vor Ungeschick und Übereilung , bedenke daß der Verständige geduldig es abwartet , bis durch des Himmels Begünstigung und sein eignes Bemühen die Frucht am Baume gereift ist ; nur ein Thor wird vor ihrer gänzlichen Entwickelung , gleichsam noch halb in der Blüthe , sie herunterreißen wollen . Nur dem vollendeten Tagewerke gebührt der Lohn . Um zu zeitigen , muß man allem was zeitigen soll , Zeit lassen ; die Lehre liegt schon in dem Worte allein . Dem armen Richard wurde es immer ängstlicher und befangener zu Muthe ; die Worte , die Blicke seines Wohlthäters , alles verwirrte ihn . Daß die dunkeln , ihm ganz unverständlichen Reden desselben nur dahin abzwecken sollten , ihn von einem übereilten Geständnisse seines Verhältnisses zu Helena abzuhalten , das kam ihm , der noch nie daran gedacht hatte , durchaus nicht in den Sinn . Zwar hatte der Fürst durch absichtliches Nichtbemerken , und auch auf andre Weise diesem Verhältnisse gewissermaßen seine Zustimmung gegeben , aber es lag in seinem Plane , es zu ignoriren , während er es duldete , und Richards seltsames Benehmen hatte ihn wirklich eine Erklärung befürchten lassen , die wenigstens für jetzt ihn sehr unangenehm berührt haben würde . Richard aber , in diesem Augenblicke nur von einem einzigen Gedanken erfüllt , legte den geheimnißvollen Warnungen seines Beschützers eine Deutung unter , deren Gräßlichkeit ihn mit Angst und Schauer ergriff . Und so standen beide einige Sekunden lang im seltsamsten gegenseitigen Mißverstehen einander schweigend gegenüber . Richard hielt es nicht länger aus . Außer sich , bebend , als gelte es die ewige Seligkeit , warf er , zum erstenmale in seinem Leben , sich dem Fürsten zu Füßen , und umfaßte dessen Kniee . Was soll das ? rief dieser heftig , indem er zürnend zurücktrat : Komödie wirst Du doch mit mir nicht spielen wollen ? Eine verneinende Bewegung , ein flehendes Aufblicken zu ihm , waren die einzige Antwort , welche Richard aufzubringen vermochte . Mein Sohn , sprach der Fürst in etwas ruhigerer Fassung , nochmals warne ich Dich , hüte Dich vor Unbesonnenheiten , denn es giebt Dinge , die ich mit dem besten Willen selbst Dir nicht ungeahndet hingehen lassen darf . Ich fordre nochmals Dich auf , dieses nie zu vergessen . Und nun entdecke mir , was so schwer auf Deinem Herzen zu lasten scheint , wenn Du nach dieser sehr ernst gemeinten Warnung überzeugt bist , es zu dürfen . Aber nicht so : setzte er hinzu , indem er des noch immer vor ihm knieenden Richard Arm ergriff : mir gegenüber , Auge in Auge , wie es zwischen freien Männern sich gebührt . Mitleid ! Erbarmen ! Rettung erflehe ich ; nicht für mich ! aus mir werde was mein Schicksal will ; rief Richard , kaum seiner selbst mächtig , indem er von den Knieen sich erhob : für Sie , mein Beschützer , mein Wohlthäter , mein Vater , Rettung für Sie , für die Ihrigen , für Millionen Menschen , für unser großes heiliges Vaterland . Ich verstehe nicht was Du meinst , erwiederte voll Erstaunen der Fürst . Hier auf dieser Stelle möchte ich mein Herzblut vergießen , allem entsagen , was mir auf Erden am theuersten ist , wüßte ich dadurch Sie zu bewegen , auf mein Flehen zu hören : fuhr Richard aus vollem überströmenden Herzen fort . Ein unaussprechliches vorahnendes Gefühl verfolgt mich Tag und Nacht ; fürchterliche Angst , die mich so von hier nicht scheiden lassen will , Dankbarkeit , Pflicht , alles treibt mich , und sollte Ihr Zorn darüber ewig mich verfolgen , ich muß flehend Sie beschwören , o treten Sie zurück aus jenem fürchterlich entarteten Bunde ! vernichten Sie jene Rotte , deren teuflische Künste Sie und uns Alle zu umgarnen trachten ; jene sogenannten Söhne des Vaterlandes , die Tugend und Vaterlandsliebe auf der Zunge , über vom Fürsten der Finsterniß , im tiefsten Abgrunde der Hölle ersonnene Verbrechen brüten ; vor allem aber das würdige Werkzeug desselben , jenen gleißnerischen trügerischen Buben - - Das wäre es also ? das quälte Dich , und darüber , glaubst Du , könnte ich Dir zürnen ? Nein , wahrlich , auf diese Entdeckung mich vorzubereiten , bedurfte es so großer Umwege nicht ; unterbrach ihn sehr freundlich der sichtbar erleichterte Fürst . Guter , redlicher Mensch , wie könnte ich Deine Absicht verkennen ? komme nur wieder zu Dir selbst , fasse , beruhige Dich , und Du sollst erfahren , wie überflüßig Deine große Sorge war . Daß ich Dir immer Vertrauen schenkte , so viel Deine große Jugend und Deine Stellung im Leben dieses erlaubten , habe ich Dir oft mit der That bewiesen . Von diesem Augenblicke an verlasse ich mich auf Dich , wie auf mich selbst , und Du sollst alles erfahren ; doch laß uns das Wichtige mit geziemender Ruhe behandeln . Was Du verlangst , ist größtentheils vollbracht : fing der Fürst mit dem väterlichen Ausdrucke innigen Wohlwollens an , als Richard von jener gewaltsamen Aufregung sich völlig erholt hatte . Der Bund , den Du mit großem Rechte entartet nennst , zerstiebt einstweilen in sich selbst , und seine förmliche Auflösung , die doch nicht ganz unbemerkt vorüber gehen möchte , wird dadurch überflüßig . Gleich nach jener letzten großen Versammlung , die wohl keiner jemals vergessen wird , der ihr beiwohnte , hat eine ziemlich bedeutende Anzahl der Verbündeten vor dem Rathe der Alten den Wunsch um Entlassung aus demselben erklärt ; ohne Zögern ward er jedem mit der Versicherung gewährt , daß der Bund ohnehin als völlig aufgelöset zu betrachten sei . Zwar haben wir schon früher denen , die in ihrem Eifer etwas lauer zu werden schienen , das Nämliche aus Vorsicht gesagt , doch diesesmal verhält es sich wirklich so ; der Bund ist völlig im Verfalle und seinem Ende nahe ; wer nicht Muth genug besitzt , um förmlich ihm zu entsagen , der tritt schweigend zurück , oder verreiset auf einige Zeit ; und zu diesen letztern zählen sich Männer von großer Bedeutung , die einst zu den ersten Stiftern unsrer Verbindung gehörten . Richard war jetzt nicht nur ruhig genug , um ein sehr aufmerksamer Zuhörer zu sein , er hatte auch sogar den Muth gewonnen , einige Zweifel an der wirklichen Aufhebung des Bundes zu äußern , vor allem aber sein bittendes Warnen in Hinsicht auf den Obrist Pestel zu wiederholen . Ich bitte mir hierin unbedingten Glauben zu gewähren , der Bund sinkt schnell , ohne äußeres Zuthun , und deshalb um so unaufhaltsamer seiner völligen Auflösung zu ; erwiederte Fürst Andreas . Seit jener Nacht hat keine große Versammlung wieder Statt gehabt ; doch während Du an Iwans Krankenbette wachtest , sind wir nicht müßig geblieben ; eine kleine Auswahl wahrhaft wohlgesinnter Freunde hat oft sich versammelt , um sich über das was zuvörderst Noth thut zu berathen ; daß Pestel nicht in ihrer Mitte war , brauche ich wohl nicht zu versichern . Er und sein Thun sind uns jetzt kein Geheimniß mehr ; wir kennen ihn jetzt , jenen eifrigen Verfechter der Freiheit , der alles vor sich niedertreten möchte , um sich selbst zu erheben . Das Lügengewebe liegt ausgebreitet vor uns , mit dessen Hülfe es ihm damals gelang unsern Sinn zu verwirren , so daß er jenem Abgrunde des Verbrechens uns zutreiben konnte , vor welchem des armen Iwans ausbrechender Wahnsinn wie durch ein Wunder uns bewahrte . Entlarvt steht er vor uns , der große Künstler , und es wird keines zweiten Wunders bedürfen ; wir kennen ihn jetzt , und das sichert vor ihm und seinen Künsten . All ' unser Wollen und Beabsichtigen war rein , wie das Licht der ewigen Wahrheit , ehe jener aus List , Ehrgeiz , und nichts heilig achtendem Egoismus zusammengesetzte Fremdling , in unsern engen Freundeskreis sich einzuschleichen wußte ; fuhr der Fürst im Verlaufe des immer ernster und angelegentlicher sich gestaltenden Gesprächs fast klagend fort . Unsre Pläne für das allgemeine Wohl des Vaterlandes waren solcher Art , daß selbst die große edle Seele unsers Czaars , den Gott uns noch lange erhalten möge , weder seinen Beifall , noch selbst seine Unterstützung ihnen versagt haben würde , wären wir mit der Ausbildung derselben nur so weit ins Klare gekommen , daß wir sie , wie es unser fester Wille war , ihm hätten vorlegen können . Doch Pestel wußte dieses heimlich zu verhindern ; gleich einem geschickten Taschenspieler leitete er durch allerlei Künste unsre Aufmerksamkeit von dem Punkte ab , dem wir sie ausschließend hätten zuwenden sollen . Nicht Abänderung einiger verjährten Mißbräuche , die für unsre Zeit nicht mehr passen , nicht Verbesserung der Zustände , wie sie jetzt noch bestehen , will er mit uns vereint herbeiführen . Alles umwerfen , alles vernichten , und dann auf rauchenden Ruinen sich einen Thron erbauen , das ist sein Plan , den wir glücklicher Weise jetzt durchschauen . Im engern Kreise stellt er uns immerwährend die vereinten Staaten von Nordamerika als Vorbild auf ; immer läßt er die unsinnige Idee durchblicken , dieses unübersehbar große Reich in eine Republik umzuwandeln . Unser Washington möchte er werden ; er ein Washington ! eher ein Bonaparte , wenn Glück , Talent und Gelegenheit ihn wie diesen begünstigen möchten , und die ewige Barmherzigkeit zwei solcher Zuchtruthen , so schnell auf einander folgend , auf die kaum befreit aufathmende Welt herabsenden wollen könnte . Die blutigen Gräuel wilder Anarchie , welche zur Zeit des Terrorismus unter Marat , Robespierre , und den übrigen Hyänen in Menschengestalt das unselige Frankreich verwüsteten , sind , wie er behauptet , hier durchaus undenkbar ; denn , spricht er , in Paris ging die Revolution vom Pöbel aus , hier wird sie von der Armee ausgehen ; aber zu seinem eigenen Verderben wird er erfahren , in welchen ungeheuern Irrthum er verfallen ist . Zwar unterläßt er nichts , was dazu dienen kann , den Soldaten gegen seinen Oberherrn zu erbittern ; wir folgen ihm auf jedem seiner Schritte , und es entgeht uns nicht , wie er mit unmenschlicher Härte , oft sogar schreiend ungerecht , leichte militairische Vergehungen bestraft , und dann es heuchelnd bedauert , durch expressen Befehl von höchster Hand zu so unbilliger Strenge gezwungen zu sein . Doch es wird , es kann ihm nie gelingen ; der russische Soldat ehrt Gott wie seinen Kaiser , und seinen Kaiser wie Gott ; in dem rohen aber treuen Sinne dieser einfachen unverbildeten Gemüther , schmilzt der Begriff von Beiden in Eins zusammen . Sobald Pestel und seine Genossen irgend eine Äußerung wagen , die mit dem natürlichen Pflichtgefühle des gemeinen Soldaten nicht ganz vereinbar ist , frägt dieser gleich : ist das aber nicht gegen unsern Eid ? und weiß der Kaiser darum ? Einige Stunden waren in diesem , für beide Theilnehmer gleich interessantem Gespräche unbemerkt vergangen ; denn daß Fürst Andreas nicht immer allein das Wort führte , und über vieles weitläuftiger sich verbreitete , was hier enge zusammen gedrängt erscheint , bedarf wohl kaum erwähnt zu werden . Mitternacht war vorüber , die unvergleichlich schöne kurze Sommernacht des hohen Nordens begann schon dem Tage zu weichen . Heller und immer heller flammte es im Osten auf , den nahen Aufgang der Sonne verkündend , als endlich Richard mit sehr erleichtertem Gemüthe von seinem hohen väterlichen Freunde Abschied nahm . Sein Weg führte an dem Hotel des Grafen Stephan ihn vorüber , den er , auf mancherlei Weise daran verhindert , seit längerer Zeit nicht gesehen . Tiefe nächtliche Stille deckte noch das große Gebäude ; für den Abschiedsbesuch , den er hier abzulegen sich vorgenommen , war es jetzt beides , zu spät und zu früh geworden . Er wandte daher ohne Säumen sich seiner Wohnung zu , wo er Iwan noch schlafend , und für sich selbst noch ein paar Stunden zum Ausruhen zu finden hoffte . Zu seinem Erstaunen kam Iwan schon völlig reisefertig ihm beim Eintritte entgegen , und drang mit fliegender Ungeduld auf augenblickliche Abreise . Nur fort , nur fort aus dieser geschniegelten Welt , rief er in fieberhafter Hast : hier brennt der Boden mir unter den Sohlen , ich kann nicht athmen , der Himmel lastet schwarz und schwer , gleich dem Deckel eines Sarges , auf mir , und nur daheim in meinen Bergen weht frische Lebensluft . Zweiter Theil Vorwärts , nur immer vorwärts ! trieb Iwan unaufhörlich , abwechselnd bittend und fluchend , in fieberhafter Rastlosigkeit . Große Staubwolken wirbelten zum Himmel auf , die kleinen zottigen Pferde keuchten in fliegendem Galopp , unter fortwährendem Peitschenknallen der durch unerhörte Trinkgelder zu unerhörten Thaten begeisterten Postillione , vor der leichten Kibitka . So ging es , bei Sonnen- und Mondenschein , bergauf bergab , die langen heißen Tage , die wundervollen lauen Nächte hindurch , bis endlich Moskau erreicht war . Nur wenn glücklicher Weise einmal am Wagen etwas brach , ein Pferd stürzte , oder die Räder bei der übergroßen Eile in Brand geriethen , nur durch solch einen willkommnen Zufall war es Richard einigemal gelungen , eine kurze Zeit zum Ausruhen zu gewinnen . Doch durfte diese erzwungene Ruhe nie zu lange währen , wenn Iwans krankhafte Ungeduld nicht bis zum Unerträglichen sich steigern sollte . Der Unglückliche glaubte dann in jedem auf ihn zuschreitenden Reisenden den Boten zu sehen , der gesandt sei ihn gewaltsam zurück nach Petersburg zu führen , und brach in so ängstliche herzzerreißende Klagen aus , daß Richard der eigenen Ermüdung darüber gern vergaß , und die Fortsetzung der Reise auf jede Weise zu beschleunigen suchte , aus Furcht , Iwan könne bei längerem Verweilen zurück in seinen vorigen trostlosen Zustand , oder wohl gar in unheilbaren Wahnsinn verfallen . In unglaublich kurzer Zeit hatten die Reisenden auf diese Weise den weiten Weg bis Moskau zurückgelegt , ohne einen bedeutenden Unfall zu erleiden . Der Anblick der ihm wohlbekannten Plätze und Straßen , der Häuser und Paläste , wirkte beruhigend auf den sonst rastlosen Iwan . Er rief jene genußreiche Zeit ihm zurück , die er bald nach der Trennung vom Vaterlande hier verlebte ; hierher war er mit frischen Sinnen , ein mit dem ernsteren Gange des Lebens noch unbekannter Neuling in der Welt , zuerst gekommen ; warum , dachte er , sollte er von hier aus , wo er schon auf halbem Wege sich befand , nicht wieder in sein Vaterland zurückgelangen können ? Ein wunderlicher Schluß , wie er wohl in einem so tief und so schmerzlich zerrütteten Geiste nur entstehen konnte ; aber er besänftigte doch die bis aufs höchste getriebene Spannung seiner Nerven . Iwan fing an sich ermüdet zu fühlen ; zum erstenmal seit Petersburg erblickte er im Spiegel seine bis zum Unkenntlichen veränderte Gestalt , und verlangte jetzt selbst sich hier einige Tage zu erholen . Nein , sprach er : so darf meine Mutter ihren Sohn nicht wieder finden , sie könnte den Tod davon haben ! ich halte es hier wohl einige Zeit aus ; sehe ich doch schon einzelne Gestalten in der Tracht meines Landes an meinem Fenster vorüber ziehen , schallen doch schon zuweilen einige Töne aus meiner Muttersprache erquicklich zu mir herauf , auch wehen heimathliche Lüfte mich schon an , und ermuthigen mir zum schönsten Hoffen das gesunkene Herz . Richard trachtete vor allem den Freund in dieser heilsamen Stimmung zu bestärken ; er führte , freilich mit großer Auswahl , einige seiner früheren Bekannten ihm zu , um ihm die Zeit zu verkürzen , und hielt sich und seinen Freund für völlig geborgen , als er durch einen glücklichen Zufall einen wohlhabenden in Moskau etablirten Teppichhändler aus Tiflis auffand , der mit seiner Vaterstadt unaufhörlich in Handelsverbindungen stand . Dmitry , so hieß der gute freundliche Mann , schloß jetzt seinen Laden gern ein Stündchen früher als gewöhnlich , um regelmäßig jeden Abend zu seinem Landsmanne zu eilen , und über einer Pfeife ächten türkischen Tabak , von dem geliebten Vaterlande , und auch von Iwans Familie sich mit ihm zu unterhalten , die er früher persönlich gekannt hatte . Während Iwan auf diese Weise beschäftigt , recht gern in seinem Zimmer blieb , gelassen der Ruhe pflegte , und nur fleißig im Spiegel nachsah , ob er bald im Stande sein würde vor seiner Mutter zu erscheinen , ohne sie allzu sehr zu erschrecken , lebte Richard ganz ungehindert in den Erinnerungen , freudigen und trüben , die hier bei jedem Schritte , tausendfach gestaltet , sich ihm entgegendrängten . Von seinem Herzen unwiderstehlich gezogen , galt sein erster Ausgang dem jetzt verödeten Palais des Fürsten Andreas . Indem er quer über den Vorhof dem einzigen jetzt offenen Seiteneingange desselben zuschritt , fiel eine aus diesem heraustretende Gestalt durch ihr seltsames Benehmen ihm auf ; ein alter Russe , in der noch immer unter dem Bürgerstande üblichen Nationaltracht , mit einem , die ganze untere Hälfte des Gesichts verbergenden , sehr respectablen schneeweißen Barte , der von einem Ohre bis zum andern reichte , und ungewöhnlich lang , sich stattlich über die Brust hinbreitete . Die Augen blinzelten kaum sichtbar unter den grauen , buschigen Augenbrauen hervor , und eine große Mütze , mit tief hereingehenden Ohrenklappen , verdeckte fast gänzlich den übrigen Theil des Gesichts . Indem er an Richard vorüber ging , schien er wie erschreckt zusammenzufahren , maß ihn dann mit schnellem scharfem Blicke , wandte aber sogleich den Kopf nach der andern Seite , als Richard ihn anreden zu wollen schien , und eilte schneller davon , als man es seinem Alter hätte zutrauen sollen . Die ganze abenteuerliche Figur hatte etwas Lächerliches , aber auch zugleich Grausiges ; Richard , als sie an ihm vorüber geglitten war , konnte es nicht lassen sich noch einmal nach ihr umzusehen ; sie war verschwunden , der Hof war leer , doch als er schärfer hinblickte , wurde er den Weißbart draußen , hinter dem offenstehenden Thürflügel gewahr , wie er durch die Spalte zwischen Thür und Angel ihn beobachtete . Schon wollte Richard auf ihn zueilen , um ihn um den Grund seiner sonderbaren Aufmerksamkeit zu befragen , doch eben trat einer der Diener des Fürsten in den Hof hinaus , der ihn sogleich erkannte ; das überlaute Freudengeschrei , das er erhob , versammelte in einem Augenblicke die ganze Dienerschaft , vom Höchsten bis zum Geringsten um Richard her , lauter treue ihm wohlbekannte Gesichter , welche der Fürst zum Schutze und zur Erhaltung der Ordnung in seinem Hause gelassen . Sie umfaßten seine Kniee , küßten seine Hände , seine Schultern , seine Arme , sogar seine Stiefeln , den Saum seiner Kleider , und er hatte in dem allgemeinen Jubel nicht Hände , nicht Athem , nicht Worte genug , um jedem Einzelnen zu danken , jeden Gruß besonders zu erwiedern ! Eine Freude war unter diese treuen Seelen gekommen , als ob einer der Söhne ihres Herrn , ja ihr Herr selbst , unvermuthet heimgekehrt wäre . Und als nun der erste freudige Tumult sich gelegt , Richard wie im Triumphe in die Wohnung des Kastellans geführt worden war , da ging es an ein gegenseitiges Fragen und Erzählen , ohne Anfang noch Ende ; die Stunden flogen , Richard hatte sich verspätet , ehe er sich dessen versah . Um schneller nach Hause zu gelangen , warf er sich in eine der immer bereit stehenden Droschken ; nach dem seltsamen Weißbart sich zu erkundigen , wie er es sich vorgenommen , hatte er über all ' den Jubel vergessen , und würde schwerlich seiner wieder gedacht haben , hätte er nicht beim Aussteigen vor der Thüre seines Hotels ihn ebenfalls in einer Droschke , in welcher er wahrscheinlich der seinen gefolgt war , langsam an sich vorüber fahren gesehn . Von nun an bemerkte er überall die nämliche räthselhafte Gestalt ; wohin er sich auch wenden mochte , erblickte er sie , doch nie in solcher Nähe , daß er sie hätte anreden können ; so oft er dieses auch versuchte , gleich war sie verschwunden , er wußte selbst nicht wie noch wohin . Richard fing allmälig an , dieses Abenteuer bedenklich zu finden ; die mancherlei im Schwange gehenden Sagen von der Unsicherheit der Gegenden , durch welche der doch noch vor ihnen liegende Weg sie führen mußte , stiegen in abschreckender Gestalt vor ihm auf . Er gedachte der Räuberhorden , der furchtbaren Tschetschen und Tscherkessen , welche sogar an jenem letzten unvergeßlichen Abende in Petersburg sein edler Beschützer warnend erwähnt hatte . Wie , wenn jener mich so auffallend verfolgende Alte ein , mit einer jener Räuberbanden in Verbindung stehender Kundschafter wäre , der in irgend einem abgelegenen Winkel uns ihrer überlegenen Zahl ausliefern wollte ? dachte er . Es kam ihm selbst fast lächerlich vor , doch konnte er den einmal gefaßten Gedanken nicht wieder los werden , und begab sich zu dem des Landes kundigen Dmitry , um sich mit diesem darüber zu besprechen ; doch indem er dem Hause desselben sich näherte , sah er zu seinem höchsten Erstaunen den räthselhaften Weißbart aus demselben hinaustreten , der , sobald er seiner gewahr wurde , sich mit bewundernswürdiger Leichtigkeit in seine bereit stehende Droschke warf , und über Hals und Kopf davon jagte . Wer war das ? fragte Richard ihm unverwandt nachschauend , ohne die vielen Komplimente zu beachten , mit welchen der aus seinem Laden ihm entgegen kommende höfliche Teppichhändler seine Freude über den unerwarteten Besuch ausdrückte , und ihn einlud näher zu treten . Wer war das ? fragte Richard noch einmal kurzweg . Wer ? wo ? wie ? wer das war ? wen meint Ihr , Herr ? erwiederte Dmitry und sah verwundert nach allen Seiten sich um . Ihr meint vielleicht den alten Grischa ? der eben bei mir , zum Geburtstagsgeschenk für seine Frau , einen recht schönen Teppich gekauft hat ? setzte er nach einigem Besinnen hinzu : ich habe ihn wohlfeil weggegeben , spottwohlfeil , sage ich Euch . Man sollte dergleichen nicht thun , es verdirbt den Preis , und die Zeiten sind schwer ; doch einem alten Bekannten zu Gefallen ! seufzte er , ächt kaufmännisch die Achseln zuckend . Einem alten Bekannten ? Ihr kennt den Mann , der eben von Euch wegfuhr , schon seit längerer Zeit ? fragte Richard nochmals , indem er mechanisch Dmitrys Einladung Folge leistete . Was sollte ich den alten Grischa nicht kennen ? kennt ihn doch halb Moskau ! war die Antwort . Er ist seines Zeichens ein Kaviarhändler , und wohnt unfern Eurem Hotel . Der Kerl ist ein Geck , wie Ihr schon aus seinem großen Barte ersehen könnt , auf den er sich nicht wenig einbildet , und den er , lange vor der Zeit , durch allerlei Salben sich künstlich so weiß gebleicht hat , weil das bei Einigen für eine große Schönheit gilt . Wie gesagt er ist ein Narr , aber in seinem Geschäft pfiffig und gescheit genug . Hat er doch ein Geld zusammengescharrt ! aber sein Kaviar geht auch weit und breit in der Welt umher , man sagt sogar bis nach Italien ! Nach Danzig , nach Hamburg , nach Berlin reisen seine Diener alljährlich mit großen Quantitäten , soviel ist gewiß . Richard bekannte , in welchem schweren Verdachte er den harmlosen Weißbart gehalten , und Dmitry meinte vor Lachen darüber zu sterben . Grischa ein Räuberhauptmann ! rief er einmal über das andre , und hielt sich die Seiten , während helle Thränen ihm über die Wangen rollten . Eigentlich ist mir das Ding wohl erklärlich : fing er an , nachdem er wieder ein wenig zu sich selbst gekommen war . Neben seinen übrigen vortrefflichen Eigenschaften hat er auch noch die , neugierig zu sein , wie eine Nachtigall . In diesen heißen Sommertagen hat er in seinem Handel wenig zu thun , da treibt er sich denn vom Morgen bis zum Abend in den Straßen herum , etwas Neues aufzuspüren ; läuft allen Fremden nach , ist aber zu blöde , um ihnen Rede zu stehen . Ihr , Herr , seid nicht der Erste , dem dieses auffällt . Der gastfreie Dmitry hatte während der Zeit die köstlichsten Erfrischungen , die in seinem Bereiche lagen , auftischen lassen , und fing jetzt an mit einem Anerbieten heraus zu rücken , dessen Annahme , wie er ein wenig sarkastisch lächelnd hinzusetzte , die Reisenden gegen die Angriffe des tapfern Grischa und seiner Bande genugsam sichern müsse . Längst schon , sprach er , rufen mich meine Geschäfte nach Nachitschewan , dem sehr anmuthig gelegenen und zugleich wohlhabendsten Handelsstädtchen im Lande ; es liegt am Wege nach Kislawodsk , wohin Ihr der Bäder wegen übermorgen abzureisen gedenkt , wie ich höre . Ich hätte schon längst mit meinen Korrespondenten in Nachitschewan einmal persönlich abrechnen sollen , aber der Weg ist weit . Die Reise ist zwar , besonders in dieser Jahreszeit , bei weitem nicht so beschwerlich , die Wege weder so gefährlich noch so unsicher , als Reisende , die oft gern den Mund etwas weiter aufthun als nöthig wäre , es beschreiben . Aber man legt ihn doch immer lieber in guter zahlreicher Gesellschaft , als allein zurück . Wollt Ihr mir nun übermorgen erlauben mit meinem eigenen Fuhrwerke , in Begleitung einiger meiner Diener mich Euch anzuschließen , so würde sie mir zur angenehmsten Spazierfahrt werden , und als einem des Landes Kundigen möchte es mir auch wohl gelingen , zu Euerer und Iwans Bequemlichkeit und Sicherheit mich als nicht ganz überflüßig auszuweisen . Nichts konnte erwünschter sein , als dieser Vorschlag , der sogleich freudigst angenommen wurde . Die Reise ging zur bestimmten Zeit , unter den glücklichsten Vorbedeutungen vor sich ; die beiden Kibitken nebst dem von mehreren Dienern begleiteten Packwagen des Kaufmanns , bildeten eine kleine ganz stattliche Karawane ; für reichlich gefüllte Flaschenkeller und Speisekober , so wie für alles , was sie in diesem , doch noch immer etwas unwirthbaren Lande , vermissen konnten , hatte Dmitry bestens gesorgt . Iwan ergab sich darein , allnächtlich zu ruhen , die fieberhafte Angst war von ihm gewichen , die zwischen Petersburg und Moskau ihn so gewaltsam vorwärts getrieben . Heitern Muthes durchzogen die Reisenden so manche lange , öde , unwirthbare Steppe , bis sie an die üppig blühenden Ufer des Don gelangten . Hier athmete Iwan schon heimathliche Luft ; vollkommen genesen , schwelgte er in der Vorempfindung des nahen Wiedersehens , während Richard , durch Dmitry jeder Sorge um seinen Freund enthoben , der ihm neuen Welt sich freute , die ihn umgab . Alles entzückte ihn , der reine blaue Himmel , der schöne Strom , den zahllose Schiffe und zierlich bemalte Barken belebten , die vielen Städtchen und Dörfer , die an seinen Ufern sich hinziehen , denn Richard war weit davon entfernt gewesen , hier nur etwas dem Ähnliches zu erwarten ; Dmitry aber , aus purer Dankbarkeit dafür , daß sie bisher alles , was er für sie gethan , sich so wohl hatten gefallen lassen , verdoppelte seinen Eifer in der Vorsorge für die Freunde . Schon waren sie dem Ziele , das Dmitry zu ihrer Begleitung festgestellt hatte , ziemlich nahe ; sehr ermüdet von einer ungewöhnlich starken Tagereise langten sie , als die Sonne schon im Sinken war , in Rostow an , wo sie sich vorgenommen hatten zu übernachten . Rostow ist ein lebhaftes , sehr wohlhabendes Handelsstädtchen , hart am Ufer des hier ungewöhnlich fischreichen Don ; Fische sind daher das Haupterzeugniß des Ortes ; gedörrt , gesalzen , geräuchert , in allen nur erdenklichen Gestalten , werden sie von hier aus weit und breit umher verschickt ; Alt und Jung , Weiber und Kinder , sieht man überall , an allen Ecken und vor den Thüren der Häuser , mit der Zubereitung derselben beschäftigt , was freilich , besonders an warmen Sommertagen , die das Städtchen umgebende Atmosphäre eben nicht zur angenehmsten macht ; man muß daran gewöhnt sein , um sie ertragen zu können . Ungeachtet ihrer Ermüdung , und obgleich Rostow eigentlich der Punkt war , wo ihr Weg von dem ihres bisherigen treuen Begleiters sich trennte , gaben die Reisenden doch dem Rathe und den Bitten des Dmitry gern Gehör , die wenigen Werste nicht zu scheuen , und ihm vollends bis Nachitschewan ihre Gesellschaft zu gönnen . Es war schon späte Nacht , als sie dort vor dem Hause eines armenischen Kaufmannes , Namens Ilia anlangten , der , ein Gastfreund ihres Freundes , sie sehr zuvorkommend empfing , und sogleich in die , dem Anscheine nach längst für sie bereit gehaltenen Zimmer führte . Das ganze freundliche Städtchen Nachitschewan bildet eigentlich einen einzigen großen Bazar . Mit den köstlichsten , wie mit den gewöhnlichsten Erzeugnissen des Orients angefüllte Magazine und Läden , nehmen fast durchweg den ersten Stock der Häuser ein , und in den mannigfaltigsten Trachten drängt lautes buntes Gewimmel von Käufern und Verkäufern sich in den lebensreichen Straßen . Auch auf dem schönen Strome , der längs den Mauern des Städtchens sich hinzieht , geht es nicht minder lebhaft zu ; ein- und ausladende , kommende und gehende Schiffe und Barken kreuzen durch einander in immer reger Beweglichkeit . Hier zieht ein Fischer das schwer beladene Netz aus den im Morgenstrahle wie Silber erglänzenden Wellen , dort wirft ein Andrer das Seinige aus , während an den blühenden Ufern , unter fröhlichem Sange und Gelächter , hoch aufgeschürzte Mädchen einen Regen blitzender Diamanten aus ihren bunt gemalten Gießkannen über ihr bleichendes Garn hinströmen lassen . Zum erstenmale seit langer Zeit saß Richard im Erker des freundlichen Zimmers , das der gastfreie Ilia ihm