drohende Gespenst meiner gemordeten Liebe folge Deinen Schritten ! Einer Prophetin der Zukunft gleich stand Ines vor dem Fürsten , der bleich und zitternd das Auge vor der erhabenen Cassandra der Rache nicht aufzuschlagen wagte . Noch einen Blick warf sie auf ihn , in dem sich eine grauenvolle Tiefe des Hasses offenbarte . Dann wandte sie sich schweigend ab . Vernichtet , gleich einem flüchtigen Verbrecher , stürzte der Fürst hinaus . - - - Ines aber sank , als die Schritte des Fürsten verhallten , in sich zusammen , - - und brach in ein schmerzliches Schluchzen aus . - Sie liebt ihn noch immer - sagte Alice zu sich , mit tiefem Mitleid auf die Trostlose herabblickend . - Ermannt Euch , Sennora - sagte sie nach einer Pause , während welcher Ines ' Thränen unaufhaltsam geflossen . - Er ist Eurer Thränen nicht werth . Das Weib mag lieben , heiß und hingebungsvoll , - - aber die Kälte wird , ohne eine Thräne dem Auge zu entpressen , in das Herz einziehen , wenn es den Geliebten als feigen Verräther erkannte . - Ihr irrt - erwiederte Ines , sich aufrichtend - wenn Ihr meint , daß meine Thränen ihm gelten . Nein , über mich selbst weine ich , über mein verlorenes Leben , über das Andenken an jene Zeit , die ich nicht vergessen kann , über das Schicksal , das mich verdammt hat , eine kurze Seligkeit mit Allem , was der Mensch liebt und verehrt , zu bezahlen . - Habt Ihr Euch selbst nicht verloren , so habt Ihr nichts verloren ; es giebt keinen Verlust , als den des Glaubens an sich selbst . Die Spanierin sah Alicen mit einem großen Blicke an . Sie ahnte die Größe , mit welcher Alice von dem Weibe dachte und sah mit fragender Bewunderung zu dieser Höhe hinauf ; aber sie fühlte zugleich , daß eine gewisse Kälte der Reflexion dazu gehörte , um sich in dieser erhabenen Region heimisch zu fühlen ; eine Kälte , der sie nicht fähig war . Haß und Liebe , beides mit derselben Glut , waren die beiden Pole , zwischen denen ihre Empfindung wählte ; dazwischen gab es keinen Ruhepunkt für sie . Sie haßte , wo sie nicht lieben konnte , und liebte , wo sie nicht hassen konnte . Aber weder für ihren Haß noch für ihre Liebe war sie sich der Gründe bewußt ; über ihre Empfindung gab es nur eine Richterin , die Empfindung selbst . - Ihr habt wohl nie geliebt ? - - fragte sie nachdenklich . Alice lächelte , wie über die Frage eines Kindes . Sie wollte eben antworten , als die Thüre sich öffnete und der Pater , Salvador an der Hand haltend , eintrat . Mutter und Sohn stürzten mit einem lauten Schrei einander in die Arme . - Sie müssen zum Prinzen gehen - sagte leise der Pater zu Alice . - Es muß irgend Etwas sich ereignet haben , was vielleicht für uns von Bedeutung ist . Ich wage meine Ahnung noch nicht auszusprechen , die Reden des Knaben waren zu verworren . Haben Sie etwa bemerkt , daß Salvador zu Lydia eine - - mehr als kindliche Hingebung fühlt ? Es ist freilich noch ein Kind , indeß - - Alice dachte an die heutige Verwirrung Lydia ' s in dem Augenblicke , wo sie ins Zimmer trat . - Es ist möglich - sagte sie langsam . - Und der Prinz hat Lydia schon früher gekannt ? - Erst heut habe ich erfahren , daß er es war , welcher in Straßburg ein Verhältniß mit ihr angeknüpft hatte , ehe sie von dort entführt wurde . - Dann ist kein Zweifel mehr ! - erwiederte Angelikus . - Und sie war auf so gutem Wege . - Sie setzen wenig Vertrauen in die Fesseln , welche die frommen Seelen an den Himmel binden . Die Liebe zum himmlischen Bräutigam wird jeden unheimlichen irdischen Funken wie die Sonne den kleinsten Stern überstrahlen . - Spotten Sie immerhin ; doch sorgen Sie wenigstens , daß nicht auch Sie Ihre Gewalt über Lydia verlieren - - vielleicht wird sie selber dann eine Fessel , in der wir ihren Geliebten für uns gewinnen . Dann brauchen wir den Fürsten nicht mehr . - Sie haben recht . Verlassen Sie sich auf mich . Jetzt leben Sie wohl , und - - Auf längere Zeit . Wir - er zeigte auf Ines und Salvador - verlassen noch heute Berlin . Unser Geschäft ist hier beendet . - Was geschieht mit Gilbert ? - Wenn er nicht heute Nacht noch stirbt , so dürfte er gerettet sein . Ich lasse ihn unter Ihrer Obhut . Der Fürst aber darf ihn nicht wiedersehen . - Es ist gut . - - Kommt , Sennora . Es ist Zeit . Der Morgen graut schon , wir müssen eilen , ehe der Kampf wieder losbricht , das Thor zu erreichen . Alice umarmte Salvador , drückte seiner Mutter herzlich die Hand und setzte sich dann an das Bett des Kranken . Die drei aber verließen still das Gemach . XVI Nach einer kurzen zweistündigen Ruhe hatte der Kampf wieder begonnen . Aber Kämpfer wie Kampfplatz boten eine völlig veränderte Physiognomie dar . Die leidenschaftliche Wuth des vorhergehenden Tages , der tiefe Ingrimm über am Volke vielfach begangenen Verrath war einer kalten Entschlossenheit , die regellose wilde Tapferkeit , mit welcher die Barrikaden vertheidigt und die Wachen gestürmt worden waren , einer festen Disciplin gewichen , welche ein durchaus revolutionäres Gepräge trug . Einen halb kindischen , halb rührenden Anblick gewährte die ernste Würde und Grandezza , mit der die wackern Proletarier einen alten Säbel oder eine Flinte über die Schulter , um die grauleinenen Beinkleider ein rothbuntes Schnupftuch statt der Schärpe geschlungen , den groben Strohhut verwegen auf die Seite gerückt , ihre Posten bezogen . Auf den Barrikaden wurde es früh lebendig . Auf wenige Augen hatte sich in dieser Nacht der Schlaf gesenkt , aber welch ' Unterschied zwischen denen , die hinter den Barrikaden , und denen , welche vor ihnen erwachten . Jene voll lachenden Muthes und frischer Thatkraft blickten , auf ihre Flinte gestützt oder am Wachtfeuer sitzend , dem dämmernden Morgen entgegen , der das Signal zum neuen Kampfe werden sollte , diese lagen , in ihre grauen Mäntel gehüllt , ermattet am Boden und starrten in dumpfer Betäubung oder angstvollem Hinbrüten in die Nacht hinein . Wie konnte es anders sein . Das kämpfende Volk sah aus seinem Blute unvergängliche Lorbeern sprießen . Darum war es siegesfroh und kampfesheiter . Mochte es siegen oder untergehen : gleichviel , dort winkte ihm die Palme des schönsten Sieges , hier die Immortellen-Krone des blutigen Märtyrerthums . Anders ihre Gegner . Der Sieg im unheiligen Kriege gegen ihre für die Freiheit kämpfenden Brüder brachte ihnen keinen Ruhm . Die Sturmglocke ließ dumpfes Gewimmer ertönen . - - Die Kämpfer eilten auf ihre Posten . - - Von Neuem entbrannte der Kampf . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Auf den trümmerbedeckten Straßen hatte die Kampfeslust ihre blutigrothe Fahne aufgepflanzt - eine Welt voller Schmerz und Lust , voll unsäglichen Leidens und unvergeßlichen Entzückens . - - - Aber dort in dem heiligen Tempel seligen Friedens , wo auf rosenbedecktem Throne die Liebe ihr purpurglühendes Banner entfaltet hatte , hielt noch die von freundlichen Träumen bewachte selige Ruhe der tiefsten Gewährung die Glücklichen umfangen . - - Klagend schallte die Sturmglocke herüber , ihr Geheul schwamm wie das Schwanenlied der Freiheit auf den Wogen der Morgenluft über die ruhelose Stadt . Der Prinz erwachte - - hatte er von Kampf und Blut geträumt ? - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Eine Stunde später ging Lydia am Arme des Prinzen durch den noch ohne Blätterschmuck dastehenden Park . Die Sonne schien freundlich durch die Zweige , von denen einige bereits von ihrer Wanderschaft zurückgekehrte Frühlingssänger ihr Lied ertönen ließen . Plötzlich stand Alice ihnen gegenüber . Sie wollte ihren Augen nicht trauen , als sie das ihr entgegenwandelnde Paar erblickte . Sie konnte es nicht begreifen , wie diese beiden ernsten Charaktere in diesem Augenblicke , wo draußen die Frage des Jahrhunderts gelöst wurde , es hatten über sich gewinnen können , aus jedem Zusammenhange mit der blutenden und freiheitschwärmenden Welt da draußen so völlig herauszutreten . Lydia war ein Weib ; ihr verzieh sie , und als sie in das glückstrahlende Auge ihrer Freundin blickte , da öffneten sich ihre Arme - und Lydia stürzte weinend hinein . Auch der Prinz fühlte sich von dem ernsten Wesen Alicens sonderbar erregt . Er fühlte , daß er den Vorwurf , welcher darin lag , verdiene . So sonderbar hatten diese so verschiedenen Charaktere ihre Rollen getauscht . In Alicen , deren Leichtsinn in der Politik an Frivolität grenzte , war durch die großen Scenen der jüngst durchlebten Revolutionsnacht eine erhabene Wehmuth erweckt worden , die sie den beiden Liebenden gegenüber als eine düstre Schwärmerin erscheinen ließ . - Sie sind glücklich , mein Prinz - sagte mit Bitterkeit lächelnd Alice . - Sie wissen , wie sehr ich es Ihnen gönne . Aber erlauben Sie mir , Sie daran zu mahnen , daß der heutige Tag ein Tag des Handelns und des Ernstes , nicht des Liebens und des Scherzes ist . - - O , ich will Ihnen keinen Vorwurf machen ; aber eilen Sie , ehe es zu spät ist . Das Haus Hohenzollern hat sein Brennusschwert in die eine Wagschale geworfen , das Volk ist bereit , in die andere die königliche Krone zu werfen , um das Gleichgewicht wieder herzustellen . Eine Stunde des Kampfes noch - und der Sieg ist unser . - Wehe dann den Besiegten ! Der Prinz erbleichte . - Was ist zu thun ? - fragte er hastig . - Eilen Sie auf ' s Schloß und bewirken Sie das Einstellen des Feuerns . Lassen Sie die Soldaten zurückziehen , damit nicht das verhängnißvolle trop tard ! auch an dem Hause Hohenzollern zur fürchterlichen Wahrheit wird . Rasch verließ der Prinz die beiden Frauen , welche schweigend sich dem Gewächshause zuwendeten . Als sie dort anlangten , reichte Alice ihrer Freundin die Hand und sagte ihr Lebewohl . - Du willst mich verlassen - fragte diese erschrocken . - Ich lasse Dich in den Armen der Liebe zurück - sagte jene traurig ; denn sie ahnte , daß das Glück Lydias nur kurze Zeit dauern werde . - Ich warte das Ende des Kampfes ab und dann wandre ich zum Thore hinaus . Meine Mission ist hier beendet . Ich gehe nach dem Norden . Der Ausgang jenes denkwürdigen Kampfes in der Nacht vom 18. bis 19. März ist bekannt . Am Morgen des 19. - es war ein Sonntag - wurde das Feuern eingestellt und das Versprechen gegeben , daß die Soldaten sich zurückziehen sollten , sobald das Volk die Barrikaden niedergerissen hätte . Nur wenige Barrikaden gingen diese Bedingung ein , die meisten blieben , wie sie waren . Dennoch gab man im Schlosse nach ; man war schwankend geworden theils durch die eigene Anschauung , theils durch die Schilderung der unbezähmbaren Wuth und der unerschütterlichen Entschlossenheit des Volks . Die Minister von Bodelschwingh , von Thiele , von Eichhorn hatten schon in der Nacht in eiliger Flucht die Stadt verlassen . Auch der Prinz von Preußen hatte es für nöthig gehalten , sich dem Anblick des erbitterten Volkes zu entziehen , das - ob mit Recht oder Unrecht , wird wohl nie klar entschieden werden - ihm die Hauptschuld für das der Freiheit zum Opfer geflossene Blut beimaß . Ueber Tausend aus den Reihen des Volkes lagen theils verwundet in den Häusern umher , theils bedeckten sie als Leichen den blutgedüngten Boden . Außer denen , die später an ihren Wunden starben , hatten gegen dreihundert auf den Barrikaden den Tod gefunden . Unter diesen war auch der Camerad Ralphs , der junge Hartwig ; der alte Steiger , welcher jenem in prophetischer Ahnung sein Schicksal vorausgesagt , lag in einem Keller der Jerusalemsstraße . Beide Beine waren ihm durchschossen . Ralph war durch die Fürsorge Alicens in ihre Wohnung gebracht , und dort von seiner Schwester Anna treu gepflegt . Die Stadt , durch die Eleganz und Zierlichkeit ihrer breiten und geraden Straßen berühmt , bot jetzt einen ernsten Anblick dar ; die Trottoirs und das Pflaster waren aufgerissen ; die Wände der Häuser mit Kugelspuren bedeckt , die Dächer ihrer Ziegel beraubt , so daß die grauschwarzen Sparren sichtbar wurden , zwischen denen man in die schwarzen Böden hineinblickte . - - - - Der Kanonendonner war verstummt . Das Volk aber ruhte nicht ; es bestand auf der Ausführung der ihm gemachten Versprechungen , und verlangte , das Schloß umwogend , daß die Soldaten die Stadt verließen . Es geschah . Von Pulverdampf geschwärzt , sich kaum auf den Beinen haltend , mit zerrissener Uniform , zogen sie stumm , die Augen zu Boden schlagend , aus dem Schlosse heraus auf den Lustgarten . Ohne Klang traten sie den Rückzug an , die Linden hinab zu dem Brandenburger Thore hinaus . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Am dritten Tage begrub das Volk seine Todten auf dem Friedrichshain . Damals rechneten es sich die Behörden der Stadt , welche sich die Früchte der Revolution gut schmecken ließen , vielleicht weil sie selber die Saat gestreut , die das Volk mit seinen Thränen und seinem Blute begossen , zur Ehre , daß ihnen gestattet wurde , den unabsehbaren Trauerzug des Volks zu geleiten . - Es sind dieselben Behörden , welche acht Monate später für die Fortdauer des Belagerungszustandes Adressen sammeln und die am 18. März 1848 verstümmelten Proletarier nach der Ostbahn schicken , um Berlin von diesem » Gesindel « zu säubern . Als der Zug der Leichen das Schloß passirte , erschien der König auf dem Balkon und entblößte ehrfurchtsvoll das Haupt . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Die Bürgerwehr wurde organisirt . Berlin war von den untersten bis in die obersten Schichten hierauf umgewandelt . Der Vereinigte Landtag trat zum zweiten Male zusammen . Fürst Lichnowski gehörte zur gemäßigten Opposition , er strebte sichtbar danach , sich populär zu machen . Der Landtag hatte seine Arbeiten vollendet . Die » einigen Grundlagen der künftigen preußischen Verfassung « und das » Wahlgesetz « waren proklamirt worden . Das Volk murrte , aber es wartete auf die constituirenden Versammlungen . Die Wahlen begannen . Die alten doctrinären Liberalen standen im Vordergrunde . Man schickte sie nach Frankfurt und nach Berlin . Auch der Fürst Lichnowski wurde nach Frankfurt gewählt . Nicht sechs Wochen waren seit dem 19. März verflossen und die Contrerevolution begann die ersten Steine zu dem Fundament zu legen , zu dem prächtigen Pallast , den sie am 7. November vollendete und am 5. December einweihte . Der große Zug nach dem Friedrichshain am 4. Juni 1848 war das letzte Aufflackern des mächtigen revolutionären Geistes , und der letzte große friedliche Sieg des Volkes über das wiederauftauchende Bourgeoisphilisterthum . In demselben Maße , wie das Andenken an das , was man am 18. März gewollt hatte , abnahm , nahm die im Finstern schleichende Reaktion zu . Vergebens nährten die Redner der Clubs die Erinnerungen der Revolutionsnacht , vergebens wies die Presse auf die Fortschritte der Reaction hin : Der Geist der Revolution selbst , die Vorsehung des Volkes wollte es anders . Nur die vollendete Contrerevolution kann die Mutter einer vollendeten Revolution werden . Das ist die Lösung des Räthsels . Drittes Buch I Die Frankfurter Septembertage . Auf dem flachen sandigen Ufer des kleinen Belt , gegenüber der Nordspitze der Insel Alsen , bildet das Meer eine tiefe und breite Bucht , an deren innerstem Grunde sich die schleswigsche Stadt Apenrade anlehnt . Die rechte südliche Seite des Ufers zieht sich in einem weiten Bogen bis zur Mündung des Hafens hin , welche durch zwei kleine , mit den Ufern rechte Winkel bildende nach Norden und nach Süden auslaufende Landzungen scharf begrenzt ist . Die nördliche Landzunge war damals militairisch benutzt worden . In einer Entfernung von 50 zu 50 Schritten blickte die Mündung einer Kanone wie ein lauerndes Cyklopenauge über den Wall hinaus auf das Meer . Es waren im Ganzen vier 6- und zwei 24-Pfünder , welche diese Strandbatterie bildeten ; sie schien besonders dazu bestimmt , das Hauptquartier des General von Wrangel , welches sich in dem sich über die andern Häuser Apenrades erhebenden Schlosse des Kammerherrn von Stehmann befand , vor einem Ueberfall zu schützen . Die äußerste Spitze der südlichen Landzunge bildet ein kegelförmig gestalteter , grüner Hügel , an dessen mit dichtem Buschwerk besetzter Brust die weißschäumenden Wogen des unruhigen Beltes sich brechen . Ein schmaler , sich durch das hohe Gras hinwindender Fußsteig führt den Hügel hinan und endet auf seinem ein wenig abgeglatteten Gipfel , in dessen Mitte ein mächtiger moosbewachsener Stein in schräger Lage aus der Erde hervorragt , welcher - seiner regelmäßigen Form nach zu urtheilen - nicht durch den Zufall der Natur hierhergewälzt zu sein schien . Es war ein heißer Augustabend . Das Meer sandte seine ewig rollenden Wellen mit träger Langsamkeit an das glühende Ufer ; die Blätter der jungen Birken und Haselstauden auf dem Hügel hingen welk und glanzlos an den Zweigen nieder . Die ganze Natur lechzte nach Kühle und Erfrischung ; nur ein lebendes Wesen unterbrach die Stille : es war ein Kuckuck , der seinen weit hinschallenden melancholischen Ruf in langen regelmäßigen Pausen ertönen ließ . Die Sonne war hinter Apenrade niedergegangen , das Abendroth warf seinen dunkelrothen Wiederschein über den Hafen hin und einzelne Sterne zitterten bereits mit bleichem Lichte am tiefblauen , wolkenlosen Himmel . Da stieg ein Mann in einem blauen Staubhemde und breitrandigem Strohhut den Hügel hinan . Als er die Spitze erreicht hatte , zog er ein Fernrohr hervor , und warf durch dasselbe rings umher einen forschenden Blick , als wollte er sich überzeugen , daß er von Niemandem bemerkt worden sei . Seine Beobachtungen schienen ihn befriedigt zu haben , denn er legte Fernrohr , Stock und Strohhut auf den Boden nieder und setzte sich selbst auf den alten Stein . Nach einer kurzen Pause , während welcher er , wie es schien , nur mit seinen Gedanken beschäftigt , vor sich hinblickte , nahm er das Fernrohr wieder auf und richtete es in nordöstlicher Richtung auf das Meer , ließ es jedoch bald wieder sinken und nahm seinen Platz auf dem Stein wieder ein . Ein dumpfes Rollen , wie der schwache Donner eines fernen Gewitters , weckte ihn plötzlich aus seiner Träumerei . Rasch sprang er empor und setzte das Fernrohr abermals an das spähende Auge . - Ein Freuderuf entfuhr seinem Munde . - Ah , sie haben Wort gehalten - murmelte er vor sich . - Beim Teufel , es war hohe Zeit . Wer mit unbewaffnetem Auge auf das bereits ins Dunkel versinkende Meer hinausgeblickt hätte , würde wahrscheinlich den kleinen dunkeln Punkt am nordöstlichen Horizonte übersehen haben , der dem Unbekannten ein so großes Vergnügen verursachte . Aber in dem trefflichen Glase des Rohrs zeichnete sich deutlich eine große dänische Fregatte ab , welche mit vollen Segeln auf den Hafen lossteuerte . Der Fremde ließ jetzt wiederum sein Fernrohr sinken , vielleicht weil die schnell herannahende Nacht das Schiff seinen ferneren Beobachtungen entzog , vielleicht auch , weil er nichts weiter zu beobachten hatte . Aber er setzte sich nicht wieder , sondern starrte fortwährend auf das Meer hinaus . Eine volle halbe Stunde mochte vergangen sein , da ließ sich ein regelmäßiges leises Plätschern hören , welches dem Ufer sich näherte . Endlich schwieg das Geräusch . Man vernahm deutlich , wie ein Boot dicht bei dem Hügel auf das Ufer gezogen wurde . Darauf erscholl von unten herauf ein helles Pfeifen . - Bravo , mein Bursche ! - sagte lächelnd der Fremde , indem er seinen Strohhut aufsetzte . Darauf zog er den Knopf seines Ziegenhainers an den Mund und antwortete mit einem ähnlichen Pfiff . - Hallo ! - fluchte eine tiefe Stimme unten . - Zum Teufel mit diesen verdammten Dornsträuchern , die einen ehrlichen Kerl fester halten , als die breiteste Sandbank , und ihn ärger schinden , als das spitzeste Riff . - Wendet Euch rechts , Capitain ; - rief der Fremde hinunter - ein Dutzend Schritte am Ufer hin , da findet Ihr den Steg . - - Nun , was giebts jetzt wieder ? Diese letzte Frage galt einem neuen Ausruf des unten Tappenden , der aber mehr aus Verwunderung , als aus Unwillen zu entspringen schien . - Nisten in dieser erbärmlichen Wüste auch Wölfe ? Es wollte mir fast scheinen , als hätte ich so was durchs Gebüsch schlüpfen sehen . - Na , Gott sei gelobt , wir sind zur Stelle - - guten Abend , Lieutenant ! Doch wie ? seid Ihrs wirklich ? In solchem Aufzuge ? Ihr seht ja aus wie ein wandernder Bänkelsänger . - Laßt das jetzt , Capitain , es ist spät , und ich muß bald ins Quartier zurück , wenn ich nicht vermißt werden soll . Doch zuvor sagt , was meintet Ihr vorher mit dem Wolfe ? - Er warf bei diesen Worten einen unruhigen Blick auf das Gebüsch . - Ah , bah ! Was wirds gewesen sein ? Eine alte Eule , die wir im Schlafe gestört - erwiederte der Neuangekommene , ein derber , kräftiger Seemann , mit gebräuntem Gesicht und starkem Schnurr- und Knebelbart . - Seid Ihr allein gekommen ? - fragte vorsichtig der Fremde . - Denkt Ihr , ich sei eine gemeine Theerratte , die den Säbel zuweilen auch mit der Ruderstange wechselt ? Meine Burschen sind unten im Boot . - Wie viel sinds Ihrer ? - Zum Teufel , was soll ' s mit diesen Fragen ? - Nun ! - begütigte der Andere - ereifert Euch nicht . Ihr seid Eurer Leute sicher , nicht wahr ? - Das sollte ich meinen ! - rief der Capitain . - Für den Nothfall hab ' ich Mittel , sie so in Sicherheit zu bringen , daß sie ferner für keine Schutzwache zu sorgen haben . - Er schlug bei diesen Worten seinen Mantel auseinander , wodurch ein mit zwei Doppelpistolen besetzter Ledergurt sichtbar wurde . - Gut ! - sagte der Fremde , sichtlich beruhigt . - Zur Sache denn ! Was bringt Ihr für Nachrichten aus Copenhagen ? - Man ist der Sache bei Hofe herzlich satt und hätte ihr längst auf die eine oder die andere Weise ein Ende gemacht , wenn man nicht hätte Rücksicht auf die allgemeine Meinung , d.h. auf die wohlfeile Kriegslust des Straßenpöbels , nehmen müssen . - Ihr scherzt ! - Schauet dort den Beweis ! - sagte der Capitain , auf das Meer in der Richtung der Fregatte deutend . - Der Apenrader Hafen ist in Belagerungszustand erklärt . Der Fremde trat einen Schritt zurück . - Und was verhandeln wir dann noch hier ? - sagte er kurz und heftig . - Gute Nacht ! - Hoho ! Gemach , mein Freund ! Ihr segelt verdammt unterm Winde . Sorgt nur , daß Ihr nicht unversehens auf ein Riff lauft . Ich bitt ' Euch , laßt Euren Anker auf dem Grunde , wir sind noch lange nicht fertig . - Nun , was soll ' s noch weiter ? Ich mache nicht gern unnütze Worte ! - Da habt Ihr ganz meinen Geschmack ! Nicht wahr , Chevalier , Ihr wünscht diese Nacht sicherlich lieber in Eurem weichen Bette , als in einer wurmstichigen Hängematte zuzubringen . - Was bedeutet das nun wieder ? - fragte mit einer gewissen Unruhe der mit dem Titel » Chevalier « angeredete Fremde . - Beim Himmel , ich weiß nicht , was ich Euch für Grund gegeben habe , mich für einen unbärtigen Knaben zu halten ! Nicht wahr ? Ihr möchtet jetzt hingehen und Euch den Lohn , den Ihr dem Feinde nicht abverdienen könnt , bei Euren Freunden einzubringen suchen . Still ! Ich sollte meinen , daß wir uns kennen , Chevalier . Ein Kind kann einsehen , daß der Bursche da draußen nicht umsonst die Nacht abgewartet hat , um dem Apenrader Hafen einen Besuch abzustatten . Ich hoffe , morgen mein Frühstück im Schlosse des Herrn von Stehmann einzunehmen . Verstanden ? Gut ; und nun , meint Ihr , werde ich Euch fortlassen , um dafür zu sorgen , daß mir statt einer kalten Rebhuhnpastete von jenen lahmen Strandläufern - er zeigte nach der andern Landzunge auf die Strandbatterie hinüber - ein Frikassee zum Willkommen gebracht wird , das mir den Appetit für immer vergehen machen möchte ? - - Ihr glaubt also , ich werde Euch verrathen ? - Teufel , Ihr seid schnell von Begriffen : das meine ich , ja . - Ihr möchtet unter anderen Umständen so Unrecht nicht haben - lächelte Jener - doch diesmal irrt Ihr . Meint Ihr wirklich , daß ein Mann , wie ich , aus bloßer Geldlust dergleichen unternimmt ? Nein . Dänemark ist mir eben so gleichgültig wie Deutschland , und vollends dieser lächerliche Krieg , von der einen Seite aus Renommage , von der andern aus Hochmuth und Ländergier unternommen , von keiner mit Ernst geführt . Bei Gott , ich rührte keinen Finger deshalb , hätte ich nicht andere Gründe . Es war zu dunkel , um das Gesicht des Redenden zu erkennen , aber in seinem erregten , zitternden Tone lag ein solcher Ausdruck von Wahrheit , daß der Capitain davon getroffen wurde . - Nun , ich habe Euch nicht beleidigen wollen - sagte er einlenkend . - Hört jetzt , was ich Euch zu sagen habe . Ich weiß bestimmt , daß Preußen Alles aufbieten will , um einen Waffenstillstand quand même zu Stande zu bringen . In Frankfurt wird bereits , obschon bisher ohne Erfolg , deshalb intriguirt . Willigen die Frankfurter bis zum 20. dieses Monats , heute ist der 16. , also innerhalb 4 Tagen , nicht ein , so wird es Preußen auf einen Separatfriedensschluß ankommen lassen . Die Vorbereitungen dazu sind bereits getroffen . Die Ausführung scheiterte bisher an der Hartnäckigkeit Wrangels , der eitel genug ist , sich auf den Titel : » Oberkommandeur der Truppen der Reichscentralgewalt « etwas einzubilden . Aber er wird sich fügen , wenn man ihm die Wahl läßt , nachzugeben oder den preußischen Dienst zu verlassen . Habt Ihr mich verstanden ? - Vollkommen . Fahrt fort ! - Ihr seht hiernach ein , daß es völlig unpolitisch und gegen Euer eigenes Interesse wäre , den Hafen zu forciren und Apenrade zu beschießen . Denn erstlich würde Wrangels Widerstand gegen die Abschließung des Waffenstillstandes dadurch hartnäckiger und zweitens würde das preußische Cabinet selbst nicht mehr seinen friedlichen Absichten folgen können , ohne sich zu sehr zu compromittiren . Es ist klar , daß man laut über Verrath schreien würde . - Hm ! Ihr scheint mir in gutem Fahrwasser zu steuern . Doch Eins erklärt mir noch . Wie soll ich mich mit meiner Instruktion abfinden , die ausdrücklich die Beschießung , respektive Ueberrumpelung von Apenrade anbefiehlt . - Habt Ihr sie bei Euch ? - Ja wohl ; aber es ist zu dunkel , Ihr könnt nicht sehen . - Gebt nur - erwiederte jener , eine kleine Laterne anzündend . - Stellt Euch auf diese Seite , damit der Schein nicht nach dem Lande fällt . Der Chevalier entfaltete das Papier und las es aufmerksam durch , während der Capitain leuchtete . - Hier steht ja noch etwas von einer zweiten , speciellen Instruktion , die Ihr am Orte Eurer Bestimmung erbrechen sollt . Habt Ihr das gethan ? - Nein , dazu , dächte ich , wäre noch Zeit genug , wenn ' s zum Kampfe geht . - Thor , der Ihr seid . Wenn Euch nun gerade darin der Kampf untersagt würde . Der Capitain sah seinen Gefährten verblüfft an . - Wartet einen Augenblick - sagte er , seinen Gurt abschnallend . Eine in der einen Seite desselben verborgene Tasche öffnend , zog er darauf die versiegelte Instruktion hervor und erbrach sie . - Donnerwetter , Ihr habt , hol ' mich der Teufel , recht - rief er erstaunt . - Hier steht das Gegentheil von dem , was dort . Das begreife ein Anderer . - Das ist sehr leicht zu begreifen - sagte mit Ruhe der Chevalier . - Um ganz sicher zu sein , gab man Euch in Copenhagen eine officielle Depesche , die so lautete , wie die öffentliche Meinung , die Ihr so richtig als die Meinung des Straßenpöbels charakterisirt habt , es verlangte , und wies Euch nur in einer kleinen , unschuldig aussehenden Notiz auf die weitere specielle Instruktion hin , die Ihr versiegelt erhieltet mit dem gemessenen Befehl , sie erst am Bestimmungsort zu öffnen . Das scheint mir klar wie die Sonne .