ist die Bestimmung der Geschlechter vollständig ausgedruckt , und alles , was noch sonst darüber gesagt werden mag , ist nur ein Kommentar jener Verse . Leider bekomme ich nur meine Zöglinge nicht so unverbildet , wie ich meine eignen Knaben erhalten habe . In der Regel ist ihnen durch Zwang schon allerhand eingeimpft , was denn erst wieder heraus muß , damit nur die Natur zum Vorschein kommt und ich sehe , wozu eines jeden Sinn und Neigung ihn führt . Habe ich das erkannt , so ist eigentlich das Hauptgeschäft getan , und die junge Raupe frißt sich , wenn ich ihr nur die Blätter gebe , worauf ihr Instinkt sie angewiesen hat , von selbst zum Schmetterling . « Hermann mußte über dieses seltsame Gleichnis lächeln und wandte ein , daß wenn man sich nach eines jeden Neigung richten wolle , man so viele Erzieher haben müsse , als Kinder in die Welt gesetzt würden . » Ein System ist nur unter Beschränkungen auszuführen , das versteht sich von selbst « , versetzte nicht ohne Empfindlichkeit der Realschulmann . » Annähernd aber kann man allerdings verfahren , und um ein Beispiel zu geben : Ich quäle diejenigen , welche einen entschiednen Sinn für Mathematik und Zeichnen verraten , nicht mit der Technologie , und so umgekehrt . Das glücklichste wäre , wenn meine Methode nach und nach zur Aufhebung der Universitäten führte , die in ihrer jetzigen Gestalt wahre Invalidenanstalten des Geistes sind . Wenigstens müßte die philosophische Fakultät , in welcher man alles Wichtigste : Geschichte , Geographie , Naturkunde und was sonst noch , zusammengerührt hat , in Spezialschulen auseinandergelegt werden . Geschichte kann man nur lernen in einer Gegend , wo die verschiednen Perioden der Vergangenheit ihre Niederschläge in Denkmalen , Sprache und Sitten abgesetzt haben ; ebenso Erdkunde und Physik nur an wirklich bedeutenden Naturpunkten . Was Jurisprudenz und Theologie betrifft , so möchten diese immerhin bleiben , wo sie sind , und die Philosophie kann freilich auch überall und nirgends gelehrt werden . « » Mit deinem Systeme hat es noch weite Wege « , sagte die Edukationsrätin , welcher Hermann die Ungeduld angesehen hatte , auch zum Wort zu gelangen . » Desto kürzer ist das meinige auszuführen . Ja , mein Herr , das Weib strebe nach Sitte ! das ist die ganze Weisheit weiblicher Erziehungskunst . Und was heißt Sitte ? Gehorsam , Fleiß . Daher : um fünf Uhr morgens aufstehen , gehorchen , bis neun Uhr abends die Hände nicht in den Schoß legen , und dann wieder zu Bett ! Alles andre ist ganz unnütz , wir lernen nichts aus Büchern , sondern nur durch Umgang und Menschen . Wenn sie heiraten und Kinder bekommen , wird Klavierspielen und Französisch an den Nagel gehängt . Stille , Liebe , Verträglichkeit , bescheidnes Fügen , das sind die Eigenschaften , welche uns ziemen und zieren . « Sie bekam gleich Gelegenheit , diese Tugenden einzuschärfen , und zugleich den Besuchenden von ihrem Ansehn zu überzeugen . Denn in einer an den Gang , über den sie wanderten , stoßenden Stube , worin Hermann kurz zuvor eine Menge junger Mädchen bei häuslicher Arbeit eingepfercht gesehen hatte , erhob sich ein ungemeiner Lärmen und heftiger Streit . Sofort rief die Edukationsrätin mit donnernder Stimme : » Still ! « und stampfte mit dem Stocke , den sie beständig in der Hand führte , heftig auf den Fußboden ; worauf augenblicklich die tiefste Ruhe eintrat . Beim Abschiede legte der Edukationsrat Hermann die Hand auf die Schulter , und sagte mit Feierlichkeit : » Ich freue mich , einen Mann gefunden zu haben , der mit Aufmerksamkeit Grundsätze anhört , von welchen , wenn sie durchdringen , die Erneuung des Menschengeschlechts beginnen muß . Mehr könnte ich wirken , wenn mir der Rektor mit seinem Gymnasio nicht auf dem Halse säße . Dieser Mann , sonst ein achtungswerter Gelehrter und gewissermaßen mein Freund , schadet mir durch sein falsches Beispiel über alle Begriffe . So muß ich notgedrungen Ferien halten , weshalb Sie auch jetzt alle Knabenzimmer leer sehn . Denn obgleich sie das ganze Jahr hindurch nur spielend lernen , und also einer besondern Erholungszeit nicht bedürfen , so regt sich in ihnen jedesmal eine unbezwingliche Unruhe , wenn sie die Gymnasiasten abziehen sehn , und ich muß sie dann wider Willen entlassen . Deshalb habe ich auch vor , wenn es sich irgend tun läßt , fortzuziehn , und meine Anstalt in eine abgelegne Gegend des Gebirgs , wo sie vor schädlichen Einflüssen gesichert ist , zu verpflanzen . « Obgleich Hermann in dem , was er von beiden Personen gehört hatte , den guten Willen und auch zum Teil das Richtige nicht verkennen mochte , so war die Lokalität doch wenig geeignet , in ihm die Behaglichkeit hervorzubringen , welche das Haus des Rektors gleich entschieden in ihm erweckt hatte . Denn außer dem Wüsten und wenig Erfreulichen der nicht ausgebauten Räume hatte sein Auge der Anblick mancher Unordnung verletzt , welche in Zimmern und Vorplätzen trotz den Worten der Edukationsrätin sich dort bemerken ließ . Um die Stunden hinzubringen , ging er in die Bibliothek des Rektors , wozu ihm dieser gleich nach den ersten Begrüßungen die Erlaubnis gegeben hatte . Sie war wegen ihrer Größe nicht im Studierzimmer aufgestellt , sondern hing nur mit diesem durch ein kleines Gemach zusammen . Ausgestattet mit allem , was zur klassisch-philologischen Rüstkammer gehört , war sie besonders reich an Apparaten zum Eutropius . Der Rektor hatte auf eine Ausgabe dieses untergeordneten Schriftstellers große Mühe und viele Zeit verwendet , und denn auch ein Werk geliefert , welches in der gelehrten Welt nur rühmlichst genannt wurde . Es fehlte indessen dieser Büchersammlung ebenfalls nicht an Engländern und Deutschen . Er nahm ein englisches Buch , in welchem Menschen- und Weltverhältnisse aphoristisch betrachtet wurden , zur Hand , um darin zu lesen , und fand einen Satz , der ihn stutzig machte , er wußte nicht , warum ? » In flachen Gegenden oder auf dem Meere « sagte jener Autor , » gibt es ein Phänomen , welches man das Heliakallicht nennt . Die Kugel der Sonne bildet sich frühmorgens in den Dünsten ab , welche den Luftkreis durchziehn , das Tagesgestirn scheint schon aufgegangen zu sein , während es in der Tat noch unter dem Horizonte verweilt . Etwas Ähnliches begegnet oft im Leben . Das Schöne , Reizende , Wünschenswerte zeigt sich uns nicht selten zuerst in seinem Dunstbilde , wir meinen es dann schon zu besitzen , und doch ist es vorderhand nur ein Schein , der erst einige Zeit später zum leuchtenden und wärmenden Gestirne unsrer Tage werden kann , wenn das Schicksal es uns überhaupt so gönnen will . « Sechstes Kapitel In der Lektüre und in den dadurch angeregten Gedanken störte ihn ein dumpfes Geräusch , welches vom Nebenhäuschen im Hofe heraufdrang . Er sah die Knaben des Rektors , welche schon abends zuvor im väterlichen Hause wieder eingerückt waren , auf den Stufen der Vortreppe übereinander sitzen , und hörte ihre Vorbereitung zu den morgen aufs neue beginnenden Lektionen . Da sie verschiednen Alters waren , so reichten sie von Quinta bis Prima hinauf und trieben folglich die Latinität von » alauda cantat « bis zum Exponieren des Virgil . Ganz laut wurden diese Studien betrieben , wodurch ein Geräusch entstand , nicht unähnlich demjenigen , welches in einer Judenschule zu tönen pflegt . Was Hermann in Erstaunen setzte , war , daß keiner den andern irrte , vielmehr jeder sein Pensum unter den fremden Beschäftigungen , die ihm vor dem Ohre klangen , fortlernte . Nachdem dieses babylonische Sprachgemisch eine Zeitlang angehalten hatte , kamen zwei Söhne des Edukationsrats vorsichtig durch eine Hintertür geschlichen . Es war der Naturforscher und der Baumeister . Erstrer trug eine große Flasche , letztrer einen Topf und ein leinenes Säckchen . Sie sahen sich vorsichtig um , als fürchteten sie , bemerkt zu werden , und schlichen sodann zu den Lateinern . Sobald diese jene bemerkten , warfen sie Bröder , Cäsar und Virgil weg , stießen ein Freudengeschrei aus und hielten mit den beiden Angekommnen ein heimliches Gespräch , wobei von letzteren viel auf Flasche , Topf und Beutel gedeutet wurde . Nachdem einer darauf einen Spaten ergriffen hatte , zog der ganze Trupp durch die Hintertür nach dem wüsten Platze ab , welcher dort zwischen Scheunen der Nachbarn neben dem Garten lag . Durch die offne Türe sah Hermann sie noch an der Erde graben und wirtschaften , ohne gewahr werden zu können , was sie eigentlich vornahmen . Im Verlaufe des Tages fragte er den Rektor , ob seine Söhne Grammatik und Autoren immer auf die Weise behandelten , welche er wahrgenommen hatte . » Jederzeit « , antwortete dieser . » Sprache kommt her von Sprechen . Man kann sie nur laut lernen . An dem hörbaren Schalle prägt sich alles lebendiger ein ; stilles Lesen und Memorieren ist nur ein halbes Werk . « » Ich habe mich deshalb auch genötigt gesehen , die Jungen nach dem Nebengebäude zu verweisen , welches früher eine Waschküche war , denn im Hause war das Getöse nicht auszuhalten « , sagte die Rektorin . » Es gab allerdings zuweilen multum clamoris « , sprach der Rektor gravitätisch . Hermanns Besuch bei dem Edukationsrate war ruchtbar geworden , und diese Nachricht gab zu allerhand Scherzen über diesen Mann und sein Erziehungswesen Veranlassung , worin besonders die Rektorin unerschöpflich war . Sie verschonte auch sein Zöpfchen nicht , welches er freilich , auffallend genug , noch trug , da doch dieser Zierat schon längst abgekommen ist , und meinte , er lasse es nach seinem Grundsatze von der Freiheit der Entwicklung stehn , weil die Haare nun einmal diese Richtung genommen hätten . » Dieser sonst würdige Mann und mein Freund wird durch seine fast pueril zu nennenden Grillen noch einmal das größte Unglück herbeiführen « , sagte der Rektor . » Heute morgen vertraute mir der Apotheker , welcher hier vorbeikam , daß zwei seiner nebulonum , der sogenannte Naturforscher und der Architekt , in der Offizin fünf Pfund Eisenfeilspäne und eine große Flasche Vitriolsäure angekauft hätten . Was nun die Knaben damit Verderbliches beginnen wollen , mögen die unsterblichen Götter wissen . « Bei diesem Hin- und Herreden wurde Hermann , der sich nun auch noch an so manches aus den Gesprächen des Edukationsrats erinnerte , das sonderbarste Verhältnis offenbar , eins von denen , welche der deutschen Stuben- und Gelehrtenwelt eine so wunderliche Gestalt geben . Beide Schulmänner gingen von Prinzipien aus , die , jedes in seiner Art , etwas für sich hatten . Denn alle Bildung bestand ja von Anbeginn der Geschichte nur darin , daß man entweder durch einen mächtigen allgemeinen Begriff das Individuum zu steigern versuchte , oder sein besondres Innres erforschend , es zu entfalten suchte . Da sie nun aber diese Grundsätze auf die Spitze trieben , so sahen sie sich mit der Welt , welche eigentlich beide zu einer unbestimmten Mitte verflacht wissen will , in beständigem Widerstreite . Häufig kam der Fall vor , daß Eltern ihre Söhne dem Edukationsrate nach kurzer Frist wieder wegnahmen , » weil sie bei ihm nichts lernten « , und der Rektor war schon verschiedentlich von der obern Behörde scharf bedeutet worden , die Kräfte der Jugend weniger anzugreifen , und über das Studium der Alten nicht alles andre zu vernachlässigen . Beide hatten aber beschlossen , fest zu beharren bei dem , was sie für wahr erkannten , beide fühlten sonach die Notwendigkeit , zu stets bereiter Polemik gerüstet zu sein . Das Bedürfnis , sich in dieser zu üben , hatte die Gegner zueinander geführt , und da sie nebenbei joviale rechtschaffne Männer waren , so schlich sich unter allem Streit und Hader eine aufrichtige Freundschaft ein , die sich schon durch verschiedne wesentliche Dienste , welche einer dem andern erwiesen , betätigt hatte . Freilich konnte ein Dritter bei ihren Zusammenkünften , welche wöchentlich regelmäßig einige Male stattfanden , davon nichts merken , denn diese gingen nie ohne hitzige Wortgefechte ab . Zwischen ihren Häusern hatte sich überhaupt ein förmlicher kleiner Krieg ausgebildet , und es war ein eignes Idiom entstanden , welches dem Nichteingeweihten unverständlich war . So hatte Hermann bei dem Edukationsrate von den Alten , und bei dem Rektor von den Ständen , wie von lebenden Personen reden hören , und erst durch einige Fragen herausgebracht , daß mit dem ersten Ausdrucke die Söhne des Rektors und mit dem zweiten die des Edukationsrats gemeint waren . Die Gattin des letztren tat sich viel auf den Einfall zugute , daß der Rektor alles Ernstes bedaure , seinen Hirten nicht Schweine hüten zu sehen , weil dieser in seiner gegenwärtigen Verfassung doch noch keine vollkommne Ähnlichkeit mit dem Homerischen Vorbilde zeige ; die Rektorin dagegen nannte ihre rüstige Freundin wegen des schon berührten Stabes nie anders als die speerschwingende Minerva . Das Geschick hatte noch außerdem für Mehrung der Verwicklungen gesorgt . Durch eine besondre Nemesis sah sich der Edukationsrat gezwungen , seinen Pastor , bei dem es denn doch nun einmal ohne Römer und Griechen nicht abgehen konnte , zu dem Widersacher auf das Gymnasium zu schicken . Lange hatte er sich gesträubt ; der Knabe , welcher ohnehin keinen raschen Kopf hatte , war daher für seine Jahre zurückgeblieben und saß in einer unteren Klasse . Diesen Umstand verfehlte der Rektor nicht bei Gelegenheit gehörig aufzustechen . Im stillen hatte er sich vorgenommen , dem Pastor , sobald er nur erst die Rudimente hinter sich hätte , selbst alle mögliche Nachhülfe zu geben , ihn der Kanzel zu unterschlagen , aus ihm einen Philologen zu bilden , und so dem Gegner aus seinem eignen Blute den Rächer an den verachteten Klassikern zu wecken . Dagegen erlebte der Rektor nun wieder an seinen Knaben manches Leidwesen . Ihnen war streng jeder Umgang mit den Söhnen des Edukationsrates untersagt worden , von welchen der Vater nur Zerstreuung und allerhand törichte Streiche besorgte . Aber die Alten fühlten eine unbezwingliche Neigung zu den Ständen , die immer etwas Neues vorzuweisen und anzugeben hatten , und befriedigten dieselbe auf hundert und aber hundert Schleifwegen . Gegenseitig wurden geheime Besuche abgestattet , denen der Edukationsrat mit stiller Schadenfreude nachsah , der Rektor dagegen durch einen Vorpostendienst , zu dem er sich selbst in Haus , Hof und Garten bequemen mußte , möglichst entgegenzutreten strebte . Alles dieses störte indessen die Geselligkeit beider Familien nicht , und so war auch an dem Tage , von welchem hier die Rede ist , ein Abendessen im Garten des Rektors verabredet worden . Der Fischer hatte der Rektorin einen großen Hecht , frisch aus dem Wasser gezogen , überbracht , welcher nicht allein verzehrt werden durfte . Cornelie , welche das Lusthäuschen zum Empfang der Fremden aufschmückte , kam von ihrer Arbeit eilig zu Hermann und sagte leise zu ihm : » Bringen Sie doch heute etwas auf , worüber kein Streit entstehen kann . Ich weiß gar nicht , warum sie hier zusammenkommen , wenn sie immer miteinander Zwist haben wollen . Es hört sich so unangenehm zu . « Er ging und sann , wie er ihrem Gebote Folge leisten solle . Als gegen die Zeit des Besuches der Rektor in das Lusthäuschen trat , sah ihm seine Gattin einige Verstimmung an . » Wir bekommen noch einen Fremden , der mir nicht ganz gelegen ist « , sagte er « * übernachtet auf seiner Reise nach * in unserm Orte , und hat sich anmelden lassen . Er ist mir als Feind meines teuren , hochverehrten Johann Heinrich , und weil er , der Gelehrte , mit Süßduft und Modeschwatz den Chevalier , equitem , spielen will , äußerst widerwärtig , dennoch habe ich ihn , heuchlerischer Weltsitte gemäß , die auch den Biedern zwingt , willkommen heißen müssen . « » Spricht er denn noch deutsch , oder schon nichts als Sanskrit und Prakrit ? « fragte die Rektorin . » Ich bitte dich , schweige . Bilem moves , ich möchte unartig werden , wenn mir bei seinem Anblicke die indischen Ungeheuer einfielen . « Der Rektor befand sich , wie er immer pflegte , wenn er nicht ausging oder Schule hielt , im Schlafrock und Pantoffeln . Die Gattin ermahnte ihn , für heute , des fremden Gastes wegen , die bequeme Hauskleidung abzulegen , erhielt aber einen verneinenden Bescheid . » Das fehlte noch « , rief er , » daß ich um des alten Gecken willen , von ehrbarer Gewohnheit abweiche ! Nein , deus haec nobis otia fecit . Wer mich nicht sehen will , wie ich bin intra privatos parietes , der bleibe haußen . « Die Rektorin , welche bei aller Achtung und Liebe für ihren Mann dennoch einen Blick für seine kleinen Lächerlichkeiten hatte , und oft befürchtete , daß er dadurch den Spott Dritter über sich hervorrufen möchte , war über die Weigerung etwas verdrießlich . Wie die Frauen sind , die gern im Angenehmen und Unangenehmen beharren , sie brachte gleich noch ein Zwietrachtsthema hervor . » Ich weiß nicht , was heute einmal wieder mit unsern Kindern sein mag « , sagte sie . » Sie lassen sich kaum blicken ; wenn ich einen sehe , so verkriecht er sich , oder macht ein sonderbares Gesicht . Gewiß ist eine ausbündige Schelmerei und für uns ein tüchtiger Ärger unterweges . Wenn ich dich doch überreden könnte , den lauten Sprachunterricht einzustellen , damit ich sie wieder in das Haus nehmen dürfte . In der Waschküche sind sie unsrer Aufsicht entrückt , können tun , was sie wollen , und überdies habe ich jetzt mit der großen Wäsche wegen Mangels an Raum immer meine liebe Not . « » Du häufest verkehrte Wünsche « , erwiderte der Gatte gehaltnen Tons . » Den lauten Sprachunterricht einstellen , hieße , von einem obersten leitenden Grundsatze abweichen , und dieses wirst du deiner großen oder kleinen Wäsche wegen wohl im Ernste nicht von mir verlangen . Was aber die heutige Unruhe der Knaben betrifft , so beruhige du dich darüber . Es ist morgen die große Klassenversetzung , der Quintaner und Tertianer rücken auf , Quarta und Sekunda bleiben sitzen . Praesentiunt , praesagiunt , spei timorisve pleni , das bringt sie so in Bewegung , und wenn du mehr Menschenkenntnis besäßest , so hättest du wohl den wahren Grund erraten können . « Der letztere Vorwurf , mit welchem der Rektor , der sich für einen großen Menschenkenner hielt , gegen seine Gattin freigebig zu sein pflegte , traf sie empfindlich . Sie bezwang sich indessen dieses Mal und fragte ihn nach einer Pause mit einer gewissen scharfen Freundlichkeit : » Sage mir Väterchen , was hältst du von unsrem Gastfreunde ? « » Dieser Kandidat Schmidt hat leider mehr von der modernen ästhetischen als von der gründlich gelehrten Bildung abbekommen « , versetzte der Rektor . » Wenn er sich mir anvertraute , so wollte ich ihm wohl nachhelfen , denn er ist ein gescheiter , offner Kopf . Was sein Hiersein betrifft , so ist dieses nicht ohne geheime Absichten ; er will unter der Hand etwas durchsetzen . « » Hast du das gemerkt ? « fragte die Rektorin , betroffen über den Scharfsinn ihres Manns . » Freilich . Er will etwas über den Eutrop edieren , wozu es denn nun an allen Ecken und Enden fehlt . Da soll der Rektor vorspannen . Deshalb bringt er das Gespräch einigermaßen in fastidium , beständig auf diesen Autor , und sucht mich auszuholen . « Sie schöpfte Atem , im stillen überzeugt , daß , wenn sie auch in Nebensachen sich fügen müsse , ihr doch in den Hauptpunkten wohl die Herrschaft verbleiben werde . Indem sie ging , noch allerhand häusliche Besorgungen vorzunehmen , konnte sie sich nicht enthalten , ihrem Gatten Zurückhaltung über den Eutrop gegen den Kandidaten Schmidt anzuempfehlen . Siebentes Kapitel Die beiden Ehepaare gewährten einen eignen Anblick . Der lange und hagre Rektor saß neben der großen Edukationsrätin , deren kleiner Ehegatte bei der kurzen Rektorin seinen Platz gefunden hatte . Wenn man die verschiednen Längen dieser Personen sich mit Linien umzogen dachte , so kam fast die Figur eines lateinischen Z heraus . Das Gespräch war ziemlich einsilbig ; der junge Konrektor sah sich nach Wilhelminen um , die abwesend war und das Mahl bereiten half , Cornelie , welche Tee einschenkte , wartete ängstlich auf Hermann , der sich noch nicht hatte blicken lassen ; dem Rektor lag , wie man ihm deutlich ansah , etwas auf dem Herzen . Nach einigen nichtsbedeutenden Reden und Gegenreden befreite er seine Brust . » Ehe wir eins in das andre reden « , sagte er zum Edukationsrat , » erfordert es die Pflicht , Ihnen , werter Freund , eine Entdeckung zu machen . Sie haben oft für gut gefunden , meine Warnungen zu verachten , die heutige darf deshalb doch nicht unterbleiben . Ihre Söhne haben in der hiesigen Offizin die gefährlichsten Substanzen angekauft , Dinge , womit sie die Gesundheit , ja das Leben selbst in Schaden setzen können . « » Ist mir schon bekannt « , versetzte der Edukationsrat sehr ruhig . » Vitriolsäure , Eisenfeilspäne , Schwefel , Salpeter , nicht wahr ? der Naturforscher und der Baumeister wollen gemeinschaftlich damit einen künstlichen feuerspeienden Berg verfertigen , wozu sie die Anleitung in Wieglebs Natürlicher Magie gefunden haben . Man wirft einen Erdhügel auf , setzt den Topf mit dem Gemische hinein , verbindet diesen Herd durch eine Kraterröhre mit der äußren Luft , verstopft die Mündung ; nach einigen Stunden ist die Gärung der Stoffe , die Entwickelung der Gasarten vollendet , der Propfen wird vom Krater hinweggezogen , und es gibt eine feurige Entladung , welche im kleinen die gewaltige Naturerscheinung recht artig darstellen soll . Ich freue mich selbst auf das Gelingen dieses interessanten Experiments . « » Quid ? « rief der Rektor . » Ist es möglich ? Freund , Sie stehn an einem Abgrunde , und werden , wenn Ihnen das Haus über dem Kopfe angezündet worden , oder einer Ihrer Knaben exanimis auf der Bahre liegt , vergebens beklagen , nicht gehört zu haben . « » Die Natur « , sagte der andre , » verletzt nur den , der sich scheu vor ihr zurückzieht . Dreiste Vertraulichkeit mit ihren Kräften zähmt sie . Sitzen über den Büchern bildet Feiglinge , und es ist einer der gröbsten Irrtümer , die Alten , welche sich grade durch ihr inniges Gefühl für die sie umgebende Welt auszeichneten , zu Werkzeugen einer solchen Verzärtelung zu machen . « Hierauf setzte der Rektor die Pfeife in den Winkel und nahm eine starke Prise . Die Abwechselung dieser Genüsse war für die Kundigen immer ein Vorzeichen des herannahenden Sturms . Die Frauen legten die Strickzeuge weg , wie sie bei solcher Gelegenheit zu tun pflegten , um als aufmerksame Richterinnen dem Kampfe vorzusitzen . Noch aber sollte durch die Erscheinung eines Dritten der Ausbruch verschoben werden . Der Fremde , den wir von seiner Hauptbeschäftigung den Hindu nennen wollen , trat zur Gesellschaft . Dieser Mann hatte so oft die Schwerfälligkeit deutscher Gelehrten verspotten hören , daß er sich vorsetzte , in seiner Person eine Ausnahme darzustellen . Er trug sich ungeachtet seiner hohen Jahre noch wie der jüngste Modeherr , und hatte seine Manieren durchaus nach Pariser Mustern einzurichten sich bestrebt . Als der Hindu den mitten in anständiger Gesellschaft in Schlafrock und Pantoffeln dasitzenden Rektor wahrnahm , geriet er außer Fassung , und starrte den Verstoß gegen die Sitte einige Sekunden lang an , bevor er die herkömmlichen Begrüßungen finden konnte . Doch erholte er sich , streichelte mit leichter zärtlicher Handbewegung die Ordenszeichen , welche seine Knopflöcher zierten , und kam durch diese Berührung wieder zum Gefühle seiner selbst . Es gelang ihm sofort , einige französische Epigramme vorzubringen , die niemand in diesem Kreise verstand , und darauf in den leichten Weltton zu fallen , den er so sehr innezuhaben glaubte . Bald hatte er sich des Gesprächs bemeistert , und da er gehört , daß vornehme Personen nie von wichtigen Dingen , welche sie zunächst berühren , zu reden pflegen , so hielt er die Abschweifung zu gelehrten Diskussionen mit einiger Gewalt fern . Er erzählte dafür lieber ausführlich das Abenteuer vom Verluste seiner goldnen Brille , welches , da diese Brille , wie er sagte , unersetzlich sei , und er weder eine silberne noch eine von Horn im Gesichte zu dulden vermöge , ihn zwinge , vorderhand unbewaffneten Auges umherzuwandeln , wodurch seiner Kurzsichtigkeit manches Mißverständnis bereitet werde . Von dieser Kurzsichtigkeit , wenn es nicht Zerstreuung gewesen , legte er gleich einen auffallenden Beweis ab , der selbst dem Rektor , welcher sich sonst ziemlich mürrisch verhielt , ein Lächeln entlockte . Der Fremde saß nämlich zwischen der Rektorin und Cornelien , und war der Pflichten seines Platzes , wie man merkte , vollkommen eingedenk . Nur begegnete es ihm dabei , daß er die Rektorin für die Tochter und Cornelien für die Mutter ansah , denn er verwandte an jene galante Scherze , und behandelte diese mit achtungsvoller Kälte . Man wurde ganz fröhlich ; die Männer suchten durch allerhand übertriebne Behauptungen die Stimmung des Fremden zu steigern , die Frauen teilten einander ihre Bemerkungen über seine Perücke und über die berühmte Spiegeldose mit , welche er von Zeit zu Zeit hervorzog , um sich verstohlen in Augenschein zu nehmen . Cornelie war gegangen . Hermann kam und brachte Weltneuigkeiten mit , die er auf dem Kaffeehause in den Zeitungen gefunden hatte , kurz der Abend schien sich zu einem allgemeinen Frieden anzulassen . Unglücklicherweise erwähnte Hermann der Untersuchungen gegen demagogisches Unwesen , die mit besondrem Eifer grade damals wieder aufgenommen worden waren . Söhne angesehener Familien waren plötzlich verhaftet worden ; der Argwohn hatte seine Schatten in schon gegründete bürgerliche Verhältnisse geworfen . Man beklagte den unglückseligen Schwindel der Jugend , welcher sie selbstmörderisch treibe , ihre ganze Heiterkeit und Frische sich so jämmerlich zu verderben . Der Rektor nahm hievon die Veranlassung zu bemerken , daß das ganze Unheil davon herrühre , daß in den neuesten Zeiten die eigentlich gelehrte Bildung vernachlässigt zu werden beginne . » Die Beschäftigung mit den Alten « , sagte er , » drückt in die junge Seele das Bild eines vollkommnen in sich zusammenhangenden Lebens . Ein einziger Vers des Horaz , eine Sentenz des Tacitus wirft über ganze Strecken ein mächtiges Licht . Nennen Sie mir etwas , was gleich mit solcher Gewalt die Seele ausweitete , als die bloßen Namen : Rom , Athen . Nicht unpassend hat ein großer Dichter und Weiser gesagt , man fühle sich wie in einer Montgolfiere schwebend , sobald man Homer zur Hand nehme . « » Die Gleichnisse hinken « , versetzte der Edukationsrat , » man könnte aber auch sagen : sie sind Fackeln , die den Pfad dessen , der auf unrechten Wegen geht , erhellen . Ja leider , leider , haben wir in der Luft geschwebt , seit Jahrhunderten in der Luft geschwebt , und es dürfte nicht schwer sein , nachzuweisen , daß auch die Fehltritte jener unglücklichen Jünglinge nur das Stolpern derer sind , die aus der Wolkenhöhe endlich wieder auf festem Grund und Boden sich niederlassen . Dieses ganze politische Traumgebäude ist denn doch weiter nichts , als der Nachklang gewisser Schulbegriffe , die lange Zeit in den Auditorien eingesperrt , durch die unruhige Gegenwart an die Oberfläche des wirbelnden Tages geschleudert worden sind . « » Die Schulbegriffe , wie Sie sie nennen gaben dem Leben der ersten Staatsmänner seinen Halt « , sagte der Rektor . » An solchen Schulbegriffen haben der große Chatham und sein großer Sohn sich auferbaut ; Cannings Reden sind voll von klassischen Zitaten . « » Weshalb man auch sagt , daß sie nach dem Schimmel riechen « , fiel der Edukationsrat ein . » Überhaupt meine ich , daß ein ganz andrer Einfluß , als den Sie beide im Auge haben , bevorsteht « , hob der Hindu mit einer gewissen graziösen Feierlichkeit an . » Ich darf wohl sagen , daß ich das klassische Altertum kenne , ich war der erste , der die Mangelhaftigkeit des Vossischen Hexameters aufdeckte ; ich habe es vorausgesagt , daß die reinen Trochäen in diesem Metro auch ganz verworfen werden würden , und ich denke , daß der Vers : Wieder zur Ebene rollte der frech sich empörende Steinblock ein wenig besser klingt als das : Donnergepolter des tückischen Marmors über welches wir , sobald es durch Germanien zu poltern begann , gleich unsre herzliche Freude hatten . Nachmals , als ich das Glück hatte , jener Frau anzugehören , die , man kann wohl sagen , eines europäischen Rufes genoß , machte ich sie oft zu lachen , wenn ich ihr den fraglichen Vers zum Beweise für den Wohllaut unsrer Sprache vorsagte , sie versuchte ihn dann nachzusprechen , kam aber nie damit zustande , besonders machte ihr jenes so kraftvoll gebildete Wort , worin sozusagen , der große Philologe , Dichter und Kämpe für Wahrheit und Recht sich völlig inkarniert zeigt , viele Schwierigkeit ; sie sprach es immer à la française aus , etwa so : tonnère guepoltère , und vergebens war meine ganze Didaskalie . Ich weiß nicht , ob Sie aus jener Zeit mein Epigramm auf Napoleon kennen , welches ich machte , als Canova seine Statue verfertigte . Dieses Witzwort hatte einer meiner amerikanischen Freunde gehört , und ließ es in der Baltimorer Zeitung abdrucken , von wo es denn wieder dem Tyrannen zu Ohren kam ; daher sein