! Ja , das soll Gott wissen ! rief Timm mit dem alten lustigen Gelächter , das blonde Haar , das ihm über die Stirn gefallen war , nach hinten schlagend und sein Glas mit einem Zuge leerend . Und ich habe oft schon darüber geräthselt , wie doch ein Kerl , der alle Anwartschaft auf den intensivesten Genuß des Lebens hat , zu einer Weltanschauung kommt , die sich einzig für kranke Kanarienvögel und andere Invaliden zu ziemen scheint . Wenn Sie aus blöder Scheu niemals angefangen hätten , zu genießen , oder Ihre Kraft im Genuß verbraucht hätten , wollte ich nichts sagen ; aber da offenbar das Eine so wenig der Fall ist , wie das Andere , so wüßte ich wirklich nur Eines , was Ihnen fehlen könnte . Und das wäre ? Herr Timm stützte die Ellenbogen auf den Tisch und das glatte Gesicht in die weißen Hände und lächelte Oswald schlau an . Und das wäre , Timm ? Zehntausend Thaler jährlich Rente . Oswald lachte . Ein höchst prosaisches Mittel gegen den Weltschmerz . Aber ein radicales , und das gerade bei Ihnen unfehlbar anschlagen würde . Weßhalb gerade bei mir ? Timm schenkte die Gläser wieder voll , zündete sich eine frische Cigarre an und sagte : Heine theilt , wie Sie wissen , die Menschen in zwei Classen : in fette Griechen und magere Nazarener . Ich habe diese Unterscheidung stets eben so praktisch wie tiefsinnig gefunden . Jene glaubten an die heilige Frau von Melos , diese beten zur schmerzensreichen Mutter . Der heitere , fröhliche Genuß der guten Dinge dieser Welt ist für die Einen : mürrische Entsagung und grübelnde Ascese für die Anderen . Damit nun Beide zu ihrem Rechte kommen , die Griechen sich ausleben und die Nazarener sich ausbeten können , müssen die Ersteren nothwendig Geld und zwar viel Geld haben , und die Letzteren arm und zwar sehr arm sein . Ehe Sie in Ihrer Auseinandersetzung weiter gehen , Timm , sagen Sie mir zuvörderst : in welche Classe gehören denn Sie ? Zu beiden , oder in keine von beiden , wie Sie wollen . Ich habe den guten Magen , die gesunden Zähne , die feinen Sinne , mit einem Worte , die Genußsucht und die Genußfähigkeit des Griechen ; aber auch die den Nazarenern zur Ausübung ihrer specifischen Tugenden nöthige Zähigkeit und Genügsamkeit . Ich habe das unschätzbare Talent des Kameels , lange dursten zu können , ohne dabei den Muth und die Kraft zu verlieren - im Gegentheil , bei mir dient die Entbehrung nur dazu , den Appetit zu schärfen und den nächsten Trunk köstlicher zu würzen . Wenn ich die wüste Strecke durchlaufen habe , und - wie jetzt zum Beispiel - die Zweige der Mimose und die Fächer der Palme über mir wehen und der eiskalte Quell - wie jetzt zum Beispiel - aus dem Felsen - wollte sagen aus der Flasche schäumt und perlt - dann beuge ich meinen langen Kameelhals und trinke , trinke , trinke und segne die dürre , braune Wüste , die mir zu diesem göttlichen Durst verhalf . Und Herr Timm stürzte ein volles Glas Champagner hinunter mit der hastigen Gier eines Wanderers , dessen Zunge am Gaumen klebt . Oswald betrachtete , den Kopf in die Hand gestützt , den übermüthigen Gesellen ihm gegenüber , mit einem eigenthümlichen neidischen Wohlgefallen . Wie scharf und keck , und , bei aller Schärfe und Keckheit , fein und geistreich war dies fast knabenhafte glatte hübsche Gesicht ! Wie gut stand ihm der übermüthige Hohn , der um die beweglichen Nasenflügel zuckte und die scharfgeränderten rothen Lippen krümmte ! Wie flogen von diesen Lippen die Worte , so schnell wie gefiederte Pfeile , von denen jeder in ' s Schwarze trifft . Welche souveräne Verachtung jeder Phrase , aller Ziererei , aller Lappen , mit denen Heuchler und Thoren die nackte Blöße bemäntelt , sprach aus des Mannes ganzer Haltung , aus der Art , wie er den Kopf in den Nacken warf , oder den Dampf der Cigarre von sich blies , oder die Flasche aus dem Kühler nahm , umschüttelte und sich das alle Augenblicke leere Glas wieder voll schenkte ! Wie leicht trug dieser Mann die schwere Bürde des Lebens ! leicht wie ein Löwe mit der geraubten Gazelle über Hecken und Gräben springt . Oswald war , sich Vergessenheit zu trinken , hierher gekommen . Er hatte , was er gewollt . Seine Stirn glühte , während er , dem Beispiele seines Gefährten folgend , ein Glas nach dem andern hinuntergoß . Er hatte sich seit langer , langer Zeit nicht so frei und glücklich gefühlt , wie in diesem Augenblick . Was nun Sie anbetrifft , edler Ritter , fuhr Timm fort ; so sind Sie ein Grieche , ohne Mittel zu haben , es stets sein zu können , und ohne Kameelgabe , die Zeit , wo Sie es nicht sein können , der nächsten vergnüglichen Zukunft einfach auf die Rechnung zu setzen . Statt dessen spielen Sie den Nazarener und befinden sich dabei genau so wohl , wie ein Adler , dem man die Flügel und die Fänge beschnitten und einen Ring um das Bein gelegt hat . So schlägt nun die nicht verausgabte überflüssige Kraft nach innen und hemmt den normalen Gang Ihrer durchaus auf heiteres Genießen angewiesenen Natur . Es ist nicht das erste Mal , daß ich Sie auf diesen Widerspruch Ihres Wesens aufmerksam mache . Erinnern Sie sich , was ich Ihnen schon in Grenwitz sagte ? Sie hassen den Adel , Sie hassen die Reichen , Sie hassen die Mächtigen , weil es Ihnen in allen zehn Fingern juckt , adlig und reich und mächtig zu sein . Gehen Sie mir doch mit Ihrem moralischen Firlefanz von dem Adel der Gesinnung , dem Reichthum des reinen Herzens , der Macht der Wahrheit ! Es ist ja Alles Trödelwaare für den , welcher weiß , wie es auf dem Markt des Lebens zugeht . Pah ! was hat ein Mann von Ihrer Jugend , Ihrer Liebenswürdigkeit , Ihrer hübschen Fratze - denn , weiß es Gott , Oswald , Sie sind ein verdammt hübscher Kerl , ein Mann , dem die Weiber ungebeten um den Hals fallen , mit Keuchheit ; was hat ein Mann , wie Sie , von durchweg aristokratischen Neigungen und Tendenzen , mit Armuth zu schaffen ? Es ist ja geradezu lächerlich ! Sie müßten nicht ein armer Schullehrer , sondern ein steinreicher Baron sein , wie diese Grenwitzen ' s , mit denen Sie nebenbei eine mit jedem Tage frappanter werdende Aehnlichkeit haben , da könnten Sie Ihr Leben genießen und sich hernach mit einigem Grund eine Kugel durch den Kopf jagen : dann könnten Sie die schöne Helene heirathen , könnten mit einem Worte thun und lassen , was Sie wollten . Deßhalb wiederhole ich : Ihnen fehlen zehntausend Thaler jährlicher Rente . Ich wollte , ich könnte sie Ihnen verschaffen . Ich thät ' s , und sollte ich sie sonst woher nehmen . Ich glaube , Sie wären dazu im Stande , Timm . Weßhalb nicht ? und wäre es auch nur aus Neugierde , zu sehen , wie Sie sich in diesem Falle gegen Ihren alten Freund benehmen würden . Ich würde es , davon seien Sie versichert , mit dem Mammon , wie ich es als Junge mit den Kirschen machte , die ich geschenkt bekam - Was machten Sie damit ? Ich theilte sie redlich mit meinen Freunden . Albert sah Oswald starr in die Augen . Plötzlich sagte er , wie aus einem Traum erwachend : Ich bin ein schnurriger Kerl , Oswald , so ungläubig wie ein Heide und doch an allerlei Vorbedeutungen hangend , wie ein altes Weib . Als ich hier vorhin so einsam saß und meine Austern aß , da dachte ich : du hast zufällig ein paar Thaler in der Tasche und möchtest sie gern mit einem guten Freund verkneipen . Und dabei kam ich , wie Wallenstein in dem bekannten Monologe , auf die Frage : wer es wohl von allen denen , mit welchen ich hier Abend für Abend verkehre , mit mir am besten und ehrlichsten meint , und daß es der sein sollte , der zuerst zur Thür herein käme . Aber seltsam : es ist , ganz gegen die Gewohnheit , Keiner von Allen gekommen ! Statt dessen kamen Sie , an den ich nicht im entferntesten gedacht hatte , Oswald , ich weiß nicht , wie Sie über dergleichen denken , und es ist möglich , daß ich Sie mit meiner Bitte beleidige ; ich bin es gewohnt , meine Freunde Du zu nennen . Wollen wir uns Du nennen ? Von Herzen gern , rief Oswald . Hier ist noch für Jeden ein Glas in der Flasche . Und aus dem Glase , aus dem ich mit Dir Smollis getrunken , soll kein Anderer wieder trinken , rief Albert und schleuderte sein Glas an die Erde . Oswald that desgleichen ; aber der Klang der zerspringenden Gläser gellte schrill und häßlich durch sein Ohr , wie das Lachen schadenfroher Dämonen . Der kahle Carl , welcher an dem andern Ende der Halle hinter seinem Bureau gesessen und genickt hatte , fuhr bei dem Lärm in die Höhe und kam schlaftrunken herangeschlürft , in der Meinung , man habe ihn gerufen . Wie ist ' s , Oswald ? sagte Timm ; ich denke , wir trinken noch eine . Wir kommen so jung nicht wieder zusammen . Nein ! sagte Oswald ; laß es genug sein . Mir brennt der Kopf . Und ich muß morgen bei Hinz und Kunz Visiten machen . Was haben wir zu bezahlen ? Halt ! rief Herr Timm , Oswald in den Arm fallend . Mein ist der Helm , und mir gehört er zu ! Carole , wenn Du von diesem Herrn einen rothen Heller nimmst , so zerschmettre ich diese leere Flasche auf Deinem kahlen Schädel . Hier ! mach Dich bezahlt von diesem Wische für heute Abend und für die letzten Male , und von dem , was übrig bleibt , kaufe Dir meinetwegen eine Perrücke , Carole ! Bei diesen Worten hatte Herr Timm aus einem ansehnlichen Packet Banknoten , das er aus der Rocktasche nahm , einen größeren Schein gezogen und ihn dem Kellner eingehändigt , der über den plötzlichen Reichthum in den Händen eines seiner am schlechtesten zahlenden Gäste einigermaßen verwundert schien . Zum mindesten grinste er höchst eigenthümlich , als er den Schein entgegennahm , während Herr Timm das Packet mit der Miene äußerster Sorglosigkeit wieder in die Tasche schob und den Hut schief auf den Kopf drückend sang : Im Walde haust der böse Wolf , Im Stalle blöken die Schafe ; Derweil ich trinke im Keller tief , Schlafe , süß ' Liebchen , schlafe ! Sie standen oben auf der Straße . Der Nebel hatte sich gänzlich verzogen und der Mond schien klar vom dunklen Himmel . Die Laternen waren ausgelöscht und tiefe Schatten wechselten mit hellen Streifen in den engen Gassen zwischen den hohen Giebelhäusern . Ein Nachtwächter , der mit langem Spieß und urvorweltlichem Horn an der Straßenecke stand , rief die zwölfte Stunde ab . Sonst war Alles todtenstill auf den leeren Straßen , durch die Oswald und Albert jetzt Arm in Arm , wie es guten Freunden und Duzbrüdern zukommt , dahinschritten ; Oswald , ungewöhnlich erhitzt und aufgeregt , Albert so munter und frisch , als ob er im Rathskeller von Grünwald nur Wasser getrunken hätte . Sie sprachen über die Herren vom Rath und vom Gymnasium , bei denen Oswald morgen Visite machen wollte , über Oswald ' s Gymnasialcarrière überhaupt , die Albert für einen so abenteuerlichen Plan erklärte , wie er eben nur einem edlen Manchaner in den Sinn kommen könne , bis sie vor der Thür des Hotels anlangten . Hier wünschten sie sich gute Nacht . Oswald trat in ' s Haus ; Albert schlenderte , die Hände in den Taschen , weiter die Hauptstraße entlang . Plötzlich aber blieb er stehen und schien sich einen Augenblick zu besinnen . Dann bog er in eine Nebenstraße und verschwand endlich in einem Gäßchen kleiner und schlechtgebauter Häuser , deren Aeußeres nicht besser war , als der Ruf , in welchem die Bewohner und Bewohnerinnen bei dem soliden Theile der Bevölkerung Grünwalds standen . Achtzehntes Capitel Die Dienstwohnung des Gymnasialdirectors Doctor Moritz Clemens prangt heute Abend in ungewöhnlichem Glanz . Nicht nur sind in der » guten Stube « und in der Wohnstube die Ueberzüge von sämmtlichen Sophas , Sophakissen und Stühlen entfernt und über die enthüllte Pracht herrlichster Stickereien das verschwenderische Licht zweier Lampen und eines halben Dutzend Stearinkerzen ausgegossen ; auch das Studirzimmer des Directors auf der einen und das Wohn- und Schlafgemach der beiden Töchter auf der anderen Seite sind durch Wegräumung des Arbeitstisches hier und der Betten dort in Salons umgeschaffen und ebenfalls mit je einer Lampe und drei Kerzen erleuchtet worden . Durch sämmtliche Räume wallt der aromatische Duft des Räucherpulvers . Ich dächte , unsere lieben Gäste ließen etwas lange auf sich warten , sagt Director Clemens , zum zwölften Male seit den letzten zwölf Minuten nach seiner Uhr sehend , während er in nervöser Erregung im Zimmer auf und ab wandelt . Ich begreife auch nicht , wo die Leutchen bleiben , sagt Frau Director Clemens , sich für einen Augenblick auf dem Sopha niederlassend und sich die erhitzte Stirn mit dem Taschentuche trocknend , ich hatte Doctor Stein noch ausdrücklich gebeten , ja vor sieben hier zu sein , weil ich seine Rolle noch mit ihm durchgehen wollte . Wird er denn den Hauptmann lesen können ? meint Fräulein Thusnelde Clemens , vor dem Spiegel ihren Kopfputz in Ordnung bringend . Du denkst , Dein Wimmer kann ganz allein gut lesen , ruft Fräulein Fredegunde Clemens aus dem Nebenzimmer her , wo sie ebenfalls vor dem Spiegel noch mit Ihrer Toilette beschäftigt ist . Mindestens lies ' t er so gut , wie Breitfuß , erwidert Fräulein Thusnelde in gereiztem Ton . Aber Kinder , Ihr werdet Euch doch nicht noch gar zanken , sagt die Mutter beschwichtigend . Fredegunde kann das Necken nicht lassen , sagt Thusnelde . Und Du willst immer oben hinaus ! ruft Fredegunde , in der Thür erscheinend . Um Gotteswillen , Kinder , ich bitte Euch , seid still , flüstert Doctor Clemens mit ängstlicher Stimme , die Hände wie flehend erhebend : ich höre Jemand auf dem Vorsaal . In der That wird in diesem Augenblick von dem Dienstmädchen die Thür geöffnet , und herein schreiten : Herr Professor Snellius , Frau Snellius und Fräulein Ida Snellius . Der gestörte Familienfriede der Familie Clemens ist sofort wieder hergestellt . Man begrüßt die Eintretenden so herzlich wie möglich . Die lange Begrüßung zwischen den Familien Clemens und Snellius ist noch nicht zu Ende , als sich abermals die Thür öffnet , um den Doctor Kübel nebst Frau und Tochter einzulassen . Ihnen folgen die Herren Doctoren Wimmer und Breitfuß . Da wäre ja unser Kränzchen nun wohl beisammen , sagt Director Clemens , sich sanft die Hände reibend und die Stimme mäßig erhebend , und nur unsere lieben Gäste fehlen noch . Unsere Gäste , liebster Collega ? sagt Professor Snellius , ich denke , es handelt sich nur um den Singularis von hospes . Minime ! ruft der Director , ich habe Ihnen , meine Damen und Herren , heute Abend einen Dualis , ja sogar einen Pluralis von Ueberraschungen zugedacht . Es werden außer unserem neuen Collegen Stein noch zwei Gäste kommen , von denen ich mir für unseren geselligen Kreis sehr viel verspreche . Rathen Sie , wer ? Aber , Moritz , es sollte ja eine Ueberraschung sein , sagt Frau Clemens in vorwurfsvollem Ton . Ich glaubte , Liebe , es ist besser , wir bereiten das Kränzchen darauf vor . Ist es doch unser Wunsch , die Betreffenden nicht blos für einen Abend als Gäste zu haben , sondern sie dauernd für unser Kränzchen zu gewinnen , und müssen wir doch zu diesem Zweck nach den Statuten , die Du selbst entworfen hast , die Einwilligung sämmtlicher Betheiligten haben . Wer ist es , Herr Director ? fragt Doctor Wimmer . Sie spannen uns auf die Folter . Ein Herr , dessen Name in der Gelehrtenrepublik einen guten Klang hat , und eine Dame , die für Sie , als lyrischer Dichter , von ganz besonderem Interesse sein wird , College Wimmer . Eine Dame ? ruft Herr Wimmer , indem er sich mit der Hand durch sein sorgsam gepflegtes reiches Haar fährt , für welche unzeitige Regung der Eitelkeit er durch einen strafenden Blick der Dame , deren Locke er auf dem Herzen trägt , gestraft wird . Ja , eine Dame , College , ein hochbegabtes , lyrisches Talent . Ohne Zweifel Primula ; ich meine Frau Professor Jäger ; ruft Herr Wimmer . Richtig gerathen , die Dichterin der Kornblumen und der Interpret der Fragmente des Chrysophilos , werden heute Abend eine Gastvorstellung geben , die hoffentlich zu einem dauernden Engagement führen wird , sagt Herr Director Clemens mit seinem sanftesten Lächeln . Ein erstauntes , langgezogenes Ah ! bezeugt das Interesse , welches die Gesellschaft an dieser Nachricht nimmt . Ich hatte auch noch einen andern Grund , Jägers gerade heute zu bitten , fährt der Director fort , es war , wenn Sie wollen , eine Rücksicht der Humanität gegen unsern neuen Collegen Stein . Er ist ganz fremd in unserm Kreis und scheint überdies scheu , befangen und wenig gewohnt , sich in größeren Cirkeln zu bewegen . Nun aber sind , wie er mir selbst heute Morgen sagte , Jägers specielle Bekannte von ihm aus früherer Zeit - aus der Zeit seines Hauslehrerlebens - und er wird sich ohne Zweifel freuen , an diesem Abend unter so viel halb oder ganz fremden Gesichtern auch einigen Bekannten zu begegnen . Diese zarte Rücksicht ehrt Sie , Collega , sagt Professor Snellius , dem Director die Hand drückend , wobei der elegische Zug um seine Nasenflügel deutlich hervortritt . Aber ich denke , Frau Director , die Rollen sind alle vertheilt , sagt Doctor Wimmer , der den » Max « hat und jeder Veränderung umsomehr entgegen ist , als seine geliebte Thusnelde , die » Thekla « lies ' t und er auf die Einstudirung seiner Rolle vier Wochen angestrengtesten Studiums verwandt hat . Ich habe Doctor Stein den Hauptmann gegeben , der noch nicht besetzt war , sagt Frau Director Clemens in dem Tone Jemandes , der keinen Widerspruch gewohnt ist und keinen Widerspruch duldet . Das ist eine hübsche kleine Rolle und er kann darin zeigen , ob er zu lesen versteht oder nicht . Ich hätte sie freilich gern einmal vorher mit ihm durchgelesen , aber er mag nun sehen , wie er fertig wird . Was Jägers betrifft , so habe ich ihnen den Deveroux und Macdonald , die ebenfalls noch unbesetzt waren , zuertheilt . Aber , verehrte Frau Director , meint Doctor Kübel , sollten diese Rollen für unsere Debütanten wohl ganz geeignet sein ? Weshalb nicht , lieber Doctor ? fragt die Frau Director mit einem ungeduldigen Stirnrunzeln . Ich meine nur , weil es ihnen gerade nicht besonders lieb sein dürfte , sich bei uns gleich das erste Mal als Mörder zu introduciren ? ruft Doctor Kübel . Frau Director , deren Stirn sich bei diesen Worten des scherzhaften Collegen in noch tiefere Falten gelegt hat , will etwas erwidern , vermag es aber nicht , da sich in diesem Augenblick die Thür öffnet , um Herrn und Frau Professor Jäger in ' s Zimmer zu lassen . Ah , mein würdiger Freund ! ruft Professor Jäger , nachdem er Clemens und Snellius begrüßt , dem Doctor Kübel , bei dem er selbst noch Unterricht gehabt hat , mit Wärme die fetten , weißen Hände drückend ; wie freue ich mich doch , mein hochverehrter Lehrer , Sie in so herrlichem Wohlsein anzutreffen ! Wahrhaftig , man möchte von Ihnen , wie Wallenstein von sich selbst sagen ; daß über Ihrem braunen Scheitelhaar die schnellen Jahre machtlos hingezogen . Ja , ja : mens sana in corpore sano - das habe ich in jener Zeit von Ihnen gelernt ; aber Sie haben selbst geübt , was Sie lehrten . - Herr Doctor Wimmer , ich freue mich ausnehmend , Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen ; Sie sind mir und meiner Frau durch ihre reizenden » Maiglöckchen « schon lange lieb und werth . Erlauben Sie , daß ich Sie meiner Gustava vorstelle ; ich möchte die Kornblumen und die Maiglöckchen gern zu einem Strauß vereinigt sehen ! Herr Doctor Breitfuß , ich bin glücklich , einem jungen Gelehrten von Ihren Verdiensten zu begegnen . Ihre herrlichen Monographien über Origines und Eusebius haben mir bei Abfassung meiner » Fragmente « die wesentlichsten Dienste geleistet . Ich bin entzückt , meinen Dank jetzt endlich persönlich abtragen zu können . Während so Professor Jäger im Kreise der Herren sich schlangengleich von einem zum andern windet , durchflattert Primula sylphenhaft den Cirkel der Damen . Sie sagt den älteren Damen ein verbindliches Wort ; sie beneidet Thusnelde und Fredegunde Clemens um ihre » reizenden , tiefpoetischen « Namen ; sie gratulirt Ida Snellius zu ihren Fortschritten im Portugiesischen und klopft Marie Kübel auf die erröthenden Wangen und nennt sie ein liebes , gutes Kind . Aber der College bleibt auch wirklich ein wenig gar zu lange , sagt Director Clemens , nach der Uhr sehend ; ich dächte , Auguste , Du ließest den Thee serviren . Wen erwarten Sie noch , Werthgeschätzter ? fragt Pastor Jäger den Director . Wessen Fuß trat noch über diese Schwelle nicht ? fragt Primula die Directorin . In demselben Moment , wo die beiden Angeredeten den Mund zu einer Antwort öffnen , öffnet sich auch die Thüre und Oswalds hohe Gestalt erscheint in dem Rahmen derselben . Neunzehntes Capitel Das Eintreten des Nachzüglers erregte eine gewisse Sensation , um so mehr , als man seiner Ankunft mit einiger Spannung entgegengesehen hatte . Oswald war in diesem Kreise vollkommen fremd . Er hatte bis jetzt nur mit dem Director , und auch mit diesem nur geschäftlich , verkehrt . Die anderen Herren und Damen vom Gymnasium hatte er zum Theil bei Gelegenheit seines früheren Aufenthalts in Grünwald hier und da in Gesellschaften gesehen , ohne ihrer besonders zu achten , oder von ihnen besonders beachtet zu werden . Heute Mittag , als er seine Visiten machte , hatte er , mit Ausnahme der Familie Kübel , Niemand zu Hause getroffen . Die Herren waren begierig , den neuen Collegen , die älteren Damen , einen jungen Mann , der möglicherweise noch einmal ihr Schwiegersohn werden konnte , die jungen Damen die neue Acquisition für ihre geselligen Zusammenkünfte zu sehen , zu mustern , zu kritisiren . In Folge dessen entstand eine Pause in dem munter schwirrenden Gespräch und Aller Augen richteten sich unverwandt auf ihn . Oswald schritt , uneingeschüchtert durch dieses Kreuzfeuer von Blicken , auf die Frau Director zu , küßte ihr die Hand , entschuldigte sich mit wenigen Worten wegen seines späten Kommens und bat sie , ihn den übrigen Damen , die zu kennen er noch nicht das Glück habe , vorzustellen . Nachdem diese Ceremonie in aller Form ausgeführt , wandte er sich zum Director mit der Bitte , ihn mit den Herren bekannt zu machen ; darauf wieder zu den Damen , um noch einmal der Frau Director einige verbindliche Worte zu sagen und sodann mit Primula ein Gespräch anzuknüpfen , auf welches die Dichterin mit ganz besonderem , auffälligem Eifer einging . Primula hatte Oswald wegen seiner » schönen , ritterlichen , echt romantischen Erscheinung , « wie sie zu sagen beliebte , vom ersten Augenblicke in ihr poetisches Herz geschlossen , und all die Abmahnungen ihres vorsichtigen Gatten waren nicht im Stande gewesen , den Strom ihrer sympathetischen Empfindung dauernd zu hemmen . Sie hatte zwar auf dem Lande den Verhältnissen Rechnung tragen und schließlich die gefallene Größe auch ihrerseits fallen lassen müssen ; aber sie hatte sich vorgenommen , » sobald ihre gebundene Psyche jemals freier die Schwingen regen könnte , dem Zuge ihres Herzens frei zu folgen . « Dieser Augenblick war jetzt gekommen ; sie begrüßte Oswald , der ihr durch die » überaus romantische Katastrophe auf Schloß Grenwitz « noch viel interessanter geworden war , mit der doppelten Wärme der Freundschaft und der Bewunderung . Indessen ließ sich Oswald , der entschlossen war , die Damen sich womöglichst sämmtlich geneigt zu machen , nicht lange von der Dichterin aufhalten ; er sprach ernst mit den älteren ; er scherzte mit den jüngeren , und hatte nach Verlauf von zehn Minuten offenbar das gewünschte Ziel erreicht . Während dessen war er von den Herren , die sich um Professor Jäger versammelt hatten , eifrig beobachtet worden . Der Interpret der Fragmente des Chrysophilos haßte Oswald mit einem ganz gesunden langathmigen Haß . Oswald war dem eitlen Mann niemals mit der Aufmerksamkeit , die er beanspruchte , entgegengekommen , hatte ihn im Gegentheil , besonders in der letzten Zeit in Grenwitz , mit ganz unverhohlener Geringschätzung behandelt . Der Professor Jäger hatte die dem Pastor Jäger angethane Beleidigung nicht vergessen und wartete nur auf eine passende Gelegenheit , die so lange aufgesammelte Summe des Hasses abzutragen . Indessen war er viel zu klug und zu feige , offen mit der Sprache herauszugehen , als ihn jetzt die Herren vom Gymnasium über Oswald , den » er ganz genau zu kennen « behauptete , befragten . Er begnügte sich mit mysteriösen Andeutungen , wie : Ein junger Mann , über den sich viel sagen ließe ; - Sie werden ihn ja selbst kennen lernen , meine Herren ; - ich will wünschen , daß er sich mittlerweile die Hörner etwas abgelaufen hat ; hm , hm ! Er ist , wie Sie wissen , der Schüler Berger ' s. Nun , Berger war ein bedeutender Mann , ein glänzender Geist ; aber er sitzt jetzt in der Heilanstalt zu Fichtenau , und es zeigt sich wieder einmal , daß nicht alles Gold ist , was glänzt ; hm , hm ! - Wenn wir das gewußt hätten , Collega , sagte Director Clemens heimlich zu Professor Snellius . Professor Snellius zuckte die Achseln und erwiderte : Ich hoffe viel von dem Vortheil , den er aus unserm Umgang schöpfen wird . Der Verkehr mit wahrhaft gebildeten , gelehrten - Wahrhaft humanen - schaltete der Director ein . Wahrhaft humanen Menschen , fuhr der Professor fort , ist das beste Mittel der Erziehung zur wahren Bildung und Gelehrsamkeit - Und Humanität , ergänzte der Director . Was halten Sie von dem neuen Collegen , Wimmer ? fragte Doctor Breitfuß , der mit großem Mißfallen bemerkt hatte , wie lustig Fredegunde Clemens , die sich sonst durch einen gewissen , mürrischen Ernst auszeichnete , mit Oswald scherzte und lachte . Ich glaube , daß der Herr ein großer Geck ist , erwiderte Herr Wimmer , sich durch die Haare fahrend ; er hat eine Manier , sich über sitzende Damen zu beugen , die geradezu unerhört ist . Ich fürchte , ich werde niemals sehr intim mit ihm werden . Aber das wird zu arg ! rief Herr Breitfuß und schritt mit der Absicht , die Converstaion Fredegunden ' s und Oswald ' s zu stören , auf das Paar zu , verlor aber unterwegs den Muth und nahm , den verfehlten Angriff zu maskiren , dem ihm begegnenden Dienstmädchen eine Tasse vom Präsentirbrette , mit welcher Hand er - ein Bild hilfloser Verlegenheit - mitten im Zimmer stehen blieb . Aus dieser Situation befreite ihn die Frage der Directorin an die Gesellschaft , ob man jetzt mit der Lectüre des Wallenstein - dem eigentlichen Zweck des Zusammenseins - beginnen wolle ? Alles erhob sich ; die Herren griffen nach den Büchern , die sie bei ihrem Eintritt in die Fensterbretter und auf die Schränke gelegt hatten . Die Damen holten ihre Exemplare aus ihren Nähbeuteln ; Frau Professor Jäger brauchte nach dem von ihr mitgebrachten nicht lange zu suchen ; sie trug es seit ihrem Eintreten in der Hand . Eine sanfte Röthe fieberhaft gespannter Erwartung ergoß sich über ihre welken Züge ; ihre wasserblauen Augen schmachteten Oswald mit sanfter Begeisterung an , als er jetzt auf sie zutrat und ihr den Arm bot , um sie in ' s nächste Zimmer zu führen . Mit welcher Rolle werden denn Sie uns erfreuen , Frau Professor ? fragte Oswald ; doch was will ich denn ? es giebt im Wallenstein nur eine Rolle für Sie , wie es in dieser Gesellschaft nur Eine für diese Rolle giebt . Sie Spötter , sagte die Dichterin , ihn mit dem Buche sanft auf den Arm schlagend : was hätte denn ich vor Anderen voraus ? Aber , Frau Professor , es kann doch nur eine Meinung darüber sein , daß der poetische Charakter in dem Stück auch durch den poetischen Charakter in der Gesellschaft repäsentirt werden muß ; und wiederum doch auch nur darüber eine Ansicht , wer jener und dieser ist . Und wer - ich will einmal die kindliche Schüchternheit überwinden - wer wäre dieser und jener ! fragte Primula mit schmelzender Stimme , die verklärten Augen zu Oswald erhebend . Erlauben Sie mir für einen Moment das Exemplar , das Sie da in der Hand tragen . Danke ! Ich bemerke , es liegt ein Zeichen darin . Lassen Sie uns sehen , wo es liegt . Dritter Aufzug .