. Dann hatte Graf Erasmus , obwohl immer mild , zuvorkommend und billigen Wünschen geneigt , seine rosenfarbigste Laune . Er hörte dann häufig blos mit seinem menschenfreundlichen Herzen und schob die kalte verständige Ueberlegung sanft bei Seite . Um diese Zeit hatte er dem jungen Mädchen , das er zärtlich liebte , noch nie etwas abgeschlagen , und deshalb sparte sie die Mittheilung ihrer Neuigkeit bis zu dieser glückverheißenden Stunde auf . Ein herrschsüchtiges , intriguantes und politisch kluges Mädchen würde an Herta ' s Stelle diese Macht schlau benutzt haben , um den alternden Grafen sich unterthänig zu machen . Herta dachte nicht daran . Sie war zu ehrlich , um von den guten Schwächen Anderer Vortheil zu ziehen , und außerdem auch zu sehr von Dankbarkeit gegen das gräfliche Haus durchdrungen , als daß sie irgend etwas gegen dasselbe hätte unternehmen mögen , das sie vor ihrem Gewissen nicht unbedingt gut heißen konnte . Sie wußte , daß sie zur Familie des Grafen gehöre , allein ihre Armuth und der edle Schutz , den ihr Erasmus anfangs in einer Pension , später in seinem eigenen Schlosse gewährt hatte , machten sie bescheiden . Sie war eine Waise gewesen von Jugend auf , hatte weder Vater noch Mutter gekannt und wußte nur , daß die Letztere eine Schwester von Erasmus gewesen sei . Mehr hatte sie von ihren Aeltern nicht erfahren , und den Grafen , ihren gütigen Oheim , wagte sie nicht zu fragen , weil er ihr mit mildem Ernst bestimmt erklärt hatte , daß ihr mehr zu wissen jetzt nicht fromme , daß sie aber vollkommenere Kunde über ihre verstorbenen Aeltern erhalten solle , sobald sie verheirathet sein werde . In einsamen Stunden , wenn sie dieser Rede gedachte , ertappte sich die liebe Unschuld wohl zuweilen auf dem Wunsche , daß diese Zeit nicht mehr fern sein möge , und dann erröthete ihr feines Gesicht und das Herz klopfte ihr vor Neugier und verschämter Sehnsucht . Manchmal aber konnte sie auch recht schwere Seufzer nicht unterdrücken , denn es bangte ihr , daß sie von denen , die sie in anbetender Liebe still verehrte , gewiß recht viel Trauriges , wo nicht gar Entsetzliches erfahren werde . Graf Erasmus litt am Podagra . Zu seiner Bequemlichkeit ward daher der Thee in seinem Zimmer servirt . Dies war ein hohes , dunkles , alterthümliches Gemach , feudalistisch grau , wie das ganze Schloß , und mit gemalten Tapeten ausgeschlagen , die idyllische Schäferscenen darstellten . Es hatte , wie Herta ' s Wohnzimmer , nur zwei mehr hohe als breite Bogenfenster . Möbeln von hohem Alter und neuerer Erfindung standen in bunter Mischung umher . Neben dem großen Kamin , dessen Flamme nicht , wie heut zu Tage , mit Steinkohlen , sondern mit Holzkloben genährt wurde , erhob sich noch ein hoher und breiter Ofen von sehr veralteter Fassung . Sein Inneres konnte bequem eine Viertelklafter Holz fassen . Er bestand aus dunkelgrünen Kacheln in Wolkenform , aus denen geflügelte Engelsköpfchen sahen . Um stets eine gleichmäßige Temperatur im Zimmer zu erhalten , ließ Graf Erasmus Kamin und Ofen zugleich heizen , schob dann zwischen heide seinen bequemen Lehnstuhl , legte die schmerzenden Füße auf weiche Polster und brachte so , namentlich die Abendstunden , in ruhiger Behaglichkeit unter Gesprächen mit den Seinigen zu . Erasmus war ein Mann von einigen sechzig Jahren , mit edlen , vornehmen Zügen . Die Zeit , der er angehörte , und die Gewohnheiten , mit denen er von Jugend auf vertraut geworden , hatten ihn zu einem entschiedenen Aristokraten im bessern Sinne des Wortes erzogen . Er hielt den Adel für eine Menschenrace , die himmelweit verschieden sei von dem gemeinen Volk . Daß beide , Kinder des Adels wie des Volkes , gleiche Anlagen , gleiche geistige Befähigung und deshalb gleiche Rechte hätten , das bestritt er aufs Heftigste , und wer ihn sich gewinnen wollte , durfte diesen Punct nicht berühren . Es ging sogar die Sage , daß er in seiner Jugend mehr als einmal in Folge dieser Ansicht unbillige Handlungen verübt habe . Dabei aber ließ er dem Volke , worunter er immer Unterthanen verstand , insofern Gerechtigkeit wiederfahren , als er zugab , daß es zu sehr vielen Dingen nützlich sei , daß man es pflegen , schonen und mit Liebe behandeln müsse , weil sonst kein Staat bestehen könne und alle Herrschaft aufhöre . Nach diesen Grundsätzen behandelte Erasmus seine eigenen Unterthanen , die ihn deshalb liebten und ehrten . Die Bildung des Grafen war eine durchaus französische . Er hatte mehrere Jahre in Paris gelebt und dort die Gesinnungen der vornehmen Welt sich zu eigen gemacht , wie sie unter der lockern , entsittlichenden Regierung Ludwigs XV. sich ausbildeten . Dies könnte unserm Schützling in den Augen der Leser nicht eben sehr zur Empfehlung dienen , hätten wir nicht hinzuzufügen , daß Graf Erasmus nur die geschmeidige Feinheit im Umgangstone , das sarkastisch-witzige Element bei geistiger Unterhaltung , die frivole , aber aufrüttelnde französische Philosophie damaliger Zeit , mit einem Worte das feine Arom der französischen Bildung mit all seinen Mängeln sich zugeeignet , das Frech-Unsittliche aber , das gleißnerisch anlockend mit diesem geistigen Rausche sich verschwisterte , als strenger Deutscher von jeher verachtet hatte . So kam er als vollendeter Weltmann aus Paris zurück , der eleganten Formen mächtig , aber im Innern voll fester und ehrenwerther Grundsätze . Der Anblick der kokettirenden Lasterhaftigkeit , womit der französische Adel prunkte , hatte ihn zurückgeschreckt und zu der Ueberzeugung hingetrieben , daß bei solchem Leben in kurzer Frist das ganze Reich bedroht und in seinen Grundfesten erschüttert werden müsse . Weil Erasmus im Spiegel des Schlechten das Gute erkannt hatte , gab er sich Mühe , auf seiner Herrschaft danach zu streben . Er verbesserte , so weit es sich mit seinen Ansichten vertrug , die Lage seiner Unterthanen . Er sah darauf , daß seine Vögte Menschen von gutem Herzen waren , die seine Leibeigenen nicht unnöthig quälten . Hatte Jemand ein Anliegen , so hörte ihn der Graf ruhig an und half , wo er konnte oder Hilfe nöthig erachtete . Er verringerte sogar aus eigenem Antriebe die Zahl der Hofetage , um durch größere Freigebung der Bauern eine Verbesserung seines Besitzthumes zu erzielen . Und Erasmus hatte nicht falsch gerechnet . Die Unterthanen hingen ihm an , thaten ihm manche Handleistung freiwillig , wurden wohlhabender , hielten bessere Aerndten und konnten ihm in Folge derselben auch die Abgaben pünktlicher zahlen . Ganz auders dachte seine Gemahlin Utta , aus einem stolzen hannöverschen Adelsgeschlecht . Sie war , was Eleganz , Form , äußern Bildungsfirniß anlangt , vollkommen das Ebenbild von Erasmus , aber sie verachtete , ja haßte sogar den gemeinen Mann . War sie genöthigt , mit irgend Jemand aus dem Volke zu sprechen , so wehte sie sich immer mit ihrem Fächer Luft zu , damit der unedle Athem des armen Proletariers ihre hochgräfliche exclusive Nase nicht mit seinem ungebildeten Duft entweihe . Sogar in Gegenwart ihrer Dienstboten hatte sie diese noble Passion beibehalten , obwohl sie jeden Diener ein wahres Purgatorium durchmachen ließ , ehe sie ihn würdig fand , ihr zu nahen . Gräfin Utta würde es jedenfalls vermieden haben , sich mit Leuten aus dem Volke zu umgeben , hätte es sich nur schicken wollen , Adelige zu so erniedrigenden Diensten zu gebrauchen . Daher bedauerte sie auch häufig die unvollkommene Einrichtung der Welt , die nicht eine eigene Dienerkaste hatte erfinden und begründen können , welche zwischen dem rohen Haufen und dem adlig Gebornen mitten inne stehe , diesem allein aber seine unbefleckte Hand zu dienender Huldigung darreiche . Diese Frau , eine kühle , hohe Schönheit , deren Spuren selbst das Alter der Matrone noch nicht gänzlich verwischen konnte , war Magnus Mutter . Unter ihrer Aufsicht wurde der stolze , trotzige , begabte Knabe erzogen . Ihm lehrte sie täglich den Katechismus der unverfälschten Aristokratie , fragte ihm denselben ab und überschüttete ihn mit Liebkosungen , wenn er gut bestand . Erasmus billigte eine solche Kindererziehung zwar nicht , er hatte aber auch nicht hinreichende Zeit und noch weniger Geduld , ihr entschieden entgegen zu treten . So begnügte er sich mit spöttischem Lächeln und gelegentlichen Bemerkungen , die jedoch Gräfin Utta unbeachtet an sich vorüberrauschen ließ . Konnte man da verlangen , daß Magnus mit seinem angebornen Sinn zum Herrschen , mit seiner heftigen Sinnlichkeit , mit dem sorgsam gepflegten Hange , den unbeschränkten Tyrannen zu spielen , ein Anderer werden sollte , als wie wir ihn bereits kennen gelernt haben ? Immer fand er eine bereitwillige Fürsprecherin in seiner Mutter , wenn er als Knabe die Herrscherwillkür zu weit getrieben hatte und deshalb Klagen bei seinem Vater einliefen . Ein Verweis , bald mehr bald minder streng , war die einzige Art der Bestrafung , die Magnus kennen lernte . Diesen nahm er mit der von seinem Vater streng geforderten Ergebung hin , um sich unmittelbar darauf von der zärtlichen Mutter seiner Selbstbeherrschung und anmuthigen Sitte wegen loben und in seinen Thorheiten bestärken zu hören . Nach Entwerfung dieser Silhouetten bitten wir den Leser , uns in das Zimmer des Grafen Erasmus zu begleiten . Der Graf saß in seinem auf Rollen ruhenden Lehnstuhle zwischen Kamin und Ofen . Ein mit Zobelpelz verbrämter Schlafrock von feinstem Stoff umhüllte ihn . Den edel geformten , wohl frisirten Kopf hatte er auf die rechte Hand gestützt . So hörte er mit feinem Lächeln einem Gespräche seiner Gattin zu , das diese in dem Augenblick abbrach , wo Herta mit dem Bedienten eintrat , der ein Theeservice von kostbarem meißener Porzellan in chinesischem Geschmack trug . Das junge Mädchen grüßte Oheim und Tante mit schalkhafter Vertraulichkeit und machte sich sodann , auf der Seite des Kamins Platz nehmend , mit Einschenken des Thee ' s zu schaffen , dessen Bereitung die Gräfin ihr stets überließ . Seltsamerweise liebte die schroffe Aristokratin ihre Nichte über alle Maßen , obwohl sie mit ziemlicher Bestimmtheit wußte , daß Herta ganz andern Ideen nachhing als sie . Die unverkennbare Herzensgüte des jungen Mädchens , verbunden mit dankbarer Hingabe an ihr Haus , und die natürliche schwebende Grazie , die das junge Geschöpf mit weit mehr Reiz umgab als die kunst- und erziehungsgerechteste Tournüre je um sich verbreitet , gewann der schönen Nichte ihr Herz und ließ sie kleine Flecken , die sonst in ihrem Auge entstellenden Fehlern , ja verachtungswürdigen Verbrechen geglichen haben würden , übersehen . » Nun , meine Liebe , « sprach Erasmus , als ihm Herta die erste Tasse Thee mit freundlichem Lächeln reichte , » worüber hast Du heut so lange nachgedacht , daß der reine Himmel Deiner Stirn mit leichten Wolken umschleiert ist ? « Herta schlug hastig die tiefen großen Augen auf und ein sanftes Roth überrieselte ihre Wangen . » Bin ich so ernst ? « fragte sie schüchtern . » Nachdenkend , mit Wünschen und Ideen Dich tragend , wie ich es gern habe , doch wär ' es mir noch lieber , wenn ich Dich immer frei und froh erblickte . Deine Jugend will ich nicht von dem kleinsten Schatten getrübt wissen . « » Da mußt Du die Sonne auslöschen , « versetzte Herta schalkhaft , » denn das liebe warme Himmelslicht hat mir schon manchen Schatten in mein Zimmer geschickt und mich gar arg verfinstert . « Erasmus schlürfte bedächtig den Thee und ließ dabei mehrmals sein Auge auf dem Mädchen ruhen , das darüber beunruhigt niederblickte . » Deine scherzhafte Antwort kann mich doch nicht täuschen , « sagte er nach einigem Zögern . » Du bist nicht meine klare , seelenstille Herta , Du bist aufgeregt . « » Ach ja , das bin ich auch , Onkel , aber von weiter nichts , als der Lectüre . « » Was lasest Du ? « fragte schneidend scharf die Gräfin . » Ein deutsches Buch , « erwiederte kaum halblaut das junge Mädchen . » Herta , « versetzte die Gräfin ruhig , aber in befehlendem Tone , » ich habe Dich schon so häufig ermahnt , diese rohe , unzarte und alle ächte Bildung zerstörende Lectüre aufzugeben , aber es scheint nicht , daß meine mütterlichen Warnungen etwas bei Dir fruchten . Wie hab ' ich solchen Undank verdient ? Fehlt es Dir etwa an bildender Unterhaltung ? Die gesammte Bibliothek steht Dir zu Gebote , Du brauchst mir Deine Wünsche nur zu nennen . Altes und Neues ist reichlich vorhanden , alle Schriften der geistreichsten französischen Autoren , denen gebildete Geister allein Geschmack abgewinnen können und dürfen , öffnen sich Dir . Warum also diese Abweichung vom Wege der Pflicht und guten Sitte ? Warum diese abscheuliche Vorliebe für unsere neuesten plumpen deutschen Schriftsteller , denen ich kaum diesen Namen zugestehen möchte ? Es ist nicht einer darunter , der wahrhafte Lebensart besitzt . Sie lieben alle den Verkehr mit dem Pöbel und incanaillisiren sich durch so entwürdigenden Umgang . Ja habe ich doch sogar von einer Freundin hören müssen , daß mehrere dieser Menschen , von denen der ungebildete Haufe jetzt so großes Geschrei macht , sich zuweilen betrinken ! Fi donc ! Sich betrinken , wie unsere wendischen Holzbauern ! - Das allein verdirbt mir allen Geschmack , macht , daß ich jedem Buche so roher Menschen den Zutritt in mein reines Zimmer verwehre , und enthielte es selbst entzückende Dinge . Nur der Mann der Gesellschaft , der feinen Lebensart kann Werke schreiben , die uns fesseln und gefallen ! - Was lasest Du ? « Herta warf einen fragenden Blick auf den Grafen , der mit stillem Lächeln dieser Strafrede seiner Gattin zugehört hatte . Erasmus verstand seinen Liebling und sagte mit leichtem Augenblinken , das Herta Unterstützung verhieß : » Ja , Liebe , das möchte ich auch wissen . « Das Mädchen senkte wieder die Blicke , und während sie Wasser in die Theekanne goß , was eigentlich ein Eingriff in die Rechte der Gräfin war , erwiederte sie : » Es war das neue Trauerspiel von Schiller , von dem die Zeitungen so viel sprachen . Don Karlos , Infant von Spanien hat es der Dichter genannt . « » Von Schiller ? « fiel die Gräfin ein . » Ist das nicht der aufrührerische Taugenichts , der heimlich seinem gnädigen Herrn entlaufen ist und das abscheuliche , schwülstige , der lästerlichsten Gedanken volle Buch Die Räuber geschrieben hat ? Ein sauberer Mensch , dieser Schiller ! Die Polizei sollte auf ihn fahnden und ihn in lebenslänglichen Arrest bringen , um alle Unschuldigen vor seiner Verführung zu schützen . Hat er es ja doch schon so weit gebracht mit seinen hochverrätherischen und aufrührerischen Schriften , daß die Schuljugend zusammengelaufen ist und seine höllischen Phantasien auf ' s wirkliche Leben hat anwenden wollen . Grade dieser Mensch ist mir unter allen deutschen Autoren der verächtlichste , der boshafteste , und der Haß aller Gutgesinnten wird ihn verfolgen . Und dieser Mensch wagt es , seine unsaubern plebejischen Hände zu einem Infanten von Spanien , zu einem Königssohn zu erheben ! « Es war dies ein Thema , bei welchem die Gräfin immer sehr beredt wurde und nicht selten in etwas unaristokratischen Zorn gerieth . Wenn Erasmus einen Ausbruch dieser Art bemerkte , fing er an zu husten , was ein sicheres Zeichen seiner Unzufriedenheit war . Dann mäßigte sich seine Gemahlin , weil sie es für entschieden roh hielt , auch nur die Ahnung an einen Streit mit ihrem Gatten in Andern aufkommen zu lassen . Auch jetzt hustete Erasmus , da er sah , daß Herta von den Worten ihrer Pflegemutter in tiefstem Herzen verwundet wurde . Utta brach ihre Rede sogleich ab und reichte dem Grafen einen Teller fein geschnittener Brödchen , als wolle sie ihm den Mund damit stopfen . Erasmus dankte verbindlich , drehte spielend seine goldene Tabatière zwischen dem Daumen und Zeigefinger der linken Hand und sprach zu Herta : » Theile ich auch nicht vollkommen die Entrüstung meiner Frau über Deine Lectüre , mein gutes Kind , so gestehe ich doch , daß ich ebenfalls keinen Gefallen an Deiner sonderbaren Wahl finde . Ich gebe zu , daß die neueren deutschen Poeten gebildeter , feiner und geistreicher sind , als ihre Vorgänger , allein Geschmack , jener unbeschreibliche Duft , der uns aus jedem französischen Geistesproduct entgegenweht , dieser fehlt ihnen noch gänzlich . Sie wollen durch Kraft und Ungeheuerlichkeit die mangelnde Eleganz der Form ersetzen , welche einzig und allein nur dem Witz und freien Spiel des Geistes erreichbar ist . Sie besitzen mit einem Worte keinen Esprit . Auch werden sie es nie dazu bringen , weil unsere Sprache zu schwerfällig ist und sich nie die leichte Geschmeidigkeit der französischen Sprache aneignen kann . Doch billige ich es , daß man auf diese Bewegungen in der deutschen Literatur achtet und Theil daran nimmt , soweit es sich mit guter Gesellschaft verträgt . Nur sei man vorsichtig dabei ! Man wisse zu sondern und lasse sich nicht von Leidenschaft und Vorurtheil leiten ! Wir haben bereits recht geschmackvolle und feinsinnige deutsche Schriftsteller , mit deren Werken ich mich selbst einigermaßen beschäftigt habe . Wieland , Herder , Goethe haben recht liebe Sachen geschrieben . Einige ihrer Schriften würde ich Dir , wenn Du deutsche Bücher so sehr liebst , empfehlen . Allein gegen diesen Schiller habe ich meine Bedenken ! Er ist ein entschiedener Revolutionär , gefahrvoll für die Jugend , gefahrvoll für das ungebildete Volk ! Er redet Ideen das Wort , die , griffen sie Platz im Leben , unsere ganze Existenz bedrohten . Namentlich richtet er seine , ich gebe es zu , furchtbaren Schwerthiebe gegen die höchsten Stände und schon deshalb müssen wir ihn ignoriren . Ignoriren ist eine höchst empfindliche Strafe , die mehr wirkt , als Lärm ! - Dies meine Meinung , liebes Herzchen , und nun sage mir , weshalb Du von der Lectüre so nachdenkend gestimmt worden bist ? « » Erlasse mir dies , guter Onkel , « versetzte Herta . » Ich müßte die herrlichen Worte , die königlichen Gedanken , welche alle Menschen , ja die ganze Welt mit gleicher Liebe umfassen , auswendig wissen , wenn ich Dir ein nur schwaches Bild von dem Gemälde entwerfen wollte , das jeden Guten entzücken muß . Nein , Oheim , lies es selbst das Buch ! Lies es ohne Vorurtheil , in völlig reiner Geistesstimmung , und dann sage mir unumwunden , was Du davon hältst . Verurtheilst Du meinen Schützling , so verspreche ich Dir , meine Hand von ihm abzuziehen . « » Brav , mein Mädchen ! « sagte Erasmus , zog die schlanke Gestalt an sich und küßte sie auf die im Feuer der Begeisterung leuchtende Wange . » Du hast Recht , man muß prüfen , ehe man urtheilt oder gar verdammt . « » Aber sage mir doch , kleiner Schalk , « warf die Gräfin ein , gewaltsam ihren Verdruß über die Milde und Nachgibigkeit ihres Gemahls niederkämpfend , » wie bist Du denn zu diesen aufregenden Büchern gekommen ? « Herta preßte feurig die Hand der Tante an ihre schwellenden Lippen . » Nicht zürnen , beste Tante ! « sagte sie , so hold bittend , mit so engelsanftem Blick der großen schönen Augen , daß Weigerung nicht möglich war . Die Gräfin gewährte die Bitte durch gnädiges Kopfnicken . » Also , « fuhr Herta munter und treuherzig fort , » so hört mich denn ! Einige Meilen von hier gegen die Berge hin wohnt ein wunderlicher , aber herzensguter Mann , der sich durch Unterricht der Dorfkinder kümmerlich genug sein Brod erwirbt . Er ist Schulmeister und heißt Gregor . Wenigstens kennt ihn Groß und Klein unter diesem Namen . Ich halte den guten Mann nicht eben für sehr gelehrt , dazu ist er zu steif und unbeweglich , auch mag er wohl nicht viel Zeit zum Studiren übrig behalten , aber für Besorgung des geringsten Auftrages , den man ihm gibt , läßt sich Keiner bereitwilliger finden . « » Bauernschulmeister ! « bemerkte hier die Gräfin und wehte sich mit dem aufgeschlagenen Fächer Luft zu . » Dorfschulmeister , « verbesserte Herta etwas boshaft . » Nun siehst Du , dieser ganz prächtige Mann ist ein leidenschaftlicher Bienenvater und als solcher sehr geübt und gesucht . Schon im vorigen Jahre sah ich ihn mehrmals in der Gegend beschäftigt , ausgeflogene Schwärme einfangen und die Bauern in der Kunst der Bienenzucht unterrichten . Bei seiner Wortkargheit macht er sich dabei recht drollig . Nun Ihr wißt ja , meine besten Herzensältern , daß ich ein klein wenig neugierig bin und mein Näschen überall hinstecke . So fragte ich also den Schulmeister Gregor eines Tages , wo ich ihn wieder mit seiner Arbeit , die Drahtmaske vor dem Gesicht , beschäftigt sah , was Alles dazu gehöre , ein tüchtiger Bienenvater zu werden ? Darüber erschrak der gute Mann so furchtbar , daß er den Räucherkrug fallen ließ und beinahe den Bienenkorb noch obendrein umgestoßen hätte . Er stotterte , verbeugte sich unbeschreiblich komisch und sagte nach mehrmaligem fruchtlosen Ansatz zum Sprechen weiter nichts als « - » ganz natürlich ! « Erasmus lachte recht herzlich über den erschrockenen Schulmeister und auch die Gräfin erlaubte sich eine lächelnde Miene zu ziehen und die Erzählung ihrer neugierigen Nichte spaßhaft zu finden . » Nach und nach ward mein Mann etwas dreister , « fuhr Herta fort , » und durch langes und vieles Fragen bekam ich doch einen Begriff von der Bienenzucht . Es ist aber keine Beschäftigung für Mädchen und Frauen , darum will ich den Bienen ihre Geheimnisse lassen und mich mit den Früchten ihres Sammelfleißes begnügen . Schon wollte ich dem guten Schulmeister für seine Belehrung danken , als er mich beim Saum des Aermels ergriff - « » Fi donc ! « rief die Gräfin entrüstet und schob ihren Stuhl um einen halben Schritt vom Theetisch zurück . » Ein Dorfschulmeister hat den Aermel Deines Kleides angefaßt ! « Der Fächer gerieth dabei wieder in sehr lebhafte Bewegung . » Beruhige Dich , meine Liebe , « sagte der Graf sarkastisch , » er hat ihn angefaßt und das mag uns trösten . « » Ja , « fuhr Herta fort , » er faßte mich am Aermel und sagte in langen Pausen : Engel , hehrer , süßer Engel - ganz Natur ! - Wollen Sie vielleicht ein Buch über Bienenzucht lesen , so kann ich Ihnen ein vortreffliches leihen , natürlich ! Dieses Anerbieten rührte mich , ich dankte ihm aufrichtig und fragte dabei , weil es mir gerade einfiel : ob er mir vielleicht irgend ein anderes Buch besorgen könnte ? - Ganz Natur , gab er zur Antwort , mit einer Würde , als habe er über ein mächtiges Königreich zu gebieten . Sie dürfen nur wünschen , Engel in Menschengestalt , und es soll geschehen , wenn es meine Kräfte nicht überschreitet , natürlich , Natur ! - Da nannte ich ihm denn einige Werke , nach denen ich lüstern war , und mein braver Gregor hat mir pünktlich Wort gehalten . So kamen , wie Frühlingsvögel , die den warmen Sommer verkünden , zugleich mit den Lerchen ein paar Bände von Schiller , Novalis und Bürger ; so flog auch Don Karlos in mein stilles grünes Blätterboskett , und ich sage Euch , daß sie mich alle recht glücklich gemacht haben , weit glücklicher , als Eure vielgepriesenen steifen und unwahren Franzosen . Und nun rufe ich mit meinem lieben Schulmeister : natürlich , Natur ! « Herta unterließ nicht , nach diesem Geständniß sowohl Oheim wie Tante ehrfurchtsvoll die Hand zu küssen , gleichsam als bitte sie ihrer Kühnheit wegen um Verzeihung . Die Gräfin war auch sichtbar aufgebracht , weil sie aber dem Mädchen ihr Wort gegeben hatte , nicht zürnen zu wollen , so hüllte sie sich in den undurchdringlichen Panzer ihrer aristokratischen Abgeschlossenheit , spreitete den Fächer aus und wehte sich immer von Herta ' s Seite her frische Luft zu . Die harmlose Erzählung mußte ihr erstaunlich auf die Brust gefallen sein . Erasmus klopfte Herta auf die vor Schaam und Furcht glühenden Backen . » Sei ohne Furcht , « sagte er , » kein Unwetter soll Deinen blauen Unschuldshimmel trüben . Du bist zwar eine kleine gefährliche Schmugglerin , die eigentlich Strafe verdiente , für diesmal jedoch soll diese nur in vorläufiger Confiscation Deiner Contrebande bestehen . Du wirst mir die Lieferungen Deines prächtigen Schulmeisters ausliefern und zwar sogleich ! Nach einigen Tagen werde ich Dir Dein Eigenthum zurückgeben und mich darüber erklären , ob der Schulmeister auch künftig noch mit Dir soll verkehren dürfen oder ob ich ihm verbieten muß , in die Nähe des Schlosses zu kommen . Jetzt geh ' und hole die Bücher ! « Still gehorchend entfernte sich das junge Mädchen . Diesen Augenblick benutzte die Gräfin um ihrem Gatten einige Vorwürfe über sein Verfahren zu machen . Sie schlug den Fächer zusammen , legte ihn vor sich hin und sagte mit vornehmem Aufwerfen der Lippen : » Du verwöhnst das Kind , mein Freund ! Durch solches Gestatten stählen wir ihren an sich schon festen Willen und impfen ihr eine Selbstständigkeit ein , die auf falsche Bahnen gerathend ihr äußerst gefährlich werden kann . Es wäre diplomatischer gewesen , Du hättest dem überspannten Kinde ihre schlechte Lectüre ohne Angabe des Grundes verboten . Das Dictatorische macht auf Jugend und Volk den nachhaltigsten Eindruck . « » Herta ist ein kluges Mädchen , « versetzte Erasmus , » und ich will nicht , daß man der Entwickelung ihrer reichen , gesunden Naturanlagen hemmend entgegentritt . Sie soll selbst unterscheiden lernen , damit sie in späteren Jahren nach eigenem Urtheil wählen kann . « » Zu stark treibende Pflanzen muß man der Sonne entziehen , damit sie sich nicht überwachsen . « » Du erinnerst mich doch immer an Deinen frühern Verkehr mit dem Onkel . Immer und immer schimmert aus Deinen sammetweichen Worten , die noch sanfter klingen , wenn sie über Deine Lippen gleiten , ein feiner Strahl jesuitischen Lampenlichtes heraus , das heimlich in die Herzen der Menschen hineinleuchtet . « » Warum gedenkst Du dieses als eines Unheils ? « versetzte die Gräfin . » Wir verstehen schlecht unsern Vortheil , wenn wir uns blödsinnig der Privilegien begeben , die uns Geburt und Rang verliehen haben . Den Jesuitismus betrachte ich nicht als einen religiösen Orden , mir ist er nur ein System , dessen Anwendung auf das Leben von unberechenbarer Wirkung ist . Das sollte der Adel wohl bedenken und sich , gleichviel welcher Confession er angehört , mit den Jesuiten in stillster Stille verbrüdern . Oder siehst Du nicht ein , mein Freund , daß die Erschütterungen in Frankreich eine völlige Auflösung allen Standesunterschiedes prophezeihen ? Daß der wahnsinnig gewordene Pöbel seine blutigen Kothhände gegen uns erhebt , um uns in die Kloaken seiner Gemeinheit hinabzureißen ? « Als Erasmus auf diese Bemerkungen seiner umsichtigen Gattin antworten wollte , kam Herta mit den Büchern zurück und legte sie freundlich vor den Grafen hin . » Hier bringe ich Dir meine Herzensfreunde , « sagte sie , einen langen und tiefen Blick aus ihrem frommen Auge dem Oheim sendend . » Ich werde sie recht vermissen , denn sie waren mir früh und Abends liebe Gefährten , die meine Seele mit ihren entzückenden Weisheitssprüchen labten und mich erkennen ließen , wie herrlich das Leben auf dieser schönen Erde sein müsse , wenn ihre Lehren auf fruchttragendes Land fielen ! O mir stürzen die heißen Schmerzensthränen in die Augen , blicke ich hinaus in ' s dampfende Land der Haide und sehe überall nur gebückte Knechte , statt aufrechtgehender Menschen , wie Gott will , daß wir alle sein sollen ! « » Es scheint , Du hast bei Deinem Schulmeister Unterricht genommen im Predigen , « bemerkte die Gräfin mit vorwurfsvollem Tone . » Beste , gnädige Tante , schmähe meinen alten Freund nicht , er hat es wirklich nicht um mich verdient ! « sagte Herta und küßte der Grafin die Hand . » Wenn Du so verächtlich von den armen Leuten sprichst , sinkt mir aller Muth , dem Oheim eine Bitte vorzutragen , die mir recht am Herzen liegt . « » Mir , meine kleine Revolutionärin ? « fragte der Graf , der inzwischen das Personenverzeichniß des Don Karlos gelesen hatte . Er zeigte das Buch jetzt seiner Frau über den Tisch und sagte : » Gegen diese Gesellschaft lassen sich keine gegründeten Einwendungen machen . « » Darf ich reden ? « fragte Herta mit leuchtenden Blicken . » Ich habe Dir nie eine Frage an mich verwehrt . Sprich offen und wahr ! « » Wie immer , mein gütiger Oheim . - Nicht wahr , einer Deiner armen Haidebauern , oder ist er ein Gärtner , heißt Sloboda ? « » Das weiß ich wirklich nicht , liebes Kind , doch glaube ich , daß mehrere dieses Namens unter meine Unterthanen zählen . « » Der Mann , den ich meine , ist schon bei Jahren und hat eine hübsche junge Tochter , die Röschen heißt . « » Ja , ja , « sagte Erasmus nachdenkend , » das wird der große Jan sein , dessen Sohn im Gemeindehause als irr untergebracht worden ist . « » Ganz recht , « fiel Herta lebhaft ein , » ein Baum erschlug ihm seine Frau beim Holzfällen . Den schrecklichen Tod hat er sich zu Gemüthe gezogen und nun ist er geisteskrank , der Arme ! « » Sein Vater bittet mich gewiß um eine Unterstützung ? « » Nein , mein