Schiffahrt , alte Anrechte , neue Forderungen , Länderteilung , Verrätereien , Umtriebe , Gefangennehmung großer Personen , Mönchssachen , klösterliche Stiftungen , Geldangelegenheiten , kurz alles , was einem großen Staatsminister obliegt zu untersuchen und zu ordnen , dies alles besprach der Stadion mit ihm , ließ ihm seine Meinung drüber darstellen - Aufsätze darüber machen , dann mit eignem Beifügen von Bemerkungen ließ er diese von ihm ins reine schreiben , Briefe an verschiedne Potentaten schreiben , namentlich führte er die Korrespondenz mit Maria Theresia , zuvörderst über Thronbesteigung , über Mitregentschaft ihres Gemahls , dann über die leere Schatzkammer , dann über die Heereskraft des Landes , über Mißvergnügen des Volks , über die Ansprüche von Bayern an die östreichischen Erblande , und wie die Kurfürsten wollten die Erbfolge der Theresia nicht anerkennen , über den Krieg mit Friedrich II. , mit England , Anträge um Hilfsgelder ; Briefe an einen französischen General Belle-isle , dann ein Briefwechsel mit Karl von Lothringen , mit dem Kardinal Fleuri , mit dem östreichischen Feldherrn Fürsten Lobkowitz , dann endlich einen Briefwechsel mit der Marquise de Pompadour , immer im Interesse der Kaiserin , diese letzte Korrespondenz war erst ins Galante und endlich ganz ins Zärtliche übergegangen , es kamen Briefe mit Madrigalen als Antwort , worauf der Großpapa im Namen Stadions wieder in französischer Poesie antworten mußte , da habe der Großpapa manche Feder zerkaut , und der Stadion habe ihm gelehrt , die Politik mit einfließen zu lassen , und hat Anspielungen machen müssen auf Reize , auf blonde und braune Locken , - und dem Stadion ist ' s häufig nicht zärtlich genug gewesen . Die Antworten sind dann mit großer Freude vom Stadion ihm mitgeteilt worden , besonders wenn sie Empfindlichkeit für des Großpapas Galantrien hatten spüren lassen , da hat der Stadion so gelacht und ihn angewiesen , wie die feinste Delikatesse zu beobachten sei . - Und endlich einmal , als nach der Thronbesteigung der Maria Theresia und ihrer Krönung als Kaiserin die Gratulationen abgefertigt waren , an seinem einundzwanzigsten Geburtstage , da schenkte Stadion dem Laroche einen Schreibtisch , worin er alle seine Briefe in drei Jahren geschrieben , die er über Land und Meer gegangen wähnte , noch versiegelt wiedergefunden , und die Antworten , welche von Stadion selbst erfunden waren und von verschiedenen Sekretären abgeschrieben , dazu , und er sagte ihm , daß er ihn so habe zum Staatsmann bilden wollen . Dies hat den Großpapa erst sehr bestürzt gemacht , dann aber ihn tief gerührt , und hat diese Briefe als ein heilig Merkmal von Stadions großem liebevollem Geist sich aufbewahrt . Die Großmama hat diese Briefe noch alle und will mir sie schenken . - Sie war gesprächig heut , sie wird alle Tage liebevoller zu mir , sie sagt , mir erzähle sie gern , obschon manches in die Erinnerung zu wecken ihr schwer werde ; sie sprach viel von der Mama , von ihrer Anmut und feinem Herzen , sie sagte : » Alles , was ihr Kinder an Schönheit und Geist teilt , das hat eure Mutter in sich vereint « ; und dann hat sie zu sehr geweint , um von ihr weiter zu sprechen , die Tränen erstickten ihre Stimme . - Sie legte die Hand auf meinen Kopf , während sie sprach , und als der Mond hinter den Wolken hervorkam , da sagte sie : » Wie schön dich der Mond beleuchtet , das wär ein schönes Bild zum Malen . « - Und ich hatte in demselben Augenblick auch den Gedanken von der Großmama , es war gar wunderlich , wie sie unter einem großen Kastanienbaum mir gegenüberstand , am Kanal , in dem der Mond sich spiegelte , mit ihren großen silberweißen Locken ihr ums Gesicht spielend , in dem langen schwarzen Grosdetourkleid mit langer Schleppe , noch nach dem früheren Schnitt , der in ihrer Jugendzeit Mode war , lange Taille mit einem breiten Gurt . Ei , wie fein ist doch die Großmama , alle Menschen sehen gemein aus ihr gegenüber , die Leute werfen ihr vor , sie sei empfindsam , das stört mich nicht , im Gegenteil findet es Anklang in mir , und obschon ich manchmal über gar zu Seltsames hab mit den andern lachen müssen , so fühl ich doch eine Wahrheit meistens in allem . - Wenn sie im Garten geht , da biegt sie alle Ranken , wo sie gerne hinmöchten , sie kann keine Unordnung leiden , kein verdorbenes Blatt , ich muß ihr alle Tage die absterbenden Blumen ausschneiden , gestern war sie lange bei der Geißblattlaube beschäftigt und sprach mit jedem Trieb : » Ei kleins Ästele , wo willst du hin « , und da flocht sie alles zart ineinander und band ' s mit roten Seidenfaden ganz lose zusammen und da darf kein Blatt gedrückt sein , » alles muß fein schnaufen können « , sagte sie - und da brachte ich ihr heute morgen weiße Bohnenblüten und rote , weil ich ihr gestern eine Szene aus ihrem Roman vorgelesen hatte , worin die eine Rolle spielen , sie fand sie auf ihrer Frühstückstasse . Sie ließ sich aus über das frische Rubinrot der Blüte , hielt ' s gegen ' s Licht und war ergötzt über die Glut - mir ist ' s lieb , wenn sie so schwätzt - ich sagt ihr , sie komme mir vor wie ein Kind , das alles zum erstenmal sehe . - » Was soll ich anders als nur ein Kind werden , sind doch alle Lebenszerstreuungen jetzt entschwunden , die dem Kindersinn früher in den Weg traten , so beschreibt das Menschenleben einen Kreis und bezeichnet schon hier , daß es auf die Ewigkeit angewiesen ist , « sagte sie , » jetzt wo mein Leben vollendet , so gut als mir ' s der Himmel hat werden lassen - so viel der schönen Blüten sind mir abgeblüht , so viel Früchte gereift , jetzt wo das Laub abfällt , da bereitet sich der Geist vor auf frische Triebe im nächsten Lebenskreislauf , und da magst du ganz recht ahnen . « - Ach Günderode , ich will auch erst wieder ein Kind werden , eh ich sterb , ich will einen Kreis bilden , nicht wie Du willst , recht früh sterben , nein , das will ich nicht , wo ist ' s schöner als auf der schönen Erde , und dann als Kind , wo ' s am schönsten ist , wieder hinüber , wo die Sonne untergeht . Die Großmama erzählte auch noch eine schöne Geschichte , die ich Dir hierherschreiben will , weil ich sie nicht gern vergessen möchte , von dem Vater des Stadion , der habe einen Löwen gehabt , der sei zahm gewesen , der habe nachts an seinem Bett geschlafen , da sei er eines Morgens aufgewacht , weil ihn der Löwe gar hart an der Hand leckte , da war er von seiner rauhen Zunge bis aufs Blut geleckt , und dem Löwen hat das Blut sehr gut geschmeckt , der Stadion hat sich nicht getraut , die Hand zurückzuziehen und hat mit der andern Hand nach einer geladnen Pistole gegriffen , die am Bett hing , und dem Löwen vor dem Kopf abgedrückt . - Und als die Leut auf den Lärm hereingedrungen waren zu ihrem Herrn , da hat der Stadion über dem toten Löwen gelegen und ihn umhalst und ihn ganz starr angesehn , und hat einen großen Schrei getan : » Ich hab meinen besten Freund gemordet « , und da hat er sich mehrere Tage in sein Zimmer eingeschlossen , weil es ihn so sehr gekränkt hatte . - Ach , ich hätte dies Tier lieber nicht umgebracht und hätt auf seine Großmut gebaut , ob der Löwe mich gefressen hätt , ich glaub ' s noch nicht , und mir wär lieber gewesen , die Geschicht wär nicht so ausgegangen . - Sie erzählte noch manches von ihm , was seine große Gegenwart des Geistes bewies , und sprach so weise über diese große Eigenschaft , daß ich ganz versunken war im Zuhören ; sie sagte , daß die Menschen als lang sich abmühen , was Genie sei , sie kenne kein größeres Genie als in dieser Macht über sich selber , und daß die endlich über alles sich ausbreite , da man alles beherrschen könne , wenn man sich selber nicht mit Zaum und Gebiß durchgehe , » wie du , kleines Mädele « , sagte sie zu mir , » so steil hinansprengst mit den Füßen wie mit dem Geist und der Großmama Schwindel machst « ; - und wenn je große Herrscher gewesen , so wären sie durch diese Geisteskraft allein hervorgebildet worden , die sie in einem früheren Leben genötigt waren zu üben . - Die Großmama glaubt , die Seele , das Wesen des Menschen gehe aus einem Geistessamen in ein ander Leben über , dieser Same sei , was er während einem Leben in sich reife und dann sich durch allmähliche Erkenntnis , durch geübtere Fähigkeiten immer in höhere Sphären erzeuge . Dann erzählte sie mir von dem Ahnherrn unseres Großvaters , der im Dreißigjährigen Krieg sei auf dem Schlachtfeld gefunden , bei Duttlingen , wo die Franzosen eine große Niederlage erlitten , als Fahnenjunker die Fahne um den Leib gewickelt , und die Stange durch Brust und Leib gestoßen und eingehauen , und sein Bruder auch tot über ihm gelegen , der hat die Fahne schützen wollen und mit seinem Leben bezahlt ; sie waren in französischen Diensten , das hat der große Condé gesehen und gesagt : ferme comme une roche , da sie sonst Frank von Frankenstein geheißen , so haben sie jetzt sich genannt Laroche , weil der König der Witwe seines Bruders , der auch in jenem Gefecht geblieben , ein Landgut im Elsaß geschenkt hat und ihnen drei Fahnen zu dem Fels ins Wappen gegeben , über diese letzte Geschichte hab ich meine eignen Betrachtungen angestellt , eine so einfache und doch so große Handlung hab ich mir im Geist dargelegt , er war Fahnenjunker , dieser Ahne von mir , und haben eine unsterbliche Tat getan , beide Brüder , indem sie die Fahne , zu der sie geschworen , treu verteidigten , und ließen ihr Leben dafür , da der Junker die Fahne sich um den Leib gebogen und so den Tod fand , so schützte sie sein Bruder , der Wachtmeister war , noch im Tod mit seinem Leib , und retteten dem Heer die Fahne des Condé , daß sie nicht als Siegeszeichen in die Hände des kaiserlichen Tilly komme , obschon sie von Geburt Deutsche waren . - Ein Schwur muß doch Erwecker einer großen Kraft im Menschen sein , und die gewaltiger ist wie das irdische Leben . - Ich glaub , alles was gewaltiger ist wie das irdische Leben , macht den Geist unsterblich . - Ein Schwur ist wohl eine Verpflichtung , eine Gelobung , das Zeitliche ans Geistige , ans Unsterbliche zu setzen - da hab ich ' s gefunden , was ich mein , was der innerste Kern unserer schwebenden Religion sein müßt . - Ein jeder muß ein inneres Heiligtum haben , dem er schwört , und wie jener Fahnenjunker sich als Opfer in ihm unsterblich machen - denn Unsterblichkeit muß das Ziel sein , nicht der Himmel , den mag ich denken , wie ich will , so macht er mir Langeweile , und seine Herrlichkeit und Genuß lockt mich nicht , denn die wird man satt , aber Aufopferung und Not , die wird man nicht müde . - Und im Glück , im Genuß wird der Mensch nicht wachsen , in dem will er immer stille stehen . Und was ist denn das wahre , das einzige Fünklein Glück , was von dem großen Götterherd herüber sprüht ins Leben ? - Das ist Gefühl , daß Bedrängnis das Feuer aus dem Stahl im Blut schlägt , ja das ist ' s allein ; - die geheime innerliche Überzeugung der lebendigen Mitwirkung aller Kräfte , daß alles tätig und rasch sei in uns , einzugreifen mit dem Geist , und die eigne irdische Natur wie ihr Besitztum und alles dran zu setzen . - Nun wohl , geistige Kraft , die die irdische zum eignen Dienst verwendet , die ist das einzige menschliche Glück . - Ja ich glaub , Besitz ist nur insofern Glücksgüter zu nennen , als sie uns gegeben sind , damit wir sie verleugnen können um der höheren Bedürfnisse der inneren Menschheit willen . - Dies Verleugnen , dies Dahingeben , daß es durch jene Glücksgüter in die Hand gegeben ist , uns über sie hinaus zu schwingen , das deucht mir göttliche Gabe , ach ! ach ! Die lassen wir aber fallen ; wir lassen die Begeisterung , die im Göttertrank des Glücks unsre Sinne durchrauschen dürfte - und fürchten uns davor , und wenn wir schon lüstern wären , doch deucht es gefährlich wie ein Gott trunken den Becher in die Weite hinzuschleudern , wenn er ausgetrunken ist . - Merk ' s , zu unserer schwebenden Religion gehört das auch , daß wir den Wein den Göttern trinken und trunken die Neige mitsamt dem Becher in den Strom der Zeiten schleudern . - So ist ' s , sonst weiß ich nichts , was glücklich wär zu preisen , als nur tatenfroh immer Neues schaffen und nimmer mit Argusaugen Altes bewachen . - Außerdem wüßt ich nichts , was mich anfechte , was ich möcht sein oder haben als nur mit meinem Geist durchdringen . - Von mir soll niemand hören , ich sei unglücklich , mag ' s gehen wie ' s will , und was mir begegnet im Lebensweg , das nehm ich auf mich , als sei ' s von Gott mir auferlegt . Merk ' s wieder , das gehört auch noch zu unserer schwebenden Religion - und mein inneres Glück , das mach ich mit den Göttern ab . Diese Momente , wo ein Gefühl : Göttertriebe seien in uns wach , dem Stolz das Gefieder aufblättert , daß die Gedanken Respekt vor uns haben , die gemeinen , - und uns aus dem Weg gehen . Ach , das ist ' s - dann steigt man allein auf die Berggipfel und atmet die Lüfte ein im Nachtwind , in denen der Genius uns anhaucht vor Lust und Dank , daß er ohne Sünde , ohne Verleugnung wiedergeboren ward in uns ; und dann weiht man aufs neue sich ihm und verschwistert sich mit sich selber , alles zu tragen , zu dulden . Nichts ist zu klein , was solche große Seelenkräfte in Anspruch nimmt , denn eben diese zu üben ist ja das Große ; und versäumen kann man nicht das Höhere um das Geringere , denn eben daß an das Geringe alle Seelenkraft gewendet werde , mit Fürsorge gleich der des Lebenspenders , das ist das wahre Opfer , was uns göttlich macht . » Man muß alles dem lieben Gott überlassen « , sagen die guten Christen - ja wohl , von ihm nehme ich an , was er mir zuerst entgegensendet , wozu die erste Regung meines Geistes mich mahnt , und lass ' auf dem Zeitenstrom mich dahinschwimmen , den er mir geschenkt , und ob ich da Früheres versäume oder Größeres , das kann ich nicht wissen , und wenn ' s ein Bienchen wär , das ohne meine Hilfe ertrinken müßte , so reich ich erst den Zweig ihm , sich zu retten , das ist das Fundament von meinem innerlichen Glück , überhaupt was sollt ich doch um irdisch Glück für Not haben , es ficht mich nicht an . Soll sich einer glücklich preisen , ich müßt ihn auslachen . - Sagt mir einer , dir geschieht nichts , die Tage gehen vorbei , und kannst dein Wirken nicht vereinen mit der Zeit , sie will nichts von dir , und läuft ihren Weg , sie hat taube Ohren im Gebrause aller , deren jeder einer für sich sorgend seine Stimme will geltend machen und sich durchfechten , nun , das ist mir nichts . - Ob handelnd oder fühlend , tiefempfindend mit dem Genius umgehen , das ist dasselbe , was ist denn Handeln anders als fühlbar werden das Rechte und es tun . Handeln ist nur der Buchstabe des Geistes , es ist noch nicht so süße als die heimliche himmlische Schule des Geistes . Wo ich auch hinaus denk , mir deucht nichts glücklicher als im Schatten liegen jener großen Linde unter ihren fallenden Blüten und durch ihr rauschend Gezweig dem Geliebten entgegen lauschen , dem heiligen Geist . Der ist mein Geliebter , der kommt und besucht mich jetzt in der heißen Jahreszeit , wenn ich im Boskett lunze , und es regnet Lindenblüten auf mich mit jedem leisen Lüftchen . Ach , er macht kein Wesen von der Weisheit , von Gottesgelahrtheit , von Tugend , von Religion . - Ich bin ihm recht , wie ich bin , er lacht mich aus , wenn ich belehrt sein will , und bläst mich an ; - » da hast du Weisheit , « sagt er . - Dann spring ich auf und glüh im Gesicht von seinem Hauch - ich lauf ins Haus , ich denk , wie bin ich doch glücklich ! - Ich werf mich auf die Erd mit dem Angesicht und küss ' die Erde . Das ist mein Gebet - wie soll ich ihn umfassen als bloß , wenn ich die Erde küss ' ? - Einsam - bin ich nicht - ist der Schatz überall , - die dritte Person in der Gottheit überall ; auch im Blumenstrauß vom Gärtner , der an meinem Bett steht , vom Mond beleuchtet in der Nacht , wenn ' s alles still ist und tief schläft alles und kein Licht mehr brennt in den Nachbarhäusern , da fangen diese bunten Farben das Mondlicht auf ; - wenn ich den anseh , dann sag ich : » Gelt , das ist deine Rede zu mir , heiliger Geist , dies Farbenspiel in den Blumen ? « - Das leugnet er nicht , daß ich ihn versteh . Dir kann ich ' s alles sagen , denn durch Dich hab ich ihn fassen gelernt , wenn ich Dir gegenüber saß und Du lasest mir vor am Morgen , was Du am Abend gedichtet hattest , da sah ich mich immer nach dem um , der Dir ' s vorbuchstabiert hätt , der Klang , der riß mich hin , ich ahnte , es war der Geist , der auch mir begegnet drauß , wenn ich auf der Höh steh , und er braust von ferne daher , beugt die Wipfel auf und nieder und kommt näher und näher und fährt grad auf mich zu - umschlingt mich ! Wer soll ' s sein ? - Wer kann ' s wehren ? - Ich fühl seine Weisheit , seine Liebe ist Rhythmus . - Was ist Rhythmus ? - Widerhall der Gefühle am großen Himmelsbogen , daß es schallt ! - Zurück ! Macht sich uns hörbar , was wir fühlten , daß es zärtlich anschlägt ans Ohr der Seele bis tief ins Herz , das ist Rhythmus , das ist der heilige Geist , aus der eignen Gedankenkelter gibt er uns zu trinken süßen Most , der süße heilige Geist . Am Mittag Ach Günderode , ich weiß was das ist , die Weltseele , ich hab oft gedacht , was doch so braust , wenn ich ganz allein sitze in der Mittagssonne , denn da ist das Brausen am stärksten ; das ist mein Geliebter , der unter der Linde mit mir ist und im Abendwind . - Der heilige Geist ist die Weltseele . - Er berührt alles , er weckt von den Toten auf , und hätt ich ihn nicht , so wär alles tot . - Und Leben ist Leben wecken , ich war verwundert , als der Geist mir ' s sagte . - Ich besann mich , ob ich Leben wecke oder ob ich tot sei . - Und da fiel mir ein , daß Gott sprach : Es werde , und daß die Sprach Gottes ein Erschaffen sei ; - und das wollt ich nachahmen . Ich ging am Mainufer am Abend , ich sah in der Ferne den blauen Taunus und sah ihn drauf an , daß er lebendig solle werden . Wie bald war mein Wille erfüllt ! Du hättest sehen sollen und fühlen den Strom lebendigen Atems , der herüberwallte von ihm auf mich , wo ich saß . - Die Schwalben kamen vorausgeflogen , die Nebel stiegen herab , die Abendstrahlen überleuchteten ihn flüchtig und die Wiesen am Abhang , die Blumengärten , alles strömte er hinab aus seinem Talschoß mir zu und enthüllte sich vor mir , daß der Blick ihn deutlich fassen konnt , wie sah mein Aug gewaltig . - Aha ! - Sonst hab ich weiter nichts gedacht , er war mir der langerwartete , innigbekannte Geliebte ! - So wandelt sich denn der Geist in alles , was ich mit Leben weckendem Blick anseh . Und keiner wird mir begegnen mich zu lieben , es ist der heilige Geist , der aus ihm zu mir spricht . - Ach ja ! - Ich kann von Glück sagen ! - Seelenlauschen ! Himmlische Grazie ! Du trägst mich ins Liebesbett , auf den grünen Rasen . - Was du weckst , das weckt dich wieder - und was uns weckt , das ist der heilige Geist , der an ferne Gipfel über den Nebeln mir aufstieg , denn weil ich gern mit Augen ihn sehen wollt . - Wie vertiefte sich doch mein Blick in ihn und merkte nichts vom Abenddunkel und daß er mich im Schleier fing der Nacht und ganz drin einwickelte . Ja , wecke Du das Leben , so ist ' s gleich selbständig und überrumpelt Dich . Und Du gehörst ihm , statt daß es Dein gehöre . - Ich hab aber noch was ganz anders im Schild , das will ich Dir hier sagen : Je stärker die Gewalt , je lebendiger ist sie , drum ist Schönheit der lebendige Geist , denn sie weckt allein Leben - alles andre weckt den Geist nicht . Ach , wie schmachtet doch die Seele nach Schönheit , nach Leben - die Schönheit ist Lebensnahrung der Seele . Das ganze Unglück ist , wenn nicht alles Schönheit um uns ist , da stirbt alles ab und auch für die Ewigkeit ist alles verloren , was nicht Keim der Schönheit ist . Sehnsucht ist Schönheitskeim , der sich entfaltet . - Sehnsucht ist inbrünstige Schönheitsliebe . Heute nachmittag brachte der Büri der Großmama ein Buch für mich - Schillers Ästhetik - ich sollt ' s lesen , meinen Geist zu bilden ; ich war ganz erschrocken , wie er mir ' s in die Hand gab , als könnt ' s mir schaden , ich schleudert ' s von mir . - Meinen Geist bilden ! - Ich hab keinen Geist - ich will keinen eignen Geist ; - am Ende könnt ich den heiligen Geist nicht mehr verstehen . - Wer kann mich bilden außer ihm . - Was ist alle Politik gegen den Silberblick der Natur ! - Nicht wahr , das soll auch ein Hauptprinzip der schwebenden Religion sein , daß wir keine Bildung gestatten - das heißt kein angebildet Wesen , jeder soll neugierig sein auf sich selber und soll sich zutage fördern wie aus der Tiefe ein Stück Erz oder ein Quell , die ganze Bildung soll darauf ausgehen , daß wir den Geist ans Licht hervorlassen . Mir deucht , mit den fünf Sinnen , die uns Gott gegeben hat , könnten wir alles erreichen , ohne dem Witz durch Bildung zu nahe zu kommen . Gebildete Menschen sind die witzloseste Erscheinung unter der Sonne . Echte Bildung geht hervor aus Übung der Kräfte , die in uns liegen , nicht wahr ? - Ach , könnt ich doch alle Ketten sprengen , die uns daran hindern , jeder innern Forderung Genüge zu leisten ; - denn dadurch allein würden die Sinne in ihre volle Blüte aufbrechen . - Ich lese eben meinen Brief durch und wundre mich über den Paradegaul von prahlerischen Gedanken , der drin an der Leine im Kreis läuft . - Ein philosophischer Harttraber , ich fühl mich nicht bequem , wenn ich ihn reite , was kommt mir doch so viel in den Kopf , was ich selbst gar nicht wissen mag - könnt ich nur immer von der Himmelsleiter des Übermuts herab unter die Philister speien . - Gute Nacht - das ist der vierte Tag , wo ich nichts von Dir weiß , jetzt , wenn morgen kein Brief kommt , so frag Dich doch selber , was ich dann denken soll . - An die Bettine Gestern abend kam ich von Hanau , wo ich drei Tage in prosaischen Geschäftsaufträgen verbrachte . Deine zwei Briefe lagen auf meinem Kopfkissen , und einer von Clemens , der nach Dir frägt , weil er die ganze Zeit nichts von Dir gehört habe , keine Antwort auf mehrere Briefe . Er meint , Du könntest krank sein , hast Du ihm denn gar nicht geschrieben ? - Versäume doch nicht , gleich zu schreiben , er frägt nach Deinen Studien und meint , Dein Generalbaßeifer , von dem Du mit so viel Begeistrung ihm geschrieben , sei wohl auch wieder ins Stocken geraten . Ich soll Dein faselig Wesen zur Besonnenheit bringen , und schilt mich einen Faselhans und klagt mich an , ich versäume Dich , ich mache mir selber Vorwürfe und kann doch nach allem Überlegen zu keinem besseren Resultat kommen , als eben Dich ganz Dir selber überlassen . - Der Clemens meint , Du habest ein enormes Talent zu jeder Kunst , und es müsse die Steine am Wege erbarmen , Dich so dahinschlampen zu lassen , Deine Selbstzufriedenheit hänge davon ab , daß Du Dich mit Leib und Seel einmal dran gebest , es sei der Schlüssel Deines ganzen Lebens . - Ich darf ihm nicht sagen , daß Du ein Religionsstifter bist und die ganze Menschheit auf Dich genommen hast und willst sie lassen von der Luft leben und bildungslos dahertappen und willst nichts Gekochtes mehr essen , von lauter rohen Mohrrüben und Zwiebel leben und die Bratspieße alle zum Teufel werfen und Dir das ganze Taunusgebirg zur Gesellschaft bitten , und daß Deine Religion schweben solle , und daß Du in dem Gärtner einen adeligen Herrn entdeckt hast , das darf ich ihm doch alles nicht sagen . Was soll ich ihm denn sagen ? - Da helf ' mir doch einmal ein bißchen drauf . - Der rasche Wechsel von Anregungen in Deinen Briefen würden dem Clemens die Haare zu Berge stehen machen , und Dein zärtlicher Umgang mit dem Heiligen Geist , wie Du das nennst , den Du gleich einem Jagdhund witterst , das würde ihm unsägliche Sorge machen . Er frägt mich , was Du mir schreibst , denn er wisse , daß ich enorm lange Briefe von Dir bekomme . Wo er das her weiß , das ist mir ein Rätsel , ich hab mit niemand davon gesprochen . Ich mein , daß der Clemens recht hat , denn wenn Du auch ein neues Leben ausgefunden hast , indem Du mit Dir selber zusammentriffst , wie Du sagst , so mußt Du doch auch fühlen : so gut wie in jenen Naturerscheinungen , die Dein Genius , wie Du meinst , benutzt , um zu Dir zu gelangen , so würde er jede Kunst wohl auch benutzen dazu , wenn Du ihm nur die Pforte öffnen wolltest , aber der Arme ! Ich glaube , Du würdest ihn eher zerquetschen , ehe Du ihn da durchließest . - Was Dich einen Augenblick anregt , wozu sich wirklich Dein Feuer sammelt , das zerstreuest Du mit allem Fleiß wieder und gibst es den vier Winden preis . Du kannst nicht leugnen , daß die Musik mit allem , was Anregung in Dir bedurfte , übereinstimmt . Du hast mir selber geschrieben , Dein eigner Lebensgeist rufe Dir immer zu , eine Geige nimm und verstärke den Strom der Harmonien , sonst kannst Du nimmer glücklich werden . Dies war ' s oder doch was ganz Ähnliches , was Du mir vor vier Wochen geschrieben , und daß Du fühlest , die Musik sei der Urgeist aller Elemente und sie allein wecke den Geist im Menschen und Geist könne nur Musik sein , und was dergleichen prahlerische Gedanken mehr waren , die , wie ich sehe , aber gänzlich aus Deinem Kopf verschwunden sind . - Wo ist nun Dein musikalischer Urgeist jetzt hin ? - Ich will Deinem Lebensweg gar nicht in den Weg treten , aber daß Du dem Geist , der Dir auf geheimen Wegen entgegenkommt , den Du so liebst , daß Du meinst , in allem sei nur er es , den Du je lieben werdest , daß Du dem zulieb nicht einmal eine Kunst üben willst , Dich zu nichts anstrengen , kein Buch lesen ; nur spazierengehen , auf Dächer klettern und über die Hecken auf Nebelpfaden umherschweifen , schwebende Religionen zu erfinden , das ist ein wahrer Jammer ! Wie gerne wollte ich alles an Dir versuchen , was Clemens als meine Pflicht mir vorhält , aber Du stehst mir ja doch nicht Rede und haspelst wie ein Schmetterling über Dich selber