Ihr Mann hat wohl auf dem Amt zu thun ? « Daß Johannes zum Erstenmal ihr Mann genannt wurde , das traf sie tief in ' s Herz . Sie konnte nicht antworten , und die Wirthin sah sie staunend an . Amrei wußte sich vor ihren seltsamen Blicken nicht anders zu flüchten , als indem sie vor das Haus ging und dort auf aufgeschichteten Brettern mit dem Hunde saß und auf Johannes wartete . Sie streichelte den Hund , und schaute ihm tief glücklich in die treuen Augen . - Kein Thier sucht und verträgt den anhaltenden Menschenblick , nur dem Hunde scheint das gegeben , aber auch sein Auge zuckt bald und er blinzelt gern aus der Ferne . Wie ist doch die Welt auf Einmal so räthselvoll und so offenbar ! Amrei ging mit dem Hunde hinein in den Stall , sah zu wie der Schimmel fraß , und sagte : » Ja , lieber Silbertrab , laß dir ' s nur schmecken , und bring ' uns gut heim , und Gott gebe , daß es uns Allen gut geht . « Johannes kam lange nicht , und als sie ihn endlich sah , ging sie auf ihn zu und sagte : » Gelt , wenn du wieder was zu besorgen hast auf der Reise , nimmst mich mit ? « » So ! Ist dir ' s bang geworden ? Hast gemeint , ich wär ' davon ? Ha , wie wär ' s , wenn ich dich jetzt da sitzen ließ ' und davon ritt ' ? « Amrei zuckte zusammen , dann sagte sie streng : » Just witzig bist du nicht . Mit so Etwas seinen Spaß haben , das ist zum Erbarmen einfältig ! Du dauerst mich , daß du das gethan hast , du hast dir damit was gethan , es ist bös , wenn du es weißt , und bös , wenn du es nicht weißt . Du willst mir davon reiten und meinst , jetzt soll ich zum Spaß heulen ? Meinst du vielleicht , weil du den Gaul hast und Geld , wärst du der Herr ? Nein , dein Gaul hat uns Beide mitgenommen , und ich bin mit dir gegangen . Wie meinst , wenn ich den Spaß machen und sagen thät ' : wie wär ' s , wenn ich dich da sitzen ließ ' ? Du dauerst mich , daß du den Spaß gemacht hast . « » Ja , ja , du sollst Recht haben , aber hör ' doch jetzt einmal auf . « » Nein , ich red ' so lang noch was in mir ist von einer Sache , wo ich die Beleidigte bin , und an mir ist es , von der Sache aufzuhören , wenn ich will . Und dich selber hast du auch beleidigt , Den der du sein sollst und der du auch bist . Wenn ein Anderes was sagt , was nicht recht ist , kann ich drüber weg springen ; aber an dir darf kein Schmutzfleckchen sein , und glaub ' mir , mit so etwas Spaß machen , das ist grad , wie wenn man mit dem Crucifix da Puppe spielen wollte . « » Oho ! So arg ist ' s nicht ; aber allem Anschein nach verstehst du keinen Spaß . « » Ich versteh ' wohl , das wirst du schon erfahren , aber nicht mit so Etwas , und jetzt ist ' s gut . Jetzt bin ich fertig und denke nicht mehr dran . « Dieser kleine Zwischenfall zeigte Beiden schon früh , daß sie bei aller liebenden Hingebung sich doch vor einander zusammennehmen mußten , und Amrei fühlte , daß sie zu heftig gewesen war , und ebenso Johannes , daß es ihm nicht anstand , mit der Verlassenheit Amrei ' s und ihrer völligen Hingegebenheit an ihn ein Spiel zu treiben . Sie sagten das einander nicht , aber Jedes fühlte es dem Andern ab . Das kleine Morgenwölkchen , das aufgestiegen war , zerfloß bald vor der helldurchbrechenden Sonne , und Amrei jubelte wie ein Kind , als ein schönes grünes Bernerwägelein kam , mit einem halbrunden gepolsterten Sitz drauf . Noch bevor angespannt war , setzte sie sich hinauf und klatschte in die Hände vor Freude . » Jetzt mußt mich nur noch fliegen machen , « sagte sie zu Johannes , der den Schimmel einspannte , » ich bin mit dir geritten , jetzt fahr ' ich , und nun bleibt nichts als Fliegen . « Und im hellen Morgen fuhren sie auf schöngebahnter Straße dahin . Dem Schimmel schien das Fahren leicht , und Lux bellte vor Freude immer vor ihm her . » Denk ' nur , Johannes , « sagte Amrei nach einer Strecke , » denk ' nur , die Wirthin hat mich schon für deine Frau gehalten . « » Und das bist du schon , und darum frag ' ich nichts danach , was sie Alle dazu sagen mögen . Du Himmel und ihr Lerchen und ihr Bäume und ihr Felder und Berge ! Schaut her , das ist mein Weible ! Und wenn sie zankt , ist sie grad so lieb , wie wenn sie Einem was Schönes sagt . O meine Mutter ist eine weise Frau , o die hat ' s gewußt : sie hat gesagt , ich soll darauf achten , wie sie im Zorn weint , da kommt der inwendige Mensch heraus . Das war ein lieber , scharfer , schöner , böser , der heute bei dir herausgekommen ist , wie du dort gezankt hast . Jetzt kenn ' ich die ganze Sippschaft , die in dir steckt , und sie ist mir recht . O du ganze weite Welt ! Ich dank ' dir , daß du da bist , du Alles , Alles . Welt ! Ich frag ' dich , hast du , so lang du stehst , so ein lieb Weible gesehen ? Juchhe , juchhe ! « Und wo Einer am Wege ging , an dem man vorbei fuhr , faßte Johannes Amrei an , und rief : » Schau , schau , das ist mein Weible ! « bis ihn Amrei dringend bat , das zu lassen , er aber sagte : » Ich weiß mir vor Freude nicht zu helfen . Ich könnte es der ganzen Welt zurufen , daß Alles mit mir jubelt , und ich weiß gar nicht , wie können die Menschen da nur noch zu Acker fahren und Holz spalten und Alles , und wissen nicht , wie selig ich bin . « Amrei sah eine arme Frau am Wege gehen , knüpfte schnell ein Paar ihrer so sehr geliebten Schuhe ab , und warf sie der Armen hin , die den Davoneilenden staunend nachsah und dankte . Es berührte Amrei wie eine selige Empfindung , daß sie zum Erstenmal in ihrem Leben eine Werthsache , die sie selber noch wohl brauchen konnte , verschenkt hatte . Anfangs , als sie es so rasch weggegeben und darüber nachsann , dachte sie vor Allem nur daran , und das kam noch oft wieder , wie viel eigentlich die Schuhe werth gewesen seien ; das Besitzthum wollte sich nicht leicht ablösen von ihr , sie hatte es zu fest in Gedanken besessen , und sie dachte gar nicht mehr daran , wie viel sie eigentlich an der schwarzen Marann ' gethan - daß sie die Schuhe hergegeben , erschien ihr als ihre erste Wohlthat , und die Empfindung derselben beglückte sie gewiß noch mehr als die Empfängerin ; sie lächelte immer vor sich hin , sie hatte ein geheimes Geschenk in der Seele , das ihr Herz in Freuden hüpfen machte , und als sie Johannes fragte : » Was hast denn ? Warum lachst denn immer so wie ein Kind im Schlaf ? « sagte sie : » O Gott , es ist ja auch Alles wie ein Traum . Ich kann jetzt herschenken . Ich gehe in Gedanken noch jetzt immer mit der Frau , und weiß wie sie sich freut . « » Das ist brav , daß du gern schenkst . « » O was will denn das heißen : im Glück herschenken , das ist wie wenn ein volles Glas überfließt : ich bin so voll , ich möcht ' gern Alles herschenken , ich möcht ' auch wie du gern alle Menschen anrufen . Ich meine , ich könnte sie alle speisen und tränken . Ich meine , ich säße an einer langen Hochzeittafel ganz allein mit dir , und ich bin so voll , ich kann gar nichts essen , ich bin satt . « » Ja , ja , das ist gut , « sagte Johannes . » Aber schenke keine von deinen Schuhen mehr weg . Wenn ich sie ansehe , denk ' ich an die vielen schönen guten Jahre , die drin stecken , da kannst du viele schöne Jahre herumlaufen , bis sie zerrissen sind . « » Wie kommst du jetzt darauf ? Wieviel hundertmal hab ' ich das gedacht , wenn ich die Schuhe angesehen hab ' . Aber jetzt erzähl ' mir auch von deinem Daheim , sonst schwätz ' ich immer von mir . Erzähl ' . « Das that Johannes gern , und während er erzählte und Amrei mit weit offenen Augen zuhörte , tanzte mitten durch Alles in ihrem Geist immer ein glückseliges Bild neben her , das war die Arme am Wege in den geschenkten neuen Schuhen . Nachdem Johannes die Menschen daheim geschildert , rühmte er vor Allem das Vieh und sagte : » Das ist Alles so wohlgenährt und gesund und rund , daß kein Tropfen Wasser drauf stehen bleibt . « » Mir will ' s gar nicht in den Sinn « , sagte Amrei , » daß ich auf Einmal so reich sein soll . Wenn ich bedenke , daß ich selber so viel eigene Felder und Kühe und Mehl und Schmalz und Obst und Kisten und Kasten haben soll , da mein ' ich , ich hätte bisher mein Lebenlang geschlafen , und wäre jetzt auf Einmal aufgewacht . Nein , nein , das ist nicht so . Mir kommt es schrecklich vor , daß ich auf Einmal für so Vieles verantwortlich sein soll . Gelt , deine Mutter hilft mir noch ? Sie ist ja noch gut bei der Hand . Ich weiß gar nicht , wie man ' s macht , daß ich nicht Alles an die Armen verschenke ; aber nein , das geht nicht , es ist ja nicht mein . Ich hab ' s ja auch nur geschenkt . « » Almosengeben armet nicht ! ist ein Sprüchwort meiner Mutter , « erwiderte Johannes . Es läßt sich nicht sagen , mit welchem Jubel die beiden Liebenden dahinfuhren . Jedes Wort machte sie glücklich . Als Amrei fragte : » Habt ihr auch Schwalben am Haus ? « und Johannes dies bejahte mit dem Beisatze , daß sie auch ein Storchennest hätten , da war Amrei ganz glücklich , und ahmte das Storchengeschnatter nach , und schilderte gar lustig , wie der Storch mit ernsthaftem Gesicht auf einem Bein stehe und von oben herunter in sein Haus schaue . War es eine Verabredung , oder war es die innere Macht des Augenblicks ? Sie sprachen nichts davon , wie nun die eigentliche Auffahrt und das Eintreten in ' s elterliche Haus vor sich gehen sollte , bis sie gegen Abend in den Amtsbezirk kamen , in dem Zusmarshofen lag . Erst jetzt , als Johannes schon einigen Leuten begegnete , die ihn kannten , ihn grüßten , und ihn verwundert anschauten , erklärte er Amrei , daß er sich zweierlei ausgedacht habe , wie man die Sache am besten anfange . Entweder wolle er Amrei zu seiner Schwester bringen , die hier abseits wohnte - man sah den Kirchthurm ihres Dorfes hinter einem Vorberge - er wollte dann allein nach Hause und Alles erklären ; oder er wolle Amrei gleich mit in ' s Haus nehmen , das heißt , sie sollte eine Viertelstunde vorher absteigen und als Magd in ' s Haus kommen . Amrei zeigte ihre ganze Klugheit , indem sie auseinandersetzte , was zu diesem Verfahren bestimme und was daraus hervorgehen könne . Halte sie sich bei der Schwester auf , so hätte sie zuerst eine Person zu gewinnen , die nicht die entscheidende sei und es könnte allerlei Hin- und Herzerrereien geben , die nicht zu berechnen wären , abgesehen davon , daß es in späteren Zeiten immer eine mißliche Erinnerung , und in der ganzen Umgegend ein Gerede bleibe , daß sie sich nicht geradezu in ' s Haus gewagt habe . Da scheine der zweite Weg besser . Aber es gehe ihr wider die Seele , mit einer Lüge in ' s Hans zu kommen . Freilich habe ihr die Mutter vor Jahren versprochen , sie in Dienst zu nehmen ; aber sie wolle ja jetzt nicht in Dienst und es sei wie ein Diebstahl , wenn sie sich in die Gunst der Eltern einschleichen wolle , und sie wisse gewiß , daß sie in dieser Verlarvung Alles ungeschickt thäte . Sie könne dabei nicht gradaus sein , und wenn sie dem Vater nur einen Stuhl stellen wolle , werfe sie ihn gewiß um , denn sie müsse immer dabei denken : du thust ' s , um ihn zu hintergehen . Und wenn alles Das auch noch ginge : wie sie denn vor den Dienstleuten erscheinen müsse , wenn sie später hören , daß die Meisterin sich als Magd in ' s Haus eingeschmuggelt habe und sie könne mit Johannes während der ganzen Zeit kein Wort reden . Diese ganze Auseinandersetzung schloß sie mit den Worten : » Ich hab ' dir das Alles nur gesagt , weil du auch meine Gedanken hören willst , und wenn du Etwas mit mir überlegst , so muß ich doch frei herausreden ; ich sage dir aber auch gleich : was Du willst , wenn du es fest sagst , so thue ich es , und wenn du sagst so , thu ' ich ' s auch . Ich folge dir ohne Widerrede und ich will ' s so gut machen als ich kann , was du mir auferlegst . « » Ja , ja , du hast Recht , « sagte Johannes im schweren Besinnen , » es ist Beides ein ungerader Weg , der erste weniger ; und wir sind jetzt schon so nahe , daß wir uns schnell besinnen müssen . Siehst du dort die Waldblöße da drüben auf dem Berg mit der kleinen Hütte ? Du siehst auch die Kühe , so ganz klein wie Käfer ? Da ist unsere Frühalm , da will ich unsern Dami hinsetzen . « Staunend sagte Amrei : » O Gott wohin wagen sich nicht die Menschen ! Das muß aber ein gut Grasgelände sein . « » Freilich , aber wenn mir der Vater das Gut übergiebt , führe ich doch mehr Stallfütterung ein , es ist nützlicher ; aber die alten Leute bleiben gern beim Alten . Ach ! Was schwätzen wir da ? Wir sind jetzt schon so nah . Hätten wir uns nur früher besonnen . Mir brennt der Kopf . « » Bleib ' nur ruhig , wir müssen uns in Ruhe besinnen ; ich habe schon eine Spur wie ' s zu machen wär ' , nur noch nicht ganz deutlich . « » Was ? Wie meinst ? « » Nein , besinn ' du dich ; vielleicht kommst du selber drauf . Es gehört dir , daß du ' s einrichtest und wir sind jetzt Beide so in Wirrwar , daß wir einen Halt dran haben , wenn wir Beide zugleich draufkommen . « » Ja mir fällt schon was ein . Da im zweitnächsten Ort ist ein Pfarrer , den ich gut kenne , der wird uns am besten rathen . Aber halt ! So ist ' s besser ! Ich bleib ' unten im Thal beim Müller , und du gehst allein hinauf auf den Hof zu meinen Eltern und sagst ihnen Alles gradaus , rund und klein . Meine Mutter hast du gleich an der Hand , aber du bist ja gescheit , du wirst auch den Vater so herumkriegen , daß du ihn um den Finger wickelst . So ist Alles besser . Wir brauchen nicht zu warten und haben keine fremden Menschen zu Hülfe genommen ! Ist dir das recht ? Ist dir das nicht zu viel ? « » Das ist auch ganz mein Gedanke gewesen . Aber jetzt wird nichts mehr überlegt , gar nichts ; das steht fest wie geschrieben und das wird ausgeführt , und frisch an ' s Werk macht den Meister . So ist ' s recht . O du weißt gar nicht , was du für ein lieber , guter , prächtiger , ehrlicher Kerl bist . « » Nein du ! Aber es ist jetzt Eins , wir sind jetzt Beide zusammen ein einziger braver Mensch und das wollen wir bleiben . Da guck , hier gieb mir die Hand , so , da die Wiese ist unser erstes Feld . Grüß Gott , Weible , so , jetzt bist du daheim . Und Juchhe ! da ist unser Storch und fliegt auf . Storch ! Sag ' grüß Gott ! Da ist die neue Meisterin . Ich will dir später schon noch mehr sagen . - Jetzt Amrei , mach ' nur nicht so lang oben und schick ' mir gleich Eins in die Mühle ; wenn der Roßbub daheim ist , am besten den , der kann springen wie ein Has ' . So , siehst du dort das Haus mit dem Storchennest und die zwei Scheuern dort am Berg , links vom Wald ? Es ist eine Linde am Haus , siehst du ' s ? « » Ja ! « » Das ist unser Haus . Jetzt komm , steig ab , du kannst den Weg jetzt nicht mehr fehlen . « Johannes stieg ab und half auch Amrei von dem Wagen und diese hielt das Halsgeschmeide , das sie in die Tasche gesteckt hatte , wie einen Rosenkranz zwischen den gefalteten Händen und betete leise . Auch Johannes zog den Hut ab und seine Lippen bewegten sich . Die Beiden sprachen kein Wort mehr und Amrei ging voraus . Johannes stand noch lange an den Schimmel gelehnt und schaute ihr nach . Jetzt wendete sie sich und scheuchte den Hund zurück , der ihr gefolgt war , er wollte aber nicht gehen , rannte in ' s Feld abseits und wieder zu ihr , bis Johannes ihm pfiff , dann erst kam das Thier zurück . Johannes fuhr nach der Mühle und hielt dort an . Er hörte , daß sein Vater vor einer Stunde da gewesen sei , um ihn hier zu erwarten ; er sei aber wieder umgekehrt . Johannes freute sich , daß sein Vater wieder wohl auf den Beinen war und daß Amrei nun beide Eltern zu Hause träfe . Die Leute in der Mühle wußten nicht , was das mit Johannes war , daß er bei ihnen anhielt und doch fast auf kein Wort hörte . Er ging bald in das Haus , bald aus demselben , bald auf den Weg nach dem Hofe , bald kehrte er wieder zurück . Denn Johannes war voll Unruhe , er zählte die Schritte , die Amrei ging . Jetzt war sie an diesem Felde , und jetzt an diesem , jetzt am Buchenhage , jetzt sprach sie mit den Eltern ... Es ließ sich doch nicht ausdenken wie es war . Und plötzlich war Johannes aus der Mühle verschwunden und das Fuhrwerk blieb zurück .... 18. Das erste Herdfeuer . Amrei war unterdeß wie traumverloren dahin gegangen . Sie schaute wie fragend nach den Bäumen auf ; die stehen so ruhig auf dem Fleck und die werden so stehen und auf dich niederschauen , Jahre , Jahrzehnte , dein ganzes Leben lang als deine Lebensgenossen ; und was wirst du derweil erfahren ! Amrei war aber doch schon so alt geworden , daß sie nicht mehr nach einem Halt in der Außenwelt tastete . Es war schon lange , seitdem sie mit dem Vogelbeerbaum gesprochen hatte . - Sie wollte ihre Gedanken wegbannen von Allem was sie umgab , und doch starrte sie wieder hinein in die Felder , die ihr eigen werden sollten , und wollte sich immer vordenken , was nun kommen sollte ; Eintritt und Empfang , Anrede und Antwort , hin und her . Wie ein Wirrwarr von tausend Möglichkeiten schwirrte Alles um sie her und sie sagte endlich fast laut , und der Silbertrabwalzer spielte sich ihr im Kopfe : » Was da , was da , vorher besinnen ? Wenn aufgespielt wird , tanz ' ich - Hopser oder Walzer . Ich weiß nicht , wie ich die Füße setze , sie thun ' s allein ; und ich kann mir ' s nicht denken , und ich will mir ' s nicht denken , wie ich vielleicht in einer Stunde den Weg da wieder zurückkehre , und die Seele ist mir aus dem Leibe genommen , und ich muß doch gehen , einen Schritt nach dem andern . Genug ! Jetzt laß kommen , was kommen will ; ich bin ja auch dabei . « Und es lag noch mehr als diese ausgesprochene Zuversicht in ihrem Wesen ; sie hatte nicht umsonst von Kindheit an Räthsel gelöst und von Tag zu Tag mit dem Leben gerungen . Die ganze Kraft dessen , was sie geworden , ruhte still und sichertreffend in ihr . Ohne weitere Frage , wie man einer Nothwendigkeit entgegen geht , still in sich zusammengefaßt , ging sie muthig und festen Schrittes dahin . Sie war noch nicht weit gegangen , da saß ein Bauer mit einem rothen Schleedornstock zwischen den Füßen und beide Hände und das Kinn darauf stützend am Weg . » Grüß Gott ! « sagte Amrei , » thut das Ausruhen gut ? « » Ja . Wohin willst ? « » Dahinauf auf den Hof . Wollet Ihr mit ? Ihr könnet Euch an mir führen . « » Ja , so ist ' s ! « grinste der Alte , » vor dreißig Jahren wäre mir das lieber gewesen , wenn mir so ein schönes Mädle das gesagt hätte , da wäre ich gesprungen wie ein Füllen . « » Zu denen , die springen können wie die Füllen , sagt man das aber nicht ! « lachte Amrei . » Du bist reich , « sagte der Alte , der eine müßige Unterhaltung am heißen Mittag zu lieben schien . Er nahm vergnüglich eine Prise aus seiner Horndose . » Woher seht Ihr , daß ich reich bin ? « » Deine Zähne sind zehntausend Gulden werth , es gäbe Mancher zehntausend Gulden drum , wenn er sie im Maul hätte . « » Ich hab ' jetzt keine Zeit zum Spaßen . Behüt ' Euch Gott . « » Wart ' nur , ich geh ' mit , aber mußt nicht schnell laufen . « Amrei half nun dem Alten behutsam auf und der Alte sagte : » Du bist stark . « Er hatte sich in seiner neckischen Weise noch schwerer und unbehülflicher gemacht , als er war . Im Gehen fragte er jetzt : » Zu wem willst du denn auf dem Hof ? « » Zum Bauern und zu der Bäuerin . « » Was willst du denn von ihnen ? « » Das will ich ihnen selber sagen . « » Wenn du was geschenkt haben willst , da kehr ' lieber gleich wieder um ; die Bäuerin gäb ' dir schon , aber sie ist über Nichts Meister , und der Bauer der ist zäh , der hat ein Sperrholz im Genick und einen steifen Daumen dazu . « » Ich will nichts geschenkt , ich bring ' ihnen was , « sagte Amrei . Es begegnete den Beiden ein älterer Mann , der mit der Sense in ' s Feld ging , und der Alte neben Amrei rief ihn an und fragte ihn mit seltsamem Augenzwinkern : » Weißt nicht , ist der geizige Landfriedbauer nicht daheim ? « » Ich glaub ' , aber ich weiß es nicht , « lautete die Antwort des Mannes mit der Sense , und er ging davon feldein . Es zuckte etwas in seinem Gesichte , und noch jetzt , als er so hinwandelte , schüttelte es ihm den Rücken auf und nieder , er lachte offenbar und Amrei schaute starr in das Antlitz ihres Begleiters und gewahrte die Schelmerei darin und plötzlich erkannte sie in den eingefallenen Zügen die jenes Mannes , dem sie einst auf dem Holderwasen zu trinken gegeben hatte , und leise mit den Fingern schnalzend , dachte sie : » Wart , dich krieg ' ich , « und laut sagte sie : » das ist schlecht von Euch , daß ihr so von dem Bauer redet , zu einem Fremden , wie ich , das Ihr nicht kennet , und das vielleicht eine Verwandte von ihm ist , und es ist auch gewiß gelogen , was Ihr saget ; freilich soll der Bauer zäh sein , aber wenn ' s drauf ankommt , hat er gewiß auch ein rechtschaffenes Herz und hängt nur nicht an die große Glocke , was er Gutes thut , und wer so brave Kinder hat , wie man die Seinen berühmt , der muß auch rechtschaffen sein , und es kann sein , er macht sich vor der Welt gern schlecht , weil es ihm nicht der Mühe werth ist , was Andere von ihm denken , und ich kann ihm das nicht übel nehmen . « » Du hast dein Maul nicht vergessen . Woher bist denn ? « » Nicht aus der Gegend , vom Schwarzwald her . « » Wie heißt der Ort ? « » Haldenbrunn . « » So ? Und du bist zu Fuß daher gekommen ? « » Nein , es hat mich unterwegs Einer mitfahren lassen , es ist der Sohn von dem Bauern da . Ein gerader braver Mensch . « » So ? Ich hätte dich in seinen Jahren auch mitfahren lassen . « Man war am Hofe angekommen und der Alte ging mit Amrei in die Stube und rief : » Mutter , wo bist ? « Die Frau kam aus der Kammer und die Hand Amrei ' s zuckte , sie wäre ihr gern um den Hals gefallen , aber sie konnte nicht , sie durfte nicht , und der Alte sagte unter herzerschütterndem Lachen : » Denk ' nur Bäuerin , das ist ein Mädle aus Haldenbrunn , und es hat dem Landfriedbauer und der Bäuerin was zu sagen , aber mir will ' s nichts davon kund geben . Jetzt sag ' du , wie man mich heißt . « » Das ist ja der Bauer , « sagte die Bäuerin , nahm als Zeichen des Willkomms dem Alten den Hut vom Kopfe und hing den Hut an das Ofengeländer . » Ja , merkst ' s jetzt ? « sagte der Alte triumphirend gegen Amrei , » jetzt sag ' , was du willst . « » Setz ' dich , « sagte die Mutter , und wies Amrei auf einen Stuhl . Mit schwerem Athemholen begann diese nun : » Ihr könnt mir ' s glauben , daß kein Kind mehr hat an Euch denken können als ich , schon vorher , schon vor den letzten Tagen . Erinnert Ihr Euch des Josenhansen am Weiher , wo der Fahrweg gegen Endringen geht ? « » Freilich , freilich , « sagten die beiden Alten . » Und ich bin des Josenhansen Tochter . « » Guck ' , ist mir doch gewesen , als ob ich dich kenn ' , « sagte die Alte . » Grüß Gott ! « Sie reichte die Hand und fuhr fort : » Bist ein starkes saubres Mädle geworden . Jetzt sag ' , was führt dich denn so weit daher ? « » Sie ist ein Stück mit unserm Johannes gefahren , « sprach der Bauer dazwischen , » er kommt bald nach . « Die Mutter erschrak , sie ahnte Etwas und erinnerte ihren Mann , daß sie damals , als Johannes weggeritten sei , an des Josenhansen Kinder gedacht habe . » Und ich habe ja auch noch ein Andenken von Euch Beiden , « sagte Amrei und holte den Anhenker und ein eingewickeltes Geldstück aus der Tasche . » Das da habt Ihr mir damals geschenkt , wie Ihr zum Letztenmal im Ort gewesen seid . « » Guck ' und hast mich angelogen und hast gesagt , du habest es verloren , « schalt der Bauer zu seiner Frau . » Und da , « fuhr Amrei fort , ihm den eingewickelten Groschen hinreichend , » da ist das Geldstück , das Ihr mir geschenkt habt , wie ich auf dem Holderwasen die Gänse gehütet und Euch am Brunnen Wasser geschöpft hab ' . « » Ja , ja , ist Alles richtig , aber was soll denn jetzt das Alles ? Was dir geschenkt ist , kannst du behalten , « sagte der Bauer . Amrei stand auf und sagte : » Ich habe aber jetzt noch eine Bitte , lasset mich ein paar Minuten reden , ganz frei . Darf ich ? « » Ja , warum nicht ? « » Schaut , Euer Johannes hat mich mitnehmen wollen