Herrschaften , die zu uns kommen , die wollen ' s auch , sonst würden sie in die Kirche gehen und nicht zu uns . « Karoline unterbrach die Rede , indem sie hell auflachte . Wenn sie damit der eben ausgesprochenen Weisung nachkam , sündigte sie doch sogleich dagegen , indem sie das Fenster aufriß . Der Lärm und das Gelächter draußen rief indeß auch die Tante heran . An der Ecke war ein Fischmarkt , und es war nichts Ungewöhnliches , daß der altberühmte Witz der Fischweiber gegen Käufer und Neugierige eine Art Auflauf veranlasste . Diesmal war eine bestimmte Person der Gegenstand der Lustigkeit . Der ältliche Herr hatte mit den sämmtlichen Verkäuferinnen ein Geschäft angeknüpft , und nachdem er sich aus jedem Fischkasten die fettesten Karpfen und Aale zeigen lassen , alle befühlt und mit allen ihren Besitzerinnen wegen des Preises unterhandelt . Wenn das schon nicht ohne beißende Bemerkungen von beiden Seiten abgegangen war , so steigerte sich das Gezänk in das , was man in Berlin ein » Aufgebot « nennt , als der Käufer sich endlich , wie sich von selbst verstand , für die Waare nur einer Verkäuferin entschied . Die übrigen erhoben sich und überschütteten mit einer Fluth nicht schmeichelhafter Namen den Käufer , der seinerseits einen nicht gewöhnlichen Muth zeigte , denn er harrte nicht allein aus , sondern haranguirte seine Feinde durch Gegenreden . Seine graziösen Gestikulationen bewiesen , daß er der Höflichere war , und man konnte bemerken , daß in das laute Gelächter der Menge auch seine aufgebrachtesten Feindinnen einstimmten . Ein schärferer Beobachter hätte indeß darin keine Feindseligkeit , sondern nur ein Schauspiel entdeckt , das sich gewiß schon oft ereignet und zur gegenseitigen Herzenserheiterung noch oft wiederholen sollte . Diesmal mussten jedoch einige der Fischweiber in ihre Klagen und Repliken noch andere Anzüglichkeiten eingemischt haben , welche die Köchin des ältlichen Herrn veranlassten , durch deutliches Zupfen am Aermel ihn zu einem frühzeitigeren Rückzug zu veranlassen , als ihm lieb schien . Eines der Weiber , ob nun im Scherz oder Ernst , hatte ihm ein altes Fischnetz nachgeworfen mit der Bemerkung : das wolle sie ihm schenken , damit ihm seine Fische nicht durchgingen wie seine Gefangenen ! Das Netz hatte unglücklicherweise seinen Kopf getroffen und die Perrücke heruntergerissen . Während die Köchin sich danach bückte , waren ihr die Fische aus dem Korb geglitten . Das Wiedereinfangen der Aale verursachte allgemeine Lustigkeit und neuen Aufruhr , worüber man zuerst nicht bemerkte , daß sie ihm in der Hast die Perrücke verkehrt aufgestülpt hatte , was denn das Gelächter unwiderstehlich machte , und weder der Rückzug , noch die Adjustirung der Perrücke halfen vor dem Troß begleitender Gassenjungen und dem Gelächter der Neugierigen , welche der Lärm an die Fenster zog . » Ach , der Herr Geheimrath Lupinus ! « hatte die Tante ausgerufen . » Das ist ein spaßiger Mann ! Wie niederträchtig er ist , auch gegen die gemeinsten Leute ! Sieh mal , selbst dem Apfelweib wirft er ' ne Kußhand zu , und so gravitätisch , wie zum Menuet ! Seht , Kinder , daran könnt Ihr Euch ein Exempel nehmen ; so wird mancher rechtschaffene Mensch auf Erden verleumdet von bösen Feinden , aber ' s giebt einen Gott im Himmel und einen König auf Erden , und wer ehrlich sein Brot erwirbt und ein gefühlvolles Herz hat für seine Nebenmenschen , der geht nicht zu Schanden . « Aber als die vorwitzige Karoline zum Fenster sich hinausbiegen und dem Herrn Geheimrath zurufen wollte : » Warum tragen Sie nicht die Fische selbst ? « drückte die Hand der Tante eine sehr vernehmliche Erinnerung auf ihre Backe : » Untersteh ' Dich ! « Das Fenster flog zu . Die Scene hatte sich verändert . Karoline weinte . Nur war sie keine so unterwürfige Zuhörerin . » Und ' s ist wahr , er hat immer die Fische vom Markt getragen , mit einem Kapaun unterm Arm hab ' ich ihn selbst gesehen , und darum bin ich kein schlechtes Mädchen nicht . Und das ist Wahrheit . « Die Obristin mäßigte sich . » Der Herr Geheimrath sei eine obrigkeitliche Person , und mit genialischen Herren müsse man ' s anders nehmen . Und wenn er keine Respektsperson wäre , und nicht so viele vornehme Freunde und Verwandte hätte , dann säße er jetzt Gott weiß wo . Und das einzige , was man ihm nachsagen könnte , sei seine Köchin . Gegen die Charlotte wäre schon sonst nichts zu sagen , denn sie wäre ein braves Mädchen , aber für einen vornehmen Herrn schicke sich das nicht , so was im Hause zu haben . Außer dem Hause geht das Niemand was an , hatte ihr ein sehr tugendhafter und angesehener Herr gesagt . Daß er die Charlotte auf den Markt mitnehme , wolle sie nicht gerade gut heißen , aber der Mensch , der es Jedermann recht thäte , müsste erst erfunden werden . « Die gute Tante hatte , je mehr sie ins Reden kam , desto mehr auszusetzen . Ja , die Predigerstöchter oben wären neugierig , wie ein neugeboren Kalb , und wenn nur ein Wagen vorbeifährt , rutschten die Köpfe zum Fenster raus . Das habe sie sich nun einmal aufgebunden , weil sie ein so gutmüthig Herz habe . Aber ihre Nichten sollten doch bedenken , daß sie nicht aus dem Kuhstall wären , und auf sich was halten . » Wie ich so alt war als Ihr , da hielt man mich für ' ne Gräfin , und ich hätte mal den Kopf umdrehen sollen auf der Straße , wie Ihr thut . Und an guten Exempeln fehlt es Euch doch nicht ; in mein Haus kommen nur die feinsten Leute . Und wie sprecht Ihr mit dem Herrn Kammerherrn , der so gütig ist ; ich werde manchmal purpurroth , wenn ich denke , daß er ' s am Hofe wieder erzählt . Merkt Ihr , dumme Liesen , denn nicht , wie er ganz anders mit der Mamsell Kriegsräthin sich unterhält , wenn die hier ist ? Die weiß ihm zu antworten , daß er oft nicht weiß , was er sagen soll , so frappirt ' s ihn . Und das sage ich Euch , wenn sie heut zur Chokolade kommt , daß Ihr Euch nicht wieder das Maul verbrennt , Du vor allem , Karline . So ein Trampelthier merkt auch gar nicht , wie ich ihr neulich auf den Fuß trat . Denn sie ist zu ganz was anderm , weil sie ein feines sittsames Mädchen ist , und ' s noch weit mehr werden wird , und Ihr könntet mal froh sein , wenn Ihr ihr die Schuhbänder zumachen dürft . Aber Mädchen , was hast Du Dir wieder die Schuhe schief getreten ! Bei dem Dinge hilft doch auch keine Vernunft . Und wie breit der Fuß wird , das kommt davon , wie Du beim Tanzen ranzest . Die Jülli hat noch ein ganz schmales Füßchen ; aber die hält auch auf Anstand . Und das neue Kleid , zu Weihnachten erst hast Du ' s gekriegt , und wie sieht ' s schon wieder aus , daß Gott erbarm ! « » Ma chère tante , wann krieg ' ich das bombasin Kleid ? « » Ei was , lass ' Dir ' s von den Herren schenken . « » Die Herren sind nicht so generös . « » Wenn sie Dich so mit den Beinen schlenkern sehen unter dem Stuhl , und so rekeln mit dem Ellenbogen über die Lehne , da sollen sie sich wohl Wunder was vorstellen , was Ihr seid . Zu meiner Zeit , sag ' ich , kerzengrad saßen sie auf dem Stuhl , und so schlugen sie die Augen nieder , wenn ein Herr zu ihnen sprach , aber da verstanden sie auch zu bitten , und da waren die Herren auch generös . « » Man soll die Herren nicht rupfen . Das haben ma chère tante immer gesagt . Na nu , ist ' s nu nicht wahr ? « » Sie unverschämtes Geschöpf ! Was das für Reden sind in meinen Apartements ! Wenn ' s Ihr nicht mehr gefällt , werd ' ich Ihr ' nen Stuhl vor die Thür setzen . Dann mag Sie sehen , wo ' s Ihr besser gefällt . Denn überhaupt soll ' s anders werden bei mir . Ja , ja , meine Damen , das merken Sie sich , ich will keine Pension , wo das pöbelhafte Wesen nicht rausgeht . Ein Wort kostet mich ' s , und Sie wird nach Spandow zurückgeschafft , Mamsell Karline , da , wo ich Sie herholte , auf den Kietz . Wird ' s Ihr besser gefallen , barfuß im Kahn und Plötzen schuppen , oder Winters beim Kienspahn Netze flicken ? Ihre Finger sahen ja aus , mit Respekt zu sagen , wie Pfoten , roth und geborsten , und hab ' ich das für meine Mühe , daß ich sie mit Mandelöl und Kleie weich kriegte und in Handschuhen schlafen ließ ! Sag ' ich doch , wer Dank säet , der wird Undank ernten . « Es klingelte , der Chokoladengast stand im Zimmer . Ein Livreebedienter , der die verfeinerte Haushaltung der Frau Obristin seit einigen Tagen repräsentirte , hatte Adelheid abgeholt . » Nein , sage ich doch , nicht wie ein Fräulein , wie eine Prinzessin . Und mit jedem Tag , möcht ' ich sagen , gewachsen ! « » Das kommt nur vom langen Kleide , « lächelte Adelheid , und war mit raschem , sicherm Schritt , nach einer flüchtigen Begrüßung der Tante , zu den Nichten geeilt , die sie mit der natürlichsten und zuvorkommendsten Herzlichkeit küsste . Sie schalt und bedauerte , daß sie gar nicht zu ihr kämen ; die Nichten waren verlegen . War ' s der scharfe Blick der Tante , war ' s die überwiegende Erscheinung des in der Fülle ihrer Schönheit strahlenden Mädchens . Aber der Strahl aus dem klaren Auge goß in die getrübten der unglücklichen Geschöpfe von seinem Licht . Sie fühlten sich in einer andern Atmosphäre , die etwas von ihrem heilenden Balsam auch auf sie träufelte . Die Obristin hielt es für gut , allein das Wort zu führen . Ihre Lippen flossen über vom Lobe der braven Eltern , die wohl mehr zu thun hätten , als solchen Besuch zu empfangen . Sie wisse wohl , was der Herr Kriegsrath und die Frau Kriegsräthin für die Erziehung ihrer Tochter thäten , und da wäre es ja ausverschämt , sich aufdrängen wollen . Aber um so mehr schätze sie es und rechne die Ehre sich an , daß sie ihrem Lieblingskinde erlaubt , sich ein Stündchen in ihrem schlichten Hause zu gefallen . Sie wäre nun eigentlich in rechter Verlegenheit , worüber mit einer solchen feinen Dame sprechen , die so viel schon wisse , und noch viel mehr von solchen Lehrern lernen würde . Adelheid war ihrerseits aber gar nicht mehr in Verlegenheit . Sie , was man nennt » kappte « die Obristin durch kurze natürliche Antworten , und schon vor der Chokolade war das Gespräch im lebendigsten Gange , denn es betraf das neue , feine Kleid , das der Vater ihr geschenkt und die größte Aufmerksamkeit der Nichten erregte . Das Zeug , der Laden , wo es gekauft , der Kaufmann , seine Waren , Preise , es ward alles ausführlich behandelt , die Krone der Verwunderung aber blieb , daß Adelheid und ihre Mutter es selbst zugeschnitten und genäht , » und sitzt wie angegossen , « rief die Tante , » nu seht , wenn Ihr das könntet ! Und Mamsell Kriegsräthin thut ' s nur zum Plaisir . Denn ihr Herr Vater würde ihr ja gern den ersten Schneider ins Haus schicken , und später werden ihr ganz andere Leute Kleider machen lassen . Ja , ja ! « Das Lächeln der Obristin gefiel Adelheid nicht , auch mißfiel ihr , daß die Tante immer , um sie herauszustreichen , ihre Nichten demüthigte . Ohne sie zu beachten , erbot sie sich deshalb gegen Jülli , wenn sie ein neues Kleid bedürfe , es ihr zuzuschneiden , auch , wenn sie es wünsche , ihr Unterricht im Schneidern zu geben , so gut sie es eben könne . Die Tante war von dem Anerbieten sehr gerührt , bei der Jülli könnte es vielleicht noch anschlagen , aber die Karline wäre gar zu faul : » Wer den Unterricht zu schätzen weiß , und was lernt , aus dem kann alles werden , und oft habe ich ihnen das gesagt . Nun sehen sie es mal mit Augen vor sich . Ja , mein liebes Engelchen , - verzeihen Sie schon , Fräulein Adelheid , daß ich so zu Ihnen rede , aber ich kann gar nicht anders , wenn ich Ihnen ins liebe Gesicht sehe , - ja , das muß ich Ihnen auch sagen , seit ich die Ehre habe , Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben , da ist mit Ihnen auch schon eine Veränderung vorgegangen . Ach , Sie haben einen vortrefflichen Lehrer . « Adelheids Gesicht leuchtete auf : » Kennen Sie ihn ? « » Habe nicht die Ehre , aber ich wollte wetten , er heißt Cupido . « » Nein , er heißt van Asten . Und seine Stunden sind gar nicht wie Stunden . Es plaudert sich so fort , und sind immer zu End ' , ehe wir es versehen . Ich schäme mich zuweilen , wenn er fort ist , daß ich so wenig aufgeschrieben habe , aber wenn ich mich hinsetze , um es niederzuschreiben dann muß ich oft einen ganzen Tag schreiben und noch mehr . Ich thue es nun gar nicht mehr , denn ich behalte doch alles auswendig . « » Ist ' s die Möglichkeit ! « » Manchmal ist ' s mir wie einem Vogel zu Muthe , als schwebte ich hoch in die Luft , unter mir sähe ich Berge und Städte und Flüsse . So weiß er das alles klar zu machen , wenn er erzählt . Da ist mir oft , als müßte ich das Umschlagetuch zusammenziehen , wenn er die kalten Länder beschreibt , wo ewiger Schnee liegt und Eis . Und wenn er die heißen schildert , da wird ' s mir so heiß , so heiß - ach , ich rede gewiß recht dummes Zeug , es ist nur gut , daß es Herr van Asten nicht hört . « » Ach , liebe Seele , Engelchen , das versteh ' ich . Wer das einmal gekostet hat , wie ' s draußen schön ist in der Welt , der möchte immerfort fliegen . Na nu versteht sich , fliegen kann keiner von uns , denn wir haben keine Flügel . Aber zwei Füchse vorgespannt vor den Wagen , oder noch besser viere , Extrapost , und nun , Schwager , ins Horn gestoßen und geknallt , über Berg und Thal , und Sonnenschein und überall geputzte und frohe Menschen . Das ist ein Leben , mein Engelchen . Berlin ist eine hübsche Stadt ; aber , ach Gott , was giebt ' s noch für andere ! Das zu sehen und sich erklären zu lassen ! Und Herr van Asten müsste neben Ihnen im Wagen sitzen ! Na , das wäre doch ein Leben wie alle Tage Sonntag . Ihnen gönne ich ' s. ' S kommt auch mal so . Was man sich wünscht , das kommt . « Adelheid schwieg betroffen . Hatte sie sich denn das gewünscht ? » Nein , liebe Frau Obristin , daran habe ich gar nicht gedacht . Neulich , da schämte ich mich fast , daß ich noch nicht in Potsdam gewesen , und daß Sie aus Leipzig kamen , aber jetzt - jetzt ist mir gar nicht , als wenn das nöthig wäre . Wenn Herr van Asten mir von den fremden Ländern erzählt , so brauche ich gar nicht zu reisen . « » Ist das ein himmlisches Gemüth ! - Und wie sie die Chokolade nippt , seht Euch mal das an . Wo sitzt auf ihren Lippen nur ein Tröpfchen , und wie Ihr immer schlürft . Die Schaale fasst sie doch an , als hätte sie ' s bei Hofe gelernt . - Nu müssen Sie auch mal in die Untertasse sehen , das ist ein Spiegel , da sieht Adelheidchen sich selbst . « Adelheid ließ die Porzellantasse beinahe fallen . » Die Venus ! das ist ja die Venus ! « kreischten die Mädchen . Die Tante wollte über die Atrappe sich ausschütten vor Lachen , aber als sie Adelheids Verlegenheit bemerkte , nahm sie rasch die Untertasse in die Hand , und meinte , da müsste sie sich vergriffen haben , denn sie habe noch eine Tasse , wo die Venus ein Umschlagetuch hat . Adelheid hatte wohl von der Venus gehört , aber in der Mythologie und Geschichte sollte der Unterricht später anfangen , weil Herr van Asten sie zuvor die Erde und ihre Bewohner , wie sie ist und sind , habe kennen lernen wollen , ehe er zu den Menschen überginge , die vormals gelebt , und was sie geglaubt und sich vorgestellt . Dagegen entwickelte die Frau Obristin in dieser Wissenschaft einige Kenntniß und schien sie mit Vergnügen auszukramen . Sie wusste namentlich viel von Najaden und Dryaden , von den Metamorphosen , und sogar von Ovid , der ein charmanter Dichter gewesen , daß Adelheid über ihre Gelehrsamkeit erstaunte . Sie hatte auch in ihrer Jugend bei Hofe den kleinen Schauspielen zugesehen , wie man die Götter und Göttinnen anzog , und den Engeln Flügel anband . » Da könnte ich wohl manches von erzählen , was Herr van Asten nicht wissen wird , denn er war nicht dabei . Liebes Kind , Sie müssen nur denken , die Leute waren damals spaßiger als jetzt , das wird auch Herr van Asten wissen , und Böses war nichts bei . Denn die wurden blos so Heidengötter genannt , wir kannten uns ja Alle , als gute Christen , und alles Tricots , pfui , wenn Einer denken könnte , daß es was anders war . Der Herr Kammerherr könnte Ihnen davon erzählen - ich weiß auch gar nicht , wo er bleibt ; er wollte noch mit einem vornehmen Herrn vom Hofe zur Chokolade bei mir ansprechen - nein , sag ' ich Ihnen , der weiß die ganze Mythologie auswendig . Venus , das war die Mutter vom Cupido oder Amor , und ihr Vater war Jupiter und sie war aus Meeresschaum geboren , und die Kinder vom Amor waren Amoretten . Wenn der Herr Kammerherr die Amoretten anzog , das war zum Todtlachen ; Kinderchens , nicht größer als so , mit Papierflügeln , einem Gürtel um den Leib , und Alle an einem langen Strick gebunden , der so hing , und wenn sie artig blieben , und nicht zappelten , kriegte Jede nachher einen Honigkuchen . Ich selbst war mal ein Cupido , na , Engelchen , das war eine Geschichte , wenn ich daran denke ! Sehn Sie , so stand ich mit einem silbernen Pfeil und sollte ihn Jemand ins Herz stoßen , versteht sich nur von Pappe und Schaumsilber ; aber wenn ich Ihnen den Jemand nennte , da würden sie Augen und Ohren aufsperren ! Es war ein sehr reicher und vornehmer Herr , und wurde nachher noch vornehmer und reicher . Ach , und ein Herz und ein Gemüth , so gut wie ein Kind . Da gab ein Jeder gern sein Liebstes hin , wenn dem guten Herrn eine Freude damit geschah . Und wie generös ! Da wurden die Goldstücke nicht gezählt ; nur so in der Hand gewogen . Und einmal , es war nämlich in einer kleinen , engen Gasse , da neben der Spandauerstraße , zwei Stock hoch , in einem finstern Hause , Treppen so grade rauf , wie ' ne Leiter , und stockduster , daß man sich Hals und Bein bricht , da kommt der Herr eines Abends rauf . Gott bewahre , er wird nicht allein ausgehen , Einer in Livree vorauf , und zwei Herren begleiten ihn , Alle in großen Mänteln . Nämlich er hatte in Dresden ein Bild gesehen , von einem gewissen Titus oder Tilian , darauf kommt ' s nicht an . Es stellte eine Venus vor , die auf einem Kanapee ruht , und es hatte ihm so gefallen , daß er gar nicht die Augen wegkriegen konnte . Da hatte Jemand zu ihm gesagt : Gnädiger Herr , ich weiß in Berlin ein Original dazu ; das hier ist ihm wie aus den Augen geschnitten . Wie der vornehme Herr dazu den Kopf schüttelte und meinte , das halte er für ganz unmöglich , denn so was gebe es gar nicht lebendig , sagte der Andre : Wenn gnädigster Herr sich dafür interessiren , so käme es ja nur auf die Probe an . Ich weiß , der Mann , dem es gehört , würde es sich zur größten Ehre schätzen . Sehen Sie , so war der Hergang . « Adelheid wollte nach Hut und Handschuh greifen . Warum wusste sie nicht , aber sie war unruhig geworden . Die Obristin fasste sie am Ann : » Engelchen , liebes , Sie ängstigen sich doch nicht ? Das war nur , was sie lebende Bilder nennen , lassen Sie sich ' s nur von Herrn van Asten erklären , und der hat sie auch gar nicht gesehen , Gott bewahre , der Vorhang ist gar nicht aufgegangen von wegen der silbernen Leuchter , denn darin hatte er ' s versehen . Die Stube sah Ihnen doch wie ein Paradies aus . Da hatte er Blumen und Bäume von Winkel-Bouchés bringen lassen , und Wachslichter hinter die Büsche , und oben hatte er sich vom Theater eine Lampe geborgt , ganz blaß , die sah wie Modenschein aus , und hinten war die rothe Gardine zum Zurückschlagen , und davor zwei große Bäume , das waren aber Tannen aus dem Thiergarten , und da huckten oben zwei Amoretten , sie waren angebunden , aber nicht ganz fest . Und Räucherpulver war auf ein Kohlenbecken gestreut , das war so verdeckt , daß es wie ein Altar aussah , und die kleine Stube roch Ihnen süß und schön . Ich musste nun dahinter kauern , und wenn er einträte , sollte ich vorspringen , und ihm den Pfeil auf die Brust halten , und die Worte sprechen : O edler Menschenfreund , Dein tugendhaftes Herz , Wenn dieser Pfeil es trifft , so sei es nicht zum Schmerz , Wenn dies ihr Tempel war , ist er von jetzt ab Dein , Und sei Du Phöbus nun in diesem Mondenschein . Nu können Sie sich vorstellen , Engelchen , wie mein Herz schlug , als ich ihn die Treppe raufkommen hörte ; Herr Jesus , ich glaubte doch , mir würde es in der Kehle stecken bleiben . Und der Mann von der Frau , der stand auch so und japste an der Thür ; er war auch baumgroß mit einem Tressenrock , und weißseidenen Strümpfen . - Und die weißen Handschuhe zitterten nur so , wie er die Armleuchter hielt . Und wie der Herr draußen die letzte Treppe rauf steigt , - wir hörten ihn husten , - er nun , mit dem Fuß die Thür zurückgeschmissen , und raus , da sinkt er beinah in die Kniee und leuchtet runter : Mein gnädigster Herr , das ist zu viel Sonnenschein in mein armes Haus ! Der Herr nun , der nicht weiß wie ihm ist , hält den Arm vor ' s Gesicht , und stolpert just , wie er ruft : Verfluchter Kerl ! Das hab ich selbst gehört ; das andre hab ' ich nicht gesehen , das haben sie mir gesagt . Nämlich darüber hat er die Balance verloren , und drei Stufen rutschte er , und hätte ihn der Andre nicht gehalten , wäre er gefallen . Da schrie es : Lichter aus ! Aber da hatten sie schon auf den dritten gestoßen , der helfen kam , und der kriegte den Schuß . Das hörte ich poltern . Und da riefen sie von unten : Licht ! Licht ! Aber dann schrien sie wieder : Nein , kein Licht ! Der Bediente aber , der oben gehuckt , war nun wie ein Satan zugesprungen , dem Mann hatte er die Kerzen ausgeblasen und stieß ihn , daß er in die Stube zurückfiel . Aber nun stellen Sie sich vor . Ich , wie ich meine , daß er reintreten muß , war mit dem Pfeil aufgesprungen und stoße ein Bischen ans Kohlenbecken ; derweil aber ist sie schon rausgesprungen , und eh ' ich mich ' s versehe , krieg ' ich ' s um die Ohren : Du - die Schimpfworte will ich gar nicht sagen - das ist ja zu früh ! Darüber purzelt der Altar um , und die Kohlen kullern . Nu wär ' noch alles gegangen , aber die kleinen Engelchen , nämlich die Amoretten , sind angestoßen von ihr , wie sie rausspringt , nämlich die großen Tannenbäume , und wo sie hinschlug , wuchs kein Gras . Diese Engelchen waren nun runter gerutscht vom Ast , aber weil sie angebunden sind , konnten sie doch nicht runter , also zappelten sie Ihnen und schrieen Ihnen gottserbärmlich . « » Ach Gott , die armen Kinder ! « rief Adelheid . » Und im ganzen Hause schrieen sie , und das war ein Thürenklappen : Herr Gott , was ist denn los ? - Da schreit ' s mit einem Mal Feuer , und der Nachtwächter tutet , und es war auch Feuer , denn die Kohlen waren an die Gardine gekommen , und die brannte hell auf . Na , der Mann , das muß man ihm lassen , schnell wie der Wind , runter die Gardine , ausgetreten , aber auf der Straße hatten sie den Schein gesehen , und nun tutete es durch die Stadt noch eine Stunde . « » Aber die armen Kinder ! Was ward aus denen ? « » I , die haben sie runter geschnitten und links , rechts ein Bischen , dann nach Haus . Ich kriegte auch ' nen Katzenkopf ; da musste man schon nicht drauf sehn . Aber der Mann und die Frau , nein , ich sage doch , wenn gemeine Leute ohne Bildung in Rage sind ! Einer auf den Anderen los , daß er ' s verdorben hätte . Mit dem silbernen Leuchter schlug er ihr ins Gesicht ; sie hatte ihm aber vor den Bauch getreten , das muß man auch wissen . Todt geschlagen hätten sie sich und Gott weiß was , wenn nicht die Polizei kam ; die riß sie auseinander . « » Die Polizei ! « Es überrieselte Adelheid , sie war schon aufgestanden . Sie hatte die Polizei nur auf dem Markte gesehen , oder wenn sie einen Dieb einbrachte , aber sie wusste doch , daß es etwas Schlimmeres war , wo die Polizei kam . » Gott sei Dank , die kam aber erst , als der Herr fort war . Das war noch ein Glück . Aber der Bediente und der Andere konnten kaum den Einen fortschleppen , so war er auf die Hüfte gefallen . Hatte sich was gebrochen . Und der Herr trägt ' s heute noch - « Sie verstummte plötzlich . Im Eifer der Erzählungslust hatte sie nicht bemerkt , daß der Kammerherr von St. Real im Zimmer stand . Er verbeugte sich ehrerbietig vor Adelheid : » Verzeihen Sie , mein Fräulein , wenn ich auf einige Augenblicke die Frau Obristin Ihrer Unterhaltung entziehe . Nur einige dringende Worte - « Adelheid erklärte , sie wolle nicht stören , sie müsse nach Hause . Warum sie das musste , wusste sie selbst nicht , aber sie musste , das war ihr klar . Den eigentlichen Zusammenhang der Geschichte hatte sie nicht gefasst ; ihre Aufmerksamkeit war bei den armen Kindern haften geblieben , die mit Stricken am Baume hingen . Sie dachte an die unglücklichen Geschöpfe , welche die Seiltänzer ihren Eltern stehlen und die auf immer verloren gehen . Wie herzergreifend hatte die Frau Obristin im Dorfe erzählt . Es war der Gedanke des Verlorengehens , die Vorstellung , daß ja ein ganz unschuldiger Mensch zufällig in dem Hause hätte sein können . Mein Gott , wenn auch sie Jemand dahin geführt hätte , um das Bild zu sehn , und dann der Feuerlärm , die Polizei ! Es drückte sie centnerschwer . Die Bilder an der Wand schielten sie so seltsam an , so herausfordernd , fast alles mythologische Darstellungen ; sie hatte sie früher nicht genau betrachtet , jetzt schlug sie die Augen nieder . Wenn sie nur erst hinaus wäre , wollte sie die Mutter bitten , sie nie wieder in das Haus zu lassen . » Ich kam in der Absicht , « sagte der Kammerherr , » das Fräulein um die Ehre zu ersuchen , Sie in meinem Wagen zu Ihren Eltern zurückfahren zu dürfen . Vorhin begegnete ich Ihrem Herrn Vater , dem Kriegsrath , und er erlaubte mir , diese Bitte an Sie zu richten . Wenn ich Ihre Zustimmung habe , vergönnen Sie mir nur einige Momente mit Ihrer würdigen Wirthin . « Das Zwiegespräch in