hütete den Eingang zum Glockenthürmlein , und die edeln Herren forderten nun den Priester auf , beim Schein einer einzigen Kerze das heilige Amt an dem stummen , todtbleichen Zodick zu verrichten , den der wilde Bekehrungseifer und die Drohungen des Hornbergers dazu gebracht hatten , sich Alles gefallen zu lassen , was man mit ihm vornehmen würde . - Der Pfarrherr , der verständig genug war , einzusehen , daß hier die Würde der Kirche und alles Recht mit Füßen getreten werde sollte , machte nachdrückliche Einsprüche in das Verfahren der drei Ketzerbekehrer , forderte sie auf , den armen Menschen , der wie das Espenlaub zittre , und keinen armen Laut von sich zu geben vermöge , ruhig ziehen zu lassen , ihn nicht zu einer Handlung zu zwingen , die er nicht begreife , die er verabscheue , deren er nicht würdig sey . Die drei Gebietenden zogen aber bedeutend und drohend die Schwerter , stellten sich in den Taufstein , und streckten die Schwörfinger in die Höhe . Wir haben es gelobt bei den Wunden des Herrn , diesen verstockten Sünder zu heiligen , wider seinen Willen , sprachen sie . Geht seine Seele verloren durch Dein Zaudern , Pfaffe , so stirbst Du dahin ohne Gnade , erstickt von Deinen Sünden . Gib ihm das ewige Leben , und genieße ferner das zeitliche . Gib ihm den ewigen Tod und theile ihn mit ihm ! - Der Geistliche zuckte die Achseln , und machte sich bereit zu der Handlung . » Die Folgen Eures frevelnden Muthwillens kommen über Euch ! « sagte er feierlich und begann die vorgeschriebnen Gebete . Die Waffendrohenden Zeugen antworteten auf jede Frage für den zur starren Bildsäule gewordenen Zodick , der alle Gebräuche mit übereinander gebissenen Zähnen über sich ergehen ließ . Das Glaubensbekenntniß legten die verwahrlosten , der Kirche längst entfremdeten Pathen mit Mühe und Stottern für den Täufling ab , - nun aber kam es an die gefährlichste Stelle der Handlung ; an das einfache , aber aus dem Munde des zu Taufenden selbst zu verlangende Gelübde . Zu Aller Erstaunen sprach der Jude die vorgesagten Worte keck und fest nach , machte das Zeichen des Christen mit sicherer Hand , und nickte ungezwungen mit dem Haupte , da er , dem barbarischen Rituale jener Zeit gemäß , seinen bisherigen Glauben , und die ihm anhingen , durch den Mund des Geistlichen verfluchen mußte . - Diese auffallende Änderung des Betragens erleichterte das Herz des Pfarrherrn in etwas ; die entweihte Handlung wurde ruhig beschlossen , und dem Neugetauften der Name Friedrich beigelegt . Auf dem staubigen Tische der Sakristei schrieb der Pfarrherr das Zeugniß des Ubertritts nieder , händigte es dem Juden ein , befestigte auf seiner Brust , statt des gelben Ringes , ein Blechschild mit dem Kreuze und dem Buchstaben C , wie Neubekehrte es zu tragen verbunden waren , und entließ die seltsame Taufversammlung mit seinem Segen . - Mit rohen Scherzen zogen die Bekehrer davon , und überhäuften den still rasenden Zodick mit Spottreden und Schmachworten . Vor dem Flecken umringten sie ihn , trieben noch allerlei Possen mit dem Unempfindlichen , und gaben ihm nun völlige Freiheit zu gehen , wohin es ihm belieben würde . - » Geh heim , Söhnlein Friedreich , « - sprach Wernher höhnisch zu ihm ; » wachse im Glauben , und danke es uns fein , daß wir dir zum Himmel verholfen . « » Falle nicht in den alten Baalsdienst zurück ; « ermahnte ihn Bernhard , der , der Gutmüthigste von den Dreien , sich in der That einbildete , ein dem Himmel angenehmes Werk verrichtet zu haben : » Das Christenthum schenkt zeitliche und ewige Wohlfahrt . Dem Juden sagte man , den Bekehrten wird Alles lieben , und allenthalben befördern . « - » Merke Dir aber noch das Eine ! « schloß der Hornberger drohend : » Wofern wir vernehmen , daß Du wieder zur Ketzerei Dich wendest , daß Du dieß Schildlein nicht trägst , und nicht bekennst , daß Du freiwillig unsers Glaubens wurdest , so stirbst Du ohne Barmherzigkeit von meiner Hand . Jetzt aber bedanke Dich knieend für die von uns empfangne Wohlthat , und fahre hin , Deines Wegs . « - » Zodick mußte auf seinen Knieen die Hände seiner drei Pathen küssen , geloben , ihnen in Treue zu dienen , wann und wo sie es begehren würden , und wurde unter Gelächter und Hohn entlassen . « - Als ob ihm der Kopf brenne , lief er aus dem Bereich seiner Peiniger hinweg ; bald verließen ihn jedoch die Kräfte , und er sank nieder in den Schnee , gerüttelt von Gewissensbissen und reggewordner Verzweiflung . Es gibt Falten im menschlichen Herzen , die der Witz des Gelehrten nimmer auskundschaften wird . Der blutgierige Bube Zodick hatte geraubt , gemordet , und sein Gewissen war ruhig geblieben bei der freiwilligen Unthat . Es waren ja nur Christen , die Unterdrücker Israels ; dachte er bei sich selbst . Ihre Habe ist in unsre Hände gegeben , ihr Leben selbst , das nicht edler ist , als das eines Schweins . Nur , wenn ich Einen aus Israel plündre , begehe ich einen Raub ; nur wenn ich einen Sohn meines Gesetzes würge , begehe ich einen Todtschlag vor dem Herrn . - Der unfreiwillige Abfiell jedoch von eben diesem Gesetze erfüllte den verhärteten Bösewicht mit allen Qualen der Reue und des Jammers . Vergebens stellte er sich vor , was ihn in jener fürchterlichen Kapelle bewogen hatte , frisch und frei seinen Mund zu dem frevelnden Werke zu leihen : daß nämlich die Rabbiner lehren , ein gezwungener Eid sey Keiner - ein freiwilliger sogar sey keiner , sobald man nur geschickt den Worten des Gelübdes einen andern Sinn beilege in Gedanken , als den Geforderten . - Der Ausweg , den diese letzere verderbliche Lehre so wohlthätig dem Meineid eröffnete , war unzulänglich für den Abergläubigen , der sich jammernd und verzweifelnd im Schnee wälzte , um von seinem Haupte den Gräuel einer verabscheuten Religion zu waschen . - » Ich bin verloren ! « seufzte er aus keuchender Brust : » Ein Jude bin ich nicht mehr , ein Christ kann und mag ich nicht seyn . Alle Paradiese sind mir verschlossen , jedes Glaubens Hölle mir beschieden ! Einen falschen Eid könnte ich verantworten , aber solche Gräuelthat nicht . Wollte ich auch vorschützen , ich hätte es nicht freiwillig gethan - was nützt es mir ? ... der Mensch steht vor Gott und seine Werke um ihn her . Der heilige , hochgelobte Gott , der starke eifrige Gott hat sich gekleidet in Zorn , denn er hat gesehen , wie man mich taufte , ... er hat gehört , wie ich geschworen .... wehe mir ! wehe ! Die Schule zu Worms wird mich in Bann thun ; die grausamen Kinder Esau werden wich ermorden , wofern ich wanke . Muß ich denn verloren seyn , warum gehen sie nicht mit mir unter , die gottlosen Söhne Amaleks ? Verruchte Gojim ! ihr habt mir meine Seele gestohlen ! Ich fluche Euch ! Ich gelobe Euch Rache , vollgeltende Rache ! « - Dieser Gedanke belebte den Unseligen , von Zweifeln und Muthlosigkeit Zerrissenen mit dem Funken , der nicht aus dem Himmel stammt , sondern aus der Tiefe . Zodick raffte sich zusammen , blickte wild , mit wehenden Haaren zu den jagenden Wolken auf , die vergebens ihre dichtesten Schneeflocken hernieder sandten , das glühende Molochgebilde abzukühlen . - » Der Bund ist zerrissen ! « schrie er gellend hinauf , das einzige lebende Wesen unter dem stillen eisigen Regen : » Sammael ! Fürst der Wildniß , Fürst des Todes und Gatte der entsetzlichen Nachtfrau Lilis , der Gebärerin aller Schreckgespenster und Sünden ! Dir ergebe ich mich ! Schütze mich vor dem Zorne unsers Gottes ! berge mich vor der Wuth Edom ' s ! Lehre mich das Schwert führen gegen das Gesetz , das nicht mehr mein ist . Erlaube mir , Rache zu nehmen an Israel , wie an Esau , bis Du einst meinen Geist dahin nimmst in den Stürmen Deines Grimmes ! « Als ob der entsetzliche Sammael ihn verfolge , irrte der Sünder auf den Schneefeldern umher , bis der nächste Morgen grau und kalt heraufstieg , und ihn zur Hütte trieb . Das wachsende Licht des Tages senkt stets mehr Zuversicht in gute , wie in böse Zweifelnde Herzen . Der Wahnsinn der verweinten oder verlästerten Nacht schwindet in ruhigeres Nachdenken hin , und auch Zodick wurde ruhiger , gemäßigter . Er sah plötzlich ein , wie sehr sein irdischer Vortheil durch die nothgedrungne Glaubensänderung gewinne , und daß es dem jenseits Verlornen erlaubt seyn müsse , hienieden doppelt zu leben in eigner Freude und fremden Leiden . Er erklärte vogelfrei alle Menschen , wes Glaubens sie auch seyen , und beschloß , nun das Werk seiner Rache an Ben Davids Hause auf ' s glänzendste zu vollenden . Trunken vor Freude über die entsetzlichen Bilder , die in seinem Gehirne aufstiegen , dankte sogar der Verblendete der Vorsehung für die verwichne Nacht . Sein Aberglaube wähnte von dem Schicksale mit Vorbedacht , die Freiheit erhalten zu haben , ohne Gewissensangst seinen Durst nach Rache löschen zu können , und seine Bosheit schritt langsam , aber kühn zur Ausführung . Eilftes Kapitel . Die Wohlthat ist eine stattliche Pflanze ; ihre seltenste Blüthe aber ist : Dankbarkeit . Pers . Sittenspruch . Allgemach war die Zeit eingetreten , in welcher , nach den Berichten alter Schriftsteller , die Deutschen zu rasen pflegten , vorsätzlich , sich in Gespenster vermummten , und allen Muthwillen für erlaubt hielten ; die Fastnachtzeit nämlich - das dreitägige Fest , das einer langen dauernden Reihe von Tagen der Betrübniß und des Fastens vorausgeht . Diese fröhliche Zeit , sehnlichst herangewünscht von allen Ständen , setzte in Costnitz alle Hände in Thätigkeit , alle Sinne in Arbeit . Der Ernst und die wichtige Förmlichkeit der Kirchenversammlung , deren Beschlüsse eine allgemeine Sittenverbesserung bezwecken sollten , setzten dieser Volkslust wenig oder gar keine Schranken entgegen , und der Kaiser Sigismund , ein gar kurzweiliger , freundlicher Herr , dem Minne- und Larvenspiel nicht abhold , vermehrte die allgemeine Ergötzlichkeit durch den eifrigen Antheil , den er daran nahm . - » Man muß dem Volke seine Spiele nicht nehmen ; « sprach er zu den strengen Sittenrichtern , die ihn gern vermocht hätten , aus Rücksicht für das Concilium die Fastnachtslust zu beschränken : » Schwerlich würdet Ihr uns wehren wollen , an unsrer Hofstatt das Fest zu begehen ; allein wir mögen in solcher Zeit keine Freude genießen , an der nicht Alles , das uns umgibt , Theil nehmen könnte . Die Herren aus Wälschland und Frankreich mögen sehen , daß unsre deutsche Nation ein lustig Volk ist , und ein Oberhaupt hat , das Kurzweil und Schimpf in Ehren liebt . Darum wollen wir befehlen , daß man jetzo jubilire , wie sonst , denn des Herzens Fröhlichkeit gefällt dem Herrn im Himmel , und darf demnach sich vor seinen Statthaltern auf Erden nicht scheu verkriechen . « - Des Kaisers Wille geschah dießmal ohne fernere Widerrede , und der Fastnachtsonntag trat einher in Prunk und lustigen Glanz gehüllt , wie ein Fürst der Freuden . Alle Geschäfte blieben liegen , und nach Außen in das herrliche Frostwetter drängte sich Alles , was deutsches , nordgewohntes Blut in den Adern trug , und nicht blos aus den Fenstern der geheizten Gemächer die Ergötzlichkeit mit ansehen wollte , wie die Wälschen thaten . Dagobert blieb nicht dahinten . Der geistliche Rock wurde in den Schrank gehängt , das enge Röcklein wieder hervorsucht , und , das Symbolum der Fastnacht , den grünen Tannenzweig auf dem Hute , suchte der Neffe den Oheim auf , den er , an Husten und Schnupfen und Gichtbeschwerden laborirend , im Sorgenstühle antraf . - » Sieh da ! « rief der Prälat mit schlecht verborgnem Verdrusse : » sieh da , wieder ein Faschingsgesicht , dem man es ansieht , wie es nur auf die Kirchenglocke lauert , die das Zeichen geben soll , zu dem gräulichen Tollmannswesen ! Gleich wie die blinden Heiden ihre Bacchanalien feierten in Rausch und Unzucht , also siehet man heutzutage die Christen in den Schlamm der Abscheulichkeit stürzen , um sich auf vierzig Tage satt darinnen zu schlemmen ! O du verlorner Sohn Absalom ! Deine Mutter hat es noch dereinst am jüngsten Tage zu verantworten , daß sie Dich zur Kirche bestimmt hat . « - » Ihr habt völlig Recht , lieber Ohm , « versetzte Dagobert : » ich bin selbst dieser Meinung . Laßt uns indessen nicht grollen , nicht hadern an diesen Freudentagen , Fastnacht kömmt nur einmal im Jahre .. ' s thut mir leid , daß Euch das Zipperlein an die Stube fesselt . Ich hätte Euch so gerne Euere ehemaligen Landsleute in ihrer Glorie von Fröhlichkeit gezeigt . « - » Ja , eine Glorie ist ' s , « antwortete der Prälat : » eine Glorie von Flammen aus dem höllischen Pfuhl gewebt . O , ihr Deutsche , ihr Deutsche ! Wohl dem , der sich lossagen kann von Eurer Gemeinschaft . « - » Spricht lieb Mühmlein desgleichen ? « fragte Dagobert die lächelnde Fiorilla . Diese aber schüttelte schelmisch mit dem Kopf , und erwiederte : » Ich müßte lügen , Vetter . Gestern erst , da zufällig der Kaiser mit seinem Gefolge unter unsers Hauses Fenstern vorbeiging , lernte ich Eure Landgenossen auf ' s Neue bewundern . Welche kräftige Gestalten , welch edler Wuchs , welch stolze Haltung ! Stark von Brust und Schultern , aufgerichtet das Haupt , umwallt von krausem Goldhaar , kann dieses Volk das schönste genannt werden von allen Reichen der Welt . « » Wie das plaudert ! wie das schnappert ! unedle Sinnenlust ! « eiferte der argwöhnische Prälat aus seinem Sessel . Dagobert küßte aber die Sprecherin auf die Stirne . - » Ich bringe Euch den Dank meines Volks ; « sagte er verbindlich : » Ich darf doch darauf rechnen , Euch zum mindesten in das Festgewühl der belobten Landsleute führen zu dürfen ? « Entschuldigend und versagend zeigte Fiorilla auf den leidenden Oheim , dem dagegen die Röthe des Ärgers auf die Wange , stieg . » Hebe Dich weg , Versucher ! « rief er zornmüthig : » Entführe nicht dem Kranken die Pflegerin . Geh zu Wallraden . Dort ist Dein Platz . Sie magst Du führen , wohin Du willst . « - » Ach , Oheim ! « entgegnete Dagobert mit schalkhafter Betrübniß : » Die Fastnacht zwischen Wallraden und mir ist schon vorbei . Sie hat bessere Gesellschaft , denn die Meine . « » Hm ! « meinte der Prälat , die Nase rümpfend : » Die ist nicht schwer zu finden . Doch .... ein Wort im Vertrauen . « - Er zog den Neffen bei dem Arme sich näher , und Fiorilla entfernte sich auf seinen Wink . - » Warum kommst Du gar nicht mehr zu Wallraden ? « fragte Monsignore : » Ich bat Dich doch , Deinen Einfluß für einen ihrer Freier zu verwenden . « - » Ohm ! « antwortete Dagobert : » Ich sagte es Euch : Mein Einfluß ist aus , und dann bin ich ein schlechter Freiwerber . « - » Du weißt also gar nicht , wie sich die Sachen gestaltet haben ? « fuhr der Prälat fort : » Wallrade hat mir selbst vertraut , daß unser allergnädigster Herr , der Kaiser selbst , ein huldvolles Auge auf sie geworfen . Das geschah am verwichnen Sonntag , bei dem großen Tanzfeste , das des Kaisers Majestät in ihrer Freigebigkeit veranstaltet . « - » Der gute Herr ist der Minne Freund ; « schaltete Dagobert ein : » Was soll aber daraus folgen ? « - » Blödsichtiger ! « schalt der Oheim ! » Daraus folgt , daß mein , Dein und Wallraden ' s Waizen blüht , wenn des Kaisers Neigung begünstigt wird . « - » Wie so denn ? « fragte der Neffe mit großen Augen . - » Verwünschter deutscher Querkopf ! « fuhr der Prälat fort : » Wallradens zeitliches Glück , eine herrliche Pfründe für Dich , köstliche Privilegien für mich und mein Stift , eine Bischofsmütze vielleicht .... begreifst Du nun ? « - » Ich würde das Alles begreifen , « versetzte Dagobert bedächtig , » wenn Wallrade von Sigmund geehlicht werden könnte . Ihr vergeßt aber , guter Ohm , daß meine Schwester nur eines Altbürgers Tochter , - daß der Kaiser bereits vermählt . Wie räumt sich also , was Ihr sagt ? « Der Prälat spielte ungeduldig mit dem Kreuze auf seiner Brust . » So alt schon , « sprach er , » und noch nicht klüger ? Ein Weltkind , und unbefangener als ein Klosterbruder , der nie aus der Zelle kam ? Wie räumt sich denn das ? Siehst Du denn nicht ein , daß eines Kaisers , eines verliebten Kaisers Leidenschaft sich nicht an Ring und Priestersegen bindet ? daß es unendlich vortheilhafter ist , auf kurze Zeit seine Freundin , als auf ewig seine Gattin zu seyn ? Sigismund hat ein weiches , gottesfürchtiges Herz ; er liebt es , Alles um sich her zufrieden zu sehen , und beginnt unstreitig bei den Blutsfreunden seiner Huldin , wenn sie vorsichtig einwilligen , ihren Bruder- und Oheimsnamen als Schild zu Schutz und Trutz vor die verschwiegne Minne halten , und durch solche Wache den Kaiser beglücken , bis dieser die Geliebte - der Sache ein Ende zu machen - einem reichen Magnaten als Gattin schenkt . Nun bin ich Dir doch klar genug gewesen , einfältiger junger Mensch ? « - » Weiß es Gott ; « versetzte Dagobert , sich langsam von dem Oheim losmachend : » Klarer ist das ABC nicht , aber ich bin ein ungelehriger , fauler Schüler , der es mit Vorsatz in derlei Dingen nicht einmal bis zu den Buchstaben bringen will ; ein Trotzkopf von Bruder , der einer Wallrade nicht einmal dann etwas verdanken möchte , wenn es mit Ehren geschehen könnte , geschweige hier , wo es sich um eine Sünde handelt , die bei uns zu Frankfurt , - an Bürgersleuten wenigstens - mit Ruthenstreichen , mit Schande und Tod bestraft wird . Wallrade thue , was sie vor Gott - thut Ihr , was Ihr vor eurem Gewissen verantworten mögt ; ... mich laßt aus dem Spiele . Ich bin zu deutsch , zu dumm , wenn Ihr wollt , um Eure Würfel zu führen . Gute Besserung , Oheim ! « - » Was habt Ihr denn , Dagobert ? « fragte Fiorilla stutzend , da er mit flammenden Gesichte aus der Stube trat : » Diese Röthe auf Eurem Gesichte « .... » Ich schäme mich , Base ; « antwortete der Jüngling : » Der Ohm war so gütig , mich mit seinen Sittenlehren bekannt zu machen , und ich stehe weiter hinter ihm , als ich gedacht . Ich eile , mich zu zerstreuen . « - » Glücklicher ! « seufzte Fiorilla : » ich muß das Haus hüten , und sehe nichts von all den Herrlichkeiten , die sich draußen vorbereiten . « - » Ihr sollt wenigstens durch meinen Mund erfahren , was sich Alles begab ; « erwiederte Dagobert : » so Ihr mir erlaubt , in der zehnten Stunde ungefähr unter Euer Fenster zu kommen , und ein Viertelstündchen mit Euch zu kosen ; denn des Ohms Haus betrete ich vor der Hand nicht mehr . « - » Nicht ? « rief Fiorilla erschrocken : » Was ist geschehen ? « - » Fiorilla ! « ließ sich der Prälat im Gemache vernehmen . - » Ihr sollt Alles wissen , « flüsterte Dagobert . » Um die zehnte Stunde ? « - Fiorilla nickte mit dem Haupte , und verschwand . Euern Auftrag habe ich erfüllt , so gut es in meinen Kräften stand , sprach Gerhard von Hülshofen zu Dagobert , als sie in der Herberge zusammengekommen waren . Die schönsten Mummenkleider , die der eisgraue Schneider Welsner hatte , stehen Euch zu Diensten , und Ihr habt unter Dreien die Wahl bis zur Mittagsstunde . Schaut , da bringt mein Vollbrecht just den Bündel in ' s Haus . Auf Eurer Kammer wollen wir dessen Inhalt belugen . - Gerhard , um seinen Geschmack in ' s beste Licht zu setzen , pries nun , eine Larvenkleidung nach der andern auseinander breitend vor den Blicken des Wählers , die Vorzüge einer Jeden mit behaglicher Lust . - » Seht einmal diesen wilden Mann ! « sprach er wohlgefällig lächelnd : » Neu , wie er von der Nadel kömmt . Schöne gelbe Leinwand , zierliche Schnürlöcher und feine venedische Seidenschnur ! Müßte Eurer schönen Gestalt stehen , wie angegossen . Das Visir dazu ist sorgfältig gemacht und aufgeputzt mit den übermäßigen Augenbraunen , Bart und Haarhaube von schwarzgefärbten Werg . Der Blätterkranz und Laubgürtel , die Keule und die ungeschlachten Geisschuhe - Alles liegt dabei , und kann nicht schöner seyn . In dieser Mummerei werdet ihr allenthalben ein willkommner Faschingsgast seyn , und müßt Euch nur von Fackeln entfernt halten , denn das am Kleide verschwendete Werg und Harz versteht keinen Scherz , und man hat Beispiele , daß Leute jämmerlich verbrannt sind in solcher gräßlich schönen Haut . « - Betrachtet ferner diesen Schalksnarren , und sagt mir , ob auch ein schönerer Pickelhäring noch vorgekommen ? Blitzt nicht auf Wams , Kappe und Unterkleid Grün , Roth , Gelb und Blau durcheinander , als hätte unser Herrgott seinen Regenbogen Stückweise darauf geklebt ? Wie gefällt Euch der prahlende Hahnenlamm an der Gugelmütze ? Was sagt Ihr zu den stattlichen Eselsohren , die an derselben emporragen ? Zu den zierlichen Glocken , an Ohren , Kamm , Gürtel , Schienbein , Ellbogen , Knie , ja sogar an den hochgekrümmten Schuhspitzen ? Was haltet Ihr von der lustigen Fratze , die dazu gehört , mit der knotigen Nase und dem flatternden Spitzbart ? Seht , Halskragen , Kolbe , und Ruthe sind nicht vergessen ! - Beide Anzüge jedoch verdunkelt der , der uns noch zu besehen bleibt . Der wilde Jäger , den ich jetzt vor Eure Augen lege , ist das Schönste , das aus Welsner ' s Werkstatt hervorging ; so niedlich und zierlich , als ob es ein Materinger von Nürnberg1 zum Meisterstück bestimmt hätte . Grün , wie der lustige Wald das Gewand ; golden wie funkelnder Sonnenschein die Verbrämung , roth wie das Nordlicht der flatternde Mantel . Wie die Mähne des Pferdes fallen die pechschwarzen Haare aus dem Spitzhute , an dem die Hahnenfeder des Jägers Wachsamkeit bezeichnet . Das Jagdmesser blinkt von hellem Beschläge und Elfenbein , der kurze Spieß scheint seine Schärfe in ' s Mondlicht getaucht zu haben ...... » Genug , genug , guter Freund , « unterbrach ihn , vor Lachen beinahe erstickend , Dagobert . » Du bist begeistert von dem Jägerskleide , so daß mir bedünkt , als hättest Du selbst nicht übel Lust , es zum Bestellerlohn für dich zu fordern . « » Wo denkt ihr hin , Junkherr ? « fragte Gerhard , mit begehrlichen Augen das Gewand musternd : » Meiner Treu , .... hätte ich auch die Lust , so hätte ich doch nicht die volle Tasche , die zu solchem Spaß gehört . ' S ist ein erbärmlich Leben hier . Ein einzig Stechen hat bis jetzt der Kaiser angestellt , ein Ringelrennen , auf dem ich wohl den Preis errang ; aber - wie bald war die geringe Gabe in den Wind gegangen . Meine Hoffnung ist der Frühling , in dem das lustige Ritterspiel wieder beginnt in voller Pracht . Bis dahin muß ich mich dünken und vergnügt seyn mit der Atzung , die mir meine Herren von Frankfurt hier im Engel verabreichen . « » Armer Schelm ! « versetzte Dagobert : » Solche Entsagung fällt Dir schwer . Eine Fastnacht sollte vorübergehen , ohne daß Du darauf der vornehmste Narr gewesen ? Nimmermehr . Es bleibt dabei , Du nimmst den wilden Jäger , den ich bezahle , und dessen Seckel ich versehen will , damit seine Kehle nicht trocken bleibe , und ich ... je nun , ich stecke mich in den Pickelhäring ; denn zu dem , was ich vorhabe , brauche ich eine Larve , die nicht die Einzige ihres Schlags im Gewühle sey , und einen Begleiter , herzhaft wie der wilde Jäger , unter dessen Mantel wohl neben dem Jagdmesser eine Raufklinge Platz hat . « » Hoho ! was spracht Ihr da ? « rief Gerhard vergnügt , und umarmte in seines Herzens Freude den jungen Gönner : » Larvenspuck , Silber in der Tasche , Weinlust und zum Beschluß eine Rauferei ? Ihr macht überselig ! « - » Und verlange nichts dafür , als Verschwiegenheit ; « erwiederte Dagobert : » Verschwiegenheit und Aufsparung Deiner Freude bis zum Faschingdienstag . Schlendre bis dahin umher , in welcher Maske Dir ' s gefällt ; den Jäger hebe aber auf , sonst erfährt man vor der Zeit aus Deinem sprachseligen Munde , daß Du dahinter steckst . « » Ich bin ja kein altes Spittelweib , « lachte Gerhard zuversichtlich : » indessen : Euer Wille geschehe . Mein Freund , der Mundkoch aus dem Bischofshofe hat mir den langen Christoph versprochen , um mich darein zu vermummen , und ich will mir ' s gefallen lassen , bis zum Dienstage den Heiligen vorzustellen . Was ist ' s aber eigentlich , das ihr vorhabt , liebes Fröschlein ? « » Hätte ich Lust , Dir ' s mitzutheilen , « versetzte Dagobert : » so wüßtest Du ' s bereits . Verstanden ? « Gerhard zuckte mit Zweifelhaftem Gesichte die Achseln , wollte reden , schlug sich aber auf den Mund , und empfahl sich durch einen stummen Bückling dem jungen Manne zu fernerm Wohlwollen . - » Geh hin , altes Sieb , « sprach Dagobert , ihm auf die Schultern klopfend : » Deiner Faust und Deinem guten Willen vertraue ich gern ; keineswegs aber Deiner plauderhaften Zunge , die im Trunk und Aberwitz Dein eigen Seelenheil an den Teufel zu verschwatzen im Stande wäre . « » Nachdem der Dicke hinweggegangen , um sich in den großen Christoph zu verwandeln , setzte sich Dagobert gedankenvoll an den Tisch , stützte den Kopf in die Hand , und überlegte , was zentnerschwer auf seinem Herzen lastete . « Sein tiefes Nachsinnen löste sich endlich in ein unzusammenhängendes Selbstgespräch auf . » Wird es gelingen ? « fragte er sich leise und scheu , als ob er die zuhorchenden Mauern zu fürchten hätte : » Lieber Gott ! wird es denn erfüllt werden , was von drei redlichen Männern beschlossen wurde ? .... Wenn es Tugend ist , das Recht von dem Joche einer meineidigen Gewalt zu befreien , dann muß ja auch der Segen von oben uns beschirmen . - Wehe unsrer Zeit , daß wir im Verborgnen schleichen müssen , das Gute zu thun . - Darf ich aber auch ganz ruhig seyn ? Sündige ich nicht wider mein Gewissen und den Stand , den ich erwählen muß ? Nicht gegen meines fürstlichen Freundes , des Herzogs , Ansichten und Glauben ? O nein , gewiß nicht ! mein Herz ist ruhig , und Friedrich würde an meinem Platze dasselbe thun . Fort , zu ihm , um aus seinem geraden und klaren Blicke Festigkeit zu saugen und Beharrlichkeit zu dem Werke , eines Mannes , eines deutschen vor Allen würdig ! « Da er in des Herzogs Hof eintrat , schallte ihm das frohe Getümmel der zahlreichen Dienstleute entgegen , an welche die Freigebigkeit des Fürsten so eben zum Eintritt der Fastnacht einen verschwenderischen Vespertrunk gespendet hatte . In Küche , Vorplatz und den untern Gemächern des Hauses lagen und saßen die Zechenden umher , und ließen sich den Seewein munden , der in Strömen aus den aufgepflanzten Fässern floß . Treppen und Vorgemächer des Oberstocks waren leer von Dienern . Dagobert , ein gewöhnter Gast , schritt keck auf des Herzogs Zimmer zu , da gewahrte er in der Ecke der Trabantenkammer einen Menschen , den einzigen hier athmenden . Der erste Blick auf den Wartenden ließ den Juden nicht verkennen , so wie dessen langer schwarzseidner Rock mit gelbem Futter und Aufschlag den Reichen ankündigte . Der Jude , ein zerfetztes , bleiches Gesicht , näherte sich demüthig dem stutzenden Jüngling . » Guter , junger Herr , « sprach er : » seit länger denn einer Stunde warte ich hier auf die Gnade , vor den glorreichen Herzog gelassen zu werden . Die Diener sind nicht zu meinen Diensten , obgleich ich wurde hieher beschieden , und ich bin nicht genug frech , um zu dringen ohne Ansage in das Gemach des vornehmen Fürsten von Tyrol . Eurer Huld , edelgesinnter Herr Ritter , empfehle ich mich ; man gelangt ja durch Fürsprache in den Himmel , warum nicht durch ein gutes Wort vor einen Fürsten . Ihr seyd einer von dessen Vertrauten ; das sagt Euer Gang und Eure Unbefangenheit ; macht mich durch Eure Gnade zu Eurem Schuldner . « - » Überflüssiges Geschmeichel ! « brummte Dagobert : » Du willst , ich soll dem Herzog Deine Anwesenheit melden . Wie nenn ' ich Dich