, während der andere so liebevoll erscheint , ist auch schwer in Uebereinstimmung zu bringen und scheint auf eine merkwürdige Unkenntniß des Individuums sich zu gründen , die durch den alten Kammerdiener so leicht gehoben werden konnte , wenn man auch annehmen will , daß das Fräulein selbst durch Schreck und Furcht abgehalten ward , sich als die Nichte dieses erzürnten Mannes anzugeben . Ist sie wirklich eine Gräfin Melville , mußte ihr dies doch wohl einiges Recht auf Schutz geben , und dies konnte auch ihrem Diener bei der größten Einfachheit nicht entgehen . - Nimmt man nun leicht wahr , daß diese letzten Umstände , wie der Tod des Kammerdieners , völlig dazu geeignet sind , über ihre Ankunft hier ein räthselhaftes Dunkel zu verbreiten und jede unserer Nachforschungen unsicher zu machen , da alle Bestätigung des Einen oder Andern nur in der jungen Lady uns aufbehalten ward , so finden wir uns dadurch unläugbar ganz in ihrer Hand , und wenn ich damit auch keineswegs gegen ein so liebenswürdiges und junges Wesen Verdacht erregen möchte , scheinen doch so viele Widersprüche eine sehr sorgsame Nachforschung zu verlangen . Er wandte sich gegen das Ende seiner Worte ausschließlich gegen seine Schwägerin , wie es schien , sie zur Theilnahme aufzufordern , aber die Herzogin blieb unbeweglich , die Augen auf die Erde geheftet , mit völlig entfärbten Wangen , die Spitzen der Finger an ihr Kinn gelegt , es gleichsam stützend . Doch schien die alte Herzogin bemüht , die Aufmerksamkeit ihres Sohnes von der geliebten Schwiegertochter abzulenken . Sie richtete sich in ihrem Stuhl empor . Gewiß , mein Sohn , sprach sie , giebt ' s hier ein Dunkel , welches , zum Nachtheil für dies liebenswürdige Mädchen , über ihre Angelegenheiten verbreitet ist . Aber gegen den Verdacht einer absichtlichen Täuschung ihrerseits schützt sie , däucht mich , ihre eigene Aufzählung dieser Widersprüche , ihre so natürliche Betrübniß darüber , ihr kindlicher Wunsch , von uns über alles das , was sie beunruhigt , Aufschluß zu erlangen . Sollte man wohl annehmen können , selbst wenn wir das beredte Zeugniß ihres unschuldigen Antlitzes und ganzen Betragens verwürfen , sie habe einen Plan gemacht , unser Interesse zu erwecken , da derselbe uns doch nicht zu übersehende Data angiebt , der Wahrheit nachzukommen , die selbst durch den plötzlichen Tod der nächsten Verwandten doch nicht an Wichtigkeit verlieren , ja , wie mir scheint , uns eine Wahrheit mehr an die Hand geben ; denn wir hörten ja von dem traurigen epidemischen Fieber , welches in Folge der bedeutenden Ueberschwemmungen ausgebrochen war . Wohl , sagte Graf Archimbald lebhaft , fast alle Küstenländer sind davon heimgesucht gewesen , und namentlich in Cumberland sind oft ganze Familien ausgestorben ; aber allerdings liegt in der allgemein verbreiteten Kenntniß dieser traurigen Umstände auch eine große Leichtigkeit , sie für die eigenen Begebenheiten anzuführen . - Laß mich Dir weiter bekennen , fuhr die alte Lady fort , daß die vorerwähnten Unwahrscheinlichkeiten für mich eigentlich nicht da sind . Wohl ist es lange her , daß ich jung war ; dennoch kann ich mir sehr gut ein junges , feuriges Wesen denken , die über der Liebe zu den Personen , die ihre Aufmerksamkeit , wie mir scheint , absichtlich so ausschließlich in Anspruch nahmen , Ort und Namen und auch wohl noch mehr vergessen könnte . Du lächelst , Archimbald , setzte sie selbst lächelnd hinzu , aber wer über siebzig Jahr hinausreicht , dem dämmert wieder die Jugend auf . Mir ist , als könnte ich heute noch durch den Werth von Personen , zu denen ich käme , so entzückt werden , daß ich Ort und Namen zu erfragen vergäße . Dies ist ja ein Hauptvorzug der Jugend und gerade diesem liebreizenden Wesen , in welchem sich sogleich beim ersten Anblick ein innig hingebendes und , tiefes Gefühl ausspricht , am leichtesten zuzutrauen . Dies gab sie wohl ohne Vorbehalt den Anregungen hin , die sich ihr darboten ; ihr vor Allen traue ich diese kindliche Hingebung ganz zu , die man auch unfehlbar benutzt hat , sie , ohne gerade Lügen zu erdichten , an der Wahrheit vorüber zu führen . Möchte doch der Himmel Jedem , den er lieb hat , einen Vertheidiger zuführen , wie Dich , sagte Graf Archimbald , zärtlich seiner Mutter in die klaren Sterne ihrer sanften Augen blickend . Ich bin zu Allem erbötig , bereit , mich in Alles zu fügen , was die Damen in der Art bestimmen wollen , wie sie mich zu gebrauchen denken , und wie ich ihnen den Umständen nach etwa nützlich werden kann . Ich glaube allerdings , daß unser Schützling mehr das Opfer von Planen geworden ist , die entweder schlecht berechnet waren oder durch unvorhergesehene Fälle eine jähe Wendung nahmen . Denn , wie ich höre und zum Theil auch sah , ist sie im Besitz von Kostbarkeiten , welche auf eine reiche Ausstattung und höhern Stand ihrer bisherigen Beschützer schließen lassen , und es ist zu erwarten , daß wir bei der zärtlichen ihr erwiesenen Liebe , obgleich dieselbe nur noch in der Person des einen Oheims existirt , doch uns entgegen kommende Nachforschungen hoffen dürfen ! Nur am wenigsten möchte ich sie für eine Gräfin Melville halten . Nicht so rasch , Mylord ! rief hier die Herzogin stark und rauh , und riß sich mit Gewalt in ihrem Stuhl empor , während in ihrem bisher so todten Auge ein Strahl der verschiedensten Empfindungen sich Bahn brach . Welche Consequenz kann uns zwingen , an ihr den härtesten Raub zu begehen , ihr sogar das Vorrecht eines Namens zu nehmen ? Damit müssen wir nicht anfangen , ihrem Schicksale zu Hülfe zu kommen ; das hieße im Voraus Alles werthlos machen , was wir ihr Liebes thun möchten im Uebrigen ! Und nicht edel ist es von Euch , auf diese Weise Eure Hülfe anzubieten . - Sie versank nach diesen Worten wieder in sich , unbekümmert , wie es schien , über den Eindruck , den ihre Heftigkeit erregen mußte . Auch war diese Wirkung sehr verschieden bei den beiden noch anwesenden Personen . Während nämlich die alte Herzogin mit dem höchsten Ausdruck von Liebe und Besorgniß auf sie blickte , lagerte sich die eisigste Kälte auf die Gesichtszüge des Grafen Archimbald , und seine breiten , unschönen Lippen verfeinerten sich und zogen sich unter einem Lächeln zusammen , das nur noch verwunden konnte . Und will Euer Durchlaucht mich belehren , hob er mit frostiger Höflichkeit an , über die Consequenz , von der diese so eben gehörte Ansicht ausgeht ? Es ist allerdings höchst wichtig , so sie zu erweisen , daß sie für Alle , die meine geehrte Schwägerin sich zur Hülfe ersehen , erwiesen dastehe , und wir sind über die größte Schwierigkeit hinweg , wenn ich meine Nachforschungen mit der Gewißheit anfangen kann , daß sie die Gräfin Melville ist . Indeß , setzte er mit einer Art Verneigung hinzu , darf ich nicht verhehlen , daß Euer Durchlaucht sich zu einigen Gründen werden herablassen müssen , da ich nicht Scharfsinn genug besitze , diesen Punkt weniger schwankend , als die übrigen zu finden . Graf Archimhald besaß die furchtbare Waffe der Höflichkeit , womit man tiefer reizt und beleidigt , als mit dem offenen Worte des Zorns . Sie ist die schillernde Hülle ganz entgegengesetzter Gefühle , in der feigen Atmosphäre der Höfe anerzogen und durch die Bedingung der äußern Sitte herbeigeführt , die nur zu oft in keinem sittlichen Innern wurzelt . Die Herzogin schauderte , von Jemand sich in so kalter Weise übertroffen zu sehen ; aber es mußte so rücksichtslos züchtigend kommen , wie der Graf , und er allein , es ihr zuweilen bot , um sie nachgiebig zu machen . Zerstreut blickte sie auf , aber ihre Heftigkeit , ihr Trotz war gebrochen , es war , als ob über ihre feste Stimme ein leiser Anhauch von Furcht schlich , und als ob jetzt erst die Anspannung nachließ , womit sie mächtig erregte Empfindungen niedergekämpft hätte . Ich hoffte dennoch , Ihr würdet einen Grafen Marr kennen , welcher der Oheim dieser Unglücklichen sein könnte , hob sie an , sich mit einem tiefen Seufzer und trostlosen Ausdruck zu dem Grafen wendend , und , wie es schien , ganz übersehend , wie außer Zusammenhang mit dem Vorangegangenen diese Worte waren . Ich habe mich zu sehr darauf verlassen , ich weiß nichts weiter . Erschöpft sank ihr Kopf auf die bebende Brust , und Graf Archimbald war entwaffnet ; denn Personen , die selten vom Gefühle sich überwältigt zeigen , wie dies bei der Herzogin der Fall war , behaupten alsdann durch ihr Erliegen einen desto sicherern Einfluß auf ihre Umgebungen . Der natürliche Ausdruck seines Gesichts , dem es nicht an einem gütigen Zuge fehlte , kehrte wieder , und es war , als ob nun Alle erst zu einem Zweck wirkend sich zusammen fänden , als ob aus dem bisher geführten Wortgefecht sich jetzt erst die wahre Meinung Aller entwickelte . Aber trotz des wiedergekehrten bessern Willens der beiden Hauptberathenden , war es dennoch keine freie Mittheilung , welche mit einem aufrichtigen Tausch der Gedanken über die zweckmäßigsten Mittel , das Bessere zu erreichen sucht . Die Herzogin befand sich in einem Falle , wo man nur zu leicht sich und Andere mit Tadelsucht und lästigen Schwierigkeiten quält , sie wußte sich selbst nicht zu rathen . Sie verwarf daher oft mit rücksichtslosem Tadel , was Graf Archimbald oder ihre Schwiegermutter ihr vorschlugen , und Beide bestanden sicher keine kleine Probe ihrer Geduld , wenn die zweckmäßigsten Mittel , welche unläugbar zum Ziele führen mußten , von ihr mit Ungeduld verworfen wurden . Hatte Graf Archimbald aber einmal für irgend eine Sache seine Stellung genommen , so besaß er die zäheste Geduld ; man hätte sie für das etwas schadenfrohe Bewußtsein einer Ueberlegenheit nehmen können , die ihm um so eher ward , je mehr Heftigkeit er zu bekämpfen vorfand . Er sah sehr wohl , seine Schwägerin lag im Versteck ; er ging daher mit dem größten Scharfsinn alle irgend zu ergreifende Mittel durch , um sie durch die Art , wie sie darauf einging oder sie zurückwies , herauszulocken . Doch fand er eine gefaßte Gegnerin , die ihn genug kannte und sich hier lieber zum Nachtheil ihres Karakters einige Launen mehr aufbürden ließ , als daß sie ihn hätte allzu tief blicken lassen . Die alte Lady war zwischen Beiden wie das gute Princip ; sie hätte das kaum Geduld genannt , was sie aus Liebe und Sorge ihrer Schwiegertochter entgegenstellte , da ihr die heftige Aufregung derselben nicht entging . Es war ihr allerdings auffallend , ihre Vorschläge verwerfen zu hören , die mit der Vernunft im Bunde schienen ; aber warum sollte man nicht verschiedener Meinung sein ? Vielleicht konnte in dieser Stimmung jener Manches anders erscheinen , als ihr oder dem Grafen ; so hatte ihr mildes Herz tausend Entschuldigungen für die geliebte Schwiegertochter . Nun , Mylady ? fragte der Graf endlich und zog seinen Stuhl , nachdem man eine Stunde lebhaft und vergeblich conferirt hatte , was befehlen Euer Durchlaucht zunächst ? Ich dächte doch , mein liebe Tochter , hob hier die alte Lady sanft vermittelnd an , Ihr erlaubtet , daß mein Sohn an Master Brixton nach Edinburg schreiben , und ihn um die näheren Lebensumstände der Familie Marr und Melville befragen dürfe . Es scheint damit doch ein Anfang und ein richtiger gemacht , da es immer das Wesentlichste bleibt , ob sie das ist , wofür sie sich hält und sich uns angegeben hat . - Dies wird leicht geschehen können , wenn Euer Durchlaucht darein willigen , wiederholte Graf Archimbald mit der größten Geduld das oft Gesagte , denn da Master Brixton eine Caplanei in Edinburg übernommen , wie das Fräulein angiebt , wird durch den Bischof von Lincoln , der mir befreundet , mein Brief leicht in seine Hände kommen , und ohne ferneres Aufsehen die Antwort zu uns zurückkehren . - So sei es denn , sagte die Herzogin gedehnt und mit vieler Ueberwindung , doch wünsche ich , daß Ihr es so geräuschlos , wie möglich , einrichten wollt . Es scheint mir , als könnten die Anfragen vorzüglich so gestellt werden , daß der Aufenthalt derjenigen , die sie betreffen , nicht genannt , und hauptsächlich , daß jede Art von gerichtlicher Einmischung vermieden würde . - Ich will nicht weiter widersprechen , sagte Graf Archimbald , doch wäre dies vielleicht der sicherste Weg , sich schnellen Aufschluß zu verschaffen . Aber , sprach die Herzogin , es würde gerade das herbeiführen , was ich aus vielen Gründen vermieden wünsche . Es scheint mir auch , als läge es ziemlich außer unserer Machtvollkommenheit . Die Fügung des Himmels hat sie einstweilen unter unsern Schutz gestellt , wir haben unsere Pflicht und unser Recht erfüllt , wenn wir die Verwandten ihr auszuforschen suchen , die sie zu haben vorgiebt . An diesen wird es dann sein , ihre übrigen Rechte wahrzunehmen ; die unsern erstrecken sich erst dann so weit , wenn sie unserer Hülfe überlassen bleiben sollte . Die alte Herzogin lächelte diesen Worten , welche bei weitem das Folgerechteste ihrer Aeußerungen dieses Morgens waren , ihren Beifall zu , und es schien , als habe die Herzogin sich mit denselben aus ihrer Unentschlossenheit herausgesprochen . Graf Archimbald hatte noch immer das Lächeln um den Mund , welches andeutete , er habe noch etwas im Rückhalt . Er fügte auch bald hinzu , daß es doch nicht unwichtig sei , wenn man einmal den in der Erzählung angeführten Thatsachen folgen wolle , über den letzten Aufenthalt des Fräuleins Erkundigungen einzuziehen , auch könne dies eigentlich nicht schwer sein . Durch die Angabe der Zeit , die das Fräulein auf dem Wege zugebracht , lasse sich einigermaßen die Entfernung bestimmen . Fehle auch die Richtung , so sei doch abzunehmen , daß er von der Küste entfernt , ohngefähr drei Tagereisen von Cumberland , etwas weiter als eine Tagereise von der Heerstraße nach London liegen müsse . Bis zum Waldhäuschen habe das Fräulein , zu Pferde und nach Mitternacht das Schloß verlassend , diesen Rest der Nacht und den folgenden Tag im strengsten Ritte gebraucht . Dahin zurückgeführt , habe sie , wie aus dem nur unvollständigen Bericht sich annehmen lasse , zwei Nächte und zwei Tage zugebracht , und zwar zu Fuß und äußerst erschöpft . Am dritten Tage aber sei sie , wie es scheine , schon Morgens am Forste des hiesigen Parkes erwacht , da es nicht wahrscheinlich sei , daß sie in dem Zustande von Bewußtlosigkeit , den sie geschildert , noch einen weiteren Weg habe machen können , als etwa durch diesen zunächst liegenden Wald bis zur Terrasse , welches auch eher denkbar sei , da leicht zu erkennende breite Wege bis dahin durch ihn hinführten . Fangen wir nicht zu viel auf einmal an , unterbrach ihn die Herzogin mit sichtlicher Unruhe . Ich habe ihr namentlich versprochen , sie zu schützen gegen ihren wüthenden Oheim , wer weiß nun , wen wir bei diesen Entdeckungen mit aufscheuchten , und ehe wir den Beschützer entdeckt , auf den sie hofft , hätten wir dann nicht einmal das Recht , sie dem Manne zu verweigern , der so wild in ihr Leben griff , und bei dessen Andenken sie das höchste Entsetzen befällt . Wir wollen nicht untersuchen , wie lange Graf Archimbald das Beschneiden und Zurückweisen aller seiner Aeußerungen von einer Frau ertragen hätte , mit der er gern zu gleichen Waffen kämpfte , hätte nicht die alte Lady sanft das Wort genommen , bemüht , die nächsten nöthigen Schritte , unter dem Wust von Für und Wider , Verwerfen und Annehmen , hervorzuziehen und zur allgemeinen Klarheit zu bringen . Uebrigens ward eingesehen , daß man das Fräulein davon unterrichten müsse , es lebe kein Graf von Marr am Hofe , zweitens wollte man es ihr freistellen , einen Einschlußbrief an Master Brixton zu schreiben , und ihr diesen beabsichtigten Entschluß als den zunächst nöthigen darzustellen suchen . Die alte Lady erbat es sich , am andern Tage ihr diese Mittheilungen machen zu dürfen . Denn , setzte sie liebreich hinzu , meine liebe Tochter hat schon zu viel allein in dieser Sache übernehmen müssen , und wohl mag sie der alten Mutter auch ein kleines Verdienst dabei gönnen . Ich werde meine Sachen schon ordentlich machen , fuhr sie lächelnd fort , bemüht , der allzu ernst gewordenen Unterredung ein milderes Ende zu geben . Die Herzogin schien sehr willig , ja erleichtert bei diesem Vorschlag , und Graf Archimbald übernahm es ; dem jungen Herzog das Wichtigste mitzutheilen , um seinem Eifer Grenzen zu setzen und ihn zu bewegen , das fernere Verfahren dem Grafen und den beiden Damen zu überlassen . Man trennte sich in leidlicher Stimmung , und Graf Archimbald führte die Herzogin nach ihren Zimmern , in denen sie eingeschlossen bis zur Tafel blieb , blos von Mistreß Morton umgeben , deren leises wohlthätiges Walten uns bekannt ist . Wer sich damit begnügte , die Personen zu zählen , die Stunden des Beisammenseins oder der Geschäfte zu beobachten , mußte behaupten , es sei nach einigen Wochen auf Godwie-Castle noch Alles in eben dem gleichmäßigen Gange , wie wir es an jenem Morgen unserer letzten Mittheilung verließen . Die schickliche Form , in welcher sich seit langer Zeit zu bewegen , eine Familie gewöhnt ist , ist ein wohlthätiger Damm gegen die dahinter eingefangenen Wogen der Leidenschaft . Wenn auch jene Macht nur bis zu gewissen Grenzen reicht , schützt sie doch gegen die gänzliche traurige Auflösung des Individuums , welches sich immer dadurch gehalten fühlt , daß Andere ruhig das Langgewöhnte thun und an ihn selbst diese stille Forderung täglich sich erneut . Gewiß waren in diesem Falle minder oder mehr einige der bedeutendsten Mitglieder des Familienkreises in Godwie-Castle . Verändert in ihrem Innern , verändert in ihren Beziehungen zu einander , verändert endlich in ihren Plänen und Hoffnungen für die Zukunft , finden wir die Familie nichts desto weniger um das Frühstück in der Halle ohne Ausnahme versammelt , und die wenigen Unbefangneren mußten den Uebrigen zu Hülfe kommen , um sich leidlich zu zeigen und den Anschein des Frohsinns zu erhalten , der sonst hier so natürlich waltete . Wer hat nicht Aehnliches erlebt , wer kennt nicht die ernsten zerstreuten Züge der mühsam Gehaltenen , über die das Lächeln , welches sie sich abringen , wie ein Schmerz hinzieht , den Blick , der eben auf nichts mit Nachdenken geheftet ist , die zerstreuten Antworten und selbst die unheimliche Lustigkeit , welche die Wunden innerlich größer reißt und doch keine Hülle wird für den leidenschaftlich bewegten Kern des Herzens . Die alte Lady hatte ihre Aufgabe so schön gelöst , als zu erwarten stand . Die Gräfin Melville war nun unterrichtet , daß ihr kein Oheim am Hofe lebte , den sie zu nennen wußte . Obwol man ihr es schonend vorenthalten hatte , sie mit dem Zweifel an dem Dasein der Grafen von Marr überhaupt bekannt zu machen , da man die Antwort Master Brixtons abwarten zu müssen glaubte , so fühlte sie doch mit dem tiefsten Schmerze diese fehlgeschlagene Hoffnung , und mit einer Art von Schauder das Verlassene ihrer Lage . Doch wußte sie auch hier , nach einem warmen und gerechten Ergusse ihres Gefühls gegen die alte Lady , in dem Danke Grenzen zu finden , welchen sie für den Schutz empfand , den Gott ihr in ihren neuen Wohlthätern angewiesen ; und die alte Herzogin konnte nicht ohne Thränen den rührenden Brief lesen , den die Gräfin demnächst ihrem Lehrer Brixton schrieb und mit kindlichem Vertrauen in ihre Hände legte . Er trug den Stempel tiefen und zarten Gefühls . Dies mußte um so werthvoller erscheinen , da ihr Verstand eine Schärfe und Consequenz zeigte , die ihrer Jugend nach unbegreiflich war . Doch erinnerte es von selber an die Erziehung , welche ausgezeichnete Personen ihr zu geben vereint bemüht gewesen waren , mit besonderer Rücksicht auf Bildung ihres Scharfblicks und ihres Urtheils , wie wir das schon aus den eigenen Mittheilungen der jungen Gräfin wissen . Sie war vollkommen einverstanden mit dem Willen ihrer Beschützer , Master Brixton ' s Rath zu vernehmen , und hätte sie mit Graf Archimbald unterhandelt , würde sie auch um jeden Preis das Schloß aufgesucht haben , aus dem sie entflohen war . Sie wagte darum sogar eine schüchterne Bitte , welche die alte Lady aber , und vielleicht auf Kosten ihrer Ueberzeugung , mit der Befürchtung zurückwies , daß sie dadurch dem Manne verrathen werden könne , der sie so gemißhandelt habe . Die kleinste Erwähnung dieser Person , die sie so sehr erschreckt und empört hatte , war hinreichend , die Phantasie des armen Kindes mit tausend neuen Schrecken zu erfüllen und sie von jenem Wunsche abzuziehen . Graf Archimbald faßte , nach der Mittheilung , die seine ehrwürdige Mutter über das Geschehene ihren beiden Anverwandten machte , eine sehr vortheilhafte Meinung von dem Verstande der jungen Dame , da die alte Lady es ihr schuldig zu sein glaubte , ihre geäußerten Bemerkungen gleichfalls wieder zu geben , obwol sie damit den streitigen Punkt zwischen der Schwiegertochter und dem Sohne ungern berührte . Doch war Graf Archimbald zu großmüthig , um sich eines erlangten Triumphes zu überheben . Er schien im Gegentheile kaum darauf zu merken , berichtigte aber innerlich von diesem Augenblicke an seine Meinung über die junge Lady , wie wir erwähnt haben . Auch konnte die alte gute Herzogin ihre Erzählung nicht schließen , ohne daran zu erinnern , daß nun wohl keine Ursache mehr zu einem persönlichen Verdachte gegen die Lady vorhanden sei . Nicht so leicht war der junge Herzog mit dem zu beschwichtigen , was sein Oheim über die Gräfin ihm anvertraute . War es das Gefühl einer neu erlangten Macht , die er zu prüfen wünschte , war es jugendlicher Ungestüm , war es überhaupt sein gutes edles Herz oder ein anderes geheimes Gefühl , das ihm die Sorge und Thätigkeit für sie zum Genusse umschuf , genug , es schien ihm Alles viel zu langsam , viel zu theilnahmlos , was seine Verwandten beschlossen hatten . Wir wollen nicht untersuchen , welches Motiv den Grafen leitete , als er endlich , da , wie es schien , durch nichts mit seinem Neffen zu Ende zu kommen war , ihm Vorsicht anempfahl ; indem sie ja kein Recht besäßen , das Fräulein zurückzuhalten , wenn der fernste Angehörige sich zu ihr meldete , und sie dadurch nicht allein von einem Orte entfernt würde , wo sie Schutz und Trost fände , sondern auch in Hände kommen könne , in denen sie unglücklicher würde , als man es bis jetzt anzunehmen hätte . Dies wirkte . Graf Archimbald gönnte ihm überdies noch den Trost , die Briefe an den Bischof von Lincoln nach Edinburg selbst abzusenden , und dazu den treuesten Diener und das rascheste Pferd zu wählen . Was uns indessen nicht länger zu verbergen gestattet ist , sprach sich allen Andern schon längst als Ueberzeugung aus , die von Stunde zu Stunde sich steigernde Liebe des jungen Herzogs zur Lady Melville . Er gab sich dieser Empfindung mit einer Naivität hin , daß man fast glauben mußte , er sei sich selbst derselben nicht bewußt . Aber wer je in eigener Brust einen Anklang dieser schmerzlichen Seligkeit gefühlt , mußte wohl sagen , die Stunde des jungen Mannes habe geschlagen . Mit der tiefsten Erschütterung mußte seine Mutter endlich sich das Geständniß hierüber machen . Sie sah sich hier in ein Labyrinth verstrickt und so unerwartet , daß ihr Geist den Sorgen zu unterliegen begann , die sich um sie her thürmten , und die sie allein tragen mußte ; denn jeden Tag erschwerte sie sich ihre Bürde durch das innere Gelübde , in keinem Falle durch Kundgebung der Wahrheit eine Entscheidung zuzulassen . Ob Graf Archimbald , der wenigstens aus Beobachtung das Gefühl der Liebe kennen mußte , es bei seinem Neffen errieth ; ob sein Schweigen die Klugheit war , mit der man den taumelnden Nachtwandler nicht anruft , hoffend , er finde ohne diese erschreckende Hülfe wol besser den Rückweg ; ob es überall Gleichgültigkeit gegen Herzens-Affectionen war , - wer konnte das bestimmen ! Er bekam reichlich Briefe von Richmond , schrieb viel und eifrig diesem zurück , und seine allgemach aufsteigende Verstimmung konnte leicht politischer Natur sein , da man sehr wohl wußte , dies sei doch eigentlich der Kern seines Lebens . Nur die alte Herzogin und der Gegenstand , der alle diese Sorgen veranlaßte , die junge Gräfin Melville selbst , schienen an alles das nicht zu glauben . Die Herzogin hatte die Idee aufgefaßt , ihr Enkel liebe Anna Dorset . Wie dabei noch von einem zweiten , gar stärkeren Gefühle die Rede sein könne , begriff ihr reines Engelherz nicht , und was sie sah , glaubte sie auf Rechnung der ausgezeichneten Persönlichkeit eines Mädchens setzen zu müssen , der sie sich selbst ganz ergeben fühlte , und welcher der Herzog als Herr des Hauses allerdings Beweise der höchsten Achtung schuldig schien . Doch entging ihr die überhandnehmende Mißstimmung ihrer Schwiegertochter nicht , und es trübte ihre sonstige Heiterkeit , sie von Sorgen bewegt zu sehen , die sie mit Niemand theilen zu wollen schien . Die Gräfin Melville dagegen war das vollkommenste Bild eines jungen unschuldigen Mädchens und eines ganz freien Herzens ; sie sah sich überall von der zärtlichen Aufmerksamkeit des Herzogs umgeben und erstaunte oft selbst , wenn er ihre Wünsche , ihre Gedanken errieth . Sie kannte diese Empfindungen nur aus den sehr discreten Mittheilungen ihrer Anverwandten und aus ihrer eigenen gewählten Lectüre , woraus wir doch selten dies Gefühl wieder erkennen lernen , ehe aus unserm eignen Herzen die gleichen Anklänge sich den verwandten Gefühlen , gleichsam suchend , entgegendrängen . Die Beobachtungen , welche die jüngere Herzogin unablässig anstellte , und welche ihr immer die vollkommene Ueberzeugung von der Herzensruhe der Lady Maria gaben , trösteten sie zwar etwas , aber sie hätte gewünscht , es wäre die Kenntniß seiner Neigung damit verbunden gewesen , denn sie wußte , daß dies sich immer gleich edel und liebenswerth zeigende Wesen alsdann in ihrem Betragen gegen den Herzog Manches geändert haben würde . So aber legte sie ihm die Dankbarkeit , die er ihr einflößte , mit einem so unschuldigen freundlichen , oft innigen Betragen an den Tag , daß der junge Herzog dadurch nur höher erregt ward und , von den süßesten Hoffnungen belebt , seinen Empfindungen bald keinen Zwang mehr auferlegte . Dazu kam , daß die Gräfin , seit der letzten Unterredung mit der alten Lady , sich einer wehmüthig ernsten Stimmung nicht mehr erwehren konnte , und die holden Zeichen früheren jugendlichen Frohsinns immer seltener ein Uebergewicht über die milde , aber tiefe Wehmuth ihres Herzens geltend zu machen vermochten . Welch ' eine reiche Gelegenheit für ihren jungen zärtlichen Verehrer , Alles anzuwenden , die Stimmung zu verscheuchen , die den zarten Rosen ihrer Wangen das Leben zu kosten schien . Es gelang ihm oft , dies unbefangene , lebhaft und tief fühlende Wesen , welches ihren Kummer nicht mit kränklichem Eigensinne festzuhalten strebte , zuweilen zum jugendlichen Frohsinn zu erwecken ; deshalb war sein Bemühen darum auch unablässig . An jenem Morgen hatten die beiden Herzoginnen und Graf Archimbald so eben Briefe empfangen , und waren beschäftigt , sich mit dem Inhalt bekannt zu machen . So störte nichts das Gespräch , welches der junge Herzog mit Lady Maria angeknüpft hatte , und worin er mit einem übervollen Herzen die tiefe , sehnsüchtige Zärtlichkeit desselben für sie auszudrücken strebte . Er sagte ihr , daß er Pläne für den Park gefunden habe , zu Erweiterungen und neuen Anlagen um den See her , die sein Vater für die Arbeit dieses Sommers bestimmt gehabt ; daß er die Arbeiter dorthin bestellt , und sie bitte , an Ort und Stelle diese Pläne zu besichtigen , da er sie ganz nach ihrem Geschmacke einrichten möchte und sie vielleicht Einiges zu ändern wünsche . Lady Maria willigte zwar ein , mit Arabella und Lucie dahin zu gehen , aber sie sagte ihm unbefangen , daß , ihr Urtheil darüber gelten zu lassen , wol in keiner Art ihr wünschenswerth sein könne , da der Plan seines Vaters ihm sicher heilig sein müsse und ihr Geschmack in dieser Rücksicht ganz ungeprüft sei . Ach , Mylord ! setzte sie schwermüthig hinzu , wie habt Ihr mir mit Euern freundlichen Worten doch nur zu sehr verrathen , wie Ihr meine Lage anseht ! Deuten diese Pläne , in die Ihr mich zu verflechten sucht , nicht darauf hin , wie unbestimmt Ihr meine Zukunft seht , wie wenig Ihr glaubt , ich fände noch eine andere Heimath , als diese , die ich helfen soll auszuschmücken ? Nicht ganz lag dies in meinem Sinne , sagte der Herzog , und das Herz schlug ungestüm den entscheidenden Worten entgegen , die jetzt Raum gewonnen zu haben schienen ; ich sehe der Aufklärung Eurer Verhältnisse mit der ruhigen Ueberzeugung entgegen , daß sie nicht ausbleiben kann . Aber sollte ich darum nicht doch hoffen und heiß wünschen dürfen , Ihr suchtet nie eine andere Heimath , als diese , die Ihr dadurch zum Paradiese schmücken würdet , und wo Euch die treuesten Herzen in der zärtlichsten Liebe schlagen ? Der junge Herzog glaubte sich deutlich genug ausgesprochen zu haben , er hoffte , sie wisse jetzt , daß er sie liebe und sie zur Beherrscherin seines Lebens begehre