daß die Natur in ihrer unendlichen Schönheit die Lehrmeisterin des Menschen war , und die Bewunderung , die sie in der Seele desselben zu wecken wußte , die Pfeiler in Marmor und Stein heraufwachsen ließ , und sie wie Laubwerk geformte Bogen überwölbte , eine kühne , erhabene Nachbildung des Natur-Heiligthums , woraus die Andacht mit den wachsenden Schätzen sich retten wollte gegen den unerbittlichen Wechsel der Jahreszeiten . Wer durfte zweifeln , daß der Wald , der in seinem vielhundertjährigen Alter auf jede in seinem Bereich entstehende Schöpfung niedergeschaut , die Seele des Künstlers erfüllt habe , der Pfeiler steigen ließ und Bogen ineinander schlang , als habe die Natur in ihrer harmonischen Schönheit den harten Stein mit dem Leben der Vegetation durchdrungen , und , die sehnsüchtige Inbrunst des frommen Bauherrn erhörend , sich den Schmuck ablauschen lassen , womit sie in ihrer verschwenderischen Mannigfaltigkeit immer anders , immer schön und doch im großartigen Zusammenhange zu schaffen versteht . Es war ein Dom in den andern hineingewachsen , oder eine Kapelle in dem himmelanstrebenden Dome der Natur , der sie von allen Seiten umschloß . Und aus diesem großen Dome der Natur überschritten jetzt zwei Wesen die Schwelle der Kapelle , leicht getragen von Jugend und Schönheit - klar in dem holden Schein einer Andacht , die ihnen Heiterkeit und Entzücken gab , und so leise und ehrfurchtsvoll nahend , wie Engel den Dienst des Herrn erfüllen mögen . Das Mädchen hatte den bedeutungsvollen Kranz über den Schleier gesetzt , die vollen Locken , die wie ein Heiligenschein in dunkler Fülle mit goldenen Lichtern das himmlische Antlitz umsäumten , schienen sich so warm und lebendig hervorzudrängen , als begehrten sie den fremden Schmuck zu entfernen - und man hätte versucht werden können , die Flügel zu suchen , die dieser kindlichen Jungfrau den leichten Fuß verliehn , der unter dem langen weißen Gewande wie ein Hauch über den Boden glitt . Die Blumen , die auf ihrem Wege lagen , schienen ihre Gespielen , die sie lächelnd wiederfand - sie neigte sich wie eine Nymphe und hielt schon eine weiße Aster in der Hand , welches die junge Frau , welche sie gestreut und jetzt an der Seite eines Landmannes ihr folgte , nur mit der Freude sah , die sogleich in Thränenströmen sich ergoß . Aber auch der Jüngling , der im heil ' gen Entzücken an den Fingerspitzen das Engelsbild zum Altare führte , wie war er schön geworden , und jung und unschuldig und fromm ! Das große Leben der Höfe hatte ihn vergeblich vollenden sollen nach der Sitte der Welt - die Liebe hatte ihn umgeformt , das Erlangte paßte nicht in die Unschulds-Welt , in die sie ihn führte , und war vergessen , und die Spuren verwischt aus dem menschlich verklärten Antlitz auf den Stufen des Altars . Der betende Greis ahnete die ehrfurchtsvll hinter ihm Harrenden . - Er fand , als er sich aufrichtete , die beiden Hände zu seiner Unterstützung , die er sogleich vereinigen wollte . Kindlich knieten sie dann vor ihm nieder , und er blickte sie an . Vielleicht waren sie damit eingesegnet und vor Gott vereint ; denn der Blick eines Vaters in der Segensfülle zärtlichster Liebe muß alle Funktionen der priesterlichen Weihe umschließen , ja , sie fand daher vielleicht ihren Ursprung . Doch durchdrungen von diesem , ihrem wahren Sinne , ward die Weihe des Priesters wirklich ein höherer Segen , welcher die Empfangenden mit heiligendem Feuer berührte und den Greis über die Gewalt des beugenden Alters , über die Weichheit irdischer Betrachtung emporhob zum Gottgeweihten Priester , zum Wiedergeber des göttlichen Segens , den er empfangen . - Der große Moment war vorüber . Der Vater drückte noch vor dem Altare beide junge Leute an seine Brust , und legte dann ruhig die Tochter in die Arme ihres jungen Gemahls . Der Kirchendiener breitete indessen auf dem Altar eine Schrift aus , der sich Alle näherten , die selbst von den beiden ländlichen Zeugen mit einer ihnen möglichen Unterschrift oder Zeichen versehen ward , und die der Kirchendiener dann wieder zusammenschlug und den Voranschreitenden nachtrug . Dies Mal führte der Geistliche das junge Paar an beiden Händen , als wolle er sie so der Welt , der sie nunmehr verfallen waren , entgegen führen . - Schon lange hatte die lautloseste Stille in den eben so belebten Räumen ihre alte Wohnung genommen , und kein wichtigeres Ereigniß blieb zu erwarten nach dem eben vollbrachten ; auch war es nicht die Hoffnung darauf , die den Fremden noch an seinen Platz fesselte - sondern sich selbst gönnte er eine äußere Ruhe , die er hier vollständig fand , und deren sein , von dem Vorhergegangenen fast überfüllter , Geist benöthigt schien . Er hatte hier , indem er diese ganze Ceremonie zugelassen , eine Stellung genommen , über die selbst sein rascher Geist nicht gleich die völlige Klarheit gewann , denn er konnte sich nicht verhehlen , daß nicht allein sein böser Wille das Ereigniß zugelassen , sondern daß das Ereigniß selbst mit seiner klaren , bestimmten Folge , welches das , was er ergründen wollte , außer Zweifel und abgeschlossen vor ihm hinstellte , ihn zu einem willenlosen Zeugen gemacht hatte , was er jedoch , wie es ihm erschien , niemals würde eingestehen wollen . Auch war das nächste Resultat der Selbstberathung , so unbemerkt , als möglich , für den heutigen Tag den Rückzug zu nehmen und erst am andern Morgen anzukommen . Nach diesem Beschlusse blickte er lächelnd auf die Karten , die , zu seinen Gunsten gemischt , alle Farben enthielten , und die nur die Hand des geschickten Spielers zu erwarten schienen . - Auf wenige Augenblicke hatte sich am andern Morgen der Graf von Crecy von seiner jungen Gattin getrennt , um in Schloß Stirlings seine vielleicht auffallend werdenden Angelegenheiten zu motiviren , als seine Worte darüber von dem alten Haushofmeister unterbrochen wurden , der ihm die Meldung eines Fremden machte , der , aus Paris angekommen , den Herrn Grafen zu sprechen wünsche . Als ob einem süß Träumenden eine kalte Hand auf die Stirn gepreßt würde , so erschütterte diese Nachricht den jungen Mann . Ein Hauch aus jener Welt , die der seinigen nur widersprechend entgegen treten konnte , schien den Schmelz zu zerstören , der so zart wie der Duft einer Blume , dem armen Menschenherzen nur bei dem ersten frischen Entfalten eines Glückes zu Theil wird und , eben so schnell zerstört wie entstanden , die Sehnsucht danach allein zurück läßt . Erschrocken , ahnungsvoll und durchaus ohne Fassung für eine schnell hereinbrechende Katastrophe , die er selbst einzuleiten gedachte im Laufe der Zeit und seinem jetzigen Glücke noch aus dem Wege gerückt glaubte , fühlte er sein Nachdenken erlahmt , und es trat die dann so natürliche Hast ein , womit wir uns den Befürchtungen entgegen stürzen , dunkel hoffend , von ihren Anforderungen die erschreckten , erlahmten Kräfte wieder zu gewinnen . » Wo , wo ? « rief der junge Graf , und der Ton seiner Stimme klang , wie die zerreißenden Seiten eines Instruments - » wo ist der Fremde , der mich zu sprechen wünscht ? « Der alte Haushofmeister schlug bloß die Augen auf und verneigte sich , der Graf blickte sich um - und der Marquis de Souvré stand vor ihm . » Großer Gott , Ihr selbst ! « rief der Graf und überließ es dem Andern , die Auslegung dieser Worte in seinen bewegten Zügen zu suchen - » ist es möglich ! Was führt Euch aus Paris hierher in diese Einsamkeit , an diesen für Euch so freudenlosen Aufenthalt ? « - Der Marquis schien sein ewig blasses Antlitz zu noch größerer Blässe gezwungen , die scharfen , nach Innen gesenkten Züge noch fester verschlossen zu haben , und die Festigkeit , womit er , von dem jungen Grafen einige Schritte entfernt , Platz behielt , zu benutzen , um diesem die ganze Ansicht einer eisernen Persönlichkeit zu gewähren . - » Ihr habt Recht , Herr Graf , mit den Bezeichnungen dieses Aufenthalts , und ich kam bloß , um zu erfahren , was Euch unter solchen Umständen mit diesen Mängeln auszusöhnen vermochte , oder in wie fern ein so weit getriebener Gehorsam gegen die früheren Wünsche Eurer Frau Mutter sich von ihrem durch ihre Liebe gesandten Boten bewältigen lassen . « - » Ach , Marquis , wie viel Güte ! wie soll ich Euch danken ! Ihr selbst , Ihr , das Schooßkind von Paris , über das Meer - durch die wilden Bergpässe Schottlands , ohne Eure Gesellschaften , ohne Eure Beschäftigungen - wie sehr fühle ich mich als Euer Schuldner ! « Es war eine Hast , eine Ungeduld in der Aufzählung der anerkannten Verpflichtungen , die den Marquis de Souvré keinen Augenblick zweifeln ließen über die beinahe verzweifelte Stimmung , womit der junge Mann sich so zur ungelegenen Zeit von ihm überschlichen sah , und es schien ihm der Augenblick gekommen , mit einem sicheren Verfahren diesen ganz in seine Gewalt zu bekommen . » Lassen wir das , lieber Graf ! « - sprach er in minder gemessenem Ton und zog ein abwehrendes spöttisches Lächeln um seinen Mund . » Wir wollen und wir können uns nichts weiß machen , und Eure Lage , die , wenn ich nicht sehr irre , mißlich genug ist , würde , denke ich , sich nicht verbessern , wenn Ihr gegen mich die Rolle des Höflichen spielen wolltet , da Ihr mich über Eure wahre Stimmung keinen Augenblick täuschen könnt . Laßt mich hinzusetzen « - fuhr er vertraulich fort , » daß Eure Dankbarkeit gegen mich in anderer Richtung vielleicht wahr werden kann , aber nicht für den Augenblick , da Euch meine Erscheinung an eine ernstere Seite Eures Lebens erinnert und das romantische Schäferspiel zu unterbrechen droht , dem Ihr Euch hier gänzlich überlassen . « » Ihr kommt an , lieber Souvré , « rief der junge Graf , noch ein Mal einen Sprung in die Weite versuchend und das ihn so nah umzogene Garn überspringend - » in dem Augenblicke , wo ich mich zur Abreise zu rüsten dachte . Uebermorgen wollte ich nach Edinburg , um mich dort vom Grafen von Gersey zu beurlauben . « » So ! « sagte der Marquis gemessen - » und darf der alte Freund Ihres Hauses fragen , ob Ihr diese Gegend als freier unabhängiger Mann verlaßt , ob Ihr derselbe sein könnt in den Verhältnissen , die Euch dort die zärtlichste Liebe einer Mutter mit der klügsten Umsicht zu den größten und ausgezeichnetsten Verbindungen vorbereitet ? « - » Ja , Marquis , gerade als freier Mann denke ich dort wiederzukehren - und wenn nicht alle klugen Pläne meiner Mutter mehr erfüllt werden können , denke ich doch die , welche ihre zärtliche Mutterliebe für mich hegen konnte , auf eine Weise auszuführen , die vielleicht ihre eigenen Pläne übertrifft . « » Hofft das nicht ! « sprach hier der Marquis mit Wärme - » hofft nicht , daß sie den leisesten Wunsch , den kleinsten Plan , den sie bis hieher nährte und führte , aufgeben wird - zweifelt nicht , daß Ihr , in Widerstand dagegen tretend , einer ununterbrochenen Reihe von Leiden und Verfolgungen entgegen geht , die ein so edler Mensch , ein so guter Sohn , als Ihr , schwerlich ohne den Verlust seiner Ruhe bestehen könnte ; denkt , daß , wenn Ihr hier Wünsche genährt , wenn Ihr Schritte gethan , die Euch irgend einen theuren Gegenstand zum Schutze übergeben , dann Eure Lage schwieriger ist , als Ihr übersehen könnt - und glaubt mir , daß ich genug davon unterrichtet bin , um für Euch und Eure Zukunft zu zittern . « - Er hatte diese Rede mit einer Energie gesprochen , die ihr volles Gewicht dadurch bekam , daß sie Wahrheit enthielt . Er wußte sehr wohl , daß der junge Graf sie als solche empfinden mußte und die Wirkung ihm denselben in die Hand geben werde . Wir wissen es , wie er gegen den Einfluß dieser Ueberzeugung angekämpft , in welchem völlig fremden Gegensatze die Welt seiner Mutter zu der seiner Liebe ihm erschienen war , und wie jene nur endlich besiegt zurück wich , da ihr augenblicklicher Einfluß fehlte , und diese ihn zugleich als Mensch vervollständigte und veredelte . Aber die Wahrheit , die der Marquis auszusprechen wagte , sie lag nur zurückgedrängt in ihm - und er fühlte sie in ihrer ganzen Stärke hervortreten , und mit ihr den Ernst seiner Lage - ach , den er so gern diese wenigen Tage noch von sich abgelehnt hätte ! Der Blick , der , aus seinem Innern hervortretend , seinen ganzen tief und leidend bewegten Zustand verrieth , hätte an keinem menschlichen Herzen ungerührt vorüber streifen müssen - der Marquis bestimmte blos danach die erreichte Wirkung einer Worte . » Es ist vergeblich « - rief der junge Mann , von dem plötzlich erregten Sturm erschöpft in einen Sessel sinkend , - » Euch die Lage , in der ich bin , und meinen Seelenzustand zu entziehn ! Gott gebe Euch den Willen und das Herz , mir beistehen zu wollen , da es gewiß in Eure Macht gegeben ist . « - » Haltet ein , lieber Graf , - mit einem zu schnellen Vertrauen und bedenket wohl , ob das , was Ihr mir sagen wollt , nicht bloß mich durch seine Kenntniß in Verlegenheit setzen wird - denn , wenn ich gern Frieden stiftend einschreiten will , so vergeßt doch in diesem Augenblicke nicht , daß ich mich mit Wort und Ehre gegen Eure Mutter verpflichtet habe , über Euer unläugbar auffallendes Betragen Euch selbst zu befragen und Euch mit meiner - vielleicht größeren - Lebenserfahrung beizustehn , wenn Eure Jugend Euch auf irgend eine Weise verwickelt haben sollte . Daher mein lieber Freund - ich warne Euch vor mir , ich bin der Agent Eurer Mutter , ich muß redlich bleiben gegen sie - und damit , denke ich , « setzte er lächelnd hinzu , » auch gegen Euch ! « » O ! « rief der junge Graf mit unschuldigem Enthusiasmus - » wie erkenne ich die Sprache eines Ehrenmannes in Euch ! Wie tief fühle ich eben , Ihr , gerade Ihr thatet mir Noth ! Vergebt , daß die schmerzliche Ueberraschung des ersten Augenblicks , die mich in Euch nur die Störung des seligsten Erdenzustandes erblicken ließ , mich Euch kalt und ohne Haltung gegenüber stellte - innig bereue ich es jetzt , und gut will ich es machen , wenigstens durch unbedingtes Vertrauen ! « » Ich bitte Euch , mein lieber Graf , haltet ein ! Ich habe nichts in Eurer Weise vermißt , weil ich nichts Anderes erwartet habe ; auf irgend eine Art mußtet Ihr darauf ausgehn , Eure Verhältnisse zu uns los zu werden , das war mit halbem Blicke zu übersehen , und die Erinnerung daran durch meinen Anblick konnte nicht erwünscht sein . « - » Nein , nein , bei Gott im Himmel , nicht los wollte ich mich von meinen alten , und mir gewiß heiligen und theuren Verhältnissen machen - was ich empfinden lernte , hat mich nur mit festerer Ehrfurcht an Alles gefesselt , was die Natur in jenen Verhältnissen mir schenkte ; nur in Uebereinstimmung trachte ich durch langsam schonendes Vorschreiten die Widersprüche auszugleichen , die , aus verschiedenartigen Lebensverhältnissen entstehend , hier möglicher Weise die edelsten Menschen , jeden auf seinem Standpunkte in gleichem Rechte , zu entfernen vermöchte , ohne mein vorbereitendes vermittelndes Einschreiten . « Der Marquis zuckte die Achseln leise und wie sich verbeugend , und in seinen niedergeschlagenen Augen war keine Entgegnung zu lesen . Bei weitem muthloser fuhr der junge Graf fort : » Was ich Euch zu sagen wünsche , wird Euch allerdings überraschen - so vorgeschritten , so abgeschlossen werdet Ihr die wichtigsten Verhältnisse meines Lebens nicht wähnen . « - Das Herz stand ihm hier still vor der wichtigen Entdeckung . Er hielt inne . - » Aber häufig thun wir in dem Augenblicke der Entmuthigung , wo uns die Dinge in bedrohlicher Zudringlichkeit nahe rücken , und wir zwischen dem Wunsche , ihnen zu entrinnen , und dem , sie zu beendigen , mitten inne stehen , einen verzweifelten Sprung gerade hinein - welches leicht den Anblick eines kräftigen Entschlusses gewährt und oft , so weit davon entfernt , bloß das Uebertrennen der inneren Schwächen verrathen könnte ! « Der junge Graf war gewiß mehr im letzteren Falle , als er , plötzlich heftig aufspringend , mit lauter Stimme dem Marquis zurief : » Ich bin vermählt ! vermählt seit gestern früh ! « » Unglücklicher ! « stöhnte der Marquis , sein Gesicht verhüllend , als erschütterte und überraschte ihn die Mittheilung dessen , was er selbst mit angesehen . » Unglücklicher ? « rief der Graf jetzt - » Unglücklicher ? O , sagt lieber : Glücklicher ! Glücklicher , als ich es je ahnete und träumte , glücklicher , als ich es ahnen konnte , da mir der Sinn erst erweckt werden mußte für ein solches Glück durch dies Glück selbst ! Glücklicher , mein Freund , als Ihr es kennt und zu bieten habt in Euren Pallästen , unter Euren Festen , in Euren geträumten Vorzügen , Begünstigungen und Besitzthümern - ein Glück , mein Freund , so groß , so heilig , so veredelnd , daß , wem es einmal die Brust erweitert , wem es einmal , wie die Glorie eines höheren Lebens , die Stirn berührt - eingeweiht ist unter die Begünstigten des Himmels , und bliebe es ihm nur als Geschenk eines Augenblicks , berührte es ihn nur , wie der Duft einer Blume ! « - Er hatte sich leicht geredet , mit dem Geständniß war der Schatten verjagt , und seine Seele fand Kraft , das Entzücken auszudrücken , das noch in voller Stärke ihn beherrschte . Aber wem gab er in jugendlicher Kurzsichtigkeit dies Paradies seines Herzens hin - einem Feinde , der vor Allem mit brennenden Neide fühlte , daß dieser von ihm so verachtete Jüngling aufs Neue ein Glück gefunden hatte , was seine Seele bis zur Begeisterung erhob . Gleich war es , was er gefunden , ihm als ein solches erscheinen konnte , und hätte er es noch so tief verachtet , hätte es kein Lächeln über ihn zu erzwingen vermocht , es war genug , daß es diesem ewig glücklichen Thoren so erschien , um es ihn mit bitterem Zorne beneiden zu lassen . Wie fern schien ihm der Augenblick , wo er endlich jenen dem Leben verfallen sehen , wie ferne , wo der Günstling äußerer Vorzüge sich ein Bettler fühlen sollte ! Der Graf war kein Physiognomiker , er verstand die jähen Blitze nicht , die das Gesicht seines Gefährten überzuckten , und dieser gab der Beobachtung nie lange Zeit zu Entdeckungen . » In der Stimmung , worin Ihr seid , mein lieber Graf , « hob er so nüchtern und kalt an , als habe er selbst auch nicht den entferntesten Antheil daran - » würde es ein müßiges Geschäft sein , Euch über die nothwendig entgegengesetzte Seite , die Euer Glück haben muß , die Wahrheit aufzudecken . - Ihr habt mir jetzt entweder zu viel oder zu wenig gesagt , Ihr mußtet entweder auch gegen mich schweigen , oder Ihr müßt mir jetzt mehr sagen , denn so kann ich Euch nur schädlich werden , und so ungern ich mich mit den Geheimnissen Anderer belaste , dem alten Jugendgefährten gegenüber darf ich mich der Last nicht entziehen . « Der unschuldige junge Mann eilte in die spröde Umarmung des Marquis , und legte ihm dann ein Geständniß ab , worin der ganze Inhalt sich auf Gefühle bezog - so ohne Thatsachen , so ohne Gewicht , ohne Gehalt in den Augen des Zuhörenden , eine so alberne Schäfergeschichte , daß er seiner ganzen Selbstbeherrschung bedurfte , um nicht in Lachen auszubrechen , und welche ihm nur dann wichtiger ward , wenn er sah , wie auch diese Kinderei das Herz des Erzählenden so überschwänglich beglückt hatte , und die sich aus ihrem Nichts nur dann erhob , wenn er bedachte , wie das von ihm so geschickt zugelassene Ende des Schäferspiels die verderblichsten Verwickelungen über seinen Gegner bringen mußte . » Sie ist mir nun fürs Leben gesichert , « schloß der junge Graf seine rührende Erzählung , » und obwol es mir das Herz bricht , sie jetzt verlassen zu müssen , ich fühle die Nothwendigkeit davon und werde sie ja nur verlassen , um ihre Zukunft vorzubereiten . Ich werde meine Majorennität , die Uebernahme von Ste . Roche abwarten und dann meinen theuren Aeltern meine Vermählung eingestehen . Ich täusche mich nicht , es wird keine angenehme Nachricht für sie sein - aber wenn sie den Engel sehen werden , den ich ihnen zuführen kann , dann werden sie Alles begreiflich finden , und da Fennimor ' s Vater einer vornehmen Familie als jüngster Sohn angehört , so ist auch ihre Geburt keine Beleidigung für dieselben . Als meine rechtmäßige Gattin bleibt Fennimor hier vor den Augen der Welt noch so lange verborgen , bis der Fall eintritt , dessen Möglichkeit uns zu diesem Schritte bewogen , und wenn Gott ihr durch den Tod ihres Vaters die sichere Heimat raubt , begiebt sie sich alsdann unter dem Range meiner Gemahlin , der all ihren Schritten die anständigste Freiheit sichert , nach Frankreich - und ich führe sie nach meinem Eigenthume , nach Ste . Roche , bis meine Aeltern mir erlauben , sie ihnen vorzustellen . « Was hätte der Marquis dagegen zu erinnern gehabt ! Hätte er doch selbst es nicht klüger einleiten können , um die freiste Hand für die Umstaltungen zu gewinnen , die dieser leichte , rosige Himmelsweg erleiden mußte ; und mit vermehrter Verachtung gegen den Knaben , der unklug und spielend das Leben nach seiner Laune zu leiten dachte , und so blind für die Hindernisse war , die sich riesengroß ihm entgegenstellten , hätte er ihn vielleicht zu gering für seine Machinationen gehalten , hätte der Neid ihm nicht einen geheimnißvollen Reiz verliehen . Freundlich lächelnd stand er daher auf , und den glühenden Erzähler auf die Schulter klopfend , rief er : » Und welche Rolle habt Ihr mir dabei zugedacht ? die des Verräthers gegen Euch oder gegen Eure Mutter , die mir gänzlich vertraut ? « » Die des theilnehmenden , liebevollen Freundes gegen uns beide ! « rief der Graf vertrauungsvoll . » Seid der , der einst , wenn ich mein Bekenntniß ablege , vortreten kann und sagen : Vertraut ihm , ich kann Zeugniß ablegen , denn ich selbst sah den Engel , den er Euch als Tochter zuführt . « » Seid sicher , Graf , « entgegnete der Marquis lachend - » dies Zeugniß wird Euch wenig fruchten . Wenn dieser Engel nicht unter dem heiligen Scheine einer Fürsten- oder Grafen-Krone vor Eure Mutter treten kann , wird sie ihr immer die unwillkommene Tochter sein - doch für mich ist hier mit dem besten Eifer , den Wünschen Eurer Mutter gemäß , nichts mehr zu thun und zu ändern , und diese Ueberzeugung macht mich für den Augenblick zu einem willenlosen Werkzeuge in Eurer Hand . « » Nun , so folgt mir denn ! - Diese Hand soll Euch in eine Welt führen , die Euch mit Staunen und Entzücken erfüllen wird , und wofür Ihr in der Euren keinen Maaßstab , keine Aehnlichkeit finden könnt . « » Das glaube ich selbst ! « - erwiederte der Marquis gedehnt , und Beide verließen das Schloß , um sich nach der Abtei zu begeben . - Die junge Frau saß unter den hohen Schattengewölben des Buchenwaldes in dem weichen Moose , welches ihre Leonin zu einem kleinen Sitz angehäuft hatte , und in ihr war , über alles Erlebte hinweg , nur der eine einzige Gedanke , daß Leonin abreisen werde . - Der schöne Nacken , mit dem gedankenschweren Haupte war vorn übergebeugt , und die zarten Finger lagen in einander , als wären sie im Gebete vergessen , in einem Gebete , das nur lautes Reden mit Gott war über ein unaussprechliches Weh , das er ihr auferlegte , worüber sie ihn betend befrug , und ihm vorstellte , wie sie es nicht ertragen könnte . Ihr unschuldiges Herz sträubte sich unter den ersten Wunden des Schmerzes , sie dachte immer : da wird es Gott plötzlich wenden , wenn ich ihn bitte . - Sie saß , als ob sie auf ihn wartete , und sehnte sich nach ihm mehr , als nach dem Geliebten , denn sie wußte ihn damit einbegriffen , wenn Gott das sendete - was , das mußte eben Gott wissen , weil sie es nicht finden konnte ; nur jedenfalls mußte es nicht Trennung sein . - So erschrak sie fast , als Leonin früher aus den Bäumen hinter ihr hervortrat , als sie das Erbetene von Gott erhalten . - Ihre Wünsche erfüllten sich bisher in dem Kreislaufe ihres Lebens von selbst , und ihr Gemüth war so milde geleitet worden , daß sie es nicht wußte , wenn ihr der Vater leis ein oder den andern Wunsch hinweg nahm , und indem sie that , was er wollte , schien es ihr immer eine Erfüllung des Selbstbegehrten . Es gehörte zu dem patriarchalischen Pathos ihrer Erziehung , ihrer Gemeinschaft mit der heiligen Schrift , ihrem wichtigsten Geschichtsbuche , daß Gott eine redende Person für sie war , der Erzvater , zu dem sie mit großem Ernste sprechen durfte . Wie Abraham aus der Hütte trat und die Engel begrüßte , die der Herr sandte , Sodom und Gomorra zu zerstören ; wie er mit ihnen liebreich hin und wieder redete , und ihnen die möglich dort gerecht Befundenen abhandelte , und sie ihm nachgaben , weil er nicht nachließ zu bitten - so erschien ihr ein Jeglicher zu Gott gestellt , und sie fand sich in dieser Beziehung vollkommen sicher und berechtigt . - » Ich will mich nicht von Dir trennen , « sagte sie , als Leonin sich zu ihr setzte , und richtete sich ruhig , wie für Lebenszeit , an seiner Brust ein , » und ich wartete eben auf Gott wie es werden soll . « » O , « rief Leonin , » daß er uns den Ausweg sendete , der das Härteste von uns abhält , was uns treffen kann - und doch sehe ich ihn noch nicht ! « » Ich auch nicht , « sagte sie - » darum muß er von dort her kommen , denn ich kann Dich nicht lassen ! - Aber was hast Du nur ? « fuhr sie fort und richtete sich auf - » Du hast ja was Fremdes ! Was ist Dir ? - Du bist nicht so still - es ist Dir was vorüber gegangen ? « - Erstaunt blickte Leonin sie an und bemerkte an ihrem unruhig forschenden Blick eine Bewegung , über die er erschüttert ward . Nachdenkend fuhr sie fort , als redete sie mit sich selbst : » Der alte Tobias sagt : Der Böse geht umher und macht erst ein Zeichen an dem , den er haben will , das kennt er wieder , wenn ' s auch noch so fein ist , aber die Engel merken es gleich und bemühen sich , es auszulöschen mit ihren Thränen . « » Nun , « lächelte Leonin und zog die sanft von ihm Abgebogene wieder an sich - » wie fällt Dir das bei mir ein ? Bemerkt mein Engel Fennimor ein solches Zeichen ? « » Still , still , « sagte sie mit andächtiger Furcht , » nur die himmlischen Engel kennen das , und die behüten sehr lange die Menschen , damit es nicht geschehe . « - Sie richtete sich auf , und sah ihn so forschend und befremdet an , als suche sie das Zeichen . Er erhob sich nun auch lächelnd , das wunderbare Wesen betrachtend , und ihre Augen erhoben sich zu dem Aufgerichteten , als sie plötzlich den Baum streiften , der hinter ihnen stand , und sie entsetzt zusammen fahrend , an Leonins Brust stürzte . » Fennimor ! Fennimor ! « rief Leonin , außer sich - » was ist Dir , mein geliebtes Kind ? Fürchte Dich nicht , Du bist ja bei mir , an meiner Brust ! « » Die Schlange ! die Schlange ! « stöhnte Fennimor , ihr Antlitz angstvoll verbergend - » der Böse ist doch da ! « Fortgerissen von der phantastischen Erregung seines kindlichen Weibes , wandte er sich schnell um und sah noch , wie der Marquis de Souvré , der auf Crecy ' s Bitte nicht zugleich mit ihm hervorgetreten war , um Fennimor ' s Vorbereitung abzuwarten , den Kopf zwischen den an diesem jüngern Baume noch niedrig hängenden Zweigen zurückzog . Leonin konnte leicht denken , daß Fennimor , die in ihrer Bibel die Abbildung der Schlange hatte , die mit einem Menschenkopfe durch die Zweige des Baumes der Erkenntniß blickt , das bleiche , aschfarbene Gesicht des Marquis dafür angesehen hatte . Aber so natürlich die Erklärung war , so nah ' es ihm lag , dem armen bebenden Kinde diese Auslegung zu geben - ein unaussprechliches Gefühl hatte seit Ankunft des eben so wunderlich verwechselten Mannes allen Lebensmuth in ihm niedergedrückt . Ein betäubendes Sinnen erfaßte ihn , das Wesen noch schützend in seinen