aber , daß ich noch zu sehr mit dem Schauspiele beschäftigt sei und nichts essen könne . Sie wurde besorgt , und sprach von Arznei . Ich erwiderte ihr , daß ich sehr wohl sei , und daß mir gar nichts als Ruhe not tue . » Nun , wenn dir Ruhe not tut , so ruhe , « sagte sie , » ich will dich nicht zwingen , ich habe es gut gemeint . « » Gut gemeint wie immer , teure Mutter , « antwortete ich , » darum danke ich auch . « Ich ergriff ihre Hand und küßte sie . Wir wünschten uns gegenseitig eine gute Nacht , nahmen Lichter und begaben uns auf unsere Zimmer . Ich entkleidete mich , legte mich auf mein Bett , löschte die Lichter aus , und ließ mein heftiges Herz nach und nach in Ruhe kommen . Es war schon beinahe gegen Morgen , als ich einschlief . Das erste , was ich am andern Tage tat , war , daß ich der Vater um die Werke Shakespeares aus seiner Büchersammlung bat , und sie , da ich sie hatte , in meinem Zimmer zur Lesung für diesen Winter zurecht legte . Ich übte mich wieder im Englischen , damit ich sie nicht in einer Übersetzung lesen müsse . Als ich im vergangenen Sommer von meinem alten Gast freunde Abschied genommen hatte und an dem Saum , seines Waldes auf der Landstraße dahin ging , waren mir zwei in einem Wagen fahrende Frauen begegnet . Damals hatte ich gedacht , daß das menschliche Angesicht de beste Gegenstand für das Zeichnen sein dürfte . Diese Gedanke fiel mir wieder ein , und ich suchte mir Kennt nisse über das menschliche Antlitz zu verschaffen . Ich ging in die kaiserliche Bildersammlung und betrachtet dort alle schönen Mädchenköpfe , welche ich abgemalt fand . Ich ging öfter hin und betrachtete die Köpfe . Abe auch von lebenden Mädchen , mit denen ich zusammen traf , sah ich die Angesichter an , ja ich ging an trockene Wintertagen auf öffentliche Spaziergänge und sah die Angesichter der Mädchen an , die ich traf . Aber unter alle Köpfen , sowohl den gemalten als auch den wirklicher war kein einziger , der ein Angesicht gehabt hätte , welches sich an Schönheit nur entfernt mit dem hätte vergleichen können , welches ich an dem Mädchen in der Loge gesehen hatte . Dieses eine wußte ich , obwohl ich mir das Angesicht eigentlich gar nicht mehr vorstellen konnte , und obwohl ich es , wenn ich es wieder gesehen hätte , nicht erkannt hätte . Ich hatte es in einer Ausnahmsstellung gesehen , und im ruhigen Leben mußte e gewiß ganz anders sein . Mein Vater hatte ein Bild , auf welchem ein lesendes Kind gemalt war . Es hatte eine so einfache Miene , nichts war in derselben als die Aufmerksamkeit des Lesens , man sah auch nur die eine Seite des Angesichtes , und doch war alles so hold . Ich versuchte das Angesicht zu zeichnen ; allein ich vermochte durchaus nicht die einfachen Züge , von denen noch dazu das Auge nicht zu sehen war , sondern durch das Lid beschattet wurde , auch nur entfernt mit Linien wieder zu geben . Ich durfte mir das Bild herabnehmen , ich durfte ihm eine Stellung geben , wie ich wollte , um die Nachahmung zu versuchen ; sie gelang nicht , wenn ich auch alle meine Fertigkeit , die ich im Zeichnen anderer Gegenstände bereits hatte , darauf anwendete . Der Vater sagte mir endlich , daß die Wirkung dieses Bildes vorzüglich in der Zartheit der Farbe liege , und daß es daher nicht möglich sei , dieselbe in schwarzen Linien nachzuahmen . Er machte mich überhaupt , da er meine Bestrebungen sah , mehr mit den Eigenschaften der Farben bekannt , und ich suchte mich auch in diesen Dingen zu unterrichten und zu üben . Sonderbar war es , daß ich nie auf den Gedanken kam , meine Schwester zu betrachten , ob ihre Züge zum Nachzeichnen geeignet wären , oder den Wunsch hegte , ihr Angesicht zu zeichnen , obgleich es in meinen Augen nach dem des Mädchens in der Loge das schönste auf der Welt war . Ich hatte nie den Mut dazu . Oft kam mir auch jetzt noch der Gedanke , so schön und rein wie Klotilde könne doch nichts mehr auf der Erde sein ; aber da fielen mir die Züge des weinenden Mädchens ein , das die Ihrigen zu beruhigen gestrebt hatten , und von dem ich mir einbildete , daß es mich im Vorsaale des Theaters freundlich angeblickt habe , und ich mußte sie vorziehen . Ich konnte sie mir zwar nicht vorstellen ; aber es schwebte mir ein unbestimmtes , dunkles Bild von Schönheit vor der Seele . Die Freundinnen meiner Schwester oder andere Mädchen , mit denen ich gelegentlich zusammen kam , hatten manche liebe , angenehme Eigenschaften in ihrem Angesichte , ich betrachtete sie , und dachte mir , wie dieses oder jenes zu zeichnen wäre , aber ich mochte sie ebenfalls nie ersuchen , und so kam ich nicht dazu , ein lebendes vor mir befindliches Angesicht zu zeichnen . Ich wiederholte also die Züge in der Erinnerung oder zeichnete nach Gemälden . Man machte mich endlich auch darauf aufmerksam , daß ich immer Mädchenköpfe entwerfe . Ich war beschämt , und begann später Männer , Greise , Frauen , ja auch andere Teile des Körpers zu zeichnen , so weit ich sie in Vorlagen oder Gipsabgüssen bekommen konnte . Trotz dieser Bestrebungen , welchen nach dem Grundsatze unsers Hauses kein Hindernis in den Weg gelegt wurde , vernachlässigte ich meine Hauptbeschäftigung doch nicht . Es tat mir sehr wohl , zu Hause unter meinen Sammlungen herum zu gehen , ich dachte oft an die Worte des alten Mannes in dem Rosenhause , und im Gegensatze zu den Festen , zu denen ich geladen war , oder selbst zu Spaziergängen und Geschäftsbesuchen war mir meine Wohnung wie eine holde , bedeutungsvolle Einsamkeit , die mir noch lieber wurde , weil ihre Fenster auf Gärten und wenig geräuschvolle Gegenden hinausgingen . Die Heiterkeiten wurden in der Stadt immer größer , je näher der Winter seinem Ende zuging , und ich hatte in dieser Hinsicht und oft auch in anderer mehr Ursache und Pflicht , zu dieser oder jener Familie einen Gang zu tun . Bei einer solchen Gelegenheit ereignete sich mit mir ein Vorfall , der mich nach dem Betwohnen bei der Aufführung des Lear in jenem Winter am meisten beschäftigte . Wir waren seit Jahren mit einer Familie sehr befreundet , welche in der Hofburg wohnte . Es war die Witwe und Tochter eines berühmten Mannes , der einmal in großem Ansehen gestanden war . Da der Vater ein bedeutendes Hofamt bekleidet hatte , wurde die Tochter nach seinem Tode auch ein Hoffräulein , weshalb sie mit der Mutter in der Burg wohnte . Von den Söhnen war einer in der Armee , der andere bei einer Gesandtschaft . Wenn das Fräulein nicht eben im Dienste war , wurde zuweilen abends ein kleiner Kreis zur Mutter geladen , in welchem etwas vorgelesen , gesprochen oder Musik gemacht wurde . Da die Mutter etwas älter wurde , spielte man sogar zuweilen Karten . Wir waren öfter an solchen Abenden bei dieser Familie . In jenem Winter hatte ich ein Buch , welches mir von der Mutter des Hoffräuleins war geliehen worden , länger behalten , als es eigentlich die Höflichkeit erlaubte . Deshalb ging ich eines Mittags hin , um das Buch persönlich zu überbringen und mich zu entschuldigen . Als ich von dem äußeren Burgplatze durch das hohe Gewölbe des Gehweges in den inneren gekommen war , fuhren eben aus dem Hofe zu meiner Rechten mehrere Wägen heraus , die meinen Weg kreuzten und mich zwangen , eine Weile stehen zu bleiben . Es standen noch mehrere Menschen neben mir , und ich fragte , was diese Wägen bedeuteten . » Es sind Glückwünsche , welche dem Kaiser nach seiner Wiedergenesung von großen Herren abgestattet worden sind , und welche er eben angenommen hatte « , sagte ein Mann neben mir . Der letzte der Wägen war mit zwei Rappen bespannt , und in ihm saß ein einzelner Mann . Er hatte den Hut neben sich liegen und trug die weißen Haare frei in der winterlichen Luft . Der Überrock war ein wenig offen , und unter ihm waren Ordenssterne sichtbar . Als der Wagen bei mir vorüberfuhr , sah ich deutlich , daß mein alter Gastfreund , der mich in dem Rosenhause so wohlwollend aufgenommen hatte , in demselben sitze . Er fuhr schnell vorbei , wie es bei Wägen dieser Art Sitte ist , und schlug die Richtung nach der Stadt ein . Er fuhr bei dem Tore aus der Burg , an welchem die zwei Riesen als Simsträger angebracht sind . Ich wollte jemand von meinen Nachbaren fragen , wer der Mann sei ; aber da von den Wägen , welche die Fußgänger aufgehalten hatten , der seinige der letzte gewesen und der Weg sodann frei war , so waren alle Nachbaren bereits ihrer Wege gegangen , und diejenigen , welche jetzt neben mir waren , hatten die Wägen nicht in der Nähe gesehen . Ich ging daher über den Hof , und stieg über die sogenannte Reichskanzleitreppe empor . Ich traf die alte Frau allein , übergab ihr das Buch und sagte meine Entschuldigungen . Im Verlaufe des Gespräches erwähnte ich des Mannes , den ich in dem Wagen gesehen hatte , und fragte , ob sie nicht wisse , wer er sei . Sie wußte von gar nichts . » Ich habe nicht bei den Fenstern hinabgeschaut , « sagte sie , » es geht vieles auf dem großen Hofe vor , ich achte nicht darauf . Ich habe gar nicht gewußt , daß bei dem Kaiser eine Vorfahrt gewesen ist , er war vorgestern noch nicht ganz gesund . Da mein Mann noch lebte , haben wir immer die Aussicht auf den großen Platz der Hofburg gehabt , und wie bedeutende Dinge da auch vorgehen , so wiederholen sich doch immer die nämlichen , wenn man viele Jahre zuschaut ; und endlich schaut man gar nicht mehr zu , und hat herinnen ein Buch oder sein Strickzeug , wenn draußen in das Gewehr gerufen wird , oder Reiter zu hören sind , oder Wagen rollen . « » Wer ist denn von denen , die in der Aufwartung bei dem Kaiser wegfuhren , in dem letzten Wagen gesessen , Henriette ? « fragte sie ihre eben eintretende Tochter , das Hoffräulein . » Das ist der alte Risach gewesen , « antwortete diese , » er ist eigens hereingekommen , um sich Seiner Majestät vorzustellen und seine Freude über dessen Wiedergenesung auszudrücken . « Ich hatte in meiner Jugend öfter den Namen Risach nennen gehört , allein ich hatte damals so wenig darauf geachtet , was ein Mann , dessen Namen ich hörte , tue , daß ich jetzt gar nicht wußte , wer dieser Risach sei . Ich fragte daher mit jener Rücksicht , die man bei solchen Fragen immer beobachtet , und erfuhr , daß der Freiherr von Risach zwar nicht die höchsten Staatswürden bekleidet habe , daß er aber in der wichtigen und schmerzlichen Zeit des nunmehr auch alternden Kaisers in den belangreichsten Dingen tätig gewesen sei , daß er mit den Männern , welche die Angelegenheiten Europas leiteten , an der Schlichtung dieser Angelegenheiten gearbeitet habe , daß er von fremden Herrschern geschätzt worden sei , daß man gemeint habe , er werde einmal an die Spitze gelangen , daß er aber dann ausgetreten sei . Er lebe meistens auf dem Lande , komme aber öfter herein und besuche diesen oder jenen seiner Freunde . Der Kaiser achte ihn sehr , und es dürfte noch jetzt vorkommen , daß hie und da nach seinem Rate gefragt werde . Er soll reich geheiratet , aber seine Frau wieder verloren haben . Überhaupt wisse man diese Verhältnisse nicht genau . Alles dieses hatte mir das Hoffräulein gesagt . » Siehst du , meine liebe Henriette , « sprach die alte Frau , » wie sich die Dinge in der Welt verändern . Du weißt es noch nicht , weil du noch jung bist , und weil du nichts erfahren hast . Das Niedrige wird hoch , das Hohe wird niedrig , eines wird so , das andere wird anders , und ein drittes bleibt bestehen . Dieser Risach ist sehr oft in unser Haus gekommen . Da uns der Vater noch zuweilen in dem alten Doktorwagen , den er hatte , und der dunkelgrün und schwarz angestrichen war , spazieren fahren ließ , ist er nicht einmal , sondern oft auf dem Kutschbocke gesessen , oder er ist gar , wenn wir im Freien fuhren und uns die Leute nicht sehen konnten , hinten aufgestanden wie ein Leibdiener , denn der Wagen des Vaters hat ein Dienerbrett gehabt . Wir waren kaum anders als Kinder , er war ein junger Student , der wenig Bekanntschaft hatte , dessen Herkunft man nicht wußte , und um den man auch nicht fragte . Wenn wir in dem Garten auf dem Landhause waren , sprang er mit den Brüdern auf den hölzernen Esel , oder sie jagten die Hunde in das Wasser , oder setzten unsere Schaukel in Bewegung . Er brachte deinen Vater zu meinen Brüdern als Kameraden in das Haus . Man wußte damals kaum , wer schöner gewesen sei , Risach oder dein Vater . Aber nach einer Zeit wurde Risach weniger gesehen , ich weiß nicht warum , es vergingen manche Jahre , und ich trat mit deinem Vater in den heiligen Stand der Ehe . Die Brüder waren als Staatsdiener zerstreut , die Eltern waren endlich tot , von Risach wurde oft gesprochen , aber wir kamen wenig zusammen . Der Vater begann seine Tätigkeit hauptsächlich erst dann , als Risach schon ausgetreten war . Da sitze ich jetzt nun wieder , aber in einem anderen Teile der Burg , dein Vater hat die Erde verlassen müssen , du bist nicht einmal mehr ein Kind , dienst deiner hohen gütigen Herrin , und da von Risach die Rede war , meinte ich , es seien kaum einige Jahre vergangen , seit er die Schaukel in unserem Garten bewegt hat . « Ich fragte , ob nicht Risach eine Besitzung im Oberlande habe . Man sagte mir , daß er dort eine habe . Ich wollte nicht weiter fragen , um nicht die ganze Darlegung meiner Einkehr in diesem Sommer machen zu müssen . Als ich aber nach Hause gekommen war , erzählte ich die heutige Begegnung meinen Angehörigen bei dem Mittagsessen . Der Vater kannte den Freiherrn von Risach sehr gut . Er war in früherer Zeit mehrere Male mit ihm zusammengekommen , hatte ihn aber jetzt schon lange nicht gesehen . Als Anhaltspunkte , daß mein Beherberger in dem Rosenhause der Freiherr von Risach gewesen sei , dienten , daß ich ihn , wenn mich nicht in der Schnelligkeit des Fahrens eine Ähnlichkeit getäuscht hat , selber gesehen habe , daß er im Oberlande eine Besitzung hat , daß er wohlhabend sei , was mein Beherberger sein müsse , und daß er hohe Geistesgaben besitze , die mein Beherberger auch zu haben scheine . Man beschloß , in dieser Sache nicht weiter zu forschen , da mein Beherberger mir seinen Namen nicht freiwillig genannt habe , und die Dinge so zu belassen , wie sie seien . Außer diesen zwei Begebenheiten , die wenigstens für mich von Bedeutung waren , ereignete sich nichts in jenem Winter , was meine Aufmerksamkeit besonders in Anspruch genommen hätte . Ich war viel beschäftigt , mußte oft Stunden der Nacht zu Hilfe nehmen , und so ging mir der Winter weit schneller vorüber , als es in früheren Jahren der Fall gewesen war . Im allgemeinen aber befriedigten mich besonders die Hilfsmittel , die eine große Stadt zur Ausbildung gibt , und die man sonst nicht leicht findet . Als die Täge schon länger wurden , als die eigentliche Stadtlust schon aufgehört hatte , und die stillen Wochen der Fastenzeit liefen , fragte ich eines Tages Preborn , weshalb er mir denn die Gräfin Tarona nicht gezeigt habe , die er so liebe , die so schön sein soll , und zu deren Gewinnung er meinen Beistand angerufen habe . » Erstens ist sie keine Gräfin , « antwortete er mir , » ich weiß nicht genau ihren Stand , ihr Vater ist tot , und sie lebt in der Gesellschaft einer reichen Mutter ; aber das weiß ich , daß sie nicht von Adel ist , was mir sehr zusagt , da ich es auch nicht bin - und zweitens ist sie und ihre Mutter in diesem Winter nicht in die Stadt gekommen . Das ist die Ursache , daß ich sie dir nicht zeigen konnte , und daß du Gelegenheit fandest , einen Spott gegen mich zu richten . Du mußt sie aber vorerst sehen . Alle , denen heuer Schönheiten gesagt worden sind , alle , die man gerühmt hat , alle , die geblendet haben , sind nichts , ja sie sind noch weniger als nichts gegen sie . « Ich antwortete ihm , daß ich nicht spotten , sondern die Sache einfach habe sagen wollen . Wie sich der Frühling immer mehr näherte , rüstete ich mich zu meiner Reise . Ich wollte heuer früher reisen , weil ich mir vorgenommen hatte , ehe ich in die Berge ginge , einen Besuch in dem Rosenhause zu machen . Mit jedem Jahre wurden meine Zurüstungen weitläufiger , weil ich in jedem Jahre mehr Erfahrungen hatte und meine Entwürfe weiter hinaus gingen . Heuer hatte ich auch beschlossen , umfassendere Zeichnungswerkzeuge und sogar Farben mitzunehmen . Wie es mit jeder Gewohnheit ist , war es auch bei mir . Wenn ich mich in jedem Herbste nach der Häuslichkeit zurück sehnte , war es mir in jedem Frühlinge wie einem Zugvogel , der in jene Gegenden zurückkehren muß , die er in dem Herbste verlassen hatte . Als sich im März in der Stadt schon recht liebliche Täge einstellten , welche die Menschen in das Freie und auf die Wälle lockten , war ich mit meinen Vorbereitungen fertig , und nachdem ich von den Meinigen den gewöhnlichen herzlichen Abschied genommen hatte , reisete ich eines Morgens ab . Mir war damals sowie jetzt noch jedes Fortfahren von den Angehörigen in der Nacht sowie das Antreten irgend einer Reise in der Nacht sehr zuwider . Die Post ging aber damals in das Oberland erst abends ab , darum fuhr ich lieber in einem Mietwagen . Die Landhäuser außer der Stadt , welche reichen Bewohnern derselben gehörten , waren noch im Winterschlafe . Sie waren teilweise in ihren Umhüllungen mit Stroh oder mit Brettern befangen , was einen großen Gegensatz zu dem heiteren Himmel und zu den Lerchen machte , welche schon überall sangen . Ich fuhr nur durch die Ebene . Da ich in den Bereich der Hügel gelangte , verließ ich den Wagen und setzte meinen Weg nach meiner gewöhnlichen Art in kurzen Fußreisen fort . Ich betrachtete wieder überall die Bauwerke , wo sie mir als betrachtenswert aufstießen . Ich habe einmal irgendwo gelesen , daß der Mensch leichter und klarer zur Kenntnis und zur Liebe der Gegenstände gelangt , wenn er Zeichnungen und Gemälde von ihnen sieht , als wenn er sie selber betrachtet , weil ihm die Beschränktheit der Zeichnung alles kleiner und vereinzelter zusammen faßt , was er in der Wirklichkeit groß und mit Genossen vereint erblickt . Bei mir schien sich dieser Ausspruch zu bestätigen . Seit ich die Bauzeichnungen in dem Rosenhause gesehen hatte , faßte ich Bauwerke leichter auf , beurteilte sie leichter , und ich begriff nicht , warum ich früher auf sie nicht so aufmerksam gewesen war . Im Oberlande war es noch viel rauher , als ich es in der Stadt verlassen hatte . Als ich eines Morgens an der Ecke des Buchenwaldes meines Gastfreundes ankam , in welchem der Alizbach in die Agger fällt , war noch manches Wässerchen mit einer Eisrinde bedeckt . Da ich das Rosenhaus erblickte , machte es einen ganz anderen Eindruck als damals , da ich es als weiße Stelle in dem gesättigten und dunkeln Grün der Felder und Bäume unter einem schwülen und heißen Himmel gesehen hatte . Die Felder hatten noch mit Ausnahme der grünen Streifen der Wintersaat die braunen Schollen der nackten Erde , die Bäume hatten noch kein Knöspchen , und daß Weiß des Hauses sah zu mir herüber , als sähe ich es auf einem schwach veilchenblauen Grunde . Ich ging auf der Straße in der Nähe von Rohrberg vorüber , und kam endlich zu der Stelle , wo der Feldweg von ihr über den Hügel zu dem Rosenhause hinaufführt . Ich ging zwischen den Zäunen und nackten Hecken dahin , ich ging auf der Höhe zwischen den Feldern , und stand dann vor dem Gitter des Hauses . Wie anders war es jetzt . Die Bäume ragten mit dem schwarzen oder braunlichen Gezweige nackt in die dunkelblaue Luft . Das einzige Grün waren die Gartengitter . Über die Rosenbäumchen an dem Hause war eine schöngearbeitete Decke von Stroh herabgelassen . Ich zog den Glockengriff , ein Mann erschien , der mich kannte und einließ , und ich wurde zu dem Herrn geführt , der sich eben in dem Garten befand . Ich traf ihn in einer Kleidung wie im Sommer , nur daß sie von wärmerem Stoffe gemacht war . Die weißen Haare hatte er wieder wie gewöhnlich unbedeckt . Er schien mir wieder so sehr ein Ganzes mit seiner Umgebung , wie er es mir im vorigen Sommer geschienen hatte . Man war damit beschäftigt , die Stämme der Obstbäume mit Wasser und Seife zu reinigen . Auch sah ich , wie hie und da Arbeiter auf Leitern neben den Bäumen waren , um die abgestorbenen und überflüssigen Äste abzuschneiden . Als ich im vorigen Sommer fort gegangen war , hatte mein Gastfreund gesagt , daß ich meine Wiederkunft vorher durch eine Botschaft anzeigen möge , damit ich ihn zu Hause treffe . Er hatte aber wahrscheinlich nicht bedacht , daß dieses Schwierigkeiten habe , indem ich in der Regel selber nicht wissen kann , wie sich durch Witterungsverhältnisse oder andere Umstände meine Vorhaben zu ändern gezwungen sein dürften . Ich habe ihm also eine Botschaft nicht geschickt und ihn auf meine Gefahr hin überrascht . Er aber nahm mich so freundlich auf , da er mich auf sich zuschreiten sah , wie er mich bei dem vorigjährigen Aufenthalte in seinem Hause freundlich behandelt hat . Ich sagte , er möge es sich selber zuschreiben , daß ich ihn schon so früh im Jahre in seinem Hause überfalle ; er habe mich so wohlwollend eingeladen , und ich habe mir es nicht versagen können , hieher zu kommen , ehe die Täler und die Fußwege in dem Gebirge so frei wären , daß ich meine Beschäftigungen in ihnen anfangen könnte . » Wir haben eine ganze Reihe von Gastzimmern , wie Ihr wißt , « sagte er , » wir sehen Gäste sehr gerne , und Ihr seid gewiß kein unlieber unter ihnen , wie ich Euch schon im vergangenen Sommer gesagt habe . « Er wollte mich in das Haus geleiten , ich sagte aber , daß ich heute erst drei Stunden gegangen sei , daß meine Kräfte sich noch in sehr gutem Zustande befinden , und daß er erlauben möge , daß ich hier bei ihm in dem Garten bleibe . Ich bitte ihn nur um das einzige , daß er mein Ränzlein und meinen Stock in mein Zimmer tragen lasse . Er nahm das silberne Glöcklein , das er bei sich trug , aus der Tasche und läutete . Der Klang war selbst im Freien sehr durchdringend , und es erschien auf ihn eine Magd aus dem Hause , welcher er auftrug , mein Ränzlein , das ich mittlerweile abgenommen hatte , und meinen Stock , den ich ihr darreichte , in mein Zimmer zu tragen . Er gab ihr noch ferner einige Weisungen , was in dem Zimmer zu geschehen habe . Ich fragte nach Gustav , ich fragte nach dem Zeichner in dem Schreinerhause , und ich fragte sogar nach dem weißen alten Gärtner und seiner Frau . Gustav sei gesund , erhielt ich zur Antwort , er vervollkommne sich an Geist und Körper . Er sei eben in seiner Arbeitsstube beschäftigt , er werde sich gewiß sehr freuen , mich zu sehen . Der Zeichner lebe fort wie früher und sei sehr eifrig , und was die Gärtnerleute anbelange , so verändern sich diese schon seit mehreren Jahren gar nicht mehr und seien heuer , wie ich sie im vorigen Sommer gesehen habe . Ich fragte endlich auch noch nach dem Gesinde , den Gartenarbeitern und den Meierhofleuten . Sie seien alle ganz wohl , wurde geantwortet , es sei seit meinem vorjährigen Besuche kein Krankheitsfall vorgekommen , und es habe auch keines der Leute eine gründliche Ursache zur Unzufriedenheit gegeben . Nach mehreren gleichgültigen Gesprächen , namentlich über die Beschaffenheit der Wege , auf denen ich hieher gekommen war , und über das Vorrücken der Wintersaaten auf den Feldern , wendete er sich wieder mehr der Arbeit , die vor ihm geschah , zu , und auch ich richtete meine Aufmerksamkeit auf dieselbe . Ich hatte mir einmal , da er mir erzählte , daß er die Baumstämme waschen lasse , die Sache sehr umständlich gedacht . Ich sah aber jetzt , daß sie mittelst Doppelleitern und Brettern sehr einfach vor sich gehe . Mit den langstieligen Bürsten konnte man in die höchsten Zweige emporfahren , und da die Leute von der Zweckmäßigkeit der Maßregel fest überzeugt waren und emsig arbeiteten , so schritt das Werk mit einer von mir nicht geahnten Schnelligkeit vor . In der Tat , wenn man einen gewaschenen und gebürsteten Stamm ansah , wie er rein und glatt in der Luft stand , während sein Nachbar noch rauh und schmutzig war , so meinte man , daß dem einen sehr wohl sein müsse , und daß der andere verdrossen aussehe . Mir fiel die stolze Äußerung ein , die mein Gastfreund im vergangenen Sommer zu mir getan hatte , daß ich nur den Stamm jenes Kirschbaumes ansehen solle , ob seine Rinde nicht aussähe wie feine graue Seide . Sie war wirklich wie Seide , und mußte es gerade immer mehr werden , da sie in jedem Jahre aufs neue gepflegt wurde . Als wir nach einer Weile weiter in den Garten zurückgingen , sah ich auch noch andere Arbeiten . Die Hecken wurden gebunden und geordnet , das Dornenreisig zu den Nestern der Vögel unter ihnen hergerichtet , die Wege von den Schäden des Winters ausgebessert , unter den Zwergbäumen , die schon beschnitten waren , die Erde gelockert , und bei den schwächeren , welche Stäbe hatten , nachgesehen , ob diese festhielten und nicht etwa in der Erde abgefault wären . Es wurden losgegangene Bänder wieder geknüpft , im Gemüsegarten umgegraben , Fenster an Winterbeeten gelüftet oder zugedeckt , die Pumpen ausgebessert , mancher Nagel eingeschlagen , und endlich hie und da ein Behältnis für die Vögel gereinigt und befestigt . Ich verabschiedete mich von meinem Gastfreunde , da er sehr mit der Leitung der Arbeiten beschäftigt war , und ging allein in dem Garten herum , in Teilen , in die ich wollte . Die Vögel waren schon zahlreich da , sie schlüpften durch die laublosen Zweige der Bäume , und es begann schon hie und da ein Laut oder ein Zwitschern . Besonders lieblich und hell schallte der Gesang der aufsteigenden Lerchen von den den Garten umgebenden Feldern herein . Die Vorrichtungen zur Ernährung und Tränkung der Vögel waren wegen der Blattlosigkeit der Bäume und Gesträuche mehr sichtbar , auch schaute ich mehr nach ihnen aus als bei meiner ersten Ankunft , da ich jetzt bereits von ihnen wußte . Ich sah mehrere zum Aufstecken von Kernen dienende Gitter , von denen mir mein Gastfreund erzählt hatte . Ich betrachtete auch die Zweige . Die Knospen der Blätter und der Blüten waren schon sehr geschwollen und harrten der Zeit , in welcher sie aufbrechen würden . Ich stieg bis zu dem großen Kirschbaume empor , und sah über den Garten , über das Haus und auf die Berge . Eine ganz heitere , dunkelblaue Luft war über alles ausgegossen . Dieser schöne Tag , deren es in der frühen Jahreszeit noch ziemlich wenige gibt , war es auch , der meinen Gastfreund bewog , so viele Arbeiten in dem Garten zu veranlassen . Unter der heiteren Luft lag die Erde noch in bedeutender Öde . Ich wollte auch zu der Felderrast hinüber gehen ; allein der Weg , der am Morgen gefroren gewesen sein mochte , war jetzt weich und tief durchfeuchtet , daß das Gehen auf ihm sehr unangenehm und verunreinigend gewesen wäre . Ich sah die dunkeln Wintersaaten und die nackten Schollen der neben ihnen liegenden Felder eine Weile an , und ging dann wieder hinab . Ich ging zu den Gärtnerleuten . Mir kam es nicht vor , wie mein Gastfreund gesagt hatte , daß sie sich nicht verändert hätten . Der Mann schien mir noch weißer geworden zu sein . Seine Haare unterschieden sich nicht mehr von der Leinwand . Die Frau aber war unverändert . Sie mußte von einer sehr reinlichkeitliebenden Familie stammen , weil sie das Häuschen so nett hielt und den alten Mann so fleckenlos und knapp