Stadt nichts Besseres geben können , als die Versicherung , daß Dir die arme Therese wirklich gar so sehr mißfällt . Laß es indeß nur gut sein - wenn meine kleine Braut nicht mehr neben ihr sein wird , um sie zu verdunkeln , findet wol irgend ein braver Mann die gute Therese nicht so unliebenswürdig , als sie Dir heute erscheint . Er verlangte darauf zu wissen , wie Jenny zu der Vermuthung hinsichtlich Theresens gekommen sei , und obgleich seine Braut ihn wegen dieser Neugier neckte , konnte sie nicht umhin , ihm mehr zu erzählen , als eigentlich in ihrer Absicht gelegen hatte , nachdem sie gesehen , welch ein Interesse er daran nahm . In Berghoff , dem prächtigen , am Meere gelegenen Landhause ihres Vaters , finden wir Jenny wieder . Clara war hinausgefahren , sie zu besuchen , und harrte mit bangem Herzklopfen der Ankunft Eduard ' s. Sie hatte ihn noch nicht wiedergesehen , und war lange mit sich zu Rathe gegangen , wie und wann dies erste Begegnen vor sich gehen könne . Eduard war allerdings als Arzt bei ihrer Mutter gewesen , und hatte lange dort verweilt , in der Hoffnung , Clara werde endlich wieder für ihn sichtbar werden ; aber sie war nicht erschienen . So resignirt sie sich fühlte , war sie doch ihrer Fassung nicht gewiß genug , um im Beisein ihrer Mutter Eduard zum ersten Male sprechen zu wollen , und endlich , als die Sehnsucht nach ihm immer reger wurde , benutzte sie ihr Versprechen , Jenny in Berghoff zu besuchen , in der Voraussetzung , daß Eduard den Abend dort zubringen und die Anwesenheit der ganzen Familie ihr eine ruhige Haltung möglich machen werde . Clara ' s Eintritt erregte große Freude bei ihren Freunden , aber zugleich ein allgemeines Fragen nach ihrem Ergehen , denn man fand sie übel aussehend . Sie versicherte indessen , sich vollkommen wohl zu fühlen , und ging gleich zu einer allgemeinen Unterhaltung über . Der Vater , der anwesend war und sie mit mehr als gewöhnlicher Aufmerksamkeit behandelte , bot ihr dabei hilfreich seinen Beistand . Jenny aber täuschte das nicht , und sie benutzte die erste Gelegenheit , sich mit Clara zu entfernen , um wo möglich von ihr selbst zu erfahren , was seit jenem Abend im Garten , zwischen Eduard und ihrer Freundin vorgegangen sei , und ob sie den beiden , ihr so theuern Personen irgend Beistand oder Trost gewähren könne . Sie kannte William ' s Neigung für ihre Freundin , seine Werbung und die Scheu , mit der Clara an die Zeit seiner Rückkehr dachte , ohne daß eines der beiden Mädchen aus leicht begreiflicher Rücksicht jemals den Grund berührt hatte , der Clara dieser Verbindung abgeneigt machte . So lange Jenny ihre Freundin heiter und Eduard unverändert ruhig gesehen , hatte sie es für zudringlich gehalten , um dasjenige zu fragen , was man ihr verschwieg ; nun sie aber Clara ' s bleiches Antlitz , ihres Bruders düstere Stimmung sah , konnte sie sich nicht länger überwinden . Mit aller ihr eigenthümlichen Lebhaftigkeit kniete sie vor Clara nieder und bat , indem sie sie mit beiden Armen umschlang : Sage mir , was ist geschehen ? Warum hast Du so viel gelitten , daß Du bleich und traurig aussiehst ? Was fehlt Eduard ? Sage es mir , wenn Du mich genug liebst , mich mit Dir leiden zu lassen . Du weißt es , antwortete Clara , aber gerade darum laß mich davon schweigen . Helfen kannst Du mir nicht , Niemand kann es , und das Einzige , was Du für mich thun sollst , ist , mich mit Eduard ein paar Minuten allein zu lassen , wenn er heute herauskommt . Willst Du mir das gewähren ? Jenny versprach es , und traurig saßen sie lange beisammen , bis der Hufschlag eines Pferdes die Ankunft eines Reiters verkündete und nach einer Pause banger Erwartung der Vater mit Eduard zu ihnen kam . Man sah es dem Doktor an , wie schwer er sich beherrschte , als er , Clara begrüßend , ihre Hand ergriff und küßte . In Clara ' s Augen schwammen große Thränen , nur die Anwesenheit des Vaters hielt sie zurück , aber dieser schien von dem Allen Nichts zu sehen . Er hielt einen Brief in der Hand und gleichmäßig , wie immer , fragte er die Tochter , ob sie etwas von Erlau ' s Abreise gewußt hätte ? Er melde sie Eduard in diesem Schreiben und nehme zugleich von allen seinen Freunden Abschied . Jenny verneinte es ; der Vater aber sagte scherzend : der Brief ist wieder Erlau ' s treuestes Abbild ; hört nur , wie er lautet : » An Eduard Meier , mit dem Befehl , es als Currende an das übrige Volk zu senden , das sich nach vierundzwanzig Stunden Abwesenheit eines Entfernten etwa noch erinnern sollte . « » Lieber Doktor ! ziehe Dein Taschentuch hervor und trockne Deine verwunderten und hoffentlich weinenden Augen , da Du erfährst , daß ich längst zum Thore hinaus bin , wenn ich Dir dies Lebewohl sage . Du kannst nicht behaupten , daß ich treulos desertire - die lange und langweilige Campagne eines norddeutschen , nebelgrauen Winters habe ich voll rührender Geduld und lobenswerther Theilnahme mit Euch durchgemacht ; ich habe Eure steifgeschnürten , gebildeten Schönen tanzen gesehen , mich in hundert Gesellschaften gelangweilt und ruhig Eurem sogenannten vernünftigen Treiben und Wirken , Eurer Aesthetik und Politik , Euren Diners und Zweckessen , Euren Vereinen und all den tausend Narrheiten zugeschaut und , was noch mehr ist , ich habe meine rechte Hand im Zaume gehalten , die täglich sich in hundert Karrikaturen zu zeigen verlangte . Die Karrikatur aber ist ein Bastard der Kunst , ein unwürdiger Sohn , den die Mutter verleugnen muß , und zu dessen Vater ich mich und meinen ehrlichen Namen nicht hergeben mag . Wehe Euch ! wenn Eure unverbesserliche Geschmacklosigkeit mich endlich dazu verleitet hätte , und Ihr waret nahe daran , mich auf diesen Irrweg zu führen . Darum fliehe ich Euch und wende meine Schritte nach jenen Gegenden , über denen ein blauer Himmel lacht , in denen man das Regieren den Fürsten und das Denken den Pfaffen überläßt , die dafür bezahlt werden und es doch nicht thun , und wo man keinen Gewerbschein zu lösen braucht , wenn man nichts verlangt , als ruhig in der Sonne zu liegen und sich der paradiesischen Wonne des dolce far niente zu befleißigen . - Von Euch und Eurem gepriesenen civilisirten Leben verlange ich gar nicht zu hören . Ihr sollt und könnt mir nicht schreiben , weil ich nicht weiß , wo ich sein werde , und , wenn ich es irgend vermeiden kann , meine schreibkundige Hand zu nichts brauchen will , als die Blüthen und Freuden zu pflücken , die mir am Wege winken . Erst wenn dieser Winter lange hinter mir liegen wird , soll der Pinsel die einzelnen Lichtstrahlen wiedergeben , die durch Eis und Schnee unvergeßlich in meine Seele drangen . Denn jede Nacht hat ihre Sterne ; auch im nordischen Eise blitzen sonnenhelle Brillanten funkelnd hervor , das Auge zu erfreuen - aber zu beleben , zu erwärmen , das verschmähten sie leider . Und somit lebet wohl ! Du lieber Eduard , die Deinen alle und Ihr übrigen Freunde ; genießet des spärlichen Sonnenlichtes , das Euch geworden , wachset und gedeihet , Jeder auf seine Art , und wenn Ihr in Berghoff die Sonne untergehen und den Mond am Horizonte emporsteigen sehet , so betet mit mir , daß der Götter reichster Segen dies Fleckchen Erde , diese Oase in der Wüste , dies Thal beglücken möge , wo unter dem Schutze sorglicher Liebe die schöne Rose von Saron erblühte . Möge Apoll ihr und ihren Pflegern den süßen Duft lohnen , den sie in die Seele eines seiner Söhne gehaucht , sie , die allein ihn vor dem gänzlichen Erstarren in der traurigen Farblosigkeit Eures Landes beschützte . Nochmals lebet wohl ! « Da hast Du noch ein Abschiedscompliment , mein Kind ! sagte der Vater , und zum Danke für dasselbe magst Du sorgen , daß der Brief nach Erlau ' s Wunsch den näheren Freunden des Hauses mitgetheilt werde . Uebrigens freut es mich um des jungen Mannes willen , daß er noch solch rascher Entschlüsse fähig ist ; denn Italien wird ohne Frage ihm die Vollendung geben , für die er berufen ist . Gib mir jetzt den Brief , ich will ihn der Mutter und Theresen zeigen und ihnen die Abreise des liebenswürdigen Wildfangs anzeigen . Ich komme mit Dir , rief Jenny , als ihr Vater , nachdem er , seinem Wunsche gemäß , Eduard über die Pein des ersten Wiedersehens fortgeholfen , sich entfernen wollte . Clara selbst hielt sie aber zurück , und sprach : Nein , liebe Jenny ! bleibe nur , es ist besser so . Was Dein Bruder und ich uns zu sagen haben , braucht für Niemanden , am wenigsten für Dich ein Geheimniß zu sein . Clara ! rief Eduard , was soll diese erheuchelte Ruhe , die Sie peinigt und von der in diesem Augenblick meine Seele weit entfernt ist ! O ! das Glück , Sie endlich , endlich wiederzusehen , ist doch nicht im Stande , mich das Leid vergessen zu machen , das uns trifft ! Auch ich leide , erwiderte Clara mit bebender Stimme , aber wir müssen als Freunde mit einander zu tragen versuchen , was wir nicht zu ändern vermögen . Sie bleiben mir ja , sagte sie , und faßte Eduard ' s und Jenny ' s Hände , die sie vereint an ihr Herz drückte , und auch unsere Jenny wird uns bleiben , und so vieles Gute , und die Achtung vor uns selbst , und - die Liebe , setzte sie kaum hörbar noch hinzu . Sie muß uns genügen und erheben , schloß sie , und verbarg weinend ihr Gesicht an Jenny ' s Brust , die sich zärtlich und mit ihr weinend an sie schmiegte . Eduard bog sich zu dem Mädchen nieder , machte seine Hand von Clara los und drückte einen langen Kuß auf ihre Stirn . Möge uns Friede werden ! seufzte er , und stumm saßen sie lange beisammen . Endlich versuchte Eduard mit der Frage , ob Clara noch am Abende nach der Stadt zurückzukehren denke , das Gespräch anzuknüpfen . Ja ! antwortete sie , und ich zweifle , daß wir uns in den ersten Tagen sprechen werden , wenigstens hier in Berghoff nicht , da meine Mutter die Ankunft meines Vetters erwartet und - sie stockte , aber Eduard und Jenny erriethen das Fehlende . Da stehen Dir schwere Tage bevor , sagte Jenny und blickte ängstlich Eduard an , der blaß geworden war und unwillkürlich ausrief : Auch das noch und schon jetzt ! Mein Onkel ist hergestellt , fuhr Clara fort , und ich wußte schon , als wir uns zuletzt sahen , daß mein Vetter wiederkehren werde . Ich wollte es Ihnen sagen , als ich herkam , aber ich versäumte es . Und wieder entstand eine lange , drückende Pause , in der Niemand sprach , weil Jeder sich scheute von dem Gegenstande zu reden , der ihn allein beschäftigte . Eduard wollte irgend einen bestimmten Entschluß fassen ; er wollte Clara beschwören , diese stumme Resignation aufzugeben , oder lieber ein Beisammensein zu vermeiden , das für ihn bitterer als jede Trennung sein mußte . Dazustehen vor der Geliebten , der er entsagen sollte , und sein Herz zu bezwingen , das fand Eduard unerträglich . So süß es seiner entstehenden Neigung geschienen , ohne Worte jede zarte Regung in dem geliebten Herzen zu verstehen , ehe das entscheidende Geständniß den Lippen entflohen war , so qualvoll dünkte ihn jetzt ein Zwang , der ihn zu leidender Unthätigkeit , zu peinlichem Erwarten des Kommenden verurtheilte ; ihn , der bis jetzt allen Begegnissen seines Lebens rasch handelnd entgegengetreten war . Deshalb erschien ihm Reinhard , der , eben in Berghoff angelangt , seine Braut suchte , wie ein Erlöser aus drückenden Banden . Erst nachdem die ganze Familie beisammen und eine Stunde in Mittheilungen mancher Art vergangen war , konnten sich Eduard und Clara allmälig von den schmerzlichen Empfindungen befreien , die sie erduldet hatten , und zu des Vaters großer Genugthuung sich , wenn auch ohne wahre Theilnahme , in die Unterhaltung der Uebrigen mischen , bis endlich , von Eduard heiß ersehnt , die Trennungsstunde schlug . Und wieder geleitete er Clara zu ihrem Wagen , wie an dem letzten Abende , den sie in der Stadt zusammen verlebt ; aber gegen den dumpfen Gram , den Beide jetzt empfanden , mußte ihnen der Schmerz jener Stunde wie ein Glück erscheinen . Denn in jenem Schmerze lag noch Bewegung und Leben ; heute aber fühlten sie die Entsagung wie ein Leichentuch über ihre Zukunft gebreitet und schieden wortlos , hoffnungslos . Wie man verabredet hatte , sollte Jenny ' s Taufe nun in wenig Tagen vollzogen werden , und die Abfassung des nöthigen Glaubensbekenntnisses führte sie zu ernstlichem , erneuertem Nachdenken über diesen Punkt . Menschen von besonders lebhafter Phantasie ist es möglich und eigen , sich allmälig in einen bestimmten Ideenkreis hineinzudenken , ihn nach allen Richtungen hin mit Gründen auszustatten , und sich so ein Gebäude zu errichten , das den Schein der Festigkeit und Vollendung an sich trägt , ohne irgend eine wirkliche Basis in der Ueberzeugung Desjenigen zu haben , der es aufgeführt . Wie der Dichter , namentlich in seiner Jugend , die Geschöpfe seines Geistes kaum von den um ihn her lebenden Menschen zu unterscheiden vermag ; wie Kinder sich spielend so fest in die erfundenen Verhältnisse ihrer Puppen hineindenken , daß sie unwillkürlich Erfundenes und Wirkliches vermischen und nicht mehr trennen können , so ging es in gewisser Art Jenny mit ihrer religiösen Erkenntniß . Nachdem sie vergebens versucht , die Symbole des Christenthums mit dem Verstande zu erfassen , bemächtigte sich einst plötzlich ihre Einbildungskraft derselben , und sie wurde mit Ueberraschung gewahr , daß sie Vieles sich denken und in seinen Folgen und in seiner Veranlassung ausmalen , ja es bis zu einer deutlichen Vorstellung in sich ausbilden könne , woran ihr der Glaube fehlte . Christus , der eingeborne , gekreuzigte und wieder auferstandene Sohn Gottes , wurde für sie zu einer so festen Gestalt in seinen Wundern , wie es ihr früher irgend ein Gott des Olymps gewesen , wie es ihr noch jetzt Goethe ' s göttlicher Mahadö war , der die sich opfernde Geliebte mit sich verklärt aus den Flammen emporhebt . Sowie sie , trotz der historischen Kenntniß des mittelaltrigen Johann Faust , diesen gänzlich in der unsterblichen Gestalt des Goetheschen Faust verloren hatte , weil der Letztere allein ihr durch die poetische Schönheit des Gedankens als wirklich erschien , so bildete sie aus dem Menschen Jesus , den die Apostel beschrieben , jenen mystischen Christus in sich aus , wie ihn die spätern christlichen Philosophen als Theil der Dreieinigkeit dachten . Sie wähnte , als diese Erscheinung in einer bestimmten Form in ihr lebte , endlich an Christus und seine Wunder zu glauben , in dem Sinne , den Reinhard verlangte , so daß sie mit vollem Vertrauen von sich zu behaupten wagte , jetzt sei ihr nicht blos die christliche Moral , sondern die Menschwerdung Christi zu einer vollkommenen Wahrheit geworden . Wie bei allen Trugschlüssen stimmte plötzlich Alles zu ihren Ideen , nachdem sie willkürlich einen Anfangspunkt für ihr System gefunden hatte , den sie als richtig annahm , obgleich er es in der That nicht war . Die sichere Ruhe , mit der sie sich hinterging , täuschte auch Reinhard und den sie unterrichtenden Pastor , obgleich der Letztere über eine so unerwartete Veränderung der ansichten bei seiner Schülerin sehr überrascht zu sein schien . Dazu kam , daß seit einigen Wochen Clara und Eduard ihre Theilnahme in Anspruch nahmen , während zugleich die Entdeckung von Theresens Liebe für Reinhard und Erlau ' s unerwartetes Geständniß sie vielfach beschäftigt und ihre Gedanken von den Forschungen über das Christenthum abgezogen hatten , bis der für die Taufe festgesetzte Termin herannahte und sie wieder darauf hinlenkte . Als sie nun jenes Glaubensbekenntniß niederschreiben wollte , das sich eigentlich streng an die im » Glauben « enthaltenen Dogmen binden mußte ; als sie ihr Nachdenken fest auf den Punkt richtete , fing das Luftgebäude ihrer künstlichen Ueberzeugung zu schwanken an , und die Schöpfung einer regen Phantasie zerfloß vor dem festen Blick ihres Verstandes in ein Nichts . Sie bemerkte das mit Schrecken . Sie hatte Ruhe und Heiterkeit gewonnen durch die Täuschung , der sie sich unbewußt hingegeben ; was frommte ihr eine Einsicht , die ihr Beides schonungslos raubte , die sie in das alte Chaos des Zweifels stürzte und , wenn sie wahr sein wollte , sie von Reinhard trennte , weil ihr Uebertritt zum Christenthum bei diesen Zweifeln zu einer Lüge wurde ? Vergebens wollte sie die Vorstellungen in sich zurückrufen , die ihr vor wenig Stunden geläufig und klar gewesen waren ; es gelang ihr nicht . Ebenso wie es dem Erwachsenen nicht gelingt , jene Empfindung in sich hervorzuzaubern , die wir als Kinder alle haben , wenn wir im Wagen dahinfahrend wähnen , Bäume und Häuser an uns vorüberfliegen zu sehen , während wir stille stehn . Wenn uns erst einmal das Gegentheil unumstößlich bewiesen worden , kann selbst unser fester Wille das Trugbild nicht mehr erzeugen . Einen Moment lang mag man hoffen , sich gegen die Wahrheit verblenden , eine liebgewordene Täuschung in sich festhalten zu können - die Wahrheit siegt doch immer . Es ist ihr Prüfstein , daß sie siegen muß , und auch Jenny sträubte sich jetzt vergebens gegen die Gewalt der Wahrheit . Die Ueberzeugung , daß der Geist des Christenthums die Hauptsache in demselben sei , war es allein , die ihr einen Ausweg für ihre Besorgnisse zeigte , einen Ausweg , vor dem ihre Redlichkeit sich scheute . Was aber sollte sie thun ? Jetzt , nachdem sie unaufhörlich ihren Glauben an die christlichen Dogmen behauptet hatte , plötzlich erklären , sie habe sich getäuscht und sie könne nichts davon glauben ? Das hätte sie eigentlich am liebsten gethan , aber würde man nicht an der Unfreiwilligkeit dieser Täuschung zweifeln , und annehmen , sie habe bis jetzt gegen ihre Ansicht etwas behauptet , um ihren Zweck zu erreichen , was zu beschwören ihr der Muth fehle ? Vor Reinhard und ihrem Vater , vor Eduard in diesem Lichte zu erscheinen , brachte sie zur Verzweiflung , abgesehen selbst von der Trennung von dem Geliebten , die unvermeidlich wurde , wenn sie sich weigerte , Christin zu werden . Sie schauderte vor der Wahl zwischen der Wahrheit und der Liebe ; sie fühlte , daß Alle sie bedauern , Alle mit ihr leiden würden , falls sie sich wirklich entschließen müßte , den Geliebten ihrer Ueberzeugung zu opfern . Alle würden es beklagen , selbst Joseph , der sie ungern Christin werden sah , und Erlau , der sie liebte - Alle - nur Therese nicht . Therese allein konnte sich darüber freuen , und wie sie dieselbe jetzt zu kennen glaubte , würde Therese eigensüchtig genug sein , auf den Trümmern von Jenny ' s Liebesglück sich eifrig ihr bürgerliches Wohnhaus zu begründen . Das sollte und durfte aber nicht geschehen ; Therese sollte nicht ernten , wo Jenny mit ihrem Herzblute gesäet hatte , und wieder und immer wieder ging sie daran , Alles durchzudenken , was ihr je von religiösen Ansichten bekannt geworden war , bis sie entschieden zu der Ueberzeugung gelangte , die Dogmen als eine Nebensache zu betrachten und , um Reinhard ' s Meinung zu schonen , endlich ein Glaubensbekenntniß zu Stande brachte , das in Spitzfindigkeit dem ältesten Jesuiten Ehre gemacht hätte . Mit großem Geschick hatte sie vermieden , jener Lehren von der Kindschaft Christi , der Erlösung durch seinen Tod und der damit gegebenen Genugthuung zu erwähnen , ohne irgend Zweifel an ihrem Glauben bei Reinhard dadurch zu veranlassen , der sich ganz einverstanden mit dem Glaubensbekenntnisse erklärte , als Jenny es mit innerster Beschämung vorlegte . Des Geliebten Beifall , seine Freude über ihre Erkenntniß demüthigten sie und machten sie vor sich selbst erröthen . Er liebte sie , er freute sich über sie , während sie ihn in Dem betrog , was ihm das Heiligste war . Sie sagte sich , daß sie Reinhard ' s Vertrauen unwürdig hintergehe ; sie hätte ihm gern die Wahrheit gestanden , wenn er nur gleich ihr dem Gedanken Raum gegeben hätte , daß man an Christus auf verschiedene Weise glauben , und doch einander lieben und glücklich mit einander sein könne . Sie begriff es nicht , wie der sonst so freisinnige Mann nur in diesem Einen Punkte von so unerbittlicher Strenge sein konnte . Was that es ihrer Liebe oder ihrem häuslichen Glücke , wenn Jenny den Gekreuzigten für den ersten unter den Menschen , statt für Gott hielt , so lange sie nur seine Lehren befolgte ? Indessen führten alle diese Gedanken sie doch nur immer auf den einen Punkt zurück , daß Reinhard es nimmer zugeben würde , sie Christin werden zu lassen , wenn sie ihm die Wahrheit bekenne : daß sie ihn verliere , wenn sie es nicht werde . Das machte sie verzagt , und diese Kämpfe ermüdeten sie so sehr , daß sie aus Schwäche Muth zu einer Trennung von dem Geliebten fühlte , wie Feiglinge zu Selbstmördern werden würden , wenn im Moment der Entscheidung nicht eben ihre Feigheit sie von der That zurückhielte . Jenny wußte sich keinen Rath in der Verwirrung ihres Sinnes . Von Natur offen und mittheilend , sah sie sich theils durch die Verhältnisse , theils durch ihre eigene Schuld in ein Gewebe von Heimlichkeiten und Täuschungen verstrickt , das sie in ihren eigenen Augen erniedrigte . Clara ' s ruhige , ergebene Entsagung leuchtete ihr als Beispiel vor ; sie wollte nicht kleiner sein als ihre Freundin , denn auch sie war sich bewußt , das Unvermeidliche würdig tragen und eher das Glück , als die Achtung vor sich selbst entbehren zu können . Wie würde es sein , fragte sie sich also immer wieder , wenn ich vor Reinhard hinträte und ihm erklärte : Ich liebe Dich mehr , als Du es weißt , ich hatte meine ganze Zukunft an Dich geknüpft ; aber Christin nach Deinem Sinne kann ich nie werden , darum muß ich auf das Glück verzichten , auf das ich mit Dir hoffte . Therese liebt Dich , sie glaubt wie Du an Christus , möge sie Dir ein Glück gewähren , das Du aus den Händen einer Jüdin nicht annehmen darfst . Aber schon bei dieser innerlich gehaltenen Rede zerfloß die Aermste in Thränen , trotz der Großmuth , welche sie gegen ihre Nebenbuhlerin auszuüben dachte . Sie stellte sich den Kummer vor , in dem sie die schönsten Jahre ihres Lebens fern von Reinhard vertrauern würde , sie sah ihn an Theresens Seite glücklich , sah sich von ihm vergessen , und noch heißer und bitterer flossen ihre Thränen . Was würden ihre Eltern sagen ? Was würde man in den Kreisen ihrer Bekannten von ihr denken ? Welch ' widersprechende , tadelnde und nachtheilige Gerüchte könnten sich über sie verbreiten ! Während sie ihr höchstes Glück einer religiösen Ueberzeugung mit blutendem Herzen opferte , würden Neid und böser Wille sich in die innersten Verhältnisse ihres Lebens drängen , und Gründe zu dieser Handlung suchen , von denen keine Spur in ihrer Seele war . Könnte nicht selbst Therese bereit sein , Reinhard zu beweisen , daß Mangel an Liebe zu ihm , oder die Furcht vor seinen beschränkten Verhältnissen und dem Leben in ländlicher Zurückgezogenheit , sie zur Lösung dieses Bündnisses veranlasse , und daß sie die Religion nur zum Deckmantel gebrauche ? Jenny sah Reinhard vor sich , sie sah , wie er mit Verachtung auf sie blickte , wie er sie von sich stieß , er , der sie einst geliebt , an dem sie stets mit warmer Neigung gehangen , und trotz aller innern Kämpfe , trotz der warnenden Stimme ihres Gewissens ließ sie die Taufe für eine bestimmte Stunde ansetzen , und beschloß , durch jenes erkünstelte Glaubensbekenntniß , das sie beschwören konnte , ohne gerade einen Meineid zu begehen , sich unauflöslich mit Reinhard zu verbinden , weil sie sich vor den Leiden fürchtete , die eine Trennung von ihrem Geliebten nothwendig für sie zur Folge haben mußte . Reinhard , seine Mutter und Clara sollten die Zeugen bei Jenny ' s Taufe sein , und die Pfarrerin war zu diesem Zwecke nach Berghoff gekommen , wo sie ein paar Wochen zu bleiben versprochen hatte . Auch Reinhard machte sich frei von seinen Geschäften in der Stadt , um diese Zeit ganz mit seiner Braut zu verleben , da er , wie schon gesagt , gleich nach der Taufe mit seiner Mutter zu seinem alten Onkel fahren und dort verweilen wollte , bis die Entscheidung über seine Anstellung definitiv erfolgt sein würde . Obgleich nur ein paar Monate seit der Abreise der Pfarrerin verflossen waren , fand sie das Verhältniß ihres Sohnes zu Jenny wesentlich verändert und fast umgekehrt . Reinhard ' s Eifersucht hatte sich gelegt , da Erlau dieselbe nicht mehr erregte ; mit den äußern Verhältnissen seiner Zukunft , mit dem Reichthum seiner Braut hatte er sich ausgesöhnt , je mehr er sich überzeugte , daß die ganze Familie denselben zwar in seinem Werthe begriff , aber doch nicht überschätzte oder damit absichtlich prunkte ; und da nun auch Jenny ' s religiöse Erkenntnisse sich seinen Ansichten angeschlossen hatten , war er vollkommen glücklich , und zu jener innern Zufriedenheit gelangt , die ihn seit seiner Verlobung geflohen hatte . Diese innere Ruhe machte ihn heiter , nachgebender und mittheilender , als er es jemals gewesen war . Er hatte tausend Aufmerksamkeiten für Jenny ' s Eltern , behandelte Eduard mit der zartesten Sorgfalt , da er ihn über einen Verlust trösten wollte , dessen Größe er mit ihm empfand , ohne daß Jener irgend über seine Liebe oder seinen Gram mit ihm gesprochen hatte . Mit Jenny unabläßlich beschäftigt , war er es jetzt , der sich an jeder Kleinigkeit erfreuen und bei jedem Begebniß eine fröhliche , scherzhafte Seite hervorheben konnte . Selbst Theresens Neigung für ihn diente , so sehr er es auch verheimlichen wollte , nur dazu , sein Glück zu erhöhen , indem sie seiner Eitelkeit , deren er sich kaum bewußt war , schmeichelte und ihm in Jenny ' s Eifersucht einen ihm wohlthuenden Beweis ihrer Liebe gab . Er fühlte sich in gewisser Weise Theresen dafür verpflichtet , behandelte sie mit freundlicher Zuvorkommenheit , und in dem täglichen Beisammensein mit ihr stellte sich ein zutraulich bequemes Verhältniß zwischen ihnen her , das aber von Theresens Seite an Unbefangenheit verlor , je ruhiger Reinhard sich demselben überließ . Mit Freuden hatte die Pfarrerin die Verwandlung bemerkt , welche die Stimmung ihres Sohnes erlitten hatte , aber um so räthselhafter erschien ihr Jenny . Ein düstrer Ernst , eine krankhafte Reizbarkeit hatten sich ihrer bemächtigt , und besonders hatte Therese von der Letztern in einem Grade zu leiden , der der Pfarrerin mißfiel . Jenny ' s Liebe zu ihrem Bräutigam schien äußerst lebhaft , sie konnte sich keinen Augenblick von ihm trennen ; sie war unruhig , wenn sie ihn nicht sah , und doch vermißte das scharfe Auge der Pfarrerin in Jenny ' s Liebe jene innige Hingebung , welche sie früher für Reinhard gezeigt hatte . Es lag ein Etwas in ihrem Betragen , in ihrer ganzen Art , das ihr unheimlich , ja fast dämonisch vorkam , und wovon sie sich doch keine bestimmte Rechenschaft geben konnte , um so weniger , als Jenny von einem unersättlichen Hang zu immer neuen Zerstreuungen erfüllt schien , der Niemanden in ihrer Umgebung zur Ruhe kommen ließ . Fahrten zu Wasser und zu Lande , Besuche in der Nachbarschaft und stundenlange Spazierritte wechselten schnell mit einander ab , ohne daß Jenny , die eifrig darnach verlangte , Genuß darin zu finden schien . Reinhard liebte die Natur und jede Art von Bewegung im Freien , deshalb ließ er sich gern bereitwillig finden zu jedem Vorschlag der Art , welchen Jenny machte , bis auch ihm endlich ihre fieberhafte Unruhe auffiel , die nicht eher nachließ , bis sie körperlich ganz erschöpft zusammenbrach und dann stundenlang in vollkommener Abspannung und weichster Stimmung verharrte . Bat er sie , von dieser anstrengenden Lebensweise abzustehen , sich Ruhe und Erholung zu gönnen , so riß sie sich gewaltsam aus der Apathie empor , versicherte , weder krank noch ermüdet zu sein , und bestand darauf , diesen letzten Sommer in Berghoff mit Reinhard , wie sie es nannte , noch recht in Eile zu genießen . Gegen dies wilde Treiben , das zuletzt Jenny ' s Mutter ebenso beunruhigte , als die Pfarrerin , erschien Theresens stille , häusliche Thätigkeit um so wohlthuender . Sie hatte allmälig sich fast des ganzen häuslichen Regimentes bemächtigt und wußte für Jeden mit Sicherheit das Bequeme und Angenehme zu verschaffen , ohne daß man es von ihr verlangt hatte . Dadurch machte sie sich namentlich den älteren Personen unentbehrlich , und auch Reinhard konnte nicht umhin , ihr lobend zu gestehen , daß sie ein seltenes Talent besitze , die Wünsche ihrer Umgebung zu errathen und zu befriedigen . Je mehr durch Gewöhnung