die Schürze vor das von Zorn und Scham zugleich geröthete Gesicht . » Natürlich hat da Franz seine Mäßigung doch ein Wenig verloren , « fuhr Wilhelm fort , » er ist heftig geworden und der Herr hat ihm für immer verboten , das Wohnhaus zu andern Zeiten zu betreten , als wenn er zum Zahltag in das Comtoir kommen muß . Nun siehst Du , wie Alles gekommen ist ; Franz ist seitdem ganz traurig , nur manchmal sagte er : ich mögte doch wissen , ob ihr Alles so recht ist , ob sie es weiß , oder ob es sie nicht einmal wundert , daß ich nicht mehr komme - gestern sprach er auch so und weinte - nun wenn so ein starker Junge weint wie der Franz einer ist , das kann ich nicht gleichgültig mit ansehen , da wendet sich mir das Herz im Leibe um . Da sagt ' ich mir : heute mußt Du mit Friederiken reden . « » Weißt Du was ? « sagte diese . » Mein Fräulein ist auch recht verdrießlich gewesen , daß Franz nie mehr gekommen , denn von All ' dem , was Du mir erzählt hast , weiß und ahnt sie kein Wort - ich muß jetzt fort von Dir , wir haben schon zu lange geplaudert - wenn Du Franz triffst , so geh ' mit ihm dort drüben in der Allee ein Weilchen hin und her - wer weiß , macht nicht mein Fräulein noch einen Spaziergang dahin , und Franz darf ein paar Worte mit ihr sprechen , wo es Niemand gleich gewahr wird - denn das merk ' ich nun schon , dem saubern Herrn Bruder ist es ein Gräuel , daß sie für die armen Leute menschenfreundlich fühlt und da helfen mögte wo er nur thrannisirt - leb wohl ! Wir wollen sehen , ob wir uns heute noch wieder treffen . « Mit diesen Worten und einem raschen Händedrucke hüpfte Friederike fort . Pauline war allein in ihrem obern Zimmer und hatte schon ein Mal vergeblich nach dem Mädchen geschellt . Als es jetzt eintrat , fragte sie : » Warum kommst Du so spät ? « » Ich bitte Tausend Mal um Vergebung , « sagte Friederike , » ich sprach einige Worte mit meinem guten Wilhelm . « » Du weißt , « begann Pauline mit ernstem , warnendem Tone , » daß ich gegen Eure Neigung Nichts habe , allein - « » Liebes Fräulein , « fiel ihr Friederike in ' s Wort , » ich fragte ihn nach Franz und da hatte er so Viel zu erzählen - ich wäre sonst nicht so lange geblieben . « Pauline vergaß die mahnende Rede , welche sie begonnen hatte und fragte rasch : » Was sagte er Dir da ? Vergiß nicht , Alles genau zu wiederholen , denn durch das , was ich von der Frau Martha erfuhr , ist mir Franz noch wunderlicher vorgekommen . « Friederike kam diesem Befehle getreulich nach . Als sie Alles erzählt hatte , ward Pauline immer nachdenklicher . » Es ist klar , « sagte sie , » mein Bruder will nicht , daß die Fabrikarbeiter zu mir Vertrauen fassen und daß ich die Schattenseiten einer großen industriellen Anstalt , wie die unsere ist , kennen lerne , er will nicht , daß ich mich mit diesen armen Leuten in eine gewisse Art von Verbindung setze . Er verachtet sie nur und meint vielleicht , sie um so williger zu jeder Arbeit zu finden , je ärmer und unglücklicher sie sind . Es ist gewiß , daß er den Chirurgen zu diesem seltsamen und abgeschmackten Märchen von meiner Krankheit verleitet hat . So werde ich freilich in Zukunft noch behutsamer sein müssen , als ich bereits war , damit er mich nicht hindert , irgend ein Elend zu lindern , wo ich kann und will . « Friederike hatte ihrer Herrin nicht gesagt , daß sie Wilhelm und Franz in die Allee bestellt habe , sie verschwieg es auch jetzt , aber sie suchte Paulinen dahin zu einem kleinen Spaziergang zu bewegen , indem sie ihr beredt den schönen Sternenabend draußen schilderte und die leuchtenden Johanniswürmchen , die gerade in jener Allee sich jetzt so lustig tummeln sollten . Pauline willigte endlich ein , da der Weg nahe und überhaupt dort einer ihrer Lieblingsplätze war . Franz stand dort allein . Was er für Paulinen fühlte , hatte er dem Freund einmal gestanden , obwohl er selbst es sich noch niemals zu gestehen gewagt hatte , obwohl er es , was nur ein Mal seinem Innern zur Aussprache entlockt worden war , wieder in seines Herzens Tiefen zu verbergen strebte . Was er jetzt gelitten , wußte Wilhelm auch , und er gönnte dem Freunde die Stunde der Genugthuung , welche jetzt vielleicht für ihr schlug , so aufrichtig aus vollster Seele , daß er sie ihm durch seine Gegenwart nicht stören wollte - denn ein Zartgefühl , welches bei den feinen , geglätteten Menschen der Salons fast gänzlich in seiner Ursprünglichkeit verloren gegangen ist und nur als leere Etikettenform noch hier und da zur Erscheinung kommt , sagte diesem einfachen , unverdorbenen und unverbildeten Arbeiter , daß seine Gegenwart vielleicht den Freund stören könne , dem er , ohne es zu wollen , ein Geständniß seiner Liebe entlockt hatte , welches nun nicht mehr zurückzunehmen war , aber von dem , welchem das stille Geheimniß gehörte , doch gern wieder vergessen gemacht worden wäre . Friederike , welche diese Gründe für Wilhelms Außenbleiben nicht ahnen konnte , weil sie Thalheims wahre Gefühle nicht kannte , und welche vielleicht auch dann Wilhelms Zartgefühl nicht ganz würde verstanden und getheilt haben , schmollte in Gedanken ein Wenig mit ihm , daß er die schöne Gelegenheit , ein Wenig mit ihr zu plaudern , ungenützt vorüber gehen ließe . » Guten Abend , Franz ! « sagte Pauline freundlich zu diesem . Er zitterte fast , als er diese sanfte Stimme wieder hörte , welche er Wochen lang nicht mehr , nur in seinen Träumen gehört hatte . » Sie sprechen so sanft zu mir , « rief er erschüttert , » nicht wahr , Sie zürnen mir nicht , wenn ich - « » Wenn Sie eine Zeit lang Ihres Versprechens uneingedenk sein konnten , das Sie mir gaben , als ich nicht lange hierher gekommen war , oder daß Sie denken konnten , ich möge mein Wort nicht mehr halten - weiter habe ich Ihnen Nichts zu vergeben . Ich weiß - aber erst seit heute - Alles - daß man Sie über mich getäuscht und hintergangen hat - aber ich versichere Ihnen , daß ich an unserm damaligen Versprechen , daß Sie mich von jeder augenblicklichen Noth unsrer Fabrikarbeiter , welcher abzuhelfen möglich ist , unterrichten sollten , und daß ich dann Alles thun würde , was ich vermöge - gar Nichts geändert wissen will , und daß wir ihm treu bleiben wollen , nur - mit mehr Vorsicht als bisher , da es Leute geben kann , welchen es nicht recht ist , daß ich die Wunden verbinde , welche sie erst geschlagen . « Franz schwieg . » Ich ehre ihr Schweigen , « fuhr sie fort . » Sie wissen , daß Diejenigen , welche mir nahe stehen , die Ursache sind , welche uns verhindern sollte , unser Versprechen zu halten , und Sie mögen deshalb keine Klagen wider sie erheben - ich ehre das , denn Vorurtheile sind gewiß auf beiden Seiten , und diejenigen , in welchen ein Mensch erzogen ist , leben mit ihm fort und beherrschen ihn , so daß er von einem andern Standpunkt aus ungerecht erscheint , wo er auf dem , welchen er nun einmal einnimmt , von Gerechtigkeit reden kann . Ich aber bin in den Lehren Ihres Bruders erzogen , welchem ich in der Stunde , wo er von mir Abschied nahm , gelobte - ich weiß es noch wörtlich wie einen Eid , den er mir abnahm , er sagte : Versprechen Sie mir , wenn nicht die Schwester , doch die Freundin der Armen und Niedriggeborenen zu sein und niemals die Regungen des Mitgefühls ersticken zu lassen , weil Sie vielleicht gewaltsam daran gewöhnt werden , das Elend um sich zu sehen , weil Sie vielleicht eines Tages sich sagen müssen : was ich thun kann , um die Noth zu verringern , ist nur ein Tropfen , den ich hinwegschöpfe von der Fluth des Unglücks , die Alles überschwemmt . « » Ach , in diesen Worten erkenn ' ich meinen Bruder . « » Die Zeit ist schon da , wo ich mir das sagen muß , « fuhr sie fort , » aber niemals wird die Zeit kommen , wo ich diesen Schwur brechen werde . « » Ja , « rief er begeistert , aber mit Thränen , » wenn mehr Herzen schlügen wie das Ihre , wenn mehr Augen wie die Ihrigen sähen , Augen , welche , wenn sie gleich von Kindheit auf an den Glanz des Goldes und die bunten Flitter des Reichthums gewöhnt , doch nicht davon geblendet sind , wie die jener Tausend , welche dann das , was außer dem Bereich ihrer eigenen Lebensverhältnisse liegt , nicht blos unter lauter falschen Lichtern , grauen Nebeln und düstern Spinnengeweben , sondern so wie es wirklich ist gewahrten . Wenn Diejenigen , welche zufällig unter seidnen Betthimmeln geboren wurden , nicht das gleiche Bruderbild verleugnen wollten , weil es vielleicht auf elendem Stroh zur Welt kam - wenn sie nicht fortgesetzt die edle Menschengestalt verhöhnen wollten , weil die Lumpen sie nur schlecht bedecken und die Verwilderung des Elendes sie häßlich macht - vielleicht würde es anders , vielleicht könnte noch Alles gut werden . Der Arme verlangt ja so Wenig ! Nur einen kurzen heitern Frühling für sein Kind , wo es nicht zu friern und zu hungern braucht , wo es lernen darf , wie man ein Mensch wird ! Aber hier diese Kinder ! Sie werden zu niedrer Thierheit herabgedrückt , und wie die heilige Wassertaufe den Teufel austreiben soll aus den Kindern - so ist es hier umgekehrt ! Der Engel , der das Kind in ' s Leben begleitet , wird mit Gewalt aus der reinen Seele des Kindes gejagt , und in der heißen Hölle , wo die Dampfmaschinen arbeiten , zu denen man es schickt , da kommen all ' die finstern Teufel zu ihnen , welche Alle quälen , die zu ewiger Erniedrigung , zu ewiger Stumpfheit im Leben verdammt sind . - - Und wenn dann diese Kinder , welchen man kaum ein Wort von Christus gelehrt hat , auf dessen Namen sie doch getauft sind - wenn sie dann Männer werden - Männer , welche eine gleich abstumpfende Arbeit verrichten , wenn sie auch mehr Kraft dazu brauchen , als bei der , zu welcher sie als Kinder gezwungen waren , dann verachtet man sie , weil sie fluchen und trinken und rohe Worte haben und endlich vielleicht gar einmal auf den Gedanken kommen , blinde Rache zu üben an ihren Peinigern - was dann ? Ich gehöre selbst zu diesem ausgestoßenen Geschlecht , und doch graut mir vor ihm , denn ich kenne es ! Ach , daß es mehr gerechte Menschen gäbe , welche sich des Armen erbarmten ! Nicht ihren Reichthum , nicht ihre Schätze brauchten sie ihm zu geben - aber nur nicht ihn für immer auch des Reichthums , des innern Lebens zu entblößen , das entehrende Brandmahl ewiger Unfähigkeit ihm aufzudrücken ! Es könnte gut werden , wenn man die Kinder zu guten Menschen erzöge , statt zu blöden Sklaven - es ist ja der Vortheil Aller , daß überall gute Pflanzen getrieben und erbaut werden . - Niemand zieht ein Beet Unkraut in seinem Garten - wenn man nur das bedächte - es würde Alles gut . « Franz hatte sich im Selbstvergessen zu so langer schnell und feurig gesprochener Rede hinreißen lassen . - Plötzlich hielt er inne - ein schrillendes , widerliches Gelächter klang höhnisch durch die friedliche Abendruhe , und da verstummten plötzlich seine Lippen . Pauline , die mit ängstlicher Spannung seinen Worten gefolgt war , schrak jetzt zitternd zusammen vor diesem lauten , gräßlich hallenden Gelächter . Friederike , die etwas entfernt gestanden , drängte sich rasch und dicht an ihre Gebieterin . Das Gelächter hatte die lange Liese ausgestoßen , welche jetzt mit raschen Schritten des Wegs gekommen war . » Könnte noch Alles gut werden ? « rief sie mit unheimlicher , wie wahnsinniger Stimme . » Würde Alles gut ? Was denn ? ' s liegen viel Kinderleichen auf dem Kirchhofe , von den verfluchten Maschinen zerrissen - das wird doch nicht wieder gut , die stehen nicht wieder auf und kämen Engel vom Himmel ! Gute Menschen aus Kindern - ei ja doch , gute Menschen , die gut arbeiten und gutwillig sich die Kinder verderben und sterben lassen - immer Eins von Beiden , verderben - sterben - verderben - sterben . « Sie sang die letzten Worte mit kreischender Stimme ab und ging ihres Weges . » Sie ist wohl wahnsinnig geworden ? « fragte Pauline schaudernd . » Das nun wohl so eigentlich nicht - aber so ist ihre Art - sie ist in Verzweiflung über ihre Kinder , « versetzte Franz . » Gute Nacht , Franz , « sagte Pauline und gab ihm die zitternde Hand . Er drückte sie leise und sagte : » Ich darf es nun nicht wagen - durch Wilhelm und Friederike mögen Sie erfahren , wo wir um Ihre Hilfe bitten mögten . « So trennten sie sich . V. Ein Schreiben » Ich bin erwacht , ich fühle Kraft - Die Lumpen reiß ' ich von den Gliedern , Aus freier Seel ' die feige Angst , Den Schlaf von meinen Augenlidern , Der Liebe Bündniß will ich schließen , Nicht länger hassend einzeln stehn , Des Lebens Wohlthat mit genießen , Nicht länger hungernd zu nur sehn . « Herrmann Püttmann . Franz war aufgeregt aber glücklich von dannen gegangen . Pauline hatte ihn nicht von sich verbannt , wie er zuweilen gewähnt hatte , sie war nicht krank , wie man sich bemühte ihn glauben zu machen ; sie war sogar stark genug , sich dem Willen derer , welche sie zunächst umgaben und welche , wie es nur zu klar war , sich bemühten , ihre Bestrebungen des Wohlthuns zu hemmen , ihnen Schranken zu errichten - zu widersetzen . Das gab ihm hohe Freude . Er hatte sie verloren geglaubt für sich , verloren für all ' die Armen , welche das Schicksal zu seinen Brüdern und Schwestern gemacht hatte , verloren für sie , welche bei ihrem Nahen die Erscheinung eines Engels segnen sollten . Und es war nicht so ! Sie war nicht ihm verloren , nicht ihnen ! Sie hatte ihm auf ' s Neue die Hand zu diesem schönen Bunde gegeben . Wer weiß ? sagte er sich hoffend . Sie ist noch nicht lange hier und schon sind viele Thränen getrocknet worden und Manches ist besser geworden , als es jemals war . wer weiß , ob nicht , wenn sie länger hier weilt , noch bessere Zeiten kommen ! Ob sie nicht auch ihren Vater zu milderen Gesinnungen zu stimmen vermag und nicht nur die Wunden heilt , die seine Härte schlägt , sondern seine Härte schwinden macht , daß Alles besser wird ! Als er eben so zukunftsfreudig vor sich hinging , kam Wilhelm ihm entgegen . Er rief : » Da hat man mir einen Brief an Dich gegeben - es ist nicht die Hand Deiner Brüder auf der Aufschrift - auch lautet sie nicht wie gewöhnlich , an den Fabrikarbeiter Franz Thalheim , sondern dem Namen ist noch beigefügt : Verfasser der Erzählungen aus dem armen Volke . Sieh ' einmal , wie schön sich das ausnimmt ; ich glaube , Du hast einen Namen - nun man merkt es doch , daß Deine Eltern gute Bürgersleute waren und Du nicht im Straßenkoth geboren bist , wie unser einer . « Franz erröthete , als er einen Blick auf die Aufschrift geworfen , die ihm allerdings sehr schmeichelhaft erschien . » Es ist zu dunkel zum Lesen hier , « sagte er , » komm mit in meine Kammer , wir zünden die Lampe an und lesen zusammen . « Sie traten in das Haus und stiegen hinauf in die kleine Kammer , welche Franz bewohnte . Bald brannte die kleine Lampe und erhellte düster und spärlich den elenden Raum . Franz hielt den Brief nahe an die düstre Flamme , öffnete das dunkle Siegel und sah zuerst auf der letzten Seite nach der Unterschrift . Es war unterschrieben : » Mehrere gleichgesinnte Fabrikarbeiter . « Ort und Datum waren nicht angegeben . » Das ist seltsam , « sagte Franz , » und das Schreiben ist so lang . « » Weißt Du was ? « sagte Wilhelm . » Du hast gewiß davon gehört , wie es seit einiger Zeit unter denen , welche sich um die Staatswirthschaft bekümmern , oder doch darum bekümmern mögten , Mode geworden ist , an Diejenigen , welche in diesen Angelegenheiten einflußreiche Schritte gethan haben , oder thun könnten , ein Schreiben zu richten , welches von Einem verfaßt und von Vielen unterschrieben wird . « » Ja , man nennt das eine Adresse , « sagte Franz . » Nun sieh ! Vielleicht haben diese Fabrikarbeiter in Bezug auf Dein Buch , das sie doch auf der Aufschrift erwähnten , eine solche beifällige Adresse an Dich verfaßt . Wenn sie auch ihre Namen darunter gesetzt hätten , so wären uns dieselben doch unbekannt gewesen und deshalb ist es gleich , wenn sie es unterlassen haben . Das ändert in der Hauptsache ja doch Nichts . « » Nun lass ' uns lesen , « sagte Franz , » Deine Ansicht gefällt mir wohl , aber ich weiß nicht , ob Du Recht hast - ich kann nicht glauben , daß man mir eine solche Ehre erweisen würde . « » Ei , alle Donnerwetter ! « rief Wilhelm heftig , » ich wüßte nicht , warum Jemand Dir nicht dieselbe Ehre erweisen könnte , wie Denen , welche oft unnützere Bücher schreiben , als Du und weniger Herz für die Sache haben , welche sie führen wollen , als Du . « Franz seufzte und sagte : » Wir wollen doch lieber lesen . « Wilhelm sah über seine Achsel hinweg mit in das Papier . Das Schreiben begann : » Lieber Franz Thalheim ! Wir nennen Dich Du , weil wir alle Menschen . Du nennen , die wir in allgemeiner Liebesvereinigung als unsere Brüder anerkennen . Dich nennen wir aber ganz besonders mit Stolz und Freude Kamerad , denn Du hast es öffentlich ausgesprochen , daß Du dem armen Volke angehörst , für das Du leben willst bis zu Deinem Tode . Wir danken Dir , daß Du Worte gefunden hast , das Elend Deiner Mitbrüder in ergreifenden Geschichten vor aller Welt zu schildern . « » Wir sind Dir für dies und alles Andere sehr dankbar , was Du bisher im Dienst unserer guten Sache gethan hast , aber um so mehr hoffen wir auch , daß Du nicht dabei stehen bleiben wirst , den Menschen zu zeigen , daß dieses Unglück besteht - sondern daß Du auch auf diesem Wege weiter schreiten und sagen wirst , wodurch diesem Unheil allein zu helfen . « Franz seufzte und sagte , ehe er weiter las : » Es wird diese gleichgesinnten Brüder freuen , wenn sie mein zweites Buch sehen werden : die Rechte des Armen - den Verzweifelnden gewidmet . Es enthält manchen Vorschlag , wie dem Uebel , wenn nicht gänzlich abzuhelfen , doch zu steuern wäre - aber freilich - wenn kein Fabrikbesitzer darauf eingeht - - « » Lies nur weiter , « sagte Wilhelm gespannt . Franz las : » Wir wollen Dir in kurzen Abschnitten einige von den Ansichten mittheilen , welche wir zu den unsrigen gemacht haben . Männer , hochgebildete und gelehrte , welche es aber gut mit dem armen Volke meinen , haben das ausgesprochen , was wir Dir jetzt in kurzen Bruchstücken zu lesen geben , damit Du zu derselben Einsicht über unsere Gegenwart und Zukunft kommst , wie wir und danach Dein Streben und Wirken regeln lernst . « In dem Brief waren nun einige Stellen aus communistischen Schriften angezogen , in welchen die Grundlehren des Communismus mit feuriger Beredtsamkeit und scharfsinniger Dialektik entwickelt waren . Mit glänzenden Farben ward dies System als das einzige angepriesen , in welchem allein das Heil der gesammten Menschheit zu finden sei - ja , der als zu erwartend und unausbleiblich geschilderte Sieg des Communismus ward geradezu als eine historische Nothwendigkeit , als eine zweite Welterlösung dargestellt , welcher die in Irrthum und Unnatur befangene Menschheit bedürftig sei . Franz Thalheim rief unter dem Lesen einmal über das andere dazwischen , » das ist Wahnsinn - das verstehe ich nicht ! « aber Wilhelm sagte fieberhaft aufgeregt : » Ich bitte Dich , lies weiter - ich versteh ' es auch noch nicht - aber es klingt wie lauter Musik vor meinen Ohren und klingt so in meinem Herzen wieder ! « Sie lasen weiter und immer verführerischer klangen ihnen die neuen Auffassungen von Menschenrecht und Lebenswonne , welche sie aus dem Briefe gewannen . Wilhelm rief wie bezaubert : » So Etwas hab ' ich in meinem Leben noch nicht gelesen - mir schwindelt ! Vor meinen Blicken geht eine neue Welt auf bei diesen großen , herrlichen Worten - ich habe wohl manch ' Mal schon gedacht , daß doch dies ganze Leben , welches jetzt alle Menschen führen , die Einen gezwungen , die Andern freiwillig - eine Tollheit ist , eine Niederträchtigkeit - aber ich habe es noch niemals gesagt , nun sagen es Andere statt meiner ! « Franz verwieß ihm seine Rede und sagte ruhiger : » Diese Leute singen das Lied der Armuth aus einem ganz anderm Tone , als man es zu hören gewohnt - aus einem anderm Tone , als gut ist . Es kann Niemand froh werden , der es so hört . Es ist als wenn Jemand zu einem Krüppel sagte : Du könntest ein schöner Mensch sein , wenn Du nicht als ein Krüppel zur Welt gekommen wärest - er kann es doch nicht ändern - oder zu einem Menschen : Du bist eigentlich ein Engel , aber in eine irdische Gestalt gezwungen , die Deiner höheren Entfaltung hinderlich ist . - - Wie soll der Krüppel , wie der Mensch das ändern können ? « Erst hatte das Schreiben von den Prinzipien des Communismus gehandelt und davon begriff der gesunde Verstand der schlichten Arbeiter nicht das Geringste . Franz hatte Lust , diese Theorien geradezu für hohle Hirngespinste müssiger Köpfe zu erklären , welche , selbst in einer spitzfindigen Philosophie gefangen und von ihr irre geleitet , es dennoch wagten , die Philosophie zu verhöhnen - nur Wilhelm ließ sich von diesen ihm , wie er selbst sagte , unverständlichen Redensarten blenden und bestechen . Aber in dem weitern Verlauf der Schrift ward die Sache des Communismus von der praktischen , von der unmittelbar in ' s Leben greifenden Seite angefaßt , und endlich schloß der ganze Brief mit einem Aufruf an alle Arme , namentlich alle arme Arbeiter zu innigster Vereinigung , damit es durch sie gelingen möge , die Reichen und Besitzenden all ' ihrer Vortheile über die sogenannten untern Schichten der Gesellschaft verlustig zu machen . Der Schluß des Schreibens lautete : » Auch Dich , Franz Thalheim , rufen wir auf , Deine und unsere unglücklichen Brüder darauf aufmerksam zu machen , daß die Zeit einer neuen Ordnung der Dinge nahe herbeigekommen ist . Du hast die Kraft dazu , unser Werk unter Deinen Genossen zu fördern - so fördere es unter Deinen Mitarbeitern in der Fabrik durch erklärende und überzeugende Reden , fördre es durch Deine Schriften in weiteren Kreisen . Sehen wir , daß Du dieß thun willst und daß es Dein eifrigstes Bestreben ist den unglücklichen Millionen Deiner Brüder zu helfen - so wirst Du bald wieder von uns hören , so werden wir gemeinschaftlich berathen können , auf was wir Dich jetzt nur durch einzelne , bruchstückweise Erklärungen aufmerksam gemacht haben ! « » Sei uns herzlich gegrüßt , wenn Du wirklich einer der Unsern bist und grüße alle Deine Kameraden , die es auch sind . « Der Brief war hier zu Ende . Franz starrte vor sich nieder und stand regungslos . Die Lampe flackerte ungewiß auf , dann ward sie trüber und trüber . - Draußen fuhr der Wagen des Fabrikherrn mit vier munter wiehernden Pferden an dem kleinen Haus , in welchem Franz weilte , rasselnd vorbei , daß die Scheiben zitternd , klagend und grollend zugleich in den lockern Fensterrahmen klirrten . Hundert Mal schon mogte dieser Wagen so vorbeigerasselt sein , wie jetzt und die beiden Arbeiter hatten nicht darauf geachtet - sie hatten nicht darauf geachtet , wenn eben so oft schon die Scheiben unruhig mit einander gemurmelt hatten - jetzt horchten sie Beide auf und riefen Beide zugleich - Wilhelm mit wildem Gelächter des Hasses , Franz unendlich schmerzlich bewegt : » Da fährt er hin ! « - » Die Laternen seines Wagens blitzen durch den hereinbrechenden Abend , « sagte Wilhelm , » und so fährt er hin durch die Dunkelheit . - Jetzt auf einmal begreif ' ich Alles . « Wilhemo Augen glänzten im dunklen Feuer , die Adern auf seiner Stirn schwollen , seine ganze Gestalt schien größer zu werden , indem er sich hoch aufrichtete . Mit feierlicher , gehobener Stimme sagte er : » Ja , die Zeit ist gekommen , wo die Armen ihre Rechte wiederfordern dürfen ! Daß ich wüßte , wer diese erhebenden Worte geschrieben , diese herrliche Verkündigung eines neuen Evangeliums ! Daß ich hineilen könnte zu diesen armen Brüdern , welche zu solcher Erkenntniß gelangt sind , daß ich ihnen sagen könnte : wir wollen zusammen stehen , zusammen handeln ! « Franz nahm seine Hand und sah ihn an . » Du auch , Bruder , Du auch ? « sagte er erschrocken . » Was faßt Dich an ? Beginnt schon das Gift zu wirken , welches aus diesem Schreiben uns entgegenhaucht ? Läßt sich Dein Verstand so bald umnebeln , daß Du schon jetzt zu taumeln beginnst ? Ach ! diese Worte bethören Dich , diese schlimmen Worte , welche verführerisch klingen , wie Worte des Teufels . « » Lass ' den Teufel aus dem Spiel ! « lachte Wilhelm , » mahne mich nicht an die elenden Mährchen ! Vor hohlen Schrecknissen zu erzittern habe ich aufgehört - die armen Leute brauchen wahrhaftig nicht erst an eine Hölle da drüben zu glauben . « » Wilhelm , lästere nicht ! « mahnte Franz . » Ich hätte nicht geglaubt , daß dies Schreiben voller Trugschlüsse und Widersprüche Dich so packen , so überwältigen könnte ! Es klingt freilich schön , wenn sie sagen : die Liebe , die allgemeine Menschenliebe , welche in den Himmel geflohen ist , als die kindische , junge Erde sie noch nicht zu fassen vermogte , wird ihren Wohnsitz wieder an dem Orte , wo sie geboren und genährt ward , in der Menschen Brust haben . Wir werden unser wahres Leben nicht mehr vergebens außer und über uns suchen - wir werden es in uns tragen , in uns selbst und werden es so wiederfinden in den Andern , in dem Verbande der ganzen Menschheit ! - Ach es klingt wohl sehr schön , wenn man so Etwas liest - aber es klingt auch nur so - es ist ein tönendes Erz , es sind Worte ohne Sinn und Verstand . Kannst Du Dir eine menschliche Gesellschaft denken , in welcher Alle zufrieden , Alle in harmonischer Gleichheit leben ? - Du mußt das verneinen , Du kannst Dir nicht einmal eine Vorstellung von einem solchen Zustand machen und willst doch Schritte thun , ihn heraufführen zu helfen ? Und jetzt willst Du sie thun - und wie ? Können ein paar Menschen und noch dazu arme , ausgestoßene , zum Theil verwilderte Menschen das Bestehende umstürzen , und eine neue Ordnung der Dinge heraufführen ? Verändert können , müssen unsere Zustände werden - aber nicht durch einen Umsturz aller gegebenen Verhältnisse , sondern durch deren vernünftige Weiterentwicklung und Fortbildung . Ach Wilhelm , ich hätte Dich für verständiger gehalten , hätte nimmer geglaubt , daß Du dem Verführer ein so williges Ohr liehest ! « - » Verführer - nein , Erretter ! Das ist nicht die Sprache der Heuchelei , welche man sonst nur zu hören gewohnt ist - es ist die Stimme der Wahrheit , welche mich mächtig ergreift . - Gieb ' ihn her , diesen Brief - ich eile damit in die Schenke , ich lese ihn vor in unserm Kreis und man wird mir mit Jubelgeschrei zuhören - komm mit - gieb den Brief ! « » Bist Du rasend ? « rief Franz abwehrend . » Nimmermehr ! - Komm zu Dir ! Bedenke , welches Unheil Du anrichten würdest , wenn sie den frevelhaften Worten dieses Briefes Beifall riefen , wenn Dein erhitztes Gemüth sie zu gleicher blinder Hitze fortrisse , Du setztest Alles auf ' s Spiel ! « » Du hast Recht , daß Du zur Vorsicht räthst , « sagte Wilhelm gefaßter -