als den Staubesanhang unseres Bischen Erdenglücks mit ruhigem Auge betrachten und mit gefriedetem Herzen annehmen , und die Vollkommenheit , nach der wir solch Verlangen haben , in uns selbst durch Opferwilligkeit zu erringen trachten , davor darf Ihnen nicht grauen , denn das ist die Bedingung jedes guten reinen Lebens . « » Erzählen Sie mir Ihre venetianische Geschichte , « sagte Judith ; » dabei bekommt man wieder festen Boden unter den Füßen , den man bei Ihren idealistischen Tendenzen Gefahr läuft zu verlieren . « » Lieber Gott ! « seufzte Ernest mitleidig , » wie verkehrt reden doch deine Menschen ! die einfache Wahrheit nennen sie nebulose Träumerei , und die platte Alltäglichkeit nennen sie das Element der Wahrhaftigkeit , in dem sie sich wohl befinden . Nichts für ungut . Fräulein Judith , aber so ist ' s ! - Also in Venedig sah ich bisweilen Sonntags bei meiner Hauswirtin ein liebes , hübsches , munteres , frommes Kind , das mir ungemein gefiel . Es hieß Gianetta , im weichen venetianischen Dialekt ausgesprochen Zanetta . Wenn sie in diesem allerliebsten Dialekt ihre Barcarolen sang und ein wenig auf der Guitarre klimperte , oder die großen Ereignisse ihres Lebens , z.B. eine Gondelfahrt nach dem Lido , mit ausführlichster Wichtigkeit , als handle es sich um eine Nordpol-Expedition , beschrieb : so war sie wirklich wunderlieb und ihr kindliches spielendes Auge überrieselte mit süßem Glanz mein Herz , wie der Tau aus weichem Frühlingsgewölk den Blütenbaum . « » Welch eine Idylle von Dragant und Rosenwasser ! « rief Judith lachend . » Ja , ich war damals ungemein idyllisch und hätte für mein Leben gern an den Ufern der Brenta - denn in Venedig selbst war kein Platz dafür - eine schäferliche Hütte erbaut und die holde Zanetta als Schäferkönigin und Hausfrau darin eingeführt . An dergleichen konnte aber so ein armer Tropf von angehendem Maler nicht denken ; er mußte sich begnügen , seine Wünsche in den Schoß der Zukunft zu legen und sich zu sonnen in den hellen Augenstrahlen der allerliebsten Zanetta - aber nur Sonntags ; am Werktag hatte er weder Zeit noch Gelegenheit dazu . « » Herr Ernest , « sagte Judith höchst belustigt , » Ihre Liebesgeschichte flößt mir unwiderstehliche Lachlust ein . « » Warten Sie nur , es kommt gleich tragisch , oder wenigstens elegisch . Zwei Jahre war ich ein schweigender Anbeter der kleinen Zanetta gewesen . Was hätte ich ihr sagen können ? Die Liebe gibt sich kund , und wenn tausendmal der Mund stumm ist . Hat man das Rosenöl auch noch so fest im Flacon versiegelt , doch durchduftet es das Glas ; und so geht ' s dem Herzen mit der Liebe . Die Zanetta wußte wohl , woran sie mit mir war , und ich glaube , daß sie mich auch recht gern hatte . Aber , Fräulein Judith , es ist Ihrem liebenswürdigen Geschlecht nun einmal eigen , in Permanenz kleine Zwiegespräche mit dem Engel Luzifer zu haben . Erzürnen Sie sich nicht , hören Sie mich weiter . Wir Männer halten leider Gottes auch diese Zwiegespräche , und zuweilen länger und gründlicher , aber nicht so permanent . Allen Töchtern Eva ' s klebt die Neigung ihrer Stammmutter an , die sogar im Paradiese mit der Schlange Konversation machen mußte ! Ein Wörtchen , oder mindestens ein Silbchen muß jede bei jeder Vorkommenheit ihres Lebens mit besagtem Engel wechseln . So auch Zanetta ! Sie wurde ungeduldig , die kleine Donna , über mein unverbrüchliches Schweigen ; sie wurde neugierig , wie es denn wohl klingen möge das bezaubernde Wort von der Liebe ; sie wollte mich heraustreiben aus meiner Verschanzung durch Stillschweigen , indem sie mir Feuer ans Herz legte - das Feuer der Eifersucht . Der Sohn meiner Hauswirtin , der in Padua sein Geschäft trieb , besuchte seine Mutter , und Zanetta , die jeden Sonntag zu seinen Schwestern kam , bewies sich ungemein freundlich gegen ihn , was mir natürlich höchst mißfiel und mich nur noch stummer , vielleicht sogar etwas bärbeißig machte . Wie sich nun einmal das Gespräch auf Deutschland wendete , und wer die Frage an Zanetta stellte : ob sie wohl Deutschland sehen möchte ? das weiß ich nicht mehr , weil ihre Antwort meine ganze Aufmerksamkeit verschlang . Sie sagte nämlich : Ach nein ! das muß ein schreckliches Land sein ; ganz bevölkert mit den schläfrigen deutschen Murmeltieren ! Wie sie das sagt , und zwar mit einer ganz allerliebsten kleinen spöttischen Miene , sehe ich sie höchst gelassen an , und was entdecke ich ! die Spitze ihres Näschens ist etwas links gewendet . Welche Difformität ! welche Beleidigung für das schönheitsdurstige Auge eines Malers ! wie hatte ich das nicht früher bemerkt ! Ich schaue hin , ich schaue her - die Nase ist schief ! ich reibe mir die Augen , halte die Hand schirmend vor , um schärfer zu sehen - die Nase bleibt schief ! Bestürzt ziehe ich mich zurück . In meinem Stübchen suche ich mir Zanettas freundliches Auge , die dunkeln Locken um ihre heitere Stirn , ihr Lächeln , ihr kindliches Gemüt , ihren Frohsinn , ihre Lieder und ihre Guitarre vorzustellen - alles , was mich vor wenig Stunden entzückt hatte ; aber umsonst ! die schiefe Spitze des zierlichen Stumpfnäschens warf einen so dunklen Schatten , daß die ganze Zanetta darin verschwand . Ich gehe schlafen und träume von der schiefen Nase . Ich erwache und denke zuerst an die schiefe Nase . Wie ein Alp legt sie sich auf meine Brust und nimmt so riesenhafte Proportionen an , daß sie mir bald ungeheuer lächerlich , bald ungeheuer garstig , in jedem Falle aber durchaus unerträglich erscheint . Da fasse ich mir ein Herz und spreche zu mir selbst : Bist Du nicht im Stande , eine so geringe äußere Unvollkommenheit an Zanetta zu übersehen , wie wirst Du es denn anfangen , um ihre tausend Unvollkommenheiten des Herzens , des Charakters , des Geistes , die sie mit allen Sterblichen gemein hat , zu ertragen und mit freundlicher Nachsicht hinzunehmen ? und wie darfst Du von Zanetta das erwarten , was du selbst nicht zu leisten vermagst ? Gib alle Gedanken an sie für Gegenwart und Zukunft auf , und danke dem lieben Gott , daß er dich zur rechten Zeit durch die Erkenntnis ihres schiefen Näschens von großer Torheit und Elend abgehalten hat . Dabei blieb es . Während drei Sonntagen benutzte ich meine Muße , um an ' s Festland zu fahren und die Ufer der Brenta zu betrachten , die mir ganz sumpfig und unidyllisch vorkamen . Und als ich am vierten Sonntag wieder bei meiner guten Hauswirtin erschien , stellte sie mir ihren Sohn und Zanetta als glückliches Brautpaar vor , und ich stattete mit aufrichtiger Herzlichkeit meine Gratulation ab . Später , wenn je so etwas wie der Wunsch , durch ein Menschenherz glücklich zu werden , sich in mir regen wollte , warnte mich meine Erfahrung mit Zanetta . Ich gedachte der hunderttausend Unvollkommenheiten jedes Geschöpfes , und sah somit dessen Unvermögen ein , mir ein wechselloses Glück zu gewähren . Ein vorübergehendes schien mir aber nicht der Mühe wert , deshalb mit den schweren Sorgen und Pflichten des Ehestandes mich zu belasten . So wendete ich mehr und mehr mein Herz von jeder ausschließlichen Liebe zum Geschöpf ab ; denn wenn diese nicht mit einem hohen Grad von Resignation gepaart ist - und das ist sie selten - so wird sie zur Qual . Hingegen bemühte ich mich , alle Geschöpfe , alle ohne Unterschied , in Gott zu lieben , und dabei wurde mir das Herz leicht und frei , unbeschwert durch irdischen Ballast . Genügte die Liebe zu einem Menschen mir nicht für die Ewigkeit , weshalb sollte ich mir von der Leidenschaft die Täuschung vormalen lassen , als könne sie mir für eine Spanne Zeit genügen ? « » So besonnen oder so kalt ist aber nicht jeder , « wendete Judith ein . Sie hätte auch sagen können : » So gottliebend . « » Drum übe sich jeder beizeiten in der Entsagung , schlage es nicht allzu hoch an , wenn er es im irdischen Glück nicht sehr weit bringt , und hüte sich ganz besonders , auf Kosten anderer glücklich sein zu wollen , wie der rücksichtslose Egoismus es zu treiben pflegt . « » Sie geben mir sehr gute Lebensregeln , Herr Ernest und ich könnte , abgesehen von der Malerkunst , vieles von Ihnen lernen ; aber .... « - » Aber Sie werden nichts lernen , Fräulein Judith , gar nichts , auch nicht malen , so lange Sie immer aber sagen . Denn nur der kindliche Sinn lernt etwas , nimmt willig an und auf ; drum macht der Glaube - der Kindersinn in höchster Sphäre des Lernens - so ungemein , so überraschend klug . Darum verknöchert nichts so sehr das Auffassungsvermögen , als der Geist des Widerspruchs , die Negation . Es ist die Krankheit der Zeit , mit einem aber alles in Frage zu stellen . Darum begreift und versteht sie denn auch nichts - als Rechenexempel . « » Aber , « fuhr Judith fort und sah ihn mit ihren tieftraurigen Augen ruhig an , » ich habe nicht Ihre inneren Beweggründe , und deshalb kann ich nicht einsehen , urteilen und handeln wie Sie . Alles , was Sie sagen , kommt mir sehr schön , sehr edel , auch sehr anziehend vor ; gerade wie die Sibylla persica . Doch wie diese nur ein Bild , nur eine bemalte Leinwand ist , die mich in ich weiß nichtwas für angenehme Träumereien versetzt , aber nicht mein Leben lenkt und regiert ; so geht es mir auch mit Ihren Worten . « Ein feuchter Schimmer , wie von einer zerdrückten Träne , glitt über Ernest ' s Auge , als er entgegnete : » Ich bin ein Schwachkopf , der das immer wieder vergißt ! also verzeihen Sie mir , Fräulein Judith . Ach , wenn man überall das Wirken und Walten der Erlösung wahrnimmt , wie es in tausend unsichtbaren Kanälen die Staubeswelt durchrinnt und beseelt : so will einem gar nicht einleuchten , daß bei so vielen , vielen Menschen der Blick des Geistes noch nicht aufgegangen ist für dies Wunderwerk , während doch ihre lechzende Seele dahin getrieben werden müßte , um einen Trunk zu tun aus jenen Wassern , welche nicht von den dumpfen Zisternen der Menschenweisheit ummauert sind . « » Die Quellen der Tiefe , hab ' ich mir sagen lassen , entdeckte die Wünschelrute , « erwiderte Judith . » Können Sie mir eine solche verschaffen für Ihre unter- und überirdischen Bronnen ? « » Sehr leicht ! Berühren Sie Ihr Herz und die Welt mit dem Kreuz , so brechen vor Ihren Augen die gefesselten Bronnen der Tiefe auf und aus dem Abgrund des liebedurchwundeten Gottesherzens rauscht Ihnen die Flut der Gnaden entgegen , die jeden Durst stillt , und von jedem Fleck reinigt , und jeden Blick klar wäscht , und jedes Schifflein an die immerblühende Küste des ewigen Lebens trägt . « » Des ewigen Lebens ! « wiederholte Judith sinnend . » Welch eine unbegreifliche Vollkommenheit setzt das voraus , daß unser armseliges Leben übergehen könne zum ewigen Leben . « Madame Miranes unterbrach das ernste Gespräch zum großen Leidwesen ihrer Tochter . Sie hatte allerlei Pläne an Ernest mitzuteilen für ein Fest , das sie geben wollte . Ein gewöhnlicher Ball genügte ihr nicht , auch nicht einmal ein Ball en costume ; der konnte nebenher gehen . Es sollte so recht ein Fest aus Tausend und eine Nacht sein und alle übrigen Karnevalsfeste weit überstrahlen ; höchst glänzend , aber auch künstlerisch und poetisch sollte es sein . » Und dabei soll ich helfen ? « fragte Ernest verblüfft . » Gerade Sie ! Wenn kein Maler die lebenden Bilder stellt , so geraten sie nicht . « » Gott ! « seufzte Ernest , » aus Salonfiguren soll ich ein Kunstwerk zusammenstellen ! Das geht über menschliche Kräfte . « » Nicht doch ! « sagte Madame Miranes ; » wir haben in der Gesellschaft einige sehr schöne Personen , die sich vortrefflich zu einer heil . Cäcilia , heil . Isabelle « .... - » Halt ! halt ! « rief Ernest ; » so hoch wollen wir uns nicht versteigen ! Rafael und Murillo wollen wir aus dem Spiel lassen , wenn ' s Ihnen gefällig ist ; denn da genügt nicht eine oder die andere schöne Person , da müssen alle Einzelheiten , ja jede Fingerspitze perfekt sein , sonst wird das Ganze eine Karrikatur . Wir wollen uns an Genregemälde halten , rokoko Schäferinnen , verzauberte Prinzessinnen , italienische Bäuerinnen , Goldschmidts Töchterlein , Ezzelin im Kerker und dergleichen mehr . « » O herrlich ! « rief Madame Miranes . » Ja ! Ezzelin im Kerker mit den beiden Mönchen , dem alten und dem jungen ; das wird ein süperbes Bild geben , sobald die Beleuchtung desselben richtig getroffen wird . Meinen Sie nicht , daß wir auch in englischen Keepsakes nachschlagen sollten , Herr Ernest ? ich glaube , da würden wir manch ansprechendes Bild finden . « » Ja , « sagte er humoristisch ernsthaft , » auf der Höhe des Keepsake-Styls werden wir uns wohl befinden . « Judith nahm ein Buch zur Hand und sagte , indem sie es durchblätterte : Dies sind illustrierte Gedichte des Thomas Moore , und da würde mir » das Paradies und die Peri « recht gut gefallen . Sie reichte ihm das Buch , und während er die Bilder betrachtete , erklärte Judith ihm das englische Gedicht und sagte : » Die Peri ist nach der indischen Mythologie oder Poesie ein Lustgeist , dem eines Tages sein Element nicht genügt . Er möchte gern in ' s Paradies . Aber davor hält der Engel des Lichtes Wache und weist die Peri ab . Als sie um Einlaß bittet und fleht , sagt er ihr endlich , es gäbe eine Gabe , die köstlichste der Erde , vor welcher sich die Pforte des Paradieses erschließe : die möge sie suchen und bringen . Die Peri fliegt froh zur Erde herab und schaut sich um nach der köstlichen Gabe . Sie schwebt über einem Schlachtfeld . Ein junger Held hat die Schlacht gewonnen und durch sie sein Vaterland befreit ; aber er liegt da und stirbt an seinen Wunden . Die Peri fängt den letzten Blutstropfen aus seinem Heldenherzen auf und kehrt damit triumphierend zur Pforte des Paradieses zurück . Doch der Engel weist sie ab und heißt sie eine höhere Gabe bringen . Die Peri findet nun auf der Erde die Heimsuchung durch die Pest , und sieht ein junges Mädchen , das dem geliebten Jüngling ihr Leben zum Opfer bringt , indem sie ihn pflegt in der gräßlichen Krankheit . Er findet Genesung und sie den Tod . Den letzten Atemzug dieses treuen Herzens fängt die Peri auf und bietet ihn dar dem Engel des Lichtes . Allein er öffnet ihr nicht das himmlische Tor , sondern begehrt eine höhere Gabe . Und zum dritten Mal schwebt die Peri zur Erde herab und schaut sinnend umher nach einem himmlischen Kleinod . Siehe , da gewahrt sie in einem Blumengarten ein fröhliches Kind , das plötzlich , als die Abendglocken läuten , seine Spiele unterbricht , auf die Knie fällt und andächtig betet . Unfern steht ein Mann , in Sünden ergraut , von Leidenschaften zerrissen . Sein finsterer Blick fällt auf das betende Kind . Alle Erinnerungen an seine eigene unschuldige Kindheit erwachen in ihm und bestürmen ihn mit einem so heftigen Schmerz um seinen verlorenen Seelenfrieden , daß eine bittere Träne sein sonst so kaltes und hartes Auge füllt . Die Peri aber nimmt die Träne des reuigen Sünders von seiner Wimper und bringt sie dem Engel des Lichtes . Da öffnen sich die strahlenden Tore des Paradieses der Peri ! eine Reueträne ist die köstlichste Gabe der Erde , welcher der Himmel nicht widerstehen kann . - Ist das nicht ein liebliches Gedicht , Herr Ernest ? « Er hatte inzwischen mit Wohlgefallen die Bilder betrachtet und antwortete nun auf Judiths Frage : » Eigentlich hätte die Peri diese Träne nicht bloß bringen , wohl aber auch selbst weinen müssen , um in den Himmel zu gelangen ! Indessen , bei so einer Elfe oder Fee wollen wir ' s nicht allzu genau nehmen und die Bilder können sehr schön werden . Sie , Fräulein Judith , werden die Peri darzustellen haben , und Gräfin Regina Windeck - den Engel des Lichtes . Alles übrige findet sich . « Madame Miranes frohlockte über seine Willfährigkeit und über die Aussicht auf so ganz ausgesucht schöne Tableaux . » Wir wollen auf der Stelle unsere Einladungen an die mitwirkenden Damen machen , « sagte sie zu ihrer Tochter . » Die Herren kann man zu einem Diner einladen und ihnen dabei den Antrag stellen ; dann nehmen sie ihn um so leichter an . « » Müssen die armen Teufel mit indianischen Vogelnestern gekirrt werden ? « fragte Ernest lachend . » Ich verdenk ' es ihnen nicht ! All ' diese Mummereien sind eigentlich nur die Sache der Damen , deren Wonne es nun einmal ist , sich in Flitterwerk zu begraben und sich angaffen zu lassen . « Madame Miranes drohte ihm mit huldvollem Scherz , und er setzte hinzu : » Sorgen Sie nur dafür , daß die Gräfin Regina willfährig sei ! Sie - und nur sie - ist wie geschaffen für den Engel des Lichtes , und ohne ihre Mitwirkung müßten gerade diese Bilder wegfallen . « » Diese originellen , poetischen Bilder wegfallen ? das wäre entsetzlich , Herr Ernest , das darf nicht sein ! « rief Madame Miranes in einem Tone , als handele es sich um die Wohlfahrt ihres Hauses . » Judith , nimm Hut und Mantel , wir wollen sogleich zu ihr fahren . « » Wenden Sie sich an den Vater , wenn ich raten darf , « sagte Ernest ; » dann ist die Sache gleich abgemacht . « » Gut , gut ! der Engel des Lichtes soll uns nicht fehlen . « - Regina war nicht angenehm überrascht , als der Graf ihr beim Mittagessen sagte , er habe die Aufforderung der Madame Miranes , zu ihrem Zauberfest als Engel des Lichtes in einigen Tableaux mitzuwirken , in Regina ' s Namen angenommen . Was die Toilette dieses Himmelsbürgers beträfe , so würde Ernest ihr die nötigen Anweisungen geben , der überhaupt das Ganze dirigiere . » Regina - ein Engel des Lichtes ! das ist aber schön ! « rief Corona mit leuchtenden Augen ; » das freut mich ! « » Mich auch ! « sagte Uriel . » O , an Dich kommt auch die Reihe , Uriel ! « sagte der Graf . » Du bist auserkoren , um einen Mönch darzustellen , der den Tyrannen Ezzelin da Romano in der Gefangenschaft zur Buße bekehren soll , was ich aber nur unter der Hand Dir sage . Madame Miranes wird es offiziell bei einem demnächst stattfindenden Diner tun . « » Uriel ein Mönch ! das gefällt mir ! « rief Regina . » Mir gar nicht , « sagte Corona . » Uriel in einer dunkeln Kutte , hu ! abschreckend ! mich brächte kein Mensch in solchen Habit , auch nur zum Spaß hinein . « » Das ist ein sehr guter Geschmack für die Wirklichkeit , « sagte der Graf , » aber als Karnevalsspiel kann man auch einmal die Kutte anlegen . « - Es war nicht zu ändern , Regina mußte ihre Rolle in den lebenden Bildern übernehmen , die Proben mitmachen , ihren Engelsanzug nach Ernests Anweisung anfertigen lassen . » Ich wundere mich nicht so sehr , « schrieb sie einmal ihrem geliebten Onkel Levin , dem sie zuweilen ihr Herz eröffnete , » daß man sich einen Abend bei dem oder dem Fest unterhält . Aber daß man sich zu einem solchen wochenlang vorbereitet , sich besinnt , überlegt , bespricht , beratschlagt , in eine Wichtigkeitskrämerei ohne gleichen versinkt und einen Eifer an den Tag legt , als gelte es ein Menschenleben zu retten : darüber kann ich gar nicht aufhören mich zu wundern , denn nach drei Tagen fällt irgend etwas anderes vor , und kein Mensch spricht mehr eine Sylbe von einem Fest , das mit solcher Verschwendung von Zeit , Mühe und Geld vorbereitet worden ist . « - Ein anderes Mal hatte sie ihm geschrieben : » Lieber Onkel , gestern hatte ich einen frohen Abend ! und wo ? mitten in einer glänzenden Soiree ! wirst Du es glauben ? Ja , es wurde musiziert und zum Teil sehr gut . Dann verstummt all ' das oberflächliche Geschwätz , was mich immer sehr beängstigt , weil man ja dereinst Rechenschaft vor Gott über jedes unnütze Wort wird ablegen müssen , und die Salongespräche sind wirklich sehr überflüssig . Tante Isabelle sagt , die Höflichkeit sei auch eine Tugend , sei eine Art von Nächstenliebe , und man spräche ja aus Höflichkeit . Aber es drängt sich mir leider die Bemerkung auf , daß in den Salongesprächen nichts so wenig zum Vorschein kommt , als die Nächstenliebe . Darum bin ich immer sehr froh , wenn Musik gemacht wird . Auch macht sie mir die Seele so gewiß einsam frei , und meine Gedanken gehen ihre Wege , gehen fort aus dieser bunten unruhigen Gesellschaft - zum stillen Karmel . Das ist nun einmal der Naturzug meines Herzens , wie das Schwälbchen im Herbst nach Süden fliegt . Gestern Abend nun sang ein junges Mädchen mit einer wunderbar schönen , großartigen Stimme und entzückte die ganze Gesellschaft . Ich hörte sagen , es sei eine ganz seltene Stimme , den berühmtesten Sängerinnen der Gegenwart überlegen , und das junge Mädchen sei eine zweite Pasta , deren Namen , Judith , sie auch trage . Sie sang nur Opernarien , etwas anderes kennt die Welt ja nicht ! aber durch den Klang , die Fülle und den Ausdruck ihrer Stimme trat etwas eigentümlich Ergreifendes in die profane Musik hinein , etwas tief Tragisches ; wenigstens kam es mir so vor , weil ich dies junge , schöne Mädchen so sehr bedauere : sie ist nämlich Jüdin . Ich mußte immer denken , wie das klingen würde , wen sie Ave verum sänge oder O salutaris und ihre unvergleichliche Stimme zu Lobliedern der ewigen Liebe anwendete , von der sie nichts weiß . Ich war schon früher mehrmals aufgefordert worden zu singen , hatte es aber immer abgelehnt und mir schon Vorwürfe von dem guten Vater deshalb zugezogen . Es ist mir unheimlich , vor den vielen Leuten mich hinzustellen und ihre Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen . Überdas ist mein Singsang wirklich zu unbedeutend für eine elegante Soiree . Als man mich gestern wieder bat , doch auch einmal mich hören zu lassen , dacht ' ich , nun sei gerade der günstige Moment gekommen , um den Leuten zu zeigen , daß ich nichts kann , denn mein Gesang verhält sich zu dem der schönen Judith , wie das Trillern des Finken zum Schlag der Nachtigall . Und was ich zu singen hätte , das wußt ' ich auch gleich und das war auch nicht auf den Salonton gestimmt . Die Welt singt von ihrer Liebe , ihren Freuden , ihrem Glück ; - nun wohlan ! Ich werde von dem meinen singen ! Und weißt Du , lieber Onkel , was ich sang ? - Das Wiegenlied der Mutter Gottes von Lope de Vega . Ich frohlockte es ordentlich aus der Brust heraus , dermaßen erfrischte sich mein Herz an dem Gedanken , daß so ein wenig Himmelsluft in die schwülen irdischen Dünste hineinwehe : Heilige Engel , Die ihr dort flieget Ueber den Palmen , Sänftigt den Wind ! Kommet und wieget Das göttliche Kind . Ich sang aber spanisch , lieber Onkel . Das verstand kein Mensch , und dadurch fühlte ich mich recht geschützt in meinem Liebesgespräch . Man wollte wissen , was ich gesungen habe . Ich sagte , es sei ein Lied von Lope de Vega , und ich vermute , daß man sich verpflichtet fühlte , um dieses berühmten Dichters willen meinen Gesang zu loben . Ach , lieber Onkel ! Alles wird gelobt , nur nicht derjenige , der allein alles Lobes würdig ist . Gott wird verschmäht , ist Null , und was Null ist , wird verherrlicht . O ewige Liebe , man liebt dich nicht . « - - In der Gesellschaft fing man an , Regina ganz ungemein zu bewundern . Mit ihrer Herzensfrische , ihrem lebhaften Verstande , ihrer anspruchslosen Einfachheit , ihrer Seelengrazie machte sie zwischen den bis zur Dressur wohlerzogenen jungen Damen den Eindruck , als trete sie aus irgend einem paradiesischen Urwald in die Welt hinein . Die kleinen niedrigen Triebfedern , welche diese beherrschen : Eitelkeit , Gefallsucht , Selbstbespiegelung , berührten sie gar nicht , denn sie wollte keinem Menschen gefallen . Aber sie hielt sich deshalb nicht für besser , sondern nur für glücklicher . Sie hatte ihr Herz in Sicherheit gebracht bei der ewigen Liebe : gab es ein größeres Glück ? Der heitere Friede , der aus diesem reinen , stillen , sicheren Glücksbewußtsein hervorging , und der sich durch die liebenswürdigste Freundlichkeit gegen alle Menschen aussprach , machte sie zu einer äußerst wohltuenden Erscheinung in einer Sphäre , wo so viel Zerrissenheit und Verwirrung durch traurige Leidenschaften zu Hause ist . Obwohl niemand weniger als sie mit den Ansichten , Beweggründen und Urteilen der Welt sympathisierte : so wußte sie diesen Mangel an Sympathie doch so lieblich zu umschleiern , daß man sich fast zur Übereinstimmung mit ihr gedrängt fühlte . In jener musikalischen Soiree hatte Judith durch ihren prachtvollen Gesang , namentlich der berühmten » Gnadenarie « aus Robert dem Teufel , die Gesellschaft in eine Art von gewitterhafter Aufregung versetzt . Niemand wollte nach ihr einen Akkord anschlagen , einen Ton singen . Jeder fühlte , daß er Fiasko machen müsse , und zog sich deshalb zurück . Für Regina war das ein Grund zu singen . Ihre Herzenslust und ihre innerste Meinung verschleierte sie hinter der spanischen Sprache und sang so süß und liebreizend , daß es nicht anders war , als ob die blitzdurchzuckten Wetterwolken , die Judith heraufbeschworen hatte , von leuchtenden Sternen überraschend durchbrochen würden . Nicht Lope de Vega wurde am Schluß bewundert , sondern Regina . Das glaubte sie aber nicht . Der Graf sonnte sich in den Huldigungen , die seiner Tochter dargebracht wurden , und freute sich seiner luminösen Idee , sie so früh in die Welt eingeführt zu haben . Die Reize des wirklichen Lebens würden ganz allmälig ihre Träume aus dem Sattel heben , hoffte er zuversichtlich . Uriel hoffte auch , aber auf seine Liebe , nicht auf die Welt . Die lange und viel besprochenen , probierten und studierten lebenden Bilder kamen endlich zu Stande . Ernest beklagte aber hundert Mal , seine Hand in dies Wespennest gesteckt zu haben , wie er sich ausdrückte . Gegen die Aufgabe , aus so rebellischen Elementen von hölzernen Männer- und gezierten Frauengestalten ein Bild zusammenzustellen , sei es ein Kinderspiel , ein wandgroßes Gemälde zu skizzieren . Überdas wollten sich die Damen nach dem Modejournal kleiden , nicht nach seiner Angabe ; und jede war überzeugt , daß er ihr gerade die Stellung und den Ausdruck angewiesen habe , welche ihr am wenigsten vorteilhaft wären . Die eine konnte nicht ihren schönen Fuß präsentieren ; bei der anderen wurde gerade ihr schöner Arm beschattet , und bei der dritten keine Rücksicht auf ihr schönes Haar genommen , womit sie doch ganz gewiß die heil . Genoveva von Brabant hätte darstellen können ! Ferner wollte eine jede , daß gerade ihr Tableau das letzte sei , den letzten Eindruck mache , durch kein nachfolgendes verdunkelt werde . Endlich sagte Ernest : » Meine gnädigen Damen , wie kunstvoll Sie sich sämtlich in Ihren respektiven Tableaux gruppieren , und ob Sie auf einen Fuß oder auf keinen sich stellen werden , das , sehe ich ein , muß ich Ihrer bessern Einsicht überlassen . Da es mir aber mit dem besten Willen unmöglich ist , jedes Tableau zum letzten zu machen : so beanspruche ich die Reihenfolge derselben so fest zu halten , wie ich sie von Anfang an bestimmt habe : das Paradies und die Peri werden den Schluß machen , weil jenseits des Paradieses Irdisches keinen Effekt mehr machen kann . « Keinen Effekt mehr machen kann ! - Dieser Ausspruch wirkte Wunder bei den Damen . Nunmehr wollte keine mit ihrem Tableau auf das Paradies und die Peri folgen . Judith und Regina waren die einzigen , die sich durchaus fügsam gegen Ernest bewiesen , und sich genau so kleideten , so stellten , so blickten , wie er es ihnen angab . Judith dachte , es sei ja genug der Herablassung , daß sie sich bewundern lasse , und das könne ihr ja gar nicht fehlen , möge sie nun so oder anders stehen . Regina - gehorchte . Aber die Sache hatte einen geheimnisvollen Reiz für sie . Ernest hatte ihr gesagt : » Gnädige Gräfin , wenn Sie da stehen werden als Engel des Lichtes , vorgreifend jenem seligen Augenblick , der Sie einst in ' s himmlische Jerusalem und unter die Reihen der Auserwählten