mit Kälte verbeugte , er habe den Wunsch nicht unterdrücken können , ihm seine Aufwartung zu machen , und sei schon so frei gewesen , ihm diesen Vorsatz in einem früheren Briefe anzukündigen . Der Graf erwiederte eben so kalt , daß es ihn herzlich freue , einen Verwandten bei sich zu sehen , dessen Bekanntschaft er sich schon lange gewünscht habe ; er stellte ihn hierauf der Gräfin vor und machte ihn mit den Hausgenossen bekannt . Der Gräfin verursachte das Feindliche in der Stellung , welche die beiden Verwandten gegen einander annahmen , die größte Pein , und durch einige herzliche Worte suchte sie sich dem jungen Manne zu nähern , auf die dieser indeß zwar höflich aber mit schroffer Kälte antwortete . Vor St. Julien , als der Graf ihn nannte , beugte er sich kaum merklich , ohne ein Wort zu sagen , der junge Franzose erwiederte den Gruß , wie er ihn empfing , und in wenigen Minuten war eine allgemeine und gründliche Verstimmung entstanden . Um ein Gespräch anzuknüpfen , erkundigte sich der Graf nach dem Vater seines neuen Gastes und bedauerte , daß er so viele Jahre außer aller Verbindung mit seiner Familie gelebt habe , so daß ihm alle Verhältnisse derselben fremd geworden wären . Der junge Graf schoß einen feindlichen Blick auf die Gräfin und sagte , die Trennung des Grafen sei von seinem Vater oft als ein großes Unglück beklagt worden . Ich wüßte nicht , sagte der Graf , dem der Blick nicht entgangen war , empfindlich , welch Unglück ich dadurch für Verwandte herbeigeführt hätte , die ich kaum in meiner Jugend gekannt habe . Ich fühle wohl , erwiederte sein Vetter , daß diese Erklärung nur mein Vater geben könnte , und daß er sie nicht in Gegenwart von Fremden geben würde . St. Juliens Auge glühte , er stand auf und wollte den Saal verlassen . Wo wollen Sie hin , mein bester St. Julien , sagte der Graf , indem er ihm mit Zärtlichkeit die Hand bot , Sie wissen , wie lieb mir Ihre Gesellschaft ist , warum wollen Sie uns also verlassen ? St. Julien setzte sich wieder , der junge Graf hatte die Augen zu Boden gesenkt , und es entstand ein drückendes Schweigen . Die Gräfin versuchte es von Neuem , das Gespräch wieder zu eröffnen , aber alle ihre Fragen wurden so einsylbig von dem jungen Grafen erwiedert , wie es der Anstand nur irgend erlaubte . Der Graf verlor beinah die Geduld , doch da er dachte , daß das Kommen seines jungen Vetters gewiß einen Zweck habe , so that er sich selbst Gewalt an , um wo möglich diesen kennen zu lernen . Es waren nach und nach alle Gegenstände vergeblich berührt worden , durch die man hoffen konnte , ein Gespräch einzuleiten , und der Graf that nun als letztes Hülfsmittel einige Fragen über den Krieg . Ein schmerzliches , fast höhnendes Lächeln zuckte um den Mund des jungen Grafen . Wie glücklich , sagte er , daß Sie hier den Krieg nicht erlebt haben , daß Sie sich hier in Ruhe und Wohlstand von dem Kriege können erzählen lassen , und abwechselnd Freunde und Feinde bewirthen . Ich will Ihnen nur eine Geschichte aus dem Kriege erzählen , und Sie werden für Ihre Ruhe dem Himmel danken . Ein junger Offizier , mein Freund und Waffenbruder , ging mit mir zugleich zum Regiment , und machte mich auf dem Wege mit seiner Mutter und drei liebenswürdigen Schwestern bekannt , die auf ihrem Gute wohlhabend mit Anstand lebten . Wir hatten uns kaum entfernt , so hörten wir , die Franzosen hätten es genommen und geplündert . Mein unglücklicher Freund erfuhr nichts von den Seinigen ; bald darauf wurde das Schloß von den Preußen genommen , welche die Noth zwang , ohne Rücksicht für die Bewohner die noch übrigen Vorräthe zu benutzen . So zogen fünfmal abwechselnd Feinde und Freunde hindurch , bis auch unser Korps wieder in die Nähe gedrängt wurde . Auf dem väterlichen Boden meines Freundes zerstampften unsere Rosse die Saaten bei einem blutigen Scharmützel ; die Feinde zogen sich zurück , aber mein Freund sank von einer feindlichen Kugel in der Brust getroffen , auf seinem eigenen Boden . Ich brachte den sterbenden jungen Mann in das Haus seiner Väter und fand es öde , aller Mobilien beraubt , die Fenster zerschlagen , von allen Bewohnern verlassen ; endlich entdeckte ich in einem Winkel zusammengekauert eine weiße , bleiche Gestalt , die die abgemagerte Hand erhob und mit wahnsinnigem Lächeln auf die Leiche ihres Bruders deutete , der schon gestorben war . Es war die jüngste Schwester meines Freundes ; die Mutter und die beiden älteren waren todt , und diese durch Hunger und jede Mißhandlung wahnsinnig geworden . Dies ist der Krieg , schloß der junge Graf , von dem sich hier freilich keine Spuren zeigen . Die Gräfin verhüllte bei dieser gräßlichen Geschichte das Gesicht , Emiliens Thränen flossen unverborgen , und auch die männlichen Zuhörer waren tief erschüttert . Der Graf glaubte , daß die allgemeine Theilnahme , die sein Vetter bemerken mußte , diesen geneigter machen würde sich anzunähern , aber im Gegentheil schienen durch die erzählte Begebenheit Gefühle in ihm erregt zu sein , die ihn noch feindlicher stimmten . Er äußerte sich in so starken Ausdrücken über die Franzosen , daß es der Graf nicht mehr hinderte , als St. Julien den Saal verlassen wollte , und sich selbst mit den übrigen Hausgenossen sobald als möglich zurückzog , um Gespräche mit seinem Vetter zu endigen , die zu leidenschaftlich von diesem geführt wurden . XV Während die Gesellschaft im Saale versammelt war , war Dübois noch für das Fest des folgenden Tages beschäftigt , und die Anordnungen , welche er machte , führten ihn durch alle Gänge des Hauses . So ging er auch an dem Zimmer vorüber , in welchem die Bedienten versammelt waren , und hörte , wie ihm ein verwirrtes Getöse von Lachen , Weinen , Schelten und Fluchen daraus entgegen tönte . Entrüstet öffnete der alte Haushofmeister die Thüre , um sich nach der Ursache des unziemlichen Lärmens zu erkundigen . Die dort Versammelten bemerkten ihn nicht sogleich , und er sah , wie der Knabe des jungen Grafen mit funkelnden Augen und erhitzten Wangen hinter einem Tische stand und sich mit dem Rücken gegen die Wand lehnte ; den rechten Arm hatte er erhoben und in der Hand hielt er drohend ein blinkendes Messer . Schurken ! rief er mit von Wuth entstellter Stimme , wagt es , und der erste , der mir naht , dem stoße ich dieß Messer in die Brust . Entsetzt sprang Dübois vor und rief : Um Gottes Willen , was geht hier vor ? Soll ich Mord hier im Hause erleben ? Die Bedienten wichen zurück , und der Lärm verstummte , auch der Knabe hatte den Arm sinken lassen , ob gleich die Hand noch das Messer hielt . Junger Mensch , fuhr Dübois fort , sich zu diesem wendend , was konnte Dich zu solcher Wildheit reizen , daß Du in Deiner zarten Jugend ein Mörder zu werden drohst ? Herr , erwiderte der Knabe mit zitternder Stimme , indem seine Wuth sich in Wehmuth auflöste und die hellen Thränen über seine Wangen flossen , Sie wissen nicht , wie mich diese Menschen reizten . Ich gehöre nicht zu ihnen , drum hielt ich mich abgesondert . Nun fingen sie an mich zu necken , meine Dürftigkeit zu verlachen und über meine Kleidung ihren Spott zu treiben ; da verlor ich die Geduld und sagte ihnen , was meine ernstliche Meinung ist , daß ich lieber sterben wollte , als eine Livree tragen , wie sie , wenn sie auch noch mehr Gold an sich hätten ; drauf wurden sie wüthend und wollten mich schlagen , und so kam es , daß ich , um mich zu vertheidigen , - hier stockte der Knabe , seine Hand ließ das Messer fahren , und er blickte mit Beschämung vor sich nieder . Und wenn Du nun so unglücklich gewesen wärest , in diesem thörichten Streite einen jener unnützen Schufte zu tödten , fragte der alte Mann , und seine blutende Leiche läge jetzt vor Dir , würdest Du dann nicht verzweifeln . Ich habe Unrecht , sagte der Knabe , aber sollte ich mich denn schlagen lassen ? Der Haushofmeister wußte keine Antwort zu geben , denn sein eigenes Ehrgefühl sagte ihm , daß der Knabe schwer gekränkt worden sei , und doch wollte er keine gewaltsame Handlung entschuldigen . Er wendete sich deßhalb zu den Bedienten und sagte : Euer Betragen werde ich dem Herrn Grafen melden , und ich bin überzeugt , daß Ihr eher alle aus seinem Dienste gejagt werdet , ehe er es duldet , daß ein Gast seines Hauses , ein Verwandter in seinem Diener beleidigt wird . Du , mein Sohn , sagte er zu dem Knaben , komm von diesen Menschen hinweg , Du sollst in meinem Zimmer bleiben , bis Dein Herr Deiner bedarf . Er nahm nach diesen Worten die Hand des Knaben und führte ihn aus dem Bedientenzimmer hinweg . Das fehlte noch , sagte einer der Zurückbleibenden , daß wir um des Bettelprinzen Willen unsere Stellen verlören ; aber Du , Johann , hast den Lärmen angefangen , bekommt es uns schlecht , so gehn wir über Dich her . Der Beschuldigte wollte sich vertheidigen , es wurde Partie für und wider ihn genommen , und es war nah daran , daß der Streit ernsthaft erneuert wurde , wenn nicht ein Jäger , der Vernünftigste der Gesellschaft , dringend zum Frieden ermahnt hätte . Seinem Rathe beschloß man auch einmüthig zu folgen , und man wollte Dübois , ehe er am andern Morgen den Grafen sprechen könnte , vermögen , die Sache zu verschweigen , und sich mit dem Knaben zu versöhnen suchen , damit auch dieser nicht bei seinem Herrn sich beklage . Dübois hatte den Knaben auf sein Zimmer geführt und fragte ihn hier : Hast Du schon zu Abend gegessen , mein Kind ? Nein , sagte der Knabe , da ich mich nicht unter die Bedienten mischen wollte , so hat mir auch Niemand etwas angeboten . Der Haushofmeister brachte nun selbst einige kalte Gerichte und stellte auch eine kleine Flasche Wein vor seinen neuen Gast . Der Knabe fing unter stillen Thränen an zu essen und trank auch ein wenig von dem ihm angebotenen Weine . Als er seine Mahlzeit beendigt hatte , sagte Dübois : Und nun , mein Sohn , erzähle mir doch , weßhalb Du nicht zu den Bedienten zu gehören glaubst . Sie sind ein so guter Herr , sagte der Knabe zutraulich , recht wie einem Vater könnte ich Ihnen vertrauen , mit Ihnen kann ich gern über alles Unglück sprechen , das ich schon erlebt habe , so jung ich auch noch bin . Mein Vater war ein gelehrter Mann , aber weil er in seiner Jugend nicht Geld genug hatte , so konnte er auch nicht auf eine Universität gehen und studieren , wie es sein Wunsch war , also konnte er auch nicht Prediger werden und nahm eine Kantorstelle an , wobei er sich auch recht gut stand . Es war ein schönes , großes Dorf und hieß Schönau , wo wir wohnten , ein anderes Dorf gehörte auch zu unserer Kirche , und mein Vater hatte eine reiche Einnahme . Die Bauern ehrten ihn als einen Mann , der beinah gelehrter war als der Prediger selber ; unser Herr Pfarrer liebte meinen Vater , und Beide waren recht große Freunde ; selbst , wenn der gnädige Herr auf dem Schlosse war , so lud er niemals den Prediger zu Tische , ohne auch meinen Vater zu bitten ; so ging Alles recht schön und gut ; mein Vater unterrichtete mich sorgfältig und sagte oft zu mir : Du , Gustav , mußt Alles nachholen , was ich aus Armuth habe versäumen müssen , denn Gottlob ! ich habe so viel , daß ich Dich auf eine Universität werde schicken können . So war ich etwa zehn Jahre alt geworden , da starb meine gute Mutter , die schon lange kränklich gewesen war . Sie können wohl denken , daß ich sie herzlich und lange beweinte ; auch mein Vater trauerte tief über ihren Verlust , und wir wären vielleicht noch länger in unserm Kummer versunken geblieben , wenn nicht der Prediger so viel gethan hätte , uns zu trösten . Nachdem ein Jahr vergangen war , heirathete mein Vater eine Verwandte des Predigers , und ich war am Hochzeitstage recht betrübt ; denn manche alte Bäuerinnen hatten mir gesagt : Nun , Musje Gustav , nun werden Seine guten Tage vorbei sein , nun kommt eine Stiefmutter ins Haus , nun wird Alles anders gehen . Aber es war nicht so ; meine Stiefmutter war so gut , ach ! so gut , wie es nur immer eine wahre Mutter sein kann . Es wurde freilich Manches anders bei uns im Hause , aber viel besser . Meine verstorbene Mutter hatte bei ihrer Kränklichkeit nicht mehr recht für Alles sorgen können ; nach ihrem Tode hatte mein Vater sich aus Betrübniß um das Hauswesen gar nicht bekümmert , und so lebte nun Alles wieder bei uns auf ; wir hatten feinere Wäsche , bessere Kleider , unser Haus wurde aufgepuzt , im Garten prangten die schönsten Blumen ; und wenn der Herr Pfarrer bei uns speiste , so bewirtheten wir ihn eben so anständig , wie er uns . Seine Söhne waren meine Freunde und Spielkameraden ; mein Vater war mit meinem Fleiß zufrieden , und ich war recht glücklich bei meinen Eltern . So ging es fort , bis mir ein Schwesterchen geboren wurde . Nun sagten die bösen Weiber wieder , nun wird es aus sein , nun hat die Stiefmutter selber ein Kind , nun wird sie sich um den Stiefsohn nicht kümmern ; aber es war nicht wahr . Ich liebte mein Schwesterchen herzlich ; ach ! lieber Herr , es war ein Kind wie ein Engelchen , es war eine Belohnung für mich , wenn es die Mutter in meine Arme gab , und hätten Sie nur dieß Kind gekannt , fuhr der Knabe mit Thränen fort , hätten Sie nur gesehen , wie freundlich die dunkelblauen Augen sein konnten , wie lieblich der rothe Mund im Lächeln die weißen Zähnchen zeigte ! Jeder Mensch mußte dieß Kind lieben , und doch sprach meine Mutter immer so , als ob es eine besondere Tugend von mir wäre , daß ich mein Schwesterchen so liebte , und die gute Mutter wurde aus Dankbarkeit dafür noch zärtlicher gegen mich . Sehn Sie , so gut , so glücklich war Alles , und so blieb es , bis ich beinah funfzehn Jahre alt war ; nun sagte mein Vater : Gustav , nun mußt Du nach Königsberg auf die gelehrte Schule , und bist Du da recht fleißig gewesen und hast alles Erforderliche gelernt , dann kannst Du dort gleich die Universität beziehen , und wenn Du brav und fleißig bleibst , so kann ich noch Freude und Ehre in meinem Alter durch Dich erleben . Sie können wohl denken , daß ich mit Thränen von meinen Eltern schied , aber doch freute ich mich auch weiter zu kommen mit meinen Studien , als es auf dem Lande ging . Mein Vater begleitete mich selbst nach Königsberg , und ich sah es wohl , daß er mich recht mit Stolz betrachtete , als man mich nach dem Examen gleich nach Sekunda setzte . So trennten wir uns , und ich blieb nun einsam in Königsberg zurück und dachte mit Eifer zu studiren . Aber ach ! das Glück war bald zu Ende ; mein Vater meldete mir nach wenigen Monaten , mein liebes Schwesterchen sei an dem Scharlachfieber gestorben und auch die Mutter davon befallen worden . Der Krieg war ausgebrochen , und mein Vater sagte , daß er uns ganz trennen könnte . Er befahl mir daher , die Reise nach Schönau mit einem Fuhrmanne anzutreten , den er mir bezeichnete und von welchem er erfahren hatte , daß er eine Reise unternehmen würde , die ihn nahe bei unserem Dorfe vorbeiführte . Ich gehorchte meinem Vater und war sehr bald wieder in unserm Dorfe , aber wie ganz anders war hier Alles geworden . Die Franzosen waren schon dort gewesen , und hatten Alles geplündert und zerstört , das Dorf war zum großen Theile abgebrannt , und die Bauern hatten die Häuser verlassen , die noch standen . Meine Mutter fand ich sehr krank , der Vater war ganz tiefsinnig geworden . Nun kamen die Preußen , und verlangten Lebensmittel und Pferde , gleich darauf wurden sie von den Franzosen vertrieben ; die feindlichen Kugeln zündeten das Dorf von Neuem an , und der Schrecken , als die Flammen wieder leuchteten , lähmte meine kranke Mutter ; nun stürmten die Feinde in unser Haus und drohten , mich und den Vater umzubringen , aber der Anblick der sterbenden Frau machte , daß sie still wieder abzogen . In derselben Nacht starb meine zweite Mutter , und mein Vater war so betäubt , daß er nicht weinte und auch kein Wort sprach . Wir saßen beide bei der Leiche , indeß das Feuer draußen wüthete . Unser Haus stand etwas abseits und wurde deßhalb von den Flammen verschont ; Niemand war von den Dorfbewohnern dageblieben , auch der Prediger war mit seiner Familie entflohen ; so waren wir ganz verlassen . Mein Vater suchte endlich im Hause umher , und fand etwas Abendmahls-Wein und ein kleines Brod . Iß das , sagte er zu mir , ich will sehen , ob nicht irgend ein Mensch sich findet , der uns hilft die arme Frau begraben . Er ging hinaus . Ich konnte nichts essen und legte das Brod neben mich hin ; da hörte ich auf ein Mal Flintenschüsse ; meine Augen richteten sich nach dem Fenster , Feinde sprengten vorbei , gleich darauf wurde unsere Thüre aufgestoßen , und Preußische Soldaten brachten meinen Vater mit Blut bedeckt herein ; eine Kugel hatte ihn durchbohrt , und er lebte nur noch , um die Hand auf meine Stirn zu legen und mich ohne Worte zu segnen . Die Soldaten legten seine Leiche neben die meiner Mutter , und ich warf mich nieder und küßte die blutige , kalte Hand meines Vaters . Da trat ein junger Offizier herein , und der klägliche Anblick entlockte ihm Thränen ; er kam zu mir , richtete mich auf und suchte mir Trost einzusprechen . Er zwang mich das Zimmer zu verlassen , und einige Weiber , die immer bei den Soldaten sind , mußten für die Leichen sorgen . Mit Güte fragte er mir alle meine Verhältnisse ab und sagte dann : Armes Kind , Du hast in solcher Jugend schon ein schreckliches Unglück erfahren , und bist nun ganz hülflos und verlassen . Diese Worte machten von Neuem meine Thränen fließen , und ich glaubte , das Herz würde mir vor Schmerz brechen . Der gute Herr suchte mich zu trösten und sagte dann : Wenn Du Niemanden hast , dem Du angehörst , so bleib bei mir , und ich will für Dich sorgen , so gut ich kann . Ich fühlte seine Güte , ich küßte seine Hände und sagte ihm , daß ich seine Wohlthat erkenne , aber daß ich um meine lieben Eltern immer weinen müßte . Er tadelte mich nicht und sorgte nun dafür , daß die armen Eltern begraben wurden , so anständig , als es gehen wollte ; er ließ auch ein Kreuz auf ihr Grab setzen . Und ich erfuhr nun auch , daß mein Wohlthäter ein Graf sei und Hohenthal hieße . Er blieb einige Tage noch im Hause , und ich war immer um ihn ; er hatte mich nun ganz kennen gelernt und sagte : Deine Eltern haben Dir eine gute Erziehung gegeben , so bald es nur angeht , sollst Du wieder auf die gelehrte Schule und auf die Universität , und ich will sehen , ob ich mir nicht einen Freund in Dir erziehen kann . Diese Worte rührten mich tief , und ich gelobte mir , seine Liebe zu verdienen . Endlich kam ein Befehl , mein Herr mußte mit seinen Truppen weiter rücken . Ich muß Dich mit mir nehmen , sagte er zu mir , obgleich Krieg und Schlachten nicht für Deine Jahre taugen , aber ich weiß Dich nirgends unterzubringen , und so könnte der Krieg uns leicht für immer trennen . Ich folgte also dem gütigen Herrn und erlebte an seiner Seite die fürchterliche Schlacht bei Eylau . Den zweiten Tag dieser gräßlichen Schlacht wirft sich ein Trupp Franzosen auf die Bagage , bei der ich und mehrere Knaben waren , viele wurden niedergemetzelt , andere entkamen , und so auch ich . Nebst der Furcht für mein Leben quälte mich auch noch der Kummer , daß ich von meinem Herrn nichts wußte , auch die Sorge , daß er nun Alles verloren habe , und dann erfaßte mich die Angst , ob er nicht vielleicht geblieben sei und ich ihn so auf immer verloren habe . Diese mannichfachen Gefühle quälten mich auf meiner Flucht , die ich immer weiter fortsetzte , bis ich durch ein niedergebranntes Dorf eilte , einem einsam stehenden Hause zu . Ich riß hastig die Thüre auf und stand bald in einem großen , leeren Zimmer , das ich sogleich für die ehemalige Wohnung meiner Eltern erkannte . Das Bett stand noch darin , auf dem beide Leichen gelegen hatten ; der Anblick rief meine Thränen hervor , und ich stand schluchzend und Hände ringend vor dem leeren Bette , da wurde es auf einmal laut und lebendig , Degen und Sporen klirrten , die Thüre wurde geöffnet , und herein getragen wurde mein lieber Herr , ganz wie mein Vater bleich und mit Blut bedeckt . Ich schrie auf in der wildesten Verzweiflung . Schweig , dummer Junge , rief mir ein Arzt entgegen , er ist nicht todt . Ach ! welch ein Trost war dieß Wort für mich , hätte der gute Mann auch noch weit ärger geschimpft , wie er nachher noch oft that , wenn ich etwas ihm nicht recht zu machen verstand , ich wäre doch niemals auf ihn böse geworden . Sie legten meinen lieben Herrn auf dasselbe Bett , auf dem mein armer Vater gelegen hatte . Seine Wunden wurden untersucht und die Kugel herausgezogen , der Arzt gab die beste Hoffnung , und die Offiziere , die ihn hieher gebracht hatten , mußten nun zu ihren Truppen zurück . Der Arzt blieb , und die Offiziere versprachen , ihn nach einigen Tagen abzuholen . Als wir allein waren , verlangte der Arzt , ich sollte ihm Lebensmittel verschaffen . Ich durchsuchte das ganze Haus und fand in einem kleinen oberen Zimmer einige alte Frauen , die nach dem Dorfe zurück gekommen waren und sich in dem einzigen Hause , welches noch stand , eingerichtet hatten ; diese nun mußten Hülfe schaffen , und sie thaten es für Geld auch gern , und so wurde der Arzt befriedigt . Die Offiziere hatten mir , als man meinen Herren entkleidete , das Geld gegeben , welches er bei sich trug , und auch seine Uhr ; ich erfuhr auch von ihnen , daß sie ihn gerettet hatten , als er in ihrer Nähe , von einer Kugel getroffen , gefallen war . Schon des andern Tages kamen die Offiziere zurück und brachten uns alle , auch meinen kranken Herrn , nach einem Orte , wo ein Lazareth eingerichtet war , und hier dauerte es lange , ehe mein armer Herr nur sprechen konnte . Endlich erlaubte es ihm der Arzt , und seine ersten Worte richtete er an mich . Gustav , sagte er , ich habe es wohl gesehen und gefühlt , mit welcher Liebe Du mich pflegst , Du leistest mir alle Dienste , auch die , die sonst nur einem Bedienten zukommen ; aber , lieber Junge , die Dienste , die man dem Freunde leistet , erniedrigen nicht , und vielleicht kann ich es Dir noch einmal vergelten . Nach einigen Tagen fragte mein Herr : Lieber Gustav , wie viel Geld haben wir noch ? Ich zählte die Summe und sagte sie ihm . Das ist wenig , erwiederte er seufzend , und wir müssen vielleicht noch lange damit auskommen ; rufe mir Jemanden , dem wir die Uhr verkaufen können , und dann hüte Dich etwas Ueberflüssiges auszugeben . Ein Jude fand sich bald , der die Uhr kaufte , und nun theilten wir das Geld sehr sparsam ein . Es war aber doch natürlich , daß ich meinen kranken Herrn nichts wollte entbehren lassen und lieber Manches selbst entbehrte , und nun machen sich die Schufte hier über meinen Herrn lustig , weil er mir keine bessern Kleider giebt . Laß diese elenden Menschen , mein gutes Kind , sagte Dübois mit weicher Stimme , und endige Deine Erzählung . Nun fuhr der Knabe fort : Endlich war mein Herr so weit gekommen , daß wir reisen konnten . Der Waffenstillstand wurde auch bekannt , und wir machten uns nun , ich kann wohl sagen , recht arm auf den Weg , um zu seinen Eltern zu gelangen . Mein Herr war so gut , daß er sich ernstlich entschuldigte , wenn ich ihn bediente . Dich hat ein Gott recht zu meinem Beistande gegeben , sagte er ein Mal , wie wollte ich ohne Dich bestehen , da ich noch nicht gesund bin . So erreichten wir endlich seines Vaters Schloß ; aber Sie werden es nicht übel deuten , lieber Herr , wenn ich es aufrichtig sage , daß der alte Graf mir nicht gefiel ; auch sah ich wohl , daß mein gütiger Herr niedergeschlagener wurde , als er es im Felde und in Krankheit und Armuth war . Hier wurde auch eine andere Einrichtung getroffen , und er litt es durchaus nicht mehr , daß ich ihn bediente ; er nannte mich hundert Mal des Tages seinen jungen Freund oder seinen Pflegesohn , und ich hörte es wohl , wie sein Vater ihm oft Vorwürfe machte , daß er sich durch mich eine unnütze Last auf den Hals geladen habe . So aß ich dort mein Brodt mit Thränen , aber es wurde noch schlimmer ; ein alter widriger Mann mit triefenden Augen kam dorthin , der trug dem alten Grafen Vieles vor und auch meinem jungen Herrn ; was es war , kann ich nicht sagen ; aber mein Herr wurde oft sehr aufgebracht , und ich hörte mehrere Male , wie er dem alten Grafen zuschwor , er würde solch Unrecht nicht dulden ; dann suchte ihn der alte Graf selbst wieder zu besänftigen und bat ihn , nicht durch Hitze Alles zu verderben und zur Klugheit seine Zuflucht zu nehmen . Endlich kam die Nachricht , daß mein Herr verabschiedet sei ; das brachte ihn vollends zur Verzweiflung . Gustav , sagte er eines Abends zu mir , ich muß eine kleine Reise unternehmen , und ich will auf dieser Fahrt keinen von meines Vaters Leuten mit mir nehmen , denn ich habe bemerkt , daß sie ihrer Zunge zu viel Freiheit gestatten und über ihre Herrschaft zu viel schwatzen . Ich konnte dieß nicht läugnen . Hast Du so viel Liebe für mich , fuhr mein guter Herr fort , daß Du mir auf dieser Reise die Dienste leisten willst , die mir Erziehung und Gewöhnung unentbehrlich gemacht haben , und kannst Du auch wohl ein Paar Pferde regieren ? Ich versicherte ihm , daß ich Alles leisten wollte , und so machten wir uns auf den Weg . Mein Herr sorgte für mich besser , als für sich selbst , und ich hoffte , die Reise würde ihn erheitern . Ich bemerkte es wohl , daß er immer unruhiger wurde . Endlich , heute Morgen , hielten wir vor einem hübschen Hause an ; ich sah es wohl , wie der Graf zitterte , als er abstieg ; seine Augen und Wangen brannten , aber nach wenigen Minuten kam er bleich wie eine Leiche zurück , bestieg still den Wagen , sprach während des ganzen Weges kein Wort , und hier angekommen , hat er auch nicht an mich gedacht und mich zum ersten Mal wie einen Bedienten vergessen . Der Graf muß etwas sehr Schmerzliches erfahren haben , mein lieber Sohn , sagte der alte Haushofmeister , da er Dich so hat vergessen können . Weißt Du denn nicht , Wer in jenem Hause wohnte ? Nein , sagte der Knabe , ich sagte Ihnen ja , mein Herr hat den ganzen Tag kein Wort mit mir gesprochen . Ich sollte Dich nun eigentlich nicht Du nennen , mein liebes Kind , sagte Dübois , da Du schon ein halber Student gewesen bist , aber das wirst Du einem alten Manne , der Dir gut will , wohl erlauben . Wenn Sie mich Du nennen , rief der Knabe , so freut mich das , denn Sie sind ein guter , ehrwürdiger Mann , aber von den Bedienten hier im Hause werde ich es niemals leiden . Da der gute junge Graf , fuhr Dübois fort , wie Du selbst bemerkt hast , so schon manchen Kummer zu haben scheint , so wirst Du ihm wohl das schlechte Betragen der elenden Bedienten gegen Dich nicht erzählen . Nein , gewiß nicht , rief der Knabe , ich weiß , es