammenstoß verhindere , der sonst nicht wohl ausbleiben könne , so war es ihm , wenn er an das freiherrliche Ehepaar gedachte , doch zweifelhaft , ob eben die Herzogin dazu geeignet und wie weit ihr Bruder dazu gemacht sein würde , diese wohlthätige Wirkung auszuüben . Indeß auch er behielt seine Besorgniß vorsichtig für sich und da sowohl der Freiherr als Angelika hülfreichen Herzens waren , so schämten beide sich innerlich der halben Abgeneigtheit gegen die erwarteten Gäste , Ja , sie zeigten sich eben deßhalb doppelt bemüht , es an keiner Vorsorge und Rücksicht für sie fehlen zu lassen , und für ihren Empfang und Aufenthalt Alles in einer Weise vorzubereiten , welche den eigenen Wohlstand und Rang , den Geschmack der Hausfrau , die dankbare Erinnerung des Barons und zugleich die Verehrung und den Antheil ausdrücken sollte , welche man für die unglücklichen und sich selbst getreuen Standesgenossen hegte . Man war alltäglich mit der Vorsorge für sie beschäftigt . Der Baron und Angelika wußten immer noch irgend eine kleine Bequemlichkeit , eine Zierath in die Gemächer zu schaffen , die man schon jetzt als die Zimmer der Herzogin bezeichnete , bis man sich an dem Tage , an welchem die Fremden zu erwarten standen , sagen durfte , daß man jetzt das Mögliche mit bestem Willen für sie gethan habe . Die ganze Woche hindurch hatte es sehr scharf gefroren , am Morgen war nach langer Zeit wieder einmal Schnee gefallen , und gegen den Abend hatte ein scharfer Nordwind , der eisig über die Felder und durch die Wälder hinsauste , die Wolken verjagt , so daß die Sterne an dem Himmel flimmerten und man trotz der Dunkelheit es aus den Fenstern sehen konnte , wie die weiße Fläche sich weithin ausbreitete und die mächtige Linden-Allee , welche zum Schlosse führte , ihre gewaltigen beschneiten Aeste zum Himmel erhob . Draußen wurde der Wind immer heftiger . Bald zog er in langsamem Stöhnen über die Gegend hin , bald rang sich aus dem Stöhnen ein plötzlicher Sturmstoß hervor , unter dessen Wucht die Aeste der Bäume knarrten , die Wetterfahnen auf dem Schlosse sich kreischend auf ihren Stangen herumdrehten , und die Krähen , welche sich zur Nachtruhe darauf niedergelassen hatten , erschreckt aufflogen und krächzend eine neue Ruhestätte suchten . Einmal schlug eine Thüre zu , die man in dem Seitenflügel des Schlosses , in dem sich die Wirthschaftsräume befanden , offen gelassen hatte ; dann hörte man , wie mühsam bei dem Froste das Rad am Ziehbrunnen sich bewegte und wie der Ruß in den Kaminen und Schloten leise klingend herniederrieselte . Es mochte sieben Uhr sein . Um diese Zeit konnte die Herzogin eintreffen , und schon seit einer halben Stunde hatte man am Anfange der Allee die Pechtonnen angezündet , deren Feuer dem Gaste ein erstes Willkommen in die Ferne zurufen und die Nähe der befreundeten Wohnung anzeigen sollten . Unten in der Halle und auf den Treppen und Gängen war Alles festlich erleuchtet . Die Dienerschaft hatte ihre Galalivreen angelegt , Windlichter standen bereit , um bei dem ersten Peitschenknalle des Kutschers der Herzogin entgegengebracht zu werden , und oben in ihrem Wohnzimmer ging die Baronin auf und nieder , hier in müßiger Unruhe ein Buch zurecht legend , dort ein Bild grade richtend , bis sie sich ermüdet an dem Kamine niederließ , von dem sie sich bald wieder erhob , um an das Fenster zu treten und in die dunkle Nacht hinauszuschauen . Der Baron hingegen saß ruhig lesend an dem Tische , der mitten in dem Zimmer stand . Nur von Zeit zu Zeit warf er einen Blick auf Angelika , wenn sie eben an ihm vorüberkam , und sah nach der Uhr hinüber , die in großem , vielschnörkligem Gehäuse auf dem Simse des Kamines stand , hell von den Kerzen der schweren Armleuchter beschienen . Das verdroß Angelika , denn die Aufgeregte fühlte sich durch die Ruhe ihres Mannes getadelt , und als sie wieder eine Weile am Fenster gestanden hatte , wendete sie sich um und sagte : Ich fürchte , wir jagen der Herzogin einen Schreck mit unserm Freudenfeuer ein . Der Sturm erstickt es wieder und wieder , und der Qualm allein wird ihr entgegenkommen . Ich gäbe viel darum , wenn sie einen freundlicheren Abend für ihre Ankunft getroffen hätte . Ja ! versetzte der Freiherr , das Wetter ist sehr rauh ! und nach der Fensterseite blickend , fügte er hinzu : Die Feuer scheinen aber doch eben jetzt erträglich zu brennen ! Dann wendete er sich gelassen zu seinem Buche . Indeß Angelika mochte des Schweigens müde sein , denn sie bemerkte : fremd , wie der Norden der Herzogin sei , müsse dieselbe doppelt widerwärtig von der Kälte berührt werden . Der Freiherr entgegnete , daß auch in der Provence heftige Winterstürme wütheten , und daß die Herzogin doch bereits zwei deutsche Winter durchlebt habe . Und wieder herrschte eine Weile das frühere Schweigen , und wieder ging Angelika auf und nieder , bis sie nicht ohne einen Anflug von übler Laune die Frage aufwarf : ob der Freiherr sich etwa vorgenommen habe , das Buch , mit welchem er sich beschäftige , noch vor der Ankunft ihres Gastes zu beenden . Nein , o nein ! antwortete der Freiherr , indem er sich erhob und das Buch zusammenlegte ; ich liebe es nur nicht , mich unnöthig in den Zustand eines Wartenden zu versetzen . Als ob man das in seiner Gewalt hätte ! wendete Angelika ein . Ich wüßte wirklich nicht , meinte der Baron , was so völlig von uns selber abhängt , nichts , was uns so schmählich um die Zeit betrügt , als jenes Warten , das mit seiner Ungeduld das Herankommen eines bevorstehenden Ereignisses beschleunigen möchte . Man verwandelt auf diese Art einen Zustand , in welchem wir uns nothwendig leidend verhalten müssen , in einen gewisser Maßen thätigen , und man wird durch diese fruchtlose Anstrengung , die sich von Minute zu Minute steigert , so gequält , daß man dem erwarteten Ereigniß oder der erwarteten Person , eben um deßhalb meist überreizt oder abgespannt , also jedenfalls nicht in wünschenswerther Verfassung entgegentritt . Kann es denn Jemanden verletzen , fragte Angelika , ungeduldig und lebhaft erwartet worden zu sein ? Gewiß , meine Beste ! denn es ist nicht angenehm , zu erfahren , wie man seinen Wirthen ein Unbehagen verursacht habe , und noch weniger angenehm , es gleich zum Willkommen betheuern zu müssen , daß man die Schuld der verzögerten Ankunft nicht trage . In allen Lebensverhältnissen sind ein gemächliches Gehenlassen und eine gewisse anspruchslose Gleichgültigkeit vortreffliche Unterlagen für ein behagliches Zusammenleben . Soll das eine Anmahnung für mich sein ? fragte die Baronin . Ja ! entgegnete er , eine Anmahnung für Dich , an die Du mich erinnern sollst , wenn Du sie mir nöthig findest ; denn in rechter Weise Gastfreundschaft zu üben , ist eine schwere Kunst , ist eine Selbstprüfung , der nur wenige Familien gewachsen sind . Und ich würde angestanden haben .... Angelika blickte betroffen zu ihm empor , aber es blieb ihnen keine weitere Zeit für diese Erörterungen . Das sind sie ! rief der Baron , als fern im Dorfe ein Hund anschlug . In demselben Augenblicke meldete ein Diener , daß die Herrschaften kämen , man könne bereits das Licht in den Wagenlaternen blinken sehen . Angelika trat an das Fenster , es war im Hofe plötzlich lebendig geworden . Das Bellen der Hunde , das Zurückschlagen der großen eisernen Gitterthüren , die Stimme des Haushofmeisters ließen sich vernehmen . Im unteren Corridore öffnete man hier und dort ein Zimmer ; der Kammerdiener des Barons hatte ihm den Hut und den pelzverbrämten Sammetrock herbeigeholt und stand wartend an der Thüre . Angelika und ihr Gatte sahen zum Fenster hinaus . Er hatte den Arm um ihren Leib geschlungen , ihre Hand ruhte auf seiner Schulter und sie sprachen beide nicht . Endlich hörte man das Knallen der Peitschen ; der Vorreiter , den man den Gästen des Schneefalles wegen bis zur nächsten Station entgegengesandt hatte , ritt in den Hof , und der Baron trat in das Zimmer zurück , um seinen Pelz anzulegen und der Herzogin entgegen zu gehen . Da faßte Angelika schnell seine Hand . Franz , sagte sie , mich überfällt plötzlich eine kindische Angst ! Vor der Herzogin ? fragte der Baron lächelnd und wollte dem Diener folgen , der sich eben entfernt hatte . O , lache nicht ! rief sie , so wie jetzt , ist mir in meinem Leben nicht gewesen , und könnte ich mit den schwersten Opfern es verhindern , daß die Fremden mit uns leben , ich wollte diese Opfer bringen ! - Die Thränen kamen ihr dabei in die Augen und ihre Aufregung war unverkennbar . Der Freiherr war erschrocken , aber es war keine Zeit zu verlieren . Ich beschwöre Dich , Kind , verbanne diese Gedanken ! bat er dringend . Komm , gieb mir die Hand ; sind wir doch Eins , waren wir doch Eins in der Ueberzeugung , daß wir der befreundeten fürstlichen Frau hier eine Zufluchtsstätte bereiten müßten - woher also diese Aufregung ? Woher dieses thörichte , thörichte Bangen , Du liebes , zaghaftes Weib ? Er nahm sie in seine Arme , er küßte sie , und er liebte Angelika , weil sie ihn oft schwach gesehen hatte , stets am meisten , wenn sie sich hülfsbedürftig an ihn lehnte . Weine nicht , sei schön und heiter , bat er , als er dann eilig von ihr ging . Aber die Heiterkeit wollte ihr nicht kommen , und bangen Herzens schaute sie in den Hof hinunter , in welchen eben jetzt die Kutsche einfuhr . Wenn jetzt ein Stern herniederschießt , sagte sie , plötzlich in die Höhe blickend , so soll mir das ein Zeichen sein , daß ich guten Muthes sein darf und daß es Freunde sind , die mir nahen ! Sie schaute empor , zur Rechten , zur Linken - es blieb Alles dunkel . Das bedrückte ihr das Herz , und eben wollte sie sich vom Fenster entfernen , um die Herzogin zu empfangen , da wandte sie den Kopf noch einmal zurück , und hell und strahlend schoß ein Lichtstreifen vom Zenith quer zum Horizont hinab . Gottlob ! rief Angelika , und mit hellem Auge und freudiger Bewegung eilte sie auf die Herzogin zu , welche eben jetzt am Arme des Barons in das Zimmer eintrat . Vierzehntes Capitel Mitternacht war vorüber , als Angelika selbst die Herzogin nach ihren Gemächern geleitete und von dieser mit einer Umarmung entlassen wurde . Nun , Angelika , fragte der Freiherr , als seine Gattin zu ihm zurückkehrte , wie gefällt Dir unser Gast ? Wie kann von Gefallen die Rede sein , rief die Baronin mit einer ihr ungewöhnlichen Lebhaftigkeit aus , wo man sich wie von einem Zauber umfangen fühlt ? Ich hatte mir die Herzogin nach Deinen und des Caplans Schilderungen nicht schön gedacht , und schön ist sie auch nicht , wenigstens nicht in dem Sinne , den die Menge mit dem Worte verbindet ; aber ich meine , wenn man einmal in diese sanften , blauen Augen geblickt hat , so kann man nicht mehr aufhören , sich nach ihnen hinzuwenden ; sie sind so klug und dabei so mild , daß es mir leid that , wenn sie die Lider senkte und der dunkle Vorhang ihrer Wimpern mir die hellen , freundlichen Sterne entzog . Der Freiherr lächelte . Du wirst dichterisch begeistert , meinte er , und ich habe Dich in der That noch nie für Jemanden so schnell und so entschieden günstig eingenommen gesehen . Uebrigens hat die Herzogin sich wirklich gut erhalten . Das ist ein Vorzug dieser feinen , kleinen Gestalten und der hellen Blondinen . Ihr Haar ist noch schön , selbst unter dem Puder , und der Contrast desselben mit den schwarzen Wimpern , der ihre Physiognomie reizend machte , als sie jung war , wirkt noch anziehend . Und wie kleidet sie sich , wie spricht sie ! rief Angelika mit der früheren Erregung . Es ist Alles Harmonie an ihr ! Das schöne , weiche Haar , welches an ihrer Stirne herabfällt , und das weiche , graue Schleppkleid und ihr leises , sanftes Sprechen , Alles stimmt zusammen . Dieser Frau muß sich das Herz der Menschen öffnen , wie dem Frühlingslichte ; diese Frau werde ich lieben , das fühle ich . Der Freiherr hörte das mit Verwunderung . Er selbst war bewegt worden durch das Wiedersehen Margarethen ' s. Ihre edle Bildung , ihre einfache Würde hatten ihm jetzt in ihrem Unglücke einen erhöhten Eindruck gemacht , aber er war weltgewohnter , hatte in sich doch immer den Vergleich zwischen der jetzigen und der früheren Erscheinung seiner Freundin zu machen , und da er überhaupt in seinen Urtheilen zurückhaltend war , wenn nicht eine leidenschaftliche Erregung seinen Sinn bewegte , so machte die außerordentliche Bewunderung , welche Angelika für die ihr noch fremde Frau an den Tag legte , eine entgegengesetzte Wirkung auf ihn . Er hätte nicht sagen können , weßhalb ihm die Begeisterung Angelika ' s mißfiel , aber er glaubte sie bekämpfen oder ihr doch wenigstens Schranken setzen zu müssen , und während er die Baronin bisher stets für die Herzogin zu gewinnen und einzunehmen gesucht hatte , erinnerte er sie jetzt daran , daß es nicht weise sei , in ein neues Verhältniß mit hochgespannten Erwartungen einzutreten , weil man damit nicht nur sich selbst Enttäuschungen vorbereite , sondern auch demjenigen Unrecht thue , von dem man Außerordentliches erwarte , ohne zu wissen , in wie weit er gewillt und fähig sei , ein solches zu leisten . Diese Mahnung betrübte die Baronin . Du weißt , sagte sie mit einem Anfluge von Empfindlichkeit , wie gern ich bereit bin , mich Deiner mir überlegenen Erfahrung unterzuordnen ; aber mich dünkt , bisweilen wäre es großmüthiger von Dir , mich den Irrthümern meines Alters zu überlassen . Es ist ein solches Glück , eine recht volle , große Bewunderung zu fühlen , und daß die Herzogin mir Gutes bringt , dafür habe ich ein Zeichen . Der Freiherr wollte wissen , worin dieses Zeichen bestehe ; Angelika verweigerte neckend , es zu sagen , da sie bemerkt hatte , daß ihre nicht absichtslose Erwähnung des Altersunterschiedes zwischen ihr und ihrem Manne diesem nicht angenehm gewesen war , und als er dann , ebenfalls scherzend , mit Bitten in sie drang , legte sie die Arme über einander , blickte ihm in die Augen und sagte : O , frage mich nicht ! Sie hatte dabei Bewegung und Ton der Herzogin nachgeahmt , und das stand ihr vortrefflich , denn Frauen von ernstem Sinne , die immer nur in der Wahrheit leben , immer nur sie selbst sind , bekommen leicht etwas Strenges in ihrer Physiognomie und Haltung , und das war Angelika ' s Fall . Sie verschmähte den Schein in jedem Betrachte , und doch ist der schöne Schein die eigentliche Form , in welcher der Mensch sein Wesen kund zu geben hat , wenn es nachhaltig wohlthuend und in jedem Augenblicke erfreulich auf Andere wirken soll . Auch das Höchste und Erhabenste kann der schönen , der durch Bildung und Achtsamkeit zur Natur gewordenen Form nicht entbehren , und es entzückte den Freiherrn , als er plötzlich gewahr wurde , daß Angelika , bestochen von der Anmuth der Herzogin , sich selber nicht mehr genügte , daß sie in neuer Weise ihm zu gefallen bemüht war , weil sie selbst ein lebhaftes Wohlgefallen empfunden hatte . Er sagte ihr verbindlich , daß die kleine Coquetterie sie reizend mache , sie versicherte , daß er das Vergnügen , sie reizend zu finden , der Herzogin verdanke , und von Wort zu Wort , von Scherz zu Scherz fortgetragen , fanden die Eheleute sich in eine Art der Unterhaltung und in eine geistreiche Heiterkeit versetzt , wie sie nie zuvor zwischen ihnen Statt gefunden hatte . Als Braut war Angelika zu schüchtern dafür gewesen , und nach ihrer Verheirathung zu kummervoll . Dann hatte die Richtung auf das Religiöse sie gefangen genommen , und obschon der Baron sich in diese Richtung hineinziehen lassen , ja , zu Zeiten selbst Trost und Beruhigung aus ihr geschöpft hatte , so waren doch die alte Gewohnheit und Neigung des Welt- und Lebemannes nicht in ihm erloschen , und der Gedanke , daß Angelika zu ernst , zu streng , zu unjugendlich sei , war in ihm häufig aufgestiegen . Er kam sich selbst verjüngt vor , und er schien auch Angelika jünger und liebenswürdiger , als sonst , da er sich in dem ihm natürlichen Tone freier Heiterkeit bewegen durfte , so daß er ihr aussprach , wie ihr Frohsinn ihn nicht nur um seinetwillen , sondern auch um ihres Knaben wegen freue . Ich habe wirklich oftmals besorgt , sagte er , Deine ausschließliche Hinwendung auf das Ernste und Erhabene könne unserem armen Renatus , wenn er uns heranwächst , sein junges Leben trüben ; und wenn ich mir vorstellte , daß mein Sohn , daß ein Arten ohne Freiheit , ohne Heiterkeit , ohne ein wenig Uebermuth und Tollheit , ohne die es nun einmal bei Unsereinem nichts werden kann , erzogen werden sollte , so habe ich wohl bisweilen den sündhaften Wunsch gehegt , Du möchtest unbedeutender und harmloser sein , und daran gedacht , den Caplan zu entfernen , wie hart mir das auch angekommen wäre . Denn .... Denn Renatus geht Dir über Alles , schaltete Angelika ein , welche in der Stimmung war , selbst solche Aeußerungen ihres Mannes , da sie mit lachender Lippe und zärtlichem Auge gesprochen wurden , unbefangen aufzunehmen . Ja , wiederholte der Baron , Renatus geht mir über Alles . Ist er nicht der Träger unseres Hauses und Dein Sohn ? Sie waren damit in das Nebengemach gegangen , in welchem das Kind in seiner Wiege schlief , und als die Wärterin die Gardine zurückschlug , damit die Eltern , wie sie es an jedem Abende thaten , den Kleinen noch einmal betrachten konnten , neigte sich die Mutter zu ihm hernieder , küßte sein Händchen , das auf der seidenen Decke lag , und sagte : Also Dir und Deinem Vater , Du lieber Engel , ist die gute Herzogin auch zu Hülfe gekommen ! Nun , dafür wollen wir sie aber auch von Herzen lieben ! Sie hatte auch das wieder mit jenem ihr neuen Tone scherzender Coquetterie gesprochen , und sie