daß diese Lebensweise nicht lange fortdauern dürfe , wenn er nicht erschlaffen und sich untüchtig für eine spätere geregelte Thätigkeit machen solle - aber das : was beginnen , ohne seinen jetzigen Aufenthaltsort zu verlassen , war die Frage , welche er nicht zu beantworten vermochte . So hatte er sich am dritten Tage unzufrieden mit sich selbst wieder auf das Sopha geworfen . Seine Zukunft kam ihm fast eben so planlos vor , als zu der Zeit , wo er in New-York gelandet und in ungezwungenem Müßiggange sein Geld hatte verzehren müssen - da tauchte mit den Bildern aus seinem damaligen Leben plötzlich der Rath in seiner Erinnerung auf , welchen ihm Pauline nach ihrem ersten Zusammentreffen mit ihm gegeben , ein Rath , den er in jener Zeit bei seiner Unkenntniß der englischen Sprache und der ganzen amerikanischen Verhältnisse so kindlich naiv gefunden , daß er sich des Lachens nicht hatte erwehren können . » Sie sind doch von Haus aus Jurist und haben ein glänzendes Examen bestanden , « hatte sie ihm gesagt , » warum werfen Sie sich hier nicht wieder auf Ihr altes Fach , gehen zu einem Advocaten und lernen , was Ihnen in dem hiesigen Lande noch Noth thut , halten nachher Reden , werden bekannt , bekommen dadurch eine tüchtige Praxis , oder lassen sich in ein paar Jahren zu einem Amte wählen ? Wenn ich ein Mann wäre , ich würde in Amerika gar nichts Anderes als Advocat ! « - Jetzt war es ihm , als werde es mit einem Male hell in seiner Seele . Was damals für ihn unmöglich gewesen , das durfte er jetzt wenigstens als erreichbar betrachten - und in jedem Falle hatte er ein neues Ziel für sein Streben gefunden . Erregt setzte er sich aufrecht . Er dachte wol einen Augenblick an alle die Schwierigkeiten , welche dem Deutschen in einer solchen Carriere entgegentreten müssen , sobald er sich über den großen Troß des Standes zu erheben gedenkt - er dachte an alle die großen Lücken , welche er auszufüllen haben würde , an alle die Arbeit , welche vor ihm lag - aber Arbeit war es gerade , was er brauchte . Zuerst wollte er sich vollkommen zum Meister der englischen Sprache machen ; er fühlte , daß er nur dies bedurfte , um überzeugend auf irgend ein Publikum wirken zu können , und mit einem stillen Behagen erinnerte er sich der Complimente , welche ihm seine eigene Vertheidigungsrede während des Baker ' schen Mordprocesses von gewiegten Advocaten eingetragen hatte . Daneben sollte es zu einem gründlichen Studium der neuern Geschichte der Vereinigten Staaten , besonders wo diese auf Rechtsfragen Einfluß haben konnte , gehen - das war vorläufig Arbeit für die nächsten sechs Monate , und dann erst wollte er seinen weitern Studiengang nach den Verhältnissen , wie sie sich bis dahin für ihn gestaltet haben würden , bestimmen . Es kam eine Beruhigung , wie er sie noch niemals in Amerika gefühlt , über ihn , als er mit diesen Entschlüssen im Klaren war ; er hatte längst gefühlt , daß sein bisheriger Beruf als Musiklehrer eben nur Nothbehelf für ihn gewesen war und stets nur geblieben wäre , so sehr auch bis jetzt sein ganzes Interesse sich darauf gerichtet hatte , und zum Handelsstande , wozu ihn der alte Pedlar gedrängt hatte , paßte seine ganze Natur nicht . Konnte er sich der Advocatur zuwenden , so kam er wieder auf den Boden , welchem er sein ganzes Arbeiten und Streben in Deutschland gewidmet , und wenn sich jemals eine Gelegenheit dazu für ihn bieten konnte , so war sie jetzt da , wo er für eine Zeitlang die Mittel zum Leben und volle Zeit für die nöthigen Studien hatte . Noch an demselben Nachmittage hatte er sich von einigen Bekannten , welche ihm der Mittagstisch im Hotel näher gebracht , so viele Bücher zusammengeborgt , als er für die erste Zeit zu seinem Zwecke für nothwendig erachtete , und am nächsten Morgen begann er nach einem selbstgeschaffenen Systeme seine Arbeiten , denen er während der folgenden Tage ohne Hast , aber mit voller Beharrlichkeit oblag . Und so saß er auch jetzt am frühen Morgen bereits an seinem Schreibtische . Eine halbe Stunde mochte er ohne Unterbrechung gearbeitet haben , als sich die Thür öffnete und Cäsar mit einer großen Tasse voll rauchenden Kaffee ' s erschien ; es war dies eine Neuerung , die Helmstedt eingeführt hatte , um nicht in den Morgenstunden des Frühstücks wegen das Haus verlassen zu müssen , und Cäsar hatte schnell genug gelernt , seinen Herrn in deutscher Weise zu bedienen . - Helmstedt schob sein Buch bei Seite und lehnte sich in seinen Stuhl zurück . » Well , Cäsar , etwas Neues ? « » Nichts Großes , Master , « entgegnete der Schwarze , die Tasse niedersetzend . » Mrs. Morton ist noch immer traurig und niedergeschlagen ; sie habe , meinte Mary , gestern nicht so viel gegessen , daß ein Vogel daran genug haben könne . Doctor Ford hat ihr beim Mittagstische erzählt , daß Mr. Elliot wol seine Farm verlieren werde , und das hat sie so aufgeregt , daß ihr der Doctor ein niederschlagendes Pulver hat geben müssen . Der Doctor hat gesagt , ihre Reizbarkeit komme vom Klima , das sie noch nicht gewohnt sei und auch von ihrem einsamen Leben ; sie solle sich mehr Zerstreuung machen ; und Mrs. Morton hat gesagt , sie werde nächster Tage einmal nach Little Valley fahren , sich die Farm betrachten und zusehen , was dort gethan werden müsse ; das werde ihr Arbeit und Zerstreuung geben . « » Wie steht es jetzt in Little Valley ? « fragte Helmstedt gedankenvoll . » Es ist noch beim Alten , Sir ! « antwortete der Schwarze . » Doctor Ford hat aber gesagt , er werde in den nächsten Tagen einen andern Aufseher schaffen . « Helmstedt nickte langsam und griff nach seinem Kaffee . » Es ist gut , Cäsar . « Der Schwarze verließ das Zimmer und Helmstedt wollte sich wieder seiner Beschäftigung zuwenden , aber er konnte seine Gedanken nicht festhalten . Schon Tags vorher hatte ihm Cäsar einen ähnlichen Bericht wie den heutigen gebracht , dem er nur wenig Wichtigkeit beigelegt hatte - heute indessen fiel ihm die wiederholte Meldung mit ihren Details auf . War es nur ein vorübergehendes körperliches Leiden , oder lag die Ursache von Paulinens krankhafter Stimmung tiefer - konnte nicht , bei ihrem jungen warmen Herzen ein Gefühl für irgend eine dritte Persönlichkeit in ihr leben , dem sie in ihrer abgeschlossenen Stellung nicht genug thun konnte und das zugleich die Ursache ihrer Schroffheit gegen ihn selbst und seine freundlichen Anerbietungen war ? Helmstedt fühlte , wie ihm der Gedanke das Blut zum Herzen trieb ; er erhob sich und durchschritt einige Male langsam das Zimmer ; bald hatte er wol seine innere Haltung wieder gewonnen , aber mit dem Interesse an seinem Studium war es für den Augenblick vorbei . Eine erfrischende Luft wehte ihm aus dem offenen Fenster entgegen und er beschloß , einen Gang durch die Stadt zu machen , um sich andere Gedanken zu holen und dann mit neuer Lust an seine Arbeit zurückzukehren . Er kleidete sich an und wanderte dann langsam die Hauptstraße des Städtchens hinab , wo bereits Weiße und Schwarze in lebhaftem Marktverkehr sich durcheinander trieben . » Es ist ein Brief für Sie da , Mr. Helmstedt - schon seit zwei Tagen ! « hörte er eine Stimme neben sich und sah aufschauend in das Gesicht des Postmeisters , welcher indessen das Postamt nur als eine Unterabtheilung seines Stores führte , vor dessen Thür er eben jetzt auf- und ab spazierte . » Für mich , Sir ? « fragte der junge Mann zweifelnd . » Wenigstens steht Ihr Name darauf , treten Sie ein , Sir , zehn Cents Porto ! « Helmstedt empfing ein dickgefülltes Couvert , auf welchem seine Adresse mit voller Genauigkeit verzeichnet stand , zahlte das Porto und verließ den Store . Er besah die sonderbar aussehende Zuschrift und schüttelte den Kopf ; von wem konnte er wol einen Brief zu erwarten haben , wer bekümmerte sich in dem großen Amerika um ihn ? Das Postzeichen war so undeutlich aufgedruckt , daß es nicht zu erkennen war , und es machte ihm Vergnügen , sich in zehnerlei verschiedenen Vermuthungen zu ergehen , ehe er den Umschlag öffnete . Eine Anzahl Bogen , mit einer Schrift bedeckt , von welcher jeder Buchstabe reichlich einen halben Zoll maß , fiel in seine Hände ; trotz der Größe der Worte war es aber , wie es Helmstedt bei dem ersten Blick auf die Orthographie derselben scheinen wollte , eine nicht unbedeutende Arbeit , ihren Sinn zu ergründen . Er wandte die Bogen , um nach der Unterschrift zu sehen , hatte aber Mühe , das rechte Ende des Schreibens zu finden , bis seine Augen endlich auf den mit riesigen Buchstaben geschriebenen Namen : » Karl Meiners , genannt Dutch Charley , « fielen . Ein heiteres Lächeln ging über Helmstedt ' s Gesicht , er wandte sich quer über den Weg nach dem Globe-Hotel und setzte sich dort im Warte-Zimmer nieder , um in Ruhe den Inhalt des erhaltenen Schreibens zu entziffern . Eine kurze Zeit lang schien ihn das Studium der verschiedenen Worte zu belustigen ; bald aber wurde sein Blick gespannter , hastiger , und mit zusammengezogenen Augenbrauen arbeitete er sich durch die Hindernisse , welche sich dem Verständniß des Sinnes entgegenstellten , bis er endlich zu Ende gelangt , die Hand aufs Papier legte und , wie vollkommen überwältigt von dem Gelesenen , vor sich ins Zimmer starrte . Was er herausbuchstabirt hatte , lautete : » Lieber Mr. Helmstedt ! Ich habe Ihnen schon vor mehreren Tagen schreiben wollen , ich habe aber meinen Trouble mit dem Ben gehabt , welcher der Mary noch immer nachstellt und ausgefunden hat , wo sie sich im Lande aufhält . Sie haben es mit angesehen , wie ich ihn das erste Mal habe ablaufen lassen ; weil ich aber nicht immer bei ihr sein kann , so habe ich sie nach einem sichern Orte bringen müssen . Sie ist eigentlich nur meine Landsmännin , aber ich habe auch ehrliche Absichten auf sie und sie ist damit zufrieden . Jetzt aber das Andere . Sie haben mir damals in New-York gesagt , daß Ihr Mündel um sein Erbe komme , weil sie ihn haben todt aus dem North-River gezogen . Den sie aber aus dem Wasser gebogen haben , war nur eine todte Leiche , die ich selber habe helfen vom Kirchhofe holen , und ich hätte Ihnen schon damals gesagt , wie die Sache steht , wenn ich bestimmt gewußt hätte , ob Ihre Geschichte auch wirklich die war , von der ich wußte . Jetzt weiß ich aber Alles : Bill und Ben haben mit dem Gelde , was sie bekommen haben , ein lustiges Leben geführt und haben mir im Rausche erzählt , um was ich sie gefragt habe . Also ist die Sache so : Der Graf , wie sie ihn nennen , und weiter weiß ich von ihm nichts , hat den jungen Verwandten vom Pfandleiher Meier , der wol Ihr Mündel sein muß , aus der Law-Office , wo er gearbeitet hat , weggelockt und gesagt , ein alter Onkel von ihm liege todtkrank in Philadelphia und wollte ihn noch einmal sehen , er müsse auf der Stelle mit ihm gehen , bei Meier ' s wüßten sie schon um Alles , hat ihn unterwegs in einem Kleiderladen vom Hemde bis zum Rocke neue Kleider anziehen lassen , damit er auf der Reise anständig aussehe , und hat ihn durch den Bill richtig nach Philadelphia in ein Versteck bringen lassen . Während der Zeit haben sie hier in New-York eine Judenleiche vom Kirchhofe gestohlen , haben ihr die alten Sachen von dem jungen Menschen angezogen und sie in den North-River geworfen . Nachher hat es geheißen , der aufgefundene Todte sei Ihr Mündel . Warum das Alles so gethan worden ist und warum der Graf so viel Geld dafür gespendet hat , kann ich nicht sagen . Der Graf hat nachher Ihren Mündel ins Land irgend wohin gebracht , wo sie ihn verwahrt haben , hat sich selber eine Weile in New-York herumgetrieben und mit einer Weibsperson , die sich durch schlechten Lebenswandel Geld gemacht hat , zusammen gewohnt . Ich habe selbige Weibsperson von früher her gekannt , gehe auch ab und zu jetzt noch einmal hin , weil sie mich besonders leiden mag und immer ein paar Quarters für mich hat , und so habe ich von ihr erfahren , daß der Graf eine Speculation in Alabama hat , die ihm viel Geld bringen soll , wovon er , zusammen mit dem Weibsbilde , ein seines , liederliches Haus in New-York errichten will . Bei der Speculation muß aber wol Ihr Mündel etwas zu thun haben , denn ich habe mir aus den gefallenen Reden zusammengereimt , daß er ihn mit hinunter nach dem Süden nehmen will . Vor etwa einer Woche ist nun der Graf nach Alabama abgereist und hat auch der Weibsperson hinterlassen , wohin sie ihm schreiben soll , wenn etwas vorkommen sollte ; ich habe aber den Zettel noch nicht erwischen können . Das habe ich Ihnen also geschrieben , weil ich nicht mag dazu geholfen haben , daß ein junger Mensch um sein Erbe komme , und weil ich gedacht habe , daß Ihnen mit diesem Schreiben ein Gefallen geschähe . Jetzt muß ich aber noch etwas sagen . Ich möchte aus dem liederlichen Leben hier heraus , möchte was Ordentliches treiben und nachher die Mary heirathen . Wenn es also unten bei Ihnen Beschäftigung gäbe , die sich lohnte , so könnten Sie mir es wol schreiben , ich wohne noch immer beim alten Ormsby in Jamesstreet . Es heißt freilich , daß im Süden die Nigger alle Arbeit thäten , aber ich glaube , ich könnte es mit Dreien aufnehmen , und wenn Sie etwas für mich wüßten , so könnte ich auch , bis Sie mir wieder schreiben , den Zettel zu Gesicht bekommen , damit Sie erfahren , wo Sie Ihren Mündel wiederfinden können . Das Geld zur Reise habe ich . « Zehn verschiedene Gedanken über die Beweggründe und den Urheber des gespielten Betruges waren , einer den andern verdrängend , durch Helmstedts Kopf geschossen - vor einem Gedanken aber wichen alle übrigen zurück . Helmstedt hatte aus leicht begreiflichen Gründen sich tiefer für den drohenden Angriff auf Elliots Eigenthum interessirt , als viele Andere . Er hatte zu seiner Verwunderung erfahren , daß Murphy ' s Vollmacht , welche dieser gern vorwies , um jede Gehässigkeit von sich selbst abzulenken , von Rebekka , Ehefrau des Abraham Meier in New-York , als Erbin des verstorbenen Isaak Hirsch , ausgestellt war , und daß der verhängnißvolle Besitztitel von einer New-Yorker Advocaten-Firma als Eigenthum des Isaak Hirsch in die Erbschaftsmasse abgeliefert worden sein sollte . Wenn es ihm nun möglich wurde , den Aufenthaltsort des bei Seite gebrachten Knaben zu entdecken , so war für den Augenblick der ganze gegen Elliot beabsichtigte Proceß beseitigt , da mit Auffindung des ersten , alleinigen Erben jeder Anspruch einer dritten Partei an den hinterlassenen Besitztitel in sich selbst zerfiel , und alle ferneren Maßregeln lagen einzig in seiner , des Vormundes , Hand . Hieß es doch in des Pedlars letzten Willen : » Ich bitte Mr. Helmstedt , sich meiner Papiere anzunehmen , welche sich in der Tasche dieses Buches befinden . Es sind die sämmtlichen Depositenscheine meiner Ersparnisse , welche nach meinem Tode meinem Schwestersohne gehören und von genanntem Mr. Helmstedt , falls ihm dies nicht zu viel erbeten dünkt , zum Vortheil meines Erben nach seinem , des Mr. Helmstedts , alleinigem Dafürhalten angelegt oder verwendet werden sollen . « Helmstedt kannte die Stelle auswendig ; zum ersten Mal aber fiel es ihm auf , wie der alte Isaak , der alle seine Angelegenheiten in so musterhafter Ordnung gehalten und mit so freiem Bewußtsein seinen letzten Willen abgefaßt hatte , nicht an ein so wichtiges Document wie der vielbesprochene Besitztitel hatte denken können . - Helmstedt wußte genau , daß sich in den hinterlassenen Papieren auch nicht die Spur einer Notiz darüber befunden hatte , und je mehr er darüber nachdachte und die kaum glaublichen Angaben des vor ihm liegenden Briefes damit verglich , je verdächtiger wollte ihm die ganze Angelegenheit erscheinen , wenn er auch noch nicht wußte , nach welcher Seite hin er einen Verdacht richten sollte . Er beschloß , jedenfalls Schritte zu thun , um sich Klarheit über das Woher der so plötzlich aufgetauchten Urkunde zu verschaffen - das war indessen nicht die Hauptsache . Schnelle , bestimmte Maßregeln mußten zur Herbeischaffung seines Mündels getroffen werden , denn in jedem Augenblick konnte Elliot , um sich Ruhe zu verschaffen , zu Schritten verleitet werden , die vielleicht niemals wieder gut zu machen waren . Helmstedt schwanke eine Weile , ob er nicht durch eine weitere Mittheilung des Briefes vorläufig allen möglichen Unterhandlungen mit dem Pflanzer Einhalt thun sollte ; schnell genug aber erkannte er , daß , wenn irgend eine an dem jetzigen Proceß betheiligte Partei ihre Hand in dem Bubenstück gegen seinen Mündel gehabt , wie es nach Charley ' s Schreiben fast schien , das tiefste Schweigen über dessen Mittheilung walten müsse , sollte nicht der Knabe von seinem jetzigen Aufenthaltsort aufs Neue , und wahrscheinlich für immer , verschwinden . Eine kurze Weile dachte er scharf nach , dann barg er den Brief in die Brusttasche seines Rockes und schritt wieder über die Straße nach dem Store des Postmeisters . » Wie weit ist wol die nächste Telegraphenoffice , Sir ? « fragte er diesen . » Telegraphenoffice ! « war die lachende Antwort , » so vorgeschritten sind wir hier im Hinterwalde noch nicht , Sir ! Die nächste ist meines Wissens in Nashville , Tennessee , etwa 150 Meilen oder so etwas weit . « Helmstedt legte die Hand an seine Stirn . » Also gar keine Möglichkeit , eine dringende Nachricht schnell nach New-York zu befördern ? « » Warum nicht ? Senden Sie Ihre Depesche nach Nashville an die Telegraphenoffice , heute Mittag geht eine Post dahin ab . Legen Sie eine Fünfdollar-Note bei und beauftragen Sie die Beamten , Ihnen die Rückantwort , falls Sie diese erwarten , augenblicklich hierher zu senden . Sie sollen von mir sogleich benachrichtigt werden , sobald etwas angekommen ist . « Helmstedts Gesicht hellte sich auf ; er dankte dem Postmeister und schlug ohne weitere Zögerung den Weg nach seinem Hause ein . Dort machte er sich noch einmal an die sorgfältige Durchsicht der erhaltenen Zuschrift und faßte dann die folgende Depesche , mit der von Dutch-Charley angegebenen Adresse versehen , an ihn ab : » Kommen Sie augenblicklich , sobald Sie genau wissen , wo der Knabe ist ; ich trage die Reisekosten . Senden Sie sogleich Antwort per Telegraph an die Nashville-Telegraphenoffice , daß Sie diese Zeilen empfangen haben ; ich erhalte Ihre Antwort von dort . « Das Begleitschreiben an die Telegraphenoffice war schnell angefertigt , die Banknote beigelegt , und nach einer Viertelstunde ruhte der Brief , von Helmstedt selbst überbracht , in der Hand des Postmeisters . » Jetzt wollen wir weiter sehen ! « brummte der junge Mann und wandte seine Schritte nach dem Bar-Room des Hotels , wo für die Morgenstunde der gewöhnliche Versammlungsplatz der männlichen Elite des Städtchens war . Gruppen von jüngern und ältern Herren standen bereits schwatzend darin umher , und Helmstedt hörte bald auch Murphy ' s helle Stimme im hinteren Theile des Lokals erklingen . Der Eingetretene ließ sich ein Glas Sherry mit Eis geben , lehnte sich gegen den Schenktisch und beobachtete still , was um ihn her vorging , bis die Gruppe von Advocaten , in welcher Murphy gestanden , sich löste und dieser langsam dem Ausgang zuschritt . » Wollen Sie mir wol zwei Worte erlauben , Sir ? « sagte Helmstedt , ihm einen Schritt entgegentretend . Der Advocat sah auf . » Mit Vergnügen , Sir ! « erwiderte er , augenscheinlich etwas verwundert . » Sie werden einsehen , « begann Helmstedt mit gemäßigterer Stimme , » daß der von Ihnen vertretene Anspruch gegen Mr. Elliot , der mein Schwiegervater ist , mich mehr als jeden andern Dritte berühren muß . « » Ich sehe das vollkommen ein , « erwiderte Murphy , höflich den Kopf neigend . » Darf ich Sie also wol um Angabe der Advocatenfirma in New-York bitten , bei welcher das alte Document , welches den jetzigen Anspruch begründet , deponirt war ? « » Gewiß , Sir , wenn Sie sich auch dort nicht viel Trost holen werden ; es ist die Law-Office der Herren Smith und Johnson in Duanestreet . « » Ich danke Ihnen , Sir , das ist Alles . « Murphy verbeugte sich mit einem verbindlichen Lächeln und verließ das Lokal . Helmstedt trank langsam seinen Wein aus und ging dann in gemessenem Schritte seinem Hause zu . Als er indessen sein Zimmer erreicht hatte , warf er , wie voll von einem Gedanken , seinen Hut bei Seite , suchte Papier hervor und begann zu schreiben . Es war ein Brief an die Herren Smith und Johnson , in welchem er als Vormund des verunglückten Erben einfach anfragte : ob bei Deponirung des in ihren Händen gewesenen , auf Isaak Hirsch überschriebenen Besitztitels kein Empfangsschein ihrerseits gegeben worden sei - und wenn dies der Fall , ob und durch wen derselbe an sie zurückgegeben worden . Der Brief war fertig ; ohne Zögern ging aber Helmstedt an einen zweiten , adressirt an Mrs. Rebekka Meier . Er zeigte ihr darin an , daß auf Grund eines Documentes , welches , wie er nachweisen könne , nicht zu dem Nachlasse des Pedlars Isaak Hirsch gehört habe , von ihr , als Erbin des Verstorbenen , Ansprüche auf ein Grundeigenthum erhoben würden , die seine eigenen Privat-Verhältnisse auf das Empfindlichste berührten . Ehe er nun eine Untersuchung über den Ursprung und die Aechtheit des Documentes einleiten lasse , bitte er sie um Nachricht , auf welche Weise sie zu dem alten Papiere gelangt oder wie sie von seiner Existenz unterrichtet worden sei , damit er in keinem Falle einem Unschuldigen zu nahe trete . Die Briefe wurden geschlossen und schlüpften noch eine Stunde vor der abgehenden Post in den Briefschalter . Helmstedt hatte sich nun wol vorgenommen , in Gelassenheit die verschiedenen Antworten abzuwarten , aber eine unruhige Spannung , welcher er nicht Herr werden konnte , ließ ihn nur selten eine Stunde bei seiner Arbeit ausdauern . Vom dritten Tage ab , an welchem er eine Antwort des Dutch Charley zu erhalten gehofft , hatte er regelmäßig bei Ankunft der Post nach Briefen für sich gefragt , aber es waren bereits sechs Tage verstrichen , und das eintönige : » Nothing , Sir ! « des Postmeisters war ihm so oft in die Ohren geklungen , daß er an der Ueberlieferung seiner Depesche vollständig zu zweifeln begann . Er hatte sich während dieser Tage mehr auf der Straße und im Bar-Room des Hotels herumgetrieben , als jemals zuvor ; er hatte geglaubt , irgendwo ein Wort auffangen zu können , das ihn über den Weg , welchen Elliot in Bezug auf den Angriff gegen ihn einzuschlagen beabsichtige , unterrichte , aber Niemand schien etwas von den Entschließungen des Pflanzers zu wissen , und für Helmstedt begann dieser Zustand des Harrens fast unerträglich zu werden . Er beschloß , noch einen einzigen Tag zu warten , und wenn wieder vergebens , durch ein ihm bekanntes New-Yorker Handelshaus nochmalige und sichere Nachricht an Dutch Charley gelangen zu lassen , dann aber auch zugleich , auf jede Gefahr hin , Elliot von dem Stande der Dinge zu unterrichten , um wenigstens den möglichen Schritten für einen Vergleich von dessen Seite vorzubeugen . Ganz darauf vorbereitet , wieder ein » Nothing , Sir ! « zu hören , begab er sich am siebenten Morgen nach der Postoffice ; aber schon bei seinem Eintritte hielt ihm der Postmeister einen Brief von dem nämlichen Kaliber , wie den bereits erhaltenen , entgegen , und mit einem erleichternden » Endlich ! « erkannte Helmstedt die majestätischen Schriftzüge von Charley ' s Hand auf der Adresse . Er zahlte das Porto und eilte nach Hause , um ein neues Studium dieser kühn alle Regeln verachtenden Schreibweise zu beginnen . Der Inhalt , in verständliche Worte übersetzt , lautete : » Yes , Sir ! Ihr telegraphisches Schreiben habe ich erhalten , aber mit der telegraphischen Antwort war es nichts . Ich hatte einen Brief für Sie fein zugeklebt nach der Telegraphen-Office gebracht , aber die Kerle dort meinten , zum Telegraphiren müßten sie ihn aufmachen und durchlesen , was ich nicht leiden mochte , weil Manches darin stand , was nicht Jeder zu wissen braucht . Also habe ich ihn wieder mit fortgenommen , und das war ganz gut . Die Weibsperson , welche mit dem Grafen lebt , hatte von diesem am selbigen Tage einen Brief bekommen , daß er nur noch bis zum 14. Juni an dem bisherigen Orte bleiben werde ; das sei der letzte Tag , welchen er als Frist gestellt habe , um sein Geld zu erhalten , nachher müsse er wegen des Jungen andere Maßregeln treffen ; sie solle ihm also nicht wieder schreiben , bis sie weitere Nachricht von ihm bekomme . Ich habe selbigen Brief gefunden , als ich nach dem Zettel suchte , welchen wir haben mußten , um den Jungen aufzufinden , und den ich Ihnen gern mitschicken wollte , ehe ich durch die Post an Sie schrieb . Ich bin nämlich ein alter Freund von der Weibsperson und kann in ihre Stube kommen , auch wenn sie nicht zu Hause ist . Also hatte ich heute die rechte Zeit getroffen , habe ein paar Schlösser an ihrer Kommode verdorben und den Zettel gefunden und abgeschrieben . Hierbei will ich noch bemerken , daß sich der Graf Henry Wells unterschrieben hat , wenn Ihnen der Name zu etwas dienen kann . Jetzt werde ich diesen Brief zumachen und auf die Post geben ; nachher setze ich mich auf die Eisenbahn und gehe zur Mary , um ihr zu sagen , wie es mit mir steht , und von da geht es gerades Wegs hinunter zu Ihnen . Ich denke also , ich werde einen halben Tag , oder , wenn es viel wird , einen Tag später kommen als dieser Brief . Die Post-Office , wohin das Weibsbild dem Grafen geschrieben hat , heißt Rocky-Creek in Alabama , und er selber wohnt , wie es in seinem Briefe heißt , bei einem Farmer mit Namen McGraw . « Helmstedt hatte bei dem Namen » Wells « den Kopf geschüttelt , er war ihm vollständig unbekannt ; sein erster Blick aber , welchen er von dem Schreiben hob , siel auf den Wandkalender über seinem Arbeitstische und blieb dort nachdenklich hängen . Es war heute der 13. Wenn ein rascher Erfolg erzielt werden sollte , so mußte die Aufhebung des sogenannten Grafen , wie des entführten Knaben in des Sheriffs Hände gelegt werden . Charley war aber der Einzige , welcher den Erstern persönlich kannte , und somit war seine Gegenwart die nothwendigste Bedingung für irgend einen Schritt . Helmstedt zweifelte keinen Augenblick , daß der Riese , wenn ihn nicht unterwegs ein Unglück betroffen , sich zur rechten Zeit einstellen werde , und beschloß deshalb , bis zum Nachmittag nichts zu thun , als einzelne nöthige Erkundigungen einzuziehen und einen Ritt nach Oaklea zu machen . Während der ganzen Zeit , in welcher er auf Nachricht von New-York gehofft , hatte es ihm stets wie eine drückende Ahnung auf dem Herzen gelegen , daß Elliots Angreifer ihre Beute davon tragen würden , ehe er im Stande sei , sein Schweigen zu brechen ; jetzt wenigstens wollte er nicht mehr zögern , um dem Pflanzer vorsichtig einen Wink zu geben , und er empfand eine eigenthümliche Genugthuung bei dem Gedanken , zur Vergeltung aller der gegen ihn gespielten Intriguen dem stolzen Manne eine Hoffnung in dessen jetziger Bedrängniß entgegenbringen zu können . Er dachte im Augenblicke nicht einmal daran , daß es für Elliot den bittersten Nachgeschmack abgeben mußte , wenn er hörte , daß sich sein Wohl und Wehe in Helmstedts Hand befinden würde . Er nahm seinen Hut wieder und verließ das Haus . Sein erster Gang war nach der Postoffice . » Können Sie mir wol sagen , Sir , wo Rocky-Creek-Postoffice ist ? « fragte er nachlässig , nachdem er sich mit einem schnellen Blick überzeugt hatte , daß er mit dem Postmeister allein sei . » Kaum fünf Meilen von hier , gerade in die Berge hinein , « erwiderte dieser , mit der Hand die Richtung andeutend ; » Sie können kaum fehlen , wenn Sie der Straße folgen ; es ist das einzige Wirthshaus am Wege , und die Gegend ist dort ziemlich unbewohnt . « » Also ist nicht viel zu holen , « lachte der junge Mann . » Nicht die Spur , Sir ! Es gibt dort nur einzelne kleine Farmer , die in dem steinigen Boden mit harter Arbeit ihr Leben fristen . « Helmstedt dankte und ging . Er sah nach seiner Uhr - es war bereits neun vorüber und hohe Zeit für seinen Ritt , wenn er Mittags zurück sein wollte . Ohne weitern Aufenthalt machte er sich daran , sein Pferd zu satteln , und bald eilte er im