; allein wie er sich auch abquälte , jetzt brachte er noch keinen Zusammenhang zwischen jenen Abend im Posthorn zu Windheim und die heutige Unterredung im Fichtengehölz . Alle Einzelheiten jenes Abends rief er sich zurück ; jedes Wort , welches damals gesprochen wurde , war ihm wichtig , weil er dadurch das Rätsel des heutigen Tages glaubte lösen zu können . Er löste es jedoch nicht ; nur die Gestalten des alten Soldaten und des jungen Mädchens , die allmählich so ziemlich in seiner Erinnerung erloschen waren , waren wieder klar geworden , und vorzüglich das Bild Franziskas stand in lebenskräftigen Farben vor seiner Seele . Er kam heim und wurde auf die gewohnte Art halb gleichgültig , halb abweisend empfangen ; unwillkürlich fühlte er nach dem Papierstück , welches ihm der Leutnant gegeben hatte ; er würde es schwer empfunden haben , wenn er es unterwegs verloren hätte . In seinem unbehaglichen Zimmer war das Feuer erloschen , als er nach dem Abendessen hinaufstieg . Er fühlte die Kälte nicht , er saß am Tisch nieder , legte das Blatt mit der Adresse vor sich hin und begann sein Grübeln von neuem . Als die Fabrikglocke zwei Uhr schlug , hatte er das Schreiben an den Geheimen Rat Götz fertig und kroch im halben Fieber ins Bett ; als er aber am andern Morgen aus einem tiefen Schlaf erwachte , fühlte er sich erleichtert wie seit langer Zeit nicht . Während des Ankleidens fielen ihm freilich noch einige gute Sätze ein , die er dem Briefe hätte anfügen können ; allein da das Siegel einmal aufgedrückt war , so behielt er sie für sich , und der Bote des Prinzipals nahm das inhaltsvolle Schreiben um zehn Uhr mit zur nächsten Poststation . Hans Unwirrsch sah dem Kerl und der ledernen Tasche nach bis zum Hoftor ; dann seufzte er tief auf wie ein Mann , der eine schwere Last niedergesetzt hat ; darauf nahm er sich vor , nun gar nicht mehr zu denken an den Kerl , an die Tasche , an den Brief und an den Leutnant Rudolf Götz , sondern sich ganz seinen Zöglingen zu widmen . Die armen Jungen hatten gegründete Ursache , sich über ihren Lehrer zu verwundern , er trichterte mit einer Krampfhaftigkeit , daß ihnen der Kopf brummte ; und der Prinzipal der , wie wir wissen , scharf Achtung gab , sagte zu seiner Gemahlin : » Der arme Teufel , er fängt doch an , mir leid zu tun . Alle Mühe gibt er sich , das muß man ihm lassen ; aber behalten kann ich ihn nicht . Was hilft mir alle Gelehrsamkeit , wenn sie solche frivolen Grundsätze zutage fördert ! Das Volk zieht die Kappen nicht tiefer vor mir als vor ihm , je eher der Mensch also geht , desto besser ist ' s für uns beide . « Vierzehn Tage vergingen , vierzehn Tage voll wechselnden Februarwetters , und Hans Unwirrsch dachte seinem Vorsatz zuwider sehr , sehr häufig an seinen Brief und den Leutnant Götz . Zwischen der Fabrik und der Poststation wanderte der Briefsack hin und her , aber kein Schreiben fiel für den Präzeptor heraus . Jeden Abend legte sich Hans bedrückter zu Bett , und jeden Morgen erwachte er hoffnungsleerer . Wenn die Witterung es irgend erlaubte , wanderte er zu den Fichten , mit dem Gefühl , als werde ihn dort das treffen , was er neben dem hohen Schornstein mit so nervösem Bangen so vergeblich erwartete . Aber niemand saß , wenn er aus dem Gebüsch trat , auf dem Stein , weder die alte Frau , die sich in die allerschönste und gütigste Fee verwandeln konnte , noch der Herr Geheime Rat Götz , der einen Hauslehrer suchte . Und wenn nun Hans selber niedersaß und wartete , so sah er wohl dann und wann irgendein Menschenwesen vorbeiziehen ; aber der Leutnant Götz trabte nicht um die Waldecke . Immer bedrückter und hoffnungsloser kehrte Hans von den Fichten heim . An den Prinzipal kam in der ledernen Brieftasche ein Brief von dem neuen Präzeptor , der seine demnächstige Ankunft meldete . - Der achtundzwanzigste Februar fiel auf einen Sonntag , und es regnete an diesem Sonntage fast ununterbrochen . Die nächste Kirche war eine Stunde von Kohlenau entfernt , und der Weg dahin war bei solchem Wetter mit so großen Beschwerden verbunden , daß der Pastor an solchen Tagen seine Predigt so ziemlich für sich und seinen Küster allein hielt . Auch Hans Unwirrsch hatte sich von derartigem Wetter öfters abhalten lassen , die schönen Reden anzuhören ; aber in seiner jetzigen Stimmung zog er den schlimmsten Weg dem ruhelosen Stillsitzen im Hause vor . Unter seinem Regenschirm watete er kläglich durch die aufgeweichten Felder , und die durchnäßten Meisen und Spatzen in den tröpfelnden Hecken zogen die Köpfe unter den Flügeln hervor und blinzelten ihm mit spöttischem , aber leisem Gezirp nach . So grau der Himmel war , so grau war die Predigt ; kläglich erklang der Gesang der sechs andächtigen Christenleute , welche die andächtige Versammlung bildeten , und doch verließ der Hauslehrer von Kohlenau nur ungern die Kirche , als der Gottesdienst zu Ende war , und der Heimweg war fast noch schlimmer als der Herweg . Eine Stelle gab ' s auf diesem Pfade , die vorzüglich Lust hatte , unvorsichtige Wanderer mit Haut und Haar zu verschlingen ; und als Hans hügelab auf sie zutrabte , vernahm er in der Tiefe ein großes Geplatsch und Gefluche und erblickte richtig ein unglückliches Menschenkind im Kampf mit den unsaubern Geistern des Abgrundes . Ein Postbote im blauen Rock mit rotem Kragen war ' s , und ein Glück war ' s , daß Hans ihn vom Versinken rettete , denn einen rekommandierten Brief , gerichtet an den Kandidaten Unwirrsch , trug er in der Tasche , und dieser Brief war von dem Geheimen Rat Götz . Seine Sterne und den Zufall , der ihm den Rest eines solchen Weges erspart hatte , preisend , verschwand der blaugerockte Mann mit aller Münze , die Hans bei sich geführt hatte , im Nebel und Regen ; - Hans Unwirrsch aber stand am Rande des Abgrundes und hielt das Schreiben in zitternder Hand , und der Regen trommelte auf seinem Regenschirm . Es dauerte eine geraume Zeit , ehe er sich so weit gefaßt hatte , daß er das Siegel erbrechen konnte . Wenig mehr stand in dem Brief , als daß sich der Herr Kandidat am achten März , mittags um zwölf Uhr weniger fünfzehn Minuten - pünktlich und persönlich dem Geheimen Rat vorstellen möge ; aber auch dieses wenige genügte , um die schwerste Last der Ungewißheit von der Brust des armen Hans abzuwälzen . Tief aufatmete der Befreite , und dann setzte er seinen Weg fort ; er schwebte jetzt über den Dreck , und nach seiner Heimkehr verwendete er den Nachmittag dazu , seine Habseligkeiten zusammenzupacken . Gern überließ er seinem Nachfolger das Zimmer mit der schönen Aussicht auf den Schornstein und wünschte ihm von Herzen , daß er sich wohler darin fühlen möge , als er - Hans Unwirrsch - sich darin gefühlt hatte . Der Prinzipal freute sich , wie er sagte , herzlich über die gute Aussicht auf eine neue , angenehme Stellung , welche sich dem Herrn Kandidaten eröffne ; die Prinzipalin zeigte sich von ihrer liebenswürdigsten Seite ; die Schwägerin , die von allen Seiten liebenswürdigst war , fing an , für den abziehenden Präzeptor einen Geldbeutel in Seide und Perlen zu arbeiten , beglückte damit aber erst den folgenden jungen Pädagogen zum Heiligen Christ . Die Knaben nahmen von ihrem jetzigen Lehrer nicht ohne Rührung Abschied ; auf der Landstraße befand sich Hans Unwirrsch nun eher wieder , als er es sich vorgestellt hatte . Seinen Koffer hatte er zurückgelassen , nachdem der Buchhalter versprochen hatte , denselben später auf Order nach jedem beliebigen Ort zu spedieren ; mit einer leichten Reisetasche wanderte Hans aus , seinem weitern Schicksal entgegen . Ein leichter Frost hatte den Boden gefestigt ; man blieb nicht mehr darauf kleben , sondern schritt frei und elastisch darüber hin . Die Spatzen und Meisen saßen auch nicht mehr kümmerlich und kläglich in den Hecken ; lustig flogen sie umher , und die Sonne schien in den Nebel , der sich senkte , eine Reihe guter Tage versprechend . Da war der Fichtenwald mit seinem morgendlichen , aromatischen Duft , und der Kandidat nahm den Hut ab , als er in den heiligen Schatten trat , setzte ihn aber der Kühle wegen wieder auf . Da war der Stein am Wege , und auf dem Stein - auf dem Stein saß wahrhaftig was , das sich erhob , militärisch grüßte und im fröhlichen Baßton sprach : » Guten Morgen , Herr Kandidate ! « Ein Wunder mußte geschehen an diesem Morgen , Hans Unwirrsch hatte es bei jedem Schritt erwartet und vorgefühlt . Jetzt war es da und erschien zuletzt gar nicht einmal als ein Wunder , sondern als ein ganz natürlicher Vorgang . Der Leutnant Rudolf Götz wenigstens fand durchaus nichts Verwunderungswürdiges an diesem abermaligen Zusammentreffen an dieser Stelle . Der wackere Soldat hatte natürlich Kenntnis von dem Briefe seines Bruders , und da er sonst nichts Wichtiges zu tun hatte , machte er sich auf , den Präzeptor von Kohlenau abzuholen , um ihn an den Bestimmungsort abzuliefern . Diese Wendung gab er selber der Sache , und Hans nahm sie gläubig an ; der Gute ahnte ganz und gar nicht , daß der alte Krieger einen sehr bestimmten Zweck dabei hatte , grade diesen Präzeptor in das Haus seines Bruders zu bringen ; aber da wir teilweise diese Geschichte auch dieses Zweckes wegen erzählen , so wird es nicht nötig sein , daß man an dieser Stelle mehr davon erfahre als der Kandidat . Eine umsponnene Flasche , die Hans bereits kannte , reichte der Leutnant dem jungen Theologen zum Willkommen und zum Wahrzeichen , daß die Begegnung im Fleisch und in der Wirklichkeit vor sich gehe ; dann erkundigte er sich sehr teilnehmend nach dem Befinden des Jünglings , und dann schlug er vor , daß man weiterwandere . Nun wagte es Hans auch , sich nach dem Befinden der Nichte zu erkundigen , worauf der Alte mit Gebrumm meinte , daß es ihr leidlich gehe , daß es ihr aber noch viel besser gehen könne und daß man im Grunde in einer Lumpenwelt lebe . Der Kandidat dachte an den Oheim Grünebaum , der das letztere ebenfalls öfters mit demselben Worte , aber eigentlich ohne genügenden Grund verkündigte , und sah mit Mitgefühl auf das arme Pack , das ihm und seinem Reisegenossen begegnete . Wahrlich , manch eine zerlumpte Kreatur hielt den Präzeptor an und nahm Abschied von ihm , mit Tränen oder einem Kratzfuß - Hans Unwirrsch hatte eine große und nette Bekanntschaft in dieser schönen , flachen Gegend . Aber der Wald ging zu Ende , hinter dem Walde lag das Dorf Plackenhausen und in dem Dorf das Wirtshaus zum Schnabel , vor dessen Tür dem Leutnant schwach wurde und er einiger geistigen Anregung und eines Frühstücks bedurfte . Nachdem dasselbe eingenommen war und Hans auch von den Wirtsleuten einen gerührten Abschied genommen hatte , behauptete der Leutnant , daß ein Frühstück ihn stets am Marschieren hindere , und es fand sich vor der Tür ein Gefährt auf zwei Rädern , das von einem Roß gezogen wurde und in welchem zwei Herren behaglich nebeneinander sitzen konnten . In diesem Fuhrwerk setzten der Soldat und der Theologe ihre Fahrt bis zur Stadt * * fort , wo sie um Mittag anlangten . Dann führte sie die Eisenbahn weiter bis zur letzten Station vor der großen Allerweltsstadt , die von nun an der Aufenthaltsort Hans Unwirrschs sein sollte . Auf der letzten Station aber verließen die beiden Reisenden den Zug auf Wunsch des Leutnants , welcher behauptete , es sei besser , in das neue Leben zu Fuß einzuwandern , da man dem Geist dadurch Gelegenheit gebe , sich zu beruhigen , und da er - Rudolf Götz - noch eine Geschichte zu erzählen habe , welche er am besten im Marschieren von sich geben könne . Dem Präzeptor war dieser Vorschlag höchst angenehm , mit Vergnügen sah und hörte er den Dampfzug fortschnauben , - rasseln und - klappern , mit Behagen atmete er die scharfe Luft des nahenden Abends ein . Ungemein belebend und kräftigend hatte bereits die Reise und die Gesellschaft des Leutnants auf ihn gewirkt ; Kohlenau mit dem grämelnden Herrn im roten , blauquastigen Fes , Kohlenau mit der harten Prinzipalin und der weichen Schwägerin , Kohlenau mit seinen Aschenhaufen und Kohlenhaufen , seinen Rädern und Rollen , seinem Gezisch und Gesause , seinem Schornstein und seinen Dämpfen und Dünsten , Kohlenau war hinter ihm versunken , als wäre es nie dagewesen . Hans Unwirrsch stand mit Wanderstab und Reisetasche auf dem Bahnhof wie ein Abenteurer vom reinsten Wasser ; er fühlte sich fähig , dem seltsamen Begleiter in die möglichsten und unmöglichsten Fährlichkeiten und Wunder zu folgen , und der bleiche zunehmende Mond sah durch das gesänftigte Sonnenlicht lächelnd auf den verwegenen jungen Menschen herab . Fünfzehntes Kapitel Von mancherlei Dingen hatten die beiden Reisenden auf ihrer Fahrt bis jetzt gesprochen . Wieder hatte der Leutnant seinen Begleiter , wenn auch wie einen Schwamm , so doch immer auf die unverfänglichste Weise ausgepreßt . Der alte Schlaukopf hatte den Kandidaten gleich einem Buche durchblättert , und die Notizen , die er sich dabei gemacht hatte , schienen ganz und gar befriedigend ausgefallen zu sein ; denn jetzt klappte er - um diesen Vergleich fortzuführen - das Buch zu und seufzte behaglich , während er mit dem Begleiter in die stille , kalte Abendlandschaft hineinschritt . Es war zwischen vier und fünf Uhr nachmittags , und die Sonne ging , dem Kalender nach , erst um fünf Uhr fünfzig Minuten unter . Ein bläulicher Nebel lag über der Ferne , ein zarter Hauch überzog die grünen Spitzen der jungen , keimenden Saat . Still war ' s auf der Landstraße , still auf den Feldern , still lagen die fernen Dörfer im Duft , nur das dumpfe Geroll des forteilenden Bahnzuges vernahm man noch aus der Weite , aber auch es verhallte , die weiße Wolke verschwand im Dunst des Horizontes ; - nun war es ganz still . » Also , Freund « , sagte der Leutnant zu Hans , » mit Ihnen wären wir fertig . Jetzt wird es nötig sein , daß Sie auch von mir und dem , was daran bummelt , eine nützliche Erkenntnis gewinnen und daß Sie etwas über das Haus erfahren , zu welchem ich Sie führe . Wer weiß , ob Sie den Quartiermacher nachher nicht tausendmal zum Henker wünschen ? Ja , sehen Sie mich nur an , schütteln Sie nur den Kopf : für Wanzen , Flöhe und dergleichen Ungeziefer wird nicht garantiert . Doch zur Sache ! Wir waren unserer drei Brüder Götz . Ich bin der älteste , Theodor , der Geheime Rat , ist der zweite - der arme Felix war der jüngste und ist leider zuerst kaputtgegangen , das Fränzchen ist seine Tochter ; doch von der ist jetzt nicht die Rede . Unser Papa war zu der Zeit geboren , als der Siebenjährige Krieg seinen Anfang nahm , um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts ; ich bin 1782 geboren und also jetzt ein rüstiger Sechziger , Theodor ist ein starker Fünfziger , und Felix kam um vierundneunzig ans Licht : der hatte den Teufel im Leib , und der Satan hat ihn auch geholt . Unser Alter war Justizbeamter eines jetzo glücklich mediatisierten Grafen am Harz ; es war ein grillenhafter , kränklicher Knabe , der seine Frau , unsere Mutter , vor der Zeit zu Tode quälte und uns mancherlei erdulden ließ , dazu unmenschlich gelehrt ; und seine Bibliothek war weit in die Runde berühmt ! Uns hätte er nur allzugern ebenfalls zu solchen trübseligen Vielwissern , von denen er ein bejammernswertes Exemplar war , erzogen ; aber es gelang ihm nur beim Theodor , der überdies an den Skrofeln litt . Ich ging im Jahre 1798 auf die Forstschule , und Theodor bezog seinerzeit die Universität , um die Juristerei zu studieren . Felix hatte damals eben das Laufen gelernt . Wir kamen , obgleich die Welt voll mächtigen Spektakels war , ziemlich ruhig in das neunzehnte Jahrhundert hinüber ; ich erhielt eine hochgräfliche Unterförsterstelle , Theodor sah als Auskultator sich den Einzug der Franzosen in der Hauptstadt an , Felix saß auf einem Gymnasium , bis man ihn von demselben fortjagte . Ich glaube , Theodor kümmerte sich am wenigsten darum , was damals aus dem deutschen Lande geworden war ; ich ging nach dem achtzehnten Oktober Anno sechs mit nach Ostpreußen und war bei Eylau und allem , was daran hängt . Leutnant wurde ich bald , zog mit Yorck nach Rußland und hatte die Wacht vor dem Hauptquartier zu Tauroggen . Daran will ich noch auf meinem Todbett mit Vergnügen gedenken ; - habe sonst wenig Vergnügen in der Welt gehabt . Von dem , was darauf geschehen ist und wie der Sündenknäuel abgewickelt wurde , will ich nicht weiter sprechen , jedes Kind weiß davon zu erzählen . Ich war bei manchem lustigen Tanz , bis wir von der Weichsel an die Elbe kamen . Um seine lieben Verwandten konnte man sich im Tumult wenig bekümmern , seit langer Zeit hatte ich weder von dem Alten noch von den Brüdern Nachricht . Steh ich am 22. Juni 1813 an der Elbe , vielleicht eine Stunde oberhalb Aken , auf Vorposten und denke an nichts Gutes und nichts Schlimmes , und der Abend ist still genug . Unser Feuer ist niedergebrannt , und wer nicht wacht , der schläft . Ich höre das Wasser rauschen manche Stunde lang , ohne daß was passiert , bis auf einmal alles auffährt und alert in die Höhe springt ; - drüben am andern Ufer ! ... es ist , als ob jeder Frosch auf das Horn da drüben horcht . Und dazwischen knackt und knattert es nach der bekannten Melodie . Da sind die Freiwilligen am Werk ! meinen meine Leute , und unser Horniste fragt an , was er ihnen zum Trost blasen soll . Den Alten Dessauer , Kerl ! sage ich , und der Kerl trompetet , daß ihm fast das Horn und die Backen platzen . Verflucht , die Schufte sind tüchtig hinter ihnen ! meinen unsere Leute , und sie können recht haben ; denn wir wissen , daß drüben wenige der Unsrigen und viele von den Vivelamperörs und den Westfälingern sind . Da platscht es in den Strom , und wir stehen mit den Kuhfüßen in Anschlag , um auf alles gerüstet zu sein . Bescheid im Lande müssen sie wissen , sie haben die seichte Stelle gut gefunden , und halb watend , halb schwimmend kommen sie an , und von drüben pfeifen uns die blauen Bohnen um die Ohren . Das Horn meldet sich auch wieder , es bläst den Jäger ruf der Freiwilligen , und da sind sie , und wir drängen uns an die schwarzgeräucherten , bärtigen , zerlumpten , lausigen Teufels jungen und der Mond scheint auf alles herab und amüsiert sich göttlich . Nun wissen wir , woran wir sind : versprengte Reiter Colombs sind ' s , und wir erfahren die ganze Prostemahlzeit . Bei Werbzig bei Köthen hat der Westfälinger , General von Hammerstein , den Rittmeister verräterisch und heimtückisch über fallen , aber der Colomb war ihm zu schlau und ist besser davon gekommen als die Lützower bei Kitzen . Seine lustigen Burschen haben ein fideles Ende für diesmal gemacht und dem Feinde die Plempe zu guter Letzt noch mal tüchtig durch die Fressage gezogen . Dann ist das Hauptkorps auf und davon und ist mit einer Subtraktion von vierzehn glücklich bei Aken über die Elbe gekommen . Aber zur Seite ist hier und da ein Häuflein abgesprengt , und solch eins fällt uns hier mit Jubilation und Hurra in die Arme und über unsere Feldkessel und Flaschen her . Drüben ist ' s wieder ruhig , und keine Katze wagt sich übers Wasser ; wir sind ganz unter uns und haben Zeit , einander genauer ins Gesicht zu sehen . Da ist ein blutjunges Bürschlein unter den reitenden Rattenfängern , wie ein Zigeuner zerzaust , und ich fall aus den Wolken , als die Kreatur die Hand an den Tschako legt und sagt : Herr Leutnant , ich melde mich als das Jüngste aus dem Nest - columba Colombi , ein Freiwilliger des Herrn Rittmeisters von Colomb ! - Ich packe den Burschen und ziehe ihn zum Fenster und dann in den Mondenschein - ich bin starr ; unser Felix ist ' s und kein anderer ! Spricht der Bengel lateinisch , so zieh auch ich gelehrt vom Leder und rufe : Et tu , Brute ? O du Teufelsjunge , wo kommst du her , und was hat der Alte dazu gesagt ? - Ja , der Alte , wer fragt in solcher Zeit nach dem Alten ? - Frage den Theodor drum , ruft der Naseweis , ich bin aus dem Hinterfenster ohne Abschied ausgerückt . - Und so war ' s. Ich hörte in der nächsten halben Stunde noch von manchem tollen Streich ; dann waren die wilden Gesellen wieder in den Sätteln , und fort ging ' s in die Nacht ; ich sah den Felix erst in Paris wieder im folgenden Jahr . « Hier hielt der Erzähler inne und schüttelte melancholisch den Kopf . Der Theologe hatte mit gespanntester Aufmerksamkeit dieser Schilderung aus vergangenen wilden Tagen zugehört . » Welch eine Zeit ! « rief er jetzt unwillkürlich ; aber der alte Krieger sagte : » Eine ganz vortreffliche Zeit , wie alle Zeiten , in denen man einen großen Hunger nach irgend etwas hat , von dem man weiß , daß man es durch Mühen und Arbeit erlangen kann . Ihr jungen Leute habt keinen Begriff davon wie wohl dem Fisch ist , der sich im Netz abgezappelt hat und aus ihm kopfüber in sein Element hinunterschlägt ! Doch davon ist nicht die Rede , sondern von den drei Gebrüdern Götz . Deren ging jeder seinen besondern Weg , und da jeder Weg um die besondere Ecke ging , so verloren wir uns einander bald aus dem Gesicht . Es ist fast ein Wunder , daß ich wenigstens mit dem Theodor so - a hm - wieder zusammengekommen bin . Dieser gute Knabe war während der Kriege ruhig hinter seinem Schreibpult sitzen geblieben , und er hatte recht daran getan , denn man hätte ihn im Felde höchstwahrscheinlich sehr wenig gebrauchen können ; es hat sich ausgewiesen , daß er stärker von Begriffen als von Nerven war . Er ist ewig ein Jammerbild gewesen , und jetzt - a hm , Kandidate - ' na , ich sage nichts , aber was man sonst in einer Bude auf dem Jahrmarkt für seine Groschen sieht , das werdet Ihr gratis zu sehen kriegen . - Also mein Theodor saß hinter seinem Schreibtisch und schrieb sich zum Assessor ; ich blieb , was ich war - Leutnant bei der Infanterie . - O du mein Je , ich wollt ' s nicht besser haben ; nach all dem lustigen Lärm wollt mir nichts anders so recht mehr behagen , und ich dachte dazu , mit Geduld kommst du vielleicht doch noch in die Höhe , wenn du dich nicht allzu schnell dem Trunk ergibst . ' s ist aber nichts daraus geworden ; es wird auch manch besserer Kerl in den Winkel geschoben . Dem lieben Theodor ist ' s dagegen herrlich ergangen . Sie haben ihn wohl gebrauchen können , und allzu steifnackig ist er auch nicht gewesen ; da hat er sein täglich Brot schon gefunden und auch noch was dazu , nämlich seine Frau . Die kam aus einem gar frommen und gottseligen Nest und einem hochadligen , hieß mit Namen Aurelie von Lichtenhahn und ist heute noch sehr fromm , sehr adlig und meines Bruders Weib . Sie zeugten zuerst meine teure Nichte Kleophea , und ich habe es immer für eins der größten Wunder gehalten , daß sie das fertiggebracht haben . Verliebt Euch nicht in das Wettermädel mit dem heiligen Namen , junger Pfaff ! - Bei allem , was blitzt und kracht , die Dirne paßt in jede Schilderei der Verführung des heiligen Antonius . Mein Fränzchen - na ja , Ihr werdet schon sehen , Kandidate ! Nach der Geburt Kleopheas gab ' s lange Jahre weiter nichts . Keiner denkt an was Arges und mein lieber Theodor vielleicht am wenigsten ; da erscheint - sieben Jahre sind ' s jetzt her - meine Schwägerin ganz unvermutet abermals in der Zeitung : Diese Nacht , mit Gottes gnädigem Beistand wurde - gesunder Knabe - und so weiter und so weiter . Es muß wohl auf ganz natürliche Weise zugegangen sein , denn die Welt ist darum nicht umgekippt , wenngleich sich auch ein Teil davon recht verwundert hat . Aimé heißt der Knabe , und Sie , Hans Unwirrsch , sind auserwählt , ihm das Abc beizubringen , und ich gratuliere dazu ; das übrige besorgt die Mutter , wozu ich Ihnen ebenfalls gratuliere . - Daß meine Nichte Franziska jetzt in dem Hause des Geheimen Rats Theodor wohnt , haben Sie bereits erfahren ; die ist die Tochter meines Bruders Felix , und da Sie das Kind nun ganz von selber genauer kennenlernen werden , so will ich von ihr nicht weiter sprechen , sondern nur über ihren Vater das Nötige rapportieren . Da geht nun auch eben der letzte Schnitzel der Sonne zum Henker , und so ist die Zeit recht passend und angenehm dazu . Von uns drei Brüdern hatte Felix jedenfalls die wenigste Ähnlichkeit mit dem Vater , welchem Theodor in jeder Hinsicht am meisten ähnelte . Wenn ich es auch zu weniger als nichts auf der Welt gebracht habe , so kann ich wenigstens stellenweise ein vernünftiger Mensch sein , Felix aber war ' s höchstens nur durch Zufall . Ein tollköpfiger , prächtiger Bursche war er , und selbst die , welchen er seine Streiche spielte , konnten ihm nicht gram werden . Ich hab ihn als Unterförster in meinem Walde das Schießen gelehrt und manches andere Stück der edlen Jägerei . Ich hatte den Knaben so lieb wie meinen Augapfel , und auch er hing an mir , soviel das ihm bei seinem leichten Sinn möglich war . Hätte ihn der Alte im Walde gelassen , wer weiß , ob nicht alles gut abgelaufen wäre ; aber der Alte holte ihn eines Tages selber zurück und brachte ihn in einer fest verschlossenen Kutsche nach Ilfeld auf die Schule und gab ihn da in grimmige Zucht . Wenn nur die Welt dann nicht selbst aus Rand und Band gegangen wäre ! Das war nichts für den jungen Falken , stillzusitzen hinter dem Gitter und in das grüne Tal hinab- und zu dem blauen Himmel emporzugucken und auf das Jägerhorn zu hören . Das Jägerhorn erklang eben durch die ganze Welt und rief alle jungen Falken heraus : Felix Götz hätte sich den Kopf an dem Gitter zerstoßen , wenn es ihm nicht gelungen wäre , es zu zerbrechen . Aus einer Schule hatte man ihn fortgejagt , von Ilfeld entfloh er bei Nacht und Nebel , und der erste Trupp freiwilliger Reiter , auf welchen er stieß , nahm ihn gern und willig auf und gab ihm ein ledig Pferd . Da hatte er , was er wollte . Ich habe schon erzählt , wie er mit den Colombschen ritt , über die Elbe versprengt wurde und in unsere Beiwacht fiel wie der Stein vom Monde . Ich habe auch gesagt , daß wir uns nicht eher wiedersahen , bis Paris genommen war , und nun muß ich hinzufügen , daß das Wiedersehen meinerseits gar nicht so recht erfreulich war . Der Feldzug in Frankreich hatte dem tollen Felix nicht gutgetan ; liederlich und heruntergekommen sah er aus , und Drangsale und Entbehrungen waren nicht allein schuld an seinem Aussehen . Ich nahm ihn natürlich tüchtig ins Gebet , aber leider sah ich ein , daß ich nicht der rechte Mann dazu sei und daß für jetzt wenig an dem Unheil zu ändern sei , und zu einem gemütlichen Gedankenaustausch hatten wir auch nicht die gehörige Zeit , denn der große Tumult riß uns wieder auseinander , wie er uns zusammengebracht hatte . Mit dem Donnerwetter bei Waterloo war der Krieg zu Ende ; ich marschierte in eine kleine Garnisonsstadt , deren Name nichts zur Sache tut ; Theodor schrieb immer noch Akten , und Felix - Felix schien vollständig überflüssig in Europia geworden zu sein . Es waren größere Akteurs von der Bühne abgetreten und wußten nunmehr nichts mehr mit ihrer Zeit zu beginnen ; Felix schlug die Zeit tot mit Sünden . Bis der Alte starb , lag er dem auf der Tasche ; und alle Versuche , die Theodor und ich machten , dem Jungen wieder zu einer nützlichen Existenz zu verhelfen , schlugen fehl . Zum letztenmal redeten wir bei unseres Vaters Begräbnis auf ihn ein ; er aber ging mit seinem Erbteil , welches gleich dem unsrigen nicht sehr bedeutend war , zum zweitenmal nach Paris , und als er dort binnen kurzem aufs trockne kam , als richtiger Glückssoldat nach Amerika , wo seine Spur sich für Jahre verlor . Ich saß in meiner Garnison und zählte die Pappeln an den Teichen und Wegen des verlornen Nestes . Man wollte mich im Steuerfach