, auf die Art kannst keinsfalls in Nachteil kommen . Gewinn ich ' s , so sehen wir uns wieder ; wenn ich aber die Wett verlier , so bleibt dir doch mein Herz , und dann kannst auch nie verlassen sein . « » An dir ist ein Advokat verloren gangen « , sagte Christine , » du machst , daß ich in all meinem Jammer wieder lachen muß . « » Zieh du dein Herz besser « , erwiderte er , » dann wird ' s dir auch bessere Reden geben . Und wenn du nicht aufhörst , mich betrübt zu machen , so geh ich hinunter und verklag dich bei deiner Mutter . « » O Jemine ! « rief Christine kichernd , » die tät mir das Fell schön vergerben ! « » Jetzt aber genug « , versetzte er . » Alles hat seine Zeit , sagt Jesus Sirach , und alles muß ein End haben , sag ich . Lachen und Weinen , Reden und Küssen , alles hat sein gesetztes Maß und Ziel , und wenn ich jetzt nicht endlich von dir geh , so kann ich ja auch nicht wieder zu dir kommen . Also b ' hüt dich Gott , herztausiger Schatz ! « » Wart noch ein wenig ! « sagte sie . » Wir müssen erst noch einen Denkzettel voneinander haben . Hast dein Messer nicht bei dir ? « » Willst mich abschlachten und einsalzen , daß ich gleich ganz bei dir bleib ? « » Nein . Ich hab vor etlich Wochen im Karz gehört , wie man ' s machen muß , wenn eins dem andern aus der Ferne ein Zeichen geben will , daß man aneinander denkt . Komm , streif dein linken Arm auf . « Er entblößte den Arm . Sie machte ihm mit dem Messer eine kleine Wunde daran und sagte : » Jetzt laß mir geschwind an meinem Goldfinger ein wenig Blut heraus . « » Das kann ich nicht « , sagte er , » ich kann dir nicht weh tun . « » Es ist kein Wehe so groß als Herzeleid , sagt dein Jesus Sirach « , erwiderte sie . » Wenn du aber nicht willst , so muß ich ' s eben selber tun . « Sie tat ' s und tropfte ihm ihr Blut in seine Wunde , die sie alsbald sorgfältig verband . Dann ritzte sie sich gleicherweise an ihrem linken Arm , gab ihm das Messer und sagte : » Gib mir auch Blut von deinem Goldfinger - mach ' s aber nicht so arg , sei doch nicht so grob gegen dich , ein paar Tropfen sind genug . « Nachdem sie sich sein Blut angeeignet , verband sie gleichfalls eilig ihren Arm . » Jetzt sind wir ja ganz blutsverwandt « , bemerkte er . » Das ist ' s nicht allein « , erwiderte sie . » Wenn ' s wieder verheilt ist , so brauch ich nur mit der Nadel drin zu stüren , dann gibt ' s dir einen Stich in Arm , da , wo du mein Blut drein empfangen hast , und ebenso umgekehrt , wenn ich einen Stich da spür in meinem Arm , so weiß ich , daß du mir an dem deinigen ein Zeichen gibst , und seh daraus , daß mein Schatz in dem Augenblick an mich denkt . « Er lachte . » So lang die Narben frisch sind « , sagte er , » mag ' s wohl sein , daß sie hie und da ein wenig stechen . Aber ich werd auch ohne das oft genug an dich denken . « » Wenn ' s nun aber sein muß « , versetzte Christine , » so mach in Gottes Namen , daß du fortkommst , und geh recht leis mein Katzenstiegele hinunter , damit niemand im Haus aufwacht . « Sie herzten und küßten einander , daß Friedrichs Ausspruch , » alles müsse ein Ende haben « , beinahe darüber zuschanden geworden wäre , und nachdem er manchen vergeblichen Versuch gemacht , den Strom ihrer Tränen durch Abtrocknen zu hemmen , schlich er so leise , daß man kein Geräusch hören konnte , die schmale steile Treppe hinab und kam mit Hilfe des hölzernen Riegels , der anstatt eines Schlosses diente , leicht durch die hintere Türe aus dem Haus . Nachdem er sich noch mehrmals umgekehrt und manchen Blick nach dem Schauplatze seines Glückes zurückgesendet hatte , ging er der Sonne zu , um sein Reisebündel zu holen . Alles schlief noch ; ungehört betrat und verließ er sein väterliches Haus . Aber auch von diesem , so wenig Gutes er in letzter Zeit daselbst erlebt zu haben meinte , fühlte er sich noch eine geraume Weile festgehalten und starrte mit feuchten Augen nach den Fenstern hinauf , hinter welchen seine Mutter ihn geboren und mit so unendlicher Liebe aufgezogen hatte , hinter welchen der Mann waltete , der doch immer sein Vater war . Sein rauhes Herz war von einer unsäglichen Wehmut ergriffen , in welcher die innerste Seele des Volksstammes , dem er angehörte , sich spiegelte . Der Schwabe , obgleich er eines der unstätesten Völker ist und vielleicht sogar seinen Namen vom Schweben und Schweifen hat , ist doch darum dem Heimtum nicht minder als dem Wandertriebe verfallen . Während viele jahraus , jahrein entlegene Länder durchziehen , kleben andere an ihrer Heimstätte fest , als ob sie mit ihr verwachsen wären , - ja , man erzählt von einer alten Frau , die in Tübingen auf der Ammerseite wohnte , sie habe nie in ihrem Leben den Neckar gesehen - , und selbst von jenen reißt sich mancher erst nach vergeblichen Versuchen und nur um den Preis des bittersten Heimwehs von der heimischen Scholle los , mag aber auch freilich , wenn einmal das Heimweh überwunden ist , an sich erleben , daß die Heimat , die er nicht entbehren zu können glaubte , jahrelang fern und tot und seinem Herzen etwas Fremdes hinter ihm liegt . Doch wird es kaum einen geben , den nicht wenigstens im Alter wieder die Sehnsucht nach den heimischen Bergen , Tälern und Gewässern befinge . Freilich werden diese widersprechenden Triebe der Wanderlust und der Heimseligkeit , die bei dem Schwaben nur mit besonderer Stärke hervortreten , in jedem Menschenschlage wahrzunehmen sein . Friedrich wischte sich die Augen mit der Hand aus , stieß seinen Wanderstecken hart auf den Boden und ging in entschlossenem Reiseschritt die Straße hinab ; da räusperte sich jemand über ihm , und eine Stimme rief : » Wo naus schon , Frieder , wo naus ? « Er blickte ärgerlich in die Höhe und erkannte seinen Invaliden , der nach der Weise alter Leute nicht lange schlafen konnte und zu dieser frühen Stunde aus seinem Ausgedingstübchen zum Fenster heraussah . » In die Fremde « , antwortete er , einen mutigen Ton in seine Stimme legend . » Weiß schon « , erwiderte der Invalide , » und weiß eigentlich auch , warum . « » Ja freilich ! « entgegnete Friedrich lachend , » es gibt kein Warum , das nicht auch sein Darum hätt . Übrigens sagt man : die Fremde macht Leut . « » Ich streit ' s nicht . Wer nie hinauskommt , kommt auch nie hinein . Und was das Heimweh betrifft , so hat selbiger Schwab in der Fremde gesagt : Schwaben ist ein gut Land , ich will aber nit wieder heim : grob Brot , dünn Bier und große Stunden ! « Friedrich lachte und schlug ein paarmal mit dem Stab in die hart gefrorne Schneebahn ; dann machte er eine Bewegung , um seinen Weg fortzusetzen . » Er hat aber doch ' n kuriosen Zwilch an Seinem Kittel « , hob der Invalide wieder an . » Läßt sich da um ein Weibsbild von Haus und Hof fortschicken . Ist sie denn auch soviel wert ? « Friedrich schwang den Stecken um seinen Kopf , daß es durch die scharfe Morgenluft pfiff . » Profos « , sagte er , » wenn ich Euch gut zum Rat bin , so redet mit mehr Respekt von ihr , denn ich versteh kein ' Spaß in dem Punkt . Oder könnt Ihr vielleicht etwas von ihr sagen , das nicht recht wär ? « » Das kann ich nicht und will ' s auch nicht « , erwiderte der Invalide . » Nun nicht so hitzig ! Das Mädle kann brav sein , ich will ihr gar nichts tun , aber darum fragt sich ' s doch noch zehnmal , ob sie zu Ihm taugt . In meinen jungen Jahren , ach , was hab ich mich nicht verleiden müssen um mein Weib , bis ich sie gehabt hab , und nachher , wiewohl ich nichts weniger als schlecht mit ihr gehauset hab , hab ich oft denken müssen , ich hätt grad ebensogut eine andere nehmen können . Wenn man einander einmal innen und außen kennt , dann sieht man erst ein , daß man nicht bloß für die Kürze , sondern auch für die Länge hätt sorgen und auf das und jenes hätt sehen sollen , was nicht bloß in die Augen sticht ; denn die Schönheit vergeht und die Jugend mit , und das Leben ist oft so gar lang . « » Aber das Sprichwort sagt doch : Frühe Hochzeit , lange Liebe . « » Das Sprichwort hat nicht immer recht , sonderlich je nachdem die Hochzeit gewesen ist . « Friedrich grub nachdenklich mit dem Stecken im Schnee . » Wenn ich Er wär « , fuhr der Invalide fort , » so würd ich da draußen die Zeit und die Vernunft walten lassen und meinem Vater nachgeben ; auch blieb ich nicht zu lang in der Fremde , denn viel Rutschen macht böse Hosen , das sieht Er an meinem Fuß . « » Ihr , ein alter Soldat , werdet mir doch nicht zumuten , daß ich mein Wort breche ? « fuhr Friedrich auf . » Ich hab mich mit heiligen Eiden verschworen , und dabei bleibt ' s. « » Wenn ' s so steht « , erwiderte der Invalide , » so will ich weiter nichts gesagt haben als : ' s wär eben gut , wenn alle junge Leut könnten vor alt werden , eh sie jung würden . « » Das mag sein « , entgegnete Friedrich , » weil ' s aber unser Herrgott anders hat haben wollen , so kann ich nicht wider ihn streiten und muß eben der Natur ihren Lauf lassen . « Damit verabschiedete er sich von dem Invaliden , der ihm noch lange voll Teilnahme nachsah , wie er ausschritt und der Schnee unter seinen kräftigen Tritten krachte . Er hatte die letzten Häuser hinter sich und meinte nun recht einsam in die Welt hinauszuwandern , als ihn auf einmal ein Wurf , nicht ganz sanft , an die Schulter traf , daß der Schnee ihm am Gesicht vorüberstäubte . Er kehrte sich zornig um ; da war es Christine , die ihn geworfen hatte . » Ei ! « rief er , » ich hätt gute Lust , mit dir zu zanken . Ich hab geglaubt , du stecktest tief im warmen Nest , und jetzt laufst hinter mir drein , erkältest dich und verbitterst mir das Scheiden noch einmal . « » Schiltst schon wieder auf mein Geläuf ? « sagte sie , sich an seinen Arm hängend . » Sei ruhig , ich kann nicht mehr weinen , die Kälte treibt mir die Tränen zurück . Ich werd doch auch mein ' Schatz noch ein wenig begleiten dürfen . « » Ein paar Schritt mein ' twegen . Dann aber machst links um und läßt mich in den Schutz Gottes befohlen sein . « » Du Spottvogel ! Ja , erst noch will ich dich in unsers Herrgotts Schutz empfehlen und all Stund für dich beten , daß dir ' s gehen mög wie dem Handwerksburschen , der in der Fremde so wunderbar behütet worden ist . « » Wie ist denn das gewesen ? « » Hast nie was davon gehört ? Mir ist ' s einmal im Karz erzählt worden . Ein Handwerksbursch ist , weit von seiner Heimat weg , abends spät in eine fremde Stadt kommen und hat nach der Herberg gefragt . Er ist arg müd gewesen , und in den vielen krummen und buckligen Gassen hat er sich auch noch die Füß auf dem Pflaster verstoßen müssen . Gelt ? Ach Gott , so wird ' s dir auch gehen auf deiner Wanderschaft . « » Mach nur fort . « » Bis er zur Herberg kommen ist , ist ' s schon ganz Nacht gewesen . Wie er nun durch den finstern Hausgang an der Wand hintappt , da kommt plötzlich etwas wie ein starker Mann über ihn her und packt ihn fest um den Leib - « » Donnerwetter ! « unterbrach er sie , » da hätt ich aber dreingeschlagen ! « » Nein ! Wart nur , ' s kommt ganz anders , du G ' walttätle du ! Der Handwerksbursch hat vielleicht auch geflucht oder wenigstens im Schrecken einen Laut von sich geben ; denn auf einmal sieht er einen Lichtschein vor sich in der Tiefe , und eine Stimme ruft von unten herauf : Um Jesu Christi willen , gehet keinen Schritt weiter oder Ihr seid des Todes ! Wie nun das Licht näher kommen ist , da hat er erst gesehen , daß er vor der Kelleröffnung steht , und tief unter ihm steht der Wirt mit dem Licht in der Hand und heißt ihn warten , bis er heraufkomme und die Falltür zumache . Drauf hat er sich umgesehen nach dem Freund , der ihn vor dem jähen Sturz bewahrt hat , aber da ist niemand weit und breit gewesen . Wer kann ' s also anders gewesen sein als der Engel , der ihn zu seinem Schutz begleitet hat ? Sieh , und einem solchen Engel möcht ich dich auch anempfohlen haben , daß er keinmal von dir wiche und ließe dir kein Leid geschehen . « » Wie der , der mit dem jungen Tobias auf die Wanderschaft gangen ist ? Ich ließ mir ' s auch gefallen , wenn du der Engel wärst . « » Ach , wenn ich mit dir könnt ! Ich wollt gewiß nie über Müdigkeit klagen . « » Das wär ein lustig ' s Reisen und ein tröstlicher Reis ' kamerad . Aber - Weil ' s aber nicht kann sein , Nicht kann sein , nicht kann sein , Bleibst du allhier . « » Oh , wenn ich dran denk « , rief Christine , von einem plötzlichen Schauer ergriffen , » daß ich dich nimmer säh - und alles , was dann über mich käm - , ich tät mir einen Tod an . « » Wie meine Schwester ? Die hat auch gesagt , sie spring in die Fils , und den Tag drauf hat sie meinen Schwager genommen . Damit jedoch die arm Seel Ruh hat , will ich dir jeden Trost und jede Hoffnung und jeden Schwur , alles von A bis Z noch einmal runtersagen . « Nachdem er dies unter wiederholten Liebkosungen getan , schob er sie sanft einige Schritte in rückwärtsgekehrter Richtung auf der Straße fort und sagte dann : » Jetzt tu mir ' s zulieb und sieh dich nicht mehr um ; ich will mich auch nicht mehr umsehen . « Er wandte sich und schlug rasch seinen kräftigen Wanderschritt wieder an . Kaum hatte er sich ein wenig entfernt , so rief sie : » Frieder , nur noch ein einzigen Blick ! « Er blieb stehen . » Nur noch ein einzig ' s Wort ! « rief sie . » Will und Lieb , die stiehlt kein Dieb . Nicht wahr ? « » Ja , lieb ' s Weible « , antwortete er . » Will und Lieb , die stiehlt kein Dieb . Jetzt aber geh heim . Der Morgen kommt , es wird empfindlich kalt . Willst gleich machen , daß da fortkommst ? « wiederholte er und bückte sich , als ob er den harten Schnee zu einem Wurfe ballen wollte . Sie lief lachend eine Strecke weit davon . Als sie haltmachte und sich nach ihm umsehen wollte , war er schon hinter der nächsten Biegung der Straße verschwunden , und schluchzend deckte sie die Augen mit der Schürze zu . 14 Selten wohl hat ein deutscher Hausknecht dem Fürsten Reichserbpostmeister in so kurzer Zeit soviel zu verdienen gegeben als der junge Schwabe , der in der Sonne zu Sachsenhausen eingetreten war . In Ebersbach fragte man sich noch , ob er jetzt wohl sein Reiseziel erreicht haben werde , da kam schon ein Brief von ihm » An die ehrbare und bescheidene Jungfer Christina Müllerin , in beliebigen Händen zu eröffnen , in Ebersbach , cito , cito , franco . « Der Brief lautet so : » Gott zum Gruß und Jesum zum Beistand . Hertzgeliebter Schatz , ich muß Dich mit einem betrübten Hertzen beschreiben , und diese Zeilen werden Dich , wie ich in meinem Hertzen glaub , betrübet antreffen . So will ich Dein Hertz erleichtern und Dich mit ernsthaftem Hertzen berichten : Liebe Christina , glaube Du , daß mein Hertz nicht wanckhen wird und Dir noch jederzeit treu verbleiben , so lang noch Gott eine Ader in meinem Leib laßt . Wann Du andere Buben entlaßst und Dich ihrer entläßst , und ich erfahre , daß Du Dich so haltst , wie es einem braven Menschen gehört , so soll mir keine Andere mehr an meine Seite kommen . Ich wollt Dir gern was schicken , ich forcht , Du möchtest in dem Eberspächer Markt zu dem Tanz gehen und Dich mit Einem einlassen ; so will ich jetzt Dir noch nichts schicken , sondern auf Deine Aufführung warten . Wann Du Dich hältst , so will ich Deiner nicht vergessen und Dich auch nicht lassen . Solltest Du Dir Dein Leben verkürzen , wie Du gesagt hast , so schreibe ich mich aus der Schuld und gib es Dir und den Deinigen über . Was ich gesagt hab , das halt ich Dir und laß Dir Deinen Willen . Ich wünsche , daß Gott der Allmächtige Dein Hertz regiere , und führe Dich zu allem Guten , und gebe Dir Glück und Segen , und regiere Dein Hertz , daß es nicht fallen noch irr gehen kann . Das wünsch ich Dir aus getreuem Hertzen . Noch Eins : Ich verlange eine Nachricht von Dir . Ich will Dir die Überschrift sagen , wie Du an mich schreiben sollst . Weiter kann ich Dir nicht schreiben , als Du sollst mir nicht übel nehmen , weil ich so s-mäßig geschrieben hab . Die Nacht ist mir auf den Halß gekommen , und vor Betrübnus hats nicht sein können . Du und die Deinige seynd tausendmal gegrüßt und in den Schutz Gottes befohlen , und bleibe Dir getreu bis in den Tod . Joh . Fr . Schwan . - Dieser Brief zukomme an Joh . Friedrich Schwahn , Hausknecht bei der Sonne in Sachsenhausen bei Frankfort a.M. « Noch ehe Christine sich zu dem großen Unternehmen entschließen konnte , einen Brief von der Fils nach dem Main zu schreiben , der doch auch die Postgebühr durch seine Länge rechtfertigen mußte , oder ehe sie vielleicht den Unmut ganz überwunden hatte , den ihr ohne Zweifel das fortgesetzte Mißtrauen in ihre Treue verursachte , schickte er einen zweiten Brief , zwar kürzer als der erste , aber dafür um so zärtlicher und leidenschaftlicher , auch obendrein von einem Geschenke begleitet , aus welchem sie bei einigem Nachdenken schließen konnte , daß er über ihre » Aufführung « an dem gefürchteten Markttage , den erst die nächste Woche brachte , schwerlich so unruhig war , als er sich gestellt hatte , um , freilich nicht eben unter einem feingewählten Vorwande , den bekannten Zustand seiner Barschaft zu verbergen , den er in seinem ersten Briefe einzugestehen sich geschämt hatte und der sich seitdem in etwas gebessert haben mochte . In diesem zweiten Briefe schrieb er : » Gottes Segen zum Gruß und Jesum zum Beistand . Hertzgeliebter Schatz , hertzgeliebte Christina , ich kann es nicht unterlassen , vor lauter Sorgen und Bekümmernus und Gedanken Dich zu beschreiben , und ich kann Tag und Nacht nicht ruhen , bis ich eine Antwort von Dir hab . Bitte Dich um Gotteswillen , schreibe Du mir , wie es Dir geht und wie es mit Dir sey . Ich kann Tag und Nacht nicht ruhen vor lauter Seuftzen und Sorgen . Wann Du mir etwas zu melden hast , so schreib mir es gleich , ich will Dich nicht verlassen so lang ich leb . Übrigens schick ich Dir hier einen kleinen Gruß ; wann Du mir schreiben tust , so will ich Dir ein Mehreres schicken . Ich hab nicht Zeit , Dir mein gantzes , mein gantzes Hertz zu schreiben ; ich will Dich berichten , wann Du mir wieder schreibst . Brich den Brief an Deinen Vater auf . Du bist tausendmal grüßt . Ich verbleibe Dein getreuer Schatz bis in den Tod . « Der eingelegte Brief an den alten Hirschbauer , den sie lesen sollte , erhielt Versicherungen seiner unwandelbaren Gesinnung , wie folgt : » An meinen Vetter Müller . Ich kann nicht unterlassen , an Euch zu schreiben , weilen Er so viele Müh an sich genommen und unterschiedliche Sachen wegen Seiner Tochter Namens Christina mit mir geredt hat : so will ich Ihm redlich schreiben wie ichs gegen ihr meine , daß ich keine Andre mehr begehre als sie , und ich sobald ihrer nicht vergessen kann . Wann es seyn kann , wie Er mit mir geredt hat , daß Er mit dem H. Pfarrer und mit dem Chirurgus reden könnt , daß man uns zahmen ( zusammen ) lassen will , so bin ich gleich resolvirt , sie zu nehmen , denn so leicht kann ich Sie nicht lassen , und Sie mich nicht . Ich lasse auch mein Leben , eh ich sie entlassen oder verlassen will : so bitte ich Ihn nur herzlich , die Christina ein halb Jahr bei ihm zu behalten . « Auch der Invalide erhielt einen Brief » in beliebigen Händen zu eröffnen « , welcher seine Zweifel wegen des Verhältnisses zu Christinen nicht sowohl widerlegen als einfach in folgenden Schlußworten niederschlagen sollte : » - So lang ich einen Blutstropfen im Leib hab , so will ich mich ihrer annehmen . Hiemit will ich beschließen und schließe Euch in die Vorsorg Gottes . « Der Hirschbauer sagte nach dem Empfang seines Briefes zu der glücklichen Christine : » Er hat doch ein beständiges Gemüt . Ich wollt ' s dir ja gern gönnen , daß ihr zusammen kämet , aber ich besorg mich eben , wenn er seinem Vater merken läßt , wie es ihm ums Herz ist , so läßt ihn der nicht zurück . Ich will jetzt doch einmal ins Pfarrhaus gehen , oder vielleicht noch lieber vorher zum Chirurgus . Ich weiß nicht , wo ich zuerst hin soll . « - Christine wußte es auch nicht . Ihre Gedanken waren allein darauf gerichtet , wie sie es angreifen solle , um einen recht großen Brief zu schreiben , mit dem ihr Schatz zufrieden sein müßte , obgleich sie ihn darin für seinen unmanierlichen Argwohn recht heruntermachen wollte . Sie dachte aber , sie wolle erst den Markttag vorübergehen lassen , um ihm dann schreiben zu können , daß sie nicht zum Tanze gegangen , sondern den ganzen Tag und Abend daheim geblieben sei . Der Invalide schüttelte zu Friedrichs Beteuerungen hartnäckig den Kopf und sagte beim Wein zu der Bäckersfrau : » Wenn so ein junger Mensch verliebt ist , so meint er , es gebe in der Welt nichts als seinen Gegenstand , und wenn er einmal zehn Jahr und drüber verheiratet ist , so kann er oft gar nicht begreifen , warum er grad die genommen hat , da ' s doch soviel andere gegeben hätte . « » Beständigkeit ist doch eine Tugend « , erwiderte die Bäckerin . » Aber arg ist mir ' s einmal , daß der erste Funke zu dem Brand in meinem Haus hat angehen müssen . Wenn ich das vorausgesehen hätt , so hätt ich mich lieber ohne mein Dötle beholfen , und dann wär sie ihm vielleicht in Jahr und Tag nicht vors Aug kommen . Mir schwant ' s , das Ding geht zu keinem guten End . « » Wider das Schicksal ist kein Kraut gewachsen « , versetzte der Invalide . » Das ist im Leben wie in der Schlacht : an einem fährt ' s vorüber , und den andern trifft ' s. « Es kamen noch weitere Briefe von Friedrich , die sich alle um einen und denselben Angelpunkt drehten . Von seinem eigenen Ergehen schrieb er kein Wort , auch nicht von dem , was er im fremden Lande zu sehen und zu hören bekam . Dagegen zeigten seine Briefe die Merkwürdigkeit , daß er fortwährend mit der Jahreszahl auf gespanntem Fuße stand . Seine Hand schien einen unbezwinglichen Widerwillen gegen dieselbe zu empfinden . In allen diesen Briefen hatte er immer zuerst die falsche Zahl hingeschrieben , dann ausgestrichen und die richtige darübergesetzt ; in einem war sogar das falsche Datum unberichtigt stehengeblieben . Allerdings ein unerheblicher Umstand für ein Mädchen , das kein andres Datum kannte als » diesen Tag « , an welchem sie ihrem Liebsten schrieb . Zweiter Teil 15 Christinens Brief war immer noch nicht fertig , und ihr Vater hatte den Weg zum Pfarrer und Chirurgus gleichfalls noch nicht gefunden , da verbreitete sich eines Tages im Flecken das Geschrei , des Sonnenwirts Frieder sei wieder da oder wenigstens im Anzuge begriffen . Die Nachricht drang mit großer Schnelligkeit selbst zu dem entlegenen Hause des Hirschbauers , und einer von Christinens Brüdern machte sich sogleich auf , um Kundschaft einzuziehen . Es verhielt sich wirklich so , wie das Gerücht sagte . Ein Fuhrmann , der in der Sonne einkehrte , hatte den Erben derselben unterwegs , und zwar in ziemlich abgerissenem Zustande , angetroffen ; zur Bestätigung , daß er die Wahrheit sage , zeigte er ein Schreiben vor , das ihm der Wanderer mitgegeben hatte , um es an denjenigen seiner beiden Schwäger , zu welchem er noch das meiste Vertrauen hatte , zu bestellen . Es ging soeben sehr lebhaft in der Sonne zu , weshalb die Neuigkeit wie ein Lauffeuer sich verbreitete . Der Fuhrmann erzählte noch , er habe den Frieder aufsitzen heißen ; derselbe habe sich aber geweigert , da er nicht nach Hause kommen wolle , bis er wisse , wie er aufgenommen werde . Er gab den Brief einem Knechte , der ihn zum Chirurgus hinübertrug . Dieser ließ nach einer Weile dem Sonnenwirt sagen , es sei endlich Nachricht von seinem Sohne da ; wenn der Herr Vater aufgelegt sei , sie zu hören , so wolle er mit dem Briefe herüberkommen . Der Sonnenwirt antwortete , er habe im Augenblick alle Hände voll zu tun , und auf den Abend wolle er Ruhe haben ; morgen sei auch ein Tag , um von verdrießlichen Dingen zu reden . Auf den andern Tag wurde in der Sonne ein Familienrat zusammenberufen , welchem der Chirurgus den Brief seines jungen Schwagers vorlas . Derselbe lautete gleich eingangs so über alle Maßen niedergeschlagen und unterwürfig , daß die Sonnenwirtin einmal über das andere in ein triumphierendes Gelächter ausbrach . » Geliebter Schwager « , las der Chirurg , » ich weiß mir nicht mehr zu helfen , so will ich Ihn um Gottes Willen gebeten haben , mir einen Rath zu ertheilen , denn ich laufe in der Irr , als wie ein verlornes Schaf ; so rufe ich zu Gott , er möchte mir einen Hirten senden , der mich wieder auf den rechten Weg bringen sollte . Meine Reise ist nicht bestanden , wie ich geglaubt hab : mein Herr Vetter hat des Gerichtsschreibers Sohn von Boll zum Knecht , und hat ihn nicht fortschicken können , weil er auch ein Freund von ihm sei . So bin ich diesesmal in mich selber gangen und mußt erst erkennen , was ich bei meinem Vater vor gute Tag gehabt hab und ihm nicht gefolgt , so bitt ich nur noch diesesmal zu helfen und mich nicht zu verlassen . Meine Eine Bitt an die Meinen ist , mir nur noch so viel zu helfen , daß ich nur einer von seinen Taglöhnern sein möchte . Ich werde gewiß meinem Vater in allen Stücken gehorsam sein ; wann ich es nicht tue und ihm im Geringsten was anstelle , so sprich ich das Urteil wider mich und schreibe meine eignige Hand unter , daß ich auf den ewigen Arrest soll gesetzt werden . Ich weiß wohl , ich hab es gegen den Herrn Schwager nicht verdient , weil ich Ihn schon in vielen Stücken erzürnt und beleidiget hab , es ist mir aber herzlich leid , es wird inskünftige nicht mehr geschehen . So mein ich nun , ob der Schwager nicht eine Bitte vor mich bei dem Herrn Amtmann tun möchte . Man redt wider mich in Eberspbach , es sollte einen Heiden erbarmen über solche Reden : ich soll gesagt haben , ich wolle alle