hinzugesetzt oder erlogen : im Gegentheil , der aus Wien datirte Brief enthielt , was sie gesagt , noch begleitet von den rohen Ausdrücken und schmutzigen Späßen , welche damals , besonders unter der Männerwelt üblich waren . Das war der Brief eines lebenslustigen Mannes , der an jeden Genuß sich hingiebt , welchen der Augenblick bietet , unbekümmert , ob derselbe mit den Grundsätzen der Sittlichkeit sich vereinen lasse , unbekümmert , ob daheim eine treue sehnsüchtige Geliebte seinen Schwüren vertraut und kummervoll die Stunden zählt , bis sie einen Gruß von ihm empfängt . Elisabeth wollte Ursula gern die bitterste Kränkung ersparen , und sagte ihr nicht , daß sie selbst diesen Brief gelesen , aber doch daß ihr Gemahl das von Eleonore Gesagte bestätigt . Indeß fügte sie hinzu , es könne ja sein , daß Stephan seinem Bruder nur darum in einem solchen Ton geschrieben , um ihn und seinen Vater glauben zu machen , daß er Ursula aufgegeben und vergessen habe , da sie sich ja immer diesem Verhältniß widersetzt . Wie gern auch Ursula diesem Trostgrund Eingang in ihr banges Herz vergönnte : es blieb doch immer die Frage , warum er ihr nicht geschrieben , da doch sonst seine Briefe sie immer erreicht und sich noch stets gefällige Liebesboten gefunden hatten . Nur einmal war ein Brief von ihm verloren gegangen , aber das immer erwartend , hatte er wiedergeschrieben ; so war dies auch ein Trost wohl für einige Wochen , auch Monate - aber nicht für ein halbes Jahr , wo er nicht mehr im Kampfe , sondern näher war und andere Briefe von ihm nach Nürnberg gelangten . Und Elisabeth war auch eine Trösterin , welche selbst nicht glaubte , obwohl sie den Grundsatz hatte , jeden schönen Traum in anderen Herzen so lange als möglich fortzunähren , da die Enttäuschung und das Leid immer zu früh genug komme ; sie wußte , daß für ein liebendes weibliches Gemüth der peinlichste Zustand des Schwankens zwischen Furcht und Hoffen immer noch besser sei , als die entscheidende Gewißheit von der Unwürdigkeit und Untreue des geliebten Gegenstandes - sie konnte so aus Erfahrung empfinden ! aber ihr eigenes Herz war ja selbst zu sehr verletzt worden in seinen heiligsten Empfindungen durch den Verrath eines Mannes , als daß sie nicht auch für andere Mädchen und von andern Männern die gleichen Erfahrungen erwarten sollte . Einem schönen , eitlen und heißblütigen Manne wie Stephan traute sie nur so lange Ausdauer in seiner Neigung zu , als das Weib , das seine Leidenschaft erregte , ihm nahe war und nicht andere verführerischere Frauen ihn lockten . Aber nimmer hätte sie Ursula ' s Herz in ähnlichen Besorgnissen bestärken mögen , sie trachtete darnach ihr so lange als möglich das Schreckliche zu ersparen , woran gerade stille und tiefe , reine Frauengemüther zu Grunde gehen . Bei solchen Betrachtungen mußte sich Elisabeth selbst gestehen , daß sie trotz ihrer geistigen Kraft und ihrer erheuchelten stolzen Ruhe auch zu den Zugrundegegangenen gehörte , weil sie nicht mehr an das Ideal zu glauben vermochte , weil sie in zweifelhaften Fällen eher das Schlechte und Schlimme voraussetzte , als das Gute und Angenehme . Kam nun wirklich König Max zu einem Reichstag in nächster Zeit nach Nürnberg , so war weit eher zu erwarten , daß bei dieser Gelegenheit Ursula ' s Geschick entschieden werde , als das von Krieg oder Frieden im deutschen Reich , oder was immer der Kaiser von den zähen Reichsfürsten und dem schleppenden Gang der Verhandlungen fordern mochte . War Stephan treu , so würde er nicht verfehlen , im Gefolge des Königs sich wieder in sein Vaterland zu begeben , sei es auch nur für die Dauer des Reichstages . Blieb er aber ohne genügenden Grund aus , den man wohl von irgend einem seiner Gefährten erfahren konnte , so bestätigte dies seine Treulosigkeit ; denn für so schlecht hielt ihn keine der Frauen , daß er kommen werde , um noch durch seine Gegenwart sein unschuldiges Opfer zu verhöhnen . Wie natürlich , daß diese erste Nachricht von der baldigen Anherkunft des Königs einen ganzen Sturm von Empfindungen in Ursula erregte . Hatte sie doch auf die Huld dieses gütigen und ritterlichen Königs ihre ganze Hoffnung von da an gesetzt gehabt , wo er im Tanze sie ausgezeichnet und ihr sein Wort gegeben , nicht anders denn zu ihrer Hochzeit mit Stephan Tucher wieder zu kommen , infern sie einander nur Treue bewahrten , und wenn sie sich auch immer sagte , daß ein so viel bewegter Monarch mehr zu denken und zu thun habe , als um das Geschick eines Liebespaares sich zu bekümmern , so hoffte sie doch sonst , daß , wenn Stephan in des Königs Geleit zurück nach Nürnberg käme und dieser , wie er versprochen , in Scheurl ' s Hause wohne , so werde Elisabeth wohl Gelegenheit finden , ihre Schützlinge seiner Gnade zu empfehlen . Wie würde sich Stephan beeilen ihr seine Rückkehr , seine Hoffnungen zu melden ! - hatte Ursula vorher gedacht - und jetzt schwieg er , wie er seit einem halben Jahre geschwiegen ! - Außer den Regungen theilnehmender Freundschaft waren es noch Gefühle ganz anderer Art , welche bei dieser Nachricht Elisabeth ergriffen . Wenn König Max wiederkam - würde er auch derselbe sein wie vor ziemlich zwei Jahren ? Damals kam er eben aus den Niederlanden , ein sieggekrönter Fürst , der einen ehrenvollen Frieden geschlossen . Er kam nur nach Nürnberg , die alte freie Reichsstadt zum ersten Male zu begrüßen , er lebte unter ihren Bürgern harmlose festliche Tage , gefeiert und geehrt von Allen , und sie wieder ehrend durch sein leutseliges Wesen und die frohe Art , wie er sich unter sie mischte , mit ihnen gemeinschaftlich freute . Wie anders jetzt , wenn er Reichstag hielt ! Da würden alle Fürsten und Herren , alle Großen des Reichs ihn umgeben und von den Nürnberger Bürgern trennen - schien doch der Senat ihn schon zu grollen , weil er nur die Fürsten und nicht die Abgesandten der Städte geladen : - es war eine Zurücksetzung , die gerade den Bürgerstolz am tiefsten verwundete . Auch in Elisabeth lebte der gleiche Stolz , der sich dagegen empörte . Wie oft sie auch die angenehmen Tage zurückgewünscht hatte , an denen König Max in Nürnberg weilte und ihr die ritterlichsten Aufmerksamkeiten widmete - tausendmal lieber wollte sie ihn nie wiedersehen , als wiedersehen und von ihm übersehen werden . Sie war immer stärker ein Unglück zu ertragen als eine Demüthigung , welche sie dem spöttischen Lächeln ihrer Feindinnen und Neiderinnen preisgab . Die Sorgen des Reichstages mußten jetzt auf dem König lasten und noch schlimmere . Zwar hatte er seine Erblande wieder , aber er hatte doch den weiteren Eroberungszug nach Ungarn aufgeben müssen . Schlimmere Sorgen aber waren in seinen eigenen Familienangelegenheiten erwachsen . Nicht nur der Zwist zwischen dem Vater und dem Schwager - Härteres hatte Max persönlich betroffen . Er hatte sich inzwischen um die Hand der Herzogin Anna von Bretagne beworben , und während er in Ungarn beschäftigt war , hatte er sich mit ihr durch Procuration - der Prinz von Oranien war sein Stellvertreter - zu Rennes trauen lassen . Aber am französischen Hofe ließ man sich durch diesen Schein der Ehevollziehung nicht abhalten , an Verhinderung des Unglücks zu denken , das durch Gründung eines fremden Fürstenhauses im Herzen der Monarchie herbeigeführt werden mußte , und faßte deshalb den Plan , Anna mit König Karl von Frankreich selbst zu verheirathen , obwohl dieser schon seit seiner Kindheit mit Maximilian ' s Tochter , Margaretha von Burgund , verlobt war . Karl wußte Anna endlich zu vermögen , um ihr Land und ihr kleines deutsches Hülfsheer zu retten , sich ihm zu ergeben und am 6. November 1491 den Heirathsvertrag mit ihm zu unterzeichnen . Im December erfolgte die päpstliche Lösung ihrer Verbindung mit Max . So erscholl eben jetzt durch ganz Europa das Volksgeschrei , der König von Frankreich habe dem römischen Könige seine Gemahlin entführt und seine Tochter verstoßen . Maximilian ' s Aufbrausen bei der Nachricht von der ihm zugefügten Beschimpfung kannte keine Grenzen , und da seitdem erst nur kurze Zeit verflossen war , so konnte man wohl denken , wie er nicht empfänglich sein würde für harmlose heitere Festlichkeit wie in früherer Zeit , und vielleicht noch weniger für Gründung des Liebesglückes Anderer , da es ihm eben selbst auf so schmähliche Weise versagt war . Und wenn er wiederkam - würde er sein Wort halten und in Scheurl ' s Hause Wohnung machen ? Geschah es nicht , so fand Elisabeth schon darin eine Zurücksetzung - und geschah es , so erwachten jetzt schon die Sorgen der Hausfrau in ihr , den hohen Gast auch würdig und glänzend genug zu empfangen . Die beiden Freundinnen wurden im Gespräch über diese Angelegenheiten unterbrochen , als ihre stickenden Genossinnen erschienen : Elisabeth ' s Schwester Margaretha , Beatrix Imhof , Crescentia Rieter , Charitas und Clara Pirkheimer und andere Jungfrauen aus den rathsfähigen Geschlechtern , denn nur solche hatte Elisabeth zu der Arbeit berufen . Alle eilten die unterbrochene Arbeit neu zu beginnen . Mit den Schwestern Pirkheimer pflegte Elisabeth den Umgang am liebsten , Ursula ausgenommen . Sie waren beide von dem regsten Eifer für wissenschaftliche Studien sowohl als frommes Wirken beseelt , so daß man sie bald die gelehrten , bald die frommen Schwestern nannte . Zu jeder Arbeit waren sie bereit und tüchtig und für jedes Streben begeistert , das sich über die gewöhnlichen Lebenssphären erhob . Ihre Bildung war eine außerordentliche und besonders durch das früher gemeinschaftliche Lernen mit ihrem Bruder Willibald geförderte . Jetzt , wo er fern war und inzwischen auch ihre Mutter gestorben , hatte ihr Sinn sich dadurch immer mehr von den lauten Freuden der Welt abgewendet , ihren stillen Studien und einem beschaulichen Leben zu . Jetzt waren sie auch die Eifrigsten bei der Stickerei der Gobelins , ja sie hatten es sich nicht nehmen lassen , beide allein die Figur des Auferstandenen zu sticken , darin eine besondere Befriedigung findend . War nun auch die schöne Elisabeth weltlicheren Sinnes als die beiden , von der Natur gerade nicht mit körperlichen Vorzügen ausgestatteten Schwestern , so erkannte sie doch ganz deren innern Werth und ehrte ihre frommen Lebensanschauungen , wenn sie auch selbst sich zu freieren emporgeschwungen . Es war immer ein klarer Friede um diese Beiden , der ihr wohl that und den sie ihnen um so mehr beneiden konnte , als ihre unruhig bewegte Seele nur den Schein desselben zu behaupten suchte . Sie fragte jetzt die Schwestern nach ihrem Bruder Willibald , von dem sie wußte , daß er Ritterdienste bei dem Bischof von Eichstädt , eines der Häupter des schwäbischen Bundes , genommen . » Zu unserer Freude , « sagte Charitas , » wird er bald das Schwert mit der Feder vertauschen , um in Italien die unterbrochenen Studien fortzusetzen . Im rohen Kriegerhandwerk können es wohl Andere ihm gleich thun , aber mit seinem freien Geiste und seiner umfassenden Bildung paßt er besser in die stille Werkstatt der Gelehrten und wird seiner Vaterstadt und dem Reiche bessere Dienste leisten können , als mit dem Schwert . Kommt der Bischof von Eichstädt zum Reichstage her , so wird er ihn begleiten und kurz bei uns verweilen , ehe er auf lange Zeit nach Italien geht . « » Ihr wißt es also auch schon von dem Reichstag ? « fragte Ursula gespannt . » Mein Vater sagte es diesen Mittag , « antwortete Clara . Auch Crescentia Rieter mit Margaretha Behaim , die jüngste in diesem Verein , stimmte dieser Nachricht bescheiden bei . Draußen ließen sich eben Männerschritte vernehmen - Elisabeth hoffte , es werde ihr Gemahl sein , der nun auch die aufregende Kunde empfangen , und komme sie mitzutheilen - aber sie hatte sich getäuscht ; statt seiner trat der Maler Hans Beuerlein ein , um zu sehen , welche Fortschritte der Gobelin mache , zu dem er das Gemälde geliefert . Er war ein mittelgroßer Mann in den Fünfzigen , seine Gestalt hatte er in einem großen Zipfelpelz von dunkler Farbe gehüllt und auf dem Kopfe trug er eine Art Mütze von rother Farbe , ein Schläplein , wie diese wunderliche Kopfbedeckung hieß . Freundlich gab er sein Lob über die vorgeschrittene Frauenarbeit zu erkennen , aber als er sich über Ursula ' s Schulter bog , ihr Werk zu betrachten , sagte er : » Aber was ist denn das : Ihr stickt der armen Maria Magdalena graue Haare statt der blonden - würde es Euch doch selbst sehr kränken , wenn man Euch plötzlich mit grauen Haaren sehe ! Erröthend erkannte Ursula das Unheil , das sie angerichtet , indeß ihre Gedanken ganz anders beschäftigt gewesen als mit ihrer Arbeit . Durch langes Sehnen und Harren , Fürchten und Hoffen schon zum Aeußersten erschöpft , brach sie in Thränen aus und rief : » Ach , das ist gewiß eine schreckliche Vorbedeutung ! « Der Maler lächelte : » Trennt es herzhaft wieder heraus und macht den Fehler gut , den ihr begangen , so macht Ihr auch die Vorbedeutung zu Schanden . So ist ' s Männerart ; aber die Frauenzimmer sehen immer Alles gleich mit weinerlichen Augen an , bis sie gar nichts mehr erkennen können . « » Ei freilich ! « entgegnete Elisabeth , » das ist bequeme Männerweisheit , die sich immer ihr Schicksal leicht macht : Wenn Ihr dies Haar mit einer falschen Farbe gemalt hättet , so bedürfte es nur einiger Pinselstriche von Eurer Hand aus einem andern Farbentopf , um dies Grau wieder in das schönste Blond zu verwandeln ; das Frauenloos ist aber : hundert Stiche mühevoll aufzutrennen und wieder hineinzunähen - ein Geschäft , das vieler Geduld und Zeit bedarf ; nimmer unterzieht sich jetzt ein Mann einem solchen , um seine Fehler gut zu machen . « » Ei , was höre ich , Frau Elisabeth ? « rief der Maler : » aber so geht es immer , wenn sich einmal ein Mann allein unter die Frauenzimmer wagt , da muß er immer sich Allerlei gefallen lassen - statt Hahn im Korbe zu sein , ist man der Hirsch , den die Windspiele umzingeln und ankläffen . « Zweites Capitel Propst und Mönch Auf dem Steig bei den zwölf Brüdern standen mehrere niedere Gebäude durch einen großen Hof verbunden . Vor dem Eingang am großen Hofthor , über dem sich ein zierlicher Spitzbogen mit durchbrochener Arbeit erhob , befand sich ein steinerner Lindwurm , der aus seinem weiten Rachen Wasser spie , das auch jetzt im Winter lustig daraus hervorquoll , nur daß es da und dort am Rande des Wasserbeckens , wenn es über dasselbe plätscherte , zu seiner kunstreichen Steinmetzenarbeit noch spitze Zapfen von Eis ansetzte und auch den Rachen des Ungeheuers mit einem Bart von silberhellglänzenden Eisfasern umgab , daß es dadurch eine noch einmal so drohende Miene erhielt . Drinnen im Hof , ein langes Gebäude rechts war die Werkstatt des Meisters Adam Kraft . Hier arbeitete er umgeben von seinen Gesellen und Knechten . Eine große , glatte Steintafel lehnte vor ihm , an der er fleißig feilte , um Figuren in Lebensgröße als Hochbilder daran herauszumeißeln . Neben ihm standen Herr Martin Ketzel und der Propst Anton Kreß . Ersterer , der bei ihm die sieben Fälle Christi in ebenso vielen einzelnen Steintafeln und zwei Kapellein bestellt hatte - eine so große Arbeit , daß sie leicht mehrere Jahre bis zu ihrer Vollendung erfordern konnte , war gekommen , um einmal nachzusehen , wie weit sie vorgeschritten , und hatte auch den als Kunstförderer bekannten Propst dazu mitgebracht . Adam Kraft hatte ihnen die beiden fertigen Hochbilder gezeigt , lächelnd ihr Lob vernommen , ohne selbst viel dazu zu sagen , und jetzt fuhr er in seiner Arbeit fort , um den Besuch seiner Gönner sich weiter nicht kümmernd . Neben ihm stand sein neuester Handlanger , ein Bauernknecht aus dem nächsten Dorfe , den man nicht anders als den Riesen-Jacob nannte , so groß und stark war sein Gliederbau . Meister Kraft hatte ihn kürzlich bei seiner Werkstatt vorübergehen sehen und ihn gefragt , ob er sich von ihm wolle zum Handlanger dingen lassen ? Da es im Winter für den Knecht keine Arbeit und schlechte Zeit gab , so nahm er das Anerbieten für diese Zeit an . Er hatte gemeint , er sei gewählt worden , weil er wohl fünf für andere starke Männer Körperkraft besaß und mit Leichtigkeit große Steinblöcke da und dorthin tragen konnte , die Andere nur mühsam fortzuwälzen vermochten ; indeß erstaunte er nicht wenig , als der Meister nur selten solche Leistungen von ihm verlangte , dafür ihn aber oft an seine Seite nahm , und indeß er selbst die kunstreichsten Formen in den Stein trieb , dem Riesen-Jacob mit der größten Genauigkeit zeigte und erklärte , wie man selbst das mache und wie er versuchen müsse , ihm das nachzuthun . Der rohe Bauernbursche , der nur mit Ochsen und Pferden umzugehen verstand , Bäume zu fällen , und in Zeiten , wo die Ritter ihren Unterthanen und Hörigen die Ochsen geschlachtet und die Pferde entführt hatten , um sie bei ihren Raubzügen oder im Kriegsdienst zu verwenden , wohl auch selbst am Pfluge ziehen mußte - der verstand kein Wort von dem , was ihm der Meister sagte , lachte nur und wagte kaum einen rohen Versuch , den Meißel in den Stein zu treiben . Die ihm nahe stehenden Steinmetzgesellen aber lächelten einander zu und merkten hoch auf , denn sie wußten : so war einmal ihres Meisters Art. Nie war er dahin zu bringen , Einem von ihnen , der bei ihm lernte , etwas ordentlich zu zeigen und mit seinen Gesellen über seine Arbeit zu sprechen ; aber von Zeit zu Zeit miethete er sich einen unwissenden Bauernknecht als Handlanger , und dem zeigte er alle Dinge , als ob er den kunstbegierigsten Steinmetzen vor sich hätte - so ward es auch jetzt . Meister Kraft hatte eben zur Abwechslung und um seine rechte Hand ruhen zu lassen , den Meißel einmal in die linke Hand genommen , mit der er in gleicher Weise geschickt zum Arbeiten war , als sich die Thür öffnete und die Frau Meisterin , mit vielen Knixen vor dem Propst , und Herrn Ketzel , einen Benediktiner-Mönch in die Werkstatt geleitete . » Der fromme Vater da , « sagte sie zu dem Propst , » hat Euer Hochwürden schon überall gesucht , bis man ihn hierher gewiesen , indem man ihm gesagt : er würde Euch bei dem Drachen finden ! « » Ei , ei , « sagte der Propst , der immer zu einem Späßchen aufgelegt war und die Worte dabei nicht wog , oder auch seinen Witz dann für den gelungensten hielt , wenn er damit andere Personen in Verlegenheit bringen konnte , man hat dem frommen Bruder gesagt , daß er mich bei einem Drachen fände , und da ist er gleich auf den Einfall gekommen , mich bei der Frau Meisterin zu suchen ? - Was meint Ihr dazu , Meister Kraft ? wie ist es mit dem Hausdrachen ? « Der Riesen-Jacob lachte unmäßig , und auch die Gesellen hatten Mühe sich das Lachen zu verbeißen , die Lehrlinge konnten ein leises Kichern nicht unterdrücken ; alle wußten wohl , daß der Meister seit zwei Jahren erst mit dieser seiner zweiten Frau verheirathet in der glücklichsten Ehe lebte , aber auch daß , seitdem sie in das Haus gekommen , ein schärferes Regiment darin eingeführt worden . Die Lehrlinge mußten manche Hausarbeit verrichten helfen , kehren , schwemmen und räumen , denn im ganzen Gehöfe wie im Haus und überall duldete sie keine Unsauberkeit und verbannte sie auch aus den verborgensten Winkeln ; den Gesellen rechnete sie auch die Freistunden pünktlich nach , und hielt es ihnen vor , wenn einmal einer über den Durst getrunken oder sonst einen Unfug verübt . Ihr Mann grollte meist nur still oder schickte fort , mit wem er unzufrieden war ; sie aber suchte den Leuten in ' s Gewissen zu reden , sie durch moralische Vorstellungen und Kernsprüche zu bessern . So war ihr von den Leuten , die zwar Respekt vor ihr hatten , aber denen das frühere lose Regiment doch besser behagte , als dies strengere durch sie geführte , bald der Beiname des Hausdrachen gekommen , und sie hatten keine geringe Freude , als jetzt selbst der geistliche Herr sie damit neckte . Meister Kraft aber , obwohl er das ernste Gesicht auch zu einem Lächeln verzog , fühlte doch , daß er seiner Hausfrau sich annehmen müsse , und sagte kurz und gut : » Wir leben ja als Adam und Eva im Paradies und da kann wohl Einer leichtlich denken , Drache oder Schlange müsse sich einschleichen , und wie es immer gewesen , zur Frau zuerst ; draußen aber sitzt er im Stein gezaubert vor dem Thor und weiset wohl den Weg zu uns , aber nicht uns hinaus . « » Das ist brav , « sagte Herr Martin Ketzel , » daß Ihr Eure Hausehre in Schutz nehmet . « Der Meister schien schon nicht mehr auf das zu hören , was weiter um ihn vorging , sondern trieb den spitzen Stahl immer tiefer in den sich gestaltenden Stein , daß es lustig klang und Funken und Sand um ihn sprühten und stäubten . Ketzel wendete sich darum zu Frau Kraft und sagte : » Es ist wirklich wundersam , daß Meister Adam auch eine Eva gefunden . « Diese erröthete und fuhr sich mit der Schürze über ' s Gesicht , der Meister lächelte schlau und der Propst sagte : » Das Wunder ist nun eben nicht so groß ; wißt Ihr denn nicht , daß die Frau Kraft eigentlich Magdalena heißt , so steht sie im Kirchenbuch , und nur dem Meister da zu Gunst hat sie sich selber umgetauft , weil er sich ' s einmal in den Kopf gesetzt , keine Andere als eine Eva zu freien . « » Ei was ! « rief die Meisterin sich entschuldigend , » der Kraft ist auch nicht Adam getauft , sondern Ulrich , und hat sich selbst den Namen gegeben ; warum soll eine Frau nicht das gleiche Recht haben ? « » Wenigstens wenn es ihr Mann ihr giebt ! « sagte Meister Kraft , der doch seine Frau nicht wollte übermüthig werden lassen und sich die Oberherrschaft sichern . Während dieses Gespräches war der Mönch an einem Seitenfenster stehen geblieben , das dem geöffneten Hofthor schräg gegenüber war , so zwar , daß man durch dasselbe auf die Straße und die bei dem Lindwurm Vorübergehenden sehen konnte . Anfangs blickte der Mönch nur mürrisch da hinaus , ungeduldig , daß der Propst , den er schon allenthalben gesucht , nun statt sich mit ihm zu entfernen , kurzweilige Späße trieb , die seiner Würde sehr wenig gemäß waren . Jetzt aber blickte der Mönch schärfer hin , wie gefesselt durch eine außerordentliche Erscheinung ; ein sonderbares Zucken flog über sein erdfahles Gesicht und seine dunklen Augen blitzten unter den grauen Augenbrauen . Jetzt wendete sich der Propst zu dem schweigenden Mönch und sagte : » Aber Ihr werdet Eile haben , ich bin bereit Euch zu begleiten . Gehabt Euch wohl , Meister Kraft . Gottes Segen mit Euch Beiden : Adam und Eva ! Herr Ketzel , guten Fortgang zu Euer frommen Stiftung in so wackeren Meisters Händen . Besucht mich bald einmal in der Propstei zu einem Becher edlen Rheinweins , wie er in meinem Keller lagert . « Er lächelte und schmunzelte dabei schlau , denn sein immer voller Weinkeller , obwohl täglich aus ihm geschöpft ward , machte ihm mehr Freude , als eine volle Kirche . Martin Ketzel verstand den Wink , daß der Propst jetzt seine Begleitung nicht wünsche , er blieb daher zurück , als sich dieser mit dem Mönch entfernte , und sagte zur Meisterin : » Ich muß schon noch ein Weilchen bei Euch verziehen , denn die geistlichen Herren da scheinen unter vier Augen zu verhandeln zu haben , wobei sie weltliche Ohren nicht gebrauchen können . « Frau Eva war auf den Propst noch ärgerlich wegen des Drachen und sagte : » Es ist auch besser , man hört es nicht ; der Herr Propst hat immer andere Dinge im Kopfe , als man bei einem Kirchenhaupt erwarten möchte , und der Mönch sah auch nicht aus wie Einer , der Frieden im Kloster gefunden und sich wohl fühle in seinem Berufe . « Meister Adam runzelte die Stirn und winkte seiner Frau schelmischstrafend zu , als wolle er sagen , daß sie wohl Recht habe , daß man aber vor den Leuten in der Werkstatt nicht so reden dürfe . Gleichzeitig aber sagte der Riesen-Jacob : » O den Mönch da , den Bruder Amadeus , den kenne ich . Ich habe vorletzten Sommer als Handlanger einmal im Kloster mitgearbeitet - da hab ' ich ihn in seiner Zelle heulen und toben hören , und weil ich darnach fragte , hat mir der Pförtner gesagt , da sei der Bruder Amadeus seit einem Jahre zum ersten Male mit einem Auftrag in Nürnberg gewesen und ganz verstört wiedergekommen ; er wäre seitdem nicht mehr zu bändigen - von Buße und Besserung wollt ' er gleich gar nichts hören . « » Laßt doch das unnütze Reden ! « sagte der Meister ; » wir loben den Herrgott in unserer Kunst und in den Werken , die wir ihm zur Ehre mit allem Fleiß bereiten - mögen sie in den Klöstern thun und treiben , was sie wollen ! « - Herr Martin Ketzel verabschiedete sich und die Meisterin gab ihm das Geleite bis zu dem Brunnen vor dem Hausthor . Es begann zu schneien , und der Lindwurm , dem große Flocken um den geöffneten Rachen spielten und an seinen Eiszapfen zu weichem Flaumenbart sich ansetzten , sah grimmiger aus als je vorher . Bei diesem Anblick schien die Erbitterung Frau Eva ' s auf den Propst auf ' s Neue erregt zu werden , und indem sie , nachdem Herr Ketzel sich entfernt , das Hofthor donnernd zuwarf , murmelte sie leise zwischen den weißen Zähnen : » Der Propst soll auch noch einmal an mich denken ! will er mich einmal einen Drachen schimpfen , so mag er auch noch erfahren , daß ich ' s ihm gegenüber sein kann ! « - Indessen ging der Propst Kreß mit dem Benediktinermönch durch das Schneegestöber seiner Wohnung zu . Das Wetter war eben nicht darnach , Leute auf die Straße zu locken , welche nicht gerade die Nothwendigkeit heraustrieb . Auch die unverdrossenen Nürnberger suchten bei solchem Wetter lieber in ihren Häusern ihre Geschäfte abzumachen , als wie sonst auf Gassen und Märkten sich umherzutreiben . Darum begegneten die Beiden nur Wenige und der Propst sagte zu seinem Begleiter : » Ich bin neugierig zu wissen , wie es kommt , daß Ihr Urlaub erhalten und was Ihr für einen Auftrag habt ? « Der Mönch sagte mit einem fast verächtlichen bittern Lächeln : » Durch strenge Buße erhielt ich den Urlaub - und mein Auftrag ist allerdings so einfach , daß ich ihn Euch auf offener Straße sagen kann , auch wenn ganz Nürnberg uns zuhörte : am Sakramentshäuslein in unserer Kirche ist über Nacht der Aufsatz eingefallen und zertrümmert worden ; wir brauchen kunstfertige Hände , das nicht nur zu repariren , sondern ganz neu wieder herzustellen - aber es soll bald geschehen , damit das Werk zur nächsten Feier wieder würdig vollendet ist . Das ist mein Auftrag an Euch , Herr Propst . « » Hättet Ihr ihn doch gleich in der Werkstatt des Meister Adam Kraft gesagt , « antwortete der Propst , » das ist der kunsterfahrenste Mann in solchen Sachen - « » Nicht doch ! « fiel ihm der Mönch ein , » wir wollen in unserer Kirche kein Werk von profanen Händen , wenn es auch jetzt Sitte wird , zuweilen solche Steinmetzen in die Klöster zu berufen ; der Auftrag ging an Euch und den Hüttenmeister der St. Lorenzkirche , uns zwei der geschicktesten Baubrüder zu senden - den , dessen Zeichen ein Kreis ist mit einem Winkelmaß durchschnitten - « Es war , als hemme eine plötzlich fallende Schneelavine die eilenden Schritte des Propstes - so blieb er einen Augenblick erschrocken und regungslos stehen ! aber es fiel nicht ein Flöckchen mehr vom weißgewölbten Himmel herab , als vorher gefallen , und Nichts ließ sich sehen und hören , sein erschrockenes Stillstehen zu veranlassen . Aber er griff jetzt den Mönch heftig unter den Arm , entweder um sich zu stützen oder ihn eilend mit sich weiter zu reißen , und sagte : » Amadeus ! kein Wort weiter davon hier auf der Straße - das besprechen wir drinnen in der Propstei . « » Ich gehorche , « sagte Amadeus ; » aber jetzt seht Ihr es : nicht ich bin der Erregte , sondern Ihr seid es . « So gingen sie schweigend und eilend noch die kurze Strecke nebeneinander , bis sie in die Propstei zu St. Lorenz kamen . Der Propst schlug mit dem eisernen Klöppel , der eine kolossale Eichel an einem Zweig von Eichenblättern darstellte , auf ein aus der Thür vorspringendes Eichenblatt gleichfalls von eiserner Arbeit , dreimal rasch nacheinander , und gleich darauf ward die Thür von unsichtbaren Händen geöffnet und sprang eben so schnell hinter den Eingetretenen wieder zu . In