für ein Leben führen wir denn eigentlich Alle ! In Träumereien , höherer oder niederer Art , wird es verschwendet - feineren oder gröberen Genuß begehrt man bis zum Wahnsinn - die Folgen erduldet man - bei alten Klagen oder neuen Wünschen lernt man vergessen - und gethan und gehandelt wird nicht . O Sibylle ! gieb mir etwas zu thun ! laß mich Dich nach Engelau begleiten .... laß mich dort Dein Verwalter , Dein Geschäftsführer sein .... laß uns als Freunde leben « .... - » Unsinn das Alles ! unterbrach ich ihn . Du bist dem Eindruck des Augenblicks unterworfen wie ein schwaches Weib . Drei Wochen in Engelau .... und Du entfliehst ! Uebrigens wiederhole ich Dir : denke an Arabella . « » Aber Du begehrst doch wol nicht , daß ich meine Existenz für Arabella opfern soll ? « rief Astrau sehr ungeduldig . » Und warum nicht .... da sie Dir die ihre opfert ! « » Ah bah ! .... Das wird Arabella nie verlangen . « Ich sah ihn an mit tiefer Empörung und sagte : » O könnte ich sie mit mir nehmen , die Arme ! Bei Dir .... stehen ihr fürchterliche Schicksale bevor . « » Und dennoch bleibt sie bei mir ! « rief er trotzig ; denn es war ihm unangenehm daß ich mich mehr für Arabella als für ihn interessirte . » Genug ! sagte ich abbrechend . Die Ehe ist eine heilige Sache , Otbert ! wer nicht sein Glück in ihr findet dem ist durch sie sein Elend gewiß . Ich bleibe dem Namen nach Deine Frau . Solltest Du aber je Deine Freiheit wünschen .... so bin ich auch dazu bereit . « Ich gab ihm meine Hand ; er küßte sie kalt und ersuchte mich alle Dienstboten zu verabschieden und den Palast Gradenigo aufzugeben . Das geschah . Heulend stürzte Gino zu mir . Ob dies der Lohn für seine Treue sei ? dem Grafen habe er einen so großen , hochwichtigen Dienst geleistet , mir desgleichen , - und nun würde er von uns Beiden fortgeschickt . » Niemand kann zweien Herren dienen , Gino , « entgegnete ich und beschwichtigte seinen Jammer durch ein Geldgeschenk . Nach einem ernsten kurzen Abschied von Otbert reiste ich grade am zweiten Jahrestag meiner Ankunft in Venedig wieder ab . Es war ein wunderschöner Abend als ich über die stille Lagune zum festen Lande fuhr . Myriaden Sterne breiteten ihren Glanz über den dunkeln Himmel , Myriaden leuchtender Gebilde versilberten die dunkle Tiefe : dort oben wie hier unten schwebte der Silberschleier über einem schwarzen Grund . Weshalb an diesen schauerlichen , endlosen Grund denken , wenn es sich doch so lieblich zwischen seinen stralenden und schimmernden Außenseiten dahin gleiten läßt ? fragte ich mich selbst . Weshalb ? .... unnütze Frage ! die Antwort würde auf meine Organisation deuten , welche wiederum gleichsam die sinnliche Form ist , welche den Grundgedanken , das Princip meiner Individualität zusammenhält und ausspricht . Der Eine bewegt sich auf der Oberfläche , der Andere sinkt in die Tiefe - nicht aus Wahl , sondern weil er dem Princip seines Wesens auf die Dauer nicht widerstehen kann . Der Eine ist darum nicht besser nicht glücklicher , nicht bevorzugter als der Andre ! Jeder muß nur seinen Platz und seine Bestimmung erkennen und dann - ruhig sein . Zweiter Band Aber ich war nicht ruhig - nur stumpf . Ich mied Würzburg und eilte nach Engelau ohne irgendwo auf der ganzen Reise zu verweilen . Ich wollte es nie wieder verlassen und ward durch den herzlichen Empfang meiner Untergebenen in diesem Vorhaben bestärkt . Was hatte ich in diesen zwei Jahren der Abwesenheit gewonnen ? Schmerz und bittre Erfahrung ; weiter nichts ! Nur Benvenutas Gesundheit hatte sich sehr gebessert ; sie war blühend und kräftig und gewährte mir die Beruhigung , daß die Reise für sie nicht umsonst gewesen sei . Tödtliche Pein mit einiger Verlegenheit gemischt verursachte es mir , daß ich als Gräfin Astrau aber - ohne Gemal heimkehrte . Meinem Arzt , meinem ehemaligen Vormund und allen Personen , welche direct oder indirect nach ihm fragten , sagte ich : er könne unser Klima nicht gut ertragen und sei außerdem mit Arbeiten beschäftigt , welche ihn an Italien fesselten . Man begriff das einigermaßen , man beklagte es für mich .... und bald war nicht mehr davon die Rede . Was mich am meisten an ihn erinnerte war ein Schmerz am Herzen , der mich in jener Nacht vor Arabellas Fenster ergriffen hatte , und der seitdem nie ganz mehr wich . Er war aber durchaus körperlich ; seelisch - war ich mehr erstarrt und durchkältet als durchschmerzt . Ein Stückchen vom Faden der Ariadne war mir in die Hand gefallen - und fiel ebenso hinweg .... das war Alles . Sollte ich mich grämen ? - Warum ? - Ich wußte ja daß der Gram etwas ebenso Vergängliches sei . Wie nun das Leben hinbringen ? Der Sommer verging ganz gut . Der ländliche Aufenthalt war mir neu . Die grünen Wiesen , die schönen Bäume , die üppigen Kornfelder , die Viehheerden , die demüthige und doch nicht armselige dörfliche Umgebung contrastirte so auffallend mit Venedigs Wasser- und Marmorwelt , mit seiner zerfallenden Herrlichkeit und seiner grandiosen Armuth , daß der Genuß des Contrastes mir interessant war . Ueberdas gab es eine Menge Geschäfte , die ich einmal wieder in der Nähe übersehen oder von deren gutem Fortgang ich mich überzeugen mußte . Es gab zu loben und zu tadeln , zu berichtigen und anzufeuern , zu helfen und zu rathen . Es war eine Wiederholung der Heimkehr aus England - nur unter günstigen Umständen , und daher ohne jenen Sporn den ein bestimmtes Ziel der Thätigkeit gewährt . Schwierige Verhältnisse keiner Art lagen mir zu überwinden oder zu entwirren vor . Die Geschäfte gingen ihren höchst geregelten Gang . Meine Schulen gediehen , meine Baumpflanzungen wuchsen . Zuweilen stiegen Gedanken in mir auf als müsse ich den gemeinen Mann auf meinen Gütern unerhört beglücken . Fragte ich mich jedoch ernsthaft welche Sorte von Beglückung ihm denn beizubringen sei : so beschränkte sie sich auf Arbeit und auf einen Sparpfennig für die Noth . Dafür sorgte ich mit wahrer ausdauernder Theilnahme und zu jeder Zeit ; und nie haben mich meine Verstimmungen dagegen gleichgültig gemacht . Als der Herbst mit seinen Tagen voll Regen und Sturm und mit seinen langen Abenden kam , sah ich indessen ein , daß ich nothwendig andere Beschäftigungen brauche ; und um meine Gedanken an eine bestimmte Disciplin zu gewöhnen , beschloß ich förmlich ernsthaften Unterricht zu nehmen . Ein Cursus etwa der Chemie , Physik oder Astronomie schien mir aber gar nicht ernsthaft genug , sondern wie die Männer gebildet werden , mit alten Sprachen und mit Mathematik : so wollte auch ich es anfangen . Ohnehin hatte ich in meiner ersten Jugend kläglich wenig gelernt ! Späterhin war mir auf meinen Reisen allerlei angeflogen , was ich mit Geschicklichkeit mir aneignete , wie Sprachen der fremden Länder , Kenntniß ihrer Geschichte , ihres Bodens , ihrer Literatur . Allein jede Beschäftigung in dieser Richtung oder mit meinem ganz hübschen Talent zur Malerei , schien mir kein genügendes Joch um den Sturm meiner Gedanken und Träumereien zu bändigen . Ich hatte so oft sagen hören welch eine Grundlage aller tiefen Bildung die alten Sprachen wären - hatte in England gesehen wie sie auf integrirende Weise zu der so ganz praktischen Erziehung gehören - daß ich mir Wunder was für Vortheile davon träumte . Ich vergaß nur den ungeheuern Unterschied zwischen einer unentfalteten Jünglingsseele , die bereitwillig den Keim aufnimmt , welcher in ihrem frischen Erdreich aufgehen soll und kann - und zwischen mir . Ich war uralt an Lebenserfahrung und Kenntniß ; Leid und Lust , Schmerz und Glück , Verlust und Gewinn , welche sich für Andere über fünfzig und sechszig Jahre ausbreiten , hatten sich für mich mit so beklemmender Schnelligkeit gedrängt , daß ich mir bei fünfundzwanzig Jahren sagen mußte : glück-oder leidbringende äußere Ereignisse hätten sich für mich erschöpft . Obwol ich eine namenlose und bodenlose Leere in mir fühlte - obwol ich mir vorkam wie die Wüste über welche wenigstens das Weltmeer fluten muß um sie zu beleben - obwol mir manchmal zu Sinn war als hätte ich noch gar nicht gelebt und nichts gehabt : so hielt mir meine Vernunft doch immer eine und dieselbe ermüdend langweilige Predigt : Dir sind die guten und bösen Schicksale bereits zu Theil geworden welche dem Menschenleben zugemessen sind ; drum halte Dich ruhig ; räume die Trümmer aus dem Innern fort , vergiß Dich selbst , sei Andern nützlich und lerne daß es eine Menge Dinge zu thun giebt die weit ersprießlicher sind als mit Gebilden der Phantasie zu schwelgen . Also : die Trümmer meines Innern wollte ich aufräumen mit Mathematik und alten Sprachen . Zu meinem Geburtstag machte ich mir selbst das Festgeschenk zweier Lehrer , welche sich entschlossen sich auf drei Jahr in Engelau zu vergraben . Herr Becker hatte so eben seine philologischen Studien vollendet und da sich ihm nicht gleich die gewünschte Stelle an der Universität zu Kiel darbot , so nahm er die in meinem Hause an , die ihm wenigstens Muße zu eigenen Studien ließ . Er war sehr jung , sehr lebhaft , ein glühender Bewunderer des Alterthums , das er in Leben und Kunst , Institutionen und Religion als das Ideal vergötterte zu dem die Menschheit hinstreben müsse - ein einseitiger Verächter alles Neuen ( nämlich der letzten zweitausend Jahre ) - kurz ein Mensch der nichts kannte als seine Wissenschaft , und die Ueberzeugung hegte durch ihre Verbreitung müsse die Welt zu ihrer wahren Gesittung erhoben werden . Dies hatte den großen Vortheil für mich daß er gern zu mir kam , weil er seinen Aufenthalt bei mir als die erste Stufe zur Gräcisirung der nordischen Barbaren betrachtete ; und daß er mir mit dem zwiefachen Feuer der Jugend und der Begeisterung Unterricht gab . Herr Müller , der Mathematiker , war ein ältlicher Mann , welcher fünfunddreißig Jahr sich abgequält hatte der Schuljugend eines Gymnasiums seine Wissenschaft insoweit beizubringen , als dieselbe ein Ingrediens der nothwendigen Examina ausmachte , welche man zu bestehen hatte . Die unendliche Gleichgültigkeit mit der Herr Müller seinen Unterricht an unendlich gleichgültige Schüler ertheilte , hatte ihn nach und nach dermaßen zerstreut gemacht , daß er sich nicht mehr bei ihnen in den nothwendigen Respect zu setzen vermogte . Mit einem winzigen Jahrgeld wurde er entlassen , und da ich ihm die Zusage machte es nach drei Jahren zu verdoppeln , so sah er sich veranlaßt meinen Vorschlag , auf Zureden seiner Freunde anzunehmen . Sie waren bemüht ihm eine sorgenfreie Existenz zu sichern . Er für seine Person fühlte sich sorgenfrei sobald er von dem Verkehr mit den bösen Buben - wie er die Gymnasiasten nannte - befreit war . Die Leibesnahrung und Unterkunft machte ihm keine Sorgen ; er lebte von Kaffee und Brot und war , Dank dieser strengen Diät und seinem sterilen Studium zu einer so mumienhaften Ausdörrung gediehen , daß er die Bedürftigkeit des lebendigen Lebens nicht mehr empfand . Er war so genügsam und so wolwollend , daß ihm Welt und Menschen vortreflich und nur im Betreff der Gymnasialjugend etwas mangelhaft erschienen . Ein Fortschritt - Einer ! war freilich für die Welt zu machen und stand ihr bevor .... sobald die allgemeine Formel für die Primzahlen gefunden sei ! Was ihr aber dann noch zu ihrer Vollkommenheit und Glückseligkeit mangeln könne , das - gestand er unbefangen - - sehe er nicht ein . Seine Seele war auf der Jagd nach dieser Formel . - In seinem beschränkten Berufsleben war es ihm nie vorgekommen , daß Jemand zum Vergnügen Mathematik studirt habe . Er betrachtete mich wegen dieser Neigung als ein von Gott begnadigtes Geschöpf . Meine Aufmerksamkeit und Ausdauer freuten ihn so sehr , daß er mich nach seiner Weise herzlich lieb gewann , und Selbstliebe und Eifersucht lagen ihm so fern , daß er mir zuweilen den Wunsch aussprach : zum Lohn meiner Achtung für die erhabenste Wissenschaft , der ich hoffentlich mein ganzes Leben widmen würde , verdiene ich die Ehre - die allgemeine Formel für die Primzahlen zu finden , und mein unsterblicher Ruhm werde ihn mehr beglücken als sein eigener . Ich hatte also zwei Lehrer wie man sie sich nicht besser wünschen kann , und überdas den festen Willen möglichst viel von ihnen zu lernen . Im schneidendsten Contrast zu meinem vagabondirenden Leben in Venedig , wurde das gegenwärtige mit einer zuchthausmäßigen Pünktlichkeit Stunde für Stunde eingetheilt , und von sieben Uhr früh , wo ich aufstand - bis zwölf Uhr Abends , wo ich schlafen ging - gab es keine Minute , welcher nicht ein Geschäft zugetheilt gewesen wäre : denn auch die Erholungen bekamen ihrer Regelmäßigkeit wegen einen Geschäftsanstrich . Mein Haus kam mir wirklich vor wie eine Strafanstalt , während es für Herr Becker und Herr Müller , und für eine junge musikalische Gesellschafterin ein ganz angenehmer Aufenthalt war : dermaßen kommt Alles auf die Deutung an , welche wir den Zuständen geben und auf die Gesinnung mit der wir in sie hineintreten . Aber ich wollte es nun einmal so ! ich wollte meine Thätigkeit nicht vergeuden noch versplittern , sondern sie auf einem Punkt sammeln um sie gleichsam zu einem Pfeil zu machen , der von der gespannten Bogensehne des Gedankens geschnellt , das Ziel in der Mitte treffen mußte - das Ziel nach dem ich nun schon so lange rang , das mir stets in andrer Form erschien , und das ferner denn je von mir zurückwich sobald ich der Form scharf ins Auge sah - das Ziel jedes Menschen , sein glühendstes Bedürfniß , nach welchem er heimlich seufzt oder laut schreit , und um welches er herum irrt wie um ein unentdecktes Land , das der Schiffer mit Magnet und Compaß nicht aufzufinden weiß - - das Glück ! Ich studirte mit großem Eifer , aber ohne eigentliche Vocation ! Ich lag heimlich bei mir selbst auf der Lauer ob nun nicht bald ein genußvoller Zustand eintreten werde . Dadurch wurde natürlich die unbefangene Hingebung getrübt , und die übertriebene Erwartung die ich mein Lebenlang von jedem Ereigniß gehabt hatte , verließ mich auch hier nicht . Immer war mir zu Muth als stände ich an jenem Brunnen in welchem nach einer Fabel die Wahrheit sitzen soll , und als schöpfte ich mit der größten Anstrengung nichts als Wasser heraus ! - Auch jezt war ich wieder auf Verfolgung der Göttin begriffen . Während dieses unfruchtbaren Bemühens dachte ich doch zuweilen an Otbert und Arabella - mit Neid . Mogten sie in einem Wahn befangen sein , so war derjenige der Liebe doch der süßeste von allen . Bald nach dem Ausbruch der Julirevolution war Otbert nach Paris gegangen . Die fiebernde Aufregung der Gemüther und die tobende Gährung aller Zustände waren ihm eine zauberische Lockung . Wie ein geübter Schwimmer , der seiner Kräfte sicher ist , ließ er sich bald von dieser , bald von jener Welle heben , schaukeln , fortziehen , und fand ein eigenthümliches Behagen an ihrem Gebraus und Gewirbel . Die religiösen und socialen Fragen mit deren Lösung diejenigen sich beschäftigten , welche auf dieser Basis eine neue Ordnung der Gesellschaft aufführen wollten , interessirten ihn aufs Höchste . Mit einer Wärme gab er sich dem St. Simonismus hin , als sei er bereit ein Apostel , ein Märtyrer der neuen Lehre zu werden ; und mit einer Leichtigkeit wandte er sich ab sobald der Reiz des Neuen erschöpft war , als habe es sich nicht um Ueberzeugung sondern um Persiflage der Sache gehandelt . Er selbst hätte nicht genau bestimmen können ob er wirklich ergriffen war oder nur das Ergriffensein spielte um es als Mittel zu irgend einem Zweck zu gebrauchen : denn bald wollte er als ein Propagandist neuer Ideen populär werden , bald suchte seine Eitelkeit ihren Genuß in dem Nimbus des Außergewöhnlichen , bald begehrte er nichts weiter als in Feuer gesetzt zu werden , gleichviel wodurch ! gleichviel für wen ! um nur nicht der grauen Monotonie zu verfallen . Sehr flüchtige Briefe , die er mir nur schrieb um mich von seinen pecuniären Verhältnissen zu benachrichtigen , deuteten mir das an . Ich hatte ihm bei unsrer Trennung die Hälfte meines Einkommens bestimmt . Es schickte sich nicht anders - so schien es mir - da ich seine Frau war und , mit ihm zusammenlebend , das Ganze mit ihm wenn auch ungetheilt genossen haben würde . Aber mein Schicklichkeitsgefühl ward in diesem Punkt durch seinen gänzlichen Mangel daran verletzt . War es die gemeine Gesinnung oder die kindische Nachlässigkeit die sich darin aussprach - genug , es peinigte mich in seiner Seele , daß er von seiner Frau gar nichts begehrte als Geld ! und immer wieder Geld ! Der St. Simonismus kostete ihn unglaubliche Summen . Später waren es die ausgewanderten Polen . Dann unterstützte er legitimistische Bestrebungen . Noch später warf er sich zu einem Träger des Socialismus auf . Immer hatte er das Bestreben in der jedesmal herrschenden Richtung bemerkt zu werden ; und da jede derselben ihre sehr materielle Seite hatte für welche nur wenig Adepten bereit waren Opfer zu bringen , so zeichnete er sich zwischen denselben um so mehr aus . In seinen Briefen berührte freilich nur ein Postscript von zwei Zeilen den fraglichen Punkt ; allein es war sehr klar , daß die Briefe überhaupt nur des Postscripts wegen geschrieben waren . Daher beantwortete ich sie mit der trockensten Kürze , und fühlte mich nie veranlaßt eine Frage nach Arabella an ihn zu thun . Kaum zwei Jahr nach unsrer Trennung erhielt ich aber von Arabella selbst einen Brief - und zwar aus Hamburg . Sie bat mich in wenig Worten , jedoch dringend , zu ihr zu kommen ; sie sei auf dem Weg nach der Heimat . Dieser Weg schien mir ein seltsamer Umweg . Ich riß mich von meinen Studien los und fuhr nach Hamburg . Gott ! wie fand ich sie ! Zwischen Melancholie und Schwindsucht schwankte ihr armes Leben an einem seidnen Faden hin und her . Ich war fassungslos bei ihrem Jammeranblick . Sie sagte : » Du findest mich auf dem Heimweg .... zum Grabe , Sibylle . In meiner Familie sterben wir Alle vor dem dreißigsten Jahr . Ich habe das oft an Otbert gesagt ! ich dachte er würde mir vergönnen die wenigen Jahre bei ihm , d.h. glücklich zu verleben . Aber nein ! Du hast mein Glück mit Dir aus Venedig entführt . O Sibylle ! warum bliebst Du nicht in Venedig ? So wie Du fort warst hörte Otberts Liebe zu mir auf . Er brachte mich bald darauf nach Paris .... aber er dachte nicht mehr an mich . An Dich dachte er .... oder an die großen Welterschütterungen .... oder an sonst etwas ! wer kann sagen woran Otbert denkt ! nicht an mich - das wurde mir allmälig klar - doch unter welchen Qualen .... magst Du daraus schließen , daß ich endlich ihn verließ und hieher kam um Dir Astralis zu bringen . Nun bin ich fertig und nun - lebe wol . « - » Ich nehme Astralis , aber ich nehme auch Dich mit mir , Arabella ! rief ich mit einem namenlosen Wehgefühl . Glaubst Du denn daß ich Dich Deinem einsamen Leid überlassen könnte ? « » Ich glaube es nicht : ich will es ! sprach sie bestimmt und kalt . Glaubst denn Du daß Deine Nähe mir lieb ist ? Ich sage Dir mir ist nichts lieb als der Tod , und Du bist es weniger noch als tausend Andre , denn mit Dir .... zog mein Glück aus Venedig fort . « Das war ihre fixe Idee und daher war sie bitter und feindlich gegen mich gestimmt . Ehedem in London hatte sie mir schon den Vorwurf des Verraths an der Freundschaft gemacht : er war ungerecht ! doch dieser war gradezu unsinnig . Trübe übersann ich unser seltsames Schicksal , das sich zweimal feindlich durchkreuzte , während wir im Herzen Freundinnen waren ; - denn Arabella hatte immer Vertrauen zu mir , und ich hatte sie immer lieb . Sie lehnte sich an mich , und ich freute mich ihrer . Trotz unsrer Verschiedenheit paßten wir zusammen .... aber Otbert schleuderte uns wie ein unheilvoller Komet so weit auseinander , daß jede fernere Berührung eine Anstrengung und daher schmerzlich sein mußte . Ich drang deshalb nicht heftig in Arabella mich nach Engelau zu begleiten , obwol ihr Vorsatz mir trostlos vorkam in Hamburg zu bleiben und dort ihr Ende zu erwarten . Ein Arzt in Paris hatte ihr gesagt sie würde den Herbst im Norden nicht überleben . » Und der ist nah , ich fühl ' es ! sagte sie . Drum wollte ich zuvor Astralis in Sicherheit bringen . « » Willst Du Dich aber wirklich schon jezt von dem Kinde trennen ? « fragte ich . » Ja ! denn wenn ich es vor Augen habe , so wird mir das Leben nicht leichter und nur der Tod schwerer . Ueberdas fürchte ich die Ansteckung meiner Krankheit für Astralis . Sie wird also in jeder Beziehung besser bei Dir als bei mir aufgehoben sein . « Ich war Arabellen behülflich in einer Vorstadt Hamburgs eine kleine Gartenwohnung zu finden , die sie mit ihren treuen irischen Dienstboten bezog . Ich begleitete sie dahin . Als sie in ihr Zimmer trat , das zu ebner Erde lag und die Aussicht auf ein schlichtes Gärtchen bot , ergriff sie eine nagende Erinnerung . » Auf Torcello war es anders ! rief sie . O Sibylle ! hättest Du denn nicht in Venedig bleiben können ? « So unbeschreiblich war ihr Einfluß auf mich , daß ich mir selbst egoistisch und grausam erschien ; und er rührte nur daher , weil sie ganz und rücksichtslos in einem einzigen Gefühl lebte . Mogte sie Anderen tadelnswerth erscheinen - mogten Moral und Sitte ihr Benehmen verwerfen - mogte ich selbst sie in dieser Beziehung nicht rechtfertigen : mir kam diese Einheit des Wesens , welche von einer und derselben Idee lebt und stirbt , doch so majestätisch und wunderbar vor , daß ich mehr Achtung vor ihr als vor mir empfand . Denn sie hatte eine Kraft die mir gänzlich fehlte : sie hielt fest was sie einmal hielt . Ich brachte einen geschickten Arzt zu ihr und beschwor sie sich seiner Behandlung zu unterwerfen , und sie versprach es bereitwillig . Er sagte mir aber Tags darauf , daß ein fast ununterbrochenes Fieber ihre Kräfte aufzehre und daß sie es wisse . Selten habe ich eine so melancholische Scene erlebt , als die unsers Abschieds . Arabella hatte meine Heimreise auf den vierten Tag festgesetzt und mich gebeten Astralis bei ihr abzuholen , damit die Kleine durch die Fahrt von dem dumpfen Gefühl der Trennung zerstreut würde . So geschah es . Als ich bei Arabella eintrat führte sie mir Astralis reizend geschmückt entgegen und sagte gelassen : » Dieser Engel soll bei Gott und bei Dir für mich um Verzeihung beten . « » Sprich nicht so .... aus Barmherzigkeit ! « rief ich gequält mit erstickter Stimme . » Gut , gut ! sagte sie immer ganz gefaßt . Ich schenke Dir Astralis . Sie hat nichts als die Existenz , keine Eltern , kein Vermögen ! ich kann ihr nichts hinterlassen als ein Paar Diamanten , denn nach meinem Tode fällt meine Rente an Lord - gh zurück . Verlasse sie also nicht und sorge dafür , daß sie in meiner Religion erzogen werde . Versprich mir das , Sibylle , und dann .... laß uns scheiden . « Ich gab ihr mein Versprechen , nahm Astralis auf den Arm und stand unschlüssig ob ich gehen ob ich bleiben solle mitten im Zimmer . Da fiel sie mir feurig um den Hals , umarmte und küßte mich . » O Du bist gut ! rief sie ; - aber geh ! geh ! ich kann Deinen Anblick doch schwer ertragen . « Ich wandte mich rasch der Thür zu . Da rief sie - - oder nein ! ein herzzerreißender Schrei rang sich aus ihrer Brust : » Astralis ! « Ich flog zu ihr : » O komm ' mit mir , Arabella . « » Nein nein ! geh ! unterbrach sie mich wieder gefaßt . Mir war nur eben als berühre mich der Tod eiskalt . Geht ! geht ! « Sie küßte noch einmal mich und das Kind , sank dann matt auf einen Stuhl , sah durch das Fenster zum Himmel auf und sang den Anfang eines Liedes das sie sehr liebte : » ' T is the last rose of the summer . « O wol war es die letzte Rose ihres Lebens , die ich jezt mit mir forttrug ! - - Am Abend desselben Tages war ich wieder in Engelau . Während der Fahrt hatte ich nur einen Gedanken ! Zwei Menschen kannte ich - unter so vielen nur zwei ! - welche , seitdem sie über sich selbst zum Bewußtsein gekommen , nie um eines Strohhalms Breite von dem Gegenstand abgewichen waren , der ihre Seelen in der Grundtiefe ergriffen hatte : eine Sünderin war die eine zu nennen , und der andre ein Narr . Arabella war es und mein alter Mathematiker ! Wenn dies das Resultat der Thorheit ist , so behüte mich , Gott ! vor dem der Weisheit , denn diese zwei Menschen - sie mißachtet , er verhöhnt , kamen mir ehrwürdiger vor als alle die , welche aus ihrer kläglichen Eigenschaft vergessen und sich zersplittern zu können , eine Tugend zu machen wußten . Namenloses Grauen vor dem Zwiespalt in welchem der Mensch durch das Leben geschleudert wird , zerarbeitete mir die Seele . Wer da festhält kommt aus dem Gleichgewicht nach Außen , so daß die Leute hohnlächelnd mit dem Finger auf ihn weisen ; - wer nicht festhält kommt aus dem innern Gleichgewicht indem er in Conflict mit seiner jammervollen Bedürftigkeit und seiner unabweislichen Ueberzeugung geräth . Wie ein zerschellter Nachen von den Wellen an die Küste geschleudert und von der Brandung wieder zurückgetrieben wird : so flogen meine Gedanken auf und ab , hin und her , und fanden nirgends , nirgends Ruhe . Ein Brief von Astrau erwartete mich in Engelau - ein ganz widerwärtiger Brief , in welchem er Arabellas plötzliche Abreise von Paris eine ihrer » weltbekannten Excentricitäten « nannte und sich mit weitläuftiger Erbitterung über die unsinnigen Ansprüche der Frauen ausließ , welche von einem Mann immer und ewig nichts weiter begehrten , als daß er ihr Liebhaber sei - etwa ein romantischer , idyllischer oder heroischer Liebhaber , aber vor Allem der . Dadurch würden die Frauen zu einer so marternden Last , daß der Mann aus Verzweiflung in scheinbare Härte verfallen müsse um seine Freiheit und Thätigkeit dem Weltleben und dessen grandiosen Interessen gebührend zuwenden zu können . So häuften sich am Ende die Mißverständnisse . zu einer unübersteiglichen chinesischen Mauer - und das sei lediglich die Schuld der egoistischen Beschränktheit des Weibes . - Dieser Brief kam mir vor als werfe Astrau sich in die Maske des Zorns um sich gegen eigene und fremde Vorwürfe zu panzern . Aber es war mir entsetzlich , daß er gegen Arabella Vorwürfe aussprach , während sie sich keinen einzigen - ja keine einzige Klage über ihn erlaubt hatte . Als Antwort meldete ich ihm die Lage der Dinge und fügte schließlich hinzu : » Ich bin so ganz der Ansicht , daß einem Mann Größeres zu erfüllen obliegt , als zu den Füßen des Weibes die Rolle eines romantischen Liebhabers zu spielen , daß ich auf dem Punkt sein würde einen solchen Mann zu verachten - wenn nicht zum Unglück Du selbst Dich mir gegenüber in eine solche Rolle geworfen hättest : folglich stehe ich Dir zu nah um Dich beurtheilen zu können . Unser Urtheil über einen Menschen begehrt ebensowol wie das über ein Kunstwerk die gebührende Perspective . Ich bin also gar nicht mit jenen Frauen über welche du klagst , einverstanden und bin gern bereit sie mit Dir egoistisch beschränkt zu nennen . Nur sind die Männer dieser Frauen gewöhnlich in ihrer Art ebenso egoistisch beschränkt ; denn nachdem sie deren Wahn geflissentlich hervorgelockt und genährt haben - nachdem sie sich in Schaustellung aller Rasereien der unsinnigsten Leidenschaft gefallen haben - sind sie plötzlich der Sache überdrüssig , die ihnen nicht Ernst war , und begehren vom Weibe es solle nun auch der Komödie satt sein . Aber das hat die Sache für wahr gehalten und findet sich nicht so leicht in den Irrthum . Daher die Mißverständnisse ! - O wollte Gott daß Ihr verständet ein Weib zu lieben ohne Euch zu deren Liebhaber zu machen ! dann würden Treue und Friede , Achtung und Zutrauen zwischen uns walten . Aber zu jenem gehört Wahrheit und Wärme des Gefühls ; und zu diesem - - Du wirst besser als ich wissen was dazu gehört . « Umgehend antwortete mir Astrau : » Die Welt kehrt sich um ! Emancipationsideen dringen sogar bis zu Deiner ultima Thule und Du bist ganz dazu geschaffen deren Priesterin in Beziehung auf das Weib zu sein . Welch einen Fluch hat denn aber Gott auf uns gelegt , daß das Geschlecht welches die Freude und Wonne des unsern sein sollte , sich allmälig zu einer Caricatur zu verbilden droht , von der wir uns mit Schreck und Widerwillen