Theologie , dem sich La Mennais in dieser listig berechneten Schrift hingegeben , ist der sittlich edlen und geistig reinlichen Natur eines Günther durchaus entgegengekehrt . Er , der Schöpfer des speculativen Katholizismus , will eine wissenschaftliche Bewegung , welche die Parteien des Glaubens in der Idee der Wissenschaft vermitteln und vereinbaren soll . La Mennais aber predigt einen religiösen Radikalismus , einen frommen Straßenaufruhr , so unglaublich auch immer eine solche Zusammenstellung klingen kann . Aber wer weiß , was noch alles für Wortformen , für pikante Zusammenwürfelungen von Adjectiven und Substantiven nöthig werden , um das , was die Zeit immer bunter in einander übergreifen läßt , zu bezeichnen , denn auch in die Sprache schlägt die Bewegung schneidend ein . Und La Mennais predigt zu den Ouvriers , zu den Tagelöhnern , zu den Handwerksgesellen , er führt eine demagogische Andacht in den Schenken und niedrigeren Weinhäusern ein , und bewaffnet die gefährlichste Klasse des Volkes mit giftig scharfen Sentenzen . Die Worte eines Gläubigen sind mehr aus kirchlich politischer , als aus religiöser Bedeutung anzusehen . Es ist ein politischer Feldzug auf dem Gebiet der Kirche , mit einem großen , zum Theil einzigen Talent der Form ausgeführt . In Frankreich war diese Erscheinung längst zu erwarten , und ich wundere mich , daß sie nicht schon früher sich da gezeigt hat . Der Abbé de la Mennais , nach vorhergegangener Excommunication kaum wieder zu Gnaden angenommen vom heiligen Vater , mußte es sein , der abermals durch eine mit dem größten und salbungsvollsten Ernst versponnene Intrigue gewaltiges Aergerniß erregte vor dem päbstlichen Stuhl . Aber in Frankreich war der Katholizismus lange der Bewegung verfallen , in Frankreich , das die ersten Kriegsheere gegen die Legitimität auf den Schauplatz der Geschichte gestellt hat . Sobald sich dies Volk bestimmt in dem Gedanken gefaßt hatte , daß es das Volk der Bewegung sei für die neueren Zeiten , wurde es ihm nothwendig , den Begriff der Staatsreligion aufzuheben im Lande . Der Katholizismus , die Religion der Legitimität , konnte nicht mehr Religion sein des an die Bewegung hingegebenen Staates . So wurde die Idee der Aufhebung der Staatsreligion zuerst unter den Franzosen lebendig , aus keinem andern Grunde aber , als weil diese Staatsreligion der Katholizismus war . Denn in dem auf ähnlichen politischen Institutionen beruhenden England , wo die herrschende Kirche die protestantische ist , bleibt der Begriff der Staatsreligion bis jetzt noch erhalten . Mir gefiel der kleine Herzog von Bordeaux . Er zögerte etwas , den ihm vorgehaltenen Reliquienknochen zu küssen . Und der Herzog von Bordeaux ist noch ein Kind . Gehört ein Kind auch schon der Stabilität an ? Ich dächte , das muthigste Prinzip der Bewegung schlummert im Kinde , durch die neugepflügte Seele des Kindes geht ungeduldig der Blüthendrang der Bewegung . Ein Unterpfand des Fortschrittes , ein Kind ! Das Kind will und muß wachsen und werden , mit hellen Augen sieht es Alles aus dem Gesichtspunct der Zukunft an , und die Welt ist ihm noch die ganze Zukunft . In der Gegenwart nicht festgewurzelt , von der Vergangenheit nicht zurückgehalten , gibt es sich lächelnd an die Entwickelung hin , und zerstört in aller Unschuld alte Gesetze , indem es auf den neuen wie ein junger Gott sich wiegt . Die Hoffnung weht um seinen lockigen Scheitel , die Sehnsucht dehnt Brust und Glieder aus zu schwellenden Formen , und die innere Wärme des Daseins macht eine knospende Gestalt des Frühlings aus ihm . Das Kind bricht auseinander in Blüthe , es weiß nicht wie . Der Segen der allgemeinen Entfaltung hat sich gleich befruchtendem Himmelsthau über die Empfänglichkeit seines Wesens ergossen . Darum denke ich mir gern in einem eingefleischt legitimen und absolutistischen Reiche plötzlich ein unschuldiges , unmündiges Kind auf den Thron , und es ist merkwürdig , wie mir die neueste Tagesgeschichte diese meine ächt historische Schadenfreude verwirklicht . Zwar nicht meinen kleinen Herzog von Bordeaux , dessen kluges Knabengesicht mir so wohlgefallen , hat sie auf den französischen Thron gesetzt , um ihn für die Bewegung zu erziehen , und so in ihm das Vergangenheitsrecht der Legitimität mit dem jungen Recht der Zukunft zu verschmelzen . Aber seht , in Spanien , dieser uralten dunkeln Stätte des zwischen Katholizismus und Legitimität geschlossenen Schwesterbundes , in Spanien schaukelt sich ein kleines frisches Mägdlein in der Wiege , und diese Wiege , an der im Lande früher nicht gesehene Engel sitzen , ist der castilianische Thron . Und rings umher im Reiche , welche Veränderung , ja , welches Schicksal ! Ist es Spanien , ist es wirklich das seit langen Jahren geschichtlich todte Spanien , das jetzt einzig nur in den freien und neuen Institutionen sich beglückt , gesichert und erlöst dünken kann ? Ein holdes Kind schläft in der Wiege , und das Volk gewinnt Muth , zu erwachen . Die Partei des Kindes ist die liberale , denn sie sieht das Kind an , und denkt bei ihm an die Werdefreiheit der Zukunft . Und das Kind träumt auf seinem Wiegenthron ruhig hin von fernen Morgenröthen , und wenn es einst die größer gewordenen Augen um sich her aufschlägt , wird es die Sonne der Freiheit über Spanien heraufgeführt sehen , und unter diesem Sonnenschein , von dem es geträumt , dann herrschen . Aber noch wird Isabella blutige und kriegerische Tage an ihr Ohr schlagen hören , ehe die Bewegung der Freiheit den Segen des Friedens bringt . Denn in Spanien , weil es katholisch ist , wirkt jede Spaltung auch als eine religiöse , und die Legitimität läßt sich nicht erschüttern , ohne auch dem Katholizismus ein Grab zu graben . Unabsehbar sind daher noch die Mittel der innern Beruhigung , und ich glaube , daß Spanien vorerst nichts Wirksameres zu ergreifen hat , als Frankreich in der Aufhebung der Staatsreligion zu folgen . Und nun sehet auch hin auf die altherrliche Nachbarin Spaniens , das von Camoëns gesungene Portugal ! Abermals in einem von Legitimität und Katholizismus verwüsteten Lande ein Kind auf dem Thron , wenn auch schon fast eine Jungfrau ! Aber an der Sache des Kindes Maria da Gloria entspann sich der Kampf und die Bewegung der nationalen Freiheit . Und wieder ein Thron , der nicht anders als unter den freien und neuen Einrichtungen sich für gesichert halten kann , ein Thron uralter Legitimität , an die Blüthe eines jungen Mädchens gefesselt , die nur durch die Macht der Bewegung Königin sich nennt , die im Begriff steht , mit einem Fürsten aus Napoleonischem Stamme sich zu vermählen . Wunderbare Romandichtung der Geschichte ! Wer hatte etwas Aehnliches sich ausdenken können ! Doch während die Freiheit in Portugal aufblüht , verhüllt der Katholizismus trauernd sein Haupt , nachdem ihm der kluge Dom Pedro eine tödtliche Wunde geschlagen . So sind diese beiden alten Legitimitäten des westlichen Europas von der Bewegung ergriffen . O Legitimität , wo wohnst Du noch , wo habe ich Dich in Deiner ursprünglichen Reinheit und festen Kraft , und in nationaler Übereinstimmung mit dem Geist des Volkes selbst , noch zu suchen ? Ich weiß kein Land , in dem sich die Legitimität reiner , ursprünglicher und unvermischter erhalten hätte , als in dem streng katholisch gebliebenen Oesterreich . Und ich höre , daß sich der unglückliche Karl der Zehnte jetzt für immer in Oesterreich ankaufen wird , nachdem er die Hoffnung aufgegeben , je wieder auf französischen Boden zurückzukehren . Die alte Austria steht noch fest , sie hat eine reiche und großartige Aristokratie , wie wenig andere Länder , und das Volk hat Ehrfurcht vor der Aristokratie , wie kein anderes Volk . Kann es dauerhaftere Verheißungen für die Stabilität geben ? Selbst in England ist der Toryismus bereits für untergraben anzusehn , während die österreichische Aristokratie ihren ganzen unversehrten Glanz noch erhalten , ja immer strahlender und mächtiger sich erhebt . Daher gibt es fast keine einzige zweideutig schillernde Richtung im österreichischen Staat , nirgend liegen verschiedenartige und entgegengesetzte Elemente im Kampf , woraus eine Bewegung ihren Anfangspunct nehmen könnte , und diese patriarchalische Einheit der Zustände , die fernab von der übrigen europäischen Civilisation steht , verbürgt noch auf unabsehbare Jahre die Legitimität . Und da ich von dem Kampf verschiedenartiger Elemente gesprochen , fällt mir noch das Schloß des Grafen Czernin ein , das ich hier in Prag mit Verwunderung gesehn . Dies ist vielleicht das einzige Grafenschloß im ganzen Lande , in welchem demokratische Bestandtheile ihren Wohnsitz aufgeschlagen haben . Ein herrlicher , in dem großartigsten Styl erbauter Palast , aber er steckt voll von pöbelhaftem Radicalismus . Aus den hohen Fenstern hängt an hölzernen Stangen zerlumpte Wäsche zum Trocknen heraus , und durch das colossale Portal geht nichts als armseeliges Bettlergesindel , in schmutzigen und dürftigen Gestalten , aus und ein . Ist das nicht ein Contrast verschiedenartiger Elemente in einem erhabenen Aristokratenschloß ? Doch der Graf hat es um Gottes willen gethan . Mildthätigen Sinnes , hat er den Armen und Bedürftigen seinen ganzen Palast zum Wohnen überlassen . Aber diese großartige Verschmelzung von Aristokratie und Radicalismus hat etwas ungemein Ueberraschendes und Nachdenkliches . Zugleich freut man sich darüber . Ich würde mich auch freuen , wenn einmal eine Königstochter aus altem Hause einen wegen demagogischer Umtriebe relegirten Studenten aus purem Mitleid heirathen wollte ! Doch wo bin ich hingerathen ? Oder wo bin ich ? In den abenddunkeln Gängen von St. Veit irre ich noch , dem Anschein nach ein in sich selbst versunkener Frommer , auf und nieder , und von draußen höre ich den starken Regen auf die Steine herabschlagen . Ich erbange und werde unruhig in dem einsamen menschenentleerten Dom , dessen hohe Säulen , wie alte Mystiker mit schwarzen Bärten , sich immer schauerlicher in die wachsende Dämmerung einspinnen . Meine beständige Sehnsucht nach den Gestalten dieser Welt befällt mich mit unverholener Wehmuth , und es brechen plötzlich in meiner Brust die Schleusen unstillbarer Schmerzen auf . Kein Laut wird um mich her wach ; nur hier und da noch eine einzelne Gestalt , an einem Pfeiler lehnend , oder mit leiser Bewegung an mir vorbeischwebend . Die Perspective ins Jenseitige , die zuvor an der gothischen Baukunst dieses Domes meinen Gedanken sich aufgethan , wird jetzt auf Einmal zu einem großen Gefühl der Trauer tief in mir innen . Das ferne Jenseitige hilft mir nicht , und das nahe Diesseitige kann mir nicht genügen . Und Christus sagt , sein Reich sei nicht von dieser Welt , und doch ist er zu uns gekommen , und ist selber Welt geworden . Gott hat sich aus Liebeslust ins Fleisch getaucht , und das Fleisch dieser Welt ist geheiligt worden , indem es Gott wurde . So blüht Gottes Reich überall auf der Erde , aber es ist dennoch , wie Christus verkündet , nicht von dieser Welt , das heißt : nicht von der Welt , wie sie als das von der Jenseitigkeit abgetrennte und in sich verlorene Diesseits hier dasteht . Das Diesseits , welches ohne das Jenseits ist , trägt aber noch den ganzen uralten Fluch des Fleisches auf seinem ungesegneten Haupte , sowie die Erde , welche ohne die Sonne finstrer Klumpen der Materie wäre , ohne sie auch keine Wendepuncte der Bewegung hätte , um sich durch Schwingung zu erhalten , und durch Licht und Farbe zu wärmen und zu kleiden . Und die Sonne , mit ihren Alles bewegenden Weltstrahlen , bewegt auch den Klumpen , und der große Gott mit seinem Alles liebenden Geist hat auch das Fleisch geliebt . Den erhabenen Bund zwischen Gott und Welt hat Christus geflochten , das Jenseits ist in das Diesseits eingeströmt , und der alte Fluch des Fleisches ist der Segnung gewichen . Nur die Stabilität des Klumpens , nur die Legitimität des Fleisches , möchte ich sagen , ist es , welche ein unheilvolles Zerwürfniß zwischen Welt und Geist unterhalten kann . Denn sobald das Reich des Fleisches sich als ein legitimes abschließt und auf den Thron der Erde sich setzt , ohne die freie Bewegung des Gedankens in sich einzulassen , tritt es bloß als die Ruchlosigkeit der weltlichen Form auf , die sich in sich selbst vernichten und verdammen muß . Aber der Gedanke , wenn er der ächte und freie , und nicht der abstracte ist , hat auch ein erhabenes Verlangen danach , in das Fleisch hineinzuscheinen , ohne das er nicht ist , und dann durchleuchtet er den irdischen Klumpen , der durch seinen Lichtathem hell wird und rein . Die antike heidnische Welt war nichts als das legitime und stabile Reich des Fleisches , und darum das Zeitalter der Plastik . Auch ihre Götter wurden Fleisch und stiegen in menschlichen Formen und Bildern hernieder , aber nicht wie Christus Fleisch geworden war . Diesen Göttern wurden menschliche Formen gegeben , weil sie nichts als menschliche Gedanken waren , aber sie erschienen dennoch als die erste Prophezeihung der Offenbarung Gottes im Fleische . Doch es war nur die Schönheit des Fleisches , zu der es die ganze antike Weltanschauung brachte , und die auch Form ihrer Religion wurde . Daher die Aufgabe dieses Menschenalters , die Schönheit hervorzubringen , und eine seelige Harmonie des Körperlebens an ihren Zuständen auszubilden . Eine Aufgabe , die nun auch das Christenthum in einer höheren und umfassenderen Bedeutung überkommen hat . Denn wird sich nicht endlich auf seiner Grundlage in einem tieferen Sinne ein harmonischer Bildungszustand des Menschen entwickeln , in dem Welt und Geist sich in einer kräftig zusammenwirkenden Einheit mit einander bewegen und durch Ueberwindung ihrer alten Trennung ein unendliches Glück gründen ? Warum bin ich also traurig ? Warum ergreift mich diese plötzliche Wehmuth , und lähmt mir die Freudigkeit meiner Gedanken ? Die gothische Dämmerung von St. Veit ist es , und die Perspective in das Jenseitige , die meine Seele erbangen macht und Seufzer meinem Herzen entlockt . Nun fliehe ich die späte Einsamkeit dieser melancholischen Kirche , mein Fuß durcheilt , wie von Gespenstern getrieben , den finstern Kreuzgang , und die hohe Pforte schlägt langsam in einem einförmigen Takt hinter mir zu . Da bin ich entschlüpft . Wieder hinaus in die Welt ! Die helle , strahlende , brennende , drängende , farbige , strömende , unaufhaltsame Welt ! Es hat aufgehört zu regnen . Die Sonne ist blitzend aufgegangen mit erneuten Flammen an dem blauen lächelnden Firmament . - Und für heut sei zufrieden mit mir ! Ich will und kann diese Dinge , die mich schon seit einigen Jahren unaufhörlich beschäftigen , jetzt nicht weiter ausdenken . Aber Du magst Dich nur gefaßt machen , daß ich bei der nächsten Gelegenheit wieder darauf kommen und nicht ablassen werde , diese Gedanken mit Dir durchzusprechen und ins Klare zu bringen . Zu Dir , meine Heilige , rede ich gern davon , und Du weißt doch , warum ? Aber meine Ansichten über die sogenannte Wiedereinsetzung des Fleisches , wie ich sie Dir heut und früher schon angedeutet , drucken zu lassen , könnte ich mich nie entschließen . Wie sehr würden mich Diejenigen mißverstehen , die überhaupt nicht verstehen ! Und doch wäre es unserer Zeit , wie keiner anderen , höchst nothwendig , darüber auf ' s Reine zu kommen . Ich sage mit Absicht , auf ' s Reine ! Freilich gibt es auch Reine , denen nicht Alles rein ist . Nun , Jedes auf gut Glück ! Was liegt auch am Mißverständniß ? Ich finde im Gegentheil , daß es zu wenig Mißverständnisse heutzutage gibt , und daher die viele klare Langeweile , an der unsere Zeitgenossen leiden . Deshalb glaube ich , man macht sich verdient um die Bewegung , wenn man sich recht tief dem Mißverstande preisgibt . - Bleibe Du mir nur gut , o Heilige ! - Und Du ! Du ! an die ich immer denke ! Du ! Du ! - Du weißt doch - - - An meine Heilige . V. Wien . Pilatus wäscht seine Hände in Unschuld . - Seit acht Tagen wiederhole ich mir nun alle Morgen , wann ich aufstehe , das : Auch ich in Wien ! und doch habe ich noch keine Zeile an Dich darüber zu Papiere gebracht . In die unendliche Lebenslust , wie sie hier in schaumenden Bechern ausgeschenkt wird , mag ich mich wohl für eine Zeitlang stürzen , aber es ekelt mich nachher an , etwas davon aufzuschreiben oder gar Betrachtungen darüber zu machen . Es ist eben der Genuß der Stunde , die nichts als Stunde sein will und kann . Und den guten , tandelhaften , kindischen , liebenswürdigen Wiener mag ich , so lange ich einmal hier bin , gern leiden , obwohl ich nicht für das Leben mit ihm umgehen könnte , eben so wenig als für immer in einer ganz an den Augenblick verlorenen Stadt wohnen , in der man am Ende nur durch eine verzweiflungsvolle Ascese wieder zu sich selbst käme . Dieses an den Augenblick Verlorensein ist jedoch nicht der historische Trieb , der sich in Paris stündlich auf der Gasse herumtummelt , in der eiligen Begier , vom laufenden Strom der Tagesgeschichte und der öffentlichen Bewegung mit erfaßt zu werden . Wien will nichts als panem et Circenses , und hat keine andern historischen Triebe , als zum Sperl , zum Strauß , in den Prater , in den Augarten , zu Lanner und Morelly , in den Volksgarten und zur Promenade am Graben und Kohlmarkt . Danach läuft und rennt es athemlos , darum schmückt und trägt es sich im festlichen Prunke , und die Dreivierteltakte eines Strauß füllen die Weltgeschichte eines ganzen Tages aus . Darum nichts heut von allen diesen Herrlichkeiten , die mich zwar berauscht , aber auch noch nicht einmal zu einem Epigramm begeistert haben . Doch wird es gewiß noch kommen , und meine nächsten Blätter an Dich sollen Dir eine kindisch frohe und mitfühlende Beschreibung aller dieser Wienerischen Lustbarkeiten liefern . Auch von der herrlichen , wunderbar großartigen Stephanskirche , vor der ich noch immer in staunender Ehrfurcht vorübergehe , und von der Aussicht über die Stadt , welche ihr alle übrigen an Höhe überragender Thurm gewährt , rede und schildere ich Dir heut nichts , gute Madonna ! Ich bin jetzt nicht aufgelegt zum Schildern und zum Beschreiben , und ich könnte denken , ich wäre krank , so schreit mein Herz in mir , wie eine zersprungene Saite . Ich fuhr am heutigen Morgen in die schöne Vorstadt Mariahilf , um die Esterhazysche Gemälde-Gallerie zu besuchen . Und davon laß Dir jetzt erzählen , liebe Heilige ! Dies trifft mit der Stimmung meiner Seele zusammen , und hat auch in die Deinige etwas hineinzureden . Ich war ganz allein in den schönen , regelmäßig nach der Schulen Ordnung abgeheilten Sälen . Diese Gallerie ist besonders reich an spanischen Malern , von denen sie große und seltene Schätze besitzt , aber nachdem ich nur erst eine flüchtige Ueberschau durch die Reihen dieser Schule gehalten , blieb ich vor einem ungeheuern Bilde des Niederländers Rembrand stehen , vor dem ich wie eingewurzelt verweilen mußte , und nicht wieder mich abzuwenden vermochte . Dies Bild traf mich wie ein Schlag auf die Brust , und es war , als gerönne mir das Herzblut und als stiegen Thränen in meine Augen , die des Daseins ganzen Schmerz ausweinten . Mit wankender Stimme bat ich den Aufseher , mir doch dies Bild aus der Wand herauszuschrauben , damit seine dunkelbräunlichen Töne in eine noch schärfere Erhellung gegen das Licht sich mir rückten . Er that es , und nun traf es mich blitzend klar , nun traf es mich mit seiner ganzen niederschmetternden Gewalt und überirdischen Hoheit . Nun stellte ich mich bald hier , bald dort hin vor das Bild , und hielt die Hand vor die Augen , und griff an mein zuckendes , scheu zurückbebendes Herz . Wer hat nicht von diesem Bilde gehört ? Es ist Christus vor Pilatus , und Pilatus wäscht seine Hände in Unschuld ! Pilatus wäscht seine Hände in Unschuld ! O , es ist ein ungeheuerer Weltgedanke , der da in diese stille erhabene Gruppe sich zusammengedrängt hat ! Und der Maler hat mit einem tiefsinnigen Ernst die ganze Größe des Moments in sich durchempfunden , und ein mächtiger Geist der Erfindung ist in seinen schöpferischen Pinsel geströmt . Der gebunden stehende Gott vor dem irdischen Richter ! Diese Gestalt des Christus ist die merkwürdigste ; sie ist unvergleichlich und unbeschreibbar . In dem kräftig gedrungenen Körper , in der herausgehobenen Stärke der gefesselten Glieder , liegt ein heimlich gewaltiges Bewußtsein des Gottes , das sich nur selbst verschweigt , aber zugleich überstiegt sein Antlitz ein unendlicher Gedanke der Trauer , die es ausspricht , daß der Gott seine Stunde und sein Schicksal erfüllt . Die große welterschütternde Frage : cur deus homo ? stürmt hier gewaltsam auf die bang betrachtende Seele ein . Und der Blick gleitet hinüber auf den Knecht , welcher den gebundenen Gott festhält . Dies Gesicht des Knechtes hat der Maler vortrefflich erdacht , und nicht minder darin die Größe seiner Anschauung ausgedrückt . Es ist die nichtsahnende Dummheit , die auch von Gott erschaffen ist , damit Einer da sei , der in der Welttragödie die Bedientenrollen versehe . Die Dummheit dieses Knechtsgesichtes ist darum nichts desto weniger tragisch ; sie gehört eben in die Tragödie hinein . Die welthistorische Bedeutung der Dummheit ist hier von Rembrand mit einer schneidenden Kälte und Ruhe des Pinsels ausgemalt . Der Knecht hält den Gott , damit der Gott nicht etwa entlaufe . Fest hält der Knecht den Gott , und doch ist der Gott keinem ferner und unerreichbarer , als ihm . Mahnender tritt die Empfindung der göttlichen Nähe den Pilatus an . Sein wehmüthig edles Gesicht , während er sich das Wasser über die Hände schütten läßt , ist sehr schön , und ihn überkommt eine Ahnung von Dingen , die er nicht zu begreifen noch zu bewältigen vermag . Aber er muß das irdische Recht vollstrecken , und er tröstet sich mit der Pflicht . Dort hat die Dummheit dieser Welt den Gott gebunden , und hier wäscht die Pflicht dieser Welt ihre Hände in Unschuld . Da ist der Gott verrathen , und jetzt gedenkt man daran , wie sein Reich nicht ist von dieser Welt . Aber durch Pflicht und Dummheit muß der menschgewordene Gott in den Tod stürzen , denn er will das ganze Loos des Menschlichen theilen , weil er Fleisch geworden ist . Dadurch hat er dann wieder das Fleisch dieser Welt geheiligt . Und doch wäscht Pilatus seine Hände in Unschuld ! Cur deus homo ? diese Frage machte mich immer ernster , diese Frage machte mir tieftraurige Gedanken . Ich ging mit zagenden Schritten vor dem Bilde auf und ab , und schaute bald hinauf zu seinen gewaltigen Gegenständen , bald schlug ich die Augen wie geblendet nieder . In der ganzen Welt lag von Uranfang her eine unendliche Zerrissenheit ausgesäet , seufzte ich ! Gott wohnte im Himmel , und die Menschen wohnten auf der Erde , und das war die ursprüngliche Weltanschauung , es gab eine andere nicht . Durch diese Weltanschauung blitzte jedoch immer die seltsame Ahnung einer längstvergangenen Einheit des Menschengeschlechts mit Dem , nach dessen Ebenbilde es erschaffen worden , hindurch . Daher in den Urgeschichten aller Völker der wunderbare Frühsonnentraum des Paradieses . Und durch jede Brust ging nun das ewige Ziehen und Bewegen nach der Einheit , sie war der Universalschmerz des gesammten Geschlechts . Der Schmerz ist der Vater aller Bewegung , und der Schmerz trieb die Menschen , in allen Zustanden sich herumzuwerfen , es war der Schmerz um die wiedergesuchte Einheit . Der Schmerz um die Einheit machte die Geschichte . Aber es war ein seltsames Schicksal , wie wenig Einheit gewinnen konnte der Mensch . In seinem Herzen walteten nichts als feindlich getrennte Mächte , und sein Haupt umschwärmten wie unglückbedeutende Vögel seine zwieträchtigen Wünsche . Was er heute geliebt , mußte er morgen hassen , und der eine Theil seines Daseins wußte von dem anderen Theil nichts , oder stand kriegführend gegen ihn auf . Es lagen zwei Welten in ihm auseinander in schreiender Spaltung , von denen die eine Abscheu trug vor der andern , und Gott und Welt , Himmel und Erde , Geist und Fleisch , blickten sich aus unabsehbaren Fernen ohne Liebe und ohne Versöhnung an . Wer der Freiheit nachstrebte , fiel der Knechtschaft des Fleisches in die Arme , und wer in der Knechtschaft schmachtete , weinte laute Thränen um Freiheit des Geistes . Ein ohnmächtiger Groll seufzte durch die ganze Existenz , und die düstre Melancholie des im Fleisch versunkenen Aegyptens und die in Verzweiflung endigende Heiterkeit des an der Kunstverschönung des Fleisches bildenden Griechenlands mischten als die beiden Hauptelemente die Weltgeschichte . Und es war , als hätte Gott im Himmel nicht länger Ruhe , so sehr erbarmte ihn der Welt , die aus eigener Vernunft ihn nicht finden konnte . Er kam in die Welt , und die Welt hat ihn nicht begriffen . Er trat in das Fleisch , und mußte sterben . Er wurde Mensch , und ward mit Ruthen gegeißelt bis aufs Blut . Mit einem Todeskuß hatten Gott und Welt sich umschlungen , und die Erde dröhnte und zitterte , und es war ihr , als müßte sie vergehen in die Ewigkeit hinein an dieser Umarmung . Aber sie verging nicht , und in den Wehen durchdrang sie der Geist der Liebe , und sie sog den neuen Lebenskeim begierig und tief ein in ihren Schooß . Doch man sah sie daran nicht glücklich und heiter werden , und des Christenthums erste Jahrhunderte waren finster . Gott und Welt hatten sich in Christus umarmt , und nun hoffte ich in meinen Gedanken , die alte Zerrissenheit müßte verschmerzt , sie müßte Einheit geworden sein . Da schaue ich umher und schaue zurück , und finde Welt und Gott nur feindlicher getrennt sich gegenüber , als früher , wo die griechische Kunstansicht sie wenigstens zu einer äußeren Lebensplastik verschmolzen , und den Fluch des Fleisches durch seelige Formen beschwichtigt hatte . Ich erschrecke bis in die innerste Stelle meines Herzens , und weiß Das nicht zu deuten und Jenes nicht anzunehmen , was jetzt mir emporsteigt in unruhigen Gedanken . Ich weiß mich nicht darein zu finden , daß die Welt nicht glücklich sein soll und ohne Einheit ! Zu einer kräftig und sicher über die Erde schreitenden Einheit dehnt sich mein ganzer Organismus mit geschwungenen Nerven und zugleich mit stolzer Ruhe des Bewußtseins aus . Gott und Welt haben beide in mir eine große Lust der Befriedigung , und ich fühle mich stark genug , beiden ihre Lust in mir zu lassen . Nicht schwinde unter mir , Welt ! Nicht stürze über mir zusammen , Himmel ! Nicht zerfließe in das Unendliche , du mein junger Geist ! nicht verliere und entleere dich im Endlichen , du genußlustige Form ! Und Ihr ruft mir entgegen : ich sei kein Christ ! Und ich sinne nach , um Euch und mir es unwiderleglich zu sagen , daß ich ein Christ bin , wenn Gott und Welt sich in meiner Menschenbrust zusammenfinden ! Aber nein ! nein ! ich will jetzt von diesen Gedanken abspringen , und tiefverschleiert liegen lassen , was Jedem in der Heimlichkeit des Herzens unbewußt aufschießen muß ! Und jetzt eilte ich in ein anderes Zimmer der Gallerie , ich verließ den Christus vor Pilatus . Nach Bildern derber Sinnlichkeit suchte ich , um mich nicht an mich selbst und an mein Denken zu verlieren . Ich wollte mich zerstreuen , denn mein Geist fühlte sich von trüben Lebenserinnerungen umschattet . Und wie oft gab ich mich nicht an die bloße glänzende und glühende Form der Erscheinung hin , wenn mir Angst wurde in meinen Gedanken ! Eine nackte Diana von Floris , ebenfalls einem niederländischen Maler , die im nächsten Zimmer hing , und zu der ich hinstürzte , that mir noch kein Genüge . Wie gemein waren diese Formen des Fleisches , wie wenig Reiz fand ich an dieser phantasielosen Zeichnung menschlicher Körperschönheit , an diesen zu hartgeformten Schenkeln , an diesem blüthenleeren Busen . Ich wandte mich mit Ekel davon ab . Ich ging zu den Italienern , zu der sitzenden Venus von Titian . Schöner , lieblicher , zarter , weicher , geistig gehobener , poetisch duftiger , sah ich das Fleisch noch nie gemalt . Wie ein Gedicht lag der menschliche Körper vor meinen Augen da , ich seufzte , und andächtig und still wurden alle meine Gefühle . Ich habe große Ehrfurcht vor dem menschlichen Körper , denn die Seele ist darin ! Und ich trachte nach der Einheit von Leib und Geist , darum bete ich auch an die Schönheit , und ein heiliger Anblick ist sie mir . Siehe , ich suchte nach Bildern derber Sinnlichkeit , und vor Titian ' s Venus wurde mir wieder heilig zu Muthe , und ein harmonischer Klang zog sich versöhnend durch meine ganze Stimmung . Nicht mit frivolen Augen schaue auf des Weibes ächte Schönheit hin , sondern den guten und heilerweckenden Gedanken hänge nach , zu denen der Gottesfrieden dieser Formen dich erhebt ! Himmel , in welche Zauberwelt von süßer Gestaltung ist mein froherschrockener Blick gedrungen , und was das Leben der Erscheinung heißt , studire ich in trunkener Vertiefung . Titian , erhabener Meister , großer Poet der Menschenform , lieblicher Schwan , der die geheimnißreiche Musik des Körpers austönt , Dir danke ich ! Und wie danke ich Dir ! Diese Venus predigt Weisheit zu mir her , wie eine gottgewaltige Philosophie , die mich mir selbst lehrt ! Venus