freue mich außerordentlich - ja , ja , was ich sagen wollte , gnä-ge Fra ' , wohin geht es , wenn man fragen darf ? Nach Barnewitz - Ah , wollte ebenfalls dorthin - ruhig , Robin , ruhig ! Aber Herr von Cloten , es ist große Gesellschaft , sagte die Baronin , auf des Junkers Stulpenstiefel und Jagdrock anspielend . Unmöglich , gnä-ge Fra ' ; Barnewitz sagte mir gestern , als ich ihn zufällig traf , ich möchte zu einer Partie Boston hinüberkommen , aber von einer Gesellschaft hat er mir kein Wort gesagt . Es ist ein Scherz von Barnewitz ; verlassen Sie sich darauf . Ah , ja , sehr wahrscheinlich ; Barnewitz hat immer so tolle Einfälle ; ruhig , Robin ! - Teufelskerl , der Barnewitz - sich schon gefreut , mich in Stulpenstiefeln in Salon treten zu sehen - Freude verderben - Beschwöre Sie , gnä-ge Fra ' , meine Herren , erzählen Sie Niemand , daß Sie mich gesehen haben . In einer Viertelstunde in Barnewitz . Damit warf der junge Mann sein Pferd herum und sprengte in voller Carrière in der Richtung fort , aus der er gekommen war . Bald darauf fuhr der Wagen über einen etwas holperigen Steindamm , der quer über den Gutshof von Barnewitz bis zu dem kiesbestreuten Platze vor dem Herrenhause führte . Ein Diener trat an den Wagen , den Schlag herunterzulassen ; in der Thür erschien die Gestalt eines breitschulterigen , bärtigen Mannes , der schön zu nennen gewesen wäre , wenn nicht Wohlleben und Indolenz die Harmonie der regelmäßigen Züge wesentlich beeinträchtigt hätte . Es war Melitta ' s Vetter , Herr von Barnewitz . Sie sind die Allerersten , wie Sie sehen , sagte er , die Gäste in einen dreifenstrigen Saal rechts vom Flur führend , wo sie von Frau von Barnewitz , einer hübschen Blondine , begrüßt wurden . Sie wissen , daß ich die Pünktlichkeit über Alles liebe , erwiderte die Baronin , den ihr angebotenen Platz auf dem Sopha einnehmend . Vortreffliche Eigenschaft das , antwortete Herr von Barnewitz , ganz mein Grundsatz - stets gewesen - im Leben und auf der Jagd die Hauptsache - Schnepfe aufgestoßen - Baff - liegt - pünktlich - Hahaha . Wie ist es ? sagte die Baronin zur Frau von Barnewitz gewendet , werden wir heute eine zahlreiche Gesellschaft haben ? Nun vierzig bis fünfzig höchstens . Das heißt , so ziemlich unser ganzer Cirkel . So ziemlich , ja . Und - wir sprachen schon unterwegs darüber - wird Ihre liebe Cousine erscheinen ? Da müssen Sie meinen Mann fragen , der die Einladungen besorgt hat . Ha , ha , ha lachte Herr von Barnewitz . Köstlicher Spaß , meine Herrschaften , muß Ihnen erzählen , bevor die Andern kommen . Sie wissen , daß wir mit Melitta durch Italien reisten , und daß sich uns dort der Baron Oldenburg anschloß . Wir lebten sehr vergnügt zusammen - denn Oldenburg kann sehr liebenswürdig sein , wenn er will . Auf einmal war das gute Einvernehmen zum Teufel - entschuldigen , gnädige Frau - der Eine ging hier hin , der Andere dort hin . Melitta und Oldenburg sagten sich nur noch Malicen , und eines schönen Morgens war Oldenburg fort - verschwunden - Billet zurückgelassen : er fände die Luft in Sicilien zu drückend als angehender Schwindsüchtiger , und wollte einen kleinen Abstecher nach Aegypten machen . Seit der Zeit sind drei Jahre verflossen ; jetzt ist Oldenburg wieder hier ; ist aber nur bei mir gewesen , um mir , wie er sagte , oder meiner Frau , wie ich sage - Aber Karl - Nun , liebe Hortense , unter Freunden muß ein Scherz erlaubt sein ; also um uns Beiden seine Aufwartung zu machen . Als ich ihn neulich vorläufig einlade , sagt er : ja , wenn Deine Cousine nicht kommt ; als ich vor ein paar Tagen Melitta begegne und sie frage , antwortet sie : ja , wenn Dein Freund Oldenburg nicht kommt . Natürlich versicherte ich Beiden , daß sie ganz ruhig sein könnten , sie würden dem Gegenstande ihrer Abneigung nicht begegnen . Um die Sache noch glaublicher zu machen , schicke ich zwei Kerls aus mit zwei verschiedenen Listen , auf deren einer Melitta und der anderen Oldenburg stand . Und nun kommen sie alle Beide , - ist das nicht ein Hauptspaß ? - Entschuldigen Sie , meine Herrschaften , ich höre so eben einen Wagen vorfahren . Allmälig füllte sich der Saal und die daran stoßende Flucht hoher , schöner Zimmer , die auf der Hinterseite des Hauses wieder in einem Saal endigte , aus dem zwei Flügelthüren ein paar Stufen hinab in den Garten führten . Oswald hatte sich , nachdem er einigen Herren und Damen vorgestellt war , die seine Verbeugung mit kühler Höflichkeit erwiderten , in eine der Fensternischen des Saales gestellt , von wo aus er die Ankommenden draußen und die Gesellschaft drinnen zugleich beobachten konnte . Es wurde ihm trüb und trüber zu Sinn . Er fing an bitter zu bereuen , daß er sich von Melitta hatte bereden lassen , dieser Gesellschaft beizuwohnen , als ein junger Mann mit einnehmenden hübschen Zügen und blauen , freundlichen Augen sich zu ihm gesellte . Ich habe das Vergnügen , mit Herrn Doctor Stein zu sprechen ? Oswald verbeugte sich . Mein Name ist von Langen . Ich höre , daß Sie während der letzten Jahre in Berlin studirten . Haben Sie dort vielleicht die Bekanntschaft eines Herrn P. gemacht ? Er war Philolog und von der Schule her mein sehr intimer Freund ; es interessirt mich , zu erfahren , was aus ihm geworden ist . Zufällig kannte Oswald den Betreffenden , und konnte so Herrn von Langen die gewünschte Auskunft geben . Die aufrichtige Theilnahme , die dieser junge Mann für einen Menschen an den Tag legte , der , wie Oswald wußte , außer vortrefflichen Anlagen und einem rastlosen Fleiß keine anderen Empfehlungen auf Erden hatte , machte auf Oswald einen sehr angenehmen Eindruck . Es sah es daher , trotz seiner innern Unruhe , nicht ungern , daß Herr von Langen große Lust zu haben schien , das angefangene Gespräch fortzusetzen ; auch that es ihm wohl , in dieser Menge unbekannter Menschen einen zu haben , der seine Bekanntschaft gesucht hatte . Wie wär ' s , Herr von Langen , sagte er nach einigem Hinund Herreden , wenn Sie mir für die Auskunft , die ich Ihnen über einen Abwesenden geben konnte , Auskunft über einige Anwesende gäben . Wer ist zum Beispiel der alte Herr dort im blauen Frack mit den weißen Haaren und dem rothen Gesicht , der so entsetzlich schreit , als ob er sich Jemand , der auf der anderen Seite eines tosenden Wildbaches steht , verständlich machen wollte ? Das ist Graf Grieben , einer unserer reichsten Edelleute . Sie kennen doch die hübsche Anecdote , die ihm vor einigen Jahren mit dem König passirt ist ? Nein , wollen Sie sie mir erzählen ? Der König besucht auf einer Reise die nahe Hafenstadt . An der Landungsbrücke , wo sich die Spitzen der Behörden , der Adel und so weiter zu seinem Empfange eingefunden haben , hält des Grafen mit sechs herrlichen Braunen bespannte Equipage , auf jedem der Sattelpferde ein Jockey in der gräflichen Livrée . Der König bewundert die schönen Thiere . Alles eigene Zucht , Majestät , schreit der Graf mit einer kühnen Handbewegung . Die Jockey ' s auch ? antwortete der witzige Monarch . Nicht übel , sagte Oswald , und wer ist die große starke Dame mit den männlich-kühnen Zügen , die eben mit den drei schönen Mädchen in den Saal tritt ? Eine Baronin von Nadelitz mit ihren Töchtern . Sie ist eine Katharina von Rußland im Kleinen . Ursprünglich hütete sie die Gänse des Barons , ihres nachherigen Gemahls . Sie soll so wunderbarer schön gewesen sein , daß sich jeder Mann in sie verlieben mußte , und dabei so guten Herzens , daß nicht leicht Jemand , ohne gehört zu werden , von ihr ging . So soll die Ehe nicht die glücklichste gewesen sein . Die Töchter sind auf alle Fälle sehr hübsch , sagte Oswald . Der Baron ist also todt ? Ja ; seitdem hat sie , wie man zu sagen pflegt , die Hosen angezogen , das heißt diesmal in des Wortes ernstester Bedeutung . Ich selbst habe sie in Stulpenstiefeln und Inexpressibeln mit ihrem Inspector auf einem Felde gehen sehen , auf dem man bei jedem Schritt bis über die Knöchel einsank . Wer sind die beiden hübschen Mädchen , die jetzt Arm in Arm durch den Saal kommen ? Emilie von Breesen und Lisbeth von Meyen ; sie sind erst letzte Ostern eingesegnet , und tragen , so viel ich weiß , heute zum ersten Mal lange Kleider . Soll ich Sie vorstellen ? Oswald antwortete nicht ; denn in diesem Augenblick ging die Thür auf und von Herrn von Barnewitz begleitet , dessen Gesicht in der Erwartung der von ihm so fein eingefädelten Ueberraschung vor Freude glänzte , trat ein Mann in den Saal , dessen Erscheinung offenbar einige Sensation erregte . Die laute Stimme des Grafen Grieben verstummte , einzelne Herren steckten die Köpfe zusammen , und in dem Kreise der Damen um Frau von Barnewitz auf dem Sopha wurde es verhältnißmäßig still . Der Ankömmling war ein Mann von hohem , aber allzu schlanken Wuchs , dessen äußerst nachlässige Haltung das Mißverhältniß zwischen Höhe und Breite nur noch mehr hervortreten ließ . Auf dem langen Leibe saß ein kleiner Kopf , dessen wohlgerundeter Schädel mit einem kurzen , starken , schwarzen Haar bedeckt war . Ein Bart von derselben Beschaffenheit zog sich um Kinn und Wangen und Mund , so daß nur die obere Hälfte seines Gesichts dem Physiognomen zur ungehinderten Beobachtung blieb . Aber auf dieser Hälfte stand schon des Räthselhaften genug . Die Stirn war eher hoch als breit , aber von außerordentlich zarten und zugleich kühnen Linien umschrieben . Ein Paar wie mit dem Pinsel gezeichnete Brauen zogen sich in einer leichten Krümmung über einem Paar grauer Augen hin , deren Ausdruck in diesem Momente wenigstens , wo sie rasch über die Versammlung flogen , mindestens nicht angenehm war , eben so wenig wie das Lächeln , das wie Wetterleuchten an der feinen , geraden Nase mit den beweglichen Flügeln hinzuckte , und des Mannes ganze Antwort auf das lustige Geschwätz zu sein schien , mit dem Herr von Barnewitz ihn überschüttete , während er ihn von der Thür bis zu dem Platze der Dame vom Hause auf dem Sopha begleitete . Frau von Barnewitz erhob sich , den Ankömmling zu begrüßen , der ihr die Hand küßte und nach einer leichten Verbeugung gegen die anderen Damen sich auf einen leeren Stuhl neben ihr sinken ließ und alsbald , ohne die Uebrigen weiter zu beachten , eine lebhafte Unterhaltung mit ihr begann . Oswald hatte den Ankömmling mit dem Auge des Indianers , der den Spuren seines Todfeindes nachspürt , beobachtet , denn er hatte auf den ersten Blick jenen Reiter wieder erkannt , der ihm und Bemperlein im Walde begegnete . Es war der Baron Oldenburg . Nun geben Sie Acht , sagte Herr von Barnewitz , auf Oswald zutretend und sich vergnügt die Hände reibend . Ich bin ganz Auge , sagte Oswald mit einem nicht eben sehr natürlichen Lächeln . Worauf sollen Sie Acht geben ? fragte Herr von Langen , während Barnewitz sich zu einer andern Gruppe wandte . Herr von Barnewitz hatte die Güte gehabt , mich auf Baron Oldenburg , der eben eintrat , als auf einen höchst interessanten Mann aufmerksam zu machen . Ah , das ist Oldenburg ? sagte Herr von Langen , ich kannte ihn noch nicht . Da fuhr ein Wagen vor und Oswald erkannte in der Dame , die ausstieg , Melitta . Es war ein Glück für ihn , daß Herr von Langen in diesem Augenblicke die Sopharegion lorgnettirte , denn er hätte unmöglich seine Aufregung verbergen können . Die paar Minuten , die Melitta in dem Toilettenzimmer zubrachte , erschienen ihm wie eine Ewigkeit . Endlich trat sie durch die offene Thür herein , und Oswald schien plötzlich der ganze Saal mit Licht und Rosen angefüllt . Melitta trug ein weißes Kleid , das Busen und Schultern züchtig verhüllte , und den schlanken , schönen Hals mit einer feinen Krause umschloß . In weichen Wellen fiel ihr dunkles Haar auf die runden Schultern . Eine dunkelrothe Camelie , das war ihr ganzer Schmuck . Aber welches Schmuckes bedarf Schönheit und Anmuth - und Melitta ' s Erscheinung war so schön und anmuthig , daß ihr Eintreten eine noch größere Sensation erregte , als Oldenburgs . Die älteren Herrn unterbrachen ihr Gespräch , sie mit Herzlichkeit zu begrüßen ; einige jüngere Herren eilten ihr entgegen , um womöglich den zweiten Walzer , die erste Polka - nur einen Tanz , gleichviel welchen , zu erbetteln , und sie lächelte Alt und Jung freundlich zu , beantwortete hier eine Frage , verwies dort einen Stürmischen zur Geduld - während sie quer durch den Saal nach dem Sopha ging , sich den anderen Damen anzuschließen . Baron Oldenburg war , als Frau von Barnewitz aufstand , ihrer Cousine entgegenzugehen , ruhig , und ohne sich nach dem Gegenstand der allgemeinen Sensation umzusehen , den einen Arm über die Stuhllehne gelegt , sitzen geblieben . Da mußte Melitta ' s Name , von einer der Damen am Sopha ausgesprochen , sein Ohr getroffen haben ; denn er sprang in die Höhe , wandte sich um - und stand Melitta , die von ihrer Cousine an der Hand geführt wurde , Angesicht gegen Angesicht gegenüber . Oswald war wie von einer magnetischen Kraft aus der Fensternische bis nahe an die Stelle gezogen worden , so daß ihm kein Wort , kein Blick entging . Er sah , daß Melitta erblaßte und ihre dunkeln Augen wie im Zorn aufflammten , als Oldenburg sich tief vor ihr verbeugte . Ah , gnädige Frau , sagte er mit einem eigenthümlichen Lächeln , als wir uns zuletzt sahen , schien uns die Sonne Siciliens , und jetzt - Scheint der Mond - wollen Sie sagen , entgegnete Melitta , und um ihre Züge spielte ein höhnisch-bitterer Zug , den Oswald noch nicht an ihr gesehen hatte , - umgekehrt , lieber Baron , als wir uns zuletzt sahen , schien der Mond , wissen Sie wohl noch , in dem Garten der Villa Serra di Falco bei Palermo ? - und , da wir uns wiedersehen , scheint die Sonne , mir wenigstens . Der Sinn dieser letzten Worte mußte wohl Jedem verborgen bleiben , nur nicht dem , für welchen sie gesprochen waren . Melitta hatte , indem sie sich halb umwandte , Oswald bemerkt , und ihm so freundlich zugelächelt , daß Herr von Barnewitz , der neben ihm stand , sich an der Ueberraschungsscene , die er so mühsam arrangirt hatte , zu weiden , ihn fragte : Kennen Sie meine Cousine schon ? Ja , sagte Oswald , von ihm weg auf Melitta zutretend , und sie ehrfurchtsvoll begrüßend . Ah ! Herr Doctor , rief Melitta mit vortrefflich gespielter Ueberraschung , das ist ja köstlich , daß ich Sie hier finde . Denken Sie , Bemperlein hat schon geschrieben , Julius befindet sich sehr wohl - aber setzen Sie sich doch zu mir , daß ich Ihnen in aller Muße erzählen kann - Julius befindet sich vortrefflich - und ist in den fünf Tagen , wie Bemperlein schreibt , ein vollkommener Dandy geworden . Er hat schon einen großen Kinderball mitgemacht und mit der schönsten Dame , das heißt derjenigen , die ihm am besten gefiel , den Cotillon getanzt , den Cotillon - merken Sie wohl ! trotz des heftigen Widerspruchs von einem halben Dutzend junger Herren . Der Unglückliche , sagte Oswald , er wird sich dadurch eben so viele Duelle zugezogen haben . Möglich , aber Sie wissen , Julius ist tapfer wie ein Löwe , und wird für die Dame seines Herzens Alles wagen . - Ah , Herr von Cloten ! Sind Sie es wirklich ? Ich hörte ja , Sie und Robin hätten sich auf der letzten Fuchsjagd die Hälse gebrochen ! Quelle idée , gnä ' ge Fra ' ! Jedenfalls wieder Erfindung von Barnewitz . Teufelskerl , der Barnewitz ! Befinde mich vortrefflich . Ah ! ja - wollte gnä ' ge Fra ' um einen Tanz bitten , wo möglich Cotillon . Muß noch einen Versuch machen , ob gnä ' ge Fra ' nicht bewegen kann , mir den Brownlock zu verkaufen . Non , mon cher , zu diesem liebenswürdigen Zweck bekommen Sie keinen Tanz , am wenigsten den Cotillon . Wenn Sie mir aber den Brownlock in Frieden lassen wollen , so sollen Sie den ersten Contretanz haben . Zum Cotillon bleibe ich so wahrscheinlich nicht hier . Sind Sie zufrieden . Ah ! gnä ' ge Fra ' - zufrieden ! quelle idée ! glücklich - - selig . Mein Gott , Herr von Cloten , beruhigen Sie sich nur . Haben Sie schon ein vis-à-vis ? Nein , gnä ' ge Fra - gleich suchen ! Hier , bitten Sie den Doctor Stein - erlauben die Herren daß ich Sie - Ah , hatte schon das Vergnügen , sagte der Dandy , Oswald , der einen Schritt von ihm entfernt gestanden hatte , scheinbar zum ersten Male bemerkend . Desto besser , sagte Melitta , die Herren sind also einig ? Von Cloten und Oswald verbeugten sich gegen einander , und dann vor Melitta , die sie mit einer graziösen Handbewegung verabschiedete , um mit den zunächst sitzenden Damen ein leichtes Geplauder über die neuesten Moden anzufangen . Oswald war wieder zu Herrn von Langen getreten , der ihm zu der Bekanntschaft mit Melitta gratulirte : Ich bewundere Sie , sagte der junge Mann , daß Sie so ungenirt mit ihr sprechen können ; ich hätte nicht den Muth dazu . Sie scherzen . Auf Ehre , nein . Die Frau hat etwas in ihrem Blick und in ihrer Stimme , was einem um das Heil seiner Seele bange machen möchte . Ich weiß , es geht mir nicht allein so . Vielleicht bin ich um das Heil meiner Seele weniger bekümmert , sagte Oswald . Unterdessen hatte Oldenburg , während er sich unbefangen mit einigen Herren zu unterhalten schien , in einem hohen Spiegel die Gruppe um Melitta genau beobachtet . Sieh da , Cloten ! wie geht ' s , mon brave ! sagte er , sich schnell zu dem Angerufenen umwendend , als dieser in seine Nähe kam . Baron Oldenburg ! Auf Ehre , hätte Sie kaum erkannt mit dem horribeln Bart. Horribel , mon cher ! Machen Sie mich nicht unglücklich ; ich pflege ihn nun schon drei Jahre und habe ihn mich wenigstens eine Million kosten lassen . Ah , Spaß , sagte der Dandy , seinen blonden Schnurrbart streichend . Upon my word and honour , sagte Oldenburg ; die Sache ist einfach die : Ich lernte in Cairo eine englische Familie kennen , mit der ich noch mehrmals auf dem Nil zusammentraf ; ich war so glücklich , ihr einige nicht unwesentliche Dienste leisten zu können . Die Familie bestand aus Vater , Mutter und einer einzigen Tochter - aber welcher Tochter ! mon cher , ich sage Ihnen - Ah , ich verstehe ! sagte Herr von Cloten ; reines Vollblut . Diese englischen Misses jottvoll - schön - sah mal eine in Baden-Baden , werde mein Lebtag nicht vergessen . Gerade so sah meine Mary auch aus , sagte Oswald . Nicht möglich ! Verlassen Sie sich drauf . Alle englischen Misses gleichen sich wie eine Lilie der andern . Eh bien ! Das Mädchen verliebt sich in den Retter ihres Lebens . Der Vater ist mir geneigt , die Mutter günstig . Ich war zwar kein Millionär , wie Mr. Brown , dafür war er aber auch nur ein in Ruhestand getretener Eisenhändler ; und ich ein alter , deutscher , weiland reichsfreier Baron . Genug , wir werden Handels einig . Da sagt Mary eines Abends - es ist mir , als wäre es heute - wir saßen im Mondschein auf der Terrasse des Tempels von Philä und blickten träumend über den stillen Fluß und leerten Tropfen um Tropfen den diamantgeränderten Becher der Liebe . Da sagte sie , ihre weichen Arme um mich schlingend , - o Gott , wie deutlich ich noch immer diese Stimme höre ! - Adalbert , sagte sie . - Was , Holde , sagte ich . - Adalbert , pray dearest love , cut off your horrible beard - it ' s so vulgar . Ah , ja , jottvoll , jottvoll - diese englischen Misses ; aber was heißt ' s denn eigentlich ? Es heißt : Adalbert , mein Junge , laß Dir den Bart scheren , Du siehst schauderhaft gemein darin aus . Verdammt . Das sagte auch ich . Sie bat , sie beschwor mich ; endlich lag sie sogar vor mir auf den Knieen . Ich blieb fest , wie der Koloß Memnons . Da sprang sie empor , und sich bewaffnend mit dem ganzen Stolze Englands , die Hand zum sternengeschmückten Himmel erhebend , rief sie : Sir , either you cut off your beard , or I must cut your acquaintance . Then , cut my acquaintance ! sagte ich . Famos , sagte von Cloten ; was sagte sie ? Mein lieber Herr , sagte sie , Sie scheren sich entweder den Bart , oder Sie scheren sich zum Teufel . Verdammt ; und Sie ? Ich sagte : Fräulein , ich habe geschworen , daß ich das Weib verachten und mit dem Manne auf Leben und Tod kämpfen will , der mir mit Worten oder in Wirklichkeit an meinem Bart zupft . Merkwürdig ; das Alles sagten Sie in den drei Worten ? Ja , die englische Sprache , wissen Sie , ist wunderbar kurz . Apropos , wer ist denn der junge Mann , mit dem Sie vorhin sprachen , er steht jetzt dort an der Thür zum andern Zimmer mit dem alten Grenwitz . Ja , rathen Sie einmal . Wie kann ich das rathen ? Ich vermuthe , daß es Felix von Grenwitz , sein Neffe , ist . So dachte auch ich . Und nun denken Sie , cher Baron , der Mensch ist ein Bürgerlicher , heißt Stein , Doctor Stein , glaube ich , und ist , nun rathen Sie einmal ! Nach dem Entsetzen , das sich in Ihren Zügen malt , zu schließen , vermuthe ich , daß der junge Mann der Scharfrichter von Bergen ist . Scharfrichter ! Quelle idée ! Welch ' sonderbare Einfälle Frau von Berkow und Sie immer haben . Nein - Hauslehrer bei Grenwitz - ist das nicht wunderbar ? Ich kann nicht besonders Wunderbares in der Sache finden . Es muß auch Hauslehrer geben , wie es Arbeiter in den Arsenikgruben geben muß , obgleich ich für mein Theil weder das Eine noch das Andere sein möchte . Aber der Mensch sieht beinahe genteel aus ? Beinahe genteel ? Lieber Freund , er sieht nicht nur beinahe genteel aus , sondern ausnehmend genteel , genteeler , als irgend einer der Herren hier im Saale , Sie selbst und mich nicht ausgeschlossen . Ah , Baron , Sie sind heute wieder einmal in einer jottvollen Laune . Meinen Sie ? freut mich . Das verhindert mich indessen nicht , den Mann ausnehmend genteel aussehend zu finden . Ja , was in Ihren Augen wohl noch mehr ist , er hat nicht nur das Characteristische , welches die geborenen Vornehmen auf der ganzen Erde auszeichnet , sondern den speciellen Typus des Adels dieser Gegend . O , in der That , ich denke Typus ist eine Krankheit . Typhus , mon cher ! Typus ist , wenn mehrere Leute dieselben Nasen , Stiefel , Augen und Handschuhe haben . Nun sehen Sie selbst , ob nicht Alles und noch mehr bei dem Doctor Stein stimmt ; zum Beispiel im Vergleich mit Ihnen , der Sie doch gewiß alles Specifische des Adels in der höchsten Potenz in und an sich entwickelten . Er ist schlank und gut gewachsen , wie Sie , nur einen halben Kopf höher und ein paar Zoll breiter in den Schultern , er hat dasselbe hellbraune gelockte Haar , nur daß Sie sich Ihre Haare entschieden brennen lassen , und die seinen , wie mir scheint , natürlich gelockt sind ; er hat blaue Augen , wie Sie , und Sie werden selbst zugeben , daß diese Augen groß und ausdrucksvoll sind . Ah , ja - ich gebe zu , daß er ein verdammt hübscher Kerl ist , sagte der ärgerliche Dandy , einen scheelen Blick auf den Gegenstand seiner unfreiwilligen Bewunderung werfend . Nun , und was sein Auftreten anbelangt , fuhr Oldenburg fort , so gäbe ich meinestheils eines meiner Güter darum , wenn ich mich mit diesem Anstande , dieser Grazie bewegen könnte . Das ist stark , weshalb ? Weil die Weibsen in einen schmalen Fuß , ein wohlgeformtes Bein und so weiter vernarrt sind . Solche hübsche Puppen , wie der Doctor , sind geborene Alexander ; sie fliegen von einer Eroberung zur andern , und sterben auch meistens jung zu Babylon . Gott , Baron , welch ' liebenswürdiger Mensch Sie sein würden , wenn Sie nur nicht so schauderhaft gelehrt wären ! Meinen Sie ? Möglich ! Es ist ein Erbfehler ; meine selige Mutter hat während ihrer Schwangerschaft außer dem Rennkalender des betreffenden Jahres auch noch einen oder den anderen Roman gelesen . So erklären sich die paar menschlichen Züge in meiner Natur . Wollt Ihr Herren meine neuen Pistolen mit einschießen helfen ? fragte Herr von Barnewitz , der eben herantrat . Ich denke , es soll getanzt werden , antwortete Cloten . Später . Du kommst doch mit , Oldenburg ? Versteht sich ! Du kennst ja meinen Wahlspruch : aux armes , citoyens ! Dreiundzwanzigstes Capitel Die jetzt vollständig versammelte Gesellschaft hatte sich allmälig aus den Zimmern in den Garten begeben , da der herrliche Sommernachmittag unwiderstehlich in ' s Freie lockte . Die älteren Herren und Damen promenirten in den schattigen Gängen , oder besichtigten die schönen Gewächshäuser ; die jungen Leute suchten auf einem schönen runden Rasenplatze , der zum Theil von hohen breitkronigen Bäumen überschattet war , gesellschaftliche Spiele zu arrangiren ; aus einer Ecke des Parkes , wo ein Schießstand eingerichtet war , ertönte von Zeit zu Zeit der scharfe Knall der neuen Pistolen . Melitta hielt sich , eingedenk der bewährten Regel , daß der Ruf junger Frauen in der Gesellschaft von den alten Damen gemacht wird , und wohl wissend , daß sie die Freiheiten , die sie sich während des Balles zu nehmen gedachte , durch einige vorhergehende Opfer erkaufen müsse , in der Gesellschaft der Gräfin Grieben , der Baronin Trantow , der Frau von Nadelitz , der Baronin Grenwitz und der andern ältern Damen . Oswald hatte sich zuerst der Jugend angeschlossen , bei der ihn Herr von Langen einführte , und hatte mit einigen Reminiscenzen aus den Gesellschaften in der Residenz und einigen geschickten Combinationen verschiedene gesellschaftliche Spiele befürwortet und arrangirt , die mit allgemeinem Beifall angenommen und mit sichtlicher Zufriedenheit der Theilnehmer ausgeführt wurden . Als er aber sah , daß Melitta , gegen seine Hoffnungen , sich durchaus nicht in den Kreis der Spielenden mischen wollte , benutzte er eine schickliche Gelegenheit , sich selbst aus demselben zurückzuziehen . Herr von Langen war ihm gefolgt und holte ihn in einem Heckengange ein , wo Oswald sich der harmlosen Beschäftigung des Stachelbeerpflückens hingab . Gott sei Dank , sagte Herr von Langen , Oswald ' s Beispiele folgend und einen Johannisbeerbusch , der voll dunkelrother Früchte hing , plündernd . Diesem Unheil wären wir glücklich entronnen . Fluch dem Ersten , der gesellschaftliche Spiele erfand . Sind die Stachelbeeren reif ? Köstlich ! Sie müssen mich auf jeden Fall in nächster Zeit besuchen . Mein Gut liegt nur ein Stündchen von Grenwitz . Meine Frau , die mich erst vor ein paar Wochen mit einem allerliebsten kleinen Mädchen beschenkt hat , und sich noch nicht kräftig genug fühlt , so große Gesellschaften mitzumachen , wird sich freuen , Sie kennen zu lernen . Wenn Sie mir einen Tag bestimmen wollen schicke ich Ihnen meinen Wagen . Ich nehme Ihre Einladung mit Dank an , sagte Oswald , der sich einigermaßen durch die liebenswürdige Freundlichkeit eines Mannes aus dem von ihm so sehr gehaßten Stande beschämt fühlte . Sollen wir sagen , nächsten Sonntag ? Sie sind jeder Zeit willkommen ; wenn Sie die Knaben mitbringen wollen , thun Sie es ja ; ich habe ein Paar Ponys , die den Jungen besser gefallen werden , als Cornel und Ovid zusammen . - Ach , Herr des Himmels ! Incidit in Scyllam , qui vult vitare Charybdim ! Dort biegt die Gräfin Grieben an der Spitze ihrer Suite um die Ecke . Sauve qui peut ! Die jungen Männer schlugen einen andern Gang ein , der den ersten rechtwinklig durchschnitt , und waren bald den herankommenden Damen aus den Augen . Oswald seinerseits wäre eben so gern geblieben , denn er hatte in der » Suite « auch Melitta bemerkt und gehofft , wenigstens im Vorübergehen einen Blick von ihr zu erhaschen ; aber er hielt es für seine Pflicht , gute