Wie ? Von Mutterleib ? « fragte der Hofschulze . » Ich kann es nicht anders nennen « , erwiderte der Jäger . » Ihr seid ein so verständiger Mann , daß ich keinen Grund habe , Euch eine Geschichte vorzuenthalten , welche Euch meine Jägerei , über die Ihr , wie ich sehe , schon seit einiger Zeit den Kopf schüttelt , einigermaßen erklärlich machen wird . Man hat Muttermäler in Form von Sternen , Kreuzen , Kronen , Schwertern , weil die Frau , welche den Menschen trug , sich an einem großen Orden , an einem Kirchenzuge , an einer Krönung versah , oder unter Kriegsgetümmel ihre Schwangerschaft abhielt ; warum sollte einer nicht Jäger von Mutterleib aus sein können ? « Der Hofschulze nötigte seinen jungen Gast an den Tisch unter den Linden vor der Türe , ließ eine Flasche sehr trinkbaren Weins bringen , und der Jäger begann hierauf folgendergestalt seine Erzählung . » Meine Mutter hatte sich mit meinem Vater erst nach einem trauer- und tränenvollen Brautstande verbinden dürfen . Die Verwandten und viele Umstände waren gegen die Heirat gewesen , indessen hatte die Liebe , welche beide zueinander trugen , doch endlich obzusiegen gewußt , und die Ringe durften gewechselt werden . Die Folge jenes langen Hinderns und Zurückhaltens war nicht , wie es oft zu geschehen pflegt , ein rasches Erkalten nach gewonnenem Besitze , sondern eine äußerst zärtliche Ehe gewesen , so daß also in diesem Falle der Wunsch der Leidenschaft sein Recht darwies . Noch in jetzigen Tagen erzählen bejahrte Leute , welche meine Eltern in den ersten Jahren ihrer Ehe gekannt haben , von dem schönen Paare , das immerfort wie Liebhaber und Geliebte miteinander umgegangen sei . Die Zärtlichkeit meiner Mutter äußerte sich nun auch in einer Sorge um das Leben und die Gesundheit des Vaters , welche freilich oft in das Übertriebene ging . Blieb er von einem Spaziergange oder einem Besuche in der Nachbarschaft einige Minuten über die bestimmte Zeit aus , so schickte sie ängstlich nach ihm ; war seine Farbe nicht ganz so munter , wie gewöhnlich , gleich fürchtete sie eine schwere Krankheit und wollte den Arzt herbeigeholt wissen , um alles hätte sie ihn nicht in der Nacht reisen lassen , und wo er ging oder stand , mußte er sich vor Zugluft in acht nehmen . Während sie für ihre eigene Person hart , unbekümmert und mutig blieb , sah sie in jeglichem , was meinen Vater umgabe , Schreck und Gefährde . « » Ja , ja « , murmelte der Hofschulze vor sich hin , » die vornehmen Leute haben zu dergleichen Zeit . Bei uns Bauern kommt es auf einen Puff nicht an . « » Am inständigsten flehte ihn meine Mutter an , sich der Jagd zu enthalten . Sie hatte in den ersten Jahren ihrer Ehe einen verworrenen Traum , von dem sie sich beim Erwachen nur einer schönen grünen Uniform , worin sie meinen Vater gesehen , und daß ihn in derselben ein Unglück betroffen , zu erinnern wußte . Nun fielen ihr alle die Geschicke , die sich auf Jagden ereignen können : scheugewordene Pferde , unvermutet losgegangene Schüsse , Eber , die den Schützen anrennen , und was dergleichen mehr war , ein , und sie ließ sich daher von meinem Vater das Wort geben , nie diesem verhängnisvollen Genusse wieder frönen zu wollen . Er willfahrte ihr gern , denn er sah ihre Liebe zu ihm , und war überhaupt dem Weidwerke nicht leidenschaftlich ergeben , obschon er es , wie ihm sonst nach seinen Verhältnissen zukam , getrieben hatte . Mehrere Jahre der Ehe blieben kinderlos . Endlich fühlte meine Mutter ihren Schoß gesegnet . Sonst pflegt , wie man mir gesagt hat , in diesem Zustande die Neigung der Frau zu dem Manne abzunehmen , und sich der verborgen reifenden Frucht zuzuwenden , meine Mutter machte aber von dieser Regel eine Ausnahme . Ihre Liebe zu dem Vater wuchs noch , wenn sie eines Wachstums fähig war . Zugleich stellte sich die Erinnerung an den früher gehabten und seitdem fast vergessenen Traum wieder bei ihr mit Heftigkeit ein , dessen eigentliche Bilder ihr jedoch nicht deutlich werden wollten , obgleich sie stundenlang sich damit abmühte , sie hervorzurufen . Nochmals mußte mein Vater sein früheres Gelübde in ihre Hand wiederholen . Inzwischen rückte der Sankt Hubertus-Tag heran , an welchem der Fürst , mit dem mein Vater eng zusammenhing , die jährliche große Jagd zu veranstalten pflegte . Es war in seiner Umgebung schon verwundernd viel davon geschwätzt worden , warum mein Vater sich in den Jahren zuvor unter allerhand Vorwänden von den Jagden zurückgehalten habe , endlich hatte man den wahren Grund aufgespürt , und der etwas rohe und leichtfertige Kreis mag sich trefflich über den gehorsamen Ehemann lustig gemacht haben . Der Fürst , derb und zufahrend , wie er war , nahm sich vor , den Gehorsam zu Falle zu bringen . Es war so Sitte , daß schon an dem Tage vor Hubertus ein lustiges Bankett auf dem Jagdschlosse gegeben wurde . Der Saal , in welchem es stattfand , war an den Wänden mit Hirschgeweihen , Armbrüsten und alten Jagdspießen ausgeziert . Da wurde denn , wie man bei uns zu sagen pflegt , tapfer gebürstet , d.h. gezecht , und wer an dem Bankette teilnahm , konnte sich natürlich von der Hubertusjagd nicht lossagen . Mein Vater würde also um keinen Preis einen Partner des Schmauses abgegeben haben , wenn ihn nicht der Fürst durch eine List nach dem Jagdschlosse zu ziehen gewußt hätte . Er ließ ihn nämlich unter dem Vorwande eines Geschäfts berufen und hielt ihn in langen Gesprächen hin , bis der Lakai meldete , daß serviert sei . Da wollte mein Vater fortreiten , aber ein zweiter Lakai brachte , ausgesandt , die Nachricht , der Reitknecht habe verstanden , der Herr bleibe zur Tafel , und sei bis auf den Abend mit den Pferden nach Hause geritten . Nun , da es so ist , laß dir ' s gefallen und nimm hier vorlieb , sagte der Fürst . Du kannst doch nicht die zwei Stunden zu Fuß nach Hause gehen . - Was sollte mein Vater beginnen ? So unlieb es ihm war , er mußte bleiben . Bei Tafel , als es ziemlich lärmend zu werden anfing , warf einer die Frage hin , ob er morgen mit zur Jagd komme ? Ohne seine Antwort abzuwarten , rief ein anderer : Nein , er darf nicht , seine Frau hat es ihm streng verboten . - Ist es wahr , fragte der Fürst laut über die ganze Tafel hin , daß dir deine Frau befohlen hat , kein Gewehr mehr abzudrücken ? Wenn dem so ist , und du gehorchst , so bist du ja ein wahrer Mustermann für Stadt und Land . Ein schallendes Gelächter folgte diesen Worten , obgleich darin nicht viel Lachenswertes steckte . Mein Vater ärgerte sich , nahm sich aber zusammen und versetzte , daß dem nicht so sei ; wie man denken könne , daß seine Frau ihm so etwas befehlen werde ? und dergleichen mehr , was ein jeder in seiner Lage und in einer so wilden Gesellschaft entgegnet haben würde . - Topp ! rief der Fürst , das ist recht , so hilfst du uns also morgen Sankt Hubert Devotion erzeigen - und als mein Vater sich mit einer Reise , mit Besuch , mit Unpäßlichkeit entschuldigen wollte - Oho ! die Frau Gemahlin steckt doch dahinter ! Nun , der Sache müssen wir auf den Grund kommen ! Erinnert mich das nächste Mal , wo ich mit der Gestrengen zusammentreffe , daß ich ernstlich danach bei ihr anfrage . In diesem Augenblicke faßte mein Vater seinen Entschluß . Er hielt es für nötig , der Mutter einen ärgerlichen Auftritt , wie er von des Fürsten Derbheit immer zu besorgen stand , zu ersparen , und sagte daher : Damit jedermänniglich sehe , daß an all dem Argwohn nichts sei , so werde ich die Jagd morgen mitmachen . Ein Beifallsklatschen erscholl , unter Getöse wurde die Tafel aufgehoben ; der Fürst rief mit etwas schwerer Zunge : Bist du aber morgen nicht um sechs Uhr am Versammlungsplatze , so holen wir alle dich in corpore aus den Federn . - Mein Vater nahm kurz und trocken seinen Urlaub , fuhr den lügnerischen Lakaien , der draußen im Vorgemache ihn verschmitzt lächelnd befragte , ob er nun die Pferde befehle ? barsch an , und ging die Treppe hinunter über den Hof selbst nach dem Stalle , wo er den Reitknecht mit den Pferden fand , der sich keinen Augenblick vom Jagdschlosse entfernt hatte . Hieraus ersah nun mein Vater , daß das Ganze ein angelegter Plan gewesen sei . Beim Heimreiten überlegte er den seinigen . Sich von dem gegebenen Worte zurückzuziehen , war unmöglich , denn dann hätte er wirklich am nächsten Morgen den ganzen Schwarm vor dem Hause gehabt zu Ängsten und Schrecken der Mutter . Er beschloß daher die Jagd wirklich mitzumachen , jedoch sobald als nur möglich sich zu entfernen , und um sein Absein eine Zeitlang vor den übrigen zu verbergen , seinen guten Freund , den Oberjägermeister , dessen finsteres Gesicht Mißbilligung der getriebenen Scherze ausgedrückt hatte , zu ersuchen , daß ihm der entfernteste Stand angewiesen werde , von dem er bei günstiger Gelegenheit entkommen zu können hoffte . Um aber für die Zukunft dem Fürsten und der ganzen Gesellschaft Respekt einzuflößen , sollten tags darauf schriftliche Erklärungen an die ärgsten Schreier des Jagdschlosses abgehen , welche diese entweder einstecken , oder worauf sie zu Pistolen greifen mußten . Zu Hause zog er einen alten verschwiegenen Diener in sein Vertrauen , ließ die prächtige Jagduniform , in welcher jeder Kavalier bei den großen Hofjagden erscheinen mußte , heimlich aus dem Schranke nehmen , und verspürte , wie er selbst lange Jahre nachher , wenn diese Geschichte wieder auf das Tapet kam , zu erzählen pflegte , trotz seines Mißmuts ein geheimes Behagen , als er das grüne , schimmernde Collet mit den blitzenden Knöpfen , der goldenen , reichen Stickerei , den Achselschnüren , den schweren Epauletts aus dem umgelegten Seidenpapier , und das prächtige Couteau mit glänzenden Steinen am Griff aus dem Futteral hervorkommen sah , nachdem er so lange den Anblick dieser Gegenstände entbehrt hatte . Meiner Mutter sagte er irgendeinen gleichgültigen Grund , weswegen er den folgenden Tag über von Hause entfernt sein werde . Es gelang ihm , sie zu täuschen ; sie legte sich ruhig an seiner Seite schlafen . In der Nacht aber hatte sie den früheren ängstlichen Traum , auf dessen Einzelheiten sie sich seither im Wachen nicht zu besinnen vermocht hatte . Sie sah meinen Vater sich vom Lager erheben , einen Blick der Bekümmernis auf sie , die Schlafende , werfen , leise auf den Zehen aus dem Zimmer schleichen . Der Traum führte sie hierauf nach der Garderobe . Dort legte mein Vater Stück vor Stück die prächtige grüne Uniform an . Sie konnte sich nicht satt an ihm sehen , er kam ihr gar zu schön vor , und doch beschwor sie ihn inständigst und mit der äußersten Herzensangst , von seinem Vorhaben abzustehen . Er ließ sich aber nicht hindern , schnallte das Couteau um , und in dem Augenblicke wieherte ein Pferd . Nun zerbrach blitzschnell das bisherige Traumgesicht , und mit Entsetzen sah sie meinen Vater blutigen Hauptes unten im Hofe auf dem Pflaster liegen . Ehe sie noch sich zu ihm helfend hinbeugen konnte , wieherte das Pferd , welches sie wunderbarerweise nicht sah , zum zweiten Male , und - sie erwachte , wie es ihr vorkam , von einem wirklichen Pferdewiehern aus den Schrecknissen des Traumes geweckt . Schlaftrunken tastete sie umher , um des Vaters Wange sich zur Beruhigung zu streicheln , aber der Taumel ihrer Sinne wich der angstvollsten Erinnerung , denn das Bett neben ihr war verlassen , die Decke zurückgeschlagen . Sie schellte dem Mädchen , fragte , wo der Herr sei ? Diese , welche ihn im Gange verstohlen an sich hatte vorüberschlüpfen sehen , antwortete zögernd : In der Garderobe . Nun war sie nicht länger zu halten , eiligst warf sie ein Nachtgewand über und begab sich mehr laufend als gehend nach der Garderobe . Dort die Türe geöffnet , hatten beide Eltern voreinander den gleichen Schreck und meinten zu Boden sinken zu müssen . Der Vater stand , wie ihn die Mutter geträumt hatte , prächtig geschmückt , in seinem Glanz und Flimmer von der roten Morgensonne umspielt , und schnallte eben das Couteau an . Es folgte ein heftiges Fragen und Erklären , die Mutter wollte ihn durchaus nicht ziehen lassen , bis er auf die eindringlichste Weise ihr erwiesen hatte , daß für dieses Mal schlechterdings an dem Vorhaben nichts zu ändern sei . Indem sie noch miteinander stritten , wieherte des Vaters gesattelt stehendes Reitpferd unten vom Hof herauf zum dritten Male . Sie stürzte an das Fenster , sah das feurige Tier in den Boden hauen und sich heben , das böse Ende ihres Traums trat ihr vor die Augen , sie beschwor meinen Vater bei dem Lebendigen unter ihrem Herzen , wenigstens nicht zu reiten , da sie die bestimmte Ahnung habe , daß ihm heute damit ein Unglück begegnen werde , sich vielmehr des leichten Wagens zu bedienen . Höchst verstimmt rief er dem Bedienten zu : So laß anspannen ! drückte die Mutter sanft nach der Türe zu und bat sie um Gotteswillen , sich doch nur wieder niederzulegen , da sie ja in ihrem leichten Gewande von der Morgenkälte schwer krank werden könne , und sprang dann , als er sie auf dem Wege nach dem Schlafkabinett glaubte , rasch die Haupttreppe hinunter , um nur zu Roß und an diesem vermaledeiten Tage vom Hofe zu kommen . Aber meine Mutter , einmal argwöhnisch gemacht , schlüpfte eine kleine Seitentreppe hinab , die ebenfalls auf den Hof führte , um sich zu versichern , ob auch der Wagen genommen werde . Indem sie nun unten anlangte , sah sie , daß mein Vater schon zu Pferde saß , und mit dem Tiere , welches er in seinem Verdrusse heftig behandelt und dadurch unruhig gemacht hatte , kaum zurechtkommen konnte . Mit einem lauten Geschrei flog sie durch die Türe auf den Hof ; das Pferd , von der plötzlich erscheinenden weißen Gestalt bis zur Wut gesteigert , drehte sich wie toll auf den Hinterfüßen um , geriet auf eine schlüpfrig-abschüssige Stelle , ruschte aus und stürzte . Nun lag mein Vater wirklich mit blutendem Kopfe auf dem Pflaster , meine Mutter aber konnte ihm nicht helfen , denn auch sie sank ohnmächtig an der Türe zusammen . « Der Jäger hielt atmend inne , bewegt von seiner eigenen Erzählung , deren Einzelheiten , wie er nach einer Pause sagte , ihm so lebhaft vorschwebten , weil der Vorfall mit den kleinsten Zügen von den Dabeigewesenen ihm mehr als hundertmal berichtet worden sei . - Er sei die Haus- und Familiengeschichte geworden . Sein Zuhörer strich sich die Haare bedächtig auf der Stirn und sagte nach einer Weile : » Daß die Sache keine schlimmen Folgen gehabt hat , stellt sich dar , denn Sie sitzen da ganz frisch und gesund , junger Herr . « » Glücklicherweise war der Schreck das Ärgste dabei gewesen « , erwiderte der Jäger . » Mein Vater hatte sich schnell bügellos zu machen gewußt , sein Epaulett war ihm , von der heftigen Bewegung gelöst , unter den Kopf gefahren und schützte vor einem zu harten Aufschlagen ; er kam mit einer leichten Wunde davon . Auch meiner Mutter , für welche das Schlimmste zu befürchten stand , half ihre überaus kräftige Natur . Sie erholte sich und dauerte ihre Zeit aus , obgleich die Gedanken an jenen Morgen sie keinen Augenblick verließen . « » Und daher , meinen Sie , rühre Ihre Jagdlust ? « fragte der Hofschulze . » Ich kam einige Monate nach dem Ereignisse zur Welt mit einem Male unter dem Herzen in der Form eines Hirschfängers . Sobald ich zum Buben erwachsen war , hielt mich keine Vermahnung und Züchtigung ab , mit den Jägern umherzulaufen . Und so ist das fortgegangen bis auf den heutigen Tag , ohne daß ich , wie Ihr ja leider nun auch gemerkt habt , zu diesem Treiben durch Beute und Erfolg irgendeine Anreizung empfinge . « » Wenn Ihre Frau Mutter von den Jagdsachen einen solchen Schreck bekommen hat , so müßte sie Ihnen ja ehender einen Abscheu davor eingeimpft haben « , sagte der Hofschulze . » Nein ! « rief der junge Jäger , und seine Augen begannen in dunklerem Feuer zu leuchten , wie immer der Fall war , wenn sich die Rede auf solche Gegenstände wandte . » Davon versteht Ihr nichts , Hofschulze . Kann ein menschliches Wesen unwillkürlich auf ein andres durch Blut , Seele und Sympathie wirken , so fällt diese Wirkung auch ganz in der dunkeln Kammer vor , darin die Kräfte nach ihren eigenen Rechten hin- und herfahren , sausen und weben , und Gebild schaffen , dessen Figur kein Verstand vorhersieht und auf welches niemand gefaßt ist . Abscheu kann Lust , Furcht kann Mut , Sehnsucht Ekel erzeugen , und ist niemand , der den Stammbaum dieser und ähnlicher Zeugungen aufzurichten vermöchte . « » Davon verstehe ich wirklich nichts , und geht mich auch nichts an « , sagte der Hofschulze . » Aber aus der Geschichte , welche Sie da so pläsierlich erzählt haben , ziehe ich eine dreifache Moral . « » Ihr haltet sehr viel auf Moral . « » Die Moral unterscheidet uns von dem Vieh « , versetzte der Hofschulze feierlich . » Das Vieh hat eigentlich alles besser als die Menschenkreatur , es findet den Weg sicherer , es hat sein ihm gewiesenes Futter und lüstert nicht nach anderem , es trägt seinen Rock anerschaffen auf seinem Leibe , es fürchtet sich nicht vor dem Tode , es treibt keine unnütze Wollust , aber Moral hat das Vieh nicht ; Moral hat nur der Mensch . « » Und in meiner Geschichte stecken drei Moralen ? « » Drei . Die will ich Ihnen jetzt auch nicht vorenthalten , junger Herr Jäger . « Achtes Kapitel Worin der Hofschulze eine dreifache Moral aus der Geschichte des Jägers zieht » Erstens « , sagte der Hofschulze , » lehret die Geschichte , daß , wenn Ihre Passion wirklich von Ihrer Frau Mutter sich herschreibt , der Herr noch jetzunder seinen Spruch wahr macht , welcher lautet : Ich will die Sünden der Väter heimsuchen an den Kindern bis in das dritte und vierte Glied . Denn an und vor sich ist die Jägerei eine erlaubte und lustige Sache . Nun aber sündiget der Mensch jederzeit , wenn er sich wider etwas setzt , was Herkommens ist bei seinesgleichen , dadurch kriegt die Gleichgültigkeit ein Gewicht und hat Folgen , wie Pestilenz darnach kam , als David sein Volk zählen ließ , weil das nicht Herkommens bei den Juden war . Ihre Frau Mutter nun verfiel in Sünde , weil sie den Herrn Vater nicht auf die Jagd gehen lassen wollte , da das zu seinem Stande gehörte , und darum ist an Ihnen eine Torheit gesetzt , das Schießen ohne Treffen . Sie sollten aber suchen , mit der Gewalt davon loszukommen , weil solche Neigungen nicht aus den Wirkungen in der dunkeln Kammer , nicht aus den Kräften und den eigenen Rechten , wie Sie es nannten , herrühren , sondern einzig und allein aus der Torheit , durch welche Sie groß Unglück anrichten können . Auch die Mädchen haben mitunter das Gelüst , Feuer anzulegen , sie lassen es aber wohl bleiben , wenn sie scharf zusammengenommen werden . Es kann und soll aber der Mensch , über den kein anderer gesetzt worden , an ihm selber der Herr und Zuchtmeister sein . Zweitens tut die Geschichte lehren , daß im Ehestande gar zu viel Liebe schädlich ist . Denn Ihr Herr Vater würde mit dem Pferde nicht gestürzt sein , wenn Ihre Frau Mutter nicht so besorgt aus der Türe gesprungen wäre . Sie wollte ihn vor Gefahr hüten und brachte ihn eben recht in Gefahr . Wie leicht konnte ihn einer von den Herrn niederschießen , an die er nach der Jagd Briefe schreiben wollte ! Im Ehestande muß alles moderiert sein , auch die Liebe , weil die Sache für die Hitze und den Eifer zu lange währt . Vorher kann der Mensch tun , was er will , danach kommt nichts , aber der Ehestand macht einen Abschnitt und gibt ein Exempel , da muß der Mensch sich zusammennehmen , denn auf Eheleute sieht ein jeder , und Ärgernis , welches durch sie kommt , ist doppelt Ärgernis . Mit einem losledigen Menschen haben wenige Verkehr , aber auf den Haus- und Ehestand verläßt sich aller Handel und Wandel , Nachbarhülfe und Ansprache , Christentum , Kirchen- und Schulzucht , Haus und Hof , Rind und Kind , und wie sollen nun alle diese Sachen in gehöriger Ordnung und Verfassung bleiben , wenn die Eheleute selbst sich wie die Gecken betragen ? Bei uns Bauern kommt der Fehler weniger vor , aber bei den Stadtleuten , mit denen ich vielfältig hier und da haußen verkehre , und deren Gebräuche ich daher kenne , will mir in dem Punkte manches schlimm gefallen . Wenn ein Mann sein Weib schlägt , oder angrunzt ohne Not , so gibt er Ärgernis , denn der Apostel schreibt , daß die Männer ihre Weiber lieben sollen , wie der Herr Christus seine Gemeine liebt , aber wenn ein Weib ihren Mann so unterkriegt mit Karessen und süßen Reden , daß er zwischen guten Freunden vor Angst nicht mehr zu bleiben weiß , wenn die Stunde schlägt , da er hat nach Hause kommen sollen , oder daß er sich von allem zurückhalten muß , was ihm das Herze fröhlich macht , so gibt sie auch Ärgernis , denn der Apostel Paulus schreibt nicht minder , das Weib solle den Mann fürchten . Die Furcht aber besteht mit solchem Verhalten nicht , vielmehr treibet sie dahin , daß dem Manne sein freier Wille gelassen werde , denn der Ehestand soll den Mann erbauen , nicht aber ihn daniederreißen , weil abermals der nämliche Apostel Paulus an die Korinther schreibt : Der Mann ist nicht vom Weibe , sondern das Weib ist vom Manne . Ich habe hier jezuweilen bei guter Witterung große Gesellschaft von Stadtleuten , die für Pläsier den Tag im Freien zubringen , und gegen Abend wieder heimfahren . Da sehe ich nun mitunter , daß die Neugeheirateten , die etwa erst im zweiten Jahre Mann und Frau sind , denn späterhin hört dieses Wesen gemeiniglich auf , miteinander ein Anblicken und Anblinzeln , Löffeln und Schlecken treiben , als seien sie mutterseelenallein und niemand außer ihnen um sie und neben ihnen . Darin stecken nun wieder drei Ärgernisse . « » Schade « , unterbrach ihn der Jäger lachend , » daß Euch kein Philosoph von Profession anhört , Hofschulze . Er würde die architektonische Symmetrie Eures Gedankenbaus loben . Drei Ärgernisse , entsprechend drei Moralen ! « Der Schulze fuhr , ohne sich stören zu lassen , fort : » Erstens sind immer in der Gesellschaft Leute , die gerne freien möchten und nicht können , und in denen stiftet so ein öffentliches Liebeswesen geheimen Neid und stille Abgunst , wovor der Mensch seinen Nächsten bewahren soll . Dieses ist das erste Ärgernis . Zweitens läßt , wenn sie sich vor so vielen Leuten nicht scheuen , das zu tun , was in die Verborgenheit gehört , vermuten , daß sie daheim eine Brinneiferigkeit haben , welche die Gesundheit ruiniert , und drittens denkt dieser und jener in der Gesellschaft : Was dem einen recht , ist dem andern billig , geniert ihr euch nicht , genier ' ich mich auch nicht , dürft ihr schmatzen , darf ich kratzen ; läßt nun alle geheimen Würmer und Otterngezüchte , welche er im Herzen trägt und sonst bei sich behielte , los , die schlechten , spöttischen Reden , die Schraubereien und Verleumdungen , welche denn wieder von andern aufgefangen und erwidert werden , so daß das ganze Pläsier zugrunde geht . Auf diese Weise habe ich es erlebt , daß durch so ein öffentlich löffelndes Ehepaar lauter Zank und Hader in eine Gesellschaft kam , der immer mehr stieg , je mehr die Eheleute miteinander karessierten . Dagegen ist es eine wahre Freude , bisweilen vernünftige junge Leute zu sehen , die bescheiden und anständig sich betragen ; das Frauchen sitzt da , und der Mann da , jedes diskuriert höflich mit seinen Nachbarn , keines scheint auf das andere zu achten , von Handgeben und Küssen ist nun gar nicht die Rede , und doch sieht man den roten , muntern Gesichtern an , daß sie zu Hause Glück und Segen miteinander haben ; gleichsam zwei Äpfel sind sie an einem Zweige , die auch nicht nacheinander umgucken und doch zusammen wachsen , gedeihen und reifen . Der Ehestand ist ein Segensstand , aber er will mit Vernunft und Geschick und Manierlichkeit angegriffen sein , sonst macht er , wie der Wein im Übermaß , trunken , dumm und ungesund . Er ist wie der grüne Zweig am Apfelbaum ; was darauf zum Gedeihen kommen soll , muß hübsch still und ruhig sich daran halten bei Sonnenschein und Regen . « » Eure Moralien klingen zwar ziemlich hausbacken , aber es liegt doch etwas Wahres darin « , sagte der Jäger . » Der gesunde Menschenverstand behält immer recht , obschon er selbst nicht das letzte Recht ist . Was meine Eltern betrifft , so spricht deren nachheriges Verhältnis auch gewissermaßen für Eure Sätze . Meine Mutter ist nach dem entsetzlichen Schreck wie umgewandelt gewesen , er hatte auf sie wie ein Sturzbad gewirkt , der Vater hat späterhin gehen , kommen , sich kleiden dürfen , wie , vornehmen können , was er gewollt , und von der Zeit an , wo ich selbst zum Bewußtsein gelangte , erinnere ich mich der Ehe meiner Eltern , als einer zwar liebevollen , aber freien und ruhigen . « » Ja , ja « , sprach der Hofschulze , » so mußte es sich wenden . Allzuscharf macht schartig , der Bogen , welcher zu sehr gespannt wird , bricht , und hinter heißem Wetter kommt kühles . Aber Ihnen will ich doch eine gute Lehre geben , junger Herr . Wenn Sie inkognito bleiben , und wie Sie sich mir verkündiget haben , für den Sohn von Bürgersleuten gelten wollen , so müssen Sie mir keine Geschichte erzählen von Jagdschlössern und fürstlichen Banketten und goldenen Uniformen und Bedienten und Reitknechten . « » Ach , die Lehre kommt zu spät ! « rief der junge Jäger lustig . » Das Verstellen hilft mir nichts , ich sehe es wohl ein , und wenn ich auch wie der Vogel Strauß den Kopf wegstecke , man erblickt mich dennoch . Verratet mich aber nicht ; ich habe meine Gründe zu der Bitte , die Ihr mit gutem Gewissen erfüllen könnt , denn ein Verbrechen habe ich nicht begangen . « » Nein , das soll wohl sein , Sie sehen nicht danach aus « , sagte der Hofschulze lächelnd . » Jetzt nehmt von meiner Seite eine Lehre an . Ihr seid ein alter , gesetzter Mann , dem mehr daran liegen muß , seine Absichten für sich zu behalten , als mir . Wenn Ihr Eure Geheimnisse , welche Ihr zweifelsohne habt , vor mir und meinem Nachspüren bewahren wollt , so müßt Ihr meine Aufmerksamkeit nicht selbst rege machen , müßt mir nicht das Schwert Karls des Großen mit so feierlicher dunkler Rede zeigen . « Der Hofschulze richtete sich in die Höhe . Seine große Gestalt schien noch zu wachsen , und der Mond , welcher inzwischen aufgegangen war , warf seinen Schatten lang in den Hof . Er sagte mit tiefem Tone und mit einem Nachdruck , der dem andern durch Mark und Bein ging : » Wehe dem , welcher die Geheimnisse des Schwertes Caroli Magni sieht oder hört , wenn es dergleichen gibt ! « - Darauf setzte er sich nieder , schenkte seinem Gaste das letzte Glas ein , und tat , als ob nichts vorgefallen sei . Dieser schwieg verlegen . Er merkte , daß mit dem Alten in manchen Dingen nicht zu scherzen sei . Um wieder ein Gespräch in Gang zu bringen , sagte er endlich : » Ihr verspracht drei Moralen aus meiner Geschichte , habt aber bis jetzt mir nur zwei mitgeteilt . « » Die dritte « , versetzte der Hofschulze , » ist keine Rede , sondern eine Handlung und Verrichtung . « Mit diesen Worten deren Sinn er nicht weiter aufklärte , ging er in das Haus . Neuntes Kapitel Der Jäger erneuert eine alte Bekanntschaft Am folgenden Tage zur Mittagsstunde hörte der Jäger unter seinem Fenster ein Geräusch , sah hinaus und bemerkte , daß viele Menschen vor dem Hause standen . Der Hofschulze trat in sonntäglichem Putze soeben aus der Türe , gegenüber aber hielt am Eichenkampe ein zweispänniger Karren , auf welchem ein Mann in schwarzen Kleidern , anscheinend ein Geistlicher , zwischen mehreren Körben saß . In einigen derselben schien Federvieh zu flattern . Etwas hinterwärts saß eine Frauensperson in der Tracht des Bürgerstandes , welche steif vor sich hin auf dem Schoße ebenfalls einen Korb hielt . Vorn