Sie in der Freundschaft schwankend , in allen andern Verhältnissen schwach und ängstlich erscheinen läßt ? Während Sie sich einbilden , die Gränzen einer Region bewacht zu haben , welche Sie meinem schwachen Vermögen anweisen , vergessen Sie , daß Ihr Eifer ziemlich ins Schrankenlose ausartet , und ich viel Muth haben muß , um einen Brief zu beantworten , der so auf Schrauben steht und nichts oder zu viel sagt . Ich wiederhole es Ihnen , ich bin unbefangen , und gebe mich so . Auf dieser Unbefangenheit beruht mein Vertrauen zu Ihnen , mein Verhältniß zu Ihrem Hause . Zeigen Sie sich ängstlich , so haben Sie mich nie gekannt . Deutlicher mag ich hier nicht reden . Genug , ich wünsche nicht , daß auch Sie dem ganz Natürlichen künstliche Farben anlegen . Die häusliche Unzufriedenheit , die Sie jetzt wohl zu Zeiten drückt , macht Sie zum Sclaven Ihrer Stimmung . Der Unwille darüber steigert die Empfindlichkeit in Ihnen bis zur Leidenschaft . Ich kann das begreifen und verzeihen . Allein so weit dürfen Sie sich nicht vergessen , daß Sie Emma ' s Weg durchkreuzen . Sind Sie unbillig genug , ihrer Freiheit zu nahe zu treten , während Sie eifersüchtig über die eigene wachen ? Lassen Sie sie gehen , wie sie kann . Ich verstehe Ihre Unruhe über einen Briefwechsel nicht , der ganz natürlich auf dem Verhältniß gegenseitiger Uebereinstimmung beruht . Wollen Sie den Austausch aller Ansichten hemmen , die nicht die Ihrigen sind , wen nennen Sie denn noch Tyrann in Ihrem Geschlechte , wenn Sie es nicht sind ? Ich habe mich geschämt in Ihre Seele , daß Sie eine Zufälligkeit blos darum so hoch anschlagen , weil sie zu ungewöhnlicher Stunde Ihre kranke Phantasie erschütterte . Wie , wenn der hausirende Walter Ihnen heute Abend meinen Brief eben so unerwartet überbrächte , wäre er auf verbotenem Wege zu Ihnen gelangt ? Emma mag glauben und denken wie sie will , sie hat einen hohen Sinn , und kleinliche Machinationen sind Niemand fremder als ihr . Fürchten Sie übrigens nichts von Tavanelli . Leute seiner Art , sind entweder bei näherer Beleuchtung anders , als wir sie uns denken , oder dieser ist zu weich und erregbar , um sich in strenger Abgeschlossenheit bewahren zu können . Er wird nie meinen Rechten auf Georg zu nahe treten , und nicht um die Welt , könnte er mich in dem Knaben verletzen . Ich denke , wir werden uns wohl verständigen . Ueber den ersten Schreck hinaus , konnte es auch nicht fehlen , daß mich ein ordentlicher Entschluß zu gewünschten Resultaten führen mußte . Taugte der Mann nur etwas , so ließ sich leicht abnehmen , daß wir auf gemeinschaftlichem Wege einander nicht fremd bleiben würden . Und nun ich Sie gescholten und beruhigt habe , mein armer Freund ! will ich Sie auch bedauern , und Ihnen die Last unvermeidlicher Widersprüche tragen helfen , die zu gewissen Zeiten , und in manchen Stimmungen geringern Widerstand als sonst in uns finden . Man kann da mit Niemanden rechten , warum er die Dinge so und nicht anders sieht ? Es giebt nur einen Gesichtspunkt für ihn . Hugo , Sie haben sich selbst bei dem Kauf um Ruhe und Frieden gebracht . Jetzt reuet Sie der Handel ; zumal , da man nicht müde werden wird , zu fordern , und Sie doch einmal » Halt ! « rufen müssen . Das kommt von dem gleichgültigen Geschehen lassen . Man wußte es hier gleich , daß der Fürst bei Ihnen war , und fabelt davon allerlei . Können Sie denn nicht einen Augenblick stehlen , um zu mir zu kommen ? Ich habe Ihnen tausenderlei zu sagen , was sich nicht schreiben läßt , was ich wenigstens nicht weitläuftig abhandeln mag . Oft sind ein Paar mündliche Worte von unermeßlichem Werthe ! Bedenken Sie dieses ! Antwort Oft sind ein Paar mündliche Worte von unermeßlichem Werthe . Ja , Elise , ja , ich habe es bedacht . Sie haben recht . Es ist allerdings nothwendig , daß wir uns sprechen . Ich komme . Aber nicht zu Ihnen , nicht nach der Stadt . Ich kann , ich darf nicht . Ich werde Ihnen das Alles erklären , wenn wir uns sehen . Wann ? wo das sein wird ? Morgen , Elise , morgen bei der Tannenhäuserin , eine Spatzierfahrt giebt Ihnen leicht den Vorwand . Ich bitte Sie , schlagen Sie Ihrem Freunde den Wunsch , an welchem seine Ruhe hängt , nicht ab . Nur ein Paar flüchtige Minuten sollen Sie mir schenken . Ich muß , hören Sie wohl ! ich muß mit Ihnen reden . Sie wissen nicht , wie es hier steht . O , wenn Sie meine Freundin sind , werden Sie anstehen , es mir zu beweisen ? Ich zähle auf Sie , und zweifle nicht , Sie bei dem milden Frühlingswetter im Walde zu treffen . Der Caplan Tavanelli an Leontin Ihr Schutz , mein lieber Herr Baron , geleitete mich in dies Haus . Ihre wohlwollende Theilnahme half meine Schüchternheit überwinden . Sie sind so gut , ich habe Sie so lieb , daß mich mein Herz treibt , Ihnen eine Schwäche , und meine Angst darüber , zu entdecken . Bester Herr Baron , was ist es doch mit dem Menschen , daß er nicht eine Stunde seiner selbst gewiß sein darf ! Es war so still in mir . Jedes schien auf seinem Platze , in einfacher , natürlicher Verbindung nach erkannten Gesetzen zu wirken . Ich fühlte mich leicht , mit meinem Gewissen in Ruhe . Alle erlittenen Drangsale , die Stürme früher Jugend , die unaussprechlichen Kämpfe des schwachen , ringenden Innern , es trat mir der ganzen Vergangenheit , wie gesunkener Nebel , zurück . Der frei gewordene Himmel , die milde Klarheit um mich her , mein besänftigtes , gestilltes Herz - ich glaubte fest zu sein , weil mich nichts erschütterte , ich hielt mich für einen Andern , weil mein Auge nur die Bilder der Welt sah , in der ich ganz ausschließend lebte . Was ich so vollkommen empfand , was so innig Eins mit mir schien , wie sollte ich ihm nicht gleichen ! Welch ein Wahn täuscht so das Bewußtsein ! Seit ich diese Schwelle hier betrat , bin ich in einer Unruhe , die mich von Widerspruch zu Widerspruch treibt . Ist es der Dunstkreis , dieser einander ganz unähnlichen Menschen , der mich beengt ? sind es die Reflexe ihrer Seelen , die in undeutlichen Umrissen meine Phantasie quälen ? Was ist ' s , das in der schöpferischen Fortbewegung , die wir Leben nennen , plötzlich eine Bilderreihe neuer Ansichten an mir vorüberjagt ? oder giebt es ansteckende Einflüsse in der moralischen , wie in der physischen Atmosphäre , von denen uns nichts träumt ? Genug , ich fühle es mit Schaam , ich bin nicht mehr derselbe . Es steigen Fragen in mir auf , Fragen , lieber Herr Baron , die mehr an die Hölle als an den Himmel gerichtet sind , da sie eine verneinende Antwort erwarten lassen . Damals , als wir uns in dem Zimmer des Waldhauses befanden , der Herr Graf herein trat , und mit der Landstreicherin seinen Spaß hatte , ward ich auf eine Weise beklommen , als waffneten sich feindliche Gewalten gegen meine Grundsätze und Ueberzeugungen . Es regten sich , mitten durch den Widerwillen gegen verbotene Künste , heimliche Zweifel über den Grund solches Verbotes in mir . Das elende Geschöpf weckte meinen Zorn wie meine Neugier . Ich hörte ihre Worte , ohne sie hören zu wollen . Sie dünkten mir Unsinn , und doch beschäftigten sie mich . Als nun endlich zu meiner Freude der Herr Präsident erschienen , glaubte ich mich gerettet . In seiner Nähe fühlte ich mich ruhiger . Ich dankte meinem Gott aufrichtig , als ich neben ihm im Wagen saß . Er nahm sogleich das Wort , um mir seine Ansichten zu entwickeln . Ich hörte aufmerksam zu , und konnte nicht anders , als sie vernünftig finden . Allein nach einer Weile bemächtigte sich meiner eine mir sonst fremde Ungeduld über die Langsamkeit des Fahrens . Ich sah erwartend in der Gegend umher . Sie dünkte mir traurig . Ich ward es auch . Nicht , daß ich etwas vermißt hätte , ich wollte es nur anders . Bald empfand ich , daß es mein neuer Hausherr war , der mich ermüdete . Ich ward ganz beschämt vor mir selber . Wir redeten von jetzt an nur noch wenig zusammen . Er hatte seine Meinung gesagt , ich hatte sie gehört , damit war er zufrieden . Der Hochmuth flüsterte mir Manches zu , was mir vollends zur Last viel . Als wir nun in der Stadt angekommen waren , und ich vor die Mutter meines kleinen Zöglings trat , empfing mich diese nicht sowohl kalt als mißtrauisch . Das Kind sah mich groß an , ich wußte nicht , wie ich dieser gespannten Verwunderung begegnen sollte . Mir ward unsäglich bange ums Herz , die Worte versagten mir . Wir blieben so . Ich hätte den Abend auf meinem Lager in Thränen zerfließen mögen . Des andern Tages sah ich den schönen Knaben nur flüchtig . Die Eltern gar nicht . Es schien , man wolle sich erst an den Gedanken gewöhnen , mich im Hause zu haben . Ich war damit nicht unzufrieden . Mir lag selbst daran , das verlorne Gleichgewicht wieder zu finden . Ich merkte indeß bald , daß dies nicht leicht sein werde . Denn , gestaltete sich auch späterhin das gegenseitige Verhältniß nach und nach gefälliger , so wuchs gerade daraus der Samen aller meiner jetzigen Qual . Die gütige und geistreiche Dame , welche von der Natur mit den bewundrungswürdigsten Gaben beschenkt ward , zählt unter diesen , als eine der ersten , die liebenswürdigste Aufrichtigkeit . Von dieser geleitet , eröffnete sie mir , wie sie in Bezug auf mich und meinen Einfluß auf die Erziehung ihres Sohnes denke . Sie hält mit nichts zurück und enthüllt eine Sinnesweise , die ich einerseits verehren , und von der andern Seite verdammen muß . Das Letztere ängstigte mich unbeschreiblich , da ich ihr Vertrauen nicht verscherzen will . Werden Sie es glauben , der Wunsch , ihr gefällig zu sein , ließ mich meine Gesinnungen , wenn auch nicht verläugnen , doch so umhüllen , daß sie nichts geradezu Verletzendes für sie enthielten . Seitdem stehen wir nun auf dem Fuße des gegenseitigen Austausches der Ansichten . Aber , mein Gott ! wie fühle ich oft die meinigen angegriffen , erschüttert ! Mit welcher Todesangst muß ich dann zu ihrer Wurzel zurück flüchten und mich ganz eng und klein an sie zusammen krümmen , um nur nicht von dem Flug freierer Ideen fortgerissen zu werden . Bin ich in den Zimmern des Herrn Präsidenten , so erhole ich mich wohl wieder , und fühle mich mehr als ein bloßes Werkzeug trockener Systematik . Doch ihr , der beschwingten Psyche gegenüber , im Gespräch mit dem großartigen Ketzer , dem Grafen , regen sich die alten Zweifel , und meine Brust wird der Kampfplatz verderblicher Einflüsse . Es würde mir wenig helfen , wollte ich mich meinem würdigen Beschützer , dem geistlichen Herrn in * * * entdecken . Er pflegt zu dergleichen wenig zu sagen . Seine Art , die Menschen zu führen , besteht vornehmlich darin , daß solche selbst die Wegweiser sind , die Richtung giebt er . Im Uebrigen , meint er , müsse jeder sich selbst versuchen . Er macht auch nicht viel aus Fehltritten , noch sucht er die Unruhe darüber zu beschwichtigen . Meine Bangnisse würden ihm kindisch dünken . Ich sehe ihn gutmüthig darüber lächeln . Wenn mir das einerseits Zuversicht geben könnte , so macht es mich auch wieder schüchtern . Was mir am Herzen liegt , es ganz erfüllt und einnimmt , will ich bestritten oder anerkannt wissen . Bedächte ich nicht mehr , ich gäbe meine gegenwärtige Stellung auf , und entfernte mich unter einem schicklichen Vorwande . Es ist zudem so Manches hier , was mich wegtreibt . Ich habe auch deshalb schon einmal ganz im Geheim an die Frau Gräfin auf der Burg geschrieben , und sie um ihren Rath gebeten , allein sie macht es , entweder wie unser gemeinschaftlicher Lehrer , dem sie wohl näher stehen mag als ich , oder sie ist verlegen um der Frau Präsidentin willen , und schweigt . Laß ich mir erst lange Zeit , so werde ich unwillkührlich in solche Verbindlichkeiten verstrickt , die mir das Gehen unmöglich machen . Noch heute kam der kleine Georg weinend zu mir , und bat mich , mit ihm zu seiner Mutter zu kommen , die jetzt immer so betrübt sei und gar nicht spreche ; sie werde gewiß wieder vergnügt werden , wenn ich ihr eine von den hübschen Geschichten vorlesen wolle , die da vor mir in dem großen Buche ständen . Er wies dabei auf eine Sammlung heiliger Sagen , die mit schönen Holzschnitten geziert , eine Quelle angenehmer Unterhaltung für ihn waren . Ich wagte nicht , des Kleinen Aufforderung zu folgen . Doch als wir nach der Mittagstafel noch eine Weile versammelt blieben , fragte mich die gnädige Frau nach dem Buche , von dem ihr Georg gesprochen hatte . Ich holte es auf ihren Befehl herbei . Sie blätterte mit Achtsamkeit darin . Darauf schloß sie es wieder , und sagte , indem sie mir es zurück gab : » es geht ein stiller , einfacher Sinn durch diese Gattung von Dichtungen , allein es ist nicht mehr der unsrige . Wir werden davon gerührt , aber nicht befriedigt . « » Dichtungen ! « rief ich ganz bestürzt , » Sie zweifeln an der Aechtheit der Ueberlieferung ? « » Nun , so oder so ! « entgegnete sie leicht . » Ob innerlich oder äußerlich erlebt , es sind Erscheinungen einer Zeit , die hinter uns liegt . Wir wenden uns wohl dahin zurück , allein das Leben läßt sich nichts aufbinden . Es hat seine eigene Bedingungen , man schraubt es nicht zusammen . Zum Verweilen findet Niemand mehr Raum da . « Ich war so erschrocken und verlegen , daß ich sie sprachlos anstarrte . Sie mochte nicht wissen , was sie aus meinem Schweigen machen sollte . » Glauben Sie mir , « fuhr sie , vielleicht deshalb lebhafter , fort , » nur das Naturgemäße bewegt sich zu freier und erhöheter Entwickelung fort . Künstliche Zustände der Seele lassen uns , wie bei gezwungenen Stellungen des Körpers , jeden äußern Anstoß fürchten , der dem Spiel ein Ende machen könnte . « » O ! « rief ich , mit vor Schmerz zusammengefalteten Händen , » die Verehrung des Höchsten und Heiligen , das brünstige Hingeben heißer Anbetung ist wahrlich unabhängig von der Farbe der Zeit , und wie die Gemeinschaft der Geister nicht wechselt , und die Liebe nicht altert , so hat auch ihre Sprache eine ewige Jugend ; sie darf mich heute wie ehemals in den schlichten Worten rufen , und wird mein Ohr offen finden . « Die Augen meiner schönen Gegnerin ruhten prüfend auf mir . Sie schwieg eine Weile , dann sagte sie : » Wir reden nächstens mehr hierüber . Ich bin heute durch Vieles befangen . Ich fühle wohl , was auf Ihre Einwürfe zu antworten wäre , allein ich kann mich nicht zusammenfassen . Es fliegt mir so kraus durch den Sinn . Nächstens ! hören Sie wohl , nächstens noch recht viel über diesen Gegenstand ! « Sie sagte dies mit großem Ernst , indem sie sich abwandt , und mich stehen ließ . Ich war erschrocken über meine Heftigkeit . Ich sah ihr verlegen nach . Seitdem kann ich es nicht hindern , daß mir mein leidenschaftlicher Eifer verdächtig scheint . Sie war so ruhig , so fest . Welche von beiden Ueberzeugungen , ihre oder die meine , hat den festesten Grund ? Herr Gott ! wenn ich ein Gefangener , kein Geretteter wäre , wenn ich knechtisch unter das Gesetz flüchtete , und nur wähnte , in der Wahrheit zu leben ! Ich darf sie nicht fragen , ich werde ganz irre . Von jeher haben mir die eignen Gedanken zu schaffen gemacht . Ich entschlage mich ihrer gern . Aber hier werden sie so oft und so laut angesprochen , daß es keine Rettung giebt . Und doch sind es diese Gespräche gerade , die mich nöthigen , zu bleiben . Soll ich verschmähen , mir selbst klar zu werden ? Sagen Sie doch , kann ein Feldflüchtiger Anspruch auf die Siegespalme machen ? Lieber Herr Baron , wenn wir einmal wieder zusammen einen Spatziergang durch den Wald machen könnten ! Ich bin in diesen Tagen zu der Frau Oberhofmeisterin auf die Burg beschieden . Ich zähle diese vortreffliche Dame unter meine Beschützerinnen . Ihr meine Aufwartung machen zu dürfen , gereicht mir zu großer Ehre . Vielleicht bin ich so glücklich , Sie , mein bester Herr Baron , auf dem Schlosse anzutreffen . Von welchem Trost würde mir Ihr gütiger , beruhigender Zuspruch sein ! Emma an den Geistlichen Ich fürchte , ehrwürdiger Herr , ich bin einer warmen Aufwallung des Herzens allzurasch gefolgt . Mich quält der leise Vorwurf , Hugo beunruhigt , ihn unsicher gemacht , ein freundliches , natürliches Verhältniß gestört zu haben . Ich sehe das Hugo an . Er sagt nichts , aber seine Traurigkeit lastet schwer auf mir . Sehen Sie , es kam so unwillkührlich . An einem von den Abenden , an welchen wir die Ankunft meiner Mutter erwarteten , ich gespannt auf jedes Geräusch horchte , mit Anstrengung sprach und zerstreut zuhörte , lächelte Hugo über meine Unruhe . » Wer Dich so sieht , Emma , der muß glauben , daß mehr Bangigkeit als Freude Deine große Unruhe veranlaßt . « Das Blut stieg mir ins Gesicht . Er hatte den rechten Fleck getroffen . Es fuhr ein Stich durch meine Seele . Leutselig , und vielleicht die flüchtige Aeusserung bereuend , faßte mich der gute Mann bei der Hand , indem er , in mein Auge sehend , auf seine leise und eindringliche Weise fragte : » Was fürchtest Du denn , liebe Emma ? « Ich fiel ihm schweigend um den Hals . Mir ward mit einemmale so beklommen . Alles , Alles , was ich mir selbst verschwiegen hatte , sprach mit schnellen Zungen zugleich in mir . Ich war wie betäubt , und weiß auch wahrhaftig nicht , wie es kam , daß ich zuletzt sagte : » Für Dich , Liebster , fürchte ich allein . « Er ließ mich langsam aus seinen Armen gleiten , ohne etwas zu erwiedern . Die Falte auf seiner Stirn war dunkler . Ich erschrack . » Nimm es nicht so hoch , « bat ich . Er versetzte aber mit großem Ernst : » Wodurch gebe ich Dir denn Veranlassung zur Besorgniß ? « Ich empfand so sehr in seiner Seele , daß ich mich sogleich selbst anklagte , und ihn um Verzeihung bat , wenn eine innere Aehnlichkeit mit meiner Mutter , mich zum Voraus errathen lasse , was diese tadeln könne . » Tadeln ? « fragte er scharf . » Nun ! und das wäre ? « » Großer Gott ! « rief ich , seine Hände ergreifend , » ich erwähne es nicht , um Dich zu kränken ; allein , da einmal die Rede davon ist , und mir ein stiller Augenblick das Herz aufschließt , so soll es wohl so sein , daß Dir nichts darin verborgen bleibe . « Er ward im höchsten Grade aufmerksam . Näher zu mir heranrückend , sah er mich an , als wolle er mir die Worte von den Lippen lesen . Das verwirrte mich . Ich stockte . Er lehnte sich nun ganz in den Sessel zurück , schlug die Arme über einander , und richtete den kummervollen Blick nach dem Fenster . Jetzt , da ich nicht mehr seinem Auge auszuweichen hatte , fuhr ich mit mehr Muth fort : » Ich berge Dir es nicht , es giebt Stunden , in denen ich die glückliche Elise beneide , der es Gott gegeben hat , Dich auf leichte und gefällige Weise zu beschäftigen . « Es zuckte hier etwas um seinen Mund , das ich nicht Spott nennen möchte ; es war wohl überall nur ein Zucken , vielleicht aus Verlegenheit . » Wenn sich , « fuhr ich fort , » solch selbstsüchtiges Gefühl in mir regt , lieber Hugo ! so glaube gewiß , daß es mich beschämt , und ich um keinen Preis Deine Freiheit kränken möchte . Allein - « ich hielt hier inne . Es lag so viel schmerzlicher Ernst in seiner Miene . Tausendmal bereuete ich das Gesagte . Allein , die Saite war angeschlagen . Sie hatte den Ton verstimmt zurückgegeben . So verletzend durfte sie nicht verklingen . » Allein , « hub ich wieder an , » wenn ich Dich auch weit mehr liebe , als mich selbst , und nur froh bin , wenn Du es bist , so kann ich mir vorstellen , daß meine Mutter « - » Aha ! « unterbrach mich Hugo , indem er vom Stuhle aufstand , und die Hände auf dem Rücken , mit gesenktem Kopf im Zimmer auf- und abging . » Mißverstehen wir uns denn heute ganz ? « fragte ich betrübt . Er trat an meinen Stuhl , legte seine Hand auf die meinige , und sagte : » Sei ruhig , Emma ! Deine Mutter soll nicht über mich klagen dürfen . Ich verspreche Dir das . Kann es Deinen Frieden sichern , und ihr eine unwillige Minute ersparen , so meide ich alle andere Gemeinschaft , und bleibe , wo Ihr mich haben wollt . « » Du guter Mann ! « rief ich bewegt , » wie kannst Du glauben , daß ich ein solches Opfer von Dir fordere ? Nein ! gehe , und komme nur . - « » Nur ? « lächelte er ironisch . » Was denn , Emma , heißt Dein nur ? bleibe nicht länger , als es uns passend scheint ? Spare Dir und mir den Nachsatz . Meinst Du , ein Vogel habe was davon , wenn Du ihm die Thüre des Käfigs aufmachst , ihn flattern läßt , und doch den Fuß in einer Schlinge hältst , und so den Flug regierest ? Besser , er sitzt still auf seiner Stange , und vergißt , daß es über ihm ein Luftmeer giebt und muntre Segler , die es behend durchschneiden . « Ich war wie zermalmt durch die letzten Worte . Was hatte ich gethan ? Mußte ich ihn so reizen ? so das Verborgene aus seiner Brust reißen ? Ich fühle , er müsse , er werde es verwünschen , daß ich es war , die ihn dazu verleitete ! sagen ließ sich in diesem Augenblicke nicht wohl etwas . Wir empfanden das Beide . Eine lange , ernste Pause zerriß vollends alle Fäden der Mittheilung unter uns . Die schwüle Stille drückte unaussprechlich auf mich . Hugo verließ das Zimmer nicht . Er ging darin auf und ab . Ich war ebenfalls aufgestanden . Es peinigte mich , ihn so zu sehen und nun doch nicht mehr einlenken zu können . Er brach zuerst das Stillschweigen . » Eins sage mir , « bat er , » kam , was Du eben äußertest , ganz aus Dir selbst , Emma ? oder halfen Dir Andere darauf ? « » Ueber Dich , Hugo , und was Dich betrifft , « entgegnete ich schnell , » sei gewiß , traue ich nur meinem Herzen . Wenn es eitel ist , Dich allein besitzen zu wollen , so vergieb ihm diese zärtliche Schwäche . « » Besitzen ! besitzen ! « wiederholte er ein paarmal kopfschüttelnd . » Ihr betrachtet alles wie Eigenthum und Waare . Ich schlage den Menschen höher an , er ist mir eben soviel , als die ganze Welt ; ich kenne keinen Kaufpreis für ihn . Doch sei ruhig , « fügte er hinzu , » ich besitze mich zum Glück noch selbst . Du hast Niemand zu beneiden . « Er wollte hier das Zimmer verlassen . » Sage mir ein gütigeres Wort ! « rief ich ihm flehend nach . » Du solltest mich nicht so verkennen . Wenn ich Dir meine Schwäche bekannte , so geschah es nur , weil ich sie auch bei Dir voraussetzte , und Dir ersparen wollte , dadurch verhetzt zu werden . « » Ich danke Dir , « sagte er , einen kurzen Augenblick zu mir zurücksehend . » Ich kann mir denken , wie alles steht , und werde auf meiner Huth sein . Verlaß Dich darauf . « Er ging . Ich sehe nun wohl , daß er sich gerade da gekränkt fühlt , wo er unangefochten zu bleiben verlangt ; eifersüchtig bewacht er die innere Freiheit . Er hält mich für anmaßender , als ich bin ; das gerade verzeiht er mir am Wenigsten . Ich habe dies voreilige Vertrauen schon mit heißen Thränen beweint . - - - - Mehrere Wochen darauf . Seit meine Mutter hier ist , lebe ich in einer Spannung , die mich innerlich aufreibt . Wo sollte ich anfangen , wollte ich Ihnen , mein lieber , lieber Freund ! alle die tausend Uebergänge quälender Besorgniß , trügerischer Freude und herber Enttäuschungen aufzählen ! Sie wissen , wie ich das Alles voraussehe . Aber , lieber Gott ! man sieht doch nur im Allgemeinen ! Das Einzelne wird erst durchs Leben geboren . Je regsamer dies von allen Seiten um mich wird , je drängender nahen sich Gefahren , denen nicht mehr auszuweichen ist . Nein , nein , es giebt hier keinen Ausweg ! Ein jeder führt zu dem Opfer meines Herzens . Ich hatte längst diese Ueberzeugung . Hugo liebt ! liebt zum erstenmale . Urtheilen Sie , von welcher Stärke eine Leidenschaft sein muß , die seiner Herr war , ehe er sie noch ahndete . O ! ich habe es immer gedacht ! Wenn sich diese Brust einmal einem Einzigen öffnen könnte , es würde eine Sonne darin aufgehen , vor der die kleinen Monde der Erdennacht in sich verdämmern müßten . Ich kann Ihnen nicht in Ordnung erzählen , ehrwürdiger Herr , was sich Alles hier zugetragen hat . Es kam nach und nach , und war dann mit einemmale da . Anfangs schien meine Mutter ruhig . Hugo wich nicht aus der Burg . Sie hatte das Ansehen , als genüge ihr das . Ich nahm es so . Wir glitten beide über unsere wahre Empfindungen weg . Mir war dabei innerlich so unheimlich , daß ich es nicht aussprechen kann . Hugo ' s stetes Verweilen drückte mich wie die schwerste Last . Die ausgelassene Laune , mit welcher er sich zu Zeiten überbot , preßte mir im Geheim Thränen aus . Indeß entging meiner Mutter nichts . Ein Paar unselige Stunden im Hause der Gräfin Ulmenstein gaben den Ausschlag . Bald darauf machte uns der Fürst einen Besuch auf der Burg . Hugo lächelte . Er empfand schnell , was dies bedeutete . Ich sah ebenfalls meine Mutter von Weitem kommen . Uns nahte ein entscheidender Schlag . Indeß standen wir Alle , wie unter einer Gewitterwolke , stumm , gespannt , unser Geschick erwartend . Da trat eines Morgens Hugo mit einem Brief in der Hand zu mir herein . Sein Gesicht kündigte mir etwas Ungewöhnliches an . Die Unruhe , in welcher ich seither lebte , gab dem Geringfügigsten eine Bedeutung . » Was hast Du da ? « fragte ich hastig , indem ich meine Hand nach dem Brief ausstreckte . Ich hatte wohl unwillkührlich die Farbe gewechselt und mochte ängstlich aussehen . Hugo ' s scharfer Blick setzte mich in Verlegenheit . » Was ich da habe ? « sagte er kalt . » Ein Bote hat Nachts das Schreiben für Dich abgegeben . « Ich hatte keine Ahndung von seinem Inhalte . Die Handschrift war mir nicht sogleich erinnerlich . » Vom Caplan Tavanelli ! « berichtigte Hugo meinen Zweifel , da er sah , daß ich die Addresse mehrmals las . » Von Tavanelli ? « wiederholte ich , indem ich das Siegel erbrach . » Was kann der wollen ? « » Das mußt Du wissen ! « war die etwas spöttische Antwort . Nicht ohne große Bangigkeit überflog ich die eng geschriebenen Zeilen . Leider ergoß sich der junge Mann in bittre Klagen über das Peinliche seiner neuen Verhältnisse . Er zeichnete mit scharfen Strichen , und verweilte hauptsächlich bei dem verderblichen Einflusse der ansteckenden Freigeisterei von Seiten der Präsidentin . Wie dieser Brief war , konnte ich ihn Hugo nicht mittheilen . Ich legte ihn daher mit den Worten bei Seite : » Sie verstehen dort einander noch nicht recht . Der Caplan ist unerfahren und deshalb ängstlich . « » Sie werden sich niemals verstehen , « versetzte Hugo obenhin . » Das war zu denken . « » Ich meinte es gut ! « erwiederte ich , vielleicht ein wenig empfindlich . » Du meintest etwas anders ! « bemerkte Hugo , » und dachtest nicht richtig . « Ich war betroffen durch seinen spitzen Ton . » Ueberhaupt , « fuhr er fort , » sind Einmischungen der Art , Eingriffe in die