das ganze Haus Nummer zwölf in der Musikantengasse eine dumpfe grauenvolle Ahnung hatte . Auf der ersten Seite des Büchleins stand in merkwürdiger Handschrift : Thagebug von Aurora Pogge . Blitzschnell glitt der Fund in die Brusttasche des glücklichen Finders ; satanischen Jubels voll , schnalzte Julius Schminkert mit den Fingern , und noch warm von der zarten Berührung des jungfräulichen Busens Auroras war das himmelblaue Schatzkästlein einer edlen Seele . » Göttlich , göttlich ! Millionenfach gesegnete Stunde ! Geschenk der Götter , feil für kein Königreich ! « jauchzte innerlich der Taugenichts , bei jedem Ausruf sich am Geländer über sechs Stufen der Treppe abwärts hinwegschwingend . Verwirrung , Not und Ratlosigkeit hatten ebensosehr von dem Parterre Besitz ergriffen wie von den übrigen Stockwerken des Hauses , das höchste ausgenommen , welches alle Seelen- und Körperkräfte ruhig beieinander behielt ; und wir schieben die Bemerkung ein , daß an dem letztern Faktum durchaus nichts zu verwundern ist , da die klarsten Köpfe ungemein häufig dem Dache sehr nahe wohnen . Das Gehirn hält sich ja auch in dem höchsten Teile des menschlichen Körpers auf . Niemals sah man einen zitternderen Kleiderkünstler , niemals versteinertere Lehrlinge , niemals angstvoller umherhüpfende Bekleidungsgehülfen . Die schöne Angelika , ziemlich mangelhaft bekleidet , warf sich an die Brust Schminkerts und umklammerte ihn krampfhaft mit dem Ruf : » Rette mich , rette uns , o rette mich ! « » Aus Blut und Tod , aus Trümmern und Flammen ! « deklamierte Julius , zärtlich das zarte Wesen an seinem Herzen festhaltend , ohne daß der ratlose Papa sich ' s verbat . » Es ist die Fabrik chemischer Waren in Brand geraten ; wir werden höchstwahrscheinlich sogleich allesamt in die Luft fliegen . Halten Sie sich nur recht fest an mir , Engel der Seligkeit ; wenn wir einmal in die Lüfte sollen , so geschieht ' s am angenehmsten paarweise ; - o Angelika , Herrlichste Ihres Geschlechts , ich benutze wiederum die tragische Gelegenheit , den Brand von Semmelroth und Kompanie , um Ihnen den Brand meines Herzens zu offenbaren . « » O hören Sie nur , sehen Sie nur - die Flammen ! O wie gräßlich ! « » Was fürchtest du , Geliebte ? Laß den Erdkreis zusammenbrechen ; - wie sagt der Altmeister Goethe ? Unsterbliche heben verlorene Kinder Mit feurigen Armen zur Gottheit empor ! « » Wasser , Wasser , Wasser ! « schrie der Schneider . » Herr Schminkert , ich bitte Sie um Gottes willen , was sollen wir anfangen ? Raten Sie , helfen Sie - « » Da geht die hohe Polizei , nun sind wir gerettet ! « rief Julius , als eben Fiebiger im blauen Rock mit rotem Kragen , begleitet von Robert , über die Hausflur eilte und in die menschenvolle Gasse stürzte . Wir lassen den entzückten darstellenden Künstler , die schöne Angelika und den atemlosen tailleur de Paris , um dem Schreiber und seinem Zögling zu folgen . Mit kräftigen Rippenstößen drängten sich die beiden durch die Menge , und Robert Wolf zeigte sich als ein kräftiger Bahnbrecher bis zu einer Soldatenlinie , welche die Brandstätte gegen das andrängende Volk absperrte . Hier trat der rote Kragen des Polizeimannes in sein Recht , vor ihm öffnete sich bereitwillig die Reihe der Krieger , und der Schreiber fand sich bald mit Robert vor dem brennenden Wienandschen Hause . Mit verheerender Wut hatte das Feuer um sich gegriffen und bot allen Anstrengungen der Menschen Trotz . Der Wind wühlte in den Flammen wie in einem feurigen Ährenfelde , die Hintergebäude des ganzen Stadtteiles standen in Flammen , und auch aus den Fenstern der Vorderhäuser leckten schon die roten gefräßigen Zungen . In dem Garten des Bankiers brach eine hohe Wand nieder , zerschlug die weiße Statue der Hebe , zerknickte die Holunderlaube und bedeckte mit glühenden Trümmern und Funkengewirbel die Blumenbeete , den zierlichen Tisch , die grüne Bank . Erbarmungslos griff das Feuer über das Lieblingsplätzchen Helenes weg , erbarmungslos , wie das Unglück in ihr junges Leben griff . Eine Bandfabrik wurde von den Flammen erfaßt ; die Glut trieb die Bänderrollen hoch in die Lüfte und wickelte sie am dunkelroten Nachthimmel in den prächtigsten Schlangenwindungen auseinander . Aus allen Fenstern der obern Stockwerke des Wienandschen Hauses schlug das wilde triumphierende Element und spottete der Anstrengungen der Spritzen , der Pionierkompanien , der beiden Tellering , Vater und Sohn . Aus dem Café de l ' Europe waren die Nachtschwärmer in die Straße gestürzt , und Leon von Poppen starrte wie blödsinnig , mit offenem Munde , in das schreckliche Lichtmeer , in welchem das Haus des Bankiers Wienand - vielleicht auch sein ganzer Reichtum - untergehen sollte . » Das gute , alte Haus ! Armer Wienand ! « rief der Polizeischreiber , die Hände erhebend . In tödlichster Angst flogen die Blicke Robert Wolfs umher . Sie , sie - wo war sie ? Hatte man sie vergessen in den Flammen ? War sie gerettet ? Der Jüngling stieß einen Schrei aus und sprang fort von der Seite des Schreibers . Quer über die Gasse schritt Ludwig Tellering , eine zarte leblose Gestalt in den Armen tragend . Funken , Kohlen , glühende Balkentrümmer fielen immer dichter herab , nach einer andern Seite hin wurde der alte Fiebiger gedrängt ; dem vor Ermattung strauchelnden Ludwig nahm Robert Wolf die leichte liebliche Last ab ; vereint trugen beide die ohnmächtige Helene in das Café de l ' Europe und legten sie sanft auf einem der Diwans nieder , auf welchen sich vorhin Leon von Poppen mit seinen Genossen gestreckt hatte . Die Wirtin und ihre Tochter nahmen sich der Armen bereitwilligst an , soviel es ihnen die Hast und Aufregung erlaubte , mit welcher auch sie ihr wertvollstes Eigentum in Sicherheit zu bringen hatten . Als treuer Wächter stand Robert neben dem jungen Mädchen , welches er bis jetzt nur aus so weiter Entfernung durch die Ferngläser des Sternsehers Ulex betrachtet und beobachtet hatte . Allerlei Volk drängte sich in und aus dem Gemach ; eine kräftige geballte Faust streckte Robert einmal dem Freiherrn von Poppen entgegen , und er wich erst von seinem Wachtposten , als Juliane von Poppen sich durch das Getümmel drängte und ihr armes Herzenskind ans Herz schloß . Scheu zog sich Robert nun in einen Winkel zurück und starrte von dorther auf die alte Dame und das bleiche entsetzte Kind , bis das tapfere Freifräulein halb durch Bitten , halb durch Gewalt das Gemach räumte und so auch ihn wieder in die Gasse hinaustrieb . Eine lange Häuserreihe stand nunmehr im lichten Brande . Im hohen Erdgeschoß seines brennenden Hauses war der Bankier noch immer mit seinen Leuten und der Rettungsmannschaft in gefahrvollster Arbeit beschäftigt . Manch wichtiges Dokument , manch wertvolles Schriftstück ging verloren ; immer drohender ward die Gefahr ; einer der Helfenden nach dem andern verließ das Gebäude , in welchem man fast erstickte , wo die Haare in der Hitze sich kräuselten und wo die Kleider einen Brandgeruch von sich gaben . Zuletzt fand sich der Bankier nur noch mit einem kühnen Mann allein . Mit heldenmütiger Aufopferung half der alte Meister Tellering beim Aufbrechen der Schränke , bis er von einer niederstürzenden Decke getroffen und gefährlich verwundet wurde . Da trug der Bankier den Greis auf seinen breiten Schultern aus dem Gebäude und gab es verzweifelnd auf , noch mehr zu retten . Hinter den beiden stürzte das Haus in sich zusammen , und in der Gasse sank Ludwig Tellering mit wildem Angst- und Schmerzensruf neben seinem Vater nieder . Der bewußtlose Meister wurde auf einer Bahre in seine dunkle Hofwohnung zurückgetragen , begleitet und unterstützt von manchen versengten , rauchgeschwärzten Handwerksgenossen . Dicht ihm zu Häupten schritten der Polizeischreiber Fiebiger und der Sohn . An der ersten Straßenecke traf der traurige Zug auf den Wagen , zu welchem das Freifräulein von Poppen soeben Helene Wienand führte . Juliane beugte sich über den Verwundeten und winkte dem Sanitätsrat Pfingsten , an dessen Arm Helene hing . Auch der Arzt ging mit der Bahre , um sogleich Hülfe zu leisten . Der Bankier war nicht von der Brandstätte wegzubringen ; er saß auf einem Stein- und Trümmerhaufen und blickte stier in das Glutmeer , dessen feurige Wogen über dem großen Buche zusammenschlugen , auf welches er in der letzten Zeit so oft so triumphierend seine Hand gelegt hatte . Aus dem Geprassel der Flammen klang es ihm wie höhnisches Lachen ins Ohr ; seine Lippen zitterten , seine Zähne schlugen aneinander ; ein Augenblick hatte den Mann um viele Jahre älter gemacht . Die markige Gestalt war zusammengesunken ; zu plötzlich war für diese berechnende Stirn das Unglück gekommen ; der Bankier Wienand auf dem Trümmerhaufen lächelte wie kindisch , er fing an , an den Fingern zu zählen , und summte eintönig das Einmaleins vor sich hin . Freunde und Bekannte drängten sich teilnehmend , tröstend um ihn her ; aber vergeblich waren alle Anstrengungen , den Unglücklichen vom Platze zu bringen . Auf alle Bitten und Vorstellungen schüttelte er verwirrt lächelnd den Kopf und wies auf die Flammen . Herr Leon von Poppen sah aus einiger Entfernung fast ebenso verwirrt auf ihn , schüttelte ebenfalls den Kopf und schlich mit matt niederhängenden Armen und höchst unkomfortablen Gedanken der mütterlichen Wohnung zu . Robert Wolf sah Helene Wienand mit dem Freifräulein in den Wagen steigen , welcher sie nach der Wohnung der alten Dame führen sollte . Über ihm war der Himmel noch immer mit blutigem Schein übergossen , obgleich man jetzt allmählich des Feuers Herr ward . Um ihn her wirbelte die aufgeregte Bevölkerung der großen Stadt . Der Jüngling war wieder einmal wie bezaubert , wie berauscht . Er hatte ein ähnliches Gefühl wie an jenem Abend , wo er verwundet auf dem Straßenpflaster lag - ebenso schmerzhaft , ebenso selig . Minutenlang blickte er dem davonrollenden Wagen nach ; als er schon längst verschwunden war , stand er immer noch in solcher Verzückung da . Dann eilte er hinter dem traurigen Zuge her , welchem das Gerücht unheilverkündend voranlief , um die bis dahin so glückliche Hofwohnung von Nummer zwölf der Musikantengasse mit namenlosem Entsetzen und hellem Jammer zu erfüllen . Von seinem Giebel aus hatte der greise Sternseher bewegt und doch ruhig in das wogende Flammenmeer , welches immer gewaltiger und dräuender gegen seine Höhe heranraste , herabgeschaut ; er wich weder der Hitze noch dem Qualm ; all das hohe Mauerwerk , über welches er sich so oft geärgert hatte , sah er zusammenstürzen , und nach jedem donnernden Gekrach schlug die Feuersäule um so wilder himmelan . » Stein wälzen sie auf Stein « , sagte der Alte , » den Pelion auf den Ossa . Bis an die Sterne glauben sie ihre Burgen , ihr Glück auftürmen zu können . Was für Elend und Sorgen , für Blut und Schweiß sie mit vermauern ! Wie sie sich quälen und ängsten ! Sie bauen im Wachen , sie bauen im Traum - tausendarmiges Gigantengeschlecht ! Immer höher , immer höher . Gut wissen sie Richtmaß und Zirkel zu gebrauchen , darin liegt ihre Sicherheit , darauf sind sie stolz - arme Toren ! Den Flügelschlag der unsichtbaren Verderber fürchten sie nicht , den Flügelschlag , der im Vorbeistreifen die Paläste der Könige , die Häuser der Vornehmen , die höchsten Türme und höchsten Schornsteine niederwirft . O meine Sterne , mit ihrem Mauerwerk werden sie euch nicht erreichen ; die Geister , welche zwischen Himmel und Erde wandeln , dulden es nicht ! « Bis zum grauenden Morgen stand der Greis an seinem Fenster ; eine weite schwarze , rauchende Brandstätte fand der neue Tag . Viele Seufzer und Wehrufe irrten um den düstern Fleck im großen Häusermeer . Viel müde Köpfe , viel elende Herzen , viel stumpfsinniges Ächzen und Brüten , viel laute wilde Flüche gab es um diesen schwarzen Fleck . Was wird aufwachsen aus dem Schutt und den Trümmern , aus dem Kummer und der Verzweiflung aller derer , welche verloren haben und welche jetzt noch so fest überzeugt sind , niemals wieder gewinnen zu können ? ! Siebenzehntes Kapitel Unter dem Schutt und der Asche - unter den Trümmern ! Drei vor allen andern Unglückliche hatte der Funke gemacht , welcher in der Fabrik von Semmelroth und Kompanie in einem toten Aschenhaufen geschlafen hatte , welcher erwacht und gewachsen war , welcher sich gereckt und gedehnt und in seine feurigen Umarmungen so vieles hineingezogen hatte . Die drei vorzugsweise zu Bedauernden waren der reiche Bankier Wienand , der alte Schreiner Johann Tellering und - Fräulein Aurora Pogge aus Nummer zwölf in der Musikantengasse . In verschiedener Weise litten sie , aber alle litten schrecklich ; in verschiedener Art trugen alle das Schreckliche , aber ertragen mußten sie es . Das Feuer ließ dem Bankier viel mehr , als die meisten Menschen jemals besessen haben und besitzen werden ; aber es nahm ihm auch unendlich viel ; es entriß ihm den besten Teil seines Ichs , seine Energie , die Spannkraft von Körper und Geist , in welcher allein für den Unglücklichen die Hoffnung künftiger Erfolge liegt . Man sprach viel in der Stadt über dieses phänomenartige Zusammenbrechen eines so eisernen Charakters ; die Ärzte machten es zum Thema mancher wissenschaftlichen Untersuchung ; und es ist sogar später in ihren Zeitschriften davon die Rede gewesen . Der Sanitätsrat Pfingsten als Hausarzt des Kranken wollte lange nicht an solche Möglichkeit glauben und hielt den Zustand für eine momentane , vorübergehende Erschöpfung durch Schreck , körperliche Aufregung und Überanstrengung . Es war aber kein momentaner Zustand ; - es blieb mit dem Bankier fürs erste , wie es war - er war ein geschlagener Mann . Mit lächelnder Miene wäre , wie schon gesagt , der Bankier jedem vorherberechneten Unglücksfall entgegengetreten ; das Unvorhergesehene traf ihn mit vollster Wucht , ohne daß er einen Schild zur Abwehr bereiten und vorhalten konnte . Tief sollte diese kluge , klare Stirn in den Staub gedrückt werden . Die ersten Tage nach der Feuersbrunst hatte der unglückliche Mann mit seiner Tochter in der Wohnung seiner alten Freundin , des Freifräuleins von Poppen , zugebracht ; und wieder einmal zeigte sich die alte Dame als seine treueste Helferin in der Not . Sie konnte freilich dieses Mal nicht viel helfen ; ihre Ermahnungen , ihre Vorstellungen , ihre Vorwürfe prallten an der krankhaften Apathie des Bankiers wie an einem Panzer ab ; und es sollte noch schlimmer kommen mit ihm . Vergeblich mühten sich auch die andern Freunde , die Geschäftsgenossen des berühmten Geldmannes , ihm das Leben wieder von einer bessern Seite zu zeigen , ihm die geretteten Fonds , den unerschütterten Kredit in die Erinnerung zu rufen . Der Kranke hörte ihnen stumpfsinnig lächelnd zu , schüttelte den Kopf und fing wieder an , an den Fingern zu zählen und das Einmaleins herzusagen . Stundenlang konnte er so sitzen und in einen Winkel starren , teilnahmlos für alles , was um ihn her vorging , teilnahmlos für die Bekannten , die Kollegen von der Börse , teilnahmlos für die alte Juliane , teilnahmlos sogar für seine Tochter , die arme , bleiche , weinende Helene . Man griff zu einem neuen Mittel . Man mietete ihm in der Kronenstraße eine Wohnung - dem Hause der Baronin von Poppen gegenüber - , man richtete ihm daselbst ein elegantes Geschäftszimmer ein ; - er weinte , als man ihm seine Firma auf dem blanken Messingschild an der Tür zeigte ; er setzte sich vor das große leere Hauptbuch , welches man ihm auf den Arbeitstisch gelegt hatte , stützte das Haupt mit den Händen und weinte - weinte bitterlich . Es sollte aber noch viel schlimmer kommen ; die Verwirrung seines Geistes hatte noch lange nicht den höchsten Grad erreicht ; die fixe Idee , daß er sich und seine Tochter nicht mehr ernähren könne , daß er den Hungertod sterben müsse , griff immer mehr in seinem kranken Hirn Platz und zeigte sich auf die seltsamste , traurigste und verschiedenartigste Weise . Wir werden leider damit noch mehr zu tun haben und brechen hier ab , um den Leser zu dem zweiten Ort der Schmerzen zu führen . - Dunkel war der Hof von Nummer zwölf der Musikantengasse , noch dunkler fast die niedere Wohnung , deren Fenster auf den engen Raum gingen , wo einem der Hut vom Kopf fiel , wenn man nach dem Stückchen blauen Himmels über den Dächern sehen wollte . Aber wieviel Sonnenschein hatten die guten Menschen , welche hier wohnten , in diese dämmerigen Räume hineingetragen ! Diese dunkeln Wände hatten oft heller geglänzt als königliche Säle voll unzähliger Wachskerzen . Da war ein Winkel hinter dem Ofen , ein Winkel , in welchem ein uralter Lehnstuhl stand , und Winkel und Lehnstuhl hatten einen Schein von sich gegeben , der mit nichts zu vergleichen war . Jeder Gegenstand in der Wohnstube , der Werkstatt , den Kammern , der Küche hatte sein eigenes Leuchten gehabt ; echtester , wahrster Goldglanz hatte den Hammer , den Topf , den Kessel umspielt , Fluten von Licht hatte der ärmliche Spiegel über das Gesichtchen Luise Tellerings gegossen - nun sollte alles erlöschen , alles in die tiefste Finsternis versinken . Wie die Hand der Frau Anna das verdunkelnde Tuch über den Käfig des Kanarienvogels hing , damit der kleine fröhliche Sänger den kranken Meister nicht auch noch störe im qualvollen Fieberschlummer , so warf das Geschick den schwarzen Schleier über das ganze arme Hauswesen . Mit gesträubten Federn und eingezogenem Köpfchen saß der Vogel auf der Stange und wunderte sich über die lange Nacht , welche gar kein Ende nehmen wollte , und ebenso verstört , verschüchtert , aber viel schmerzenreicher saßen Mutter und Kinder der Familie Tellering um das Lager des unsäglich leidenden Hausvaters . Verstummt waren die hellen Stimmen ; der kleine Vogel sang nicht mehr , Ludwig sang nicht mehr , Luise sang nicht mehr . Der alte Mann erduldete die größten körperlichen Schmerzen , welche es gibt , die Qualen , die das Feuer dem menschlichen Leibe zufügt , und die treueste Pflege konnte diese Pein nicht im mindesten lindern , sowenig wie die Kunst des Sanitätsrats Pfingsten es vermochte . Nur Mannesmut konnte hier helfen , und mit dem Mut des Mannes trug Johannes Tellering , was ihm auferlegt worden war . Gewöhnlich erdulden die niedern Klassen körperliche Leiden und Anstrengungen gewisser Art mit weniger Ausdauer als die höhern , da ihnen das moralische Gegengewicht fehlt ; aber hier war das nicht der Fall . Mit eiserner Kraft wehrte sich der verstümmelte Greis gegen seine Schmerzen , und nur selten verkündete ein leises Stöhnen den Seinigen , was er litt . Sie wußten es aber darum doch ; denn sie kannten den Mann , den Vater ; und die alte Frau rief mehr als einmal , die Hände ringend : » Schrei doch ! schrei dich doch aus , Johannes ! Es lindert - schrei dich aus . O Gott , Gott , beiße die Zähne nicht so zusammen ! « Aber Johannes Tellering schrie nicht ; er lächelte sogar und ächzte : » Gute Alte - noch nicht ! Vielleicht später ! « Er hatte das Augenlicht verloren ; aber hinter den geschlossenen wunden Lidern tanzten noch immer die blutigen Flammen , in welche er geblickt hatte , ehe er unter dem niederstürzenden Balken die Besinnung verlor . Alles trug der alte Held standhaft , das vollständige Gegenbild zum Bankier Wienand . Mit einem Teile der Hausgenossenschaft von Nummer zwölf wurde die wackere Familie durch das Unglück , welches sie betroffen hatte , noch fester verknüpft . Zu allen Tageszeiten sprachen der Polizeischreiber Fiebiger und sein Robert in der Hofwohnung vor , und der Schreiber war auf seine Weise ein unbezahlbarer Trostbringer am Krankenlager ; seine Gegenwart half der Familie , half dem Leidenden über manche trostlosen Augenblicke hinweg . Von noch größerm Wert aber war für den Meister Tellering die Gegenwart des Sternsehers Ulex , der von seinem Giebel niederstieg und halbe Tage lang neben dem Bette des Meisters saß . Der Gelehrte und der Handwerker verstanden sich vortrefflich ; - ein großes Stück Phantasie steckt im Volk und in der Philosophie , und damit bewegen beide alles , was sie erfassen . Zu den höchsten Höhen des Reichs der Geister vermag die ungeschulte Phantasie des Volkes sich zu erheben ; nieder zu den Kindern und Einfältigen kann die echte Philosophie steigen ; sie stehen ja doch beide vor denselben unlösbaren Fragen - Immanuel Kant , der Königsberger Professor , wie Jakob Böhme , der Görlitzer Schuster . Mit dem armen Meister Johannes hob sich der dichterische Denker über die Finsternis und den gewaltigen Schmerz empor zu jenen Regionen , in welchen es keine Finsternis und keine Schmerzen gibt . In den Momenten verhältnismäßiger Ruhe , welche dem Verwundeten zuteil wurden , erzählte der Gelehrte dem Handwerker von jenen philosophischen Helden der klassischen Welt , welche den Schmerz durch Willenskraft gebändigt , welche Armut , Sklaverei , den furchtbarsten Tod mit stoischem Gleichmut ertragen hatten . Der Mann der harten Arbeit begriff vollständig , wenn Ulex von jenem Theramenes sprach , welcher den Giftbecher lächelnd leerte und dabei sagte : dies sei dem schönen Kritias - seinem Hauptankläger - zugetrunken . Wie fest faßte Johannes Tellering die Hand des Sternsehers , als dieser vom Sokrates erzählte , wie der sich gegen die Richter wandte , nachdem er sein Todesurteil vernommen hatte : » Wohlan denn , wir gehen nun jeder seines Weges ; ihr an eure fernem Geschäfte , ich zum Sterben ; aber die unsterblichen Götter wissen , wem das Beste zuteil geworden ist ! « » Es ist ein großes Drängen in der Welt « , sagte der Sternseher , » was uns nicht gewaltig stößt und quetscht , das zupft uns wenigstens . Wann gehen wir den Weg , den wir gehen wollen ? In der Jugend achten wir nicht darauf . Solange das Blut frisch durch die Adern rinnt , folgen wir dem Zuge des Blutes ; aber nachher ... ? ! Drei Cherubim , drei Engel des Todes , gibt es , Schaddai , Uriel und Adonai , vor ihnen müssen alle Engel des Lebens , alle Seraphim , die glänzenden Flügel zusammenfalten ; aber auch die Todesengel stehen nicht am Ende der Dinge : über allen Göttern sitzt Gott . Wer ist glücklich ? Es war einmal ein großer Feldherr und zugleich ein tugendhafter Mann in einer verderbten Zeit , Phokion hieß er und war aus der Stadt Athen in Griechenland ; - niemand hatte gesehen , daß er weinte , niemand hatte gesehen , daß er lachte ; man behauptete , der Mann sei glücklich . Noch einen andern hat ' s gegeben , der wollte mit den Göttern um die Glückseligkeit streiten , vorausgesetzt , daß er Wasser und Brot hätte - man hat ihn später viel verlästert , er war sehr gut und sehr weise , Epikuros hieß er . Lieber Meister Johannes , der Himmel ist uns in jedem Augenblick , an jedem Orte gleich nah und gleich fern ; - der rechte Mann berührt ihn auch in der dunkelsten Stunde mit der Hand , und keine Erdenmacht ist imstande , ihm das kleinste Stück davon zu entreißen . - Es gibt soviel Trost in der Welt , Meister , und ein nicht gering anzuschlagender liegt in folgendem , welches vor fast zweitausend Jahren gesagt wurde . « Der Sternseher zog das » Encheiridion « des Epiktet aus der Tasche , blätterte einen Augenblick darin und paraphrasierte dann dem Kranken das dreiundzwanzigste Stück : » Bedenke immer , das Leben sei dir gegeben , wie dem Schauspieler eine Rolle im Drama vom Dichter gegeben wird . Spiele sie ab , wie sie der große Poet geschaffen hat - kurz , wenn sie kurz , lang , wenn sie lang ist . Wenn dir die Rolle eines Bettlers gegeben wurde , so agiere sie , so trefflich du irgend vermagst ; ebenso , wenn du mit der Rolle eines Kranken , eines Mannes der Schmerzen bedacht wurdest . Der Fürst muß den Fürsten spielen , der Plebejer den Plebejer . O Mitbruder auf der Bühne dieser Welt , unsere Sache ist ' s , die übergebenen Rollen gut darzustellen ; ein anderer , Höherer , Mächtigerer , der große Dramaturg des Universums , teilt sie aus . O lieber Meister Johannes , es bekommt ein jeder den rechten Teil am gewaltigen Drama , und für jeden fällt einmal der Vorhang . Dann gibt ein jeder zurück , was ihm zur Ausführung seiner Rolle gegeben war : der König den Purpurmantel und die goldene Krone , der Bettler den Bettelsack und den weißen Stab ; den schweren Sack der Schmerzen wirft der Kranke und Elende in den Winkel , und wer seinen Teil am Stück gut gemacht hat , der - « » Wird Ruhe haben ! « sagte der alte Handwerksmann mit seiner gewöhnlichen Stimme , die nur ein wenig bewegter als gewöhnlich klang . » Ja , Herr , ich danke Ihnen aus dem Grunde meines Herzens für die Mühe , die Sie sich mit mir geben . Aber glauben Sie auch fest , es müßte wunderlich zugehen und noch viel schlimmer kommen , wenn ich nicht über dies alte Knochengerüst Herr bliebe . ' s ist mir nur um meine Alte , die Luise und den Jungen , die quälen sich mehr als ich . Ich kann ihre Gesichter nicht sehen ; aber ich weiß es , ich fühle es an ihren zitternden Händen , ich merke es an ihrem Atmen . O Herr , ich habe doch eine recht schwere Rolle zu spielen . « » Nicht die schwerste , Meister « , sagte der Sternseher . » Gedenkt an den Mann , in dessen brennendem Hause Euch dieses Unheil betroffen hat , denkt an den Bankier Wienand . « Der Kranke ließ die erhobene Hand schwer herabsinken : » Es ist wahr . Gelobt sei Gott , daß das nicht auf mich gefallen ist . Wenn ich daran denke , so murre ich nicht mehr . O Herr Ulex , und das war doch solch ein starker , solch ein kluger Mann ; - was sind wir in dieser Welt ? « » Da war im siebenzehnten Jahrhundert in Kopenhagen an der deutschen Pfarrkirche zu Sankt Peter ein alter Pastor Johann Lassenius , der sagt in einem Buch : Ich weiß nicht , ob ich das Leben mehr ein sterbendes Leben oder einen lebendigen Tod nennen sollte ! « antwortete der Sternseher . » Ach , Meister Johannes , die Menschen , welche uns am meisten aus einem Guß zu sein scheinen , die brechen oft am leichtesten . « » Ganz recht , Heinrich « , rief der Polizeischreiber , der , vom Büro kommend , sogleich in die Kammer des Schreiners guckte . » Solche alte gesprungene und wieder genietete , gekittete , mit Draht umwundene Töpfe halten am längsten , das weiß jede Hausfrau . Meister Tellering , wir sind alle drei solche desolaten Töpfe ; haltet nur den Kopf , ich hätte beinahe gesagt den Deckel , in die Höhe ; es kann noch manche Suppe in uns zum allgemeinen Besten gekocht werden . « Der Kranke schüttelte den Kopf und sagte leise : » Ich für mein Teil glaube es nicht ; mit mir ist ' s aus , und kein Kitten und Löten wird mehr helfen . « » Ärgert mich nicht , Tellering « , brummte der Schreiber . » Man hat doch schon Ärger genug in diesem Jammertal . « Den Glauben an Wiedererlangung der Gesundheit konnte keiner der Freunde dem Schreiner wiedergeben ; er fühlte zu gut und sicher , daß ein so gebrochener , zuckender Körper wie der seinige den Kampf nicht allzu lange mit Schaddai , Uriel und Adonai , den Todesgewaltigen , aushalten werde . Und eines Abends rief er , nachdem er Frau und Tochter fortgeschickt hatte , damit sie » einmal frische Luft schnappten « , seinen Sohn dicht an sein Lager und faßte seine Hand : » Höre , mein Junge , ich habe dir etwas zu sagen , was die Weiber noch nicht zu hören brauchen . Manchen Sarg haben wir zusammen angefertigt , und du hast längst das unbehagliche Gefühl überwunden , welches dich beim ersten an den Nackenhaaren packte . Lieber Junge , wir haben manchem Fremden , aber auch mehr als einem Nachbar und guten Freunde das letzte Haus gezimmert ; bei dem , welches du jetzt bauen sollst , werde ich dir nicht helfen können ; aber es muß doch fertig werden . Es stehen drei gute Bohlen in der Werkstatt neben meiner Hobelbank ; du hast mich oft gefragt , weshalb wir sie nicht verarbeiteten . Jetzt will ich dir ' s sagen : Die drei Bretter sind für mich - es sind wackere Bretter ohne Äste und Würmer , und sie haben mir schon manchen guten Dienst im Leben erwiesen und mich von mancher Dummheit abgebracht . Sie haben einen so schönen hohlen Klang , und wenn man mit der Faust daran schlägt , kann man sich dabei allerlei denken . Oft , wenn mich der Zorn überkommen wollte oder der Neid oder die Unlust , wenn ich zuviel Arbeit hatte oder zuwenig , hab ich daran geklopft und mir das Meinige gedacht . Sie werden grad reichen zu meiner Länge - fünf Fuß drei Viertel . Mach dich dran , Ludwig ; aber - das Heulen laß unterwegs , und zu überarbeiten brauchst du dich auch nicht ; so sehr drängt ' s nicht ; der schwarze Kasten , den wir