Streit am Morgen fiel ihr ein und sie selbst fing wider ihren Willen sich der Meinung Eva ' s zuzuneigen an . Das regte sehr verschiedene Gefühle in ihrer Seele auf . Sie wünschte nichts lebhafter , als Julian recht glücklich zu sehen , aber konnte er das in der Ehe mit einer Frau werden , die dreißig Jahre jünger war als er ? Agnes war ein Kind - Soweit war Therese in ihren Gedanken gekommen , als Agnes eintrat und beide Frauen sich überrascht ansahen , denn es war eine ganz merkliche Veränderung mit ihr vorgegangen . Es schien , als habe sie den Schritt aus der Kindheit in das jugendliche Alter plötzlich gemacht ; als habe das gestrige Fest , die Bewunderung , die sie gefunden , ihr plötzlich gezeigt , daß sie ein Recht habe , sich den Frauen zuzugesellen , die der Beachtung werth wären . Sie trug sich grader , trat freier auf , hatte ihre Kleidung sorgfältiger geordnet und begrüßte Frau von Barnfeld traulich mit dem Namen Eva , während sie sie bis jetzt » gnädige Frau « zu nennen pflegte . Ist Theophil nicht hier gewesen , liebe Therese ? fragte sie , er wollte , da das Wetter so schön ist , uns auffordern einen Spaziergang zu machen . Wenigstens sagte er mir so , als ich von der französischen Stunde kam . Die Worte klangen so natürlich als möglich und doch war für Therese etwas Ungewohntes darin . Wie Agnes Frau von Barnfeld nicht bei dem Taufnamen genannt , so hatte sie es auch mit Theophil niemals gethan , niemals sich mit Therese in gleiche Reihe gestellt . Wie kommen Sie mir denn vor , Agnes ! rief Eva , die keinen Eindruck zu verbergen wußte , ich glaube , Sie sind gewachsen seit gestern ! Sie haben sich vollständig gemausert . Sind Sie größer als Therese ? Nein , sehen Sie nur , sagte Agnes freundlich , indem sie vor Therese hinkniete und ihr die Hand küßte . Ich bin noch immer Dein Kind , nicht wahr , Therese ? und Du bist nicht böse , daß ich Dir nichts von dem Balle gesagt habe . Ich wußte es ja nicht bestimmt und ich dachte , wenn Dein Bruder es mir vorschlage , könne es kein Unrecht sein . Er ist so gut , Dein Bruder . Therese küßte Agnes , drückte sie an ihr Herz und beruhigte sie durch die Versicherung , ihr nicht zu zürnen ; dann gab sie ihr einige Aufträge für den Haushalt , das junge Mädchen entfernte sich dienstfertig und Therese bat Frau von Barnfeld , gegen Niemanden , am wenigsten gegen Agnes etwas davon zu erwähnen , daß sie an eine Neigung des Präsidenten für sie glaube . Eva versprach es und sagte : Nur das Eine verlange ich zu wissen : glaubst Du , daß ich mich geirrt habe , daß mein Verdacht ungegründet ist ? Ich weiß es nicht , antwortete Therese , aber warum nennst Du es einen Verdacht ? Wäre es ein Unrecht , wenn Julian ein gutes , schönes Mädchen zur Frau nähme ? Entsetzlich , o , entsetzlich wäre es ! rief Eva in Thränen ausbrechend und eilte mit verhülltem Gesichte hinaus , ohne auf Theresen ' s dringende Bitte zu achten , daß sie bei ihr bleiben und sich beruhigen solle . Therese war in großer Gemüthsbewegung . Agnes , die sie von ihrem Bruder trennen konnte , erschien ihr fremd und doch zog der Gedanke , Julian könne das Mädchen lieben und glücklich durch dasselbe werden , sie wieder zu ihm hin . Eine Neigung Eva ' s für ihren Bruder hatte sie lange vermuthet ; nun hatte die Gewißheit derselben sie erschreckt . Wohin sie blickte , Trübsal und Verwirrung . Sie dachte des Tages , an dem sie mit Alfred und dem Bruder über die mögliche Ankunft ihrer Hausgenossen gesprochen , und der Besorgnisse , die sie dagegen gehegt hatte . Jetzt waren sie nahe daran , sich zu erfüllen . Jene heitere Vergangenheit war längst entschwunden . Alfred ' s und Theophil ' s Bilder traten ihr beunruhigend vor die Seele . Beide waren nicht glücklich , und welch schweres Leid konnte die Zukunft ihr selbst noch bringen , während nirgend eine Aussicht auf Glück für sie vorhanden war ! Sie fühlte sich geistig müde und traurig und es erschien ihr fast wie eine Wohlthat , als ein Billet des Bruders ihr meldete , daß ein dringendes Geschäft ihn und Teophil nöthige , nach einem entfernten Stadttheile zu fahren , und daß sie deshalb auswärts speisen würden . Der Brief endete mit den Worten : » Ich war heute ungerecht gegen Dich , liebe Schwester ; Du hast entgelten müssen , was mich innerlich quälte . Vergib mir das , Du liebe Treue ! ein reuiger Sünder grüßt Dich mit Wort und Kuß . « Das erquickte Therese . Sie suchte sich , wie es ihre Art war , alle Möglichkeiten durchzudenken , faßte die Zukunft fest ins Auge , stellte sich die Zeit vor , in der sie einsam ohne Julian leben würde , und sagte dann lächelnd : Habe ich ein Recht zu fordern , daß er für mich lebe ? Werde ich nicht glücklich sein in seinem Glücke ? Aber trotz aller Liebe für den Bruder , trotz der reiflichsten Ueberlegungen behielt eine wehmüthige Stimmung die Herrschaft über sie und war nicht gewichen , als man sich am Abend bei Eva versammelte . Mit Agnes bei Eva anlangend , fand sie Alfred schon dort , Eva ein wenig bleich , aber heiter wie immer , und kurze Zeit darauf erschienen auch Julian und Theophil . Der Erstere gab Theresen die Hand , und die vollständigste Versöhnung ward schweigend durch einen Händedruck besiegelt . Dann begrüßte er die übrigen Personen und sagte : Uns hat heute ein seltsames Ereigniß beschäftigt . Wollt Ihr es , so theile ich es Euch mit , oder besser , Theophil erzählt es Euch , denn er ist eine der Hauptpersonen dabei . Man bat den Assessor um die Mittheilung . Ich glaube Ihnen schon neulich gesagt zu haben , hub er an , daß die Besorgniß vor dem neuen , die Ehescheidungen erschwerenden Gesetze eine große Menge von Ehescheidungsklagen zuwege bringt , weil die Leute , die in unglücklicher Ehe leben , die Klagen auf Trennung einzureichen wünschen , während das alte Gesetz noch in Kraft ist . Unter diesen Eingaben befand sich auch die Klage einer Frau , deren Mann hier in der Stadt als ein wüster Gesell , ein Spieler von Profession bekannt ist . Es war heute der zweite Termin in der Sache angesetzt , die ich führe . Schon das erste Mal fiel mir das Aeußere der Frau angenehm auf . Sie ist nicht hübsch , etwa in der Hälfte der dreißiger Jahre , hat aber jenes Aussehen , das auf eine gewisse geistige Entwickelung schließen läßt . Ihre Kleidung war dürftig , doch mit großer Sauberkeit und Sorgfalt geordnet . Sie erklärte in der Eingabe , daß sie , seit achtzehn Jahren verheirathet , zwei Töchter habe , von denen die älteste siebzehn , die jüngere funfzehn Jahre alt sei , und daß sie im Verein mit diesen Töchtern sich seit Jahren durch Handarbeit ernähre , da ihr Mann nichts erwerbe oder , falls er etwas erwerben sollte , es außer dem Hause verbrauche . Sie habe seit dem Beginn ihrer Ehe nicht glücklich mit ihrem Manne gelebt , die Eltern hätten sie zu der Heirath gezwungen . Trotzdem glaube sie , ihre Pflicht erfüllt und geduldig die Rohheit ihres Mannes ertragen zu haben . Jetzt aber , da diese täglich zunehme , da ihre Kraft durch den Gram gebrochen sei , da ihre Töchter mit von der Tyrannei zu leiden hätten und man ihr sage , die Scheidung solle künftig erschwert werden , jetzt sehe sie sich genöthigt zu verlangen , daß man sie von ihrem Manne trenne . Sie hatte die Klage offenbar selbst gemacht und war auch im Termine selbst erschienen , weil , wie sie mir sagte , ihr die Mittel fehlten , einen Justizcommissar zu bezahlen . Daß ich mit der größten Schonung gegen die Frau bei dem Termine verfuhr , darf ich nicht erst versichern . Der Mann , früher Offizier , dann in einem Civilamte beschäftigt und wegen Dienstvergehen entlassen , will von der Scheidung nichts hören , weil es ihm bequem zu sein scheint , Wohnung , Speise und Kleidung für sich erwerben zu lassen , während er in Spielhäusern und Weinschenken die Zeit verschwendet , oft betrunken heimkehrt , bisweilen wüste Gesellen mit sich nach Hause bringt und Frau und Töchter auf das äußerste quält . Diese Thatsachen stehen fest . Da er aber seine Frau nie in Gegenwart von Fremden beschimpft , sie nie geschlagen hat , da sie selbst nicht wegen Ehebruch klagt und er sich nicht von ihr trennen will , ist die Sachlage nicht günstig für ihre Wünsche . Mann und Frau waren heute im Termine erschienen und diese Letztere litt sichtlich durch die Erörterungen über ihr eheliches Verhältniß , zu denen der Mann sich erniedrigte . Er klagte sie an , ihn niemals geliebt zu haben , sie hätte ein Verhältniß vor Eingehung ihrer Ehe mit einem Referendarius gehabt , diese Liebe hätte gleich anfangs störend zwischen ihnen gestanden , die Kälte und Abneigung seiner Frau hätten ihn aus dem Hause getrieben und dergleichen Dinge mehr , die im Munde dieses Mannes das Gepräge der Unwahrheit trugen . Als er dann immer roher wurde , zuletzt grobe Beschuldigungen gegen die Treue seiner Frau aussprach und behauptete , daß sie noch nach der Hochzeit in fortgesetztem Verhältniß zu ihrem frühern Geliebten gestanden und diesen oftmals bei sich gesehen habe , sagte die Frau , die schon lange heftig gezittert hatte : Großer Gott ! auch das noch und vor all den Männern ! und sank in einer Ohnmacht zusammen , so daß man sie hinaustragen mußte . Mir that die Frau sehr leid , der Mann aber schalt sie eine empfindsame Närrin und eilte , da es unmöglich war , den Termin fortzusetzen , gleichmüthig davon . Als ich ebenfalls im Nachhausegehen in das Vorzimmer kam , wo verschiedene Personen sich damit beschäftigten , die Ohnmächtige ins Leben zu rufen , traf ich einen uns gemeinsam bekannten Justizbeamten . Er fragt mich , was das Gewühl bedeute ? ich erzähle es ihm und nenne zufällig den Familiennamen der Frau dabei . Kaum hat er ihn gehört , als er sich durch die Menge drängt , die Ohnmächtige betrachtet und sie mit ihrem Namen anruft . Bei dem ersten Tone seiner Stimme richtet sie sich plötzlich in die Höhe , öffnet die Augen , sieht ihn an , wie man eine unirdische Erscheinung betrachten würde , und sinkt dann in seine Arme , während heiße Thränen aus Beider Augen fließen . Niemals habe ich Etwas erlebt , was mich in ähnlicher Weise erschüttert hätte . Ich suchte die Leute zu entfernen , die umherstanden . Der Beamte bat mich , nachzusehen , ob er die Leidende nicht in das Sessionszimmer führen könne . Ich that es und , da Niemand als der Präsident darin war , kam er selbst , sie dorthin zu geleiten . Die Frau erholte sich dann und fuhr nach Hause in einem Wagen , den wir herbeigeschafft hatten . Soweit hatte Theophil erzählt , als der Präsident ihn ablöste . Ihr werdet nun leicht den Zusammenhang errathen , sagte er , wie ihn uns der Beamte nachher erklärte . Er ist jener Jugendgeliebte der unglücklichen Frau . Beide waren arm , ohne alle Aussicht , sich verbinden zu können , und das Mädchen heirathete , von den Eltern dazu gezwungen , ihren jetzigen Mann , der damals noch ein nahmhaftes Vermögen besaß , obgleich er den größten Theil seines Erbes schon verspielt hatte . Der früher Geliebte hat ihr in der ersten Zeit bisweilen geschrieben , wie er sagt , aber keine Antwort von ihr erhalten . Wiedergesehen hat er sie nie , da er bis vor wenig Wochen in den östlichen Provinzen angestellt war , während die Frau lange Zeit am Rheine lebte . Heute haben sich nun die Langgetrennten gefunden und der Beamte konnte der tiefen Erschütterung nicht Herr werden , in der er sich befand . Das Mädchen , das er in behaglichen Verhältnissen , jung und frisch verlassen , hatte er als bleiche , verkümmerte Frau unter den Händen fremder Menschen wiedergesehen ; erliegend unter der Last häuslichen Unglücks , geschmäht von einem Manne , der ihr das Leben zur Hölle gemacht hat . Um Gottes willen , rief er einmal über das andere , wie stellen wir es an , die Unglückliche frei zu machen ! - Ich schlug ihm vor , ich wolle selbst mit jenem Manne sprechen , ich wolle ihn überreden , in die Scheidung zu willigen . Der Beamte nahm den Vorschlag an , erklärte , dem Manne eine nicht unbedeutende Summe zahlen zu wollen , wenn er darauf eingehe , und wollte selbst zu der Frau eilen , sie davon zu benachrichtigen . Das widerrieth ich ihm jedoch entschieden , er darf sie nicht eher wiedersehen , bis die Angelegenheit beendet sein wird . Er ist das ihrer Ehre und sich selber schuldig . Ich bat Theophil , statt seiner zu ihr zu gehen und sie von den Vorgängen zu unterrichten , während ich in das Gasthaus fuhr , wo ihr Mann sich gewöhnlich aufhält , und diesem die nöthigen Vorstellungen machte ; denn der Beamte beschwor mich , es gleich zu thun , er könne sonst nicht Ruhe finden . Wie mir scheint , wird die Sache sich für den Augenblick hinhalten , und man muß sehen , wie sie enden wird . Nun , Ihr Beamter wird doch natürlich seine frühere Geliebte heirathen , rief Eva . Daran zweifle ich , obgleich er unverheirathet ist , meinte der Präsident . Wenigstens läßt mich keine seiner Aeußerungen darauf schließen , daß er diese Absicht habe . Er hat das Mädchen einst geliebt , es geht ihm nahe , die Frau jetzt unglücklich , mishandelt zu wissen , er will sie zu retten suchen , das ist ein sehr natürliches Gefühl . Ob er sie noch liebt ? ob sie ihm noch zur Frau begehrenswerth scheint , da ein langes Leben zwischen jener Zeit und ihrem Wiedersehen liegt , das wird die Zukunft lehren . Einstweilen wollte ich die Damen bitten , ob sie der Frau , die augenblicklich , wie mir Theophil sagt , in Noth ist , nicht Arbeit und Erwerb zu schaffen wüßten ? Mein Beamter wollte auch hier aushelfen , aber auch davon habe ich abgerathen . Es könnte zu Misdeutungen Anlaß geben , und warum soll man Jemand zur Annahme von Wohlthaten zwingen , dem man die Mittel geben kann , sich selbst zu helfen ? Kauft daher Leinwand und andere Stoffe , Ihr Frauen , und gebt der armen Person Arbeit und Verdienst , mehr ist für jetzt nicht nöthig . Eva und Therese , die , wie Alfred , mit Antheil zugehört hatten , erklärten sich sofort zu jedem Beistand gern bereit und Therese fragte : Wenn nun der Mann auch in die Scheidung willigt , so steht der Trennung doch kein Hinderniß im Wege und die Frau wird frei ? Nach den bisherigen Gesetzen , sagte Theophil , würde dann die Scheidung keine große Schwierigkeiten verursachen , da die Frau gewiß keine Unterstützung von dem Manne verlangt , und sich und die Töchter wie bisher ernähren würde . Nach dem beabsichtigten Gesetz dürfte es aber noch vielen Zweifeln unterworfen sein , ob man diese Ehe überhaupt trennen würde ? Aber was geht das den Staat an , ob zwei Menschen , die sich nicht mögen , miteinander leben oder von einander gehen ? fragte Eva . Da der Staat jene Frau nicht gefragt hat , ob sie ihren Mann auch möge , als die Eltern sie zu einer Heirath gegen ihre Neigung zwangen , so hat er doch auch jetzt gewiß nichts danach zu fragen , wenn sie den aufgedrungenen Mann nicht mag und sich von ihm trennt . Die Ehe und das Familienleben sind die Grundlage eines Staates und er hat deshalb die Pflicht , sie zu schützen , sagte Theophil . Was heißt das , die Ehen schützen , wenn man eine Frau so unglücklich werden läßt , als die , von der Sie eben berichtet haben ? Die Frauen sollte man beschützen , sie sollte man fragen , wenn man neue Gesetze über die Ehe entwirft , rief Eva , und nicht Gesetze geben , die einer Unglücklichen befehlen , das harte Joch zu tragen , wenn es ihr zu schwer wird . Es ist schlimm genug , daß Eltern und Verhältnisse ein Mädchen zwingen können , sich gegen ihren Wunsch zu verheirathen ; der Staat braucht nicht die Ungerechtigkeit hinzuzufügen , daß er verlangt , man solle verheirathet bleiben mit einem Manne , den man nicht liebt , nicht achtet , den die Frau hassen muß , wenn er sie gegen ihren Willen zu fesseln begehrt . Sie machen in Ihrer Entrüstung unbefangen einen Theil der Bemerkungen , die von allen Seiten gegen das neue Gesetz eingewendet werden , das auch mir nicht wohlbedacht erscheint , besonders weil es den Ehebruch bestrafen will , auch ohne daß der gekränkte Theil klagbar dagegen wird , sagte der Präsident . Die Ehe ist ein bürgerliches Institut und ein geistiges Band . Jede dieser Richtungen hat ihre besonderen Rechte . In Frankreich trennt man sie scharf , indem man erst die bürgerliche Ehe vor dem Maire abschließt , die geistige Ehe darauf von dem Priester segnen läßt . Die bürgerliche Ehe , als Staatsinstitut , als die schönste , vollendetste Form menschlicher Vereinigung , zu schirmen und aufrecht zu erhalten , ist Pflicht des Staates , denn mit Aufhebung unserer jetzt bestehenden Ehesitten zerfällt die bürgerliche Gesellschaft in ein wüstes Chaos . Die Trennung dieser Ehe gehört entschieden vor sein Gericht , insofern das Eigenthum und die Rechte des Bürgers dabei gefährdet werden . Die geistige Ehe , die Ehe , welche der Priester segnet , ist Sache des Einzelnen und nur das Gewissen der Gatten hat darüber zu entscheiden . Glaubt der Staat sich ermächtigt , über diese geistige Vereinigung der Gatten zu urtheilen , denkt er daran , Vergehen gegen die ehelichen Pflichten zu bestrafen , welche der gekränkte Theil schweigend ertragen will , so verkennt er seinen Beruf und begeht ein Unrecht . Er drängt sich unbefugt in die Geheimnisse des Einzelnen und beschränkt seinen freien Willen . Dies zu thun ist aber ein Verbrechen , denn die Freiheit eines Menschen darf der Staat nicht antasten , so lange sich Niemand beschwert , daß er sie zum Nachtheil eines Andern misbrauche . Das ganze Gesetz hat darum etwas so Gehässiges , sagte Theophil , weil es nicht wie ein Schutz- sondern wie ein Strafgesetz aussieht . Es betrachtet die Personen , die auf Scheidung klagen , wie Uebelthäter , die man zu ihrer Pflicht zwingen , wie Verbrecher , die man bestrafen müsse , während in den meisten Fällen mindestens der eine Theil so unglücklich ist , daß man ihn so schnell als möglich erlösen sollte . Die Zahl der Eheleute , die sich aus Leichtsinn trennen , wie es in den Gesetzentwürfen heißt , möchte sehr gering sein ; größer ist schon die Zahl der Ehen , die ohne Ueberlegung geschlossen werden . Dies zu verhindern aber vermag der Staat nicht und er kann es nicht einmal wollen . Was Sie über Ehescheidungen aus Leichtsinn sagen , ist ganz richtig , bemerkte der Präsident . Die Ehe gibt den Gatten eine solche Menge gemeinsamer Pflichten und Lasten , die Interessen derselben sind so fest ineinander verschlungen , veranlassen bei einer Trennung eine solche Menge von Uebelständen für beide Theile , daß wohl der Leichtsinnigste ernst und aufmerksam wird und davor zurückschreckt , wenn eben nur Leichtsinn ihn zu der Scheidung veranlaßte . In den niedern Ständen sind es gewöhnlich sittliche Verwahrlosung oder Noth und Armuth , die unglückliche Ehen zuwege bringen . Diese Noth mildern , das sittliche Bewußtsein , das in unserm Volke vorhanden ist , durch moralische , nicht durch pietistische Erziehung stärken , das ist es allein , was der Staat zur Beförderung glücklicher Ehen thun kann . Glückliche Ehen möglich zu machen , muß sein Ziel sein , nicht unglückliche Ehen zusammenzuhalten . Im Gegentheil ließe sich eher behaupten , daß , da es vernünftiger Grundsatz des Staates ist , den Uebelthäter , gegen den die große Staatsfamilie sich beschwert , von der Gesammtheit auszuscheiden , weil er ihre Rechte kränkt und sie durch sein Beispiel entsittlicht , so müsse der Staat auch , auf Verlangen einer Familie , diese von einer Person befreien , die ihr Wohlergehen verhindert . Die Andern stimmten dem Präsidenten bei und er fuhr fort : Frau von Barnfeld bemerkte vorhin und Theophil wiederholte es , daß der Staat keine Aufsicht über die Beweggründe führen könne , aus denen sich Ehegatten verbinden . Da er nun die Eingehung einer Ehe dem freien Willen und dem Ermessen der Betheiligten anheimstellen muß , so muß ihnen auch die volle Freiheit bleiben , ein Bündniß , das sie eingingen , um glücklich zu werden , aufzulösen , wenn es diesem Zwecke nicht mehr entspricht , ihm entgegen ist . Mir scheint , der Code Napoleon habe diese Verhältnisse am vollständigsten erfaßt und jeder Richtung ihre gebührende Anerkennung gesichert . Ich finde es angemessen , daß nach dem Code jede Ehe ohne Weiteres getrennt wird , wenn nach zweijähriger Dauer derselben beide Gatten darein willigen und die Eltern oder ein Familienrath die Ordnung der Vermögensverhältnisse und die Zukunft der Kinder für gesichert erklären . Dadurch schützt sich der Staat davor , daß ihm die Ernährung der Familie zur Last falle , und läßt doch dem Menschen das Recht , frei über seine heiligsten Interessen zu entscheiden . - Er hielt inne und sagte dann nach einer Pause : Allerdings kommen auch Fälle vor , in denen eine solche friedliche Lösung unmöglich ist ; da muß natürlich der Staat vermittelnd dazwischentreten und das Gesetz die streitenden Parteien zufrieden zu stellen suchen . Solche lange Auseinandersetzungen lagen nicht in der Art des Präsidenten , heute aber mochte ihn das Interesse dazu bewogen haben , welches die Andern für den Gegenstand zeigten . Auch Alfred hatte bis dahin schweigend zugehört , jetzt richtete er sich empor und sagte : Inwiefern der Staat sich zu berücksichtigen hat , mag ich augenblicklich nicht erörtern . Mir fällt aber , so oft das Thema berührt wird , ein Ausspruch Rahel ' s ein , den man als Motto über alle Schriften setzen sollte , welche sich gegen das neue Ehegesetz erklären . Sie sagt : » Die höchste Schmach einer Frau , die tiefste Erniedrigung ist es , daß sie Mutter von Kindern werden kann , deren Vater sie haßt und verachtet . « Mit den wenigen Worten drückt die feinfühlende , scharfsichtige Frau Alles aus , was sich gegen die Unsittlichkeit einer Ehe sagen läßt , an der das Gefühl keinen Theil mehr hat , die man gegen den Wunsch der Gatten zusammenhalten will . Und wenn der Staat die wichtigsten Zwecke durch Aufrechthaltung einer solchen Ehe zu erreichen glaubte , sie würden zu schwer erkauft durch das Elend , das sie über den Einzelnen verhängen , durch die Knechtschaft , zu der sie ihn zwingen wollen . Ein Gesetz , das ein großes , sittliches und verständiges Volk , wie das unsere , verwirft , kann kein gutes Recht sein . Gesetze geben ist so schwer ! Jeder Mensch trägt sein besonderes Recht nach seiner Individualität in sich . Jedes besondere Verhältniß schafft und bedingt sein eigenes Recht . Was in dem einen Falle Verbrechen wäre , könnte höchste Tugend in dem andern sein . Nun will man Menschen von der verschiedensten geistigen Erkenntniß , von den abweichendsten Lebensansichten und den verschiedensten gesellschaftlichen Stufen unter ein Gesetz beugen , das Alle verwerfen , das sie sich nicht selbst gegeben haben . Das zu thun , ist eine Sünde , denn dem Menschen ist der freie Wille gegeben , wie kann der Staat ihn vernichten wollen ? Wer durch Befehle unserm Gewissen vorschreiben will , was Recht und Unrecht sei ; wer uns ein Sittengesetz aufdrängt , gegen das unsere Ueberzeugung sich sträubt ; wer uns überhaupt in unsrer rechtmäßigen Freiheit beschränkt , die Stimme des Gewissens in uns vertreten will , der versündigt sich an der Menschheit im Ganzen und an dem Einzelnen , der ist unser Feind und wenn er uns alle Güter der Welt zum Ersatze böte . Elend werden nach eigner Wahl , ist am Ende noch ersprießlicher als ein Glück , das man uns aufdrängt . Wer mich glücklich machen will nach seiner Ansicht , ohne die meine zu befragen , tritt mir zu nahe und Jeder würde ein aufgedrungenes Glück von sich stoßen , wenn er , während man es ihm aufdringt , bedächte , daß jede Unfreiheit eine Schande ist . Er sprach heftig erregt , denn er kämpfte offenbar für sein eigenes Interesse . Ihn drückte das Bewußtsein , durch den Willen seines verstorbenen Onkels , durch Rücksichten auf seinen Sohn und durch Das , was er für Pflicht gegen seine Schöpfungen hielt , in den Fesseln einer Ehe gebannt zu sein , die er zu lösen verlangte . Er litt unter der Beschränkung der Freiheit , darum sprach er doppelt warm für das Recht der Andern . Therese hatte sich schon vorher mit Felix und Agnes entfernt , weil die Erörterungen zu traurige Gedanken in ihr erweckten und sie auch Agnes vor solchen Betrachtungen bewahren wollte . Jetzt , da nach Alfred ' s letzten Worten eine längere Pause eintrat , kehrte sie zurück , der Präsident wendete sich mit Freundlichkeit gegen das junge Mädchen und die Unterhaltung nahm eine andere Richtung , obgleich sie noch lange in den Einzelnen nachklang . IX In wechselnden Beschäftigungen und Bestrebungen verging die Zeit und man näherte sich dem Weihnachtsfeste . Therese hatte alle Personen ihres nächsten Kreises für den heiligen Abend eingeladen und war rüstig dabei , für Jeden eine Freude zu bereiten . Sobald die Zeitungen dem Präsidenten gebracht wurden , pflegte sie nach den verschiedenen Anzeigen zu greifen , um zu sehen , was Luxus und Mode Neues geschaffen , um darunter für die Ihrigen zu wählen , was ihnen etwa noch erwünscht sein konnte . Eines Morgens saßen die Geschwister ebenfalls friedlich bei einander , Julian mit den politischen Nachrichten beschäftigt , als eine Stelle unter den vermischten Nachrichten Theresen ' s Auge fesselte . Sie las sie , das Blatt zitterte in ihren Händen und mit den Worten : Wer hat mir das gethan , wie habe ich das verschuldet ? ließ sie die Zeitung zur Erde fallen , während sie ihr Gesicht mit den Händen verhüllte . Der Bruder fuhr erschreckt empor und fragte was es gäbe . Aber sie vermochte nicht zu antworten . Schweigend deutete sie auf das Papier . Er hob es auf und fand bald die Stelle , welche ihre Aufregung veranlaßt hatte . Sie war aus der Hauptstadt der Provinz datirt , in der die Güter des Herrn von Reichenbach lagen , und lautete wie folgt : » Man spricht in unsern höhern Cirkeln davon , daß der gefeierte Dichter Alfred von Reichenbach , der bedeutende Güter in unserer Provinz besitzt , sich von seiner Frau trennen werde , mit der er seit elf Jahren in friedlicher Ehe gelebt hat . Eine Dame von Stande , ein Fräulein von B. in der Residenz , zu der er schon vor Eingehung seiner Ehe ein Herzens-Verhältniß gehabt hat , soll es verstanden haben , ihn aufs Neue zu fesseln , und Ursache der beabsichtigten Scheidung sein . « Der Präsident war , wie seine Schwester , von dem unverdienten Angriff hart getroffen . Er drückte das Papier zusammen und schleuderte es von sich ; dann aber wich der Zorn über die Kränkung dem Mitleid , das ihm die Schwester einflößte , die durch das Gewicht der Anklage wie vernichtet war . Sie weinte nicht , sie klagte nicht . Sie hatte die Hände gefaltet und sah starr und regungslos in dumpfem Brüten vor sich nieder . Julian neigte sich zu ihr , zog sie an seine Brust und sagte : Hier findest Du Schutz ! hierher zu mir wende Dich und weine Dich aus . Sieh nicht so starr vor Dich nieder ; was thut das Geschwätz eines Elenden , wenn wir Alle an Dich glauben und Dein eigenes Gewissen Dich freispricht ! Richte Dich auf Therese , sei stark , wie ich Dich immer gekannt habe . Sieh mich an und fühle , daß ich bei Dir bin , daß Dein Bruder bei Dir ist , dem Du heilig bist , wie seine Ehre . Er hob ihren Kopf sanft empor und zwang sie , ihm in das Auge zu blicken ; aber trotz der milden Ruhe in seinen Worten trug sein Gesicht so deutlich die Spuren der Erschütterung , daß Therese , davon getroffen , weinend an seine Brust sank . Er hielt sie lange fest umschlungen und gönnte ihr Zeit , sich innerlich klar zu machen , was ihr geschehen sei , während er selbst sich gewaltsam zu sammeln strebte und mit sich zu Rathe ging über Das , was er in diesem Falle zunächst zu thun habe . Theresen ' s erste Worte , nachdem sie ihres Schreckens Herr geworden , galten Alfred . Was wird er sagen ? Wie wird er mich bedauern , wie tief wird es ihn selbst verletzen