versichert . Ich habe ihn ja fast auf den Knieen gebeten , mir die Wahrheit zu sagen . « » So glaubt , was Ihr wollt , « versetzte Madame Becker scheinbar ereifert ; » mir kann es ja recht sein . Aber wie ich Euch schon sagte , die Frau Bilz machte über den Zustand des Kindes so ein bedenkliches Gesicht , daß ich schon im Begriffe war , Euch aufzusuchen ; doch wußte ich nicht , wo Ihr den Tag über seid und Abends habe ich keine Zeit . « » Dann hätte die Frau aber zu mir kommen sollen , das wäre doch nicht mehr als recht und billig gewesen . « » Ja , ja , sie hätte es gekonnt , aber sie hat auch viel zu thun . Nun , hoffen wir das Beste ! « » Was kann ich machen ! « seufzte die Nähterin betrübt , indem sie die Hände faltete . » Und wenn das Kind krank würde und stürbe - du lieber Gott im Himmel ! das war ' auch mein Ende ; aber ich müßte es über mich ergehen lassen . - Das Andere aber , Frau Becker , « fuhr sie heftiger fort , indem sie ihre rechte Hand drohend erhob , » das Andere aber ließe ich nicht ruhig geschehen , so schwach ich bin , das können Sie mir glauben . - Aber nicht wahr , ich habe nichts zu befürchten , sie wollen mir das Kind nicht nehmen ? « » Ei ! wo denkt Ihr hin ? Es fällt gewiß Niemand ein , das zu thun , « antwortete die Frau und wandte ihren Kopf der Thüre zu , wo sich ein leises Klopfen vernehmen ließ . » Wenn Sie nur das denken , so beruhigt es mich , « erwiderte Katharine ; » und nur um ein wenig Trost zu haben , kam ich hieher . Ich habe einen halben Tag Arbeit versäumen müssen , « fuhr sie schmerzlich lächelnd fort , » und das fällt mir schwer . - Aber nicht wahr , Frau Becker , noch einmal , es geschieht mir gewiß nichts Schlimmes ? « Es klopfte zum zweiten Male an die Thüre . » Was soll ich wissen ? « meinte Frau Becker , die ungeduldig den Kopf herum wandte und dann ihrer Nichte rief und ihr auftrug , sie solle nachsehen , wer an der Thüre sei . Die Nähterin erhob sich langsam , wobei sie ihre eine Hand auf den Tisch stützte und leise hustete . Siebenzehntes Kapitel . Falsches Zeugniß . Die Tänzerin ging nach der Thür , öffnete sie geräuschlos und sprach einige Worte mit Jemand , der draußen stand und ließ alsdann eine ältliche Bauersfrau in ' s Zimmer treten , die ziemlich verlegen an der Thüre stehen blieb und die ihre Blicke fragend nach der Madame Becker richtete , welche ebenfalls aufgestanden war und etwas erschrocken auf die Eingetretene sah . Katharine wandte gleichfalls ihren Kopf herum und stieß einen lauten Schrei aus , worauf Madame Becker ungeduldig mit dem Fuß stampfte und einen leisen Fluch zwischen den Zähnen murmelte . » Da ist die Frau ! « sagte das Mädchen , indem sie ihre Augen weit aufriß und die Blässe ihres Gesichts wahrhaft gespenstig wurde . - » Da ist die Frau ! - Jetzt werde ich doch etwas erfahren über mein Kind ! « Die Bauersfrau kam ziemlich unbehülflich näher , streckte ihre beiden Hände aus und verwandte kein Auge von dem Gesicht der Madame Becker ; that sie das nun , um sich an den Mienen derselben Raths zu erholen , oder scheute sie sich vielleicht , die unglückliche Mutter des Kindes anzusehen . » Nun ? « rief ihr Madame Becker ziemlich eifrig entgegen . - » Was will Sie eigentlich ? - Zu mir ? - Gewiß zu Katharine . - Da steht sie . Sag ' Sie , was Sie weiß . - Ist vielleicht ein Unglück geschehen ? « Die Bauersfrau zog ihre Achseln entsetzlich in die Höhe , wobei sie mit einiger Anstrengung nach dem Himmel hinauf zu schielen versuchte , es aber nur zu einem häßlichen , verdrehten Blick brachte . Madame Becker zuckte hierauf ebenfalls mit den Achseln und warf einen mitleidig sein sollenden Blick auf die Nähterin , die da stand , ein Bild des Jammers , mit bleichen Wangen , auf denen jetzt allmählig kleine rothe Punkte sichtbar wurden , - die schon erwähnten Kirchhofsrosen , die nun bald in ihrer ganzen schrecklichen Pracht auf dem stillen Gesichte wieder aufflammen sollten . » So ist dem Kind etwas passirt ? « fragte Madame Becker nach einer langen und schrecklichen Pause . » Was hat ' s da gegeben ? « - - » Todt ! « entgegnete die Bauersfrau , ohne daß sie es wagte dem flammenden Blick der Mutter zu begegnen . - » Todt ! - todt ! - Das Kind ist todt ! « - - In diesem Augenblicke trat die Tänzerin vor und legte ihre warme Hand sanft aus die kalte Rechte Katharinens , schlang ihren Arm um sie und drückte sie in tiefstem Mitgefühl fest an die Brust , die , sein leises Schluchzen unterdrückend , sich hoch und gewaltsam hob und senkte . » Also todt ! « sagte Madame Becker . » Und wie ist das gekommen ? « » Wie kommt das bei so kleinen Kindern ! « entgegnete die Bauersfrau , indem sie den Kopf auf die rechte Seite senkte ; » vorige Woche noch ziemlich gesund und wohl , gestern Nacht mausetodt . - Hier ist der Schein , Alles in Ordnung ausgestellt . - Ja , es ist traurig aber wahr . « Katharina blickte mit trockenen und heißen Augen wie in einem tiefen Traume um sich her . Lange schaute sie die beiden Weiber vor sich an , bald die Eine , bald die Andere , und keine konnte diesen Blick ertragen . Dann aber bog sie ihren Kopf leicht zurück und streifte so die glühende Wange der Tänzerin ; und es war , als ob diese Berührung eines guten , mitfühlenden Wesens eine Beruhigung über ihre Seele gebracht hätte , denn ein paar Sekunden nachher senkte sie ihren Kopf auf ihre Brust und brach zwischen den Armen des jungen Mädchens zusammen , die sie sanft auf einen Stuhl niedergleiten ließ und dann neben ihr kniete , um ihr Haupt zu unterstützen . Jetzt erst wagte die Bauersfrau das unglückliche junge Weib anzusehen ; doch that sie es scheu und verlegen , machte auch gar keine Miene , der Niedergesunkenen beizuspringen , sondern sagte zu Madame Becker : » Es ist wahrhaftig ein Jammer ; aber was kann man machen ? Jetzt übersteht sie es auf einmal und sonst wäre es doch für ihr Leben eine immerwährende Last und Plage gewesen . « Die Angeredete hatte beide Arme auf den Tisch gestützt und blickte in das bleiche Gesicht der Ohnmächtigen . » Ob es besser ist , « sprach sie mit scharfem unangenehmem Tone , » was geht es uns eigentlich an ? Geschehen sollt ' es und geschehen ist es ; und ich hoffe , « setzte sie leise hinzu , » daß Sie Alles gut besorgt hat , Frau , denn es ist im Grunde eine kitzliche Geschichte , für welche Sie den größten Theil empfangen und für welche Sie auch mit Ihrer Haut einstehen muß . « » Bst ! bst ! « entgegnete die Bauersfrau , indem sie ihre Augen einen Moment auf die Tänzerin heftete und sich dann der Frau näherte , zu der sie sagte : » Kommt doch da weg , wenn Ihr schwätzen wollt , geht mit in ' s Nebenzimmer ! Ich habe Euch noch allerlei mitzutheilen . « Damit gingen die beiden Weiber in das andere Gemach und ließen die Tänzerin bei der Unglücklichen allein . Marie befand sich in großer Gemüthsbewegung ; sie athmete schnell und heftig und sandte den beiden Weibern einen forschenden Blick nach . Dann lehnte sie sanft das Haupt Katharinens an die Stuhllehne und eilte in ihr Schlafzimmer , wo sie vom : Bett ein Kissen , von der ärmlichen Toilette ein kleines Fläschchen mit kölnischem Wasser nahm . Das Kissen schob sie unter den Kopf der noch immer bewußtlos Daliegenden , drückte diesen sanft hinein und goß dann einige Tropfen des wohlriechenden Wassers auf ihr Tuch , worauf sie Schläfe und Stirn des armen Mädchens leicht damit rieb . Das Alles that sie mit einer seltsamen Hast und warf dabei verstohlen die Blicke auf die Thüre des Nebenzimmers , welche Madame Becker nicht fest hinter sich zugezogen hatte . Nachdem sie darauf wieder ein paar Sekunden lang aufmerksam in das bleiche Gesicht der Kranken geblickt , erhob sie sich rasch , als sie sah , wie sich deren Lippen langsam öffneten und ein leichter Seufzer aus der Brust emporstieg . Darauf öffnete Katharine matt ihre Augen und sah die Tänzerin mit einem dankbaren Blicke an . Maria lächelte ihr zu , zeigte mit der linken Hand auf ' s Nebenzimmer und legte alsdann einen Finger der rechten Hand auf ihren Mund , als wollte sie sagen : Stille ! sprich kein Wort ; mach ' kein Geräusch ! Katharine schien das vollkommen zu verstehen und auch wohl zu begreifen , daß dort im Nebenzimmer etwas verhandelt würde , was für sie von großem Interesse sei , denn sie schloß ihre Augen und öffnete sie wieder zur Beistimmung , faßte die Lehne des Stuhls mit ihren Händen und folgte dann mit den Augen der Tänzerin , welche sich geräuschlos und geschmeidig wie eine Schlange um den Tisch herum wandte , an die etwas geöffnete Thüre des Nebenzimmers gelangte , ohne daß man nur einen Fußtritt gehört hätte . Dort blieb sie einige Minuten lauschend stehen und kehrte dann ebenso vorsichtig und leise zu Katharine zurück , kniete vor sie nieder , legte abermals den Finger auf den Mund und drückte darauf ihre beiden Hände fest auf die der armen Person , wobei sie ihr bedeutungsvoll in die Augen sah . » Sprich kein Wort ! « flüsterte sie , » ja , wenn die Beiden heraus kommen , so schließe deine Augen wieder . Kannst du es ertragen , wenn ich dir was sage , das nicht so schlimm ist , als was du eben gehört ? « Katharina nickte mit dem Kopfe . » Lange nicht so schlimm , aber auch nicht angenehm . - Sei ruhig - im Grunde doch angenehm . Aber du mußt nicht aufschreien ! « Katharine machte mit den Augen ein verneinendes Zeichen . » Bst ! « fuhr die Tänzerin fort , indem sie einen ängstlichen Blick nach der Thüre warf ; » es ist wahr , was du vorhin sagtest : er wird sich verheirathen . « Katharine seufzte . » Und das Kind - « fuhr Marie leise fort ; - » Nun , das Kind ? - - Das Kind - ? « » Es ist nicht todt , « hauchte das Mädchen kaum vernehmlich . - » Es lebt , aber sie haben es fortgebracht . « - » Mir gestohlen - ! « » Wohin sie es gebracht haben , weiß ich nicht , aber ich erfahre es ; sei ganz ruhig . Wir haben auch unsere Freunde ! « » Sie haben es fortgebracht ! O , ich kann mir denken , um es zu verderben - das arme kleine Kind ! Glaubst du nicht auch , Marie ? « Jetzt nickte die Tänzerin traurig mit dem Kopfe . » Sie hätten es geschwind umgebracht , aber sie fürchteten sich . O , ich kann mir denken , wohin sie es gebracht haben . Zu so einem schrecklichen Weib , da wollte er damals schon , ich sollt ' es hinthun . Gott ! mein Gott ! Da brauchen sie es nicht auf einmal umzubringen , da geht es langsam zu Grunde , da stirbt es stündlich - täglich - an - Hunger - Kälte - - Elend ! - « Bei diesen letzten Worten sank das arme Geschöpf abermals in die Kissen zurück , ihre Augen schlössen sich und fielen tief ein , und zwischen den bleichen Lippen zeigte sich ein einziger Blutstropfen . » Sie stirbt ! « rief die Tänzerin . » Sie stirbt ! « schrie sie laut hinaus . Und auf diesen Ruf hin kamen die beiden Weiber aus dem Nebenzimmer heraus und traten an den Sessel . » Die arme Creatur ! « sagte Madame Becker und stellte ihre Schnupftabaksdose auf den Tisch , um eine der kalten Hände Katharinens zu ergreisen , die jetzt schlaff herunter hingen . Der Pulsschlag zitterte nur noch in den Adern und schien nächstens ganz erlöschen zu wollen . Aber das menschliche Herz ist stark und leistet fast das Unmögliche im Ertragen von Jammer und Elend . » Wenn sie sterben würde , « sprach die Bauersfrau , » es war ' das wahrhaftig kein Unglück für sie . Was soll die auch ein wenig länger auf der Welt ? Wenn sie heute nicht erliegt , treibt sie es doch vielleicht kein halbes Jahr mehr . « Unterdessen hatte sich die Tänzerin über die Ohnmächtige hingebeugt und ihre frischen Lippen berührten fast den bleichen Mund der Anderen , während eine schwere Thräne um die andere aus ihren Augen herabrann . » Seid doch stille ! « bat sie nach einer Pause . » Sprecht nicht so laut , man sagt , so Ohnmächtige könnten manchmal Alles hören , was man neben ihnen spricht . Seht , sie ist gewiß nicht todt , ihre Lippen zittern , ihre Augen fangen an sich zu bewegen . « » Ich habe genug von vorhin , « sagte die Bauersfrau , » und habe nicht Lust , noch einmal dieselbe Geschichte zu hören . Wenn sie wirklich wieder aufwacht , so gebt ihr den Todtenschein , er ist ächt und richtig . « - Sie warf Madame Becker einen bedeutsamen Blick zu . - » Auch kann sie die Bettchen und Kleider holen , wenn sie will . « » Ich werde es ihr sagen , « entgegnete Madame Becker mit einem scheinheiligen Ausdruck im Gesicht ; » und was die Begräbnißkosten anbelangt , so kann Sie sich an mich halten , Frau . Du lieber Gott ! man hilft gern so einer armen Creatur ihren Kummer lindern . « » Sind nicht groß , die Kosten , « versetzte kopfschüttelnd die Bauersfrau ; » meine Schwester hat ' s heute Früh besorgt in ihrem Dorfe . Es war das ein kleines Loch , wenig Arbeit . Jetzt liegt schon der Schnee darauf ; das wird ihr ein Trost sein , - denn wenn sie ' s nächstes Frühjahr aufsuchen kann , « setzte sie mit bedeutsamem Achselzucken hinzu , » so ist ihr Jammer auch schwächer geworden . - Adieu , Jungfer Marie ! « Die Tänzerin nickte stumm mit dem Kopfe , ohne aufzublicken , denn sie war beschäftigt , das Gesicht der Ohnmächtigen abermals zu waschen . Madame Becker steckte ihre Schnupftabaksdose in die Tasche , nahm ein warmes Tuch vom Nagel , das sie umhing , und schickte sich an , mit der Bauersfrau das Zimmer zu verlassen . An der Thüre warf sie noch einen scheuen Blick auf die Kranke . - » Es kommt mir doch etwas grauselich vor , « sagte sie dann leise zu ihrer Begleiterin . » Wenn ich mir das Mädchen so von hier aus betrachte , so meine ich wahrhaftig , es sei todt und wir trügen davon die Schuld . « » Ach was ! « entgegnete die Andere , » seid nur nicht so kleinmüthig , so was kommt schon im Leben vor . Todt ist sie auch nicht ; seht , sie reißt ihre Augen auf und schaut nach uns her . « » Ja , ja , Frau , Ihr habt Recht , sie blickt nach uns her , aber mit einem schauerlichen Blick . « Damit zog sie die Andere zur Thüre hinaus . Es brauchte wohl eine Viertelstunde Zeit , ehe sich Katharine so weit erholt , daß sie die Tänzerin um die näheren Umstände befragen konnte . Marie sagte , was sie gehört : Das Kind war also nicht gestorben , aber man hatte ein anderes , das gestern Nacht seinen Leiden erlegen , unterschoben und so wirklich einen Todtenschein erhalten . Wohin sie das lebende Kind gebracht , hatte keines der Weiber gesagt , wohl aber , daß es auf den Antrieb seiner Familie geschehen , die damit das letzte Band zwischen ihm und seiner ehemaligen Geliebten zerreißen wollte . » Sei nur ruhig , « sagte die Tänzerin zu der Unglücklichen , deren Hände heftig zitterten , » sei ruhig , wir wollen schon erfahren , wohin sie das Kind gebracht . « » Von deiner Tante glaubst du es zu erfahren ? « » Nein ! nein ! die sagt mir nichts ; ich habe schon meine Wege . « » Aber bald , Marie , nicht wahr ? Bald , bald suchst du es zu erfahren , denn glaube mir , wohin sie auch das Kind gebracht haben , es befindet sich an einem Orte , wo es nicht lange leben kann ; ich kenne solche Anstalten . - Du siehst mich schaudernd an ? - ja , Marie . Gott erhalte deine Unschuld ; sie nennen das keinen Mord , wenn so ein Kind langsam dahin siecht . - Es ist dann gestorben . « - Die Tänzerin bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen und finstere Gedanken bewegten ihr Herz . Hatte sie in der Umgebung , wo sie sich befand , vielleicht eine bessere Zukunft zu gewärtigen , als die Unglückliche , die vor ihr saß ? Hatte ihre Tante nicht schon Andeutungen genug fallen lassen über nutzlos verschwendete Jugend und Zeit , über ein Kapital , das man nicht ruhig könne liegen lassen und das seine Zinsen tragen müsse ! - Gräßlich ! gräßlich ! - - Und das unglückliche Mädchen vor ihr hatte doch der Liebe Alles gegeben , was sie besaß , sie aber stand in Gefahr , verkauft zu werden , wie die geringste Sklavin ! - » Wie dank ' ich dir , Marie , « sagte die Nähterin , die sich allmählig wieder erholt , » wie dank ' ich dir für deine Güte , für deine Hülfe ! Glaube mir , ich will für dich beten und es wird dir keinen Unsegen bringen . - Für mich selbst wag ' ich es kaum ; du bist so gut , so unschuldig , so frisch und gesund und kannst einmal recht glücklich werden . Dann denke auch zuweilen an mich , die gewiß lange todt ist . Und wenn du , liebe , gute Marie , « fuhr sie leiser fort , indem sie ihre beiden Arme um den Hals der Tänzerin schlang , » wenn du einmal einen braven Mann hast und es dir gut geht , und du hast eine halbe Stunde Zeit , so besuche mein Grab und gib meinem armen Kinde , wenn es noch lebt und du es an irgend einer Ecke stehen siehst , ein kleines Almosen . « Bei diesen Worten stürzte ein erleichternder Thränenstrom aus den Augen Katharinens , und die beiden Mädchen hielten sich eine Zeit lang umschlungen und weinten heftig ; die Eine , indem sie mit trübem Blick an die Vergangenheit dachte , die Andere , indem sie finster in die Zukunft schaute . - Der laute Klang eines Glöckchens vor dem Fenster riß sie aus ihren Träumereien empor . » Ist es denn schon so spät , « fragte die Tänzerin , » daß der Theaterwagen drunten hält , mich abzuholen ? Verzeih ' , Katharine , da muß ich mich eilen ; ich darf den Schwindelmann nicht warten lassen . « » Und ich will auch gehen , « sprach seufzend die Andere , indem sie sich schwankend erhob . » Aber nicht wahr , Marie , ich sehe dich morgen oder sobald du etwas weißt ? « » Gewiß , Katharine , gewiß ! « antwortete die Tänzerin , während sie ihren großen Korb auf den Tisch stellte , noch einmal flüchtig die Gegenstände darin übersah und die Tanzschuhe , an denen sie vorhin gearbeitet , dazu legte . » Ich werde heute Abend noch mit Einigen darüber sprechen . O , die Mädchen bei uns wissen recht gut Bescheid und Manche kennen die ganze Stadt . « » Und du kommst dann zu mir Abends nach acht Uhr ? - Mit welcher Ungeduld will ich dich erwarten ! « » Verlaß dich auf mich ; ich thu ' , was ich kann . « Damit band die Tänzerin ein Tuch um ihren Kopf , wickelte sich in einen alten verblichenen Shawl , noch ein Erbstück ihrer verstorbenen Mutter , nahm den großen Korb unter den linken Arm und begleitete mit dem rechten Katharinen sorgfältig nach der Thüre , die sie abschloß und den Schlüssel im Ofenloch versteckte . Es ging etwas langsam die Treppe hinunter und Schwindelmann , der unten an der Thüre stand , trippelte ungeduldig von einem Fuß auf den anderen . Drei bis vier Colleginnen streckten ihre Gesichter aus dem Wagenfenster hervor und blickten neugierig auf das bleiche Mädchen , das mit einem Händedruck und bittenden Blick sich von Marie verabschiedete und nun langsam an den Häusern dahin schlich . » Der Teufel auch ! « sagte Schwindelmann , » Mamsell Marie , Sie lassen uns lange warten . Das sind wir bei Ihnen nicht gewöhnt . « » Es thut mir leid , « entgegnete die Tänzerin , » und ist wahrhaftig nicht meine Schuld . « » Wer ist denn das ? « fragte Schwindelmann , indem er auf Katharina zeigte , die schon an den nächsten Häusern erschöpft stehen blieb . » Eine unglückliche Person , der es sehr schlecht ergangen , « erwiderte Mamsell Marie . » Und wo wohnt sie ? « fragte eine der Tänzerinnen aus dem Wagen . » In der Schlossergasse . « » Dahin fahren wir gerade auch , « sagte nachdenkend Schwindelmann . Und als ihn ein bittender Blick des jungen Mädchens traf , rief er in den Wagen hinein : » Was meint ihr da drinnen , haben wir bis zur Schlossergasse noch Platz für eine arme kranke Person , die sonst vielleicht im Schnee stecken bleibt ? - Es hat nicht Jedermann einen Wagen , wie ihr Prinzessinnen , und was man seinem Nächsten thut , das wird Einem im Himmel gut geschrieben . « » Gott ! der Schwindelmann wird fromm ! « lachte eine lustige Stimme aus dem Wagen . » Mir ist es gleichviel . « » Mir auch ! « riefen ein paar Andere . Und darauf sprang Mamsell Marie in den Wagen , der Schlag blieb offen . Andreas fuhr fort und Schwindelmann trabte neben der Equipage her , bis zur armen Katharine , die zu ihrer großen Verwunderung solchergestalt auf die angenehmste und bequemste Art nach ihrer Wohnung in der Schlossergasse befördert wurde . Schwindelmann aber wurde seit jenem Abend von den Tänzerinnen zum Hoftheater-Samariter ernannt . Achtzehntes Kapitel . Hinter der achten Coulisse . Wenn auch schon in Schrift und Zeichnung so tausenderlei mitgetheilt worden ist von dem Leben und Treiben hinter den Coulissen , so war das insofern recht oberflächlich , als es nur jenen Theil derselben behandelte , welcher , ziemlich hell vom Lampenlicht beschienen , dicht an der Bühne liegt . In die weiter zurückgezogenen Räume , namentlich in die Tiefen des Theaters hinter dem letzten Vorhang , sowie in die dunkeln Nischen zwischen Einschlag- , Donner- und Regen-Apparat , oder jenem stillen Raume , wo die Seile der verschiedenen Glockengeläute hängen , drangen wenig neugierige Blicke Uneingeweihter ; von all ' diesen dunkeln Orten wurde noch wenig Interessantes und Wahres berichtet , und diese sind doch , wie alle Räume im Himmel und auf Erden , mit Wesen , und zwar mit geschäftigen und sehr wichtigen Wesen bevölkert . Hier haust nämlich seit unvordenklichen Zeiten und sobald die Dekoration eines jedesmaligen Actes steht , das Geschlecht der Maschinisten und Zimmerleute , der Feuerwächter und der Aushelfer . Der Glanz und der Lärm der Bühne ist ihnen verhaßt , sie suchen gern ein stilles Plätzchen , wo sie ruhig zusammen plaudern oder auch einzeln über so Manches nachdenken können . Das sind meistens keine ganz gewöhnlichen Menschen , und Viele von ihnen haben schon verschiedene Carrièren versucht , ehe sie endlich hier als die unsichtbaren Lenker der Pracht und Herrlichkeit des Theaters hängen geblieben sind . Den ganzen Tag hier in einem ewigen Halbdunkel beschäftigt , haben sie sich allmählig daran gewöhnt und lieben die stillen Räume mit ihrem sanften , zweifelhaften Lichte mehr wie den Glanz der Sonne . Ja , wenn sie Mittags nach Hause gehen , so drücken sie ihre Mützen tief in ' s Gesicht und scheinen ordentlich scheu auf der Straße dahin zu flattern , wie aufgestörte Nachtvögel . Unlieb ist ihnen bei der Arbeit der neugierige , scharf blitzende Sonnenstrahl , der zuweilen bei einer Tagesprobe durch eine Oeffnung aus die finstere Bühne zuckt und mit einen langen , schmalen Streifen so reines Gold , so glühendes Licht zwischen die schwarzen Schatten hinein wirft , daß die gemalten Blumen erbleichen und das abendlich noch so frische Grün grau und moderig aussieht . Sie , diese armen Arbeiter , den ganzen Tag in der Finsterniß umhertappend , lieben überhaupt den Sommer und den Sonnenschein wenig , wenn letzterer draußen über Berg und Thal scheint und alle Menschen sich an seinem Strahle erfreuen , sich an der frischen Luft erlaben , welche die duftenden Blumen und Bäume aushauchen , während sie die knarrenden Seile auf und ab ziehen , bestaubte Coulissen aufhängen und einen künstlichen Donner und Regen hervorbringen , der nichts Erquickendes hat und nur Legionen von Motten und einige Fledermäuse aufjagt . Der Winter ist ihnen lieber ; da sind die anderen Menschen auch in ' s Haus gebannt , und da sitzt es sich gar nicht unbehaglich an dem breiten eisernen Ofen hinter der achten Coulisse , während draußen der Sturm heult oder der Regen auf das Zinndach des Theaters niederprasselt . Ja , hinter der achten Coulisse ist ein recht heimliches Plätzchen , wie gemacht zum Versammlungsort der Maschinisten und Zimmerleute . Gleich rechts daneben ist die Flugmaschine , mit der es auf den Schnürboden hinauf geht und links die eine Treppe , welche unter das Podium führt ; die Zeichen zum Donner und Regen hängen dicht daneben und zwei Sprachrohre münden hier ebenfalls , durch welche man Befehle augenblicklich nach allen Theilen der Bühne hinschleudern kann . Da stehen meistens Fauteuils und sonstige Sitzgelegenheiten , die in den nächsten Akten gebraucht werden und worauf man es sich bequem macht . Auch in anderer Beziehung hat dieses Plätzchen so weit nach hinten seine guten Eigenschaften . Das unangenehme Volk der Statisten in ihren seltsam duftenden Anzügen treibt sich mehr vorn am Eingange herum und tritt hier Niemand in den Weg und auf die Hühneraugen ; den Künstlern ersten und zweiten Ranges ist es da hinten natürlicher Weise viel zu dunkel und einsam und selbst das leichtfüßige Corps de Ballet hüpft , wenn es ja einmal auf die andere Seite des Theaters muß , mit einem großen Sprunge bei der achten Coulisse vorbei , denn es zieht da manchmal sehr stark , namentlich dringt gewöhnlich eine kalte Luft unten aus dem Podium hervor . Die Dekoration des ersten Aktes steht und es ist eine jener angenehmen Opern , in denen allaktlich die Scene stehen bleibt , weßhalb die meisten Maschinisten und Zimmerleute nichts zu thun haben . Hinter der achten Coulisse ist nun ein artiges Plauderstübchen eingerichtet und wer nicht gerade einen bestimmten Posten auf der anderen Seite hat , der findet sich hier ein . Da ist ein königlicher Thron , der nachher gebraucht wird und auf welchem der erste Maschinist sitzt ; doch hat er das Kissen von rothem Sammt herumgedreht und begnügt sich mit dem ledernen Unterfutter . Dieser erste Maschinist war Herr Hammer , ein schon ältlicher Mann , der sehr stark schnupfte , sehr gern erzählte und dazu beständig mit dem Kopfe nickte , welches Nicken er vielfach mit dem Ausrufe : » Ja - a ! ja - a ! « begleitete , was er wahrscheinlich that , um seine Zuhörer zu versichern , seine Erzählung sei wahr und nicht erfunden , welch ' Ersteres von dem ganzen Theaterpersonal stark bezweifelt wurde , denn der erste Maschinist war dafür bekannt , daß er etwas heftig lüge , besonders wenn er auf die Feldzüge zu sprechen kam , die er mitgemacht . Wir können hier eine andere Persönlichkeit nicht übergehen , die sich ebenfalls oft hinter der achten Coulisse einfindet , aber dem Range nach eigentlich später genannt werden müßte . Es ist dies der Schneidergehülfe Herr Schellinger , eine kleine dürftige Gestalt mit stark gekrümmtem Rücken und etwas zitternden Händen . Herr Schellinger war an die Sechszig , hatte Zeit seines Lebens in jeder Beziehung stark gearbeitet und erfreute sich nun dafür ziemlich dürftiger Umstände und einer mangelhaften Gesundheit . Er war ein denkender Künstler gewesen , ein Mann von tiefer Phantasie , und da er auf dem Schneidertische so viele freie Stunden hatte , in denen sein Geist unabhängig von der Knechtschaft der Nadel umher ziehen konnte in der weiten Welt , so reiste er beständig , das heißt immer in Gedanken , und hatte dabei die Eigenthümlichkeit , daß er sich nach der Rückkehr von einer so weit ausgesponnenen Tour steif und fest einbildete , er habe wirklich diese