solchen trauerfarbnen Tagen werde die Seele am meisten ihrer selbst bewußt ; es wandelt sie ein Heimweh an , sie weiß nicht wornach , und sie bekommt plötzlich wieder einen Schwung zur Fröhlichkeit , sie kann nicht sagen woher . Ich freue mich der Freiheit auf meinem guten Pferde , ich wickle mich mit kindischem Vergnügen in mein Mäntelchen gegen die rauhe Luft , die da auf uns zustreicht , und halte mir das sichre Herze warm und wiege mich in meinen Gedanken . Aber nicht wahr , als wir noch in Rißthal wohnten da war es ein anderes , auszureiten ? Enges Tal , dichter Wald , wohin man immer sah . Hier das platte Feld und lauter Fruchtbaum . Wir haben anderthalb gute Stunden , bis es ein wenig krauser hergeht . Glücklich , daß wir wenigstens die Landstraße nicht brauchen . « Beide Geschwister durchliefen jetzt in unerschöpflichen Gesprächen die Lichtpunkte ihres früheren Lebens in Rißthal , einem dürftigen Orte , wo der Vater zwölf Jahre lang Pfarrer gewesen . Sie begegneten sich mit der innigsten Freude bei so mancher angenehmen , kaum noch in schwachen Anklängen vorhandenen Erinnerung , es wagten sich nach und nach gegenseitige Worte der Rührung und Frömmigkeit über die Lippen , wie sie sonst , von einer Art falscher Scham bewacht , zwischen jungen Leuten nicht gewechselt werden . Endlich sagte der Bruder : » Indem wir da so offenherzig plaudern , läßt mich ' s nicht ruhen , dir zu gestehen , daß ich doch ein Geheimnis auch vor dir habe , Adelheid ! Es ist nichts Verdächtiges , nichts , was ich verheimlichen müßte , eine Grille hat mich bisher abgehalten , dir es mitzuteilen . Aber heute sollst du es hören , und zwar unter den Mauern des alten Rehstocks damit du künftig daran denken magst , wenn du hinaufsiehst . « » Gut ! « erwiderte die Schwester , » ich freue mich , und für jetzt kein Wörtchen weiter davon ! « Unter hundert Wendungen des Gesprächs war man in weniger als zwei Stunden unvermerkt dem erwünschten Ziele ziemlich nahe gekommen . Deutlich und deutlicher traten die Umrisse der hohen Trümmer hervor ; in kurzer Zeit stand man am Fuße des wenig bewachsenen Bergs , an dessen Rückseite sich jedoch die lange Fortsetzung eines waldreichen Gebirgs anschloß . Hier ward gerastet und die fast vergessene Provianttasche mit weniger Gleichgültigkeit geöffnet , als man sie am Morgen hatte füllen sehen . Dann ging es langsam die Krümmung des Weges hinan , nachdem das Pferd an Johann abgegeben war , um es in einem nahe gelegenen Meierhof unterzubringen und zur bestimmten Zeit wieder hier mit ihm einzutreffen . Auf der Höhe angelangt schweiften die Glücklichen zuerst Hand in Hand dann zerstreut durch die weitläuftigen Räume über Wälle und Graben , durch zerfallene Gemächer , feuchte Gänge , verworrenes Gesträuch . Man verlor sich freiwillig und traf sich wieder unvermutet an verschiedenen Seiten . So geschah es , daß Adelheid eben allein mit der Entzifferung einer unverständlichen Inschrift beschäftigt war , als auf einmal sich die verlorenen Töne eines , wie es schien , weiblichen Gesanges vernehmen ließen . Das Mädchen erschrak , ohne zu wissen warum . Ein besorgter Gedanke an ihren Bruder , an Hülferufen , an ein Unglück hatte sie flüchtig ergriffen . Sie horchte mit geschärftem Ohr , sie glaubte schon sich getäuscht zu haben , aber in diesem Augenblick hörte sie dieselbe Stimme deutlicher und allem Anscheine nach innerhalb des Mauerwerks aufs neue sich erheben , den schwermütigen Klängen einer Äolsharfe nicht unähnlich . In einem gemischten Gefühle von feierlicher Rührung und einer unbestimmten Furcht , als wären Geisterlaute hier wach geworden , wagte die Überraschte kaum einige Schritte vorwärts und stand wieder still bei jedem neuen Anschwellen des immer reizendern Gesanges , und während unwillkürlich ihre Lippen sich zu dem Lächeln einer angenehmen Verwunderung bewegten , fühlte sie doch fast zu gleicher Zeit ihren Körper von leisem Schauder überlaufen . Jetzt verstummte die rätselhafte Stimme nur das Rauschen des Windes in dem dürren Laube , der leise Fall eines da und dort losbröckelnden Gesteins , oder der Flug eines Vogels unterbrach die tatenhafte Stille des Orts . Das Mädchen stand eine geraume Zeit nachdenklich , unentschlossen , stets in bänglicher Erwartung , daß die unsichtbare Sängerin jeden Augenblick an einer Ecke hervorkommen werde , ja sie machte sich bereits auf eine kecke Anrede gefaßt , wenn die Erscheinung sich blicken lassen sollte . Da rauschten plötzlich starke , hastige , aber wohlbekannte Tritte . Theobald kam atemlos einen Schutthügel heraufgeklommen , war froh , die Schwester wiedergefunden zu haben und sagte : » Höre nur ! mir ist etwas Sonderbares begegnet - « » Mir auch ; hast du den wunderlichen Gesang gehört ? « » Nein , welchen ? - aber bei dem Eingang in die Kasematte , wo der verschüttete Brunnen ist , sitzt eine Gestalt in brauner Frauenkleidung und mit verhülltem Haupt . Sie hatte mir den Rücken zugekehrt , ich konnte nichts weiter erkennen und lief bald , dich zu suchen . « Die Schwester erzählte ihrerseits auch , was vorgegangen , und beide kamen bald dahin überein , man müsse sich die Person genauer besehen , man müsse sie anreden , sei es auch wer es wolle . » Ein ähnliches Gelüsten , wie das unsrige , hat diesen Besuch wohl schwerlich veranlaßt « , meinte Adelheid ; » das heutige Wetter findet außer mir und dir gewiß jedermann gar unlustig zu solchen Partien ; ich vermute eine Unglückliche , Verirrte , Vertriebene , welche zu trösten vielleicht eben wir bestimmt sind . « - » Und laß es ein Gespenst sein ! « rief Theobald , » wir gehen darauf zu ! « So eilte man nach der bezeichneten Stelle hin . Sie fanden eine Jungfrau , deren fremdartiges , aber keineswegs unangenehmes Aussehen auf den ersten Blick eine Zigeunerin zu verraten schien . Bildung des Gesichts , Miene und Anstand hatte ein auffallendes Gepräge von Schönheit und Kraft , alles war geeignet , Ehrfurcht , ja selbst Vertrauen einzuflößen , wenn man einem gewissen kummervollen Ausdruck des Gesichts nachging . Bis zu dem Gruße Adelheids hatte die Unbekannte die Annäherung der beiden nicht bemerkt , oder nicht beachten wollen ; jetzt aber hielt sie die schwarzen Augen groß und ruhig auf die jungen Leute gespannt und erst nach einer Pause erwiderte sie in wohlklingendem Deutsch : » Guten Abend ! « wobei ein Schimmer von Freundlichkeit ihren gelassenen Ernst beschlich . Adelheid , hiedurch schnell ermutigt , war soeben im Begriff , ein Wörtchen weiter zu sprechen , als ein erschrockener Blick der Zigeunerin auf Theobald sie mitten in der Rede unterbrach . Sie sah , wie er zitterte , erbleichte , wie ihm die Kniee wankten . » Der junge Herr ist unwohl ! Lassen Sie ihn niedersitzen ! « sagte die Fremde , und war selbst beschäftigt , ihn in eine erträgliche Lage zu bringen und ihr Bündel unter seinen Kopf zu legen . » Gewiß eine Erkältung in den ungesunden Gewölben ? « setzte sie fragend gegen das Mädchen hinzu , das sprachlos in zagender Unruhe über dem ohnmächtig Gewordenen hing und nun in lautes Jammern ausbrach . » Kind ! Kind ! was machst du ? der Unfall hat ja , will ich hoffen , wenig zu bedeuten , wart ein Weilchen , ich will schon helfen ! « tröstete die Fremde , indem sie in ihrer Tasche suchte und ein Fläschchen mit starkriechender Essenz hervorholte , das sich gar bald recht kräftig erweisen sollte an dem hübschen guten Jungen , wie sie sich ausdrückte . Als aber nach wiederholten Versuchen die Augen des Bruders geschlossen blieben und Adelheid untröstlich davongehen wollte , verwies ihr die Zigeunerin das Benehmen durch einen unwiderstehlich Ruhe gebietenden Wink , so daß das Mädchen unbeweglich und gleichsam gelähmt nur von der Seite zusah , wie die seltsame Tochter des Waldes ihre flache Hand auf die Stirne des Kranken legte und ihr Haupt mit leisem Flüstern gegen sein Gesicht heruntersenkte . Dieser stumme Akt dauerte mehrere Minuten , ohne daß eines von den dreien sich rührte . Siehe , da erhub sich weit und helle der Blick des Knaben und blieb lange fest , aber wie bewußtlos , an den zwei dunkeln Sternen geheftet , welche ihm in dichter Nähe begegneten . Und als er sich wieder geschlossen , um bald sich aufs neue zu öffnen , und nun er klar erwachte , da begegnete ihm ein blaues Auge statt des schwarzen ; er sah die Freudetränen der Schwester . Die Unbekannte stand seitwärts , er konnte sie nicht sogleich bemerken , aber er richtete sich auf und lächelte befriedigt , da er sie gefunden . Es trat nun einige Heiterkeit überhaupt auf die Gesichter , und Theobald erholte sich mehr mit jedem Atemzug . Indes Adelheid nach dem innersten Hofraum der Burg eilte , wo die Reisetasche lag , um Wein für den Bruder herbeizuholen , entspann sich zwischen den Zurückgebliebenen ein sonderbares Gespräch . Theobald nämlich begann nach einigem Stillschweigen mit bewegter Stimme : » Sagt mir doch , ich bitte Euch sehr , wißt Ihr , warum das mit mir geschehen ist , was Ihr vorhin mit angesehen habt ? « » Nein ! « war die Antwort . » Wie ? Ihr habt nicht in meiner Seele gelesen ? « » Ich verstehe Euch nicht , lieber Herr ! « » Seht nur « , fuhr jener fort , » als ich Euch ansah , da war es , als versänk ich tief in mich selbst , wie in einen Abgrund , als schwindelte ich , von Tiefe zu Tiefe stürzend , durch alle die Nächte hindurch , wo ich Euch in hundert Träumen gesehen habe , so , wie Ihr da vor mir stehet ; ich flog im Wirbel herunter durch alle die Zeiträume meines Lebens und sah mich als Knaben und sah mich als Kind neben Eurer Gestalt , so wie sie jetzt wieder vor mir aufgerichtet ist ; ja ich kam bis an die Dunkelheit , wo meine Wiege stand , und sah Euch den Schleier halten , welcher mich bedeckte : da verging das Bewußtsein mir , ich habe vielleicht lange geschlafen , aber wie sich meine Augen aufhoben von selber , schaut ich in die Eurigen , als in einen unendlichen Brunnen , darin das Rätsel meines Lebens lag . « Er schwieg und ruhte in ihrer Betrachtung , dann sagte er lebhaft : » Laßt mich Eure Rechte einmal fassen ! « Die Fremde gab es zu , und eine schöngebildete braune Hand wog er mit seligem Nachdenken in der seinigen , als hielte er ein Wunder gefaßt ; nur wie endlich ein warmer Tropfen nach dem andern auf die hingeliehenen Finger zu fallen begann , zogen diese sich schnell zurück , die Jungfrau selber entfernte sich mit auffallender Gebärde nach einer andern Seite , wo sie hinter den Mauern verschwand . In diesem Augenblick kam Adelheid rüstig den Wall heruntergesprungen , allein sie hielt mit einemmal betroffen an , denn der alte Gesang schwang sich mächtig , durchdringend , anders als vorhin , wild wie ein flatternd schwarzes Tuch , in die Luft . Die Worte konnte man nicht unterscheiden . Ein leidenschaftlicher , ein düsterer Geist beseelte diese unregelmäßig auf- und absteigenden Melodien , so fromm und lieblich auch zuweilen einige Töne waren . Erstaunt erhob sich Theobald von seinem Sitz , mit Entsetzen trat ihm die Schwester nahe . » Wir haben eine Wahnsinnige gefunden « , sagte sie , » mache , daß wir fortkommen . « » Um Gottes willen bleib ! « rief Theobald , durch das Ungewöhnliche des Auftritts zu einer außerordentlichen Kraft gesteigert : » Liebe Schwester , du warst doch sonst keine von denen , die für das Seltene , was sie nicht begreifen , gleich einen verpönenden Namen wissen . Ja , und wär es auch eine Wahnsinnige , sie wird uns nicht schaden . Ich kenne sie und sie kennt mich . Du sollst noch vieles hören . « Damit ging er nach dem Orte hin , von wo der Gesang gekommen war , welcher indessen wieder aufgehört hatte . Die Schwester , ihren Ohren kaum trauend , sah ihm nach , unter verworrenen Ahnungen , in äußerster Besorgnis . So blieb sie eine geraume Weile , dann rief sie , von unerträglicher Angst ergriffen , mehrmals und laut den Namen ihres Bruders . Er kam , und zwar Hand in Hand mit der Fremden , traulich und langsam heran . Es schien , daß unter der Zeit eine entschiedene Verständigung zwischen den beiden stattgefunden haben müsse . Wenn die Miene Theobalds nur eine tiefbefriedigte , entzückte Hingebung ausdrückte , so brach zwar aus der Jungfrau noch ein matter Rest des vorigen Aufruhrs ihrer Sinne wie Wetterleuchten hervor , aber um so reizender und rührender war der Obergang ihres Blickes zur sanften , gefälligen Ruhe , wozu sie sich gleichsam Gewalt antat . Adelheid begriff nichts von allem ; doch milderte der jetzige Anblick der Unbekannten ihre Furcht um vieles , erweckte ihre Teilnahme , ihr Mitleid . » Sie geht mit uns nach Hause , Schwester , damit du es nur weißt ! « fing Theobald an , » ich habe schon meinen Plan ausgedacht . Nicht wahr , Elisabeth , du gehst ? « Ihr Kopfschütteln auf diese Frage schien bloß das schüchterne Verneinen von jemand , der bereits im stillen zugesagt hat . » Laßt uns aber lieber gleich aufbrechen , es will schon Abend werden ! « setzte jener hinzu ; und so rüstete man sich , packte zusammen und ging . » Ich sehe nicht « , flüsterte Adelheid in einem günstigen Augenblick , während Elisabeth weit vorauslief , dem Bruder zu , » ich begreife nicht , was daraus werden kann ! Hast du denn überlegt , wie der Vater dies Abenteuer aufnehmen wird ? Wenn du die Absicht hast , daß diese Person heute nacht eine Unterkunft bei uns finde , was kann ihr dieses viel nützen ? oder was trägst du sonst im Sinne ? Um des Himmels willen , gib mir nur erst Aufschluß über dein rätselhaftes Benehmen ! Welche Bewegung ! welche Leidenschaft ! Wie hängt denn alles zusammen ? du handelst wie ein Träumender vor mir ! « » Da magst du wohl recht haben « , war die Antwort , » ja , wie ein Träumender ! weiß ich doch kaum , wie alles kam . Ich zweifle zuweilen an der Wirklichkeit dessen , was da vorging . Aber doppelt wunderbar ist es , daß dasjenige , was ich dir heute auf dem Rehstock offenbaren wollte und was nirgends als in meiner Einbildung lebte , uns beiden in leibhafter Gestalt hat erscheinen müssen . « Nach und nach erklärte er , daß ihm das Mädchen über sich selbst nichts weiter zu sagen gewußt , als : sie habe sich vor vier Tagen heimlich von ihrer Gesellschaft , einer übrigens öffentlich geduldeten Zigeunerhorde , getrennt , weil sie ihre Heimat habe wiedersuchen wollen , der man sie in jungen Jahren entrissen , deren sie sich auch nur schwach mehr erinnere . Diese Nachricht diente keineswegs , die Teilnahme Adelheids sehr zu vermehren , vielmehr erregte der angegebene Grund der Entweichung ihren Verdacht in hohem Grade als unwahrscheinlich . Indessen war das vernünftige Mädchen in der Voraussicht , daß eine Zurechtweisung des Bruders für jetzt schlechterdings vergeblich wäre , nur darauf bedacht , unter mißlichen Umständen wenigstens größeres Unheil zu verhüten . Theobalds körperlicher Zustand , der nach einer unnatürlichen Anspannung eine gefährliche Schwäche befürchten ließ , war das nächste , was sie beunruhigte , und ihr Vorschlag , man wolle den benachbarten Rittmeister um sein Gefährt ansprechen , fand bei dem Bruder nur insoferne Widerspruch , als Elisabeth ihrerseits darauf beharrte , den Weg zu Fuß zu machen . Johann , welcher inzwischen treulich gewartet hatte , ward jedoch mit den geeigneten Aufträgen nach dem nächsten Hofe zu dem alten Herrn Rittmeister , einem guten Bekannten des Pfarrers , abgeschickt . Während einer peinlichen halben Stunde des Wartens fand Adelheid Veranlassung , den Gegenstand ihres Unmuts und ihres Mißtrauens von einer wenigstens unschuldigen Seite kennenzulernen . Elisabeth äußerte auf die unzweideutigste Weise eine fast kindliche Reue darüber , daß sie sich von ihrer Bande weggestohlen , wo man sie nun recht mit Sorgen vermisse , wo ihr nie ein Leid geschehen sei , wo sie , sooft sie krank gewesen , immer guten Trost und geschickte Pflege bei gar muntern und redlichen Leuten gefunden habe . Bei dem Wörtchen » krank « legte sie mit einer traurig lächerlichen Grimasse den Zeigefinger an die Stirn , und gab auf diese Art ganz unverhohlen ein freiwilliges Bekenntnis dessen , was Adelheid anfangs gefürchtet hatte . Aber sie fügte sogar noch den naiven Trost hinzu : » Seid nur nicht bang , ihr guten Kinder , daß ich jemand Übels zufüge , wenn mein Leid mich übernimmt . Da sorgt nur nicht . Ich gehe dann immer allein beiseite und singe das Lied , welches Frau Faggatin , die Großmutter , mich gelehrt , da wird mir wieder gut . Du , armer Junge , du sollst auch das Lied noch lernen , du hast gar viel zu leiden ; ich habe das wohl bald bemerkt , darum geh ich mit dir , bis du zu Hause bist , doch behalten könnt ihr mich nicht . Auch schlaf ich heute nicht bei euch . Diese Nacht noch zieht Elisabeth weiter , woher sie gekommen , denn die Heimat ist nicht mehr zu finden . Man hat mir sie verstellt die Berge , das Haus und den grünen See , mir alles verstellt Wie das nur möglich ist ! Ich muß lachen ! « Der Knecht kam jetzt mit der verlangten Aushülfe ; nicht mehr zu frühe , denn schon war es dunkel geworden . Um so weniger wollte Theobald und selbst Adelheid es geschehen lassen , daß Elisabeth neben dem Gefährt herging . Allein sie war nicht zu überreden , und so rückte man immerhin rasch genug vorwärts . Indes die Geschwister nun unter sehr verschiedenen Empfindungen , jedoch einverstanden über die nächsten Maßregeln , sich auf diese Weise dem väterlichen Orte nähern und Theobald endlich der Schwester die ganze wundersame Bedeutung des heutigen Tags entdeckt , ist man zu Hause schon in großer Erwartung der beiden , und der Vater machte seine Verstimmung wegen des längern Ausbleibens der jungen Leute bereits auf seine Art fühlbar . Um übrigens einen richtigen Begriff von der gegenwärtigen Stimmung im Pfarrhause zu geben , müssen wir , so ungerne es geschieht , schlechterdings eine gewisse Gewohnheit des Hausvaters anführen , welche soeben jetzt wieder in Ausübung gebracht wurde . Der Pfarrer nämlich , ein Mann von den widersprechendsten Launen , wohlwollend und tückisch , menschenscheu , hypochondrisch , und dabei oft ein beliebter Gesellschafter , hatte neben manchen höchst widrigen Eigenheiten den Fehler der Trägheit in einem fast abscheulichen Grade und sie verleitete ihn zu den abgeschmacktesten Liebhabereien . Konnte es ihm gefallen , mit gesundem Leibe ganze Tage im Bette zuzubringen und über ein und dasselbe Zeitungsblatt hinzugähnen , so machte dieses wenigstens niemanden unglücklich . Nun aber fand er , der in früheren Tagen gelegentlich ein Jagdfreund gewesen war , eine Art von Zeitvertreib darin , vom Bette aus nach allen Seiten des Zimmers hin mit dem Vogelrohr zu schießen . Zu diesem Behuf knetete er mit eigenen Fingern kleine Kugeln aus einem Stücke Lehm , das stets auf seinem Nachttisch liegen mußte . Er selbst war so gelegen , daß er von seinem Schlafgemach aus fast das ganze Wohnzimmer mit seinem Rohr beherrschen konnte . Das Ziel seiner Übungen blieb jedoch nicht immer der große Essigkrug auf dem Ofen , oder das Türchen des Vogelkäfigs , oder das alte Portrait Friedrichs von Preußen , sondern der Pfarrherr betrachtete es mitunter als den angenehmsten Teil seiner Kinderzucht , gewisse Unarten , die er an den Töchtern bemerken wollte , durch dergleichen Schüsse zu verweisen . Jungfer Nantchen , bei Licht am Nähtische beschäftigt , brauchte z.B. vorhin etwas längere Zeit , als dem Vater billig vorkam , um ihren Faden durch das Nadelöhr zu schleifen , und unerwartet klebte eine Kugel an ihrem bloßen Arm , die denn auch so derb gewesen sein muß , daß das gute Kind recht schmerzhaft aufseufzte . Es kamen diesen Abend noch einige Fälle der Art vor , wobei doch Jungfer Ernestine verschont blieb , ein Vorzug , welchen gewöhnlich auch Adelheid , Theobald ohnehin , mit ihr teilen durfte Allein welchen Empfang können wir den letztern unter solchen Umständen versprechen ? Es wurde acht Uhr , bis sie gegen das Dorf herfuhren . Sie waren inzwischen übereingekommen , man wolle Elisabeth , welche jedes Nachtquartier fortwährend mit Hartnäckigkeit ausschlug , zum wenigsten über Tisch behalten , wozu sie sich zuletzt auch verstand . Die endliche Ankunft der Vermißten war indessen im Pfarrhause schon durch einen Burschen hinterbracht , den man entgegengesandt und welchem der ehrliche Johann im Vertrauen das Merkwürdigste zugeraunt hatte . Dies veranlaßte denn ein groß Verwundern , ein gewaltig Geschrei im Haus . Dem Pfarrer sank das Spielzeug aus der Hand , da von einer Zigeunerin , von der Chaise des Rittmeisters , von Unpäßlichkeit seines Sohns verlautete . Er stand vom Bette auf und warf den Schlafrock um unter den Worten : » Was ? eine Kartenschlägerin ? eine Landfährerin ? alle Satan ! eine Hexe ? und deswegen mein Sohn plötzlich unwohl geworden ? - und ein Fuhrwerk - eine Heidin , was ? Ich will sie bekehren , ich will ihr die Nativität stellen ! gebt mir mein Rohr her ! nicht das - mein spanisches ! Wie hat Johann gesagt ? Die Pferde seien scheu geworden , wenn die Zigeunerin neben ihnen hergelaufen ? « Die Tür ging auf . Adelheid und Theobald standen im Zimmer ; jene mit stockender Stimme , an ihrer Angst schluckend , dieser mehr beschämt und vor bitterem Unwillen glühend über das unwürdige Benehmen seines Vaters . Umsonst stellte er sich dem hitzigen Manne beschwörend in den Weg , als er mit dem Licht in den Hausflur treten wollte , wo Elisabeth in einer Ecke unbeweglich hingepflanzt stand und ihm nun groß und unerschrocken entgegenschaute . Jetzt aber folgte eine den gespannten Erwartungen aller Umstehenden völlig entgegengesetzte Szene . Denn Pfarrer erstickt die rauhe Anrede auf der Zunge , wie er die Gesichtszüge der Fremden ins Auge faßt , und mit dem Ausdruck des höchsten Erstaunens tritt er einige Schritte zurück . Auf der Schwelle des Zimmers wirft er noch einen Blick auf die Gestalt , und in lächerlicher Verwirrung läuft er nun durch alle Stuben . » Wie kommt sie denn zu euch ? was wißt ihr von dem Weibsbild ? « fragt er Adelheiden , während Theobald sich auf den Gang hinausschleicht . Das Mädchen berichtete , was es wußte , und setzte zuletzt noch hinzu , daß der Bruder von einem Bilde gesagt , welches er schon als Kind öfters in einer Dachkammer gesehen und das die wunderbarste Ähnlichkeit mit dem Mädchen habe . Der Pfarrer winkte verdrießlich mit der Hand und seufzte laut . Er schien in der Tat über die Person der Fremden mehr im reinen zu sein , als ihm selber lieb sein mochte , und der letzte Zweifel verschwand vollends während einer Unterredung , welche er , so gut es gehen mochte , mit Elisabeth unter vier Augen auf seiner Studierstube vornahm . Er ward überzeugt , daß er hier die traurige Frucht eines längst mit Stillschweigen zugedeckten Verhältnisses vor sich habe , das einst unabsehbares Ärgernis und unsäglichen Jammer in seiner Familie angerichtet hatte . Was jedoch Elisabeth jetzt über ihr bisheriges Schicksal vorbrachte , war nicht viel mehr , als was die andern bereits von ihr wußten , und der Pfarrer fand nicht für gut , sie über das Geheimnis ihrer Geburt und somit über die nahe Beziehung aufzuklären , worin sie dadurch zu seinem Hause stand . Den auffallenden Umstand aber , daß die Flüchtige just in diese Gegend geriet , machten einige Äußerungen des Mädchens klar , aus welchen hervorging , daß ein unzufriedenes Mitglied jener Bande sich an dem Anführer durch die Entfernung Elisabeths rächen wollte , wozu ihm die letztere selbst durch die häufige Bitte Gelegenheit gegeben haben mußte , er möchte sie doch einmal in ihre Heimat zu Besuche führen , und allerdings war der Mensch , wie sich später ergab , von der eigentlichen Herkunft des Mädchens , sowie von dem Dasein einiger Verwandten ihres Vaters vollkommen unterrichtet ; er beabsichtigte , sie nach Wolfsbühl zu bringen , wo er sich nicht geringen Dank versprach , aber wenige Stunden von dem Orte traf er auf die Spur von Zigeunern , welche ohne Zweifel ihm nachzusetzen kamen . Er ließ das Mädchen im Stiche und setzte seine Flucht alleine fort . Jungfer Ernestine mahnte bereits zum dritten Male an das ohnehin verspätete Nachtessen ; man schickte sich also an , und wohl selten mag eine Mahlzeit einen sonderbarern Anblick dargeboten haben . Sie ging ziemlich einsilbig vonstatten . Der fremde Gast war natürlich unausgesetzt von neugierigen zweifelhaften Blicken verfolgt , die nur , wenn zuweilen ein Strahl aus jenen dunkeln Wimpern auf sie traf , pfeilschnell und schüchtern auf den Teller zurückfuhren . Elisabeth ersah sich nach Tische den schicklichsten Zeitpunkt , um aus der Tür und sofort geschwinde aus dem Haus zu entschlüpfen , ohne auch nachher , als man sie vermißte , wiederaufgefunden werden zu können . Der Vater schien dadurch eher erleichtert als bekümmert . Sie hatte jedoch , wie man jetzt erst bemerkte , ihr Bündel zurückgelassen ; sie mußte also wahrscheinlich wiedererscheinen , und Theobald tröstete sich mit dieser Hoffnung . Eine mächtige und tiefgegründete Leidenschaft , soviel sehen wir wohl schon jetzt , hat sich dieses reizbaren Gemütes bemeistert , eine Leidenschaft , deren Ursprung vielleicht ohne Beispiel ist und deren Gefahr dadurch um nichts geringer wird , daß eine reine Glut in ihr zu liegen scheint . Der junge Mensch befand sich , seit das rätselhafte Wesen verschwunden war , in dem Zustand eines stillen dumpfen Schmerzens , wobei er , sooft Adelheid ihn mitleidig ansah , Mühe hatte , die Tränen zurückzuhalten . Sie nötigte ihn auf seine Schlafkammer , wo sie ihm bald gute Nacht sagte . Der Pfarrer war durch das unerwartete Ereignis des heutigen Abends in seinem gewohnten Gleichmute dergestalt gestört , daß er jetzt noch an keine Ruhe denken konnte . Die Erinnerung an eine bedeutende Vergangenheit , an das unglückliche Schicksal eines leiblichen Bruders wurde nach langer Zeit wieder zum ersten Male heftig in ihm aufgeregt , er fühlte ein Bedürfnis , sich seiner ältesten Tochter mitzuteilen , und Ernestine , von jeher nur wenig unterrichtet über jenes merkwürdige Familienverhältnis , sah jetzt mit neugieriger Miene den Vater ein bestäubtes Manuskript hervorholen , worin die Geschichte ihres Oheims größtenteils von dessen eigener Hand verzeichnet stand . Alle übrigen im Hause hatten sich zu Bette begeben , nur Adelheid saß nachdenklich in einem Winkel des Zimmers und hörte bescheiden zu , indes der Vater aus dem Gedächtnis erzählte , nachdem er die vor ihm liegende Handschrift mit Wehmut , ja mit Grauen , bald wieder auf die Seite geschoben hatte . » Mein jüngerer Bruder Friedrich « , fing er an , » dein seliger Oheim , war ein Genie , wie man zu sagen pflegt , und leider bei aller Herzensgüte ein überspannter Kopf , welcher schon in der frühesten Jugend nichts wollte und nichts vornahm , was in der Ordnung gewesen wäre . Er bewies ein außerordentliches Geschick zur Malerkunst und mit der Zeit unterstützte ihn der Fürst auf das großmütigste . Er ließ ihn auf sechs Jahre nach Italien reisen , gab ihm auch nach seiner Zurückkunft ungemeine Zeichen seiner Gnade . Anfänglich nahm er seinen Aufenthalt in der Hauptstadt , später kaufte er sich das etwa fünf Stunden von Rißthal und drei von hier entfernte Gütchen F. wo er , noch immer unverheiratet , bloß für sein Geschäft lebte . In dieser Zeit habe ich ihn gar oft gesehen . Es war ein großer schöner Mann und gar munter , wenn es an ihn kam . Er hätte glücklich sein können , aber eine Reise hat ihn in sein Verderben geführt . Er entschloß sich nämlich im Frühjahr 17 * * auf den Rat der Ärzte , seiner Erholung wegen , einen Freund in Böhmen zu besuchen , mit dem er zu gleicher Zeit in Rom gewesen war . Ach , er ahnete nicht , welchem Verhängnis er entgegenging ! « So sprach der Pfarrer und nun folgte die Erzählung einer Geschichte , welche der Leser besser aus dem Tagebuche des Malers selbst erfährt . In der Gegend von H * * den 22. Mai Schon seit Wochen fühle ich meine Gesundheit kräftiger als jemals ; aber seit wenigen Tagen streckt auch der Geist seine erschlafft gewesenen Organe so begierig und arbeitsdurstig wieder aus , daß ich ordentlich über mich selbst erstaune . Ich spüre , es will sich ein neues Leben hervordrängen , es will ein Wunder in mir werden . Ich wüßte niemanden , dem ich die Ursache dieser mächtigen Revolution , die Geschichte der letzten vier Tage , so vertraulich mitteilen könnte , als diesen verschwiegenen Blättern . Aber fürwahr , ich tue es beinahe bloß in der grillenhaften Besorgnis , daß mein gegenwärtiges Glück , ja daß mir selbst die Erinnerung an diese außerordentliche Zeit entrissen werden könne . Am 17. Mai trat ich von G. aus eine kleine Exkursion an und zwar allein , weil mein Freund verhindert war . Ich fand etwas Reizendes in dem