. Ich gehe oft aus einer Stube in die andere , als wenn ich was suchte , und wenn ich mich dann besinne , ist es bloß , daß Du mir fehlst . Ja , wo der Hausherr nicht ist , da ist das ganze Haus verödet . Ach , Liebster , es ist ja auch gut und hübsch hier . Aber freilich , treibe dort nur Dein Geschäft zu Ende , freue Dich an der Reise und mit Deinem Freunde , nur denke auch hübsch oft an mich und bleibe mir gut dort unter allen den wildfremden Menschen , die es doch niemals so gut mit Dir meinen können , wie sie sich auch anstellen mögen , als ich , Deine getreue Friederike . Dieses Blatt versetzte den jungen Meister unmittelbar in die rührende Beschränktheit seines bürgerlichen Verhältnisses . Er sah sein Hinterstübchen vor sich , den Hofraum , die aufgeschichteten Bretter , den duftenden alten Nußbaum , in dessen Blättern die Abendröte spielte , er vernahm das Geräusch seiner arbeitenden Gesellen und den rührenden , herzlichen und heitern Ton seiner Friederike . Er mußte sich fragen , wie er denn in diese Umgebung gekommen sei , und was er hier wolle . Plötzlich mit allen seinen Gefühlen aus dem Taumel herausgerissen , der ihn bis jetzt umkreiset hatte , erinnerte er sich mancher wunderbaren Erzählung , wie ein Mensch verzaubert und gebannt sein könne , daß er sich , trotz seines bessern Willens , den ihn fesselnden Kreisen nicht zu entziehen vermöge . So gemahnte er sich . - Er ging unwillig , unbestimmt im Zimmer auf und ab , setzte sich an das Fenster , öffnete dies , schaute über den Garten hinweg in das Feld hinaus und suchte eigentlich nach Gedanken , um diesen verwirrenden Empfindungen zu entgehen . So traf ihn Elsheim , der ihn aufsuchte und besorgt forschte , ob jener Brief auch keine betrübenden Nachrichten enthalte . » Nein , Liebster « , sagte Leonhard , » aber wie sehr ich mich beschämt fühlte , als du mit deiner Geistesgegenwart jenen italienischen Brief improvisiertest , damit ich nur nicht als Tischlermeister in eurer Mitte stände , kann ich dir nicht ausdrücken . Seh ich nun Säge , Hobel , die Gerätschaften dort im Saale an , so ist jeder Ruck des Instruments , jeder Aufschrei desselben für mich wie ein höhnender Vorwurf . « » Du hast meiner Freundschaft dich und deine Zeit aufgeopfert « , sagte Elsheim , ihn begütigend . » Du hattest selbst Lust an dieser Reise , deine Maskerade ist jetzt nicht mehr aufzuheben , und du kannst mir nur danken , daß ich dich nicht für einen Reichsgrafen ausgegeben . Als solchen würden dich die alten Mütterchen und Bitterfeld so in Untersuchung und ins Gebet nehmen , daß deine Unwissenheit in Genealogie und Stammbäumen bald an das Tageslicht käme , in der Architektur kannst du es aber hier gewiß mit allen aufnehmen . « » Und morgen also ? « » Ja morgen , Freund Leonhard , läuft nun das große gewaltige Kriegsschiff vom Stapel . Ich habe mit meiner Mutter noch viele Kämpfe gehabt . Da hat sie die Schwester meines Vaters einladen müssen , die zwölf Meilen von ihrem Kloster herkommt , wo sie protestantische Äbtissin ist . Diese Dame hat eine Zeitlang in Paris gelebt , sie hat in der Jugend am Hofe eines Fürsten Racines Andromaque französisch deklamiert und gespielt , zum Erstaunen , wie man erzählt , aller Menschen . Wird also in ihrer Familie Komödie gespielt , so würde sie , wie meine Mutter sagt , es für die allergrößte Beleidigung halten , wenn man sie als Kennerin und ausgemachte Künstlerin nicht dazu beriefe . Sie bringt nun gar noch eine Fürstin mit , eine alte Dame , die wenigstens den Titel Durchlaucht verlangt . Diese furchtbare Fee geniert selbst meine Mutter . Ein Minister-Resident des benachbarten Hofes hat sich auch melden lassen , so daß wir , da das Haus schon besetzt ist , fast in Verlegenheit kommen , wo wir alle diese vornehmen Gäste einquartieren sollen . Ich hatte es mir anfangs so schön ausgedacht , daß wir alle diese Späße so ganz unter uns treiben sollten , von allen Kritikern fern und unbeachtet , und nun drängen sich Auge und Nase aus den Zeiten Louis quatorze in unsern Saal . « » Und dabei die Darstellung selbst « , erwiderte Leonhard , » wie weit sind wir doch von unserer Absicht weg verschlagen ! Wenn Goethe während der Aufführung in den Saal träte müßten wir uns nicht schämen ? Ist es doch , als habe man aus Bosheit sein Werk in das Komische übersetzen wollen . « » Ich gebe es zu « , erwiderte Elsheim verdrüßlich , » daß es durch meine Schuld geschehen ist ; gehen wir aber auch nicht zu weit . Die Hauptperson abgerechnet , macht sich das übrige sehr gut ; manches sogar über meine Erwartung . « Aber eben die Hauptperson , meinte Leonhard , um die sich doch das ganze Gedicht drehe , wenn diese so völlig von aller Natur und allem Menschlichen abweiche , so müsse ja , möchten die andern tun , was sie wollten , die Darstellung zur Farce herabsinken . » Lassen wir der Galeere ihren Lauf « , erwiderte Elsheim ; » mag sie sehen , wie sie mit Wind und Wellen zurechtkommt . « Indem fuhren mehrere Equipagen vor ; es waren die vornehmen Gäste , und Elsheim eilte hinunter , um sie zu empfangen und zu bewillkommnen . Im Gartensaal war nun große Verwirrung und viel Durcheinanderlaufen von Herrschaften und Domestiken . Emmrich , Leonhard und die jungen Mädchen hatten sich entfernt , um die Unruhe nicht zu vermehren und um ihre Rollen für den morgenden Abend noch einmal genau durchzugehen . Als man unten im Saal etwas beruhigt und zum Sitzen gekommen war , sagte die Äbtissin zur Wirtin des Hauses : » Ja , ma chère soeur , so sehen wir uns doch noch einmal wieder , und zwar führen uns die Musen selbst zusammen . Aber , Liebe , wie ich auch in der Littérature dramatique bewandert zu sein glaube , von diesem Götz eines gewissen Herrn von Berlichingen habe ich noch niemals etwas vernommen . « » Er ist mir auch ganz unbekannt « , antwortete die Mutter , » und ich habe mich auch jetzt nicht weiter um die Sache bekümmert , weil mir alles neu bleiben soll , und ich mich gern überraschen lasse . « » Da es keine Tragédie ist « , sagte die Äbtissin , » so hast du nicht ganz unrecht , ma soeur . « » Die Berlichingen « , fing der Reichsgraf an , » sind eigentlich , soviel ich weiß , ein fränkisches Geschlecht . Es sind aber auch Berlichingen im östereichischen Dienst . Vielleicht rührt also das Gedicht von einem jungen Wiener Poeten her . « » Sie haben recht , Graf « , fiel die Äbtissin bei ; » ein anderer österreichischer Cavalier , der zwar jetzt nicht mehr jung sein kann , gab uns ja damals den Postzug oder die noblen Passionen . Der große Friedrich von Preußen erklärt diese Produktion für das beste deutsche Theaterstück . Dieses Urteil machte dazumal dem Cavalier , dem Herrn von Ayrenhof , sehr viele Ehre . « » Gnädige Tante « , antwortete Elsheim , » das Stück selbst heißt : Götz von Berlichingen , und Goethe ist der Verfasser desselben . « » Dank , mon neveu « , erwiderte sie ; » nun orientieren Sie mich einigermaßen . Ah ciel ! wenn mich mein Gedächtnis nicht ganz täuscht , so wird dieser Monsieur Goethe auch in derselben Schrift des höchstseligen Königs erwähnt . O ma soeur , da wirst du ein monstre zu sehen bekommen , ein ganz geschmackwidriges Ungeheuer . Da sind alle Einheiten verletzt , und keine Kunst und keine Schönheit zu hoffen . O mon neveu ! daß die Jugend so gern von der Regel abweicht , denn Sie haben ja das Ding eingerichtet . « » Wenn ich nur überrascht werde « , sagte die Mutter , » so frage ich nach den sogenannten Regeln nicht so gar viel . « » Und verwechseln Sie nicht , Gnädigste « , fiel der Reichsgraf ein , » diesen mir unbekannten Dichter Gotha mit jenem Engländer Shakespeare , gegen den , wie ich mich etwas dunkel erinnere , der Zorn des Monarchen sich vorzüglich wendete . « » Kann sein « , antwortete die Dame , » denn ich bin seit lange der critique und den belles lettres etwas fremd geworden . « An diesem Abend speiseten die Fremden , die spät angekommen waren , mit dem älteren Teil der Gesellschaft und begaben sich früh zur Ruhe ; die künstlerischen Personen legten sich mit einiger Besorgnis nieder , wie das unternommene Wagestück morgen gelingen und ausfallen werde ; nur Baron Mannlich war völlig sicher und sorglos , weil er seinem Talent unbedingt vertraute . Aurora führte nun auch diesen wichtigen Tag herauf , und wenn man die Künstler beobachtete , so war es nicht zu verkennen , daß die meisten in einer großen Aufregung sich befanden . Sie aßen an der Mittagstafel nur wenig und verfügten sich eilig in ihre Zimmer , die Umkleidung zu bewerkstelligen . Schon in den letzten Tagen war mit Schneidern und Näherinnen vielfach verhandelt worden ; jetzt wurden noch die letzten Verbesserungen vorgenommen . Endlich wurden auch nach und nach die Lampen angezündet , und man hörte schon hinter dem Vorhange das Wogen und Rauschen der Eintretenden , und wie verschwimmende Laute das mannigfaltige Gespräch . In reichen seidenen Armsesseln saßen vorn die Baronesse Elsheim und die Äbtissin , sowie die Fürstin und der Reichsgraf ; auf gewöhnlichen Stühlen einige geladene Gäste aus der Nachbarschaft ; etwas von den Herrschaften entfernt die Dienerschaft des Schlosses und Landleute , Untertanen des Barons , denen Elsheim diese Freude gönnen wollte . Von den Gerichtspersonen , die vor einiger Zeit bei der Übergabe des Gutes an Elsheim waren beteiligt gewesen , hatten sich einige auch die Erlaubnis ausgebeten , an diesem Abend sich wieder einfinden zu dürfen . So war der große Saal ziemlich angefüllt , und so ruhig sich auch , aus Respekt vor den Herrschaften , die Landleute hielten , so vernahm man doch in halblauten Gesprächen , wie sie alle , die wohl noch nie ein Schauspiel gesehen hatten , auf das Heben des Vorhanges und die Entwickelung der Darstellung neugierig und gespannt waren . Mannlich , als Regisseur , stand schon mit seiner Klingel in der Hand bereit . Das Theater war leer , und Leonhard hatte eben mit Lachen die kleine Dorothea betrachten müssen , die sich in dem zu großen Küraß des Hans komisch , aber allerliebst ausnahm . Die erste Szene in der Schenke blieb weg , und das Stück sollte sogleich mit dem Monologe des Götz beginnen . Die Szene war daher Wald , und vorn als Seiteneinsatz das Wirtshaus . Aus dem offenen Fenster desselben , in der Kulisse stehend , lehnte jetzt Leonhard , als Mönch gekleidet . Er erschrak fast , da jetzt von gegenüber Charlotte , als Adelheid , hereintrat , im weißen Atlaskleide ; im vollen braunen Haar einen leichten Kranz von Myrten und weißen Rosen ; Hals , Schultern und ein Teil des schön gewölbten Busens frei . Leonhard hatte nie geglaubt , daß weibliche Schönheit so groß und glänzend , so bezaubernd einhertreten könne . Wie schalt er jetzt auf sich , daß er sonst oftmals auf geschminkte Weiber im moralischen Zorne gescholten hatte Denn nur mittelst der Schminke konnten beim Schein der Lichter diese dunkeln Augen so überirdisch glänzen , nur gegen aufgetragenes Rot Stirn und Augenbraunen von den Wangen durch reinen Glanz so abstechen . Um so mehr leuchteten dadurch Busen und Schultern . Während er noch diese Betrachtungen anstellte , trat sie zu ihm , stellte sich an das Fenster und sagte , indem sie ihm das Buch reichte : » Ach , lieber Leonhard , ich bin so ängstlich , überhören Sie mir schnell noch einmal die ersten Reden meiner Rolle , ob ich auch sicher bin . « Er nahm das Buch , und sie stand , nur durch die leinene Wand von ihm getrennt , dicht neben ihm sie sah mit in das Buch , das er ihr hinhielt , und so kam von selbst die Hand , welche die Blätter hielt , auf den schönen festen Busen zu liegen . Sie sagte die Worte her , und er half ein . » Nun die Stelle « , rief sie , » wo ich immer am unsichersten bin . « Sie zeigte mit den Fingern , etwas mehr umgewendet , in die Schrift , und so drückte sie seine zitternde Hand fester auf den Busen . Er konnte die Stelle , die sie suchte , nicht finden , sie sah vom Buche auf und ihn lächelnd an , doch , indem sie den Mund öffnete , um zu sprechen , erscholl die Klingel des Regisseurs , und sie schlüpfte hinter die Szene . Nach einer kurzen Musik hob sich der Vorhang . Leonhard verließ träumend und seltsam bewegt seinen Standpunkt , um hinter dem Walde wegzugehen , damit er als Mönch von der anderen Seite hereinkommen könne . Er hörte nichts von dem zu laut gesprochenen Monolog des Götz ; er sah den kleinen liebenswürdigen Georg nicht , bei dessen Erscheinen der ganze Saal von lautem Gelächter erscholl ; er dachte einzig an die unbillige Rüge seines Freundes , der Charlotten mit jenen grell funkelnden Kunstblumen verglichen hatte , die aus der Folie geschlagen werden . Er mußte sich sagen , daß Gold , Demant und Edelstein , Blume und alles , was im Lichte schimmert und glänzt vor dem hellen Leuchten eines schönen weiblichen Körpers erblindet . Diese Betrachtungen waren ihm jetzt die natürlichsten , sie rissen seine Seele ganz in diese Anschauung und Fühlung hinein , und es kostete ihm einen harten und beschwerlichen Kampf , um auf sein Stichwort zu achten , welches nun bald ertönte , und das den ganz Zerstreuten auf die Bühne und vor die Blicke aller Zuschauenden hinrief . Es war ihm schwer sich zu sammeln , und seine ersten Worte zitterten ; doch fand er die Fassung wieder und sprach die Szene nun , um nicht in jenes undeutliche Lallen wieder zu geraten , zu stark . Als er an die Rede kam : » Und eure Weiber ? - Ihr habt doch eins ! - Und doch war das Weib die Krone der Schöpfung ! « sprach er mit einem unbilligen Enthusiasmus . Er war froh , als er seine Szene geendigt hatte und sich nun in das angewiesene Zimmer begeben konnte , um sich zum Lerse neu anzukleiden und anders zu schminken . Elsheim als Weislingen erschien sehr liebenswürdig . Sein weicher Ton , seine schlanke Gestalt und sein edles Antlitz imponierten den Zuschauern und rührten sie zugleich . Bei seinem Auftreten verschwand Mannlich als Götz völlig in ein Nichts . Dessen rohe Art , mit der er die Sprache behandelte , sein ungeschicktes Benehmen und die stets zu weit ausgreifende Gebärde fielen nun erst recht als unziemlich ins Auge . Die Tante als Elisabeth und Albertine als Marie waren zu loben ; ein hübsches Kindchen hatten die Frauen zum Carl gut abgerichtet , und so ging der erste Akt zum Wohlgefallen der meisten Zuschauer zu Ende . Weislingen hatte schon während des Spieles ein lautes störendes Schluchzen , welches zwischen den Kulissen hervortönte , und das er zu kennen glaubte , zu seinem Verdrusse vernommen . Sowie also der Vorhang fiel , ging er zu dem alten Förster , von dem diese Klagelaute herrührten , und der händeringend und stark weinend hinter dem Theater herumirrte . Der Alte gewährte in seinem Zigeunerkostüme und in seiner Verzweiflung einen fratzenhaften Anblick . Da er sich gar nicht zufriedenstellen wollte , und Elsheim einsah , wie die Sache sich im letzten Augenblick nicht einrichten ließe , er auch eine lächerliche Störung befürchtete , so gab er den Alten frei , der auch sogleich mit heulenden Jubel davonrannte . Weislingen nahm sich vor , nach seinem Tode selbst noch die kleine Rolle des Zigeunerhauptmanns auszuführen . Doch eine weit schlimmere Störung kam von einer ganz anderen Seite , denn das Schicksal hatte beschlossen , daß diese Sorgen Elsheims für heute anderen Platz machen sollten . Beim Umkleiden sagte Leonhard zu sich selbst : Wie ist mir denn ? Ich komme mir wie ein Knabe vor . Ist dies das erste Mädchen , welches mir jemals seine Gunst zu erkennen gab ? Es ist ja auch möglich , daß alles nur Zufall war und ohne Absicht geschah . Doch war ihr Blick von einer Freundlichkeit , mit der ihr Auge mich noch niemals angeschaut hat . Auch irre ich wohl nicht , wenn ich Schalkheit in diesem lächelnden Auge zu lesen glaubte . Er eilte , um so wenig als möglich die Szenen zu versäumen , in welchen Adelheid auftrat . Sie kam ihm bewundernswürdig vor , und immer tiefer wuchs dieses zauberhafte Wesen in sein Herz hinein . Es schien fast , als wenn Elsheim ungern seine Szenen mit Albertinen spielte , und als nun der überaus treuherzige , etwas rohe Selbitz auftrat , vernahm man im ganzen Saal eine Bewegung und das Summen eines ungeteilten Beifalls . Die Dienerschaft und die Landleute glaubten einen aus ihrer Mitte zu vernehmen , und dieser Charakter war ihnen um so lieber , weil sie den Darsteller , den Schulmeister , persönlich kannten und oft in der Schenke , oder in ihren Häusern ganz vertraut mit ihm umgingen . Die höchsten Herrschaften aber , die den Schauspieler nicht kannten , kamen darin überein , daß er der beste von allen sei und wahrscheinlich als ein vollendeter Künstler , von irgendeiner großen Bühne vom jungen Elsheim für dieses Spiel sei verschrieben worden . » Warum « , sagte die Fürstin , » hat man diesem Manne nicht die Hauptrolle übertragen ? « - Der Reichsgraf flüsterte der Fürstin und Äbtissin zu : » Aber bemerken Durchlaucht die unendliche Kunst des Mannes , mit welcher er seine Maske angeordnet hat . Wie hat er nur diesen unvergleichlichen Stelzfuß zustande gebracht ? Sollte man nicht schwören , das Bein sei ihm unterhalb des Knies wirklich abgenommen worden ? Und wie er mit dem scheinbaren oder wirklichen Holze stampfen kann , wenn er in Zorn gerät ! Ich vermute fast , dieser Selbitz ist der berühmte Iffland selbst , der nach Aussage von Kennern so einzig die Kunst sich zu maskieren versteht . « » Wäre das Stück nur nicht « , erwiderte die Erlauchte , » so ganz vom gemeinsten Charakter ! Das Dekorum und der Anstand sind doch nicht im allermindesten beobachtet . Wo hat der Autor diese Menschen nur aufzufinden gemeint , denn sie handeln und sprechen in einer Weise , die ganz an das Unmögliche grenzt . « » Wir Deutschen « , bemerkte der Reichsgraf , » sind noch zu sehr in Bildung und Kritik zurück . Und vollends jetzt ! Man hat , wie ich höre , die französischen Muster , die uns noch zur Richtschnur dienen konnten , völlig verlassen und will nun mit Sitten des gemeinen Mannes , mit Sprichwörtern und Provinzialismen , mit der ärmsten Bürgerlichkeit und der Roheit der ungebildeten Stände ein deutsches Wesen etablieren , das nun ebenso national werden soll , wie Racine und Corneille bei den Franzosen . So hat mich wenigstens ein gelehrter Freund versichern wollen . Und dies Ding , was wir hier vor uns sehen , ist offenbar jenem Shakespeare nachgeahmt , der auch Welt und Menschen nicht kannte , und in der Roheit seine Originalität suchte und fand . « » Sehr wahr « , erwiderte die Äbtissin , » und man sieht wohl , daß mein guter Neveu auch aus dieser seltsamen Schule herkommt . Aber er sieht hübsch aus in seinem Kostüme , nicht wahr , ma soeur ? « » Ich verstehe den Zusammenhang von der ganzen Sache nicht recht « , erwiderte die Mutter , » es ist weder eine Konspiration , noch eine Liebesgeschichte ; man erfährt immer wieder etwas Neues und muß darüber das vorige vergessen . Am meisten gefällt mir Albertinchen ; ich wollte , die weiche Personage wäre die Hauptperson , denn sie hat mich schon ein paarmal recht herzlich gerührt . Mein Sohn , das fürchte ich immer mehr , wird sich schlecht gegen sie betragen , und sich in die Stadtdame vergaffen . « » Die Adelheid , oder wie sie heißt « , fing die Erlauchte wieder an , » müßte sich aber ganz anders betragen , denn sie ist bei weitem nicht vornehm genug . « » Ja wohl « , sagte die Äbtissin . » Ah ! das verstand die Clairon , die ich noch in meiner allerfrühsten Jugend gesehen habe , ganz anders . Sie ist , diese junge Charlotte hier , viel zu liebenswürdig für ihre Rolle . « So war der zweite Akt vorübergegangen , und , als der Vorhang wieder fiel , lobten sich die Spielenden untereinander , und Adelheids Benehmen und ihr Ton wurden von allen bewundert . » Aber daß wir nur nicht unsere liebe herrliche Dorothea darüber vergessen « , rief Elsheim aus ; » was sind wir nicht diesem allerliebsten Fräulein für ihre Gefälligkeit schuldig ! Ohne ihre Bereitwilligkeit war das Stück unmöglich ; und welch ein schönes Talent hat sie entwickelt ! Ich halte diesen Georg für eine der wichtigsten Personen im Stück und für eine der schönsten Charakterzeichnungen , die uns der große Dichter nur jemals gegeben hat . « » Nun aber « , sagte Mannlich , » entwickelt sich erst im dritten Akt am meisten der heroische Charakter des Götz . Auch Georg tritt dreister auf , und der alte Selbitz hat die herrliche Szene , wo er verwundet unten am Turm liegt , in dessen Luke der Knecht hinaufsteigt . Da müssen wir uns recht angreifen . Wie schade , daß ich nicht zu Pferde kommen kann , wie es im Original vorgeschrieben ist . « » Ha ! was Pferde « , schrie der Schulmeister , indem er seine Krücke schwang ; » die können wir entbehren . Ich und der Baron Mannlich , wir wollen beide schon selbst so bestialisch wettern und rumoren , daß man keine andere Kreatur vermissen soll ! « Mannlich sah den Alten , der zu sehr begeistert war , von der Seite an und wußte nicht , was er ihm antworten sollte . Er eilte von der Bühne , um nachzusehen , ob alle Verwandlungen und Umkleidungen vorbereitet seien , damit man so bald als möglich den dritten Akt beginnen könne . In diesem Akt hatte Elsheim am meisten zusammenziehen müssen , weil die Szenen im Original zu schnell wechseln und eine ganz wörtliche Aufführung unmöglich machen ; doch hatte er mit großer Sorgfalt jeden charakteristischen Zug , jede schöne Rede beibehalten , nur waren die Reichstruppen und Götzens Leute mehr in ihren Szenen beisammen , und Elsheim hoffte , daß in dieser Zusammenziehung seine kleine Bühne so ziemlich schicklich das Gedicht darstellen würde . Da man in der Anordnung den Wechsel der Szenen mehr andeutete , als ihn wirklich ausführte , und ein vorgeschobener oder weggezogener Busch eine andere Landschaft vorstellte , so konnte man rasch vorschreiten und vereinigen , ohne daß der ursprünglichen Form des Gedichts zu sehr Gewalt angetan wurde . Selbst Mannlich , hingerissen von der Bewegung , spielte und sprach schneller , als in den vorigen Akten . Der Auftritt , in welchem Selbitz verwundet herbeigeführt wird , ward mit Präzision gegeben und fand vielen Beifall ; über die Reichstruppen wurde gelacht , und Götz hatte den vollständigsten Sieg davongetragen . Leonhard hatte sich wieder gesammelt , und gab seinen Lerse mit der einfachen Biederkeit , die ihm selbst so natürlich war , so daß er gegen Mannlich , der immer mit vollem Munde predigte , lebhaft kontrastierte . Früher schon hatten Adelheid und der Cadet als Franz ihre Szene vortrefflich gespielt , und Sickingen , der Professor , war in allen Auftritten so gehalten und ruhig , wie es sein Charakter erforderte . Georg erschien allen als unverbesserlich und darum noch mehr zu loben , weil man ganz vergaß , daß ein junges Mädchen diesen heroisch muntern Knaben spielte . Nun aber waren die bis dahin glücklichen Kämpfer in ihrer Burg eingeschlossen . Mannlichs Brust hob sich stärker , als gewöhnlich , und man sah es ihm an , daß er einen großen Moment , einen auffallenden Effekt präparierte . Er hatte schon von Sickingen und seiner Schwester Abschied genommen , und nun vernahm er von außen die Trompete und die Aufforderung , sich auf Gnade und Ungnade zu ergeben . Mannlich hatte durch seine tapfre und mutige Haltung jetzt die Meinung aller gewonnen ; selbst die hohen Herrschaften auf ihren Sesseln schwatzten nicht mehr und hatten sich einer gewissen Täuschung ergeben , als jetzt der Ritter dem Trompeter jene ungezogene Antwort gibt , die er freilich in seiner Lebensgeschichte aufgeschrieben , und die auch Goethe in den ersten Auflagen des Gedichtes beibehalten , nachher aber weggestrichen und bloß angedeutet hat . Mannlich aber , um dem echten Original und der Wahrhaftigkeit der Geschichte nichts zu vergeben , sprach mit der lautesten Stimme und in noch langsamerem Tempo , als sonst , noch gehaltener und jedes Wort und jede Silbe akzentuierend , die ganze Ungezogenheit schreiend aus . Es ist nicht leicht zu beschreiben , welche Wirkung diese deklamierte Stelle im ganzen großen , mit Menschen überfüllten Saale hervorbrachte . Es ist keine Übertreibung , wenn man behauptet , daß noch niemals ein dargestelltes Theaterstück so ungeheuer drastisch gewirkt habe . Die Bauern ergaben sich dem unmäßigsten Gelächter , die Dienstleute erschraken ; denn alle waren überzeugt , die Stelle sei vom Baron extemporiert , es sei irgend etwas auf dem Theater vorgefallen , und er richte sie im Zorn und in der Wut an jemand anders , als an den Trompeter . Die Gerichtsleute schmunzelten und bedeckten in der Verlegenheit ihre Gesichter mit dem Taschentuch . Wahrhaft furchtbar aber traf der Schlag in das Parterre noble . Die Erlauchte schrie laut auf und lag in Ohnmacht ; die Äbtissin bekam ihre Krämpfe und rief nach ihrem Kammermädchen und um Hülfe ; die Mutter , selbst einer Ohnmacht nahe , bemühte sich um die Freundinnen und rettete in lautes Weinen und Schluchzen ihre Besinnung ; der Reichsgraf rief scheltend nach Bedienten , und Weislingen , der , selbst erschreckt , aus den Kulissen diesen ungeheuern Aufruhr sah , der sich unten im ganzen Saal erhob , denn alles war aufgestanden und lief durcheinander , sprang schnell über das Orchester hinweg vom Theater herunter zu seiner Mutter und der hilfsbedürftigen Gruppe , um welche sich alles drängte . Dort war Schreien , Weinen , Krampf , Ohnmacht und Schelten , und Elsheim wußte nicht , was er zuerst tun , wie er am besten raten sollte . Mannlich hatte sich erstaunt und mit offenem Munde vorn an das Proszenium gestellt , denn auch auf dem Theater war ein Stillstand des Entsetzens eingetreten , als Weislingen von unten zur Bühne hinaufrief , daß man den Vorhang niederlassen solle . Dies geschah , und so war im allgemeinen Tumult , ohne Epilog oder Entschuldigung , das historische Schauspiel vom Götz von Berlichingen für diesen Abend zu Ende und beschlossen . Bediente , Kammermädchen , Läufer , der Haushofmeister , alles hatte sich herbeigemacht , um die alten Damen zu führen , zu heben und aus dem Saal zu tragen . Man begab sich nach einem anderen Zimmer ; Sofas und Lehnstühle wurden für die Kranken und Leidenden herbeigeschoben und geordnet , sowie die Hausapotheke in Anspruch genommen . Als die Damen sich etwas erholt hatten , ergossen sich alle , unter Vortritt und Vorspruch des Reichsgrafen , in unerschöpfliche Vorwürfe gegen Elsheim , der in sein Haus einen Mann eingeführt und als seinen Freund dargestellt habe , welcher , uneingedenk seines Standes und was er der Gesellschaft schuldig sei , sich so ungeheure Sottisen erlaube . » Jawohl , jawohl « , unterbrach sie die Mutter weinend , » - ach , wer hätte so was in dem Manne gesucht ! Ja wohl war das eine Überraschung , die mir zubereitet wurde . Um den Schlag zu kriegen ! « » Er ist zu sehr unter mir « , rief der Reichsgraf , » sonst würde ich diesen Herrn von Mannlich auf Ritterweise darüber zur Rechenschaft ziehen , daß er frech und roh es gewagt hat , uns , der Durchlaucht , der Frau Äbtissin und mir , so was in Gegenwart von Bauern und Domestiken laut zuzurufen . « » Wie ? « sagte Elsheim erstaunt , » Sie meinen gar , wenn ich Sie nicht mißverstehe - « » Ja , ja ! « rief die Erlauchte , die sich jetzt etwas erholt hatte , » das leidet gar keinen Zweifel . Er sah schon immer in den vorigen Szenen so giftig nach uns hin . Er war darüber erbost , daß wir uns einige Zweifel erlaubten . « » Wohl ! « fuhr der Reichsgraf zornig fort , » er mochte merken , daß wir dem echten großen Schauspieler , dem Selbitz , den Vorzug gaben ; wir sprachen laut , er hat es wahrscheinlich oben gehört ; und nun stellt er sich vorn an die Lampen , sieht uns starr und höhnisch grinsend an und schreit uns - uns diese niederträchtige Grobheit , ärger , als es ein Sackträger , schlimmer , als es ein Stallknecht tun könnte