gehört der Arzt , der Advocat , auch der Schriftsteller und Gelehrte überhaupt , denn an dem Bedürfniß des gedruckten Buchstabens fehlt es durchaus nicht , und eine diesen Städten ganz ausschließlich angehörende Literatur beeifert sich es zu befriedigen . Die Achtung vor der Wissenschaft ist nicht gering . Man kann aber auch sagen , daß die , welche zu ihren Bekennern gehören , nichts unterlassen , was ihre Geltung mehren kann . Nirgends äußert sich der Arzt , der Advocat und Schulmann mit solcher Bestimmtheit wie unter Kaufleuten , und niemand unterwirft sich ihnen auch so unbedingt wie diese . Englands Parlament ist ein Beweis , wie der Nimbus der gemachten Studien sich vorzugsweise in einer großen geschäftlichen Welt erhält . Diese Aerzte und Advocaten sind es vorzugsweise , die den öffentlichen Geist bestimmen und das Endurtheil auch in den Familien abgeben , denn , wie jene die Frauen regieren , so werden diese zu jeder Berathung von größerer Wichtigkeit hinzugezogen . Die einen von ihnen folgen dem allgemeinen Geiste des Erwerbs und nehmen früh eine praktische Richtung an , streifen den Idealismus ab , reden mit dem gemeinen Mann in seiner Sprache und nehmen die materielle Welt ganz wie sie ist ; die Wissenschaft wird ihnen eine melkende Kuh ; sie verschmähen selbst die Intrigue nicht , und werden in der oft bis zum Lieblosen gehenden Entfaltung des schroffsten und einseitigsten juristischen Verstandes unterstützt von denen , die ihre Spitzfindigkeit in Anspruch nehmen , bewundern , rühmen , reichlich belohnen . Die andern sind , wie die menschlichen Entwickelungen einmal durch ihre angeborenen Anlagen bestimmt werden , von einer idealen Haltung . Sie scheinen das Alltägliche zu verachten , vertreten die Gedankenwelt , hüllen sich in einen heiligen Nebel mystischen Eingeweihtseins , sind entweder Freimaurer oder Pietisten oder Poeten oder alles zu gleicher Zeit und in verschiedenen Lagen , nur benehmen sie sich überall wie ein Besonderes , Vornehmes und ewig Akademisches , und man darf hinzufügen , daß auch diesen Männern der Erfolg nicht fehlt . Jetzt , wo die materielle Richtung überwiegt , mag das Häuflein dieser vorzugsweise mit dem Rufe des Geistreichen ausgezeichneten Adepten der Wissenschaft geschmolzen sein . Noch in den dreißiger Jahren aber war der Zusammenhang Hamburgs mit den edelsten Richtungen des Vaterlandes ein sehr inniger , und die schöne , maßhaltende , sich selbst beschränkende Weise manches dort gefeiert gewesenen Namens wird noch jetzt bei den Nachlebenden nicht verklungen sein . So scheiden sich beide Richtungen im Alter . In der Jugend aber gehen sie noch mehr zusammen . Der Scharfsinn des einen findet seinen Widerpart am Wissen des andern , der Rabulist der spätern juristischen Praxis streitet sich noch mit Hartnäckigkeit für Schelling oder Hegel , denen er die Schärfe seiner Unterscheidungen zugute kommen läßt . Allen aber gemeinsam ist auf lange Zeit , oft bis in die ersten Jahre der Verheirathung hinein , das lebendige Festhalten des akademischen Lebens . Die von Göttingen oder Heidelberg mitgebrachten Anschauungen werden nicht nur in den Kaffeehäusern festgehalten , sondern oft auch noch in dem Wäldchen hinter Wandsbeck , in den Hohlwegen hinter Eppendorf . Man setzt die Feindschaften , die man von der Hirschgasse in Heidelberg , von Ulrici in Göttingen mitbrachte , in der Vaterstadt fort und wechselt auch oft noch im nahen holsteinischen Sachsenwalde Kugeln um dieselben Bagatellen , um welche man am Neckar und an der Leine » auf krumme Säbel losgegangen « war . In diesen Kreis seiner Freunde kehrte Heinrich Klingsohr , mit Enthusiasmus empfangen , zurück . Die grüngelbweiße Farbe hatte mit der rothweißen immer harmonirt ; gehörten doch beide dem großen Bunde des Plattdeutschen an . Klingsohr traf junge Advocaten und Aerzte , Assistenten am Krankenhause , gelehrte Speculanten , die sich durch irgendein Organ , das Ohr , das Auge , oder als Juristen durch Wechsel- oder Staatspapiergeschäft eine Specialität zu schaffen suchten , andere , Juristen , die auf eine Anstellung in der Verwaltung rechneten und sich mit Statistik der Ein- und Ausfuhr beschäftigten , Schulmänner , die vor drei Herren und siebzehn Damen Vorträge über Spinoza hielten , andere , die eine alte Neigung zum Schriftstellerthum nicht länger zu verbergen brauchten , sondern durch irgendein Angebot der vielen hier erscheinenden Zeitungen Redactoren wurden , sie wußten nicht wie , Candidaten , die noch nicht nöthig hatten , das Haar zu scheiteln und den Blick zu Boden zu schlagen , da die Aussicht zu einem Pfarramt in der Stadt erst über eine lange Probezeit auf dem Lande oder ein mühseliges Lehramt geht ... kurz , in diesen , natürlich unausgesetzt von Cigarrenwolken eingehüllten Kreis trat Klingsohr ganz so wieder ein , wie er ihn von seinen frühern Besuchen her kannte . Selbst in Göttingen als Privatdocent hatte er den Zug zum ewig Studentischen nicht aufgeben können . Er fand hier alle alten Anekdoten wieder , alle alten Stichwörter und Stichblätter des Witzes , alle alten Spitznamen ; man lachte ebenso auf gegenseitige Kosten wie bei Bethmann in Göttingen , mit der gleichen oft sehr nahen maliciösen Anstreifung an die » touchirende « Grenze und mit derselben Empfindlichkeit , wenn diese wirklich überschritten und eines jener Worte gesprochen wurde , in deren Entgegennahme der » Mann von Ehre « sich in Deutschland vom » Philister « unterscheiden soll . Zwischendurch galten die Gespräche der aufgeregten Zeit , den Streitigkeiten des Tages , den Vorkommnissen der innern städtischen Verwaltung , den Persönlichkeiten der einzelnen Theilnehmer des Kreises und vorzugsweise den Frauen . Letztern widmete man ganz den Antheil , der ihnen überhaupt gebührt ; erhöhen aber mußte er sich im Munde junger Männer , von denen selbst die , welche den Reiz des Frauenthums mehr als sich gebührt hätte schon auf sich hatten wirken lassen , nicht in eine souveräne Verachtung desselben , die den Blasirten eigen ist , versunken waren , sondern aus dem Wüsten und Wilden sich ganz so wie Heinrich Klingsohr selbst zu einem Bedürfniß aufschwangen , in den Frauen das Madonnenhafteste , von der Welt zu finden und sie anzubeten wie die eigene verlorene Unschuld und Jugend . Die dem Fremden fast unglaubliche Möglichkeit , daß sich in Hamburg überhaupt Sitte und Unsitte in strengster Geschiedenheit erhalten können , war auch in diesem Kreise bewiesen . Man konnte der tollsten Phantasie und einer grauenerregenden Kenntniß aller Nachtseiten im Frauenleben den Zügel schießen lassen und war wiederum , wenn der Name einer Unbescholtenen genannt wurde , einig in dem Preise ihrer seidenen , dem Bilde einer Katharina von Siena entsprechenden Augenwimpern , dem Preise ihrer Hände , deren Durchsichtigkeit und Weiße nicht anders als mit der Zierlichkeit der Hände eines van Eyck und Memling verglichen wurde , dem Preise ihrer Augen , die wegen ihrer etwaigen träumerischen Unbewußtheit und gläubigen Zuversicht geradezu katholische genannt oder ihrer irrenden , rein nur innerhalb des instinctiven Lebens bleibenden Unschuld wegen mit den sanften Augen einer Gazelle verglichen wurden . Ein Drängen aus dem zu reich genossenen , in seinen Untiefen zu sehr erkannten Alltäglichen zum reinern Licht empor besaßen alle , und die Art , sich ihre läuternden Flammen zu entzünden , war seltsam genug . Mancher betete in diesem Sinne die Tochter eines Millionärs der Gröninger Straße an , mancher aber auch nur die eines armen Handwerkers an den » Vorsetzen « oder » Raboisen « . Auch jenes » hehre Gnadenbild « , zu dem Klingsohr aufblickte , war gleich nach seiner Ankunft allen bekannt geworden . Daß es sich um die Pensionärin einer » respectabeln « Familie handelte , wußte man . Man machte an der Sommerwohnung des Herrn Carstens Fensterpromenade , um den Schatz zu sehen , der einem » Abadonna « noch vor seinem gänzlichen Fall oder seiner Läuterung vom Himmel beschert werden konnte ; denn in diesem Kreise galt Klingsohr für einen jener gefesselten Titanen , die früher oder später den ewigen Göttern des Olymp den Garaus machen konnten . Er hieß einer von denen , die eine unberechenbare » Zukunft « besäßen . Ein einziges Publikum hatte er in Göttingen gelesen , das aber von einigen Hundert Studenten besucht wurde , während er eine Vorlesung über Privatrecht nicht zu Stande bringen konnte . Aber in jener Vorlesung über » Dante ' s Zeit-und Weltanschauung « elektrisirte er seine Zuhörer in einem Grade , daß man an Klingsohr nicht anders dachte als wie an einen Evangelisten , der immer ein wildes Thier neben sich sitzen hat . Die Drachen und Greife Dante ' s zogen seinen Ruhmeswagen , sein Schweigen war so bedeutungsvoll wie die Geheimnisse der Apokalypse , sein Reden war Prophetenthum . Daß er arbeitete , stand fest . Wenn er um zwölf Uhr von der » Kneipe « gekommen war , sah man bis drei und vier Uhr noch Licht bei ihm . Seine Versicherung , er würde ein neues System des Staats- , des Natur- , des Völkerrechts , eine neue Philosophie der Geschichte , eine neue Geschichte der Literatur , eine neue Ausgabe des » Sachsenspiegel « , eine Zusammenstellung der Fragmente des Ciceronischen Buchs » De Republica « bringen , eine Geschichte der italienischen Städtebünde , eine Abhandlung über die Verjährungsfristen , eine neue Begründung des Steuerwesens und eine Kritik Adam Smith ' s nach dem System der Bienenkörbe , alle diese Verheißungen fanden den vollständigsten Glauben . Für jedes dieser epochemachenden Werke hatte er die leitenden Gesichtspunkte schon fertig und wußte sie an geeigneter Stelle so anzubringen , daß man jahrelang von dem Gedanken sprach , den Sie , wissen Sie , Klingsohr , damals auf dem Ritt nach Münden , am Zusammenfluß der Werra mit der Fulda , auf der reizenden kleinen Insel ( dem » Taufkissen der neu entstandenen Weser « , konnte er einwerfen ) aussprachen ? Klingsohr strich sich die kurzen röthlichen Locken und lächelte dann nur . Er lächelte nicht etwa geschmeichelt - die Werthschätzung verstand sich schon von selbst - er lächelte voll Wehmuth , wie ein Träumer , dem man von einem » Märchen aus alten Zeiten « sprach . In solchen Wehmuthsaugenblicken konnte er , war es Abend und saß man im Freien , stundenlang auf ein einziges Sternbild blicken , die Kassiopeia , und ohne eine Miene zu verziehen so viel Bier oder Wein oder Grog » vertilgen « , wie ihm auf ein Klappern mit dem Zinndeckel , oder das Rütteln einer leeren Flasche , oder das Anklingen mit dem Stahlbügel der Cigarrentasche an ein leeres Glas von einem kundigen » Gleich-Gleich-Herr ! « nur hingestellt wurde . Begann er dann endlich nach solchen Pausen zu reden , so war es gewöhnlich eine neue Lesart im Tacitus , die er solange überdacht hatte , oder ein Irrthum in Vega ' s Logarithmischen Tafeln . Je seltsamer , je abstruser seine Aeußerung , desto mehr imponirte sie . Jetzt wieder saß Klingsohr im Alsterpavillon bis zwölf Uhr Nachts mit derselben Beharrlichkeit und in demselben Wechselverkehr mit den » Gleich-Gleich-Herr ! « ' s wie sonst . Aber » zerrissener « und wüster als sonst war seine Art , bitterer sein Humor ; die Scherze , die er oft bis zur Ausgelassenheit über einen und denselben Gegenstand » zusammenjeanpaulisiren « konnte , flossen nicht mehr von seinen zuweilen krampfhaft zuckenden Lippen . Man brachte bei Beobachtung dieser Veränderung den ihn betrübenden Tod des hochgefeierten Vaters in Rechnung , dann die Liebe zu dem Elfenkinde vor dem Dammthor , das alle gesehen und wegen ihrer fremdartigen , der hier zu Lande üblichen Weise nicht entsprechenden Art des Aussehens und Benehmens bewunderten . Einige » schlechte Witze « , die dieser oder jener sich erlaubt hatte , waren fast bis an die » touchirende « Grenze gegangen und ein für allemal beseitigt worden . Klingsohr hatte sich , als man von einem bei dem Kleesaatmakler Carstens in » Correction « gegebenen » Röslein auf der Heiden « sprach und das Rauhe Haus erwähnte , vom Tische erhoben , wie wenn ein jeder Zoll an ihm auf zwei hinauswüchse und er geradezu bis zu seiner Kassiopeia hinauf wollte ; er sprach kein Wort , aber sein sonst ausdrucksloses Auge starrte und von Stund ' an war das Gespräch über diese Liebe rein und unentweiht , wenn man auch nicht begriff , wie sie den von einem solchen Besitz Beglückten nicht mehr beleben und erheitern konnte . Des Geldes , das allerdings sonst , wenn es mangelte , dem » Weltschmerz « Vorschub zu leisten pflegte , besaß Klingsohr genug . Wie kam er zu dieser verstimmten Laune , diesem schlendernden , dicht an den Häusern entlang gehenden Gang , diesem Niederblicken , diesem heftigen Aufschlagen der Gläser , daß sie oft in Scherben zersplitterten , diesem erbitterten Angriff auf Richtungen , denen man ihn verwandt glaubte , dieser gehässigen Verfolgung alles dessen , was lebensvoll und fröhlich sich um ihn her tummelte ? Einige Aufsätze schrieb er damals für Blätter , die seine Freunde redigirten . Die doctrinären Behauptungen darin gingen selbst diesen zu weit . In einer Republik von Bürgern rühmte er den Adel , nannte ihn von Gott eingesetzt , stellte ihn wie Leuchten hin , die das Dunkel der Zeiten erhellen sollten , pries ihn seiner Einseitigkeit wegen , in der die Bürgschaft seiner Kraft läge , ja schloß damit , daß kein Denker besser die Zeit erfaßt hätte als jener Ludwig von Haller zu Winterthur in der Schweiz , derselbe , der Luthern einen sittenlosen , entlaufenen Mönch genannt hat . Diese Artikel erregten Widerspruch . Sie würden in dem Kreise , der Klingsohrn bewundernd umgab , eine Spaltung hervorgerufen haben , wenn nicht seiner Vergötterung des Adels eine Nemesis der schneidendsten Ironie gefolgt wäre . Sie erregte das Aufsehen der ganzen Stadt . 17. Eines Tages , an einem schönen Nachmittage , saß Klingsohr am Alsterpavillon wieder unter seinen Freunden . Sie waren heute zahlreicher denn je vertreten , da man auf dem wallenden blauen Bassin ein Wettrudern veranstalten wollte , zu welchem einige von ihnen als Comitémitglieder gehörten und sich über mancherlei dabei zu beobachtende Vorschriften vor der entscheidenden Sitzung zu verständigen wünschten . Schon baute man ein Gerüst auf einigen Kähnen , das in bunter Ausschmückung in der Mitte des Bassins als Festtribüne vor Anker liegen sollte . Die Massen der Bevölkerung wogten hin und her . Klingsohr war vorm Thore gewesen und hatte , wie schon oft , Lucinden nicht gefunden . Diese konnte das Einerlei der Beethoven ' schen Sonaten , der grünen Erbsen und vaterstädtischen Münzen nicht länger ertragen und hatte nach rechts und links ihr Terrain erweitert . Menschen , die von einer frischen und lebenskecken Kraft sich bestimmen lassen , finden sich überall . Lucinde hatte die ganze Reihe der Sommerwohnungen von Nr. 25 bis 40 diesseit der abgeblühten Hollunderhecke und jenseit von Nr. 45 bis 60 durchbrochen und dort durch Vermittelung von Kindern , hier durch einen entflogenen Papagai , da durch ein am Buschwerk des Gitters beim Vorüberstreifen hängen gebliebenes Tuch , dem man von innen Abhülfe spendete , eine Bekanntschaft nach der andern geknüpft . Zum Schrecken der beiden Damen Carstens war sie überall einheimisch geworden , sowol bei Menschen , die jährlich 10000 Mark einnahmen , als bei solchen , die vielleicht nur auf 4000 kamen und sogar den Winter über die Sommerwohnung nicht verließen ; » ja bei Juden sogar « , bei Lotteriecollecteuren und Hausmaklern sprach sie ein und wußte alle Geheimnisse der jungen Mädchen und jungen Frauen , der Matronen , sogar der Ehemänner und Greise . Ihre Zutraulichkeit befremdete erst , dann entzückte sie . Die fremdartige , halb süddeutsche Aussprache , der geringe Werth , den sie auf ihre Anmuth legte , ihre Neigung zum Necken gefielen so ausnehmend , daß Eifersuchtsscenen ausbrachen , und schon darüber , wer sie am längsten und am öftersten besitzen konnte . Lucinde erkannte sich kaum selbst wieder in diesen Erfolgen . Die alte Erfahrung , daß in ein steifes , allzu geregeltes Treiben ein glücklich organisirter Geist mit den leichtesten Mitteln Leben und Bewegung bringen kann , bestätigte sich aufs neue . Sie staunte über das , was sie zu Stande brachte . Alle Herzensgeheimnisse von einem Dutzend junger Mädchen kannte sie , und Männer , die sonst auf Spaziergängen kalt vorübergingen , wurden ihr jetzt in ihrem geheimsten Charakter enträthselt . Sie half , wo sie konnte . Ja , sie selbst erntete Huldigungen in solchem Ueberfluß , daß sie nicht wußte , was damit anfangen . Noch entdeckte sie alles Klingsohrn und nahm dessen Warnungen auf . Bald aber stellte sie Vergleiche an und gerieth in Neckereien und Versteckspiele , ganz in der ihr eigenen Weise , die allen und keinem gehörte . Bald folgte dann freilich auch die Reaction . Hier war eine Eitelkeit verletzt , dort ein Verdacht übertrieben worden ; schon gab es Vorwürfe , schon Verfeindungen ; Freundschaften lösten sich im Lauf eines einzigen Abendspazierganges durch die thaufeuchten Wiesen in entsetzliche Enthüllungen , Racheplane und Warnungen auf . Hütet euch vor der ! riefen die einen , während die andern noch das treueste und edelste Herz liebkosten und nur ein Kind der Natur in Lucinden sahen , dem niemand gram sein könne , selbst wenn es unüberlegte Streiche machte ... Kein Wunder , daß in diesen immermehr zunehmenden Wirren Klingsohr oft stundenlang bei der Erbsen lernenden Sophia oder der » Lieder ohne Worte « spielenden Meta oder dem in der Geschichte der hamburger Bürgermeister verlorenen Nikolaus verweilte alten und sich von seiner in Feld und Wald verflogenen Liebe nichts finden wollte . In der durch eine solche Nachricht von einer wieder in die Sumpf- , Moor- , Wald- und Sandsteppenwelt hinter Eppendorf hinausgegangenen Wanderung erzeugten Mißstimmung war Klingsohr an jenem Nachmittage zur Stadt zurückgekehrt . Da das auf der Alster vorbereitete Vergnügen ein aristokratisches war , so fanden sich in dem Kreise , den er betrat , gerade diejenigen anwesend , die ihr Patricierblut in denselben Wallungen kund zu geben pflegten , wie wenn sie zu den » Granden der Ukermark « oder zu Mecklenburgs Vollblut gehörten . Zu den Hofschlittenfahrten unter den berliner Linden können die Farben , die die Vorreiter tragen , die Farben der Federn , die auf den Köpfen der Rosse wehen sollen , nicht sorgfältiger nach den heraldischen Thatsachen der Familienwappen bestimmt werden , als hier die jungen Doctoren aus den Familien der Millionäre und die künftigen Senatoren und Gesandten der Republik von den Emblemen ihrer Wimpel , den gestreiften Farben ihrer Ruderboote und Ruderer sprachen . Die » Ehre « war in ihrer ganzen , so empfindlichen und bekanntlich nur geringen Elasticität angespannt , und Heinrich Klingsohr gab seine Rathschläge in einem Tone , als wenn er in der That ein rechtmäßiger Sohn jenes Freiherrn von Wittekind war , dessen Processe er nur führte . In diesem Augenblick geschah ihm aber etwas Entsetzliches . Eine schlanke , hohe Gestalt in schwarzem Frack , mit einem hierorts auffallenden Ordensbande im Knopfloch , drängte sich durch die dichten und dem Alsterspiegel zugewandten Menschenmassen an den von den geachtetsten jungen Männern der Stadt besetzten Tisch , rief ein lautes , fast kreischendes : Hab ' ich dich , Schurke ! einem derselben , dem er den Hut vom Kopfe schlug , entgegen und schlug mit einer Reitpeitsche auf Schultern , Kopf , Hände desselben so unbarmherzig zu , daß im Nu blutige Striemen auf Stirn und Wangen sichtbar wurden . Man hätte noch Aergeres befürchten müssen , wenn dem Rasenden , der Stühle und Tische umwarf , um noch ärger über sein Opfer herzufallen , andere nicht im Augenblick in die Arme gesprungen wären und mit der äußersten Anstrengung seinem Beginnen ein Ende gemacht hätten . Der so Getroffene war Klingsohr . Den Angreifer erkannten sowol dieser selbst , soweit er die Besinnung behielt , wie mehrere in der Gesellschaft sogleich wieder . Es war kein anderer als ein älterer göttinger Studiengenosse , der Freiherr Jérôme von Wittekind . Der Kammerherr nannte auch sogleich seinen Namen und warf zum Ueberfluß eine Karte auf den Tisch . Andere rissen ihn fort . Das rege Rechtsgefühl und das schnell entschlossene Naturell der Bevölkerung machte sich in der Beihülfe geltend , die der Mishandelte erfuhr ; man riß den Störer des Stadtfriedens fast nieder . Die Mitglieder der Gesellschaft aber , die sein Ueberfall so urplötzlich gestört hatte , hinderten sowol die Volksjustiz wie die Arrestation . Alle erkannten , daß hier ein Vorfall stattfand , der einem Ehrengericht angehörte , nicht der Polizei . Klingsohr blutete . Sowie er zum Bewußtsein gekommen , wollte er sich entfernen . Kein Wort sprach er , ja er schien dem Ueberfall eine Bedeutung zu geben , die diesen gänzlich dem Bereich fremder Einmischung entzog . Um den Angreifer , dessen stattliche Gestalt imponirte , ja der sofort eine Erfrischung bestellte und die Börse zog , hatte sich sofort eine Gruppe gebildet . Es stand bald fest , daß eine solche Selbsthülfe hier nur die Folge eines äußersten Zwanges gebotener Umstände gewesen war , und wenn auch Männer und Frauen riefen : Er ist toll ! wenn auch einige der Herren am Tische es überdies auch schon gesagt hatten : Es ist der tolle Wittekind ! so erblickte man doch zunächst in seiner Handlungsweise nur das Maß , wie weit Rache und langgeschürte Wuth vielleicht begründetermaßen einen Menschen fortreißen können . Den Angreifer begleiteten über die Straße einige seiner alten Commilitonen auf einige Zimmer , die er , vor einer Stunde angekommen , im ersten Stock der auf zwanzig Schritte nahe gelegenen Alten Stadt London genommen und auf Befehl der Polizei nicht mehr verlassen durfte . Man erfuhr von dem ohne alle Begleitung Angekommenen , daß ihm Klingsohr » seine Braut « entführt hätte . Wirr genug waren die nähern Angaben des Racheschnaubenden ; aber kannte nicht jeder das Räthselhafte der Persönlichkeit , mit der Klingsohr in Hamburg aufgetreten war ? Der Kammerherr konnte , wenn er einen tobsüchtigen und bösen Gedanken unausgesetzt verfolgte , mit Consequenz verfahren wie ein Vernünftiger . Jetzt war er ganz heiter , lachte , ließ Champagner kommen , behielt seine alten Freunde zurück und widersetzte sich der Anordnung eines Ehrengerichts keineswegs . Die Satisfaction , die als dem so Gezüchtigten gebührend sogleich genannt wurde , versprach er ohne weiteres geben zu wollen , drang aber auf Eile , wobei er sich benahm , als drohten der Verzögerung Gefahren für ihn und andere . Niemand begriff dabei aus seinem Benehmen , wie der längst als schwachsinnig Bekannte mit einer gewissen lachenden Geberde immer auch die Freude über seine Flucht aus einer , wie es schien , gewaltsamen Absperrung kund gab . Klingsohr wurde sofort in seine Wohnung gefahren . Ihn begleitete der andere Theil der gemeinschaftlichen Freunde . Als man von der Entscheidung durch die Kugel sprach , sprang er auf , stieß das Gefäß mit kaltem Wasser , aus welchem man die Umschläge anfeuchtete , die die Striemen seines Antlitzes kühlen sollten , zurück und blickte starr ins Leere , wie schaudernd vor einer gräßlichen Gedankenverbindung . Dann sank er in einen Sessel zurück , dumpf vor sich hinbrütend , das Haupt aufgestützt und den Kopf schüttelnd wie über das Unerklärlichste der Welt . Die Beschimpfung , die er vor einer ganzen Stadt erlitten , war so groß , daß man diesen starren Ausdruck , der sich bis zum Ausbruch eines jeweiligen bittern Lachens steigerte , nur allein seinem Schamgefühl zuzuschreiben brauchte . Nannte man jedoch den Kammerherrn verrückt , so schüttelte er den Kopf und that , als wäre sein Beleidiger der Weisesten einer und von Gott selbst gesandt . Daß Jérôme von Wittekind in dem Grade schwachsinnig war , wie es Lucinde kannte , wußte man in diesem Kreise noch nicht ; man hatte vor Jahren in Göttingen des Verkehrten genug von ihm erlebt , aber selbst Klingsohr kannte ihn nicht in seinem ganzen Zustande . Einem der Freunde , einem Arzt , der lange bei dem Thema der Narrheit des Beleidigers verweilte , unterbrach er die Rede . Man mußte es seiner Aufregung und dem Mismuth , zur Herstellung seiner mißhandelten Ehre - wie einmal die Logik des Duells mit sich bringt - nun noch sein Leben preiszugeben , zuschreiben , wenn seine Aeußerungen herauskamen wie ein Schauder vor den Fügungen des Geschicks . Dumpf sprach er in Stellen aus den Tragikern aus , daß das Schicksal seine Verhängnisse durch unsere eigene Thorheit und Leidenschaft vollziehen lasse . Ebenso wichtig , wie die Vorbereitung eines Duells , die Klingsohr als den Abschluß des die ganze Stadt erfüllenden Vorfalls ruhig geschehen ließ , war die Fürsorge , die man zu treffen hatte , um Lucinden vor dem Kammerherrn zu sichern . Sofort wurde eine Mittheilung nach der Sommerwohnung des Herrn Carstens gemacht mit der Warnung , Fräulein Schwarz nicht einem Ueberfall bloßzustellen , der bei dem Charakter einer solchen Leidenschaft , wie sie der Kammerherr zur Schau trug , leicht in einer gewaltsamen Entführung bestehen konnte . Die Damen des Hauses erschraken nicht wenig , theils über den Vorfall an sich , theils über die in Aussicht gestellten Folgen . Sie beklagten , eine Person aufgenommen zu haben , die nun in der ganzen Stadt ein solches Gerede veranlaßte . Hatte sich Lucinde bereits unter einem Dutzend Familien die verschiedenartigsten Beurtheilungen zugezogen , so gab sie denen , die ihrem Charakter mistrauten , sie der Koketterie und Intrigue beschuldigten , jetzt eine Thatsache an die Hand , die ihr Urtheil rechtfertigte . Sie war die Geliebte eines vornehmen Adeligen und diesem von Klingsohr entführt ... Schreckensworte für das Ohr der Damen Carstens , die von Lucindens spät dauernden Spaziergängen und Landpartieen und ihrem Abends spät bis zum Dunkelbraunwerden ziehenden Thee genug indignirt waren . Als Lucinde die Kunde von dem Vorfall am Alsterpavillon vernahm , überfiel auch sie ein Grauen bei dem Gedanken , dem Kammerherrn zu begegnen . Nimmermehr ! rief sie und sah um sich , wie einst ihre Tauben , wenn sie den Stoßvogel erblickten . In dem engen Raum dieses Hauses , selbst wenn man Herrn Carstens hätte veranlassen wollen unten zu schlafen , war kein Versteck zu finden . Auf dem Rödingsmarkt gab es nur herabgelassene Vorhänge , jetzt keine Betten , keine Bequemlichkeit , und doch erklärte sie , gern auf der Erde schlafen zu wollen , nur nicht sich der Gefahr auszusetzen , diesem Verfolger zu begegnen . Aber jedem der drei Geschwister fiel irgendeine Bagatelle ein , die in seinem Nichtbeisein in der Stadt beschädigt werden konnte . Sie erklärten , dann lieber auf einige Zeit alle mit in die Stadt zurückgehen zu wollen , wodurch natürlich der Versteck wieder aufgehoben wurde . Endlich bot sich ein anderes Auskunftsmittel . Die rasch geschlossenen und rasch wieder abgebrochenen Freundschaften mit der Nachbarschaft hatten bei zwei Interessen Stand gehalten , einem materiellen und einem geistigen . Ein Modehändler vom Neuenwall hatte in der jetzigen Saison morte keinen bessern Kunden als die junge Pensionärin des Kleesaatmaklers Carstens . Lucinde war reichlich vom Kronsyndikus und Klingsohr mit Geld ausgestattet . Zu ihren Liebhabereien gehörte es nicht nur , sich zu schmücken , sondern mehr noch , in der Stadt von Laden zu Laden zu gehen und Einkäufe zu machen . Sie hatte die Liebhaberei des Schenkens . Manche von denen , die nichts mehr von ihr annehmen wollten , behaupteten , sie wollte sich damit nur das Recht erkaufen , die Menschen dann auch verletzen und ärgern zu können . Die Damen Carstens nannten sie eine Verschwenderin und begriffen nicht , wie sie bei einer Beschwerde darüber von Klingsohrn die Antwort bekommen konnten : » Feen schenken gern ! « Er wußte , daß Lucinde darben , auf Stroh liegen konnte ebenso wie in goldenen Palästen wohnen . Sie hatte bis jetzt mit dem Leben nur gespielt ; fast schien sie zu wollen , daß auch das Leben nur mit ihr spiele . Etwas selbst und lange zu erwarten und zu erhoffen , wäre ihr das Drückendste gewesen . Hätte sie damals die Volksjustiz nicht von der Frau Hauptmännin von Buschbeck erlöst , sie würde vielleicht noch bei ihr gedient , noch die Zwetschenkerne sich zerschlagen und sie für eine Delicatesse verspeist haben , glücklich , daß es nicht die gefangenen Mäuse waren . Es gibt einen großen Bund in der Gesellschaft , der seine eigenen Mysterien hat . Es ist dies der Bund der Notenkundigen , der einer Verschwörung gegen die musikunkundige Welt nicht unähnlich sieht . Dieser Eifer , sich zu Duetten und Trios zu verbinden , bei welchem Madame Möller und Fräulein Wulff sangen , Lucinde spielte - der Gesang war ihr völlig versagt - , dann einmal Herr Möller mit der Violine , Herr Wulff mit der Flöte begleitete , dieser Fanatismus , bei keinem Streichquartett der Dilettantenwelt , bei keinem Concert durchreisender Berühmtheiten zu fehlen , dies ewige geheimnißvolle Verbundensein mit Felix Mendelssohn-Bartholdy auf dem Wege der Tonschlüssel in A-dur und C-Moll ... das ist ein ganz eigener Cultus , der , wie es die Dissonanz des Lebens und der Genuß an etwas mehr oder minder rein gestimmter Harmonie einmal mit sich bringt , bis zur souveränen Verachtung aller Uneingeweihten führt und aus Notenkundigen schon die größten Aristokraten und Tyrannen gemacht hat . Madame Möller hatte bei einer zufälligen Anwesenheit in Leipzig von einer Schülerin Mendelssohn ' s singen gelernt , was so viel war als von ihm selbst . In den Räumen der Sommerwohnung Möller und Wulff hatte man Musikaufführungen gehalten , deren Wichtigkeit zwar nicht ganz , aber doch annähernd den Sitzungen des deutschen Bundestags gleich erachtet wurde , auch Meta Carstens schloß sich an , einige junge Buchhalter oder Gelehrte spielten Bratsche , Cello oder entwickelten guttreffende Stimmen . In diesem Kreise war es , wo sich Lucinde am längsten hielt . Sie begleitete nur , spielte nur zweite Stimmen und lachte dabei innerlich sowol über die langen Hälse der Singenden wie über die allgemeine menschliche Eitelkeit