zugleich in Wien eintreffen , am achten werde ich dort sein . Als sich die Thüre hinter ihm schloß , stürzte Gotthard mit einem lauten Schmerzensschrei auf das Sopha und barg sein Gesicht tief in die Kissen - ihm war wie nach einer furchtbaren Operation , oder als sei ihm das Herz aus dem Leibe gerissen , als dehne sich das lange leere Leben unabsehbar weit aus vor ihm zu einer Ewigkeit der Pein und des Hasses . In diesem Augenblick hätte er kalten Blutes den Grafen zu ermorden vermocht . Sie sehen ! sie sehen , noch einmal sie sprechen ! Keine Erdengewalt , kein Gottesfluch , kein Himmel und keine Hölle hätten ihn in dem Vorsatze wanken gemacht . Er ging entschlossen und fast ruhig hinüber , denn wenn Leidenschaft und ein unerschütterliches Wollen zusammenstoßen , entsteht eine wunderbare , dämonisch über dem Leben schwebende Ruhe ; er ging geradezu zu Sophien und ließ sich bei der Gräfin melden . Und er sah sie . Welche höhere Natur hätte nicht im Leben eine solche Gipfelstunde höchster Qual und höchster Seligkeit gehabt , die ihr den Maßstab zu leihen vermöchte für die Minuten dieses wieder einander Gegenüberstehens . Anna hatte fürchterlich mit sich gerungen , um sich den Vorsatz abzuzwingen , ihm Leontinens Vermählung zu verschweigen . Als sie ihn sah , drang ein solcher Strom der klarsten Lebenswahrheit in ihr Herz , daß sie nicht entfernt daran dachte , ihm irgend etwas zu verbergen . Als er von ihr ging , hatte er ihr ausgesprochen , daß er sein Leben ihrer würdig machen werde . Was Beide einander eigentlich gesagt , wußte keines von ihnen , es tönte kein einzelnes Wort ihnen nach von dieser Unterredung ; was sie von einander wußten , war wie ein ursprünglich Angeborenes in die tiefste Tiefe ihrer Seele gesunken . Als Gotthard aufstand , um zu gehen , fiel ein unermeßlicher Schreck , wie eine erdrückende Gewalt auf Annens Geist ; sie starrte ihn sprachlos an und streckte unbewußt die Hand aus , als wolle sie ihn halten . Er faßte diese weiche Hand und küßte sie sanft . Gräfin , sagte er , die Augen fest in ihr Herz schlagend , als sollten sie auf ewig darin wurzeln , Sie haben einmal gefragt , ob ich ein lebenslanges Verstehen und Festhalten des Herzens zu begreifen , zu glauben vermöchte ? Was der Mensch in das erwidernde Wort zu legen vermag , ist wenig - er ist ein Bettler , wenn er spricht , ein Bettler , der sich mit geborgten Lumpen kleidet , die seiner Seele nicht passen - dennoch habe ich geantwortet , weil Sie fragten . In dieser Stunde , die mich von Ihnen bannt , und doch zum ersten Mal , das fühle ich jetzt mit überraschender Gewalt , mich Ihnen frei gegenüberstellt , lassen Sie mich Sie auf die Antwort verweisen , die Ihnen mein Leben geben wird . Er schwieg einige Secunden , um das Beben seiner Stimme zu bemeistern , und wie eine plötzliche Jugend überflog die himmlische Schüchternheit der Liebe seine Züge , eine weiche , schmerzliche Zaghaftigkeit verwandelte den festen Mann wie durch Zauber zum Jüngling . Der Laut haftete fest auf den zögernden Lippen ; endlich entrang sich ihnen ein leises , kaum hörbares : Leben Sie wohl ! vergessen Sie nicht , daß ich meines Daseins Blüte und Frucht auf Ihren Weg gelegt , nicht als ein Opfer , o nein , - er schlug die Augen aufwärts , aber ohne den Muth , sie anzusehen , blickte er nur vor sich hin , in die Weite des blauen Himmels - nur als Ihr Eigenthum ! Was wollte denn Herr Gotthard ? fragte eintretend der Graf . Seine Papiere holen und mir Lebewohl sagen . Kronberg bemerkte das convulsivische Zittern ihrer Stimme sehr genau . Er schwieg , setzte sich aber zu ihr auf ' s Sopha und blieb den ganzen Abend bei ihr . Sie sprachen von gleichgültigen Dingen ; selbst Leontinens schwer bedrohtes Geschick wagte keines zu berühren . Josephine und ihre Tochter schrieben an Geiersperg . Kronberg war entsetzlich aufgeregt , er litt tausendfache Qualen ; mit angespannter Kraft beherrschte er jeden Blick , jedes Wort . Seine frühere Liebe für Anna war momentan erwacht in all ihrer Stärke ; das Recht auf ihren Besitz , die Willenlosigkeit , mit welcher sie jeden Ausdruck desselben ertrug , und der ihm ganz fremde Anblick der Leidenschaft in diesen Augen , die für ihn stets nur Wohlwollen , Güte , einen freundlichen Blick gehabt , in jahrelangem Beisammensein , in jahrelanger Hingebung , drangen wie ein zweischneidiges Schwert in sein Herz . Roderich war eine heftig sinnliche Natur , aber poetisch dabei , poetisch und verfeinert bis zur Selbsttäuschung , umkränzte er den Becher des Genusses mit den Rosen der Phantasie . Wo keine Liebe ihm entgegenlachte , nahm er den Schein derselben in willkürlicher Uebertreibung dafür hin , aber er war dennoch viel zu klug , um die gewaltige , durchleuchtende Wahrheit des Daseins einer solchen Liebe , wie er sie empfunden zu haben wähnte und vergeblich in seiner Frau gesucht , in ihrer strahlenden Gegenwärtigkeit , in der ihn marternden Realität , die seine Eifersucht so peinlich stachelte , zu übersehen . Es wird vorübergehen ! sagte sich seine Eitelkeit . Aber was ist ' s ? Sein Aeußeres ? - er hatte das Gefühl , schöner zu sein , als Gotthard - also seine Jugend ! - In dieses Analysiren ihres Gefühls mischten sich ihm die heterogensten Empfindungen des Stolzes , einer misachtenden Erinnerung an Annens frühere , denen Gotthards ähnliche Verhältnisse und ihrer Anhänglichkeit an dieselben mit der ihn vernichtenden Angst vor einem möglichen Ridicule . Gegen Abend stürzte Egon , in Thränen gebadet , in ' s Zimmer und an Anna ' s Brust . Mutter ! Mutter ! laß mich mit Herrn Gotthard gehen , bei ihm bleiben ! Herr Gotthard kommt wieder , sagte Anna weich . Ja , aber er wird in einem andern Hause wohnen , fuhr der Knabe fort , und uns keine Stunden mehr geben . Ich mag keinen andern Lehrer , wir wollen Beide mit zu Herrn Gotthard gehen . Und Vater und Mutter verlassen ? fragte Kronberg streng , indem er den Arm des Knaben ziemlich hart ergriff . Du thust mir weh , Papa ! schluchzte das Kind , ich will dich und Mama alle Tage besuchen ; aber ich kann nichts lernen ohne Herrn . Gotthard ; und wer soll mit uns gehen und uns alles zeigen ? Laß mich mit ihm , Vater ! Kronberg schleuderte zornig den weinenden Knaben von sich , der wieder hinüberlief . Herr Gotthard scheint eine Art Hexenmeister , sagte er scharf und kalt ; ich hasse dergleichen Uebertreibungen . Hast du dich denn gar nicht um die Kinder bekümmert , daß diese Albernheit so tiefe Wurzeln schlagen konnte ? Herr Gotthard ist dieser Liebe völlig werth , erwiderte Anna stolz ; er hat unsäglich viel für die Kinder gethan . Roderich lächelte verächtlich . Diese Magnetiseurs-Eindrücke sind de mauvais goût . Ich bin ganz froh , den Menschen los zu sein , obwol er ein vortrefflicher Arbeiter scheint und mir in Wien von bedeutendem Nutzen sein wird . Mit großer Anstrengung hatte er dem Anfang seiner Phrase das Ende angeknüpft . Er verließ das Zimmer . » Ich vermag es kaum mehr , an die Wirklichkeit meines Glückes zu glauben , lieber Otto ! « schrieb Vrenely . » Seit Anna und Leontine und Alle fort sind , ist mir , als habe mir nur wunderschön von dir geträumt , wie in den ersten Wochen unserer Bekanntschaft , wo ich kein Auge schloß , ohne dein liebes Gesicht sogleich vor mir zu sehen . Es kam Alles so entsetzlich schnell . Die Generalin und meine Leontine schien ein mir unverständlicher , tiefer Gram zu beugen ; auch Anna hat grausam gelitten . Ich ahne wol einen Theil , doch nicht den ganzen Umfang ihrer Schmerzen ; aber wenn ich die edle Frau und ihre Verhältnisse betrachte , muß ich die Augen niederschlagen , sie steht so einsam mitten unter den Ihren ; - wie ist mir doch das Glück , einem vollen Blütenkranz gleich vom Himmel auf die Stirn gefallen ! Du könntest Annen noch in einem der Nachtquartiere sehen , da sie der Pferde wegen so gar kurze Tagereisen machen ; jedoch das Alles schreibt sie dir selbst - ich möchte dich nur leise bitten , dir die Freude nicht zu versagen , meint ' ich nicht , dein liebes Herz sei der beste Berather . Ach , mein Otto ! ich möchte um die Welt nicht , daß du Annen jemals vergäßest , kann ich gleich nicht recht ausdrücken , warum . Laß uns vereint unsre Kraft anwenden , ihr den dornenreichen Weg zu erleichtern - diese Wege über die sogenannten Höhen des Lebens sind so öde , so traurig ! Man verarmt im Steigen und verliert alle Kleinode und Blütenschätze , die man in den stillen Thälern errungen ; sie haben den Glanz und das Eis unserer Alpenpfade , aber sie scheinen mir gefährlicher und grausamer , als unsere Gletscher mit all ihren drohenden Schrecken . « Es war ein trüber , kalter Samstagsmorgen , als Otto dies und Annens Abschiedszeilen erhielt . Er hätte hin gekonnt ; er ließ sich ein Pferd satteln und ritt es auf halb ungebahnten Wegen todtmüde , übernachtete in einer Dorfschenke im Gebirg und kehrte erst am Sonntag , Abends , spät nach Basel zurück , als ihn die Montags-Collegien zwangen , jeden Gedanken an ein nochmaliges Wiedersehen - wieder Scheiden Anna ' s aufzugeben . Nach vierundzwanzig Stunden lag er an einem nervös-rheumatischen Fieber darnieder ; doch seine kräftige Natur überwand es bald . Er stand auf , ermannte sich gewaltsam , las seine Collegien , arbeitete im Laboratorium und lebte so von einem zum andern Tage . Vrenely hatte entsetzlich gelitten durch sein Schweigen , aber nicht zum zweiten Male geschrieben . Endlich schrieb er ihr auch , daß er krank gewesen , Annen aber erwähnte er mit keinem Worte . » Ich danke dir « , schloß sein Brief , » damit begann mein Verhältniß zu dir , damit laß mich fortfahren bis zum Ende . Ich danke dir , daß du bist , wie du bist , daß du mich kennst und mich verstehst . Vertraue mir ferner und laß mich gewähren , reden , schweigen , wie es das Herz in mir verlangt ; auch ohne Laut , Theuerste , wird es dem deinen immer antworten . « Balsamisch weich legte sich das Frühjahr auf die ermüdete , aus manchen Wunden noch blutende Erdenwelt ; im größeren Theile Europa ' s war eine momentane politische Ruhe eingetreten ; in Wien bereitete sich König Johanns Uebergabe des brasilianischen Throns unter den Diplomaten vor ; in der Gesellschaft wogte das gewohnte Kunst- , Liebes- und Intriguenwesen wie immer . Es war noch früh im Jahr , im Salon war es noch Winter , draußen jubelten die Lerchen auf , die goldnen Sonnenstrahlen küßten die Blütenknospen der Veilchen , Marien- und Sternblümchen wach . Seit den auf den vorigen Seiten erzählten Ereignissen war über Jahr und Tag vergangen . Die Einzelnen des früher in Bern versammelten Kreises waren auseinandergerissen , andere neue Glieder an deren Stelle in der Kette jener scheinbar so eng verbundenen Existenzen eingefügt , das Wechselspiel des Lebens hatte in mancher Beziehung sein Recht geltend gemacht . Anna ' s Herz war nicht heiterer geworden ; gleichgültigen Auges sah sie auf die belebten Straßen und glänzenden Equipagen , auf das anmuthig-laute wohlhäbige wiener Volksleben nieder , das durch dieselben hinwogte und an welchem ihr leichter Wagen sie vorübertrug . Sie hatte nach beendeten Ferien ihren Egon in sein Institut zurückgebracht - nun war es wieder leer um sie , wohin sie auch blickte . Jetzt fuhr eine glänzende Stadtequipage heran . Anna schreckte zusammen und entfärbte sich , ihr Blick ruhte eine Secunde lang fast ängstlich auf den spiegelhellen Scheiben des Wagenfensters , es ward rasch niedergelassen . Kronberg grüßte sie freundlich - verbindlich , fast wie ein Fremder - und sie flogen einander vorüber . Als sie in ihr Cabinet trat , um vor der Soirée noch ein Stündchen zu ruhen , saß ihr alter invalider Freund St. Luce bereits in demselben . Sie schon hier , lieber General ? Das ist freundlich von Ihnen , daß Sie mich erwarteten , sagte sie leichthin . Sie wissen , verehrte Freundin , daß ich mich gar nicht gern so rottenweise mit dem ganzen Trosse Ihrer Anbeter zugleich begrüßen lasse , erwiderte er , indem er ihr seine einzige Hand bot - ihm fehlte ein Arm - auch habe ich auf ein Plauderstündchen in Ihrem Boudoir gerechnet , wenn Sie nicht noch Toilette machen . Nur eine fertige Coiffure drücke ich mir auf den Kopf ; ich bin sogleich wieder bei Ihnen . Sie verschwand durch eine Seitenthür und kehrte nach wenigen Minuten im schwarzen eleganten Gesellschaftskleide und dem zierlichen , ebenfalls schwarzen , Aufsatz zurück . Nun , General ! was haben Sie mir Neues mitgebracht ? Une pensée , erwiderte lachend der Gefragte , und zwar in Stiefeln und Sporn . ( Das Gespräch wurde französisch geführt . ) Ich sagte besser noch auf deutsch : » ein Vergißmeinnicht ! « ich habe den ehemaligen Besitzer Ihres Posthörnchens , Ihren Monsieur August , aufgefunden . Ach ! Sie sind wahrhaftig eine Art Hexen-Schatzgräber und höchst glücklich im Finden . Dies Mal nicht ganz . Rathen Sie einmal , wer es ist ? Wie kann ich , lieber General ! Mein alter Bediente und ehemaliger Reitknecht August , der mich seit zwölf Jahren nicht verlassen hat , und dem unzählige Mal die Gnade geworden , Ihnen in oder aus dem Wagen zu helfen ! Ist ' s möglich ? das freut mich ungemein . Aber daß mir das nie geahnt ! Zwölf Jahre ist der alte Kerl in meinem Dienst , ihm fehlt glücklicherweise nur der Gebrauch des linken Armes ; aber das Ding bammelt ihm noch zur Seite , er hat nicht , wie ich , blos einen armen Stummel aufzuweisen - kurz , wir helfen einander eben aus ; das Schicksal hat uns ja Beide auf einem Felde in einer Stunde getroffen . Zwölf Jahre schweigt der Narr , und heute , erst heute , erzählt er mir , daß er die Frau Gräfin , wie er Sie par excellence nennt - Das ist eine Artigkeit für Sie , General ! weil Sie mir die Cour machen ! Es war eine bis heute , wo er mir sein älteres Recht , Sie zu verehren , bewiesen . O , schicken Sie mir ihn , lieber Freund ! sagte Anna innig und weich , ich bin ihm noch ein Gegengeschenk schuldig . Sie zeigte auf eine kleine Uhr über ihrem Schreibtische , an welcher die ihr von August geschenkte Berlocke hing . Leider ist Monsieur August ein Prophet gewesen , und das Posthorn bläst die obligate Begleitung zu allen Hauptmelodien meines Lebens . Wissen Sie auch warum ? Vermuthlich , weil ich nicht mehr gern reise und allzugern gereist habe . Was man in der Jugend wünscht , hat man im Alter die Fülle . Geht noch , das Alter zu ertragen , wenn man sechsundzwanzig Jahre zählt . Sie müssen nun nicht mehr so bestimmt von meinem Alter sprechen , General ! nicht eher , als bis mein ältester Sohn erwachsen ist , dann bin ich nach Ihren französischen Grundsätzen der Galanterie stets ein Jahr älter als er , also positiv jünger , als jetzt . Aber was meinen Sie wegen der Prophezeiung ? Daß Sie uns schwankenden , unsicheren Naturen das Bild der Stabilität in der ewig wechselnden Umgebung zu geben bestimmt sind - Sie bleiben überall Sie selbst . Er sah sie mit tiefem Wohlwollen an , es überflorte eine Art Wehmuth seine heitere , mit Narben verzierte Stirn . Sophie brachte auf einem silbernen Präsentirteller ein Paar weiße Handschuhe , ein Batisttaschentuch und Trauer-Armbänder von Lava . Anna reichte ihr den wunderschön geformten Arm , um dieselben zu befestigen ; St. Luce sah mit heimlich vergnügter Bewunderung zu , aber er wagte kein Wort . Noch immer in Trauer ? fragte er endlich . Kronberg fürchtet die Todten nicht , erwiderte Anna schwermüthig , nur die Lebenden sind ihm - unbequem . Ist Ihr Bruder noch in Wien ? Leider ! Kann ich etwas für Sie thun ? Sie schüttelte traurig das Haupt . Morgen , lieber Freund ! jetzt muß ich mir die Augen hell erhalten . Sophie hat das Zeichen zum Aufbruch gegeben . Ihren Arm , General ! Sie traten in den Gesellschaftssaal und fanden dort bereits einige Herren versammelt , die der Gräfin Ankunft erwarteten . Bald vergrößerte sich der Kreis ; Duguet machte den Maître d ' hôtel und führte die Aufsicht über eine glänzende zahlreiche Dienerschaft . Es war eine Reihe Zimmer geöffnet , in der eine sehr verschiedenartige Menge sich hin und her bewegte , denn die Gesellschaft war keine besonders für diesen Abend eingeladene , sondern einer der gewöhnlichen Empfangstage der Kronbergs hatte den bunten Kreis gebildet . Anna machte unvergleichlich die Honneurs , sie vergaß Keinen , hatte für Alle Blicke , Worte , Aufmerksamkeit ; sie störte keine einzige Coterie , keine partie carrée , keine Unterhaltung Zweier , die unter funfzig Menschen allein zu sein glaubten ; sie übersah keinen von Langeweile Bedrohten , kein erstes Auftreten , keine schüchterne Unsicherheit , und that das Alles so leicht , so ganz ungezwungen natürlich , daß jedem Einzelnen war , als bescheine gerade ihn die Sonne ihres Wohlwollens . Die jungen Männer umdrängten sie mit ungeheuchelter Bewunderung , die hübschesten Frauen vergaben es ihr ; nur konnte Niemand von ihnen begreifen , daß sie , die so allgemein Ausgezeichnete , kein einziges der ihr von allen Seiten gebotenen Herzen annahm , daß man nirgends die Anknüpffäden eines werdenden Verhältnisses gewahrte , obschon ihr aus manchem Auge mehr als gewöhnliche Theilnahme entgegenleuchtete , obschon unter dieser Männerschar mehre einer mühsam gezügelten Glut der Leidenschaft für sie beschuldigt wurden ; die anmuthige Frau nahm das Alles hin , als müsse es so sein , es überraschte sie nicht , - vielleicht war ihr darum auch gar nichts gefährlich . St. Luce schien in ihre Nähe gebannt , er hing an ihrem Auge , am flüchtigsten Ausdruck ihrer Züge ; er bewachte sie wie ein geliebtes Kind und suchte den kleinsten ihrer Wünsche zu errathen . Es hatte etwas seltsam Rührendes dies stille um sie Hergehen ohne allen Anspruch . Er stand noch im kräftigen Mannesalter , aber die schweren , schlecht geheilten Wunden , der bei Montmartre zurückgelassene Arm , das steif gewordene , gelähmte Bein hatten ihn fast zum Greise gemacht , sie ließen ihn um zehn bis zwölf Jahre älter erscheinen , als er war . Daß ihn ein sehr warmes Freundschaftsgefühl zur schönen Deutschen hinzog und ihn an ihre Schritte fesselte , ließ sich leicht bemerken , doch lag in der sonderbar verlassenen Stellung der jungen Gräfin eine wunderliche Entschuldigung ; daß sie eines führenden Arms , eines freundlichen Beachtens bedürfe , sah Jedermann , und somit schien die Wahl des ältesten ihrer Verehrer zum steten Begleiter ihr nur den allgemeinen Beifall sichern zu können . Seit vielen Monaten schon stand Anna wirklich allein in der Gesellschaft , wie im Leben . Ohne das Gefühl einer ihn peinlich nagenden Eifersucht verloren zu haben , hatte Roderich damit begonnen , ihr eine volle , ja vielleicht übertriebene äußere Freiheit aller Handlungen gewaltsam aufzudringen . Nach und nach hatten sich dem heimlichen Ingrimm dieser sorgfältig verhehlten Leidenschaft noch andere Gründe zugesellt , seine Frau auf eine Weise zu vernachlässigen , die weder mit seiner öffentlichen Stellung , noch mit den damaligen wiener Gewohnheiten und Sitten der großen Welt im Einklange stand , so leicht dieselben auch waren . Daran thut er indessen nicht besonders Unrecht , sagte Baron Luthbert ; man kann doch wahrhaftig nicht Zeitlebens in seine eigene Frau verliebt bleiben ! Und übrigens ist ihr alter Verehrer St. Luce auch nur - eine Uebergangsperiode . Die kleine Capacelli ist allerliebst ! Man sagt , Kronberg wird sie gar nicht wieder auftreten lassen . Ganz gut , erwiderte Herr von Feldenau , aber man muß die Dehors beobachten ! Daß er die Sängerin in seiner eigenen Equipage fährt , ist unverantwortlich , er kann ihr ja ihren besondern Wagen halten ! Sie meinen , weil sie keine Frau von Stande ist ? Ja , schauen ' s , mein bester Baron , Verhältnisse der Art wird es geben , so lange die Welt steht . Aber jede Dame aus unserem Kreise kann uns die Gnade erzeigen , unserer Equipage sich zu bedienen , das fällt nicht auf , da ist nichts dagegen zu sagen ; aber so ein hübsches Weibchen sie ist , die Capacelli - Das Gespräch ging in leises Flüstern über . Ach , was , sagte endlich Luthbert , wir haben es Alle nicht besser gemacht ! Es schlug zehn Uhr ; Kronberg trat eben mit einigen Herren vom Diplomatencorps in den Saal . Die Theater waren zu Ende , die Gesellschaft vergrößerte sich und wurde lebendig . Es ward Musik gemacht und in einem Nebensaal tanzten die jungen Leute . Nein , sagte eine schöne blasse Frau mit tief blauumringelten Augen , ich mag dies kalte Feuer nicht ; man hat keinen solchen Blick ohne innere Empfänglichkeit ! Die Gräfin Kronberg spielt Komödie und täuscht uns Alle ; ich mag dies Andersscheinen , als man ist , nicht . Mein Gott ! erwiderte ihre Nachbarin , sieht denn Niemand , daß diese arme Frau nur kalt scheint , weil sie an innerer Glut zusammenbricht ? Die Meisten sehen es wirklich nicht ; ich möchte aber das Zauberwort kennen , das ihr inneres Leben löst , ich lese es auf keiner dieser Stirnen . Geben Sie Acht , da ist er ! bemerkte hinter ihnen eine Stimme . Aus der Thüre des Nebensaals trat Gotthard ! sein fragender Blick suchte Annen . Ein interessanter Kopf ! sagte die blasse Frau . Wer mag das sein ? Gotthard war eine halbe Stunde früher von Berlin zurückgekommen , wo er mehre Monate zugebracht . Kronberg hatte Annen noch gar nicht wieder gesprochen und ihr folglich kein Wort von dessen Ankunft gesagt . Mitten in der ernstesten Unterhaltung mit einigen Koryphäen jener Tage hatte er den Kopf so gewendet , daß er Beide beobachten konnte . Gotthard sah es im Spiegel ; aber er hatte sie drei volle Monate nicht gesehen , seine Züge drückten das Aufjubeln seines Herzens aus . Anna ' s Gesicht überflog ein brennendes Roth . Beide grüßten sich zugleich und begannen schon nach den ersten Bewillkommnungsformeln ein langes Gespräch , in dem sie eigentlich nichts sagten und dennoch Jedes von ihnen unendlich viel zu verstehen meinte . Den liebt sie ? fragte die blasse Frau . Aber wer ist es ? wiederholte sie . Ein junger Envoyé des preußischen Hofs , nicht eigentlich der Gesandtschaft attachirt , aber doch mit ihr in Beziehung ; er soll bereits im Ministerium als Geheimer- und Cabinetsrath Sitz und Stimme haben , erzählte Gräfin Schlichten . Man sagt , er sei ein - sie flüsterte ihrer Freundin einen Namen in ' s Ohr - und werde eine enorme Carrière machen . Jetzt sieht er sie - jetzt redet er sie an ! Die blasse Frau seufzte und versank in wahrscheinlich düstere Träume und Erinnerungen , denn sie wurde noch starrer und bleicher , und sagte kein Wort mehr . Da ist der junge Gotthard wieder , bemerkte ein ungarischer Offizier seinem Nachbar . Sehen Sie doch , welche plötzliche Veränderung in der Kronberg ! Ein solcher Blick und ich würfe ihm mein Leben nach , wie eine ausgepreßte Orange . Bah ! bah ! Seien Sie nicht so excentrisch , mein guter Fritz ! Befehlen Sie Ananas-Eis ? Die Frau ist bildschön ! Nach ihm wird sie accessible werden ; warten wir ' s ab ! Sie vergessen , daß Sie von der Gräfin Kronberg sprechen , sagte fest und scharf St. Luce , der hinter den beiden Herren gestanden . Der Offizier maß ihn von Kopf zu Fuß und drehte ihm , wie zufällig , den Rücken , um dem Tanz im Nebenzimmer zuzusehen . Der alte Narr ist auch in sie verliebt , murmelte er vor sich hin . Was thut denn hier ein französischer Ehrenlegionist ? fragte ein Anderer . Er sitzt als Niobe neben dem Herzog von Reichstadt . Früher war er eine Creatur Napoleons , aber eine der unschädlichen ; als man den Herzog von Reichstadt herbrachte - Das arme Kind ! Ihm sieht der Tod aus den Augen ! Schon jetzt fühlt er das Entsetzliche seines Geschicks ! Ich bitt ' Ihnen , er ist ganz vergnügt ! sagte ein dicker , behaglicher Major . St. Luce ist dem französischen Kaiser sehr attachirt gewesen , fuhr der Erste fort ; nachdem er ihm in den Schlachten von Leipzig und Montmartre seine Gliedmaßen geopfert , ist ihm nur das Herz geblieben , das ihn dem Knaben nach , hierher gezogen hat . Man hat ihn anfangs beobachtet , aber - Das Gespräch verschwamm wieder im allgemeinen Stimmengebrause . Unterdessen standen Anna und Gotthard noch mitten im Saale ; sie hatten die Außenwelt vergessen . Wie anders hatten die anderthalb Jahre Gotthard zur Welt und zu Annen gestellt ! Sein ungewöhnliches Talent hatte ihn dem Ministerium nach so kurzer Zeit schon unentbehrlich erscheinen lassen . Noch hatte freilich seine Lage durch die Vielseitigkeit seiner Arbeiten , welche wiederholte Reisen zwischen Wien , Berlin und den älteren Provinzen veranlaßten , keine äußerlich bestimmte Form erhalten können . Er hatte den Titel als Geheimerrath nur bekommen , weil man ihm einen Rang geben mußte ; er schien zu jung , um ihn zum wirklichen Cabinetsrath zu machen ; was jedoch irgend mit dem gewohnten Hergang verträglich , war für ihn geschehen , und die eiserne Consequenz , die er in den schwierigsten Angelegenheiten der Verwaltung und Gesetzreformen mit der klarsten Auffassung einte , hatten ihn längst mit Kronberg in gleiche Linie gestellt , dem diese Superiorität allmälig immer lästiger zu werden begann . In der ersten Zeit ihres wiener Aufenthalts hatte Anna Gotthard öfters im Hause gesehen ; er hatte es versucht , wenigstens durch Gespräche mit ihr der geliebten Kinder Unterricht noch eine Weile fortzuleiten , aber mit der ihm eigenen gewandten Hartnäckigkeit war es Kronberg dennoch gelungen , ohne irgend ein Dehors zu verletzen , ihn nach und nach immer ferner zu stellen . Anna hatte die nicht zu bergende Abneigung ihres Gemahls gegen ihn für gekränkten Ehrgeiz gehalten und schwer , aber geduldig getragen . In dem Kreise eleganter , aber ihr nicht gefährlicher junger Männer , mit denen Kronberg seine Gemahlin umgab und aus welchem er Gotthard möglichst auszuschließen suchte , begann deren Schönheit ein immer größeres Aufsehen zu erregen . Unter den eigentlichen Diplomaten hatten Gotthards meisterhaft in die seinen eingreifenden Arbeiten dem Grafen längst den Ruf eines ausgezeichneten Staatsmannes erworben , die ausgesuchte , elegante Bewirthung seiner zahlreichen Gäste hatte ihm den Namen eines Millionärs verschafft , und seiner stets unruhigen Eitelkeit war demnach für den Augenblick eine äußerst seltene , volle Befriedigung geboten . Nur im tiefsten Innern seines Herzens nagte unausgesetzt der Wurm der sich stets erneuenden qualvollen Ueberzeugung : daß diese schöne , geistreiche , von der ganzen sie umflatternden Männerwelt ihm beneidete Frau ihn nicht liebe , nie ihn geliebt habe , und daß ein Mensch ohne Rang und Namen den kostbaren Schatz erhoben , zu dessen Hüter ihn das Geschick , wie zum Hohne , eingesetzt . In diese Periode fiel des Generals Bekanntschaft . St. Luce gehörte zu den alten Anhängern Napoleons , die ohne Eingriffe in den von ihnen als unvermeidlich erkannten Gang der Ereignisse , in stiller Trauer überall am Grabe ihres Kaisers zu stehen scheinen : ein wandelndes Mausoleum seiner einstigen Größe , das noch lange ihn überdauern wird . St. Luce war ein Arm abgenommen , ein Fuß gelähmt ; an unbefugte Einmischung in die durch Bonaparte ' s Tod ihm gleichgültig gewordene Politik des Tages war nicht zu denken . So ließ man ihn , da er ohnehin mehren fürstlichen Familien Oesterreichs als unverdächtig bekannt war , ruhig sein kleines Erbtheil in Wien verzehren , wo seine Seele aus dem Anblick des geliebten Kaiserkindes eine Art innerer Lebenskraft einzusaugen schien . Anfangs hoffte er viel für dessen Zukunft ; Blüte um Blüte streiften die Jahre diesen geheimen Hoffnungen ab ! St. Luce mußte den Keim des Todes langsam das junge Leben überwachsen sehen , doch hoffte er immer , selbst noch früher als der geliebte Knabe zu sterben , und konnte sich nicht entschließen , die Stätte des sich langsam öffnenden Grabes vor dem gefürchteten Augenblick zu verlassen . Da kamen Kronbergs nach Wien . Die Episode in Frau von Waldau ' s Hause , die dem jungen Manne eine so freundliche Erinnerung hinterlassen , tauchte mit erneuter Lebendigkeit vor seinem halb erstarrten müden Geiste auf - er sah Annen wieder und das ganze Herz ward ihm wach . Der alte Krieger liebte die schöne Frau mit aller Kraft , die ihm geblieben , aber er hätte selbst den Saum ihres Gewandes vor jedem Flecken hüten mögen ; er ward ihr treuester Freund , folgte ihr wie ihr Schatten , war ihr Cavalier sans consequence - helas ! wie er selbst zu sagen pflegte , und Kronberg that alles Mögliche , diese ihm sehr bequeme Anhängligkeit des alten Verehrers zu beschützen und zu proniren . Als Gotthard sich mit