Capello scheinbar in der größten Gunst stand , ist nämlich von Bianca mit ansehnlichen Geschenken und Belohnungen in ihr Vaterland entlassen worden . Oben im Berge wird der kleine Zug von scheinbaren Räubern angefallen , man läßt die Frau für tot liegen : alle entfliehen . Sie aber kommt wieder zu sich , wird nach der Stadt geführt und erklärt vor den Richtern , daß sie jene Räuber sehr gut als Florentiner erkannt habe , Schurken , die im Solde der Bianca stehen , und die sie , die Amme selbst , oft auf Befehl ihrer Herrin ausgesendet habe . Es kann nichts fruchten , diese Sache jetzt bekanntzumachen , aber für die Zukunft werde ich diese Zeugnisse aufbewahren , und die Frau , wenn sie genesen sollte , selber nach Rom hierherkommen lassen . Wohin wir blicken , Verrat und schlechte Künste . Und ist es nicht wunderbar und fast unbegreiflich , daß diese Weiber , nur allzuhäufig die schlechtesten , ohne Reiz , Schönheit und Verstand die größten , geistreichsten Männer , als wären diese blödsinnig und verrückt , an ihrem Gängelbande leiten , wohin sie nur wollen . - Und dann wieder - Euch ist das neueste Unglück unserer Familie bekannt . « » Ja wohl « , sagte Montalto ; » plötzlich ist Eure Schwester , so wie Eure Schwägerin gestorben . « » Es befällt mich oft ein Grauen « , begann Ferdinand wieder , » wenn ich an die seltsam wechselnden und blutigen Szenen meiner Familie denke . Mein jüngster Bruder , ein Mann , immerdar in Zorn , Lust und Mordgier entbrannt , dabei schwach und kränklich , wie so oft diese Tyrannen , ist wie ein Bild aus alten Tagen , wie ein feuriges Meteor , das dräuend und schreckend vorüberfährt , und nachher nicht mehr gesehen wird . Mit Blut hat er das , was diese ruchlosen Männer ihre Schande nennen , rein gewaschen . Sie erlauben sich alles ; und die Sitte der gottlosen Welt ist so , daß man dem Manne kaum verargt , was bei dem Weibe ein Todesverbrechen , auch von den ruchlosesten Sündern , genannt wird . Freilich war diese Leonore eine Schande der Welt . Indessen , auf wen fällt eigentlich die Schuld zurück , als auf meine Brüder ? Der Regent löst ohne Scheu , ganz öffentlich , alle heiligen Bande der Ehe auf ; Pietro versäumt die Frau , verachtet sie , bringt Buhlerinnen alles Gelichters in ihre Nähe , hat früher ihre Sinne aufgeregt , und verlangt nun , daß sie als Nonne leben soll , weil sie seinen Namen trägt . Und meine arme , unglückselige Isabella ! Auch sie war vom ältern Manne ganz vergessen und verachtet ; sie glaubte vielleicht , den Gemahl niemals wiederzusehn , sie hielt sich für geschieden , und der starke , hochfahrende Bracciano erscheint auf einmal wieder , um auch sie wegen der verletzten Ehre zu bestrafen . Nach unsern Sitten und unsinnigen Begriffen des Ritterstandes und Adels hatte sie freilich den Tod verdient ; denn ihr Verhältnis mit Troilo Orsini war offenkundig . Durch die Niedrigkeit der Bianca ward ihr Leichtsinn erregt und gestärkt , sogar in dem Maße , daß sie selbst des Troilo bezahlte Buhlerinnen kannte , und mit ihnen scherzte und lachte . Mein Bruder , der gewiß nicht an den natürlichen Tod der Schwester glauben kann , ist doch dem Bracciano befreundeter als jemals , und ich kann mich , wie alles steht und liegt , auch nicht von ihm zurückziehn , und muß an diese plötzliche Krankheit des Schlages vor den Augen der Welt glauben . Ihr Buhle Troilo ist auch schon nach Frankreich entflohen , wo er auf den Schutz der Königin rechnet . Der unerbittliche Bracciano hat ihm aber schon zwei seiner Banditen , reich belohnt , nachgesendet , die ihr Opfer in Paris gewiß nicht verfehlen werden . « - In der Familie Accoromboni herrschte scheinbar Glück und Ruhe . Der furchtbare Orsini hatte sich nicht wieder gezeigt , so viel hatten über ihn die ernsten Drohungen des Gouverneurs Buoncompagno vermocht . Es ließ sich hoffen , daß Flaminio , der sehr unterrichtet war , bald eine Anstellung erhalten würde , da der Kardinal Montalto sie ihm verheißen hatte . Durch die Bemühung des alten Mannes hatte der älteste Sohn , Octavio wirklich schon den Rang und die Würde eines Bischofs erlangt . So sah denn die stolze Mutter viele ihrer Wünsche erfüllt , und sie hätte ungestört die Erhebung , die der Familie in ihrem Alter geworden war , mit Behaglichkeit genießen können , wenn nicht viel Bitteres sich diesem Kelche der Freude eingemischt hätte . Wie vielen Dank auch der neu bestellte Bischof seinem Oheim Montalto schuldig war , so unerkenntlich zeigte er sich , ja er machte kein Hehl daraus , wie tief er den würdigen und wohlwollenden Greis verachtete . Er schloß sich unverhohlen und mit übertriebenem Eifer der intrigierenden Partei des Kardinal Farnese an , weil er glaubte , durch diesen tätigen Feuergeist gar anders , als durch den saumseligen Montalto befördert zu werden . Darum erschien er auch nur selten bei seiner Schwester , und er suchte eine befriedigte Eitelkeit darin , dieser und noch mehr deren Gemahl Peretti mit unverhohlener Verachtung zu begegnen . Er zankte auch mit der Mutter wegen dieser Heirat , die er eine Erniedrigung der Familie nannte . Derselbe Ungestüm , welcher die meisten Glieder des Hauses bezeichnete , war bei diesem Manne ganz in Stolz und Hochmut verwandelt worden , und diese Leidenschaft regierte in seinem Gemüte so heftig , daß er kein Mittel scheute , um sie zu befriedigen . Deshalb war es der Mutter , wie der Schwester lieber , wenn er nicht erschien , als wenn er zankend und hofmeisternd sie einmal besuchte ; es gingen auch Wochen hin , ohne daß sie ihn sahen . Es konnte der verständigen Mutter auch unmöglich verborgen bleiben , daß diese Ehe , welche sie gestiftet hatte , diesen Namen nicht verdiene . Vittoria ertrug den Gatten nur so eben , sie übersah ihn zu sehr ; seine Schwäche , die auch dem blödesten Auge auffiel , mußte sie verachten . Der herbeste Kummer entstand aber über den ungestümen Marcello , der sich weder durch Liebe , noch Strenge bändigen ließ . Nur einmal war Montalto in den heftigsten Zorn , ja in Wut geraten , so daß Mutter und Tochter sich vor dem alten Priester entsetzten , als die Nachricht gekommen war , daß in Zank und gemeinen Händeln Marcello einen vornehmen Jüngling wiederum gefährlich verwundet habe , und aus Rom entflohen sei , um sich einer der vielen Banden anzuschließen , die im Lande , so wie außerhalb , von den Mächtigen unterhalten wurden . Bei der leisesten Vorbitte der Mutter , auch diesmal zu vermitteln , war er im blinden Zorneseifer aufgefahren : er verwünschte die gefühllose Niederträchtigkeit des Jünglings , und verbat ein für allemal , in seiner Gegenwart auch nur seinen Namen zu nennen . Auch für den jungen Camillo ließ er keine Vorbitte gelten , und wiederholte , wie sehr er es bereue , daß er den nichtswürdigen Marcello damals vom Galgen befreit habe , dort sei derlei Gelichter am besten versorgt , und seine Familie würde an ihm nur Gram und Schande erleben . Graf Pepoli war aus Bologna wieder nach Rom gekommen . Er eilte , das Haus der Accoromboni , jetzt Peretti , wieder zu besuchen , weil für ihn diese Menschen zu den merkwürdigsten gehörten , die er jemals hatte kennen lernen . Vittoria war sehr erfreut , ihn wiederzusehn , denn , gedrückt von ihrer Lage , war ihr jeder gebildete Fremde eine trostreiche Erscheinung . Nach den ersten Begrüßungen sagte der Graf : » Ich muß Euch , Verehrte , ein Begebnis mitteilen , das mich wahrhaft erschreckt hat . Vor einigen Monaten ist der arme , bis zur Verwirrung geängstigte Tasso heimlich aus Ferrara entwichen . Niemand wußte dort am Hofe , wohin er sich gewendet haben könne ; endlich erfuhr man , er sei fast wie ein elender Bettler bei seiner Schwester in Sorrent angekommen . Nun hat ihn seine Unruhe wieder nach Rom getrieben - soeben ist er angelangt - aber , Himmel ! wie verwandelt ! Wie sich so ganz unähnlich ! Wie unkenntlich ! - Wie würdevoll und ruhig erschien er uns damals : eine zarte , edle Wehmut durchzog und läuterte sein Wesen , er war sanft und bescheiden , und doch fühlte er seinen Wert - und jetzt - ich sah ihn bei seinem Beschützer Scipio Gonzaga - so ganz ohne Haltung und Würde , unruhig , hastig , hin und her fahrend und wie verwirrt , das Antlitz eingefallen und die Augen erloschen , eilig , stotternd , viel fragend , ohne die Antwort abzuwarten - ein Bildnis zum Erbarmen und zum Entsetzen . Dieser große , herrliche Mann , mit diesem sublimen Talent , der so sicher und fest in sich selber ruhen könnte , der andern wie sich eine Quelle namenlosen Glückes sein sollte - oh , wie seltsam ist doch das Gewebe unsers Lebens geflochten , daß nur zu oft das Schönste und Edelste uns bloß zu unserer Zerstörung gegeben wurde , und scheinbares Glück , das uns so freundlich entgegenschreitet , nur ein verhülltes Elend ist . « Vittoria war tief erschüttert , indem sie jenes schönen Tages in Tivoli gedachte . » Alle seine Freunde « , fuhr der Graf fort , » vorzüglich Gonzaga , beschwören ihn : auf keinen Fall wieder nach Ferrara zurückzugehen ; der Fürst sei erzürnt , die Prinzessinnen ihm abgewendet , seine Neider und Feinde von mehr Einfluß als je . Aber ein böser Dämon scheint ihn mit kranker Hast und gespenstiger Unruhe dahin zurückzujagen . Er denkt und spricht nichts anderes . Um sich seinem Herrn ganz als ergebener Diener und bereuender Untertan zu zeigen , ist er auch bei Masetto , dem Agenten Alfonsos , abgestiegen , und behält dort seine Wohnung . Er ist ein untergegangenes schönes und edles Menschenbild . « Es war natürlich , daß man in Rom in der Gesellschaft von den beiden plötzlichen Todesfällen der jungen Frauen Eleonore und Isabelle sprach , die sich so schnell hintereinander ereignet hatten . Nur wenige glaubten an Krankheit und natürlichen Tod . Donna Julia betrachtete die Tat der beiden Fürsten mit Grauen ; » niemals « , beschloß sie , » habe ich diesen schroffen Herzog Bracciano gesehen , ich denke mir ihn aber entsetzlich . Der Mord schwacher , hülfloser Frauen hat in der Vorstellung noch etwas viel Gräßlicheres , als Grausamkeit und tödliche Verletzung , die sich Mann an Mann erlaubt . « » Oft « , bemerkte Vittoria , » ist dergleichen auch keine Tat , sondern ein Schicksal , das sich aus den Umständen unabweislich wie von selbst entwickelt . Aus der naiven Erzählung des Fremden der so gar kein Arg von der Erbärmlichkeit seiner Novelle hatte , ging doch deutlich hervor , daß diese Donna Isabella ein sehr geringes Wesen sein mußte . Wenn ein so klägliches Leben untergeht , so kann man wohl Erbarmen damit tragen , aber es ist nur wenig daran verloren . Und der Mann - o ja , man kann , man darf ihn schelten ; aber warum Grauen und Entsetzen vor ihm empfinden ? Scheltet doch die hergebrachte Sitte unsers verwirrten Lebens , diese Ehre , wie es die Männer nennen , dieses schwarze Nebelgespenst , dem schon so viele Opfer gefallen sind . Und abgesehen von allem andern , muß man die Umstände , Verhältnisse , Zufälle , die obgewaltet haben , alles genau kennen , um ein eigentliches richtiges Urteil zu fällen . Ich mag den Fürsten nicht verteidigen , oder auch nur entschuldigen , weil er mir unbekannt ist ; aber in einer Behauptung werde ich nicht unrecht haben , daß auch die stärkste Frau , wenn sie liebt , vor dem Manne in ihrer Zärtlichkeit eine gewisse Scheu und Furcht haben müsse , durch welche das Geheimnis der Liebe dann noch eine höhere Weihe erhält . Diese Furcht und Scheu ist ja nur die gesteigerte Achtung vor der wahren Männlichkeit , die die Frau verehren will : sosehr sich die Gatten auch verstehen mögen , so gibt es eine Grenze , wo sie sich , wenn auch nicht fremd , doch geheimnisreich bleiben müssen , und hier an dieser Grenze hält jene Scheu Wacht , die sich selbst in ein ahnendes Grauen , in einen süßen Schauer verwandeln kann . Auch der liebende Mann wird das Weib nie ganz verstehn . Eine Zartheit , eine Aufopferung , ein Hingeben über die Natur und Möglichkeit hinaus , wird ihm , sooft er es ahnen kann , auch ein Erschrecken einflößen . « Der Mutter war diese Erörterung sehr unangenehm , denn jedes Wort war fast wie ein Spott auf die Ohnmacht Perettis . Jetzt stürzte der Kammerdiener fast zitternd herein und meldete , daß der Herzog von Bracciano seine Aufwartung zu machen wünsche . Selbst die Mutter , sosehr sie täglich die vornehmsten Besuche annahm , wurde etwas verlegen . Vittoria schrie auf , als Paul Giordano in seiner Trauer , mit der edeln , stolzen Gebärde eintrat , und der Mutter versagte vor Verwunderung das Wort , das sie eben aussprechen wollte . » Ihr edeln Frauen « , sagte Bracciano mit seiner schönen , volltönenden Stimme , » müßt mich als einen alten Bekannten aufnehmen , wenn meine Bitte irgend etwas bei euch gilt . Dem unbekannten Don Giuseppe zeigtet ihr Vertrauen ; warum soll ein anderer Name mich euch entfremden ? « » O Exzellenz « , rief Donna Julia , nachdem sie sich wieder gesammelt hatte , » warum uns damals und unsern Caporale so listig hintergehn ? Ist es nicht Bosheit , daß Ihr Euch nun an unserer Verlegenheit ergötzen wollt ? « » Eure Tochter , verehrte Dame « , antwortete der Herzog , » scheint mir gar nicht verlegen . Übrigens legt Ihr mir eine Absicht unter , die meinem Wesen völlig unnatürlich sein würde . Ich lebte schon seit Wochen inkognito in Rom und der Umgegend , wie es denn meine Liebhaberei ist , mich zuweilen von allen Banden der Gesellschaft zu befreien , um mich selbst und die andern Menschen in ihrem wirklichen Wesen kennenzulernen . In meinem Hause hier glaubte man , ich sei wichtiger Geschäfte wegen in Neapel . Da lernte ich zufällig den wackern Don Cesar kennen , und wir sprachen viel von euch ; da er mich nur unter der Maske , mit einem nichtssagenden Namen kannte , nahm der wackere Mann lange Anstand , den Rätselhaften bei euch einzuführen . Aber ich danke ihm um so mehr , denn die Erlaubnis , euch zu meinen Freunden zählen zu dürfen , wird zu den glücklichsten Begebenheiten meines Lebens gehören . « Man ergoß sich in höflichen Erwiderungen , und Pepoli , der dem Herzoge schon seit Jahren bekannt war , führte hauptsächlich das Gespräch . Vittoria war stumm und saß fast wie im Traum ; ihr Auge wurzelte auf dem Antlitze des Gastes , und sie verglich ihr damaliges Gefühl , als sie ihn hatte kennen lernen , mit dem jetzigen . Die beiden Stimmungen waren sich so ähnlich , und doch wieder so unähnlich ; ihr war , als habe sie sich im jetzigen Augenblick völlig verloren , und doch blitzte sie in diesem Vernichtetsein ein so helles Bewußtsein der wahrsten Existenz an , daß dieses Grübeln ihr schon hohes Glück war . Als die Besucher sich entfernt hatten , wollte man sich niederlegen , und zögerte nur noch , weil der junge Peretti ausblieb . Er hatte sich angewöhnt , oft aus den Gesellschaften , die er besuchte , und die nicht die besten waren , spät nach seinem Hause zu kommen , aber noch nie war er so lange ausgeblieben , als es heute geschah . Man war schon besorgt , man fragte die Dienerschaft , wo der junge Mann sein möge , als sich vor dem Hause ein lautes Getümmel erhob . Man öffnete die Türe , und fremde Menschen trugen den Jüngling herein , der schwer verwundet schien . Er hatte Streit gehabt , man hatte gefochten , und so war er verletzt nach seiner Wohnung gebracht worden . Die Mutter seufzte , denn es schien ihr nun schon ausgemacht , daß sie dasjenige , was sie das wahre Glück des Lebens nannte niemals finden würde . Sie ging in ihr Schlafzimmer , fast grollend mit dem Schicksal . Wundärzte wurden gerufen , und Vittoria blieb die ganze Nacht bei dem Kranken , welcher , seinen Klagen nach , empfindliche Schmerzen litt . Als es Tag geworden , erschien die Mutter wieder . Es hatte sich ein heftiges Wundfieber eingestellt , welches den Arzt , der jetzt von Montalto war gesendet worden , sehr besorgt machte . Endlich fand sich der Schlummer ein , und man konnte für den Kranken wieder Hoffnung schöpfen . Vittoria wich nicht vom Lager des Leidenden , sie schlief fast gar nicht , sie genoß wenig und alles für den jungen Mann besorgte sie , die Umschläge der Wunde , die oft auf der Schulter erneuert werden mußten , die Dekokte , die Tränke . Sie gab ihm ein , sie tröstete ihn auf seinem Lager , wenn er vor Schmerzen winselte , um ihm irgend Erleichterung zu verschaffen . Sie sah niemand , und erschien niemals im Besuchzimmer : Bracciano meldete sich wieder bei der Mutter aber Vittoria kam nicht zur Gesellschaft . Selbst Caporale , als er wieder in Rom war , ward seiner jungen Freundin nicht ansichtig , und die Mutter bewunderte stillschweigend diese strenge Tugend , die sie der Tochter niemals , ja vielleicht sich selber nicht in diesem hohen Grade zugetraut hatte . So waren mehr als acht Tage verflossen . Der Kardinal , der mehrmals nach dem Zustand seines Neffen hatte fragen lassen erschien endlich selbst . - Man sah an seinem Antlitz , wie sehr er sich um den geliebten Neffen gehärmt , wie sehr ihn die Möglichkeit seines Todes geängstigt hatte . Er erkundigte sich genau nach dem Befinden , er faßte selbst den Puls des jungen Mannes , er untersuchte seine Kräfte , und fühlte sich endlich getröstet , daß sich die Besserung so bestimmt angekündigt hatte , so daß man hoffen durfte , daß nach einigen Wochen auch die letzten Spuren , bei der Jugend des Kranken , verschwunden sein würden . » Wie bist du aber nur « , fragte dann der Alte , » in diesen unglückseligen Streit geraten ? « » Mein edler Ohm « , antwortete der Neffe , » das sind noch die Folgen meiner früheren Sünden ; jene wilden Jugendgenossen , mit denen ich ehemals lebte , und in deren Gesellschaft mir Vittoria , an jenem Tage , als ich ihrer zum ersten Male ansichtig wurde , begegnete - diese verfolgen mich jetzt mit Vorwürfen , daß ich mich ihnen abgewendet habe , daß ich ihre Gesellschaft verschmähe . Derjenige , mit welchem ich damals am vertrautesten war , der reiche , junge Mensch , Cesar Valentini , hat mir schon lange mit empfindlichen Schmähungen zugesetzt . Ach , Verehrtester , man ist jung , man wird endlich auch empfindlich ; so schalt ich zurück , daß sie mir zu roh wären , ihr Umgang mir jetzt pöbelhaft dünke , daß , wer bessere Gesellschaft kenne , sie wie die Pest fliehen müsse , und dergleichen mehr . Wir zogen , und ich ward überwältigt , weil mehrere über mich herfielen , ich aber keinen zu meinem Beistande hatte . Jetzt , höre ich , ist seit diesem Anfall dieser Valentini entflohn , weil er die Gerichte fürchtet , und noch mehr Euch , mein geliebter Oheim . « » Mag er nur weit entrinnen « , sagte der Kardinal , » und sich hüten , die Stadt nicht wieder zu betreten ! Danke dem Himmel , daß du der Gefahr und dem Tode entgangen bist . « » Ja wohl hat er sich gnädig an mir erwiesen « , antwortete Peretti mit einem tiefen Seufzer : » aber auch ihr , meiner Gemahlin danke ich , zunächst der unmittelbaren Hülfe Gottes mein Leben , denn sie hat mehr an mir getan , als alle Ärzte , sie hat sich zur Magd erniedrigt mich zu pflegen , und sich Schlaf und Nahrung versagt , um immer bei mir zu sein . « Er nahm ihre Hand und küßte sie mit dem Ausdruck der dankbarsten Rührung . Auch der Kardinal war , indem er Abschied nahm , freigebig in Lob und Dank , und Vittoria begnügte sich , dem ehrwürdigen Manne mit gewöhnlichen Reden zu antworten und sich seinem Gebet und Segen zu empfehlen . » O anbetungswürdige Vittoria « , sagte jetzt der zerknirschte Peretti , als sie allein waren , » ich kann es dir nicht mit Worten aussprechen , wie sehr ich mich unter dir fühle , wie niedrig klein und gemein , du großes , erhabnes Wesen . Ja , ich weiß es , ich fühle es innigst , dir gegenüber bin ich nur schlecht , und armselig - aber der Himmel wird mir beistehn , daß ich besser , und deiner etwas würdiger werde . « Er hielt inne und sah sie bietend an . Sie antwortete ihm mit einem strengen Blick und sagte dann : » Du erwartest , Francesco , daß ich , dem Herkommen und der Höflichkeit gemäß , dir widersprechen , und deine Selbstanklage mit beruhigender Freundlichkeit zurückweisen soll . Ich kann dies aber nicht und will es auch nicht , denn du bist jetzt wieder stark genug , um Wahrheit aus meinem Munde vernehmen zu können . « Sie ging zur Tür , und Peretti erstaunte nicht wenig , wie er sah , daß sie diese verriegelte . » So können wir ungestört sein « , sagte sie hierauf , indem sie sich zu ihm setzte . - » Ja , Francesco « , fing sie an , » du bist ein schwaches Wesen , und früh gingen deine Vorsätze unter , die du so sicher gefaßt hattest . Daß ich dir nicht mit Liebe ergeben war , du weißt es , ich brauche es dir nicht jetzt zu sagen . Schnell , in wenigen Tagen erlosch das , was du deine ewige Leidenschaft nanntest , ich ward dir gleichgültig , alltäglich . Dies sei kein Vorwurf , ich beklage mich nicht über deine Ohnmacht , ich hatte es so erwartet , und es war mir Trost und Beruhigung , daß dieser Zustand so früh eintrat . Warum also wollen wir nicht still und einverstanden ein Band lösen , das uns niemals hätte vereinigen sollen ? Ich will dir Schwester sein , hülfreiche Gefährtin , Pflegerin in der Krankheit , aber niemals deine Gattin . « Francesco war betreten , und wußte nicht , was er antworten sollte . » Um so mehr ist dies nötig , und mein fester , unwandelbarer Entschluß « , fuhr sie fort , » weil ich es recht gut weiß welche Gesellschaften du aufsuchst , wie du zu allen deinen früheren Sünden mit verstärktem Gelüste zurückgekehrt bist . Dein Oheim soll die Geschichte deiner Händel glauben , o ja , ich gönne dir gerne diese Genugtuung . Ich aber weiß es , daß du neben andern schlechten Weibsbildern jene verrufene Agnes besuchst , die dich deiner Geschenke wegen annimmt , daß dich dort dieser Valentini getroffen hat , daß diese Rauferei nur ihretwegen entstand . Geplündert , krank , mit verletztem guten Namen , verwundet kehrst du von diesem Gesindel zu mir zurück , und kannst , wenn dir ein Funke von Gefühl blieb , unmöglich erwarten , daß ich mich nicht gegen schändenden Mißbrauch zu gut dünken sollte . So wie du lebst und denkst , wäre diese Vertraulichkeit nur schmachvoller Ehebruch , die Entweihung alles Göttlichen in mir . - Ich werde zu niemand , auch zu meiner Mutter nicht sprechen , keiner braucht zu ahnen , welche Übereinkunft wir getroffen haben . Solltest du aber klagen , unzufrieden sein , so sei versichert , Peretti , daß ich mich sogleich in ein Kloster , oder zu den Tieren des Waldes flüchte , um deiner loszuwerden . Oder öffentlich aller Welt von dir erzählen , und lieber in der Barbarei als Sklavin dienen , als deine Gemahlin heißen . « Francesco sah sie von der Seite an , drückte dann die Augen zu und murmelte etwas von Gehorsam des Weibes und ehelichen Pflichten , die allen auferlegt wären , und welche die Kirche geheiligt hätte . Vittoria stand auf und sah ihn von oben herab mit einem tödlich verachtenden Blicke an . » Soll ich dich verlachen « , sagte sie dann , » oder dich mit Ekel hassen , wie ein widerwärtiges Gewürm ? Darfst du ein solches Wort in unserm Verhältnis nennen und noch ein Mensch sein wollen ? Das wäre also ein Sakrament , was ich abwechselnd mit der schmutzigsten Kreatur teilte ? - Und wäre ich verworfen genug , in mehr als tierischem Leichtsinn so Leben und Gefühl zu vergeuden , so darf ich es um so weniger , seit ich erkannt habe , was die Liebe ist , was die Göttlichkeit im Manne zu bedeuten hat . Nun wäre es mir Wonne , zu sterben eher , als diesem Gefühl , dieser Weihe , die mein Herz durchströmt , auf so schmähliche Weise abzufallen . Wie danke ich jetzt mit Inbrunst dem Himmel , daß er es nicht zugelassen hat , daß ich nicht fürchten darf , ein Wesen von dir stammend , in die Welt zu setzen : das arme Gewürm würde mir aus unschuldigen Blicken nur meine Verworfenheit entgegenschreien und ich könnte es ermorden , um das Denkmal dieser Erniedrigung zu vertilgen . « » Und dieser göttliche Mann ? « fragte Francesco furchtsam . » Ich sollte ihn dir wohl nennen « , antwortete sie , » daß du forschen möchtest mit deinem schwachen Sinne , ob er auch meine Anbetung verdient . Frage ich doch nicht nach deinen Katharinen , oder Euphemien , oder wie diese Wandelnden alle Namen führen , denen du dein Herz zuwendest . « » Und ihm also « , fragte er wieder , » dem Ungenannten , willst du dich ganz ergeben ? « » Auch diese Frage ziemt dir nicht « , rief sie unwillig : » aber ich bedarf dessen nicht , und er , ich weiß es , wird es nicht fordern , obgleich ich es jetzt erkenne , daß diese Vereinigung in gegenseitiger Liebe und Anbetung der seligste Triumph ist , den die Natur zu feiern vermag . Weil dieser Sieg , dies stürmende Gefühl , welches unmittelbar an den Himmel klopft , das allerhöchste alles Erschaffenen ist , ebendarum werde ich es mir versagen können , und nur im Anschaun , in der Bewunderung seiner Hoheit leben und träumen . Verstehn sich unsre Herzen doch ohne Worte . Auch mag in dem allgemeinen Vorurteil doch eine gewisse Wahrheit schlummern und dämmern , daß dem Manne mehr erlaubt ist , als dem Weibe , und dies Gefühl , die Achtung vor diesem Aberglauben wird mich bewahren : vorzüglich aber die Furcht , sein Gemüt , ( da der edelste Mann noch eine gewisse Roheit in sich hegt , ) möchte nicht so geläutert sein , daß er mich nicht nach dieser Hingebung , etwas , wenn auch nur um ein weniges , geringer achten dürfte . « » Wenn ich von meinem Erstaunen erwache « , sagte Francesco , » so begreife ich nicht , wie gerade du , Vittoria , so ganz unweiblich sein kannst . « Lachend sagte sie : » Ja wohl , diese eure ganz abgestandenen Redensarten von Unschuld , Mädchenhaftigkeit , Jungfräulichkeit und Weiblichkeit , die ihr uns entgegenhaltet , um unsrer Entwürdigung , indem wir blödsinnig bleiben , oder uns so stellen , schöne Namen zu geben . Ei wie himmlisch steht das unbewußte Mädchen in ihrer Unschuld da , wie die reine Lilienblume . Und sie wird ein Raub des Lüstlings , da man nichts loben will , als diese süße Einfalt , ( die der Frau nicht mehr ziemt , ) oder die Frechheit der gesunkenen Metze . Als wenn das nicht höhere Würde , Tugend und Unschuld wäre , so frei zu denken , zu fühlen und zu sprechen , wie es freilich denen nicht erlaubt ist , die die Gemeinheit in ihrem Innern empfinden . « » Wohin aber « , rief Francesco aufgebracht , » zu welcher Ehrlosigkeit kann eine solche Gesinnung führen ! « » Sei ganz ruhig , mein Männchen « , sagte sie , » ich werde diese deine Ehre gewiß besser bewahren , als du selber . - Ehre ! - O Menschen , welche Sprache redet ihr denn ? - Ich soll es freilich nicht wissen , aber ich weiß es doch , wie du mit meinem Bruder Ottavio einig bist ; wie ihr beide meine und eure Ehre gerne dem großen mächtigen Farnese verkauftet , wenn ich nur jämmerlich genug dächte , nachzugeben ? Nicht wahr ? - Schlafe jetzt wohl und zweifle nicht , daß ich meinen Willen durchsetze . Du aber kannst , wie du es schon tatest , jetzt mit meiner Einwilligung so ungebunden leben , wie es deine zügellose und schwache Imagination dir nur eingeben mag . « Sie verließ ihn , und er hatte vielen Stoff , lange über das Gesprochene nachzudenken . Zweiter Teil Viertes Buch Erstes Kapitel In der Familie Accoromboni und Peretti hatte indessen Friede und Ruhe geherrscht und alle Mitglieder derselben genossen eines anscheinenden