Da wir aber nicht correspondiren , so weiß ich gar nichts von ihm . « » Ich wundre mich , daß Ihr Aufenthalt hier Ihnen so zusagt . « » Sie sind ja hier ! - ich meine .... Sie leben ja auch in Dresden . « » Ich habe nirgends eine andre Bestimmung . « » Weshalb wollen Sie mich ins Exil des Landlebens schicken , das doch in der That erdrückend ist , wenn nicht Interessen und Pflichten des Herzens dies Kleben an der Scholle und Sorgen um die Scholle adeln . « » Und was hält Sie ab diesen höhern Interessen nachzugehen ? In schöner , kräftiger Jugend stehen Sie brav und unabhängig da , nicht eben reich - das ist sehr gut , da wird man zur Thätigkeit angespornt . Also kaufen Sie ein Landgut Ihrem Vermögen angemessen , suchen Sie eine liebenswürdige Lebensgefährtin und werden Sie recht , recht glücklich , lieber Clemens - das ist mein Wunsch zu Ihrem Geburtstage . « » Wünschen Sie aufrichtig , mich glücklich zu sehen ? « » Wenn ich Nein sagte , würden Sie es glauben ? - Ich lüge nicht , weil ich die Wahrheit bequemer finde , als die Lüge . Das sollten Sie doch wissen . « » In der Welt macht man aus Gewohnheit , nicht um zu lügen , viel schöne Worte . « » Ich auch ! wenn mir nichts Besseres einfällt ! - Doch Freunden gegenüber nenne ich leere schöne Worte Lüge , weil sie etwas Anderes dahinter erwarten ; die Welt aber nicht : die empfängt die Münze , womit sie zahlt - ein redlicher Handel . « » Gut denn ! so müssen Sie mein Glück nicht blos wünschen , sondern auch etwas dafür thun . « » Thun ? ach , meine gebrechliche Hand webt leichter die fliegenden Sommerfädchen der Theorie , als das derbe Schiffstau der Praxis . Was kann ich für Sie thun ? .... ein hübsches Bild für Sie malen - « » Ihr eigenes ? « » Nein , daran mögen Andere ihre Kunstfertigkeit üben ! ich habe zu viel mit mir selbst zu schaffen , um mich auch noch zu malen ! - Und Sie besuchen kann ich - « » Wann ? wo ? « » Nun , wenn Sie verheirathet sind und ein hübsches Haus haben . « » Das liegt Alles zu fern . « » So will ich mich besinnen ! mit der Zeit fällt mir vielleicht noch etwas ein . « Aber Faustine war so gelangweilt durch die ungewohnte Anstrengung , jedes Wort so einzurichten , daß es eine Barriere vor Clemens schob : daß sie nicht zu ihrer gewöhnlichen Freiheit gelangte und herzlich froh war , als die Ankunft Cunigundens und ihres Vaters das Zwiegespräch unterbrach . Frau von Stein hatte ihre Tochter kalt entlassen mit der Weisung , die große Selbständigkeit , welche sie in so jungen Jahren ihren Eltern gegenüber behauptet , auch nun für ihr ganzes Leben und unter allen Verhältnissen zu bewahren , damit sie nicht in den Verdacht kindischen Trotzes gerathe . Da indessen Jeder , der überhaupt einen Willen habe , berechtigt sei ihn geltend zu machen , so billige sie , daß die Tochter auf eigenem , wenn auch überraschendem Wege , zum Glück zu gelangen suche . Cunigundens Schwestern weinten - und trösteten sich . Nur der Vater war sehr betrübt und Cunigunde voll tiefen Schmerzes , ihn verlassen zu müssen . Sie liebte den beschränkten , lenksamen , geduldigen Mann , nicht mit kindlicher Zärtlichkeit , nicht mit Verehrung , aber mit jenem tiefen Mitleid , das vielleicht Antigone für den blinden Vater empfand . Ach , auch der ihre war ja blind , konnte nicht allein stehen in dem verwirrten Leben , weil er nicht fähig war , es zu überschauen , und bedurfte einer Führerin , einer mildern , als die despotische Gattin war . Das war sein frommes Kind - wie er Cunigunde nannte - ihm stets gewesen und er bedauerte ihren unersetzlichen Verlust , aber vollkommen resignirt . » Sie ist jung , ich bin alt ' , « sagte er , » da muß man an ihre Zukunft denken . Alte Leute haben keine ! Und verloren hätte ich sie ja doch , sobald sie sich verheirathet hätte . Und dann wäre sie unglücklich geworden , sagt sie ; das würde mir das Herz abstoßen . Nun kann ja der liebe Gott es so fügen , daß sie noch einmal sehr glücklich wird , sogar , daß ich es noch erlebe . « Cunigunde saß immer neben ihm und hielt seine Hand in der ihren . Ihre Lippen zitterten , aber sie weinte nicht und sprach fast gar nicht . Es war eine herbe Wehmuth in ihr , über die Art , wie sie aus dem Vaterhause einsam in die Fremde ging . Ehedem hatte sie sich dies Scheiden wol anders gedacht , an der Hand des Gatten , einer schönen Bestimmung zu - doch das war lange her , war noch ein Bild aus ihrer ersten Jugendzeit , wo sie noch nicht ihre eigenen Ansprüche an den künftigen Gatten kannte . Seitdem war es anders in ihr worden ; wie und wodurch - wußte sie nicht . Es kam ihr eben nur vor , als habe sie ausgeschlafen . Doch der Tag , zu welchem sie erwacht war , lag kühl und farblos da , und sie fröstelte bei dem Gedanken , da hinein zu müssen . Mengen kam , erneuerte die früher gemachte Bekanntschaft mit Herrn von Stein und Cunigunden , und erzählte so viel und so herzlich von seiner Familie , besonders von seinem Vater , daß Allen ganz traulich und heimisch dabei zu Sinn ward . Matildens Hochzeit sollte nächstens sein . Faustine sagte : » Das freut mich für die Liebenden und noch mehr für Sie , theure Cunigunde . Es bringt uns den Menschen näher , wenn wir ein Familienfest mit ihnen gefeiert haben . Wir sind nicht fremd in dem Kreise , wo wir einmal theilnehmend gelächelt oder geweint . « » Und ich werde Ihnen bald folgen , mein Fräulein , und Ihnen Briefe und Nachricht von den Ihren bringen , « sagte Mario ; » denn ich bin sehr entschlossen , etwas so Frohes , wie eine Hochzeit , nicht bei den Meinen ohne mich vorübergehen zu lassen . « » Etwas so Frohes ? « fragte Faustine ; aber Mario hörte es nicht , weil Herr von Stein ganz vergnügt sprach : » Es freut mich recht , Herr Graf , daß Ihnen eine Hochzeit wie eine Fröhlichkeit vorkommt . Sonst war es Mode , daß es lustig und hoch dabei herging . Es gab Feste und Schmausereien Tage , ja Wochen lang . Zum Hochzeitstage selbst gebrauchte man einen ganzen Tag , wie sich das gehört , damit aller Putz , alle Ehren , alle Lustbarkeit , aller Scherz sein Recht bekomme , und nicht ein Ehrentag mit zwei oder drei kümmerlichen Stunden abgefertigt werde , wie es jetzt wol geschieht , wo man sich am Morgen oder am Abend trauen läßt , einen Bonbon ißt , in den Wagen steigt und in die weite Welt fährt . « » Das gefällt mir doch sehr gut , lieber Herr von Stein , « sagte Faustine . » Ja , meine gnädige Gräfin , das glaub ' ich gern ! die schöne junge Frau ist wol am liebsten mit dem Gemahl allein . Aber du grundgütiger Gott ! sie werden beide noch so lange beisammen sein , daß es sehr gut ist , wenn sie in der ersten Zeit ein wenig gestört werden , damit sie nicht nach drei Monaten einander überdrüssig sind . Und dann die Uebrigen ! warum sollen die leer dabei ausgehen ? an einer Hochzeit nimmt die ganze Welt Theil , mit Fug und Recht , denn zwei Menschen , die losbändig in ihr umherirrten , erbauen sich plötzlich ein Hüttchen und schmücken die Welt mit Menschen und mit Glück . Das ist für jedermann wichtig . Drum erhielten sonst alle Hochzeitsgäste ein Stückchen vom Strumpfband der Braut zum Andenken . Freilich jetzt sind die Leute gewaltig steif geworden . Der harmlose Scherz macht ihnen keinen Spaß mehr , und sie zucken die Achseln über den veralteten , plumpen Gebrauch , worin doch wahrhaftig Andacht war . So unterstützt denn jetzt die Gleichgültigkeit der Uebrigen den Wunsch des Liebespaars , und die wichtigste Angelegenheit des Lebens wird mit einer ganz unstatthaften Heimlichkeit vollzogen , als ob man sich ihrer schäme . Hätte meine Cunigunde geheirathet « - Der Blick der Tochter begegnete bittend dem seinigen , darum fügte er hinzu : » Aber sie will nicht ! Es ist kurios , daß heutzutage , wo ein Bräutigam rarer ist als ein Nordlicht , gerade mein Mädchen keinen will . Nun , wir wollen nicht weiter davon reden . Es wird ja wol Alles am Besten sein , wie der liebe Gott es fügt . « Der Tag ging recht gut hin . Mengen war fast immer da . Cunigunde schöpfte Zuversicht aus seinen Worten . Feldern kam in der Absicht , ihr Lebewohl zu sagen ; doch er kehrte im Vorzimmer wieder um . Ihm war , als spiele er in der Scene nur eine Nebenrolle . Am nächsten Morgen wollte Cunigunde reisen , es war Alles für sie in Bereitschaft gesetzt . Sie nahm einen kurzen , heftigen Abschied von Faustine ; sie wollte nicht weich werden , vielleicht ihres Vaters wegen . Der alte Mann erbat sich Faustinens Erlaubniß , sie zuweilen besuchen und mit ihr von Cunigunden reden zu dürfen . Diese sagte zu Mario auf Faustine deutend : » Sie bringen mir also bald Nachricht von meinem Liebesengel ! « - dann ging sie mit Herrn von Stein in einen Gasthof , und am andern Morgen , als die Sonne aufging , waren Vater und Tochter schon getrennt , und Cunigunde ging gefaßt ihrer Bestimmung entgegen . » Und Sie gehen nun auch ? « fragte Faustine niedergeschlagen Mengen ; » ich werde recht einsam sein . Wenn doch Clemens lieber ginge statt Ihrer . « » Ich komme bald wieder , « sagte Mario ; » meine Eltern wünschen es , wollen mich sehen - « » Das begreife ich ! wenn wir uns aber nur wiedersehen . « » Warum sollten wir nicht ? wir sind jung . « » O , das ist kein Grund ! im Gegentheil , junge Menschen werden häufiger getrennt , als alte . « - Faustine blieb so niedergeschlagen , daß auch Mario davon angesteckt wurde , und wenigstens an dem Abend in keine leichtere Stimmung kam . Doch gerade dieser mächtige , unleugbare Einfluß Faustinens bestimmte ihn , eine Entscheidung herbeizuführen . Gehöre ich ihr so ganz an , sprach er zu sich selbst , so werde sie denn auch mein eigen ! und was fürchte ich denn ? sie ist ja frei , ich bin es ! aber wird sie wollen ? sie muß wollen , wenn sie mich liebt .... Wenn ! - o verdammter Zweifel , den nur der Kopf ausbrütet , und das Herz nicht hegt ! « - Acht Tage vergingen bis zu Mengens Abreise , und Faustine blieb in einer Nebelwolke von Traurigkeit . In der Region der Gefühle ist dieser Zustand der unbehaglichste , weil er keinen Kampf zuläßt , weil man warten muß , bis Sonne oder Wind den Nebel zerstreuen ; und oft der gefährlichste , weil man mit umdämmerten Blicken häufig bis an den Rand des Abgrunds tappt , zuweilen in ihn hinabstürzt . » Wie kann er gehen ! « dachte Faustine ; » sieht er , fühlt er nicht , wie nothwendig er mir ist ? nothwendig , wie die frische Luft , wie der Frühling ! - Ach , der Frühling kommt und er geht ! « - Bisweilen machte sie sich selbst Vorwürfe , wiederholte sich , daß einige Wochen schnell verstrichen , daß er heimkehren würde , daß auch Andlau , nach seinem letzten Brief zu schließen , bald kommen müsse , und daß alsdann für sie Alle eine Erhöhung des Reizes im lebendigen Verkehr eintreten könne . Aber das lag so fern , gleichsam hinter den Nebelwolken ihrer Traurigkeit . Sie sah es nicht klar . Der Schmerz der Entbehrung lag ihr näher , als der Trost des Genusses einer zweifelhaften Zukunft . Sie wußte nicht , ob Mengen und Andlau an einander Behagen finden würden : Beide waren schroff und scharf , dieser eisig , wenn er unangenehm berührt sich fühlte , und jener in demselben Maaß schneidend - zwei Naturen , die mit gezogenem Schwert sich gegenüberstehen mußten , sobald sie nicht Hand in Hand gingen . Faustine war in ihrer tiefsten Seele beklemmt und unheimlich . Hätte sie den Muth , die Stärke und die Besonnenheit gehabt , den Verhältnissen fest ins Auge zu sehen , so wäre ihr bald genug klar geworden , daß in Marios Entfernung ihrer Aller Heil liege , und sie hätte durch ein gefaßtes : » Fahre hin , « dem Schicksal vorbeugen können , das sie zerbrach , als es in seiner vollen Macht über sie herbrauste ; sie hätte durch eine ruhige Darlegung ihrer innersten Seelenverbindung mit Andlau Mengen auf einmal , ehe er ein Wort gesagt , durch einen einzigen kurzen Schmerz , in sein altes Gleichgewicht , wenigstens äußerlich , zurückgestellt , und in dem seinen das ihre gefunden ; sie hätte Alles das thun können , was sie nicht that , eben weil ihr Muth , Stärke und Besonnenheit fehlten . Gegen Clemens war sie während dieser Zeit viel freundlicher , oder eigentlich sanfter als sonst , wo sie ihm nicht leicht irgend ein Wort hingehen ließ , ohne es zu rügen , sobald es über seine Grenze sprang . Jetzt hörte sie nicht so scharf hin , oder sie hatte Mitleid mit seiner Thorheit . Was den Frauen ihr Mitleid für Schaden thut - das ist nicht zu beschreiben und nicht zu begreifen ! wenigstens nicht von den Männern zu begreifen , welche für die Frauen alle mögliche Empfindungen , nur kein Mitleid hegen . Im Haß und in der Liebe als Ueberwinder , vernichtend , grausam , vor den Frauen zu stehen , ist ihre Wonne , ihre Lust , ihr Triumph , - ihre Natur ! und die Frau , die darüber klagt , ist falsch : es hat noch jeder Simson seine Delila gefunden ! - Aber daran thut der Mann unrecht , in jeder Mitleidsäußerung ein Liebeszeichen zu sehen . So weit müßte er aus seiner Natur heraustreten und die fremde Eigenthümlichkeit erkennen . Mitleid ist eine Tochter des allgemeinen Wohlwollens , und die Frau hat viel mehr Wohlwollen für den Mann , in welchem sie von Hause aus eine Stütze und den Begründer ihres Glückes sieht , als er für sie hat , die er doch nur à tout prendre , als eine sichre Beute betrachtet . Daher wird die Frau durch eines Mannes Neigung zwar nicht immer zur Erwiderung , doch gewiß immer zum Mitleid gestimmt - vorausgesetzt , daß ihr keine Verbindung mit ihm droht , wie es bei Cunigunden und Feldern war - und sie wird Dinge thun und sagen , die ihm ja nur den Mangel an Liebe freundlich verbergen sollen . In solchem Verhältniß ist es nur seine , niemals ihre Schuld , wenn er ein Lächeln , einen holden Blick , ein süßes Wort als ein Versprechen künftiger größerer Gaben betrachtet . Die Frau ist gleich dem Kinde , heftig , glühend , leichtgerührt ; hernach vergißt sie das , und das macht ihr der Mann zum Verbrechen . Es ist aber ihre Natur , so wie die seine Barbarei ist . Nur nie Mitleid mit dem Manne geäußert ! er mißbraucht es alle Mal . Clemens jubelte heimlich : » ich wußte wohl , daß ich sie rühren würde ! « Anfänglich war sein brennendster Wunsch nicht weiter gegangen , als seine Liebe geduldet - nun wünschte er schon , sie erwidert zu wissen . Er gestand es sich freilich nicht ein , aber im Herzen rechnete er schon darauf ; denn was wär ' es für eine wunderliche Liebe , die keine Erwiderung begehrt ? ich denke , es wäre gar keine Liebe . - Mengen geht - so lautete Walldorfs Rechnung - sie wird ihn vermissen , weil er ihr eine angenehme Gesellschaft ist , doch von einer Neigung kann nicht zwischen ihnen die Rede sein , da diese Trennung statt findet . Hingegen wird Andlau kommen - aber ist denn da noch die alte Liebe ? fast sechs Monat hat er sie verlassen , und sie lebte während der Zeit ruhig und heiter . Wo ist der Mensch , der , wie ich , ohne ihren Blick in Verzweiflung untergeht ? Nein , mir , meinem lodernden Herzen gehört sie einzig an . - Bisweilen saß er ihr viertelstundenlang schweigend gegenüber und sie schwieg auch . Sie malte oder zeichnete . Clemens kam gern in den frühen Morgenstunden , wo er gewiß war , sie allein zu treffen ; spätern Besuchen räumte er das Feld , und war am glücklichsten , wenn er sie ungenirt bei ihren gewohnten Beschäftigungen , die sie seinetwegen nicht unterbrach , häuslich und traulich fand . Darum begehrte er auch keine Conversation von ihr . Sie durfte sich in ihre Arbeit , ihre Gedanken vertiefen . Das that sie auch . Fiel es ihr dazwischen ein , es sei doch sehr unfreundlich , sich gar nicht um des armen Clemens Anwesenheit zu kümmern , so sah sie lieblich zu ihm auf , oder nickte ihm einen holden Gruß , gleichsam seine Nachsicht erbittend , zu . Er aber meinte dann , sie freue sich über seine Anwesenheit ; und sagte sie , um doch einigermaßen für seine Unterhaltung zu sorgen : » Da liegt ein hübsches Buch , lieber Clemens , lesen Sie doch ein oder das andere Capitel ; « - so war er glückselig , weil er dachte : sie wünscht , daß ich bleibe - sonst könnte sie mich ja gehen heißen . - Faustine wünschte aber hinsichtlich seiner gar nichts , als ihn vor Ausartung der Thorheit in Verwilderung geschützt zu wissen . Am Vorabend von Mengens Abreise waren mehre Personen bei ihr . Er selbst kam spät . Sie hatte sich in eine große Lebhaftigkeit hinein gesprochen , um damit ihre Trauer zu umschleiern . Gleichgültige werden stets dadurch getäuscht . Jemand fragte : wie sie zu ihrem seltsamen Namen gekommen , und sie sagte : » Mein Vater hatte eine solche Liebe zu dem Götheschen Faust , daß er , um in jedem Augenblick seines Lebens an dies Meisterwerk erinnert zu werden , seinen beiden ersten Kindern den Namen Faust und Faustine beizulegen beschloß . Meine Mutter bebte vor diesen barbarischen Namen , sie hatte ganz andere Lieblinge . Als der Zeitpunkt kam , wo ein Kindlein geboren werden sollte , gab es manche kleine Debatte , und unsäglich war die Freude der Eltern , als nicht Eines , sondern zwei zugleich das Licht dieser Welt erblickten , und nun Jeder einen Lieblingsnamen auf der Stelle anbringen konnte . So ward ich Faustine , meine Schwester Adele getauft . Meine arme Mutter starb im Wochenbett , und mein Vater hatte auch nicht lange die Freude , durch mich an sein geliebtes Gedicht erinnert zu werden : er blieb im Felde . Für mich hat aber mein Taufpathe , Faust , stets ein ganz besonderes Interesse gehabt , unabhängig von dem Zauber seiner Poesie und seiner grandiosen Weltanschauung . Ich wollte immer mein eigenes Schicksal in diesem rastlosen Fortstreben , in diesem Dursten und Schmachten nach Befriedigung finden - aber der zweite Theil hat mir das unmöglich gemacht . Ich denke , es schreibt wol jeder von uns seinen eigenen zweiten Theil zum Faust , der Göthesche ist allzu individuel . « Graf Kirchberg sagte : » Das find ' ich nicht ! es ist das treue Bild aller Menschen , die wie die alten Titanen mit großer Kraft den Ossa auf den Pelion thürmen , Studien , Forschungen , Leistungen auf ihre Gaben , um damit dem Himmel abzutrotzen und abzuringen , was er diesem Streben nicht gewähren kann : Befriedigung . Der Strom der Sinnenlust hat im Entstehen noch Nerv , weil der Quellpunkt , die Liebe , ihm Nahrung giebt , aber breit , und dürftig dennoch , zerfließt er in der Steppe des Ueberdrusses und des unbestimmten , auf kein hohes , festes Ziel gerichteten Verlangens . Dann versucht Faust dem Ehrgeiz , dem Weltglanz , der Welteitelkeit einiges Vergnügen abzugewinnen ; aber es bleibt ein schaaler Spaß für ihn , ohne Saft und Kraft , und dasselbe bleibt ihm die Kunst , der er sich darauf in die Arme wirft . Das in ihr und mit ihr Erzeugte , Euphorion , verschwindet , weil es nicht aus der Begeisterung geboren ist , und somit hat auch die Kunst ihren Reiz für ihn verloren . Endlich probirt er es gar mit der Wohlthätigkeit , mit der allgemeinen Menschenliebe , doch die Lauheit , das vage Mißvergnügen bleiben ihm zur Seite , und dieser ununterbrochene Seelenregen macht ihn so matt , daß er ganz froh ist , endlich mit guter Manier in die elysäischen Gefilde des Himmels einpassiren zu dürfen . « » Gut , das ist eben eine Richtung ! « rief Faustine ; » ich sehe aber nicht ein , warum der Faust seelenmatt werden muß . Hat die Liebe ihm keine Befriedigung gegeben , so werfe er sich lodernd , wie in ihren Schooß , in die Arme des Ehrgeizes , der Weltherrlichkeit , der Kunst ! so ringe er nach ihnen und um sie , statt mit ihnen zu spielen ! so strenge er all ' seine Kräfte und sporne all ' seine Gaben an , damit er doch Etwas zu Tage fördere - und sei es nur gerade Etwas , woran Mephistopheles seine Weltironie üben könne , der jetzt in dieser beängstigenden Atmosphäre nur noch zu armseligen Späßen Gelegenheit findet , mit Gauklerkunststücken sich helfen muß , und aus seiner grandiosen Lucifer-Region in die Kategorie der kläglichen , dummen Teufel fällt . Die Kräfte eines Faust dürfen brechen - nicht erlahmen . Sind sie gebrochen im rastlosen Kampf : so gehe er heim nach Gretchens öder Hütte , und suche dort im Tode , was er im Leben umsonst gesucht : ein Haus für die Ewigkeit . Der göttlichen Barmherzigkeit und der reinen Liebe sind keine Grenzen gesetzt ; heben sie die matte Seele in den Himmel - warum nicht die ringende Feuerseele ? « » Schreiben Sie doch einen zweiten Theil zum Faust « - sprach Feldern scherzend . » Nein , ich lebe ihn lieber , « entgegnete sie . » Schreiben ist nur ein Surrogat für leben . « » Oder ein Widerhall des Lebens , der an jedem Busen sich bricht und zu einem neuen , klingenden Ton wird « - sagte Feldern . » Ach ! « rief Faustine , » unsre Brust ist gar nicht mehr im Stande , die Millionen von Widerhallen aufzufangen , die wie Bienenschwärme gegen sie losgelassen werden . Seit das Bombardement der Menschheit durch Kugeln so ziemlich aus der Mode gekommen , ist dafür das durch Bücher eingetreten , welches , wie eine Influenza , seine Zeit durchgrassiren muß . Ich regrettire im Grunde das Kanonen-Bombardement ! man riskirte zwar in einem solchen den Geist aufzugeben , allein der Kopf wurde dann doch mit fortgeschossen . Die Bücher hingegen lassen die physischen Köpfe friedlich zwischen den Schultern sitzen , und nur der geistige wird von ihrem Bombardement betäubt und verdummt . Ich hoffe , noch vor Ende dieses Jahrhunderts wird jeder auftauchende Schriftsteller nach irgend einem Botany-Bay gesendet . « » Welch ' ein vandalischer Haß gegen die armen , liebenswürdigen Schriftsteller , die Ihnen doch gewiß von Robinson an bis zur heutigen Stunde unsägliches Vergnügen gemacht haben . « » So so ! Sie leben mir vor , sie denken mir vor - ich lebe und denke aber lieber auf meine eigene Hand , schlecht und recht , wie ich ' s eben verstehe , als einem Andern nach . « Als Mengen kam , bemerkte er sogleich Faustinens innere Aufregung . Sie sprach ; aber dann und wann hielt sie mitten im Satz inne , weil sie keinen Athem mehr hatte . Ihre Augen glänzten ; aber dann und wann sanken die Augenlieder tief und müde herab . » Sie sind fatiguirt , Gräfin , « sagte Mario sanft , und setzte sich zu ihr . » O , zum Sterben ! « entgegnete sie , sich im Fauteuil zurücklehnend . » Man muß nicht so viel reden , wenn einem nicht danach ums Herz ist . « » Dann schweigen Sie nur , Mengen ! Sie thun ja nie danach , wie es Ihnen ums Herz ist . « - Er sah sie fragend an . - » Nun ja , « fuhr sie fort , » Sie reisen und würden doch viel lieber , trotz Hochzeit und Freudenfesten , hier bleiben . « Er antwortete ihr nicht , aber er verwickelte die Anwesenden in Gespräche , womit die Zeit hinging ohne Faustinens Bemühen . Als man aufbrach , wünschte man ihm eine glückliche Reise , und all ' die freundlich banalen Phrasen erklangen , welche denen so weh thun , über die der Schmerz des Abschieds einbrechen wird . Faustine saß regungslos auf ihrem Platz . Sie grüßte mit den Augen die Scheidenden . Nun war sie mit Mario allein . Schweigend , mit untergeschlagenen Armen , stand er eine Weile vor ihr , denn die Gefühle wogten in seiner Brust und erstickten die Worte . Da stand sie auf , legte beide Hände gefaltet auf seinen Arm und sagte bebend : » Auf Wiedersehen , Freund ! « » Kann ich denn so von Ihnen scheiden ? « fragte er eben so leise und faßte ihre Hände in die seine ; - » o Faustine , ich kann nicht ! « rief er dann mit überströmender Heftigkeit und drückte sie an sein Herz , als wolle er dies brausende Herz oder die geliebte Gestalt zerbrechen . - » O , das ist nicht recht ! « sagte sie , immer mit demselben Ausdruck von Trauer im Blick und Ton . » Vergebung , Faustine , « sprach Mario sanfter und seine Hand glitt leise über ihr Haar , ihre Wange hinab - » siehst Du , ich liebe Dich - « Da stand sie auf einmal frei , seinem Arm entwunden , vor ihm . Sie bog den Kopf zurück , der plötzlich in einer Verklärung stand , welche nur überirdischer Triumph verschmolzen mit bacchantischem Jubel auf das Menschenantlitz gießen ; sie breitete die Arme aus , doch nicht zu ihm , sondern empor zum Himmel , und mit der nämlichen Extase im Ton sagte sie : » Er liebt mich ! « - » Wohin denn mit dieser wehenden Glut , Faustine , wenn nicht zu mir ? « rief Mario entzückt und schlang den Arm um sie , als wolle er sie an seine Seite fesseln . » Er liebt mich ! « wiederholte sie mit derselben schwärmerischen Innigkeit . Sie umfaßte seinen Kopf mit ihren beiden Händen , sah ihn an , schüttelte dann langsam den ihren und sagte träumerisch : » Das ist aber doch wol nicht wahr . « » Nicht wahr ! o Faustine , hast Du nicht gefühlt , wie mein Wesen allmälig mit dem Deinen verschmolzen ist , wie mein Herz gelernt hat in Deiner Brust zu schlagen , mein Geist in Deiner Richtung zu fliegen , mein ganzes Sein mit Dir Schritt zu halten . Ist das nicht Liebe , Faustine ? « Wie die rosenrothen Gletscher immer blasser und blasser werden , wenn die Nacht heraufsteigt und zuletzt in schattengleichem Grau dastehen , so erbleichte sie ; sie hing zerbrochen in Marios Armen und sagte tonlos : » O , das ist aber entsetzlich ! « » Warum , Faustine ? Engel , Du liebst mich - « » Ich ! « rief sie und fuhr mit der flachen Hand über die Stirn ; - » ich .... Sie ? - Sie irren sich seltsam , Graf Mengen . « Entsetzen , als habe der Blitz zu seinen Füßen die Geliebte erschlagen , zerwühlte plötzlich Marios glückstrahlendes Antlitz . Er stieß Faustine von sich und sagte mit einer vernichtenden Drohung im Ton : » Faustine ! « Sie sank in den Lehnstuhl wie eine welke Blume , die das Haupt unter dem rollenden Donner beugt . Dicke Thränen quollen langsam unter den Wimpern vor , die Locken hingen aufgelöst an den entfärbten zarten Wangen herab . Sie war jetzt bezaubernd durch den unaussprechlichen Gram ihres ganzen Wesens , wie sie es drei Minuten vorher durch dessen unaussprechliche Glut gewesen war . Mario hatte nicht die Kraft sie zu verlassen , obgleich er im ersten Augenblick schon eine Bewegung nach der Thür gemacht . Er kniete vor ihr nieder und sprach : » Faustine , wie können Sie lügen ? « » Ich lüge nicht ! « flüsterte sie ohne aufzublicken . Er legte seine Hände gefaltet auf ihre Kniee und sprach : » Sehen Sie mich an , fest und ruhig , und nun antworten Sie mir : » liebst Du mich nicht , Faustine ? « » Nein ! « sagte sie fast unhörbar , aber unwillkürlich ruhte ihr Auge mit so himmlischer Zärtlichkeit auf ihm , daß er entzückt ausrief : » Deine falschen